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PuLa unterwegs: Ein Gastbeitrag Maria Barbara, Anna Katharina und der Hebräerbrief Kap.13 Vers14

Wir Weimarer jammern ja gern auf hohem Niveau.

Das heißt – außer in puncto Zustand der katholischen Gemeinde. Der hiesigen „Gemeindeleitung“ ist hohes Niveau ja offenbar irgendwie unheimlich, so daß man es von höchst offizieller Seite behindert, wo immer es sich zeigt. Hier werden wir also wohl auf absehbare Zeit gar nicht auf hohem Niveau jammern können.

Aber sonst.

Ähm … Wobei uns die unergründliche Weisheit einstiger Bezirkshäuptlinge, die noch Ende der der 80er Jahre – wie bitte? Jaja: des 20. Jahrhunderts! – für den Abriß des Bachhauses und die Verfüllung der barocken Kellergewölbe sorgten, immerhin auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und bewirkt haben, daß wir bezüglich dieser zum Elefanten-Parkplatz entehrten Immobilie bloß auf den in Weimar üblichen ca. 200 m über NN jammern.

Also: Das Haus, in dem Maria Barbara Bach (1684-1720) verehelichte Bach ihre erste Tochter Catharina Dorothea (1708-74) zur Welt brachte, welchselbige schon bald, ab ihrem Teenageralter, ihrer nur sieben Jahre älteren Stiefmutter half, drei jüngere Brüder und sechs Halbgeschwister großzuziehen und sieben zu begraben, dieses Haus ist weg und das ist ein Skandal.

Ohne Frage.

Aber sagen Sie: Waren Sie schon mal in Dülmen? Dülmen in Westfalen? Nein? Warum auch, fragen Sie? Da gibt es doch nichts zu sehen, da war doch niemand!

Stimmt. Aber nur fast. Da lebte und verstarb nämlich Anna Katharina Emmerick (1774-1824). Sie wissen schon: Die Augustinernonne, die 1811 Stigmata empfing und lange und schwer erkrankte, dieser ihrer Krankheit aber immer noch gute Worte für alle Suchenden und Besuchenden, vor allem aber unzählige Mützchen abrang, die sie als gelernte Schneiderin aus den letzten Stoffresten für arme Kinder nähte.

 

Gabriel von Max, Die ekstatische Jungfrau Anna Katharina Emmerick, ca. 1885 (Bild: Wikimedia Commons, jahsonic.com)

Im nahegelegenen Coesfeld-Flamschen ist sie als Kötterstocher geboren, als fünftes von neun Kindern, vier Monate Schulbesuch pro Leben, armutsbedingt krank und schmächtig. Aber sprühend vor Energie, zeitlebens visionär und von einer unglaublichen eidetischen Begabung. Eine vorteilhafte Heirat hat sie abgelehnt und sich als Näherin bis zu einem Reichtum (gezahlt in Stoffballen) hochgearbeitet, der ihr den ersehnten Eintritt ins Dülmener Kloster Agnetenberg ermöglicht hätte – hätte sie alles Gut nicht wieder auf den Kopf gehauen, um der Kantorenfamilie Söntgen aus Krankheit und Not zu helfen. Ins Kloster kam sie dann doch noch – im Schlepptau von Clara Söntgen, die sie mit ihrer mitreißenden Frömmigkeit für ihren eigenen Lebensweg hatte begeistern können.

So. Dies alles im Hinterkopf, stehe ich nun also in Dülmen downtown. Beinahe im Minutentakt rasen Autos an mir vorbei. 😉 Ausgestattet mit einem markierten Lageplan aus der kompetent, freundlich und tagsüber durchgehend besetzten Touristeninformation mache ich mich auf die Suche nach den Wohn- und Arbeitsstätten der eigentümlicherweise erst 2004 und auch dann erstmal nur seliggesprochenen Mystikerin.

Man kennt die Häuser alle von Fotografien (s. auch: hier) aus Büchern: Das malerische Kloster und das Haus der Witwe Roters, das ans Kloster grenzte und A.K.E. 1812, nach der Säkularisierung, eine Arbeitsstelle als Haushälterin des aus Frankreich geflohenen (vgl. hier) Abbé Lambert bot. Vor allem aber das Gasthaus Limberg, in dessen Hinterstube A.K.E. sich in ihrer Krankheit zurückzog und ab 1818 Clemens Brentano wahnsinnig machte mit ihrer Mützchen-Näherei: Seiner Meinung nach sollte sie sich lieber – um nicht zu sagen: gefälligst – ausschließlich ihren Visionen widmen, die er aufzeichnen und verdienstvollerweise allen Menschen zugänglich machen wollte. Aber die Mützchen für die armen Kinder mußten sein.

