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Ein Sonntagvormittag voller Entsetzen

Iste pauper clamavit, et Dominus exaudivit eum * et de omnibus tribulationibus eius salvavit eum.
Immittet angelus Domini in circuitu timentium eum* et eripiet eos.

(Ps 33 7 f. Vg.)

(Dieser Arme schrie und der HErr hörte ihn und aus all seinem Kummer rettete er ihn.
Ein Engel des HErrn wird sich rings um die lagern, die ihn fürchten und er wird sie erretten.)

Zum jetzigen Zeitpunkt möchte ich auf das fürchterliche Erlebnis des heutigen Vormittags („Vormittags“, denn „Morgen“ kann man 10.30 Uhr ja beim besten Willen nicht mehr nennen!) nicht näher eingehen, das diesen ganzen Sonntag schwer beeinträchtigt.
Zu frisch ist noch die bis ins unmittelbar Körperliche hinein wirkende Erschütterung (auf deutsch: Meiner Frau wurde physisch übel, so daß sie an die frische Luft mußte) und das ist kein Zustand für das ausgewogene Formulieren, das Sie von PuLa kennen.

Daher bis auf weiteres „nur“ dies.

Aus gegebenem Anlaß weist Pulchra ut Luna in Bezug auf aktuelle liturgische Vorkommnisse in Herz-Jesu-Weimar auf folgendes hin:

51. Nur jene eucharistischen Hochgebete dürfen verwendet werden, die im Römischen Meßbuch stehen oder rechtmäßig vom Apostolischen Stuhl approbiert worden sind, und zwar gemäß den Möglichkeiten und Grenzen, die der Apostolische Stuhl festgelegt hat. «Man kann es nicht hinnehmen, daß einige Priester sich das Recht anmaßen, eucharistische Hochgebete zusammenzustellen» oder die von der Kirche approbierten Texte zu ändern […]

53. Während der zelebrierende Priester das eucharistische Hochgebet spricht, «soll gleichzeitig nichts anderes gebetet oder gesungen werden; auch Orgel und andere Musikinstrumente sollen schweigen», außer zu den pflichtgemäß approbierten Akklamationen des Volkes […]

186. […] Jeder geistliche Amtsträger prüfe sich auch ernsthaft, ob er die Rechte der christgläubigen Laien beachtet hat, die sich selbst und ihre Kinder ihm mit Zuversicht anvertrauen in der Überzeugung, daß jene Aufgaben, welche die Kirche im Auftrag Christi in der Feier der heiligen Liturgie erfüllen möchte, von allen in rechter Weise für die Gläubigen erfüllt werden.[…]

173. […] sind zu den schwerwiegenden Angelegenheiten objektiv immer jene zu rechnen, die die Gültigkeit und die Würde der heiligsten Eucharistie in Gefahr bringen, die also gegen die Regelungen verstoßen, die oben in den Nummern 48-52, […] erläutert worden sind. […]

174. Darüber hinaus sind jene Handlungen, […] die an anderen Stellen dieser Instruktion […] behandelt werden, nicht als geringfügig einzustufen, sondern zu den anderen Mißbräuchen zu rechnen, die gewissenhaft vermieden und korrigiert werden müssen.

Die Ziffern beziehen sich auf die Römische Instruktion ‚Redemptionis Sacramentum‘, die im Jahr 2004 gültig und verbindlich zusammengestellt hat, was in der Feier der Hl. Eucharistie zu beachten ist. Hervorhebungen und Auslassungen von mir. Sie finden den Text incl. der Anmerkungen, welche die Zitate nachweisen und auf die zugrundeliegenden Vorschriften verweisen, hier.

 

[…] ita vitium falsitatis incurrit qui ex parte Ecclesiae cultum exhibet Deo contra modum divina auctoritate ab Ecclesia constitutum et in Ecclesia consuetum.

(Hl. Thomas von Aquin, Summa Theol. II, 2, q. 93, a. 1.)

Nostalgie für einen Liturgiereformer: E. Lengeling zum Embolismus

Das hätte ich nicht erwartet: Nostalgische Gefühle für einen Liturgiereformer!
Dabei muß man es ja zugeben: Der traditionsorientierte Blogger ist vermutlich durch nostalgische Anwandlungen statistisch betrachtet gefährdeter, als der Durchschnitt der Bevölkerung (und das kann durchaus ein Problem sein!), aber dennoch hätte ich nie erwartet, daß mir das passieren könnte in Bezug auf einen der profiliertesten Vertreter der nachkonziliaren Liturgiereform in Deutschland, Emil J. Lengeling (1916 – 1986).

Was ich zu meiner Verteidigung vorzubringen habe, fragen Sie? 😉 Lesen Sie weiter!

Ich hatte ja im Rahmen der Beschäftigung mit dem Thema „Embolismus“ angekündigt, noch tiefer schürfen zu wollen, vor allem auch, ob es denn inhaltliche (theologische) Argumente geben könnte, die gegen sein Beten sprechen könnten (hier). Wie gesagt, das Netz gibt da nicht viel her, aber es gibt ja zum Glück auch noch Lexika und vor allem (Universitäts-) Bibliotheken!
So fand ich ausgehend von einem doch recht blassen Artikel des jungen B. Kranemann  im LThK einen kleinen Beitrag eben von Emil J. Lengeling  in: Gottesdienst, Information und  Handreichung der Liturgischen Institute Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, Nr. 22, 1979, S. 169f. mit dem Titel: „Mehr als 1600 Jahre, Zum Embolismus nach dem Vaterunser“.

In diesem Artikel nimmt Lengeling, ausgehend von der Feststellung, man könne: „hier und da hören oder lesen, daß Zelebranten das Gebet, Erlöse  uns, Herr“ nach dem Herrengebet in der Eucharistiefeier auslassen“, das Thema unter verschiedenen Aspekten in den Blick:

Er bezeichnet den Embolismus als „im doppelten Sinne ‚katholisches‘“ und „wichtiges Gebet“. In einem zeitlichen Sinne zunächst, da es seit über 1600 Jahren in der Kirche des Westens gebetet werde (die älteste Fassung, die er erwähnt, stammt aus der Zeit Papst Leos I, + 461), „ein Element der altkirchlichen römischen […] Ordnung“, und weiter in einem „räumlichen“ Sinne, weil es ihn auch in den meisten Liturgien des Ostens (bis auf die byzantinische) gebe. Allein aus dieser Tatsache könne man auf das sehr hohe Alter der Formel schließen.

Keinesfalls handele es sich bei dem Bestandteil: „Befreie uns von allem Bösen“ (libera nos ab omnibus malis) um eine überflüssige Verdoppelung (womit implizit ein gegen den Embolismus vorgebrachtes Argument erkennbar wird), denn das sei eben etwas anderes als: „sondern befreie uns von dem Bösen“ (sed libera nos a malo), womit mindestens auch „der Böse“ gemeint sei. Es gebe jedoch gute Gründe hier eine „Engführung“ auszuschließen und es gebe immer Anlaß, „Frieden, die Hilfe des barmherzigen Gottes, die Bewahrung vor Verwirrung und Sünde“ zu erbitten.

Gleiches gelte von der 1969 eingeführten Bitte um „eschatologische Zuversicht“: „damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten“ (expectantes beatam spem et adventus salvatori nostri Jesu Christi, vgl. Tit 2,13). So werde „glücklich der Ausblick auf die letzte Vollendung ins Bewußtsein gehoben“.

Aus den genannten Gründen hätten auch die Konzilsväter in dem vorbereitenden Schema zur Liturgiekonstitution zum Thema Embolismus lediglich den Vorschlag für partielle Änderungen (Kürzungen und die erwähnte eschatologische Bitte) gefunden, ein Wegfall sei nie in Erwägung gezogen worden.

Und so kommt Lengeling zusammenfassend zu dem Ergebnis: „Wer deshalb ‚nach eigenem Gutdünken‘ (SC Art. 22 § 3) [vgl. hier] der Gemeinde den Embolismus vorenthält, beraubt sie unbedacht eines wichtigen Gebetes […].“ (Hervorhebung von mir, Verweis auf die Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium im Originaltext als Fußnote!)

„Beraubt“! Das ist ja nun wirklich von erfreulicher Deutlichkeit.
Halten wir fest: Aus der Perspektive eines profilierten Liturgiereformers gibt es keinen vernünftigen Grund, den Embolismus wegzulassen, aber viele gute Gründe, ihn treulich zu beten. Und wer ihn wegläßt kann sich definitiv nicht auf das zweite Vatikanum berufen!
Nehmen wir hinzu, was wir schon vor einiger Zeit über den schlichten Unsinn sog. „ökumenischer Begründungen“ herausgearbeitet haben (hier), fällt es mit immer schwerer, mir noch sinnvolle Argumente vorzustellen, die gegen seine Verwendung sprechen könnten.
Und, nur so zur Erinnerung, ihn zu beten ist geltendes, bindendes Kirchenrecht!

Ist mittlerweile auch klargeworden, woher meine Nostalgie kommt, von der ich zu Anfang gesprochen habe? Ganz bestimmt, denn die unaufgeregte, breite Gelehrsamkeit, die aus dem Text spricht, die finde ich schon beeindruckend und sie erscheint mir heutzutage nicht mehr gar so verbreitet. Ganz zu schweigen von dem klaren Ergebnis, zu dem E.J. Lengeling auf dieser Basis gelangte.
Liturgiewissenschaftler von diesem Schlage würden u.U. auch heute noch manches Gespräch einfacher machen…

Und dennoch! Dennoch hat mich dieser kurze 35 Jahre alte Text (kaum zwei Druckseiten) wieder einmal auch verstört! Denn ich habe, natürlich, (nach bestem Vermögen) die Argumente korrekt wiedergegeben, aber ich habe den Gang der Argumentation an wichtigen Stellen bewußt verändert – ich würde sagen, vom Kopf auf die Füße gestellt! Was bei Lengeling nämlich ganz zu Beginn kommt, das ist die „Neuordnung von 1969“. Warum, so seine Leitfrage nach der „Exposition“ des Themas, „Warum hat man bei der Neuordnung von 1969 den Embolismus bestehen lassen?“ Und später: „Ist er nicht doch eine ‚Verdoppelung‘, die eigentlich hätte abgeschafft werden müssen?“ (zusammengefaßt zitiert).

Sehen Sie, was ich meine? Unabhängig vom (in diesem Falle sicher richtigen) Ergebnis, die Fragerichtung, die den Gang der Argumentation bestimmt, ist sozusagen umgedreht, auf den Kopf gestellt. Sie geht nicht zuerst aus von der sehr, sehr alten Tradition, sondern sie fragt von den sehr, sehr rezenten (1979 ca. 10 Jahre!) Änderungen her, die damit in einer derart autoritativen Weise aufgewertet werden, die irritiert. Ich kann das Wort vom „Vatikanum II als ‚Superdogma‘“, das viele „Tradis“ gerne im Munde führen, als „Schlag-Wort“, nicht besonders gut leiden, das ist mir in aller Regel erheblich zu undifferenziert, aber dennoch: Wenn man selbst einem solchen Text, mit dessen Tendenz man ja völlig übereinstimmt, noch so  deutlich anmerkt, wie anders das Herangehen war, das dahinterstand, dann muß man sich einfach fragen: Wie kam das zustande? Zumal bei einem Geistlichen und Wissenschaftler, dessen Ausbildung und (herausgehobene) Praxis in Fragen der Liturgie ja deutlich vor der Konzilsereignissen lagen.

