Zurüruck zum Inhalt

„ … also: Weimarer“

Gedanken über das Zitat zum Tage

„… also: Weimarer“. Es ist das Zitat zum heutigen Tage, wenn es um die Weimarer katholische Gemeinde und die Frage nach Wiedervereinigung und Zusammenwachsen geht. Es stammt von unserem Pfarrer, ist anderthalb Jahre alt, öffentlich geäußert und ging mir schon im vergangenen Jahr häufig durch den Kopf. Es ging mir durch den Kopf, als ich zum Gemeindefest im Juni 2019 im Pfarrgarten am Infostand der „Cäcilini“ saß und mich umschaute. Es ging mir durch den Kopf, als Journalisten im Deutschlandfunk im Vorfeld der drei mitteldeutschen Landtagswahlen über „die Menschen in den neuen Bundesländern“ räsonierten. Und es ging mir durch den Kopf, als um den 9. November 2019 herum – da hatten wir ja schon mal eine 30-Jahr-Feier – Gregor Gysi im Bundestag noch einmal ans Rednerpult trat, um festzustellen, daß „die Schere zwischen Ost und West“ wieder weiter auseinandergehe.

„… also: Weimarer“: Worum geht es? Anläßlich des Gottesdienstes, den Radio Horeb am 10. März 2019 aus Weimar überträgt, ist Herz Jesu Weimar auch Pfarrei der Woche und unser Pfarrer bekommt im Rahmen eines Interviews eine Dreiviertelstunde Redezeit im Radio. Zunächst muß er über Goethe reden und über Historisches, über das Verschwinden des katholischen Ritus im Kernland der Reformation und über sein Wiedererstarken seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Soldaten. Arbeiter. Liszt. Und dann natürlich die vielen Vertriebenen. Es ist ein bißchen mühsam. Woher soll ein Pfarrer das alles wissen? Um Minute 7:10 herum fragt die Redakteurin endlich nach der Rolle der Wessis. So formuliert sie es natürlich nicht. Sondern sie fragt, wie die Situation sich entwickelt habe in den letzten Jahrzehnten, seit es die DDR nicht mehr gibt.

Da blüht unser Pfarrer plötzlich auf. Es sprudelt nur so aus ihm heraus. Jetzt hat er sicheren Boden unter den Füßen. Das hat er ja selber erlebt, da ist er zuhause. Und was er nicht mehr erlebt hat, hier in seiner Pfarrei, davon hat man ihm vorgeschwärmt. Wie der Generalmusikdirektor der Staatskapelle Vorträge hielt über die Sinfonien von Gustav Mahler. Dazu hatte der GMD gerade ein Buch herausgebracht. Wie eine junge österreichische Habilitandin an der Universität Erfurt einen Bibelkreis ins Leben gerufen hat, der bis heute existiert. Wie ein aus Passau gebürtiger Orgelprofessor Jahre daran gesetzt hat, um unserer Kirche eine neue Orgel zu schenken – ein Millionenobjekt! – eine Orgel, maßgeschneidert auf das Werk Franz Liszts, Franz Liszt, das habe er, der Pfarrer, ja schon erzählt, welche Rolle dieser weltgewandte Komponist für die Weimarer Pfarrei gespielt hat, und da sollen doch seine liturgischen Werke auch endlich hier in Weimar wieder zu Gehör kommen. Einfach in den Messen – ist das nicht toll? Jeder Sonntag ein Konzert! Und der Präsident der Klassikstiftung! Der ist nämlich auch katholisch. Der hat ihn durch einen Vortrag zum Kirchweihjubiläum überhaupt erst auf die Idee zu seinem monatlichen Herz Jesu Lobpreis gebracht. Phantastische Leute, hier! Pensionierte Lehrer, die Lituratur- und Lesezirkel anbieten; eine ehemalige Gymnasialdirektorin gar – unterrichtet Latein. Alles ehrenamtlich! Kultur und Bildung für alle! Seinen Kirchenchor leitet seit einigen Jahren ein ehemaliger Regensburger Domspatz, das soll die Redakteurin sich mal vorstellen – dieses Wissen, diese künstlerische Kompetenz, diese liturgische Sicherheit, die dieser Mann vermitteln kann und die ihm, dem Priester, natürlich in den großen Festmessen unglaublich den Rücken frei hält! Überhaupt – Singen! Da ruft eine Mutti endlich einmal wieder eine Kinderschola ins Leben – und statt nur die RKW-Lieder durchzusingen, beginnt sie zu komponieren! – Einfach so? wirft die Redakteurin ein. Einfach so, antwortet der Pfarrer, soweit er weiß! Nach ein paar Jahren führt sie zu den Gemeindefesten Singspiele mit den Kleinen auf und veröffentlicht ihre Werke. – Was für ein Identifikationsangebot für die ganze Pfarrei! Sagt die Redakteurin. – Das könne sie laut sagen, sagt der Pfarrer. Von ihrem Krippenspiel 2016 reden die Menschen heute noch. Aber Komponisten habe er ja ohnehin so viele hier in der Pfarrei! Das Weihnachten drauf – Alphornmesse! Ob die Redakteurin schon mal ein Alphorn gesehen habe? Ein riesen Teil! Irre! Aber das nur nebenbei. Studierte Sängerinnen gründen Jugend- und Kinderchor und gewinnen regionale Wettbewerbe mit der Gruppe. „Goldkehlchen“. Eine Dame leitet bestimmt 15 Jahre hindurch einen Seniorenkreis, der jede Woche Konzerte, Vorträge und anderes Programm bietet. Eine Wahnsinnsleistung! Strahlt natürlich weit in die evangelische und sogar in atheistische Welt hinein, da treffen sich nicht nur Katholiken! Ja! Und dann natürlich die Mütter, die die religiösen Kinderwochen betreuen und in ihren Wohngebieten große Gruppen von Sternsingern um sich scharen. Unverzichtbar. Eine Gewandmeisterin des Theaters näht mit einer Gruppe von Freundinnen jedes Jahr neue Sternsingergewänder. Wie die Könige sehen Kinder aus – wirklich wie die Könige!

Die Redakteurin muß den Pfarrer langsam bremsen. Die Sendezeit! Alles Ihre Pfarrkinder? fragt sie abschließend. – Alles meine Pfarrkinder! antwortet der Pfarrer stolz. – Und alles Wessis? – Alles Wessis! – Ehrenamtlich tätig? – Alle ehrenamtlich tätig! – Meine Güte! Da sei er aber gesegnet! In anderen Pfarreien sei man froh, wenn man einen Taizéabend auf die Beine stellt … – Das haben wir hier außerdem! sagt der Pfarrer. Da mache er selber mit. Aber er sei den andern unendlich dankbar, daß sie so viele Bereiche für die Gemeinde abdecken. Er habe ja schon gesagt: Weimar wächst. Zwei Hochschulen am Ort! Und die Leute pendeln von hier auch nach Erfurt und Jena. Und die ganzen Professoren und Ministerialen – die setzen sich ja nicht alle unbedingt nur in so eine Meditation. Taizé sei ja schon sehr speziell, das liege nicht jedem. Da müsse er auch etwas anderes anbieten, um diese Leute und ihre Familien einzubinden. Denn die Kontakte, die diese Leute einfach auch haben! Es wäre wirklich eine Sünde, wenn er das für seine Pfarrei nicht zu nutzen wisse! Und darüber hinaus seien das ja die Leute in einem Alter, wo auch Schulkinder in den Familien da sind. Kinder und Jugend – die Zukunft jeder Pfarrei! – Na, wenn Sie das so managen, sagt die Redakteurin, – dann haben Sie Ihrem Bischof ja wirklich nicht zuviel versprochen, als Sie ihm sagten, daß Sie sich Weimar zutrauen!

