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Der Tennisschläger im Herrgottswinkel

Zur religiösen Symbolik in Buñuels „Andalusischem Hund“

Am kommenden Dienstag, 30. April ist in der Weimarhalle ab 19.30 Uhr der surrealistische Stummfilm „Ein andalusischer Hund“ von Luis Buñuel und Salvador Dalí zu sehen. Als Filmmusik erklingen wie bei der Uraufführung abwechselnd Tangos und der „Liebestod“ aus Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“. Nur daß diese Musik nicht wie 1929 von einem hinter der Bühne plazierten Grammophon kommt, sondern vom Orchester der Musikhochschule Franz Liszt Weimar unter der Leitung von Professor Nicolás Pasquet live gespielt wird. Da der Film nur sechszehn Minuten dauert (das reicht auch …), wird er zweimal gezeigt, beim zweiten Durchgang mit der 1983 eigens zum Film komponierten Musik von Mauricio Kagel.

Hm. Was hat diese Information auf einem Blog mit dem Untertitel „Katholisch in Weimar“ („OCC“) zu suchen? Buñuel und Dalí waren katholisch, klar. Aber sieht man das auch? Ich glaube schon. Daß in dem Film die Religionskritik einigermaßen offensichtlich ist, steht in den Kommentaren recht einhellig fest. Die über den Boden geschleiften Seminaristen und so. Die Kirche, die die Begierden des Mannes hemmt. Paßte den Surrealisten natürlich nicht.

Ein bißchen zu kurz kommt mir internetweit nicht nur der Verweis auf Franz Kafka, sondern auch Erwähnung und Deutung konkreter Symbole und Symbolhandlungen, die mir beim ersten Schauen heute (oder Wiederschauen, ich glaube, vor 25 Jahren habe ich den Film schon einmal in einem Museum laufen sehen) sofort ins Auge fielen. Um nicht zu sagen: Ich vermisse diese Hinweise im Netz vollständig. Professor Lorenz Engell (Bauhaus-Universität) wird sie und vieles mehr bei seiner Einführung am Dienstag ab 18.45 Uhr vermutlich erwähnen. Aber man kann ja schon mal ein bißchen neugierig machen. Mein kleiner Teaser beansprucht dabei überhaupt keine Vollständigkeit sondern soll nur beginnen zu ergänzen, was im Netz meiner Recherche nach bisher fehlt.

Schauen wir zunächst den Film. YouTube hat ihn mit den Originalmusiken. Das übliche „enjoy“ kann man diesmal aber beim besten Willen nicht schreiben.

Grundlage zur Idee des Films waren zwei Träume der Drehbuchautoren: Buñuel soll von der Wolke geträumt haben, die den Mond durchschnitt, Dalí von den Ameisen in der Hand – die beiden Hauptschocker des Filmes. Diese Hand ist mehrmals zu sehen, zuerst ab Minute 5:10. Die Ameisen krabbeln aus einer kleinen runden Wunde im Handteller – eine ikonographisch sehr eindeutige Anspielung auf ein Stigma, die Christuswunde. Zugleich steht hinter dieser sprichwörtlich „kafkaesken“ Situation tatsächlich eine Erzählung Franz Kafkas: „Ein Landarzt“. 1917 entstanden, erschien der Text 1918 erstmals und war 1920 bereits namengebend für eine ganze Sammlung von Erzählungen des Autors. Zwölf Jahre älter als der Film – Buñuel und Dalí mit Sicherheit bekannt. Im „Landarzt“ ist es eine schwärende handtellergroße Wunde im Lendenbereich eines Heranwachsenden, aus der Würmer kriechen und die für die Unheilbarkeit des Leidens steht. Zeitgemäße psychoanalytische Deutungen (1917 formulierte Sigmund Freud auf der Grundlage seiner Entdeckung des Unbewußten den berühmten Satz, „das Ich [sei] nicht Herr im eigenen Hause“) sehen darin einen Hinweis auf die Triebgesteuertheit des Menschen (im Film konkret der männlichen Hauptfigur) – altmodisch gesprochen also auf die Todsünde der Luxuria: Unheilbar und (so m.E. die Aussage des Films) schrecklich wie das Leiden Christi.