Man muß wohl versuchen, sich diesem eigentümlichen Phänomen auf dem Wege der Empathie zu nähern, dem Versuch, einfühlend zu verstehen, welchem (individuellen wie kollektivem) Empfinden wir den damaligen Neuerungs-Furor verdanken, dessen Nachwirkungen wir heute immer noch überall spüren (um nicht zu sagen: ausbaden dürfen…). Und dabei kann wohl nicht umhin festzustellen, daß in der Phase vor diesem „Furor“ nicht einfach alles eitel Sonnenschein gewesen sein kann in der Kirche, so großartig sie auch (von heute aus betrachtet) dagestanden haben mag. Dieser Gedankengang ist ja von nachdenklicheren Beobachtern/Zeitzeugen schon häufig geäußert worden (wer mag, der kann z.B. hier vertiefend zu der Frage des damaligen Empfindens weiterlesen, auf Englisch).

Aber: Man kann ebensowenig umhin, die gravierenden Fehler und daraus resultierenden falschen Entwicklungen festzustellen, die damals unterlaufen sind! Im Mikrokosmos dieses kleinen Texts ist das neben der, pardon, einfach „unkatholischen“ Umkehrung der Argumentationsrichtung auch die mangelnde Differenzierung zwischen dem Konzilstext und dem, was Lengeling so nonchalant verharmlosend die „Neuordnung von 1969“ nennt, die, wie mittlerweile ja allgemein bekannt, den Intentionen des Konzils keineswegs bloß gefolgt ist, und die heute auch von reflektierten Anhängern und Praktikern des novus ordo zusehends kritisch betrachtet wird (dazu in Bälde mehr auf PuLa).

Darüber hinaus kamen aber Lengeling und seinesgleichen, anders als in unserem Fall, eben keineswegs regelmäßig  zu den richtigen Ergebnissen. Konkret auf ihn bezogen hat das im Jahr 1994 kein geringerer als der damalige Kardinal Ratzinger beispielhaft ausgeführt. Er sprach zur Verabschiedung seines Bruders, Georg Ratzinger, als Regensburger Domkapellmeister und ich kann den Text seiner Ausführungen Ihrer Lektüre nicht warm genug empfehlen! Er ist ganz großartig und sehr, sehr erhellend, weit über das Feld der Kirchenmusik hinaus (für das er aber auch sehr interessant ist), hier. Lesen! (und hierher bin ich drauf gestoßen, ein Kollege, Danke!)

Darin schrieb der spätere Hl. Vater über seinen ehemaligen „Münsteraner Kollege[n] und Freund E.J. Lengeling“: „Bei allem Respekt vor dem großen Liturgiker – dieses Wort [es geht um die Frage der Gestaltung des ‚Sanctus‘, GL] zeigt, daß auch Experten kräftig danebengreifen können. Mißtrauen ist zunächst immer da angebracht, wo ein Großteil der lebendigen Geschichte auf den Müllhaufen abgetaner Mißverständnisse geworfen werden muß. Das gilt um so mehr für die christliche Liturgie, die von der Kontinuität und der inneren Einheit der Geschichte des gläubigen Betens lebt.“ (In der Spannung zwischen Regensburger Tradition und nachkonziliarer Reform, a.a.O., S. 10)

Da ist es besser auf den Punkt gebracht, als ich das je könnte: das Zerreißen der „Kontinuität und der inneren Einheit der Geschichte des gläubigen Betens“, das mit dem Setzen willkürlicher „Neuanfänge“, und seien es Konzilien, geschieht, wenn diese in ihrer praktischen Bedeutung überschätzt, J. Ratzinger sagt es besser, hypostasiert, werden. Das führte und führt immer noch ins Elend, das ‚Ausgestoßensein‘, die ‚Fremde‘, (vgl. hier).

Und waren solche Haltungen vielleicht in der damaligen Zeit und für die damals Handelnden psychologisch erklärbar, in der ja alle möglichen Leute ihre „Revolution“ haben wollten, vollends zum Anstoß (skandalon) wird es, wenn es heute immer noch Leute gibt, ob in der liturgischen Praxis oder der Wissenschaft, die de facto leugnen, daß es ein Problem gibt, die allen Ernstes nach (fast) 50 Jahren ‚mehr vom Gleichen‘ als Rezept vorschlagen, als seien die dramatischen Abbrüche in der Glaubenspraxis der vergangenen Jahrzehnte zu vernachlässigende Größen. Da hört für mich der Spaß auf und ich sage erneut zu jener Zeit:

„Werde endlich Vergangenheit, die vergeht!“

Heiliger Theophanes Confessor, bitte für uns! (Bild: Wikicommons, Yoav Dothan)

Heiliger Theophanes Confessor, bitte für uns! (Bild: Wikicommons, Yoav Dothan)

Wahre und falsche Freunde und der Weihbischof (und tote Berberaffen…)

Armer Reinhard Hauke!

Ach, dieser Einstieg kommt Ihnen bekannt vor? Ja, in der Tat, es ist erst gut einen Monat her, da haben wir hier auf PuLa die Erfurter Seelsorgeamtsleiterin vor den Zumutungen durch die örtliche Presse in Schutz genommen (hier). Und jetzt ist es an der Zeit, für unseren Diözesanadministrator, Weihbischof Dr. R. Hauke, eine Lanze zu brechen!

Denn die Art und Weise, wie ihm gerade in den Mainstream-Medien mitgespielt wird, die ist (erneut) nicht gerade lustig. Aber dazu mehr zum Ende dieses Postings.

Zunächst ist klar, der Hintergrund der verstärkten Stellungnahmen zur Person R. Hauke sind die ziemlich witzlosen Spekulationen um die anstehende Neubesetzung des Erfurter Bischofsstuhls (PuLa berichtete, hier und hier). Nochmal: Ich bin der Meinung, gute Gründe und nachvollziehbare Überlegungen sprechen dafür, daß es noch etwas dauern wird und das ist zwar einerseits bedauerlich, andererseits aber auch weder „ehrenrührig“ noch sonst besonders schlimm! Wir haben immerhin einen Administrator in der Weihestufe des Bischofs, dessen wir im Hochgebet gedenken können, das große Erzbistum Köln hat das nicht, wie ich erst vergangenen Sonntag im Rahmen einer Messe dort feststellen konnte.

Das ist der Hintergrund, der aktuelle Anlaß, erneut etwas zu schreiben war der vor kurzem von Papst Franziskus angenommene Rücktritt von Kardinal Meisner, der hierzulande zu recht besondere Beachtung fand, hat dieser doch tatsächlich wesentliche Schritte seiner kirchlichen Laufbahn hier „bei uns“ absolviert. Dazu gab es in den Blättern der Zeitungsgruppe Thüringen, der Thüringer Allgemeinen (TA) und der Thüringischen Landeszeitung (TLZ) erstaunlich ausgewogene Berichte (leider nur TA online, hier), da scheint nicht nur der historische Abstand, sondern auch der Faktor des sozusagen retrospektiven Lokalpatriotismus geholfen zu haben und, was hervorhebenswert ist, die offenbar sehr guten Einlassungen „unseres“ Diözesan-Caritas Direktors, Bruno Heller (vgl. auch hier); wie wohltuend, Danke!

Nur wurde dieser gute Eindruck dann sofort wieder zunichte gemacht durch einen Leitartikel (!) in der TA vom 28. Februar (hier), in dem Hanno Müller unter dem Titel: „Kirchen in Bewegung“ (wo habe ich das nur schon mal gelesen…? 😉 ) vorgeblich über „altes und neues christliches Denken“ schrieb.
Nun, von „Denken“ war in den wenigen Zeilen dann nicht mehr viel zu spüren, stattdessen ergeht sich der Beitrag in einigen der abgenudeltsten Klischees über Kirche, die wir so kennen: „Greise mit Machtfülle“, deren Rücktritt „überfällig“ gewesen sei und überhaupt müsse die Kirche, um in einer „offenen, modernen Welt“ zu „überleben“ „lebensnäher“ und „alltagstauglicher“ werden.
Ach ja. Kein Wunder, daß der Beitrag nicht zu denen in der Kategorie „Meistgelesen“ zählte, die sich auf der Website gleich daneben finden, ich würde es auch vorziehen z.B. das hier zu lesen: „Tote Berberäffin Heidi aus Erfurter Zoopark: Gemobbt, geflüchtet, abgestürzt“, da ist zugegebenermaßen die Einschlafgefahr geringer. 🙂

Ernstlich, liebe TA, wenn ihr sonst niemanden habt, um über Kirche zu schreiben, dann schreibt eben lieber über gemobbte Berberaffen, kann nur besser werden. Im Vergleich, das muß man zugeben, ist Hartmut Kaczmarek zwar parteiisch aber doch etwas kenntnisreicher… Hanno Müller kann man sich übrigens im Netz begucken, so, wie er sich offenbar gern selber präsentiert (hier). Nun ja.

Es gäbe also keinen Grund auf dieses nach eigener Angabe um 23.33 Uhr offenbar noch schnell „zusammengehauene“ Elaborat aus Versatzstücken in irgendeiner Form einzugehen, wenn es sich nicht auch mit dem vakanten Erfurter Bischofsstuhl beschäftigte. Da lesen wir: „Jüngere, gegenwärtige Bischöfe könnten wieder Interesse an der Begegnung mit Kirche wecken. Die Kirche muß sie nur gewähren lassen.“
Prust! Also, mal abgesehen von der Frage, wie man sich einen un-gegewärtigen aber dennoch lebendigen Bischof vorzustellen hätte, „gewähren lassen“?? Da scheint ein Mißverständnis zu obwalten, liebe TA, Bischöfe sind Teil der Kirche, ein ziemlich wichtiger sogar. Die hier erneut implizierte Dualität zwischen „guten“ Einzelpersonen und der „bösen“ Kirche „insgesamt“, die wird durch noch so ulkige Variationen nicht schlauer.
Ein Bischof handelt in und für die Kirche, immer. Und die Kirche ist eine. Überall, sogar in Deutschland, stellen Sie sich das vor! Das war sie schon vor der sog. „Globalisierung“ und hypothetisch wäre sie es sogar dann noch, wenn sich diese mal umkehren sollte.

Und auf dieser „guten Grundlage“ fährt H. Müller dann fort, die sog. „Lebenswende“ zu loben, die im Erfurter Mariendom regelmäßig gefeiert wird (vgl. hier).
Vierzehnjährige erhielten „dort die Erwachsenenweihe ohne vorherigen Kotau vor dem Altar des Glaubens“ und: „Einer der Erfinder der Lebenswende ist der Erfurter Weihbischof Reinhard Hauke. Der 60-Jährige wäre ein guter Bischof fürs Erfurter Bistum.“

Hier wird es lächerlich. Denn einen Mann der Kirche (s.o.) auf diese Art und Weise für eine Initiative zu loben, die selbstverständlich keinen anderen Zweck hat und haben kann, als den, junge Menschen (langfristig) zum Glauben zu führen, würde ihm ja implizit unterstellen, er veranstalte da selbstzweckhaft eine Bespaßung der Jugendlichen, die deren zukünftiges Schicksal (incl. der Frage nach der Ewigkeit…) außer acht ließe. Das ist offenkundig absurd und zeigt nur, wie wenig Ahnung der Autor davon hat, wie Kirche eigentlich tickt. Nämlich missionarisch. Immer.