 

Cornelie Becker-Lamers

„ … and grace my fears relieved”

Deutschland singt. Auch in Weimar

„Ihr habt erreicht, worauf wir noch so schmerzlich warten müssen“, sagten die beiden Südkoreaner, die gemeinsam in einem Wohnheimzimmer im Münsteraner Wasserweg 70 lebten. Ich wohnte auf demselben Flur und wir unterhielten uns über den Mauerfall. Das war in der Folge des 9. November 1989. Die meisten Emotionen verbinden sich mit diesem Tag. Es hätten ihn ja auch alle gern als Tag der Deutschen Einheit gehabt. Aber wir wissen ja, warum wir dieses Datum nicht auswählen konnten. Selbst schuld …

Jetzt haben wir also den 3. Oktober. Und auch wenn er als Datum von Anschluß oder Beitritt statt Wiedervereinigung in etlichen Menschen einen schweren Weg durch die 90er Jahre in Erinnerung ruft, scheint doch letztlich die Dankbarkeit über die veränderten Lebensmöglichkeiten zu überwiegen.

Den 9. November dürfen wir als Datum nur vielfältig begehen, nicht unbeschwert feiern. Mit dem 3. Oktober verbinden wir emotional nicht so wirklich etwas. Und so ist schon was dran, wenn die treibenden Kräfte hinter der „Initiative 3. Oktober“ als Aufmacher ihrer Internetseite feststellen:

Die Wiedervereinigung Deutschlands ist in ihren Geschehnissen einmalig und nicht nur von nationaler Bedeutsamkeit.

In den meisten Ortschaften und Städten gibt es allerdings bisher keine öffentliche Feiertradition der Bevölkerung – der 3. Oktober als Nationalfeiertag wird so gerade von der jungen Generation kaum mehr in seiner Bedeutung wahrgenommen.

Mit Unterstützung eines Vereins und gefördert durch die Bundesregierung tritt unter der Schirmherrschaft des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland und des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland der Bundesverband Chor & Orchester e.V. als Projektträger eines Open-Air-Feier-Abends am 3. Oktober 2020 auf. Denn das Projekt lebt weitgehend vom gemeinsamen öffentlichen Singen. Verschiedene Szenarien auf der sehr professionell gemachten Homepage der Veranstaltung sehen auch das Singen von den Balkonen während eines möglichen Totalverbots allen Zusammenkommens vor. Aber danach sieht es ja glücklicherweise nun nicht mehr aus.

Die Evangelische Allianz Weimar hat sich Anfang September ebenso kurzfristig wie mutig entschlossen, auch für Weimar die Teilnahme am deutschlandweiten Projekt zu ermöglichen. Die ACHAVA Festspiele Thüringen waren schnell ins Boot geholt – hatte doch Martin Kranz zum 9. November 2019 im Gewölbekeller unserer Stadtbücherei bereits eine Veranstaltung mit Film, Zeitzeugen und moderierter Diskussion angeboten. Und durch seinen Vater ist er zum Zeitzeugengespräch prädestiniert.

Über einen kurzen Umweg gelangte die Pressemitteilung in mein Emailpostfach, und da ich die Hauptorganisatorin, die Geigerin Ulrike Zinke, seit 15 Jahren kenne, erkundigte ich mich bei ihr, ob und wenn nein, warum nicht auch Vertreter der katholischen Pfarrei bei dem von „unterschiedlichen christlichen Gemeinden Weimars“ umgesetzten Vorhaben mit von der Partie seien. Die Lösung war einfach: Die Vorbereitungszeit war zu knapp gewesen. Sie hatte nur geschafft, in unserem Pfarrsekretariat einen Stapel Einladungskarten auf den Schreibtisch zu packen. Diese Karten hatten es in der Folge zwar in den Aufsteller des Kirchenvorraums, die Veranstaltung aber weder in die Dienstberatung, noch in die Vermeldungen oder das Pfarrblatt geschafft.

Aber wie es in unserer Pfarrei so ist – wenn eine Sache nicht zentral organisiert wird, läuft sie über persönliche Kontakte. Bekanntlich ist Weimar ein Dorf. Damit allerdings nicht wieder nur einer der kleinen Freundeskreise unserer Pfarrei, den ich an den zwei verbleibenden Tagen auf die Schnelle motivieren kann, als Vertretung unserer Gemeinde am

3. Oktober ab 19 Uhr auf dem Weimarer Marktplatz

erscheint, formuliere ich hier die herzliche Einladung an Sie alle, sich dem DIY-Open-Air-Konzert anzuschließen.

Auch wenn Weimar zwischen Erfurt und Jena auf der Landkarte der Initiative noch nicht verzeichnet ist: Wir sind dabei! Herzliche Einladung zum 3. Oktober 2020 ab 19 Uhr auf dem Weimarer Markt (eigenes Bild)

Die Lieder sind erstaunlich publikumsfreundlich ausgewählt (der Unterton dieser Formulierung rührt von unseren Erlebnissen am vergangenen Wochenende hier, als anläßlich der Firmung unseres Patenkindes in einer Dresdener Kirche eine Jugendband nicht enden wollende Lieder vortrug, von denen die Firmlinge hinterher selber sagten, sie kannten sie alle gar nicht. Das passiert Ihnen am 3. Oktober zuverlässig nicht.) Denn bei der Weimarer Auswahl aus den per Video-Tutorial vorgeprobten Vorschlägen handelt sich um „Dona Nobis Pacem“, „Nun danket alle Gott“, „Amazing Grace“ (aus dessen zweiter Strophe ich den Titel dieses Beitrags entnommen habe), „Über sieben Brücken mußt du gehn“, „Die Gedanken sind frei“, „Hevenu Shalom Alechem“, „Von guten Mächten“ und als Zugabe das wunderbare Abendlied von Matthias Claudius, „Der Mond ist aufgegangen“. Eigens für Weimar haben sich die Musikerinnen sogar noch für „Großer Gott wir loben Dich“ entschieden. Da ein professionell geleiteter Projektchor unter Claudia Zohm einen starken Kern von Sängerinnen und Sängern bilden wird, stelle ich mir das Singen in den drei- oder vierstimmigen Sätzen sehr schön vor. Und wir können es, nach der langen Zeit der Verbote, alle brauchen!

 

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Wer nicht kommen kann, kann sich übrigens per Livestream zuschalten. Es ist wirklich an alles gedacht.

PPS: Bringen Sie eine Kerze mit, sagen die Veranstalter. Und haben Sie bitte zur Not eine Mund-Nasen-Bedeckung in der Hosentasche – natürlich ging es wieder nicht ohne irgendwelche „Hygienekonzepte“ 🙄 .

Wir gratulieren!

Unser Pfarrsekretär wurde als ehrenamtlicher Musiker ausgezeichnet

Wenn Sie im Pfarramt von Herz Jesu Weimar anrufen, eine Chorprobe absagen und schlagfertig in gespielt bierernstem Ton zur Antwort erhalten: „Gut! Ich singe selber!“ – dann haben Sie zweifellos Herrn Thomas Grubert am Apparat, seit 2015 unverwüstlicher Pfarrsekretär unserer Gemeinde. „Lieber Gott! Verleih mir Geduld. Aber zackig!“ ist nur eines der kleinen Spruchtäfelchen, mit deren Lektüre ein etwa wartender Besucher sich seither in unserem Pfarrbüro die Zeit vertreiben kann. Das Schild „Ich war’s nicht!“ ist eigentlich immer aufgebaut. An der Wand hängt neben einem künstlerisch modern gehaltenen Triptychon in expressiver Farbigkeit die Urkunde über eine Auszeichnung des wöchentlichen Pfarrblättchens, dessen Erstellung selbstverständlich ebenfalls unserem Sekretär obliegt. Und wer das Auge durch den Raum schweifen läßt, kann auch die beleuchtbare Büste des „fünften Evangelisten“, Johann Sebastian Bachs nämlich, kaum übersehen, die seit Herrn Gruberts Walten in unserem Pfarrbüro die tiefe Fensternische ziert und uns bei der musikalischen Mitmachaktion „Bach in the stairways“ 2016 auch bereits wertvolle Dienste in einer themenorientierten Dekoration geleistet hat.