Mützchen für arme Kinder (Bild: CBL)

Ich gehe los und biege vor dem Lüdinghauser Tor in die Münsterstraße ab. Aber, ach! Wo das Kloster Agnetenberg gestanden hat, das bis heute dem letzten Rest der Dülmener Stadtmauer als „Nonnenturm“ seinen Namen verleiht, steht jetzt ein Kaufhaus der Ladenkette „KiK“. Da gibt es jetzt also die Mützchen, die heute arme Kinder für uns nähen: Der „Fortschritt“ hält doch immer wieder die verblüffendsten Wendungen bereit.
Auf der anderen Straßenseite kein Haus der Witwe Roters, sondern Billigläden, die mit noch weiter reduzierter Ware werben. Haus Limberg und Sterbehaus – alles Fehlanzeige. Natürlich bedauert die Stadt Dülmen das selber genauso wie ich. Im Internetauftritt des Stadtarchivs lese ich: „Leider finden sich vor Ort nur noch selten die originalen Zeugen einer fast 700-jährigen Stadt- bzw. einer 1.200-jährigen Siedlungsgeschichte, da die Bombardierung der Alliierten am 21. und 22. März 1945 die gesamte Innenstadt zerstörte.“ (vgl. hier).

Sie hatten also immerhin für den Abriß der historischen Stätten eine weitaus bessere Ausrede als Weimar für den Abriß des Wohnhauses der jungen Familie Bach.

Nicht mal das Grab der A.K.E. ist noch auf dem Friedhof zu finden, wo es ursprünglich war. Von Ruhestätte konnte man hier allerdings von Anfang an nicht sprechen, da das Grab sehr bald mehrfach geöffnet wurde um nachzusehen, ob Anna Katharinas Leiche noch da war. Luise Hensel war diesbezüglich in Sorge und veranstaltete eine Nacht- und Nebelaktion, noch bevor Bürgermeister Möllmann das Grab offiziell erneut öffnen konnte. Aber der Pilgerstrom zu der durch gestiftete Sandsteinplatten, Steinkreuze und Ziegelgewölbe immer repräsentativer ausgestatteten Grabstätte riß nicht ab. 1975 wurden die Gebeine der Anna Katharina Emmerick in die 1938 sehr zum Mißfallen der damaligen NS-Regierung erbaute Heilig-Kreuz-Kirche überführt, die unter ihrer Krypta mit einer informativen Gedenkstätte auch das im Originalzustand erhaltene Krankenzimmer der Anna Katharina Emmerick zugänglich macht.

Krankenzimmer A.K.E. (Bild: CBL)

Also: Erfahren kann man in Dülmen alles über Anna Katharina Emmerick, die ja die letzten zwölf Jahre ihres Lebens von gläubigen Hilfesuchenden und ungläubigen Untersuchungskommissionen förmlich belagert wurde. Aber dem Zauber der Originalschauplätze kann man sich nur noch in ihrem Geburtshaus in Coesfeld-Flamschen aussetzen.

In Dülmen hätte man für Rekonstruktionen allerdings auch wirklich noch ganz andere Hindernisse zu überwinden als die Indolenz eines allzu saturierten Hotelkonsortiums, die derzeit einen Wiederaufbau des Bachhauses in Weimar blockiert. Womit wir wieder beim Jammern auf hohem Niveau wären. Denn wir haben ja wenigstens das Geburtshaus von Christiane Vulpius (genau: beim Erotikshop die schmale Gasse rein). Aber wo die Stadt schon das Haus der Charlotte von Stein verhökert hat, wäre sie doch wegen Maria Barbara Bach jetzt eigentlich mal in der Pflicht, oder? Und eben darum gibt es für die Wiedererrichtung des Wohnhauses von Maria Barbara Bach neben dem „Elefanten“ auch eine aktuelle Petition: hier!

Da steckt der Bachverein Weimar und das Institut für Alte Musik unserer Hochschule dahinter. Es ist deshalb eine historisch informierte Petition und läuft auf den Namen von Maria Barbaras Ehemann. Weil das früher auch so war. Aber zeichnen Sie bitte trotzdem, denn Sie wissen doch: Wir haben in Weimar ein Herz für Organisten 😉

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Ein Kommentar

  1. Juergen schrieb:

    Hm…

    bei so einem Krankenzimmer würde ich auch Visionen haben…

    *flöt*

    Samstag, 1. März 2014 um 18:04 | Permalink

Ein Trackback/Pingback

  1. […] Becken in der Heilig-Kreuz-Kirche zu Dülmen, vgl. hier […]

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