Ja, armer Weihbischof! Wer solche „Freunde“ hat, der braucht wahrhaftig keine Feinde mehr! 🙁

Un neben diesem offenkundig vergifteten Lob, das aber natürlich zum Glück niemand ernst nehmen kann, der Reinhard Hauke kennt, steht, nur wenige Tage zurückliegend, die Schlagzeile in der TLZ: „Hauke werden kaum Chancen eingeräumt“ [in der Bischofsnachfolge] (vgl. hier), die PuLa wohlweislich bis dato nicht zitiert hatte, denn sie ist eben genau das: Eine „Schlag“-Zeile! Sie war überflüssig und sie ist unfair, denn sie ist entlehnt aus dem politischen Bereich der Auseinandersetzung um Führungspositionen, nur: So funktioniert das in der Kirche nicht! Weder R. Hauke noch irgendein anderer Kandidat könnte nämlich für sich „Wahlkampf“ machen, denn wie hat Papst Franziskus vor kurzem erst in so erfrischender Deutlichkeit gesagt. „Die, die sich selbst ins Gespräch bringen, wollen wir nicht!“ (sinngemäß zitiert).

Nur gut, daß, wer mit der Kirche fühlt, es besser weiß: Der Weihbischof hat, wie man so hört, die „Schlag-Zeile“ zwar verständlicherweise nicht so wirklich witzig gefunden, aber – dieser Schlag trifft ihn gar nicht!
Und das einfach deswegen, weil es sich beim Verhältnis des Weihbischofs zu seiner Kirche nicht um ein x-beliebiges Anstellungsverhältnis handelt, nicht um einen Job, sondern um etwas, das sich der durchschnittliche deutsche Zeitungsjournalist vermutlich einfach nicht vorstellen kann: Er ist (insofern wie jeder Priester) der Kirche „angelobt“ in der persönlichen Ganzhingabe, er weiß, diese läßt ihn nicht fallen, egal, was er tut oder wo er es tut und er weiß sich geleitet von einem Größeren! Auch dazu gibt es ein schönes aktuelles Wort vom Hl. Vater an die Bischöfe: „Es ist wichtig, daß der Bischof sich nicht allein fühlt, noch glaubt, es zu sein“ (beim ad limina-Besuch der spanischen Bischöfe am 3. März, vgl. hier).

Ganz zu schweigen vom Wort des HErrn selbst an Petrus (!), daß, wer Haus oder Vater und Mutter und Geschwister oder Äcker (oder u.U. (!) auch sein Heimatbistum, dürfen wir hier einfügen) um Seinetwillen und um des Evangeliums willen verläßt, das Hundertfache dafür empfangen wird, auch von den ganz praktischen und notwendigen Dingen des menschlichen Lebens „wenn auch unter Verfolgungen“ (Mk 10,28-30).

Nein, der Bischof, der in der Kirche lebt, lebt auch aus ihr, er wird nicht, er kann nicht „allein bleiben“!

Und, so möchte ich anfügen, er wird je und je umso weniger „glauben [müssen] allein zu sein“, wie er seine wahren Verbündeten und Freunde, auch auf dem Gebiet der Publikationsorgane, erkennt.

Bei den Zeitungen, und wenn deren Vertreter in noch so vielen pfarrlichen Gremien sitzen, wird er sie zuverlässig ebensowenig finden, wie bei denen, die mit den Zeitungsleuten so richtig ‚dicke Tunke‘ sind.

Sketch des Monats: Der Jahrestag

Gut, Karneval ist fast vorbei. Fast! Und der Jahrestag? Der kommt überhaupt erst noch …

Der Jahrestag

Ein Sketch für sechs Personen

 

8.31 Uhr und fünfzehn Sekunden. Vor dem Pfarrhaus der katholischen Gemeinde Maria Hilf! zu Wunderdorf im Oderbruch ist es neblig und kalt. Schläfrig quält sich eine bleiche Sonne hinter den Dächern in den wolkenverhangenen Himmel. Nichtsdestotrotz sind Edith und Frau Schramm bester Laune, als sie die Straße herabkommen und gerade jetzt forschen Schrittes in den Pfarrhof einbiegen. Ihr Gesprächsgegenstand scheint große Heiterkeit bei den beiden auszulösen.

Edith: … und da sagt er: „Na, wenn Weltbild jetzt sowieso keine großen Sprünge mehr machen kann, können sie sich ja von ihrem Hugen-Double schon mal trennen.“

Die beiden schütten sich aus vor Lachen.

Frau Schramm: Aaaah! Das ist typisch Karl! Ich kann’s mir genau vorstellen.

Mit einem Schlag verstummen die beiden. Vor dem Pfarrhaus steht, ganz in schwarz gekleidet, ein hochaufgeschossener, hagerer Mann unbestimmbaren Alters, dessen Blick den beiden Frauen das Blut in den Adern gefrieren läßt. Nachdem sie vor Schreck fast stehengeblieben sind, schreitet Frau Schramm nun beherzt zur Tür und sperrt mit ihrem Schlüssel das Haus auf.

Frau Schramm (freundlich zu dem hageren Herrn): Guten Morgen! (Edith grüßt ebenfalls.)

Der unheimliche Herr (streng): Das Schild an Ihrer Tür gibt Auskunft darüber, daß das Pfarrbüro täglich ab 8.30 Uhr geöffnet ist.

Frau Schramm (lächelt): Ganz recht!

Der unheimliche Herr (blickt auf seine Taschenuhr): Es ist mittlerweile 8.32 Uhr und vierunddreißig Sekunden.

Frau Schramm (blickt ebenfalls zur Uhr): Oh! Entschuldigen Sie bitte, daß Sie warten mußten! (Sie lacht, als sei ihr ein Mißgeschick unterlaufen.) Ich war schon vor acht da, habe nur eben für den Pfarrer schnell das Frühstück besorgt (sie hebt zum Beweis eine Brötchentüte hoch, die sie in der linken Hand hält). Kommen Sie doch bitte rein! Möchten Sie ablegen?

Der unheimliche Herr (sachlich): Sie sind die Haushälterin?

Frau Schramm: Nein. Ich bin die Sekretärin. Schramm ist mein Name (Sie reicht dem unheimlichen Herrn die Hand hin, der seinerseits aber stocksteif stehenbleibt.)

Der unheimliche Herr (immer kühl): Die Sekretärin macht das Frühstück?

Frau Schramm: Naja – ja – wir kochen den Kaffee – ja! (Sie verschwindet in der Küche neben dem Pfarrbüro.)

Der unheimlich Herr (hat den Flur betreten): Wer ist „wir“?

Frau Schramm (ruft aus der Küche): Na, wer gerade Dienst hat. Wir sind mehrere Sekretärinnen im Büro.

Der unheimliche Herr (für sich): Mehrere Sekretärinnen. Soso.

Edith hat sich als letzte ins Haus gedrückt und schaut der Situation mit wachsendem Interesse zu.

Frau Schramm (kommt aus der Küche geeilt, schließt nun auch das Büro auf und macht eine einladende Armbewegung): Bitte! Wie kann ich Ihnen helfen?

Der unheimliche Herr (betritt das Büro): Ist der Rektor der Pfarrkirche zu sprechen?

Frau Schramm (harmlos): Der Pfarrer? Weiß nicht – der wird unter der Dusche stehen, nehme ich an. (Sie setzt sich hinter ihren Schreibtisch, dessen Computer bereits läuft. Aus der Küche hört man das Glucksen der Kaffeemaschine.)

Der unheimliche Herr: Dann werde ich warten.

Frau Schramm: Bitte, setzen Sie sich doch. (Zu Edith) So, dann quittier ich dir jetzt erstmal den Schlüssel. (Edith legt einen Schlüssel auf den Tisch, während Frau Schramm eine Liste aus dem Regal holt und in einer bestimmten Spalte unterschreibt.) Alles klar!

Der unheimliche Herr: Was hat es mit dem Schlüssel auf sich?

Frau Schramm: Wir dürfen die Schlüssel zum Gemeindehaus nur gegen Unterschrift rausgeben. (Sie legt den Unterschriftenzettel wieder ins Regal.)

Edith: Also dann – ich geh dann mal – oder war noch was? (Sie weist mit dem Kopf kaum merklich auf den unheimlichen Besuch.)

Frau Schramm (hat verstanden): Nee – ist alles ok – wir sehen uns später!

Edith: Ja dann… (zum unheimlichen Herrn): Auf Wiedersehen!

Der unheimliche Herr (erhebt sich zur Hälfte und deutet eine kleine Verbeugung an): Auf Wiedersehen. (Der Herr setzt sich wieder und Edith verschwindet aus der Tür, nicht ohne Frau Schramm noch einen vielsagenden Blick zugeworfen zu haben.)

Der unheimliche Herr (knüpft an das Prozedere mit den Schlüsseln an): Ist es dem Ehrenamt in Ihrer Gemeinde förderlich, wenn man den Eindruck gewinnen muß, das Gemeindehaus sei Privateigentum des Pfarrers?

Frau Schramm (unsicher): Äh … (Sie errötet.)

Der unheimliche Herr: Oder einer gewissen Frau Corinna Bischof?

Frau Schramm (erschrocken): Woher wissen Sie …?

Der unheimliche Herr (kühl): Wir wissen noch viel mehr.

Frau Schramm (überrumpelt): Und wer ist „wir“?

Der unheimlich Herr (streng): Ich stelle hier die Fragen. Da Ihr zuständiges Ordinariat offenbar nicht dem Anlaß angemessen reagiert, hat sich eine Gruppe von Gemeindemitgliedern an uns gewandt. (beiläufig)  Sagen Sie: Besitzen Sie hier einen paßwortgeschützten Zugang zu Ihrem Emailpostfach?

Frau Schramm: Äh – nein! Frau Bi… äh … die … die Emails, äh, sie werden gelesen.

Der unheimliche Herr: Und das Emailpostfach des Pfarrers? Ist das vertraulich?

Frau Schramm: Nein. Da gilt das gleiche.

Der unheimliche Herr: Ist der Pfarrgemeinderat auf diesem Wege erreichbar?

Frau Schramm: Nein. Die Emailadresse wurde abgeschafft. Warum fragen Sie das alles?

Der unheimliche Herr: Wenn Konzertanfragen kommen wie unlängst die eines tschechischen Gastchores auf der Durchreise – wer entscheidet über die Zu- und Absagen?

Frau Schramm: Ja, ich habe die Anfrage gelesen, sie kam im Pfarrbüro an. Also – das beantwortet grundsätzlich Frau Bischof.

Der unheimliche Herr: Nach Rücksprache mit wem?

Frau Schramm: Oh – ob sie da mit dem Pfarrer Rücksprache nimmt, kann ich Ihnen jetzt gar nicht sagen. Vermutlich nicht. (betulich) Wissen Sie, die Pfarrer sind heute so überlastet.

Der unheimliche Herr (spitz): So überlastet, daß sie um halb neun noch unter der Dusche stehen. Die Anfrage des eben erwähnten tschechischen Chores hat Frau Bischof abgelehnt mit Hinweis auf ein Konzert am Vortag des angefragten Tages. Warum können nicht an zwei aufeinanderfolgenden Tagen Konzerte in Ihrer Kirche stattfinden?

Frau Schramm: Das kann ich Ihnen nicht sagen.