Herr Grubert ist nämlich eigentlich Musiker. Kein Berufsmusiker. Aber Musiker. Von daher ist das „Ich singe selber“ auch überhaupt nicht weit hergeholt. Alljährlich zu Fronleichnam ist er aus dem Projektchor am Hauptaltar nicht wegzudenken. Aber er singt nicht nur selber. Er dirigiert auch und leitet im Landkreis mehrere Chöre. Wer im Jahr 2017 unser Gemeindefest besucht hat, erinnert sich vielleicht noch, ihn am frühen Nachmittag zu einem Orgeleinsatz auf der Empore unserer Pfarrkirche gehört zu haben.

Regelmäßiger und ausgiebiger als in Herz Jesu Weimar, wo er musikalische Aktivitäten in der Regel nur nach Kräften unterstützen kann, lebt Thomas Grubert sein musikalisches Ich im Kirchspiel Donndorf aus. Als ehrenamtlicher Organist begleitet er in Eckolstädt, Schmiedehausen und Münchengosserstädt und eben Donndorf Sonntagsgottesdienste und beschert der Gemeinde jedes Mal „ein kleines sonntägliches Konzerterlebnis“.

Das glaube ich, obwohl es in der Zeitung stand 😉 . Unter dem Titel „Organist mit Leib und Seele“ berichtete unser Lokalblatt über die Preisverleihung des 13. Alexander-Wilhelm-Gottschalg-Preises 2020 des Weimarer Landes an – Thomas Grubert! Den Preis erhält, wer sich in besonderer Weise um die Kirchenmusik im Landkreis verdient gemacht hat. Die Preisverleihung fand bereits am 24. August statt. Insofern kommt unsere öffentliche Gratulation sehr sehr spät (mit einer Email war ich weitaus schneller). Aber besser spät als nie.
Schließlich dokumentieren wir sehr gern, daß in Weimar sogar die Pfarrsekretäre besonders sind, wenn man sie läßt.

Wir klopfen Herrn Grubert hiermit also symbolisch auf die Schultern und freuen uns von Herzen mit ihm über diesen sicherlich hochverdienten Preis. Er werde die Auszeichnung als Schwung mit in die nächsten Jahre nehmen, wird der Preisträger in der TLZ zitiert. In den Mühen einer coronagemaßregelten Gemeindearbeit kann das zur Zeit nur gut für alle sein!

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Für den Bachliebhaber, Enjoy! 🙂

 

Ohne Aufschrei (2/2)

Die Wallfahrtsabsage und andere Kollateralschäden

„Seit Beginn der Coronakrise starben in unseren Pflegeheimen und Krankenhäusern etwa 200.000 Menschen“, leitet die Pfarrerin und ehemalige Ministerpräsidentin Lieberknecht ihre Kritik an der Rolle der Kirche ein, „daß die Mehrheit trotz allen kirchlichen Einsatzes vor Ort einsam aus dem Leben schied. Mußte das sein? Nein.“  (TdH 28 vom 12. Juli 2020, S. 9, das ganzes Statement hier).

Was Christine Lieberknecht hier kritisiert, ist nicht mangelnder Einsatz einzelner Geistlicher, die zum Teil durchaus Wagnisse eingegangen sind – das erfährt man nur nicht, denn es war ja möglicherweise eine heldenhafte, weil heimliche Verbotsübertretung. Was Lieberknecht einfordert, ist das un-heimliche, das hörbare Aufbegehren der Kirchenoberen gegen die Zumutungen der geschlossenen Kirchen und verbotenen Gottesdienste sogar über die Osterfeiertage. Was sie kritisiert, ist das allzu willfährige Mittragen aller „staatlichen Hygienevorschriften, [die] einem würdigen Vollzug entgegenstehen“, wie Bischof Feige in Magdeburg verlauten ließ. Statt sich lautstark und so wiederholt wie die „Querdenker“ gegen die verordneten Maßnahmen auszusprechen, hielt Seine Exzellenz allerdings noch drei Wochen länger als staatlicherseits verordnet Messen nur in Ausnahmefällen (Totenmesse) ab.
Seine Strategie erinnert damit an die der Kliniken, die, um dem „Triagieren“ der in Überzahl erwarteten Covid-Patienten vorzubeugen, kurzerhand alle geplanten Operationen stornierten – sogar im Fall von Krebs- oder Herzkreislauferkrankungen. Das Triagieren, heißt das, wurde einfach in einen Bereich unterhalb des Radars der Pandemiediskussion und damit offenbar außerhalb des eingeengten Blicks der Öffentlich Rechtlichen Medien verlegt. Weshalb auch niemandem die daraus resultierende Todesstatistik präsent ist. Oder die der anderen „Kollateralschäden“ der Pandemiebekämpfung: „Ich habe“, sagt eine mir bekannte Weimarer Trauerbegleiterin, „ich habe die Menschen nicht wegen Covid beerdigt. Die sind an Einsamkeit gestorben.“

Ja – Herr Bischof. Auch darum bete ich: Um ein hörbares Eintreten unserer Kirchenoberen – wenn nicht generell für einen vernunft-, statt panikgesteuerten Umgang mit einer längst abgeklungenen Erkrankungswelle (hat nicht das scharfe Denken, das Beherrschen der Rhetorik und das Einschreiten gegen Aberglauben und magisches Denken die Kirche jahrhundertelang ausgezeichnet?), so doch um so energischer für die Belange der Kirche – die Meßfeiern mit Kantorendienst, Chor- und Gemeindegesang! Musik – das weiß man nicht erst seit Benedikts XVI. vehementem Eintreten für die Kirchenmusik – Musik ist nicht der Zuckerguß über dem Wort, sondern existentieller Bestandteil der Verkündigung.

Außerdem hält und macht Musizieren gesund! 🙂

Ich bitte also dringend: Verehrte Herren Pfarrer! Hören Sie auf, sich die Hände zu desinfizieren, wenn Sie nach der Wandlung mit dem Leib des Herrn in Berührung gekommen sind! Beteiligen Sie sich nicht an der Herausbildung multiresistenter Keime durch das Sterillium, mit dem man vor der Kirche beim Mund-Nase-bedeckten Einlaß traktiert wird. Die Schmierinfektion ist auch beim Coronavirus so gut wie ausgeschlossen (zumal alle ihr eigenes Gotteslob mitbringen). Und außerdem kommen unsere eigenen Bakterien auf der Haut ganz gut zurande – solange man sie nicht ständig mit abtötet. Nehmen Sie Ihren Türstehern die abschreckenden Masken weg! Sie haben – das zeigen die Verlaufskurven der Krankheitswelle – zu keinem Zeitpunkt eine Wirkung gehabt. Erwecken Sie nicht durch numerierte Klebeschildchen, daß Sie sich beim ‚Triagieren ums Himmelreich‘ innerlich schon auf Dauer eingestellt haben. Beschränken Sie sich beim Herunterbrechen generalvikarlicher Verordnungen nicht auf das lieblose Durchzählen von Quadratmetern und Personen, sondern ziehen Sie Zusatzinformationen zu den betreffenden Gruppen mit ins Kalkül. Zeigen Sie sicht- und spürbar mehr Phantasie in der Umsetzung der Gemeindebelange. Stehen Sie für das Seelenheil Ihrer Schäfchen mit derselben Vehemenz ein, die die Virologen für die Aufklärung über irgendwelche Krankheitserreger oder  die Wirtschaftsvertreter für die Betriebe an den Tag legen!