Der Film aber kehrt, so entnimmt man den Kommentaren, die Bewertung der Leidenschaft um. Religion und Bildungsbürgertum (symbolisiert in zwei Seminaristen und zwei Konzertflügeln ab Minute 10:47) hemmen die Wollust – und das ist wiederum dem Leiden Christi vergleichbar: Unübersehbar die Symbolik des Kreuztragens in dieser Szene (gesamt ab Minute 10:25). Der Mann schultert die schwere Last und stürzt (zunächst als Slapstick inszeniert) mehrmals unter ihr. Bei Licht besehen aber drosselt allein die entschlossene Gegenwehr der Frau die Leidenschaft ihres Verfolgers und der Rückgriff auf Kultur und Religion erscheinen als Übersprungshandlungen, die seine Energie hilfreich ablenken.

Vorbereitet wurden in meiner Wahrnehmung all diese Deutungen durch einen Gegenstand an der Wand, der mehrmals unvollständig ins Bild kommt, bevor er ab Minute 9:52 zur Waffe wird. In Minute 4:50, bei einer Art Totenwache der weiblichen Hauptfigur, fiel er mir erstmals auf und ich hielt ihn für ein Kruzifix an der Wand des Schlafzimmers. Ein Kruzifix mit Dach. Erst in Minute 9:52, als die Frau vor der Vergewaltigung durch den aufdringlichen Mann flieht und den Gegenstand als Waffe von der Wand reißt, sah ich, was es statt dessen war. An der Wand, vom Bett aus gut sichtbar, hängt kein Kruzifix, sondern ein Tennisschläger mit damals noch notwendigem Spannrahmen.

Soweit zu diesem erweiterten Veranstaltungshinweis. Die Idee des Sports als Ersatzreligion führt uns nämlich zu einem sehr guten Text, der letzten Samstag, 27. April, als Wort zum Sonntag unseres Pfarrers in unserer Lokalzeitung erschien. Aber das ist eine andere Geschichte, auf die wir dieser Tage sicherlich noch zurückkommen werden.

Cornelie Becker-Lamers

Sketch des Monats: Die Marketingbewerbung

Ein Sketch zum ‘Osterlachen’ für vier Personen

Irgendwo in den Vororten einer süddeutschen Metropole. An einem Besprechungstisch sitzen zwei Personen, eine sehr gepflegte Dame undefinierbaren Alters und ein junger Herr. Sie sind in ein intensives Gespräch vertieft. Vor den beiden liegen stapelweise Unterlagen und Bewerbungsmappen. Außerdem steht ein betriebsbereites Notebook auf dem Tisch. Gesprächsfetzen kann man entnehmen, daß es um die Beurteilung dieser eingereichten Unterlagen geht – und daß man sich offenbar in der Marketingabteilung eines renommierten Autoherstellers befindet.

Die Dame: Was sagen Sie denn zu dem hier? (Sie blättert eine der Mappen auf.)

Der Herr: Eine Frechheit! (Er schnaubt und wirft den Kugelschreiber auf den Tisch.) Womit wir hier unsere kostbare Zeit vertun!

Die Dame: Das dachte ich im ersten Moment auch … aber es ist so irre, daß ich ein zweites Mal draufgeschaut habe. Irgendwas ist damit los. Ich werde nicht ganz schlau daraus. Aber graphisch ist es jedenfalls nicht uninteressant.

Der Herr: Das will ich Ihnen gerne zugestehn. Aber mit Verlaub – wir haben eine Stelle in der Werbung für unser Unternehmen ausgeschrieben. Und was liefert dieser … dieser …

Die Dame: Herr Anderlechner.