Der unheimliche Herr: Ein Dirigent aus einem westlichen Nachbarbistum, der sich vor dem Fall der Mauer viele Verdienste um die hiesige Kirchenmusik erworben hat, wird seit letztem Jahr mit seinen Konzertanfragen um die Osterzeit herum von Frau Bischof abgewiesen. Mit Hinweis auf Beichtgelegenheiten, die nicht im entferntesten im angegebenen Umfang stattfinden. Wie hängt das zusammen?

Frau Schramm (hilflos): Ich weiß es nicht.

Der unheimliche Herr: Wer hat das Gerücht in die Welt gesetzt, ein Professor könne nicht das Ehrenamt eines Titularorganisten bekleiden, wie das Ihr Gemeindereferent verbreitet?

Frau Schramm (zaghaft): Also … um die Orgel kümmert sich eigentlich … der Kirchenvorstand.

Der unheimliche Herr (hebt eine Augenbraue): Das heißt?

Frau Schramm (schlägt die Augen nieder): Frau Bischof.

Der unheimliche Herr: Frau Bischof verfügt in Eigenregie über das Depot, über das Archiv …

Frau Schramm: … über einen Generalschlüssel …

Der unheimliche Herr: … über den Finanzhaushalt und sie mischt sich in Personalfragen ein.

Frau Schramm (seufzt): Na das sowieso …

Der unheimliche Herr: Sagen Sie: Ist es nicht verwunderlich, daß sowohl die Damen und Herren Gremienmitglieder als auch die höhere Geistlichkeit vor all diesen Eigenmächtigkeiten die Augen verschließen?

Frau Schramm (leise): Doch. Eigentlich schon … (in einem plötzlichen Impuls) Es passieren ja noch viel schlimmere Dinge: Die Familie des Komponisten, der …

Der unheimliche Herr (zieht seine Taschenuhr hervor und läßt den Deckel aufspringen): Wir wissen das alles, Frau Schramm. Wann erscheint der Rektor der Pfarrkirche für gewöhnlich zum Frühstück?

Frau Schramm: Oh! Das ist unterschiedlich. Ich werde mal oben anrufen. Wen darf ich denn melden?

Der unheimliche Herr: Oberender. Josef Oberender.

Frau Schramm (greift zum Telefon und wählt eine interne Nummer; nach einer Weile): Ja! Hier wäre ein Herr Oberender …

Hochwürden Kneif (am anderen Ende der Leitung): Was? Opernsender? (Er wiehert vor Lachen los.)

Frau Schramm (dringlich): Bitte! Kannst du runterkommen?

Hochwürden Kneif: Ich muß um neun beim Dechant sein. Das schaff ich sowieso schon nicht mehr. Mach irgendeinen Termin aus. (Er legt auf.)

Frau Schramm (ins Telefon): … gut, wann … (sie stockt und legt dann auch auf; zu Oberender) Es tut mir schrecklich leid, der Herr Pfarrer hat einen dringenden Termin beim Herrn Dechanten und ist schon unterwegs (Sie blickt Oberender starr an).

Herr Oberender (unterkühlt): Ich höre schon. Ich lasse Ihnen dieses Schreiben hier, Frau Schramm. Ihr Pfarrer möchte sich bitte umgehend mit uns in Verbindung setzen. Guten Tag! (Herr Oberender erhebt sich, verbeugt sich leicht und ist aus der Tür verschwunden.

Stöhnend lehnt sich Frau Schramm in ihrem Bürostuhl zurück und starrt an die Decke. Nach einer kleinen Weile eilt sie in die Küche, um sich den ja nun vergeblich aufgesetzten Kaffee selber einzuflößen. Da betritt Tina, ihres Zeichens stellvertretenden Vorsitzende des Pfarrgemeinderates, die Küche und grüßt mit ostentativem Frohsinn.)

Tina: Hallooo! – Was ist denn mit dir los? Alles in Ordnung?

Frau Schramm (stöhnt): Komm mit. (Sie nimmt Tina mit ins Büro und schiebt ihr das Schreiben von Herrn Oberender hin.)

Tina (bleibt gleich am Kuvert hängen): Wahnsinn! Das ist ja was aus Rom!

Frau Schramm (matt): Rom?

Tina: Na klar, Mensch! Hast du das gar nicht gesehen?

Frau Schramm: Ich hab noch nicht draufgeguckt – weißt du, wie dieser Mensch sich hier aufgeführt hat? Das hat mir gereicht! (schnaubend) Ich kam mir vor wie bei der Inquisition! (Sie gorgst in großen Schlucken einen halben Pott Kaffee hinunter.)

Tina (neugierig): Was hat er denn gesagt?

Frau Schramm: Das Gruselige war, daß ich den Eindruck hatte, er weiß eigentlich alles schon, was er fragt und will es nur noch mal von mir bestätigt haben …

Tina: Und was, nun sag schon!

Frau Schramm: Hm. Also es ging eigentlich nur um die Rolle von Corinna hier in der Gemeinde – daß sie halt alles alleine macht, und dann meinte er, es wär doch eigentlich ein Wunder, daß wir ihr immer alles glauben und daß sie immer mit allem durchkommt – auch im Ordinariat und so. Er hatte tausend und ein Beispiel parat, was ich ihm bestätigen sollte.

Tina (mit ahnungsvoller Stimme): Ein Wunder …, hm…

Frau Schramm: Ja. Keine Ahnung, was er wollte. (Sie trinkt den Kaffee aus.)

Tina (euphorisch): Erika! Überleg doch mal! Das liegt doch auf der Hand! Besuch aus Rom! Der Vatikan! Es geht um einen Heiligsprechungsprozeß! (Frau Schramm blickt sie verständnislos an.) Die Stichworte sind doch alle gefallen: Ihre gnadenlose Aufopferung – die Wunder, die du nochmals bezeugen solltest …

Frau Schramm (nachdenklich): Du hast Recht! … Aber andererseits – Corinna lebt doch noch …

Tina (ebenso): Stimmt. Das ist ein gewisses Problem. (Es ist für einige Augenblicke völlig still, während Tina den Brief aus Rom studiert. Sie liest auf der Rückseite) „S.O.“ – was heißt denn „S.O.“?

Frau Schramm: „Siehe oben“.

Tina: Quatsch! Das ist der Absender. Wie hieß dein Besuch denn?

Frau Schramm: Oberender.

Tina: Ah! Und? Sebastian?

Frau Schramm: Nein. Sebastian hieß er nicht. Wie hieß er noch gleich? Josef, glaube ich.

Tina (mit plötzlicher Eingebung): „Sepp!“ Klar! „S.O.“ heißt Sepp Oberender. (Sie liest erneut. Nachdenklich) Hör mal – vielleicht soll ja auch gar nicht Corinna heiliggesprochen werden, weil sie ja noch lebt, sondern der Pfarrgemeinderat? (Sie grinst triumphierend.)

Frau Schramm: Wie meinst du?

Tina: Na, überleg doch mal: Wer vollbringt denn die Wunder, weil er immer alles glaubt? Wir doch! Der Pfarrgemeinderat! Wenn wir nicht alles glauben würden, wäre Corinna doch längst weg vom Fenster! (Sie kommt ins Schwärmen) „Die zwölf Gerechten von Wundersdorf“ – Gedenktag am 18. Dezember (Sie lacht).

Frau Schramm: Für die Gedenktage nimmt man einen Todestag, keinen Geburtstag.

Tina: Gut! Dann laß uns mal überlegen, wann der Pfarrgemeinderat als Vertretung der Gemeindeinteressen und Ehrenamtskoordinator de facto aufgehört hat zu existieren.

Frau Schramm: Uff! Das ist schon lang …

Tina: Laß uns nach einem konkreten Datum suchen! (Sie blickt nachdenklich zur Decke.)

Frau Schramm: Als ihr das mit der Orgel so habt laufen lassen?

Tina (zieht die Nase kraus): Neee … das hat sich zu lange hingezogen … ist kein konkretes Datum …

Frau Schramm: Wo ihr im Osterpfarrbrief die Seite mit den Verleumdungen mit unterschrieben habt?

Tina: Das waren ja nur ein paar von uns.

Frau Schramm: Das mit den „Schädlingen“?

Tina: War Corinna allein – hat mit dem PGR nichts zu tun …

Frau Schramm: Wo ihr die Kinderschola aus der Gemeinde gekegelt habt?

Tina (begeistert): Ja! Das können wir nehmen. Das hat ein konkretes Datum. Das war der 6. März 2012. Hihi! (Sie klatscht in die Hände.)

Frau Schramm: Und zum Jahrestag dessen, am 5. März 2013, habt ihr alle treu und brav die Infoveranstaltung von Professor Ehrlich zum Thema Orgel boykottiert – wie der Pfarrer es in seiner Rundmail von Euch verlangt hat.

Tina (ganz stolz): Genau! Also die Sache ist klar: Herr Oberender ist hier wegen unseres Heiligsprechungsprozesses: „Die Zwölf Gerechten von Wundersdorf“ – heiliggesprochen, weil sie immer alles glaubten! (Sie breitet die Arme aus.)

In dem Moment betritt Hochwürden Kneif das Pfarrbüro.

Hochwürden Kneif (barsch): Wo ist mein Kaffee?

Frau Schramm (erschrocken): Oh! Guten Morgen! Äh – den hab ich getrunken. Ich dachte, du mußt so dringend weg?!

Hochwürden Kneif (unfreundlich): Einen Kaffee brauch ich trotzdem vorher. (Er greift nach dem Brief und wird blaß.) Was ist das?

Frau Schramm: Das hat der Herr dagelassen, der heute früh hier eine halbe Stunde auf dich gewartet hat.

Hochwürden Kneif (schreit): Und warum hast du mir nicht Bescheid gesagt?

Frau Schramm (völlig verängstigt): Ja, aber hab ich doch, und da hast du gesagt …

Hochwürden Kneif (knallt den Brief auf den Tisch): Wißt ihr, was „S.O.“ bedeutet?

Tina (stolz): Ja! Sepp Oberender! So hieß der Herr nämlich.

Hochwürden Kneif (fährt sie an): „Sepp Oberender“? (Er schnaubt verächtlich und rauscht hinaus.)

Tina (rennt sofort hinter dem Pfarrer her, man hört, wie ihre weinerliche Stimme sich entfernt): Aber Conrad! Daß ich mich konsequent dumm stelle, ist doch die Voraussetzung dafür, daß ich hier überhaupt noch mitmachen darf! Conrad! Wie kannst du denn so ungerecht sein!

Es klopft und Hanna betritt das Büro.

Hanna: Was ist denn mit Tina los? Und mit dir? Du bist ja ganz blaß? (Sie reicht Frau Schramm die Hand, die ihr wortlos das Schreiben aus Rom hinhält.)

Frau Schramm: Wir haben Post vom Sanctum Officium …

Hanna (lacht): Die Inquisition war hier? (begütigend) Aber das „Sanctum Officium“ gibt’s doch lange nicht mehr! Das heißt doch jetzt „Glaubenskongregation“.

Frau Schramm: Aber es war jemand hier … ein furchterregender schwarzgekleideter Mann, der alles über uns wußte …

Hanna (schelmisch): Hmmmm. Dann hat euch unter Umständen jemand einen Streich gespielt … Schließlich ist Fastnacht! (Sie geht ans Fenster, um das „römische“ Wappen genauer zu betrachten.)

Frau Schramm: Du meinst … jemand hat sich als Inquisitor verkleidet, um … um uns einen Schrecken einzujagen?

Hanna (grinst): Das könnte ich mir gut vorstellen!