Es ist eine beachtliche Gruppe von Ärzten, Anwälten, Unternehmern und Menschen, die in ihrer Eigenschaft als Elternteile sich um die Initiative der Querdenker geschart hat. Die mit ihren Videos im vorliegenden Beitrag bereits erwähnten YouTuber Dr. Bodo Schiffmann (HNO-Arzt) und Samuel Eckert (Unternehmer) bekennen sich ausdrücklich zum Christentum, zitieren aus der Bibel oder halten veritable Kurzpredigten über Verse aus den Paulusbriefen (hier ab Minute 6:00). Samuel Eckert ist, so gewinnt man den Eindruck, mit beiden Beinen fest im christlichen Glauben verankert. Es wäre verwunderlich, wenn er nicht auch ins kirchliche Leben hinein Kontakte pflegte. Aber wie gesagt: Es ist eine beachtliche Gruppe von Ärzten, Anwälten, Unternehmern und Eltern, die sich um die Initiative der Querdenker geschart hat. Ein Priester, ein Bischof gar, eine Pastoralreferentin, eine Seelsorgeamtsleiterin, eine Gemeinderatsvorsitzende oder irgendjemand, der oder die für die Institution Kirche stehen könnte, ist nicht darunter.

Wenn man sich im kommenden Jahr wieder turnusmäßig über die steigenden Zahlen an Kirchenaustritten grämt, sollte zur Sprache kommen, wie gewaltsam den Gläubigen 2020 regelrecht anerzogen wurde, daß es auch ohne Kirche geht/gehen muß. Gerade jetzt, gerade nach diesem Frühjahr und Sommer, wäre die Durchführung der Wallfahrt so wichtig. Und die friedliche und teilnehmerreiche Demonstration am Stern in Berlin – drei Tage zuvor aus politischen Gründen verboten, aber durch tüchtige Anwälte durchgesetzt – hat gezeigt, daß sie immer noch möglich wäre.

 

Cornelie Becker-Lamers

 

 

Mittlerweile sind in Herz Jesu Weimar die nutzbaren Plätze – zwei pro Reihe – durch feste Aufkleber markiert (eigenes Bild Ende August 2020)

Ohne Aufschrei (1/2)

Die Wallfahrtsabsage und andere Maßnahmen

Am gestrigen 29. August fand um die Berliner Siegessäule herum eine große Demonstration statt. Trotz politischen Unwillens der Berliner Regierung sprachen die Verwaltungsgerichte in zwei Instanzen den Veranstaltern die Berechtigung zu ihrer Kundgebung zu.

Da die Polizei den Zug der rechtradikal durchmischten Demonstranten, die seit Freitag Abend am Brandenburger Tor ihre Zelte aufgeschlagen hatten und am Samstag um die Mittagszeit gegen Polizeikräfte und Reichstagsgebäude zu randalieren begannen, glücklicherweise aufgelöst hat, konnte die Kundgebung an der Siegessäule bis in die Dunkelheit friedlich und mit konstruktiver Kritik über die Bühne gehen. Luftaufnahmen aus dem Livestream zeigen, daß die „doppelten Abstandsregeln“, die Michael Köhler heute morgen im DLF noch einfordern zu müssen glaubte, den ganzen Tag über eingehalten wurden: Der physische Abstand zwischen den schütterer als gewöhnlich stehenden Teilnehmern wie der geistige Abstand zu politisch rechten Gruppierungen: Auf der Bühne an der Siegessäule agierte eine international durchmischte Gruppe (inklusive dem Überraschungsredner Robert Kennedy jr.) und die Veranstalter vermuteten oder wußten um eine ebensolche Teilnehmerschar: Die Abstandsregeln wurden in mindestens acht Sprachen durchgesagt und man begann mit der Kundgebung erst, als sich die Demonstrierenden in losen Gruppierungen von vermutlich gemeinsam Angereisten auf den riesigen Flächen von „Stern“ und angrenzenden Straßen verteilt hatten.

Das muß ich aufgrund der Medienberichterstattung leider so umfangreich vorausschicken, um den folgenden Text vor einem falschen Vorverständnis seitens der Leserschaft zu schützen. Ich schreibe vor dem Hintergrund der erwähnten Kundgebung und keiner anderen.

Also nochmal: Am gestrigen 29. August fand um die Berliner Siegessäule herum eine große Demonstration mit mehreren zigtausend Teilnehmenden statt. Quasi zeitgleich sagt unser Bischof die diesjährige Bistumswallfahrt am 20. September ab (vgl. TdH 35 vom 30.8.2020, S. 11). „Schweren Herzens“, wie er schreibt. Denn die „behördlichen Infektionsschutzmaßnahmen“, die „wir“ (wer auch immer das in diesem Falle ist – ich vermute einen pluralis majestatis) „unterstützen“, diese Infektionsschutzmaßnahmen hätten einen „kaum leistbaren Aufwand“ bedeutet: Einzäunung, Anmeldung und Anmeldebestätigung für die Besucher der Messe.

Das ist eigenartig. Zu der wie gesagt den ganzen Tag über friedlichen Kundgebung der politisch unabhängigen süddeutschen Gruppe „Querdenken“ am großen Stern auf der Straße des 17. Juni in Berlin mußte man sich schließlich auch nicht einzeln anmelden. Die Absperrungen hat – wie bei jeder Fronleichnamsprozession und jedem Martinsumzug auch – die Polizei besorgt. Es galt übrigens ausdrücklich keine Maskenpflicht, nur ein Abstandsgebot (vgl. hier ab Minute 24:02). Und letzterem hätte man, nach den Erfahrungen zur Besucherentwicklung der Bistumswallfahrten der letzten Jahre zu urteilen, auf unserem immerhin dreieinhalb Hektar großen Domplatz vermutlich vollständig entsprechen können.

Und das Format einer Kundgebung, fiel mir gestern beim Hineinschauen in den Livestream auf, kann man mühelos auf einen Gottesdienst übertragen: In Berlin begann die eigentliche Bühnenshow mit einer viertelstündigen Meditation. In der Zeit hat man das Kyrie und das Gloria einer Messe locker zelebriert. Man kann ja zur Not Taizé-Gesänge nehmen, die liegen stilistisch näher bei dem Gesang, in welchen die Musiker gestern alle Teilnehmenden der Kundgebung einzustimmen aufforderten.

Die Polizei schritt übrigens nicht ein, als Zigtausende zu singen begannen.

Es folgten verschiedene Redebeiträge – bei einer Wallfahrt wären das die beiden Lesungen, der Evangeliumstext und Predigt. Nach Art der Wechselrufe oder –gesänge, die ein Animateur in Berlin einstreute, kann man bei einer Wallfahrt das Agnus Dei und das Vater Unser beten. Und daß man sich bei einer Kundgebung auch auf offener Straße hinknien kann, haben die Black Lives Matter-Demos der letzten Wochen bewiesen.

Alles kein Problem.