Frau Schramm: Aber wer?

Hanna: Tja – das ist schon viel schwieriger. Da kommt eigentlich alles in Frage – vom Obdachlosen bis zum Regierungsbeamten …

Frau Schramm: Stimmt! Corianna hat’s uns ja wirklich mit allen verdorben …

Hanna: … und kein Hochwürden hat’s verhindert.

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

PuLa unterwegs: Ein Gastbeitrag Maria Barbara, Anna Katharina und der Hebräerbrief Kap.13 Vers14

Wir Weimarer jammern ja gern auf hohem Niveau.

Das heißt – außer in puncto Zustand der katholischen Gemeinde. Der hiesigen „Gemeindeleitung“ ist hohes Niveau ja offenbar irgendwie unheimlich, so daß man es von höchst offizieller Seite behindert, wo immer es sich zeigt. Hier werden wir also wohl auf absehbare Zeit gar nicht auf hohem Niveau jammern können.

Aber sonst.

Ähm … Wobei uns die unergründliche Weisheit einstiger Bezirkshäuptlinge, die noch Ende der der 80er Jahre – wie bitte? Jaja: des 20. Jahrhunderts! – für den Abriß des Bachhauses und die Verfüllung der barocken Kellergewölbe sorgten, immerhin auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und bewirkt haben, daß wir bezüglich dieser zum Elefanten-Parkplatz entehrten Immobilie bloß auf den in Weimar üblichen ca. 200 m über NN jammern.

Also: Das Haus, in dem Maria Barbara Bach (1684-1720) verehelichte Bach ihre erste Tochter Catharina Dorothea (1708-74) zur Welt brachte, welchselbige schon bald, ab ihrem Teenageralter, ihrer nur sieben Jahre älteren Stiefmutter half, drei jüngere Brüder und sechs Halbgeschwister großzuziehen und sieben zu begraben, dieses Haus ist weg und das ist ein Skandal.

Ohne Frage.

Aber sagen Sie: Waren Sie schon mal in Dülmen? Dülmen in Westfalen? Nein? Warum auch, fragen Sie? Da gibt es doch nichts zu sehen, da war doch niemand!

Stimmt. Aber nur fast. Da lebte und verstarb nämlich Anna Katharina Emmerick (1774-1824). Sie wissen schon: Die Augustinernonne, die 1811 Stigmata empfing und lange und schwer erkrankte, dieser ihrer Krankheit aber immer noch gute Worte für alle Suchenden und Besuchenden, vor allem aber unzählige Mützchen abrang, die sie als gelernte Schneiderin aus den letzten Stoffresten für arme Kinder nähte.

 

Gabriel von Max, Die ekstatische Jungfrau Anna Katharina Emmerick, ca. 1885 (Bild: Wikimedia Commons, jahsonic.com)

Im nahegelegenen Coesfeld-Flamschen ist sie als Kötterstocher geboren, als fünftes von neun Kindern, vier Monate Schulbesuch pro Leben, armutsbedingt krank und schmächtig. Aber sprühend vor Energie, zeitlebens visionär und von einer unglaublichen eidetischen Begabung. Eine vorteilhafte Heirat hat sie abgelehnt und sich als Näherin bis zu einem Reichtum (gezahlt in Stoffballen) hochgearbeitet, der ihr den ersehnten Eintritt ins Dülmener Kloster Agnetenberg ermöglicht hätte – hätte sie alles Gut nicht wieder auf den Kopf gehauen, um der Kantorenfamilie Söntgen aus Krankheit und Not zu helfen. Ins Kloster kam sie dann doch noch – im Schlepptau von Clara Söntgen, die sie mit ihrer mitreißenden Frömmigkeit für ihren eigenen Lebensweg hatte begeistern können.

So. Dies alles im Hinterkopf, stehe ich nun also in Dülmen downtown. Beinahe im Minutentakt rasen Autos an mir vorbei. 😉 Ausgestattet mit einem markierten Lageplan aus der kompetent, freundlich und tagsüber durchgehend besetzten Touristeninformation mache ich mich auf die Suche nach den Wohn- und Arbeitsstätten der eigentümlicherweise erst 2004 und auch dann erstmal nur seliggesprochenen Mystikerin.

Man kennt die Häuser alle von Fotografien (s. auch: hier) aus Büchern: Das malerische Kloster und das Haus der Witwe Roters, das ans Kloster grenzte und A.K.E. 1812, nach der Säkularisierung, eine Arbeitsstelle als Haushälterin des aus Frankreich geflohenen (vgl. hier) Abbé Lambert bot. Vor allem aber das Gasthaus Limberg, in dessen Hinterstube A.K.E. sich in ihrer Krankheit zurückzog und ab 1818 Clemens Brentano wahnsinnig machte mit ihrer Mützchen-Näherei: Seiner Meinung nach sollte sie sich lieber – um nicht zu sagen: gefälligst – ausschließlich ihren Visionen widmen, die er aufzeichnen und verdienstvollerweise allen Menschen zugänglich machen wollte. Aber die Mützchen für die armen Kinder mußten sein.

Mützchen für arme Kinder (Bild: CBL)

Ich gehe los und biege vor dem Lüdinghauser Tor in die Münsterstraße ab. Aber, ach! Wo das Kloster Agnetenberg gestanden hat, das bis heute dem letzten Rest der Dülmener Stadtmauer als „Nonnenturm“ seinen Namen verleiht, steht jetzt ein Kaufhaus der Ladenkette „KiK“. Da gibt es jetzt also die Mützchen, die heute arme Kinder für uns nähen: Der „Fortschritt“ hält doch immer wieder die verblüffendsten Wendungen bereit.
Auf der anderen Straßenseite kein Haus der Witwe Roters, sondern Billigläden, die mit noch weiter reduzierter Ware werben. Haus Limberg und Sterbehaus – alles Fehlanzeige. Natürlich bedauert die Stadt Dülmen das selber genauso wie ich. Im Internetauftritt des Stadtarchivs lese ich: „Leider finden sich vor Ort nur noch selten die originalen Zeugen einer fast 700-jährigen Stadt- bzw. einer 1.200-jährigen Siedlungsgeschichte, da die Bombardierung der Alliierten am 21. und 22. März 1945 die gesamte Innenstadt zerstörte.“ (vgl. hier).

Sie hatten also immerhin für den Abriß der historischen Stätten eine weitaus bessere Ausrede als Weimar für den Abriß des Wohnhauses der jungen Familie Bach.

Nicht mal das Grab der A.K.E. ist noch auf dem Friedhof zu finden, wo es ursprünglich war. Von Ruhestätte konnte man hier allerdings von Anfang an nicht sprechen, da das Grab sehr bald mehrfach geöffnet wurde um nachzusehen, ob Anna Katharinas Leiche noch da war. Luise Hensel war diesbezüglich in Sorge und veranstaltete eine Nacht- und Nebelaktion, noch bevor Bürgermeister Möllmann das Grab offiziell erneut öffnen konnte. Aber der Pilgerstrom zu der durch gestiftete Sandsteinplatten, Steinkreuze und Ziegelgewölbe immer repräsentativer ausgestatteten Grabstätte riß nicht ab. 1975 wurden die Gebeine der Anna Katharina Emmerick in die 1938 sehr zum Mißfallen der damaligen NS-Regierung erbaute Heilig-Kreuz-Kirche überführt, die unter ihrer Krypta mit einer informativen Gedenkstätte auch das im Originalzustand erhaltene Krankenzimmer der Anna Katharina Emmerick zugänglich macht.

Krankenzimmer A.K.E. (Bild: CBL)

Also: Erfahren kann man in Dülmen alles über Anna Katharina Emmerick, die ja die letzten zwölf Jahre ihres Lebens von gläubigen Hilfesuchenden und ungläubigen Untersuchungskommissionen förmlich belagert wurde. Aber dem Zauber der Originalschauplätze kann man sich nur noch in ihrem Geburtshaus in Coesfeld-Flamschen aussetzen.

In Dülmen hätte man für Rekonstruktionen allerdings auch wirklich noch ganz andere Hindernisse zu überwinden als die Indolenz eines allzu saturierten Hotelkonsortiums, die derzeit einen Wiederaufbau des Bachhauses in Weimar blockiert. Womit wir wieder beim Jammern auf hohem Niveau wären. Denn wir haben ja wenigstens das Geburtshaus von Christiane Vulpius (genau: beim Erotikshop die schmale Gasse rein). Aber wo die Stadt schon das Haus der Charlotte von Stein verhökert hat, wäre sie doch wegen Maria Barbara Bach jetzt eigentlich mal in der Pflicht, oder? Und eben darum gibt es für die Wiedererrichtung des Wohnhauses von Maria Barbara Bach neben dem „Elefanten“ auch eine aktuelle Petition: hier!

Da steckt der Bachverein Weimar und das Institut für Alte Musik unserer Hochschule dahinter. Es ist deshalb eine historisch informierte Petition und läuft auf den Namen von Maria Barbaras Ehemann. Weil das früher auch so war. Aber zeichnen Sie bitte trotzdem, denn Sie wissen doch: Wir haben in Weimar ein Herz für Organisten 😉

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Ruuuhig, gaaanz ruhig! Neue Bischofsspekulationen für Erfurt

Du liebe Güte! Da hat man vor wenigen Stunden erst einen Beitrag über die Spekulationen zur Neubesetzung des Erfurter Bischofsstuhls geschrieben und veröffentlicht und denkt, man hat seiner Bloggerpflicht erstmal Genüge getan, steht auf, blickt auf die Zeitung und reibt sich ungläubig die Augen, denn da ist es wieder das Thema; Auf der Titelseite…Wow!

Ja, die Thüringische Landeszeitung (TLZ) macht ihrem Ruf als Zentralorgan des „Reform“-Katholizismus in unseren Landen wieder einmal alle Ehre, wenn ihr stellvertretender Chefredakteur, Hartmut Kaczmarek (der mit dem Kürzel „mar“ zeichnet) dort titelt: „Der Vatikan läßt sich noch Zeit“.

Wie gut, daß wir gestern schon etwas dazu geschrieben hatten, was von dieser Haltung des Vorwurfs an „Rom“ („Der Vatikan laßt sich bei der Besetzung des Erfurter Bischofsstuhls weiter Zeit.“ „[…] in der Landeshauptstadt [ist] noch immer nicht die lang erhoffte Dreierliste mit den Vorschlagen aus dem Vatikan für den neuen Erfurter Bischof angekommen.“) zu halten ist (Hervorhebungen von mir).

Ich füge heute noch hinzu: Es läuft Gefahr ein wenig albern zu wirken, wenn man in der Thüringer Provinz mit dem Fuß aufstampft, damit Rom doch jetzt bitte aber endlich einmal diese weltkirchlich aber wirklich zentrale Frage löst, also wirklich!

Und die Anspruchshaltung, die sich hinter Sätzen wie: „Ob die Thüringer Katholiken zu Ostern bereits einen neuen Bischof haben werden, steht derweil noch in den Sternen.“ verbirgt, finde ich mit Verlaub ebenso unangemessen wie unangenehm!

Aber deswegen hätte ich nicht erneut die Arbeit an wichtigen Texten (Themen wie „Embolismus“ und „Gotteslob“ stehen erneut an!) unterbrochen, doch in den Beiträgen (Titelseite und Landesspiegel) werden auch neue Spekulationen verbreitet und – Namen genannt!