Zu einem Anstieg der Infektionen ist es übrigens bei keiner der Großdemonstrationen der letzten Wochen gekommen – ob das Black Lives Matter in mehreren deutschen Großstädten war oder ob das die Demos der Querdenker waren (vgl. hier, bes. Minute 7:07-11:10). Dennoch mußte das Anwaltsteam, dessen Mitarbeit sich die Querdenkergruppe erfreut, sich argumentativ ins Zeug legen, um die Kundgebung am 29. August 2020 am Großen Stern zu ermöglichen. Der Innensenator hatte die Veranstaltung am Mittwoch untersagt. Ein Aufschrei ging durch die Community, die Querdenker haben geschuftet. Und sie haben ihre Veranstaltung realisiert. Sie wollen, so sagen sie, halt noch in den Spiegel schauen können.

Was tut die katholische Kirche in Deuschland? Hat man seit Mitte März einen einzigen Aufschrei gegen all die Zumutungen gehört? In Gestalt bspw. unseres Bischofs sagt sie noch jetzt, im September ihre jährliche Bistumswallfahrt „schweren Herzens“ von selber ab, noch bevor sie verboten werden könnte. ‚Helden wie wir‘.

Tatsächlich vermisse ich in der Kirche den Funken Einfallsreichtum, der mir den Glauben erleichtern würde, die Absagen aller Messen und Veranstaltungen sei in den letzten Monaten „schweren Herzens“ geschehen. Man läßt wohl auch „schweren Herzens“ die Weihwasserbecken leer, obwohl jedes Schulkind als Hausmittel gegen Atemwegserkrankungen das Gurgeln mit Salzwasser kennt? Salz können Viren nicht ausstehen. Cum grano salis ist Weihwasser in keiner viralen Infektionswelle ein Problem. 😉

Nun wird aber auch diese Wallfahrt vom Domplatz in den Innenraum verlegt, personenbegrenzt und in Internet und Rundfunk übertragen (u.a. domradio Köln am Sonntag, dem 20. September ab 10 Uhr.) Kein Ersatz für das Erleben im Raum, unter anderen Menschen, das hatten wir schon geschrieben.

Außerdem sollen wir, so sagt der Bischof, nicht aufhören zu beten, daß recht bald ein wirksamer Impfstoff gefunden werde gegen die Corona-Pandemie, die uns alle in Atem halte.

Nein, Herr Bischof. Nein. Ich werde nicht um den Impfstoff beten. Denn nicht ein viraler Infekt hält uns in Atem, sondern die unverhältnismäßigen Maßnahmen in einer – dafür sprechen wohl die Fakten – längst herdenimmunisierten Gesellschaft (an dieser Stelle seien die Videos des HNO-Arztes Dr. Bodo Schiffmann dringend empfohlen, z.B. hier, konkret Minute 19:00-25:00). Ich bete schon in diesem Zusammnahang. Aber ich bete darum, daß eine promovierte Naturwissenschaftlerin, die unsere Bundeskanzlerin ist, aufhört so zu tun, als ließe sie sich von vollständig dekontextualisierten Zahlen ins Boxhorn jagen. Ich bete, daß das RKI endlich seine eigenen Statistiken zu interpretieren beginnt. Denn das ist ja ganz wichtig zu erwähnen: Ärzte wie Dr. Schiffmann erfinden ja keine alternativen Zahlen, sondern sie präsentieren uns schlicht immer wieder die vom RKI und dem Statistischen Bundesamt publizierten Kurven. Das reicht, um uns alle Ängste zu nehmen. Ich bete also auch, daß die Medien endlich beginnen, terminologisch trennschärfer zu berichten. Daß die Journalisten endlich aufhören, „Infizierte“ zu sagen, wenn sie nur von positiven PCR-Tests sprechen können (vor deren Fehlerquote unser Gesundheitsminister Jens Spahn bereits öffentlich, aber leider erfolglos, gewarnt hat). Daß, wenn man von den möglicherweise Infizierten spricht, nicht „Kranke“ suggeriert, indem man bei den „inzwischen Genesenen“ stillschweigend auch jene mitzählt, die nie Symptome entwickelt haben. Daß nicht mit dramatischen Szenen das Schreckbild des „Beatmungspatienten“ aufgebaut wird, wenn man von möglicherweise Infizierten spricht – denn in den seltensten Fällen führte der Verlauf der Krankheit auf die Intensivstation. Und daß endlich nicht mehr eine einstellige Todeszahl „an oder im Zusammenhang mit Covid 19“ die Topnachricht im Deutschlandfunk darstellt.

„Seit Beginn der Coronakrise starben in unseren Pflegeheimen und Krankenhäusern etwa 200.000 Menschen“, leitet die Pfarrerin und ehemalige Ministerpräsidentin Lieberknecht ihre Kritik an der Rolle der Kirche ein, „daß die Mehrheit trotz allen kirchlichen Einsatzes vor Ort einsam aus dem Leben schied. Mußte das sein? Nein.“

 

Fortsetzung folgt morgen

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Entweder oder – oder Sowohl als auch? Desinfektionsmittelspender und Weihwasserspender in Herz Jesu Selzthal (Steiermark) Anfang August 2020 (eigenes Bild)

PuLa unterwegs: „Weine und Kohlen“

Als man endlich wieder eine Ferienwohnung beziehen durfte, und das sogar außerhalb Thüringens, haben wir vor drei Wochen mit einem befreundeten Ehepaar eine zweimal verschobene Weinprobe am Zusammenfluß von Saale und Unstrut nachgeholt. Wir waren in dem beschaulichen Dörflein Roßbach – mittlerweile Ortsteil von Naumburg –, das mit seinen gut 300 Einwohnern so hervorragend vom Weinverkauf zu leben scheint – die Ansammlung schmucker, von dicken Rosensträuchern umstandener und zumeist etwa 200 Jahre alter Häuser vor den rebenbestandenen Hängen ist eine Augenweide! –, daß man die zahlreichen Ferienquartiere kaum beworben und dennoch meist belegt findet. Zu unserem Glück hatte unsere mitreisende Freundin nicht nur herumtelefoniert, sondern sich den Flecken auch auf Google-Maps herangezoomt, so daß sie für uns vier endlich doch ein Häuschen in der sich im Saaletal entlangziehenden, sinnigerweise mit dem Gemarkungsnamen „Weinberge“ betitelten Straße ausfindig gemacht und für uns reserviert hatte.

Mir oblag – wie häufig bei unseren gemeinsamen Kurzurlauben – die Recherche nach den Möglichkeiten des sonntäglichen Meßbesuchs. Und da der beschauliche Flecken neben allem anderen auch noch über eine – oh Wunder: katholisch geweihte, nach Alter der Bausubstanz wie architektonischer Ausdehnung gleichermaßen bemerkenswerte Kirche verfügt, ruhte ich nicht eher, als bis ich einen Kontakt hergestellt hatte, der uns zwar keine Messe in diesem dem Patrozinium der Heiligen Elisabeth unterstellten Gotteshaus, wohl aber eine Besichtigung der majestätisch über den Dächern Roßbachs thronenden, in ihren ältesten Teilen spätgotischen Anlage ermöglichte.

Die katholische Kirche St. Elisabeth in Roßbach (Naumburg); links oben im Bild ein nach wie vor nur zu Fuß erreichbares Quartier der Jugendbildungsstätte St. Michael (eigenes Bild)

Da die eigentlich zuständige Jugendbildungsstätte in der Nachbarschaft der Kirche wegen Corona-Maßnahmen unterbesetzt war, gelang dies über die rührige Gemeindereferentin der Pfarrei St. Peter und Paul Naumburg, der St. Elisabeth Roßbach mittlerweile zugeschlagen ist. Einige Emails gingen hin und her, wir verabredeten uns am Sonntag um 10 Uhr zum Hochamt in der Pfarrkirche und fuhren nach den üblichen Gesprächen, in welche die Diaspora auch und gerade fremde Meßbesucher immer sofort verwickelt (natürlich wurden uns zuguterletzt von einer betagten Erzieherin Grüße an ein uns bekanntes Weimarer Ehepaar aufgetragen…) gemeinsam nach Roßbach.

St. Peter und Paul Naumburg (eigenes Bild)

Hinter den Kommunionschranken der im Juni 1962 geweihten Kirche der charakteristische Chorraum dieses Typs basilikaler DDR-Kirchenbauten (eigenes Bild)

Ein Ruhestandspfarrer erwartete uns schon vor der offenen Pforte von St. Elisabeth und eine gute Stunde dürfte mit historischen Erläuterungen, mit Schauen, Nachfragen und Gesprächen allein in der Kirche vergangen sein, bevor wir noch die Jugendbildungsstätte besichtigen und ihre Geschichte als einstigen Sitz von Grauen Schwestern (die schließlich auf der Flucht vor der Staatssicherheit aus dem Fenster sprangen) erfahren durften.

Auf einige besondere Ausstattungsmerkmale von St. Elisabeth möchte ich Sie hinweisen. Die Kirche, die 1897/98 von den zeitweilig eingebauten Emporen befreit und zu einem Saalbau erweitert wurde, besitzt nämlich im Eingangsbereich einen sehr ausdrucksvollen modernen Kreuzweg. Schauen Sie:

Station VI (Veronika) des Kreuzweges in St. Elisabeth Roßbach (eigenes Bild)

Station IX (Jesus fällt zum dritten Mal); die konsequent graphische Anlage in der künstlerischen Gestaltung ermöglicht ausdrucksstarke Formulierungen der Kreuzwegmotive (eigenes Bild)

Aus Laucha hat man eine spätmittelalterliche Statue nach St. Elisabeth übernommen, bei deren Identifizierung durch den Verlust ihrer steinernen Unterarme auch der zuständige Geistliche unsicher ist: Handelt es sich um eine Madonna, deren Christusknabe verloren ging, die aber auch nie einen Mond zu Füßen hatte, nie auf eine Schlange trat? Oder stellt die Figur eine Elisabeth dar, deren Arme einst Rosen gehalten hatten – ohne sie jedoch in der Schürze zu bergen?

Die rätselhafte Heiligenfigur in St. Elisabeth Roßbach (eigenes Bild)

Natürlich gibt es mittelalterliche Schlußsteine in den Deckengewölben und Jugendstilfenster aus der Zeit des Umbaus zu sehen. Zuletzt wurde die Kirche 1980 saniert – und diese Sanierung ist auch der Grund, warum sie wieder katholisch geweiht wurde: Der evangelischen Landeskirche fehlte zu dieser Zeit das Geld für die Restaurierung und die Weltkirche sprang ein.

Am Vortag hatte ich bereits das Angelusläuten von St. Elisabeth aufgenommen, weil es zeitlich zufällig gerade paßte. Mit dem kurzen Film, den ich hiervon auf unserem YouTube-chanel gepostet habe, möchte ich schließen. Enjoy 🙂

 

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Die heutige Überschrift zitiert einen running gag des Asterixbandes „Der Avernerschild“: In Gergovia, wohin die gallischen Helden auf der Suche nach dem Schild des Vercingetorix gelangen, bietet jedes Haus „Weine und Kohlen“ zum Verkauf an.

Sie war’s nicht!

Gestern abend hatten wir eine Vermutung geäußert über eine versehentlich ohne Namensnennung in der TLZ erschienene Reaktion auf einen Leserbrief von mir.
Nun, die Dame aus Weimar, von der wir vermutet hatten, sie könnte die Autorin sein, war es nicht. Heute kam die Auflösung und es war ein Herr aus Erfurt.

Herr Simon Kokott, um genau zu sein. Herr Kokott war bis Ende 2018 Personal- und Verwaltungschef des Diözesan Caritasverbands, wie man in diesem Artikel hier über seine Verabschiedung nachlesen kann. Wenn man diesen Text genau liest, wird einem noch so allerlei klar, aber ich will heute nur sagen, die geäußerten Positionen (die wir noch im einzelnen kennenlernen werden) passen genau zu einem so typischen Vertreter des deutschen Gremien- und Verbandskatholizismus… Das ist die Art, wie da gedacht wird. 🙁

So, das mußte heute abend klargestellt werden und jetzt genehmige ich mir ein Extra-Schlückchen auf den schönen Tag, an dem Rom, nur zwei Tage nach dem 150. Jubiläum von Pastor æeternus eine umfassende Instruktion mit Richtlinien zur Gestaltung der Pfarreien veröffentlicht hat.
Ich habe sie natürlich noch nicht vollständig lesen können, aber in Nr. 66 verbietet sie z.B. die Verwendung des Begriffs “Leitungsteam”.
Wunderbar, ganz wunderbar! Danke, liebe Kleruskongregation, ganz herzlichen Dank! 😀 😎

Gereon Lamers

Sind Sie’s, Frau Engelstädter?

Das ist jetzt wirklich spannend! Fünf Jahre, nachdem es im Sommer 2015 hoch her ging mit Leserbriefen pro und contra PuLa, bzw. der hier vertretenen Meinungen ist es wieder soweit: Am 17. Juli erschienen Teile eines Leserbriefs, der auf einen Text von mir am 11. Juli in der TLZ reagierte, der wiederum einen Artikel vom 7. Juli kritisierte, in dem es um die Aussagen von Frau Prof. J. Knop, Erfurt über den Kurs der Kirche “nach Corona” ging; Sie haben das sicher der Sache nach verfolgt. Üble Sachen!

Und warum, so mögen Sie sich jetzt fragen, formuliere ich die Überschrift in der Frageform? Weil die TLZ irrtümlich erneut meinen Namen unter das Fragment gesetzt hat, in dem ja mein Text kritisiert wird! Der Chefredakteur, Herr Nils Kawig, persönlich hat für dieses Mißgeschick um Entschuldigung gebeten, was ich höchst anständig finde! und angekündigt, morgen (Montag, 20. Juli) würde das Geheimnis um die wahre Autorin/den wahren Autoren gelüftet.

Und nun sind wir hier bei PuLa natürlich sehr gespannt und stellen Mutmaßungen an, welcher unser treuen “Fans” es wohl gewesen sein mag.
Naja, und Stil und “Argumentationsweise” ließen uns eben auf den Gedanken kommen, der in der Überschrift zum Ausdruck kommt,,, 😉

Morgen wissen wir mehr und sobald ich dazu komme (der Urlaub steht relativ nah bevor! 🙂 ) wollen wir unseren treuen Lesern diese jüngste Episode der Weimarer katholischen Quisquilien natürlich nicht vorenthalten, zumal die jüngsten Erfurter theologischen Unsäglichkeiten, als der eigentliche Auslöser, leider Gottes bundesweit, ja, international wahrgenommen wurden und, einmal mehr, den Ruf der Kirche in Deutschland beschädigen. Widerspruch tut not.

 

Gereon Lamers

Sketch des Monats: Die Fronleichnamsprozession

Ein Sketch für drei Personen

 

Wir befinden uns im 35. Jahr der segensreichen Regentschaft Ottos IV. („mit dem Pfeil“), Markgraf von Brandenburg aus dem Geschlecht der Askanier. Es ist der 25. Tag des Winnemanot. Die Christenheit feiert das Hochfest Fronleichnam. In der kleinen Ansiedlung Tschudowitz im Oderbruch herrscht reges Treiben. Der neue Pfarrer – Conradus von Mihildorpa hatte sich zunehmender Zwistigkeiten in der Pfarrei zufolge vor Jahren zum Dienst im Siechenhaus abberufen lassen und geistert nur von Zeit zu Zeit noch in und um seine alte Wirkungsstätte herum – möchte alles für die feierliche Prozession vorbereiten. Die „Bärin“ steht ihm dabei wie eh und je zur Seite. Außerdem erwartete den neuen Pfarrer schon bei Dienstantritt ein lustiger Spielmann als Scriptor, als Ansprechpartner der Dorfbewohner und überhaupt zur allgemeinen Verbesserung der Laune.