Demnach hätten auf der ersten Liste, die das Domkapitel der Nuntiatur übermittelt habe, die Namen von Weihbischof Hauke und Propst Gremler (Heiligenstadt) gestanden. Beide Namen hätten sich jedoch auf der von der Nuntiatur nach Rom geleiteten Liste nicht mehr gefunden, was in Bezug auf den Administrator mit den Worten: „In Kirchenkreisen gilt es als nicht üblich, daß ein Weihbischof im gleichen Bistum zum Bischof ernannt wird.“ erläutert wird. PuLa hatte diesen Gedanken in etwas anderer Formulierung („Hausberufungen werden vermieden“) allerdings bereits Ende Januar 2013 geäußert… (hier, ganz unten).

Außerdem würden in den nämlichen ominösen „Kirchenkreisen“ zwei andere Namen gehandelt, die Bestandteil der nach Rom gesandten Liste gewesen seien, die Weihbischöfe Ansgar Puff, Köln und Matthias Heinrich, Berlin.

PuLa wird sich hüten, sich an diesen Spekulationen mit Äußerungen über diese Kirchenmänner zu beteiligen (so reizvoll das auch wäre: ein Anhänger des neokatechumenalen Wegs [Puff] und ein promovierter Kirchenrechtler [Heinrich], das könnte beides interessant werden… 🙂 ), denn das gehört sich nicht. Und es lohnt sich auch nicht, denn ob die Nennung dieser Namen wirklich auf Insiderkenntnissen beruht oder bloß als solche wenig originelle Spekulation darstellt, das können wir nicht überprüfen (und Hartmut Kaczmarek möglicherweise auch nicht…).

Interessant ist aber, wie die beiden eingeführt werden: „[sie] gelten als Kandidaten des zu den konservativen Kirchenführern zählenden Kardinals Meisner aus Köln.“

Oha! Ich lasse jetzt mal die Frage, ob es eine solche Verbindung zwischen Kardinal Meisner und den beiden Weihbischöfen tatsächlich gibt (vermutlich ja), für den Moment weg und frage mich nur: Was will uns dieser Satz wirklich sagen? Nicht einmal die TLZ kann ja glauben, daß das in der Kommunal- oder Landespolitik u.U. aussichtsreiche Verfahren, Kandidaten durch vorzeitige Nennung zu beschädigen oder gar zu verhindern hier Aussicht auf Erfolg haben könnte, denn wie nun wiederum PuLa aus absolut zuverlässiger Quelle weiß, ist die TLZ nicht die erste Zeitung, die Papst Franziskus morgens in der Domus Martha vorgelegt wird… (Welche Quelle, fragen Sie? Ach, ich kenne da eine überaus charmante Familie von römischen Kirchenmäusen! 🙂 ).

Nein, ich glaube, hier haben wir es mit einer anderen Absicht zu tun. Angesichts der nicht von der Hand zu weisenden „Gefahr“, daß Erfurt einen Bischof erhält, der, wiewohl „jünger“ (die Genannten sind 58, Puff, und beinahe 60, Heinrich) nicht von vornherein dem deutsch-laienkatholischen „Reform“-Schema entsprechen könnte, angesichts dieser „Gefahr“ muß argumentativ vorgebaut werden. Und als Schreckgespenst eignet sich in diesen Kreisen Kardinal Meisner, zumal er ja auch einmal in Erfurt gewirkt hat, besonders gut.

Ich glaube, ich könnte, wenn es tatsächlich einer der beiden Herren wird, oder aber auch jeder andere ganz „normale“, „katholische“ Geistliche, den Kommentar, den wir dann in der TLZ lesen werden, schon heute schreiben: Er wird sich sehr besorgt äußern über den „langen Arm von Kardinal Meisner und/oder Papst Benedikt“, er wird von der Kirche sprechen, die doch „immer zu reformieren“ sei, von den Schwierigkeiten, die den Gewählten erwarten, hier im „Kernland der Reformation“, wo die „Ökumene doch so zentral sei“ und sie werden nicht fehlen, die „Menschen hier“, die doch so anders ticken als die im „Westen“, auf die es aber jetzt „zuzugehen“ gelte, denn sie „erwarteten ‚Reformen‘“, die doch so „dringlich“ seien. Und natürlich ein ganz anderes Auftreten als dieser schreckliche „Protzbischof“…

Ob auch ein Stück Enttäuschung über Papst Franziskus mitschwingen wird, „von dem man doch anders erwartet habe“?

Nun, PuLa wird Sie auch außerhalb des Verbreitungsgebiets der TLZ unterrichten, wenn es soweit ist! Darauf freue ich mich schon! 😉

Bis dahin empfehle ich uns allen wie schon gestern abend nicht „mit Hochspannung“ auf die Dreierliste zu warten, sondern – den Ball flach zu halten! So wie es in Köln aktuell gerade in anderem Zusammenhang erfolgreich praktiziert wird:

 

Schwarzbier und Bischofsstuhl

Oder, um genau zu sein: Guinness und der Bischofsstuhl von Erfurt.

Heute morgen mag so mancher (katholische) Leser der Thüringischen Landeszeitung, die ja in Weimar erscheint, ein wenig überrascht ins Blatt geschaut haben, denn da fanden sich im „Landesspiegel“ (leider nicht online) Äußerungen von Diözesanadministrator Weihbischof Dr. Reinhard Hauke, die bei oberflächlicher Lektüre den Schluß hätten nahelegen können, er wisse hinsichtlich einer Neubesetzung des Erfurter Bischofssitzes schon mehr als andere und diese Neubesetzung stünde zwar nicht unmittelbar bevor, könne aber doch noch in der ersten Jahreshälfte geschehen.

Dazu paßten andererseits Ausführungen so gar nicht, die darauf hinwiesen, es gebe, was die Besetzung von Bistümern angehe, in Deutschland sicher noch wichtigere Probleme als das (relativ) kleine Erfurt.

Als Quelle gab die TLZ die Deutsche Presse Agentur (dpa) an, aber bei näherem Hinsehen ist die Quelle offenbar ein Radiointerview, das der MDR (Mitteldeutscher Rundfunk) mit Weihbischof Dr. Hauke geführt hat. Dieses kurze (1.45 Min.) Interview (oder einen Ausschnitt daraus?) können Sie zum Glück selbst nachhören, hier.

Und wenn man es hört, dann schwindet der Eindruck, da könne irgend etwas Entscheidendes unmittelbar bevorstehen, schnell dahin. Alles was Weihbischof Dr. Hauke dahingehend sagt ist nämlich, daß er nicht mehr „so die dicke Hoffnung“ hat, daß „wir das vor Ostern hinkriegen“, d.h. also entweder ein neuer Bischof vom bischöflichen Stuhl bereits Besitz ergriffen haben könnte, oder auch nur, daß der Name vorher bekannt wird.

Das klingt, zusammen mit seinen weiteren Äußerungen, für mich sogar nicht einmal mehr so, als gebe es da ein interessantes Insiderwissen, wenn man auch vor Überraschungen (positiven in dem Fall!) natürlich nicht sicher sein kann. Dabei kann man auf jeden Fall den Hinweis auf das Osterdatum getrost vergessen. Das hatten wir als Ergebnis einer sehr verständlichen Erwartung im Kirchenvolk auch schon vor dem Weihnachtsfest – mit neuen Fakten hat das nichts zu tun.

Naheliegenderweise ist für diese Erwartungen der Blick ins östliche Nachbarbistum Dresden-Meißen, das ja deutlich nach Thüringen hineinreicht, die „Folie“, dort wo nun schon seit Mitte März 2013 Bischof Dr. Heiner Koch amtiert (PuLa berichtete, hier) und so natürlich auch in Thüringen wirkt, z.B. durch Firmungen auch in kleinen, in sehr kleinen! Gemeinden, wie man sehen kann, hier. (Die Kleider! 🙂 )

Was man sowohl medial vermittelt als auch „hinter den Kulissen“ über das Wirken von Bischof Koch hört, ist nach wie vor ausgesprochen positiv. PuLa fragt sich übrigens, ob angesichts dessen denjenigen, die nach dem Rücktritt von Bischof Wanke für Erfurt nur „Böses“ erwarten konnten, von einem Nachfolger für dessen Berufung Papst Benedikt verantwortlich wäre (vgl. hier), inzwischen nicht doch mal ins Nachdenken gekommen sind…

Vermutlich aber nicht, denn Bischof Koch agiert gekonnt im Umgang mit den Medien, aber er ist kein Bischof nach dem Geschmack derjenigen, die solchen Unfug verzapfen konnten, wie sich z.B. im vorbildlichen Dresdner Umgang mit der Causa Limburg zeigte. Hier wurde nämlich der peinliche Wettbewerb „Deutschland sucht den ärmsten Bischof“ schlicht nicht mitgemacht, vielmehr erklärte die Pressestelle des Bistums, Bischof Koch wohne auf 150 m² und fahre einen (geleasten) Mercedes mit Fahrer und das sei angesichts seiner Verantwortung, seiner Aufgaben und der geographischen Größe des Bistums auch völlig angemessen. Tja, so geht das also auch…

Aber kommen wir zurück zum Bistum Erfurt. Wie stellt sich die Lage, wenn man sie nüchtern betrachtet dar? Da helfen andere Aussagen aus dem oben verlinkten Interview, nämlich die Betrachtung der Gesamtsituation in Deutschland. Weihbischof Dr. Hauke verweist sehr zu recht auf die vakanten Bischofssitze in Freiburg und Passau, und er fügt die vermutlich bald bevorstehende Vakanz in Hamburg hinzu. Dazu kommt aber natürlich auch noch diejenige, die bald in Köln bevorsteht und es kommt hinzu die leidige Causa Limburg, wo zwar der bischöfliche Stuhl eben nicht vakant ist (Bischof Tebartz van Elst ist nicht einmal „suspendiert“, auch wenn das noch so oft falsch zu lesen ist), aber es ist doch ganz klar, daß die Überlegungen zu seiner Zukunft (Bischof Franz-Peter ist keine 55 Jahre alt) Teil des Gesamtszenarios darstellen dürften.

Und das ist m.E. und vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen im Bereich der weltlichen (Personal-) Politik eben das zentrale Stichwort: „Gesamtszenario“. Ich glaube, daß mittlerweile weder der Wechsel im Papstamt, noch der in der Person des Nuntius mehr die entscheidende Rolle für die lange Dauer des Prozesses in Erfurt spielen und auch nicht die kolportierte Verärgerung von Papst Franziskus über Vorgänge im Bistum Passau (vgl. hier), auch wenn die dort zitierte vermeintliche Aussage gut zu ihm passen würde… 😉

Nein, man muß sich, glaube ich ganz simpel vor Augen führen, daß weder Erfurt, noch irgendein anderes deutsches Bistum isoliert betrachtet werden darf! Womit wir es hier zu tun haben ist, wie meine Freunde aus dem Bereich der Ingenieurswissenschaften gerne sagen, eine Optimierungsaufgabe – aber eine recht komplexe, möchte ich hinzufügen! Ich bescheidener Geisteswissenschaftler würde einfach sagen: Da werden jetzt „Päckchen geschnürt“!

Denn jede einzelne Entscheidung aus einem naturgemäß beschränkten Kreis von ministrablen, äh episkopablen 🙂 Kandidaten hat Auswirkungen auf die anderen anstehenden Entscheidungen z.B. einfach durch die simple Tatsache, daß dann ein Kandidat schon mal nicht mehr zur Verfügung steht, aber das ist nur die oberste, simpelste Ebene von ganz vielen, bin ich überzeugt.