Zum leichteren Verständnis ist die in polabischer Sprache geführte Unterhaltung in heutigem Deutsch wiedergegeben.

Der Spielmann (singt): „Ihc wil singhen in der nuwen wise/ eyn let von dem der mich ghemachet hat/ der mach mir nemen unde gheben waz her wil.“
(Er tritt einen Blasebalg, der Luft in mehrere unterschiedlich durchlöcherte Pfahlrohre führt und bläst zugleich auf einem kleinen geschnitzten Flötchen.)

Der Pfarrer (tritt an die Tür und stiert düster hinaus in den Regen): Es gießt in Strömen!

Die Bärin (trägt einen schlichten, aber dichten Regenschutz aus der Kammer in den Raum): Ich hab das Pluviale schon herausgeholt und ausgebessert. (Sie breitet den halbkreisförmigen Mantel auf dem Tisch aus.)

Ein Pluviale – also ein riesiges priesterliches Regencape – des Messornats vom Goldenen Vlies (Bild: Wikimedia Commons; gemeinfrei; Urheber Gryffindor)

Der Pfarrer (schließt die Tür und tritt zurück in den Raum): Wir können heute keine Prozession gehen! Wir müssen in der Kirche feiern.

Die Bärin: Ausgeschlossen! Wir sind doch nicht aus Zucker. Und die Leute auch nicht.

Der Pfarrer: Wir gehen nicht.

Die Bärin: Der Baldachin für das Allerheiligste steht in der Scheune vom alten Labun. Alles ist bereit!

Der Pfarrer: Es ist zu naß.

Die Bärin (barsch): Sind wir vielleicht eine Schönwetterreligion? Wenn wir die Menschen für uns gewinnen wollen, müssen wir schon nach draußen gehen und uns zum Herrn bekennen.

Der Pfarrer: Dieses neumodische Fest! Wir müssen sowieso nicht alles nachmachen, was aus dem Westen kommt!

Die Bärin: Es wurde immerhin vor über 30 Jahren vom Papst für die ganze Kirche verbindlich eingeführt.

Der Pfarrer: Was sind 30 Jahre?

Der Spielmann (singt leise vor sich hin): „Kåtü mes ninkă båit?/ Ťelka mes ninkă båit./ Ťelka rici/ Våpăk kå naimo kå dvemo:/ Joz jis vilťĕ grüznă Zenă;/ Nemüg ninkă båit/ Joz nemüg ninkă båit.“

Von draußen hört man ein charakteristisches Klappern: Die Leprösen kommen und betteln, wie es ihr Privileg nur an Feiertagen ist.

Die Bärin (horcht auf): Was ist das für ein Geräusch?

Der Spielmann (unterbricht sein Spielen und horcht ebenfalls): Ah! Das sind die neuen Kl-App-ern der Infizierten.

Die Bärin: Die was?

Der Spielmann: Die Kl-App-ern. Die Infizierten sollen alle anderen in ihrer näheren Umgebung auf sich aufmerksam machen. Dazu haben sie von der Herrschaft aus jetzt Kl-App-ern ausgegeben. (Er lauscht.) Ich finde, der Klang hat was … so rein vom Musikalischen her …

Die Bärin: Willst du mich ver-apple-n?

Der Spielmann (unschuldig): Aber nein! (Er stellt seine kleine Orgel beiseite, lächelt die Bärin an und erhebt sich.)

Der Pfarrer: Hast du schon die Sachen rausgelegt, falls die Siechen wieder ihre Handschuhe für die Brücken- und Treppengeländer vergessen haben?

Der Spielmann: Es liegen L-App-en und alles bereit. Wir sollten die Kranken aber nicht so aussondern …

Der Pfarrer: Jetzt auch das noch! Es reicht! Wir haben die Anweisung, Menschen bei den geringsten Anzeichen der Krankheit an den Kirchentüren abzuweisen. Basta!

Der Spielmann (vorsichtig): Vor hundert Jahren hat ein frommer Mönch …

Der Pfarrer: Ich will nichts hören! (Er tritt wieder unter die Tür und sieht hinaus.) Leg die Pfennige und das Hacksilber zurecht, dann haben wir unserer Pflicht genüge getan. (Er tritt in den Regen hinaus.)

Der Spielmann (halb für sich): Die schöne Elisabeth von Thüringen … (die Bärin unterbricht ihn mit einer Geste ihrer Hand.)

Der Pfarrer (tritt zurück in den Raum, zur Bärin): Vielleicht hast du recht. Von Westen her scheint es aufzuklaren. Wollen wir mit Gottes Hilfe die Prozession durchführen. Zuvor laßt uns beten. (Alle drei knien sich hin und stimmen in das Gebet ein, das der Herr uns zu beten gelehrt hat):

Nos Fader, tå tåi jis vå nĕbiśai,
sjǫtă vårdă tüji jaimă;
Tüjă rik komă;
Tüjă viľă šinót, kok vå nĕbiśai, tok kăk no zimě;
nosėj vėsědanesnă sťaibě doj-năm dans;
un vitědoj-năm nos grex, kăk moi vitědojimě nosěm gresnărüm;
un ni brinďoj nos kå farsükońě;
tåi lözoj nos vit vėsokăg x́audăg.
Pritü tüje ją tü ťenądztwü un müc un câst, warchni Büzac, nekąda in nekędisa.
Amen.

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Ja, liebe Leser. Was für eine Geschichte! Sie ist diesmal wirklich frei erfunden und etwaige Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind rein zufällig. Es sollen keinesfalls Geschehnisse abgebildet werden, die sich tatsächlich ereignet haben. Was man schon daran sieht, daß die Fronleichnamsprozession in Herz Jesu Weimar am vergangenen Sonntagmorgen tatsächlich ausgefallen ist. Und was man daran sieht, daß es in Tschudowitz im Mittelalter ansteckend Kranke gab, die auf sich aufmerksam machen mußten, nur gegen den Wind sprechen und nur mit Handschuhen über die Brücke gehen durften. Damit sie das Geländer nicht kontaminieren. In Herz Jesu Weimar ist niemand ernsthaft ansteckend krank. Seit Tagen oder Wochen. Da sind die Schutzmaßnahmen – nichts und niemanden anfassen und am besten nicht ausatmen – nur noch aufgrund der Trägheit des Systems noch nicht aufgehoben.

Aber eines ist schon historisch, was ich verwendet habe – und das sind die Lieder, die der Spielmann singt. Ein geistliches Lied des Minnesängers Witzlaw, überliefert in der sehr sehr alten Jenaer Liederhandschrift aus dem frühen 14. Jahrhundert. Witzlaw wird mit Witzlaw III., dem letzten slawischen Fürsten auf Rügen, identifiziert. Dieser soll auch die Vogelhochzeit (das „Kåtü mes ninkă båit?“) verfaßt haben, die der Spielmann hier singt und die neben dem polabischen Vater Unser eines der letzten erhaltenen Sprachdenkmäler dieser ausgestorbenen slawischen Sprache ist.

Ach übrigens – Weimar! Auch … raten Sie, wer? Natürlich! Johann Wolfgang von Goethe hat sich dieses Liedtextes bedient, und zwar für sein frühes Singspiel „Die Fischerin“, das am 22. Juli 1782 im Tiefurter Park uraufgeführt wurde. In der Vertonung von Mademoiselle Schröter. – Wie bitte? – Jaja, genau: CORONA Schröter. 😛

Warten auf Godot

Es müßte eigentlich das Stück der Stunde sein: Samuel Becketts „Warten auf Godot – das zwar nicht absurde Theater, aber das Theater des absurden und vergeblichen Wartens auf ein angekündigtes aber bis zuletzt nicht eintretendes Ereignis. Das Stück ist Sprechtheater mit zwei Hauptfiguren und drei Nebenrollen: Mit fünf Mann also ideal für coronabeschränkte Raumsituationen. Und inhaltlich die ideale Ausdeutung coronabeschränkter Anordnungen: Der Ausnahmezustand wird aufgehoben, wenn die Zahl der Infizierten sich in erst 10 Tagen verdoppelt – ach nein, sagen wir 14 Tage … ach, die haben wir schon? – Na gut, dann nehmen wir die Reproduktionszahl. Solange geht ihr gar nicht oder nur ab und zu in die Schule, dürft euch nicht in Gruppen treffen und in den Gottesdiensten am besten überhaupt nicht singen. In Chören jedenfalls nicht.

Die Mund-Nasen-Bedeckungen, die nach wie vor beim Einkauf lästig und für z.B. Frisöre, die sie stundenlang tragen müssen, sogar gefährlich sind, werden gerne als Kotau vor den mittlerweile von Etlichen nur noch als unsinnig empfundenen Maßnahmen gedeutet. Ich glaube, sie sind das sichtbare Zeichen, das jede Religion braucht. Denn eine Art Ersatzreligion haben wir da ja schon, mit dieser “Pandemie”. Das hat PuLa ja unlängst bereits thematisiert. Wir haben Propheten, die Konträres vorhersagen und sich gegenseitig des Verbrechens zeihen. Wir haben Anhänger auf der einen wie auf der anderen Seite. Wir haben eine Art Isebel, die die falschen Propheten stützt und für die der aufgeklärt-gemäßigte Mob unserer postindustriellen Gesellschaft immer lauter die sanfte Strafe eines Untersuchungsausschusses, des sofortigen Rücktritts und der Rechenschaft fordert (zur Vorbildgeschichte vgl. 1 Kön 17 ff.)

Ja – und Religion braucht Zeichen. Deshalb bereiste Helena, die Mutter Konstantins des Großen, im Zuge der Aufwertung des Christentums und ihrer eigenen Bekehrung das Heilige Land, um den Kreuzesstamm und die Gebeine der Magier aus Ekbatana – vulgo der Heiligen Drei Könige – aufzuspüren. Das Volk braucht Berührungsreliquien und sichtbare Zeichen. Und da nun dieses Virus und die von ihm ausgehende Gefahr für die Bevölkerung ja schon unsichtbar ist und das Sich-Nicht-Berühren auch nur eine Sichtbarmachung ex negativo bedeuten kann, tragen wir seit unserer Zwangsbekehrung zur Religion der Corona-Fürchtigen am 24. April 2020 in Thüringen selbstgenähte Mund-Nasen-Bedeckungen. Und warten auf Godot: Auf die „Zweite Welle“ die einen, auf das Ende des Irrsinns die anderen. Und beides kommt nicht. „Nichts zu machen“, wie es im Theaterstück immer wieder heißt.

Glücklicherweise sind die Richtlinien des Bistums und auch der Stadt Weimar (in Form der neuen Hausordnung der städtischen Musikschule) sehr eindeutig und grenzen – ganz nach dem Vorbild der Anzahl der Kunden pro Quadratmeter Einkaufszentrum – kleine Scholen bzw. Ensembles mit bis zu fünf Personen von Chören und Orchestern ab: Die kleinen Ensembles dürfen sich wieder zum Proben treffen – ja, deren Singen auch in den Messen ist im Bistum Erfurt sogar „erwünscht“.

Wer lesen kann, ist da klar im Vorteil. In dem Krisenstab, der vorgestern zur weiteren Anpassung der Verhaltensrichtlinien in unserer Pfarrei an die neuesten Corona-Schutzmaßnahmen tagte, können das eigentlich alle.

Warum nur haben sie es nicht getan?

Jedenfalls haben sie Chöre und Ensembles in einen Topf geworfen, den Deckel draufgemacht und den Topf auf das sprichwörtliche Abstellgleis rangiert. Ja – die Sitzung hat es sogar geschafft, unseren Pfarrer zur Rücknahme seiner bereits getroffenen und in den Vermeldungen der vergangenen Woche dokumentierten Entscheidung der Wiederzulassung der Cäciliniproben zu bewegen. Und er hatte offenbar leider ebenfalls die Sätze – „Argumente“, muß man ja fast schon sagen … – nicht parat, die in mehreren Emails zwischen ihm und mir hin- und hergegangen waren und ihn in den Stand gesetzt hätten, seine Entscheidung zu verteidigen. So daß nun sowohl unser kleines Instrumentalensemble als auch das Vokalensemble Cäcilini weiterhin … naja – wir werden sehen, was sich ergibt.

Die diesmaligen Vermeldungen mit der Ankündigung der Cäciliniprobe in Gemeinderäumen: schützenswert, da erstmal wieder von Seltenheitswert (Screenshot der Herz-Jesu-Homepage am 6. Juni 2020, 18.30 h)

Wenn man nicht alles selber macht! Bis uns als großer Pfarrei endlich eine Kantorenstelle bewilligt wird, auf der dann eine Person sitzt, die sowohl die Orgeldienste als auch das Singen für alle Altersgruppen interessiert im Blick hat, müssen in Herz Jesu Weimar offenbar immer die LeiterInnen aller betroffenen Gruppen (so viele sind es ja nicht mehr) in solche Krisensitzungen einbezogen werden. Denn augenscheinlich können oder möchten alle Ehrenamtlichen nur für ihre eigene Gruppe sprechen oder werden nur in Bezug auf diese gehört.

Wie auch immer – ewig kann’s ja nun wirklich nicht mehr dauern mit der Beschneidung der Lebensqualität. Vielleicht singen die Cäcilini bis dahin ein bißchen in die WhatsApp-Gruppe? 😀 Oder – zusammen sitzen darf man ja wieder – wir gucken gemeinsam … WARTEN AUF GODOT!
Enjoy 😉

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Naja, ob es mit dem Vergnügen bei diesem Stück so weit her ist…? 🙄 Aber egal, richtig ist natürlich einfach ganz praktisch: Es wäre das ideale Stück in diesen Zeiten. Tun wir jedoch einen kleinen Weimarischen Seitenblick außerhalb des katholischen Bereichs, so kann man sich ja schon fragen, wann eigentlich das Theater wieder angeht. Also, das echte, nicht das Dauer-Theater in dieser Pfarrei 😉 , sprich das DNT. Ob da der Intendant sich ziert, mit reduzierter Personenzahl den Vorhang hochgehen zu lassen? Als ob sonst immer  so viel mehr kämen, als die 185, die nach unsrer Kenntnis dürften! Aber das Ego…
Ich weiß nicht, woran erinnert mich das jetzt doch wieder im kirchlichen Bereich?
Richtig, an das Bistum Magdeburg! Dort hat man bekanntlich ja auch die Wiederaufnahme der öffentlichen Gottesdienste deutlich länger rausgeschoben, als es staatlicherseits geboten war. Und ich dachte immer, Bischöfe und Intendanten werden für ihre Arbeit nicht nur bezahlt, sondern
könnten eigentlich gar nicht anders, als ihre Arbeit zu tun/ihrer Berufung nachzugehen.

Gereon Lamers