Das spricht, ganz grob gesehen, dafür, die Dinge zeitlich gestaffelt anzugehen und zwar in einer Reihenfolge, die sich nach der Bedeutung der Bischofsstühle richtet! Dabei ist „Bedeutung“ natürlich nicht etwa simpel nach der Zahl der Gläubigen zu bemessen, sondern z.B. auch nach dem Alter des Bistums und natürlich nach der Frage, wo gerade „Feuer unter dem Dach“ ist (Limburg…).

Wo unser Heimatbistum Erfurt nach all diesen Kriterien landet, können Sie sich selbst leicht ausrechnen: ziemlich weit „hinten“ in einer solchen zeitlichen Abfolge…

Aber wir haben auch gesehen, daß das keineswegs ehrenrührig ist! Bei uns gibt es eben gerade keine bistumsweiten Skandale oder auch nur Skandälchen (keine bistumsweiten, wohlgemerkt!) und, wie Weihbischof Hauke selber sagt, in Personal- und Disziplinarfragen ist er mittlerweile handlungsfähig!

In diesem Zusammenhang möchte ich gerne auf etwas eingehen, was auch noch immer gerne „geraunt“ wird, wenn es um den „nächsten Bischof“ geht, nämlich, daß wir uns ja in Zukunft keinen Weibischof mehr würden leisten können. Nun, diese weitverbreitete Äußerung geschieht regelmäßig ohne jede Begründung, so daß man aufs Spekulieren angewiesen ist, was bei diesem Thema, wir reden hier ganz offenbar von Personalkosten, höchst mißlich ist. Die Einzelheiten sind sehr kompliziert und ich behaupte nicht, die Sache ganz durchdrungen zu haben, aber mir ist überhaupt nicht einsichtig, woher ein „Zwang“ zum Verzicht auf einen Weihbischof kommen sollte. Wie fast überall in der Republik werden auch in Thüringen diese kirchlichen Ämter wohl aus der sog. Staatsleistung nach dem einschlägigen Vertrag von 1994 bezahlt. Diese Leistung ist in den vergangenen Jahren angewachsen, nicht abgeschmolzen! Es scheint also, als sei es schlicht eine innerkirchliche Entscheidung, wofür das durchaus vorhandene Geld auszugeben wäre. Anders ausgedrückt: Wenn wir uns auch in Zukunft einen Weihbischof „leisten“ wollen, dann können wir das auch tun, mit einem neuen Bischof hängt das m.E. in dem Sinne gar nicht zusammen. Sollte ich aber aus irgendeinem Grunde falsch liegen: Da gibt es eine Kommentarfunktion, ich werde jede begründete Zuschrift mit Vergnügen veröffentlichen!

Was aber in diesem Kontext glasklar ist, ist etwas anderes: Es gibt eine ganze Reihe von Bistümern in Deutschland, die verfügen schon jetzt nicht über einen Weihbischof! Manchmal ist es ja wirklich hilfreich, einfach Listen zu betrachten, die hier, z.B. Diese Situation betrifft aktuell die Bistümer Eichstätt, Dresden-Meißen, Görlitz, Passau und Magdeburg. Diese Bistümer sind teils kleiner, teils größer als Erfurt, aber es wird auch schnell klar, daß es hier um Traditionen und nicht bloß um Größe geht, so hat z.B. das größere Köln weniger Weihbischöfe als Münster (fünf!).

Vor allem aber ist mir nicht bekannt, daß aus den oben genannten Bistümern der Stillstand der Seelsorge zu vermelden wäre… Wir sollten das Raunen, das in Wahrheit ein vorweggenommenes Jammern ist, und für das es keinen Grund gibt, ganz schnell beenden, finde ich!

Nein, fürs Jammern gibt es, bei allem verständlichen Wunsch nach Ende der Sedisvakanz, keinerlei Grund! Vielmehr sollten wir in echt „katholischer“ Weite erkennen, daß wir nicht der Nabel der deutschen Bistumswelt sind, hocherhobenen Hauptes zufrieden sein damit, daß wir nicht der besonderen Aufmerksamkeit bedürfen, wie andere Diözesen und vielleicht sogar einmal den Gedanken zulassen, daß es eine edle Haltung unter Christen sein könnte, seine eigenen Interessen in Solidarität mit anderen ganz bewußt zurückzustellen (um nicht zu sagen, aufzuopfern)…

Ach und das dunkle Ale aus Irland, fragen Sie, wo kommt das ins Spiel? Nun, offenbar könnten wir mit der bisherigen Dauer der Sedisvakanz von jetzt 17 ½ Monaten bald den bisherigen „Rekord“ einstellen, der bei 18 Monaten liegen soll. Und da wird dann halt leider gerne das sog. „Guinness-Buch der Rekorde“ erwähnt; „leider“ sage ich, weil ich finde, das Thema eignet sich nun so überhaupt nicht, um mit „Meiste in einer Minute zerquetschte Getränkedosen“, „Größtes Toast-Mosaik“ oder „Längste Laufstrecke auf heißen Herdplatten“ in einem Atemzug genannt zu werden… (vgl. hier)

Ich schlage dagegen vor, wenn es soweit ist, dann veranstalten wir eine PPP. Nein, keine Public-Private-Partnership, sondern eine PuLa-Pub-Party, um auf den „den Neuen“ anzustoßen; gerne mit Guiness, denn das kann man in Erfurt gut trinken! 😉

Bis dahin aber:

Hl. Bonifatius, erster Bischof des Bistums Erfurt, bitte für uns, daß wir in Demut, Umsicht und Tapferkeit die Zeit des Wartens auf Deinen Nachfolger ertragen und hilf mit Deiner Fürsprache allen, die an seiner Auswahl beteiligt sind!

Cornelis Bloemaert (1603-1684), Der Hl. Bonifatius, ca. 1630 (Bild: Wikimedia Commons)

 

Abstruse Hypostasierung oder: War J. Ratzinger 1994 ein mobiler Multikulturalist?

Nach dem Konzil ist mancherorten ein Fanatismus der Muttersprache aufgetreten, der in einer multikulturellen Gesellschaft eigentlich abstrus ist, so wie in einer mobilen Gesellschaft die Hypostasierung der Gemeinde wenig Logik für sich hat.

(J. Card. Ratzinger, 1994)

🙂

(Quelle hier; sehr lohnend!)

 

 

Böse Wörter und was man (nicht) überprüfen kann

Wer großgeworden ist in dem geistigen Klima, das die ach so wunderbaren ‚Sechziger Jahre‘ hinterlassen haben, und das für viele einflußreiche ältere und leider auch nicht so ältere Herrschaften inner- wie außerhalb der Kirche, so will es scheinen, nach wie vor eine Art innerer Idylle ist, die zu verlassen sie ausgesprochen unwillig sind, wer, sage ich, unter diesen Bedingungen großwerden mußte, der begriff irgendwann, und zwar eher früher als später, daß die vielen „kleinen“ ’Befreiungen‘, ‚Tabubrüche‘ und ‚Modernisierungen‘, bzw. die „große“ ‚Emanzipation, die ihn täglich umgab, paradoxerweise eine ganze Hierarchie von Tabuisierungen und Schweigegeboten mit sich brachte.

Denn da gab es Begriffe, die wurden zwar vielleicht noch gelegentlich erwähnt, aber doch nur, um sie, meist begründungslos, als ‚überwunden‘, bzw. ‚nicht mehr zeitgemäß‘ (der „Klassiker“ schlechthin, bis heute…) zu kennzeichnen und zwar gerne in der besonders zersetzenden Form milden Spotts, statt wütender Ablehnung, der man ja immerhin den Respekt für die abgelehnte Sache noch hätte anmerken können.

‚Sonntagspflicht‘, war so ein Wort. ‚Fasten am Freitag‘, bzw. ‚Fastenzeit‘ (die echte, christlich begründete) waren andere und es gehört zu den großen und weithin jedenfalls individuell nach wie vor unbewältigten Heucheleien jener Epoche, bzw., ihrer intellektuellen Wortführer bis heute, daß das kritische Instrumentarium, das Horkheimer und Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ schon vor Ende des zweiten Weltkriegs (!) zur Verfügung stellten, gerade mit ihrem Blick auf die Gewalt der Ökonomisierung, dort, wo es um Religion und religiös geprägte Kultur ging, keinesfalls zum Einsatz kommen durfte. Dabei waren doch beide Denker gewiß nicht der christlichen Apologetik verdächtig.

Doch „höher“ noch in der Hierarchie „böser“ Wörter standen diejenigen Begriffe, die sicherheitshalber vollends verschwiegen wurden, schon, weil man sich vor seinesgleichen ja lächerlich gemacht hätte, hätte man ernsthaft riskiert ‚eucharistische Nüchternheit‘ oder ‚Vorfastenzeit‘ in den Mund zu nehmen. Und auch die ‚vorkonziliare Messe‘ gehört natürlich genau hierher.

So kam es, daß ich z.B. von der ‚Vorfastenzeit‘ bewußt vermutlich erst jenseits meines 40ten Lebensjahrs gehört habe, obwohl (fast) alles um mich herum katholisch geprägt war.

Kam aber einer dieser wahren Spitzenreiter in der Hierarchie ‚böser Wörter‘ aus irgendeinem Grunde doch einmal vor, dann wurde der Ton schärfer, verschwand der milde Spott und größere Kaliber des Abwertungsdiskurses kamen zum Einsatz. ‚Angst-´ oder gleich ‚krankmachende‘ Mechanismen ‚vormoderne Rituale‘ oder gar ‚unmenschliche Unterdrückungsmethoden‘ waren es dann, mit denen die Kirche ‚die Menschen‘ jahrhundertelang gequält habe und daneben in der Liturgie doch nur „leeren Pomp‘ und ‚unverständliches Zeugs‘ produziert hätte.

Und wer, wie ich, gerade gegenüber den Hervorbringungen „jugendgemäßer“, „moderner“ Liturgie eine nachgerade instinktive tiefe Ablehnung und einen ästhetischen Horror empfand (ich rede hier natürlich nicht von einer ordnungsgemäß gefeierten Messe im novus ordo, aber ich rede vom NGL und ‚alternativen Gottesdienstformen‘!), der war eben ein wenig ‚zurückgeblieben‘, bzw. noch nicht recht erwachsen.

Bis heute hört man die gleiche Leier von der ‚Kälte‘, der ‚Leere‘, dem ‚Formalismus‘ und den ‚Übertreibungen‘ („Marienkult“…) der kirchlichen Hervorbringungen der Zeit „vor dem Konzil“ und das Heldenlied, wie doch gerade diese Generation, die in den „ Sixties“ jung war, das alles überwunden habe.

Ich gehe, angesichts dessen, was man in der nachkonziliaren Entwicklung beobachten mußte, davon aus, daß in der „Kirche von 1960“ nicht alles in Ordnung gewesen sein kann.
Nur, überprüfen kann ich nicht, was mir da von Fall zu Fall geschildert wird, an Symptomen dieses mangelhaften Zustands. Ich kann nicht überprüfen, ob die Andacht in der Messe vor, sagen wir 1965, wirklich so schlecht war. Ich kann nicht überprüfen, ob wirklich keiner was verstanden hat, bzw. signifikant weniger als heute, ich kann nicht überprüfen, wer und wie stark unter ‚starren Fastengeboten‘ gelitten hat und so weiter und so fort. Der ganzen Generation der nach ca. 1960 geborenen wurde zugemutet, das einfach für wahr zu halten, bzw. schlicht dem zu vertrauen, was ja „alle“ sagten. Da man sich ein eigenes Bild nicht mehr machen konnte/durfte, waren es Erfahrungen aus zweiter Hand, also gar keine Erfahrungen!, auf die gegründet man gutheißen sollte, was einem zuwider war. Bis heute.

Und dann wird man älter. Und man weiß immer noch nicht viel mehr von der Vorfastenzeit, als daß es sowas einmal gab. Und dann fällt einem auf, wie du dich gerade verhältst, wie du ißt und trinkst, nach dem Ende der weihnachtlichen Festzeit und mit dem Blick voraus auf die Fastenzeit, das ist genau das: Ein Vor-Fasten; du hast nichts gelesen und schon gar keine Vorschriften gemacht bekommen (von wem denn auch?), nein, du läßt einfach graduell das eine oder andere „Extra“ in der Ernährung auslaufen, weil du spürst, es ist dem gemäß, was jetzt ansteht, ja, es ist DIR gemäß. Das kann ich überprüfen.

Und du fragst dich, was ist menschlicher: Eine Institution, die aus jahrhundertelanger Erfahrung Regeln und Gründe gefunden hat, für das, was dir (dem Menschen) gemäß ist, oder unterbrechungslose Völlerei für unterbrechungslosen Umsatz?

Abstrakter gesagt: Wer hatte und hat die richtigere Anthropologie, das tauglichere Bild vom Menschen?

Werdet endlich ‚Vergangenheit, die vergeht‘, ‚Sechziger Jahre‘ und: Danke für gar nichts!

 

Arme Anne! Oder: Was die TLZ mit der Seelsorgeamtsleiterin macht

Arme Anne Rademacher! Da hat sich offenkundig die Leiterin „unseres“ Seelsorgeamts, Frau Dr. Anne Rademacher, der TLZ gegenüber zu dem allseits beliebten Thema: „Umfrage des Vatikan: ‚Die pastoralen Herausforderungen der Familie im Rahmen der Evangelisierung‘“ (man beachte den genauen Titel!) geäußert; ein Interview kann man es aber nicht nennen.

Näherhin handelte es sich bei dem Anfragenden um den „Kirchenfachmann“ des in Weimar erscheinenden Blatts, den PuLa-Lesern ja wohlvertrauten stellvertretenden Chefredakteur Hartmut Kaczmarek (vgl. z.B. hier und hier).

Nach der Lektüre wundere ich mich nicht, daß es dieser Beitrag, wenn ich recht sehe, nicht in die Printausgabe geschafft hat. Denn wie hier verschiedenste Äußerungen, man kann es nicht anders sagen, zusammengerührt werden, das verdiente es im Grunde gar nicht, daß man darauf eingeht, wenn es nicht einerseits ein in seiner geradezu plakativen Plumpheit ein gutes Lehrstück wäre in der Kunst: „Wie erkenne ich, was die Zeitung wirklich sagt“ und wenn es nicht andererseits gälte, Frau Dr. Rademacher in Schutz zu nehmen vor möglichen (beabsichtigten?) Fehlinterpretationen hinsichtlich dessen, was sie tatsächlich gesagt hat!

Lesen Sie sich bitte zu Beginn den Beitrag hier durch.

Und beginnen wir dann zunächst mit der „Statistik“. In dem Artikel, der schon mit seiner Überschrift das Bistum Erfurt im allgemeinen und im näheren für das Bistum sprechend Frau Dr. Rademacher in Beschlag zu nehmen versucht, und zwar nicht zuletzt durch die (untergründig) stark wirkende Verwendung des Photos!, äußert sich die Seelsorgeamtsleiterin genau dreimal (wenn man die Wiederholungen durch Bildunterschrift und Überschrift beiseite läßt):

1. „Überall in Deutschland gehen die kirchliche Lehre und das Leben signifikant auseinander“

2. Ein großes Problem [sei] in Erfurt wie in allen anderen Bistümern auch die Position der wiederverheirateten Geschiedenen und die Haltung der Kirche dazu. Dabei werde die Frage des Ausschlusses von der Kommunion in der Kirche heftig diskutiert.

3. Anne Rademacher [sei] jedenfalls […] froh, daß dieses Stimmungsbild jetzt zusammengetragen worden wäre.

Das hat sie gesagt, „unsere“ Seelsorgeamtsleiterin und vielleicht noch den sich an Nr. 3 anschließenden Satz: ‚Vielen ist es wichtig, dass die Kirche sich mit dieser Kluft zwischen Lehre und Realität auseinandersetzt.‘, der aber nicht in wörtlicher Rede wiedergegeben ist (die einfachen Anführungszeichen hier beziehen sich lediglich auf die Tatsache, daß ich hier aus der TLZ zitiere!),der mit dem bezeichnend unklaren Übergangshalbsatz: ‚Eins ist in der Umfrage deutlich geworden:‘ angeschlossen wird, der nicht mehr eindeutig erkennen läßt, wer hier spricht.

Nun, das sind ziemlich harmlose Sätze, man könnte auch sagen, Frau Dr. Rademacher hat eigentlich gar nicht viel gesagt. Freilich, als traditionsorientierter Blogger hätte man sich vielleicht gewünscht, sie hätte mehr gesagt, aber vielleicht hat sie ja sogar, wer weiß? Vermutlich aber nicht und das war dann wohl auch nur klug, bei diesem Thema! Jedenfalls erfahren wir es nicht.

Darum herum wird nun ein ganzer Nebel von Äußerungen plaziert, die auch die Sätze von Anne Rademacher in einem bestimmten Licht erscheinen lassen (sollen?): Insgesamt 16 (oder 15, je nach Zählung) irgendwie wertende Sätze werden aus allen möglichen Ecken herbeigezogen (natürlich ohne präzise Quellenangaben). In Worten sechzehn! Und wer da alles vorkommt! Kardinal Lehmann, mehrere Bistümer, ohne daß immer klar wird wer sich da genau geäußert hat, „ein Dechant aus dem Bistum Erfurt“, „ein Pfarrer“ und, jetzt fällt es schwer ernst zu bleiben: „ein anderer Pfarrer“; na so was! Ein „anderer Pfarrer“ auch noch, na Potzblitz, da ist die Lage ja ernst! (2012 gab es ca. 14.600 deutsche und noch einmal fast 1.500 ausländische Priester in Deutschland, Quelle: DBK, hier).

Und auch die „üblichen Verdächtigen“ dürfen natürlich, prominent an letzter Stelle plaziert, nicht fehlen: die „WisiKis“ und das nichts und niemanden außer sich selbst repräsentierende Alt-Politiker-Versorgungsgremium namens ZdK (Gähn!). Du liebe Güte!

O ja und nicht zu vergessen der Familienbund deutscher Katholiken, dessen jungdynamische Präsidentin von einer „nicht zu stoppenden Dynamik“ spricht.

Wäre es nicht so traurig, man käme aus dem Lachen nicht mehr raus, wie sich hier Menschen den kleinen, kleinen deutschen Ausschnitt (weniger als 2%!) der weiten, weiten Kirche, ihre persönliche Nabelschau, großreden und nicht müde werden, zu wähnen, sie stünden an der Spitze irgendeiner „unaufhaltsamen Entwicklung“ namens Säkularisierung und, vor allem, der „notwendigen“ Anpassung daran.
Man muß freilich die Augen für die weltweite Entwicklung von Religion in den vergangenen Jahrzehnten und die wissenschaftliche Debatte darüber schon ganz, ganz fest zugemacht haben, um das immer noch meinen zu können…

Von der (wichtigeren) Frage des Fühlens mit der Kirche, dem ‚sentire cum ecclesia‘ mal ganz zu schweigen.

Wie es darum bei Hartmut Kaczmarek bestellt ist, scheint erneut auf in dem Satz: „Zwischen der offiziellen Meinung der Kirche und den Auffassungen der Gläubigen gibt es eine große Kluft.“ Aha, „Meinung der Kirche“ (Hervorhebung von mir), obendrein ‚bloß‘ die „offizielle“, und „Auffassungen der Gläubigen“; bemerken Sie die semantische Gleich-Ordnung?
Nur, so ist Kirche eben nicht! Sie ist vielmehr, wie es natürlich auch ausdrücklich das zweite Vaticanum lehrt, eine hierarchisch verfaßte Gemeinschaft. Da haben falsche „Auffassungen der Gläubigen“ einfach Pech, wenn sie meinen, sie wären in gleicher Weise wichtig; sind sie nicht. Und ggf. ist es Aufgabe der Gläubigen, die Kluft von sich aus zu schließen (Metanoia). So einfach ist das. Anne Rademacher hingegen sprach insoweit völlig korrekt von dem, worum es wirklich geht: Dem „Lehramt der Kirche“.

Ja, arme Anne Rademacher, so ging’s zu, daß sie semantisch „unter die Räuber geriet“, und das hat „unsere“ Seelsorgeamtsleiterin nicht verdient!

Und außerdem haben wir an diesem praktischen Beispiel einmal mehr gelernt, „was uns die Zeitung eigentlich sagen wollte“. Sie wollte nämlich nur am Rande vom Bistum Erfurt erzählen und eigentlich schon gar nichts von Dr. Rademacher, nein, sie wollte, wieder einmal, eine ganz bestimmte ideologisch verzerrte und vollständig verstaubte Perspektive des latent romfeindlichen deutschen Laienkatholizismus propagieren und ich frage mich immer wieder und wieder, warum sich eine Zeitung, die für ein vorwiegend ungetauftes Publikum schreibt, dafür eigentlich hergibt.

Hl. Anna, Patronin glücklicher Ehen, bitte für uns!

Hl. Anna, Fresko, Kloster Faras, 8. Jh (Bild: Wikipedia Commons, Nationalmuseum Warschau)

PS: Auf weitere inhaltliche Fragen einzugehen, wollte ich mir eigentlich versagen, das haben andere schon besser getan, als ich das überhaupt könnte (z.B. hier und hier), aber eine Ausnahme liegt mir schon lange auf der Seele: Da ist immer die Rede von der „Barmherzigkeit“ gegenüber den „Wiederverheirateten Geschiedenen“ und ich will das wahre Problem, das im Scheitern einer Ehe und den daraus folgenden Entwicklungen liegen kann, gewiß nicht verdrängen!

Aber wer kennte nicht aus eigener Anschauung ebenso die Fälle, in denen verlassene Ehepartner erleben müssen, wie ggf. schon informelle neue Verbindungen des Ehepartners „barmherzig angenommen werden“, bis hin zum Empfang der Hl. Kommunion durch pflichtvergessene Priester! Das spielt sich häufig im sozialen Nahraum, in der gleichen Gemeinde ab, denn ein Ausweichen ist eben nicht immer praktikabel, gerade hier bei uns in der Diaspora, wo es so viele Gemeinden selbst in Städten einfach nicht gibt.

Wer redet von diesem Leiden? Wer?! Mir scheint, das ist wieder einmal ein Fall der gnadenlosen öffentlichen Rede, die über ganze Kategorien von Opfern kaltherzig hinweggeht, ein weiterer Fall der „Privilegierung der Täter“, die wir de facto nur allzuoft erleben müssen, die aber im kirchlichen Raum ganz besonders anstößig und eigentlich kaum erträglich ist.