Der Herr: Dieser Herr Anderlechner? Haben Sie sich das Video angesehen, das er mitgeschickt hat? (er entnimmt der Bewerbungsmappe einen Stick und schiebt ihn – zunächst falschrum – in den USB-Stecker des Notebooks.)

Die Dame: Selbstverständlich. Köstlich! Geradezu Anti-Werbung. Die reine Satire! Ich frage mich, was dahinter steckt. Schlecht gemacht ist es nicht – der Mann hat zweifellos Talent!

Der Herr (während er im Dateimanager nach dem Film auf dem Stick sucht): In seinen Texten schlägt er vor, die Kunden sollten sich unbedingt den Produkten unserer schärfsten Konkurrenz zuwenden. Ist der Mann noch bei Trost?

Die Dame (blättert): Ja – köstlich, nicht wahr? Hier: Es sei doch vollständig gleichgültig, welches Auto man fahre, Hauptsache, man komme ans Ziel. (Sie lacht.) In großen Lettern (sie zeigt ihrem Kollegen das Blatt.)

Der Herr (hat sich nun doch auf eine Revue dieser Unterlagen eingelassen): Es kommt ja noch besser: Er sei gegen die Bezeichnung „Autobranche“. Das schließe ja die Fußgänger und Radfahrer aus. Man solle gefälligst ganz genderneutral nur noch von „Verkehrsteilhabe“ sprechen.

Die Dame (lacht): Und außerdem – immer diese Autos. Er könne gar nicht verstehen, warum so viele Menschen sich dafür begeistern. Man solle in der Werbung den Chef lieber bei der Gartenarbeit, als mit einem schicken Auto zeigen.

Der Herr (bringt nun den Film ans Laufen): Hier! Der Chef fährt auf den Hof der Konkurrenz und klebt kurz vor dem Werkstor den Stern auf der Kühlerhaube ab! (Man sieht die entsprechende Sequenz auf dem Display.)

Die Dame: Wo hat der Mann eigentlich vorher gearbeitet?

Der Herr (zieht den Lebenslauf aus der Mappe und prustet kurz los): Ha! Beim Erzbischof von München und Freising!

Die Dame: Bei Kardinal Marx?

Der Herr: Genau dem!

Die Dame (wirft die Mappe flach auf den Tisch und lehnt sich zurück): Ich finde, wir sollten ihn unbedingt mit einladen. Der Mann hat Potential, das spüre ich.

(Es klopft heftig an die Tür des Besprechungsraumes.)

Die Dame (laut) Herein!

Ein Angestellter (steckt den Kopf zur Tür herein): Entschuldigung – aber einer der Bewerber läßt sich nicht abwimmeln – er sagt, er muß Sie unbedingt sprechen, es gehe um die Abgabe der Bewerbung.

Die Dame: Die Fristen sind abgelaufen. Er kann derzeit nur eine Initiativbewerbung einreichen.

Der Angestellte: Wenn ich es richtig verstanden habe, liegt Ihnen die Bewerbung bereits vor.

Die Dame: Was will er dann? Lesen können wir schon selber. Er bekommt Ende Juni Bescheid wie alle andern auch.

(Ein junger Mann drängt sich hinter dem Angestellten in den Türrahmen)

Der junge Mann: Entschuldigung! Anderlechner mein Name. Ich habe aus Versehen die falschen Unterlagen eingereicht – es ist ein unverzeihliches Mißgeschick …

Die Dame: Herr Anderlechner! Sie kommen ja wie gerufen. Wenn es auch unüblich ist, hier so reinzuplatzen. Wie sind Sie überhaupt ins Haus gekommen? Sie haben keinen Termin!

Herr Anderlechner: Wenn ich Ihnen nur ganz kurz meine eigentliche Bewerbungsmappe einreichen … Herzlichen Dank! (Er eilt zum Besprechungstisch, legt eine dunkelblaue Mappe auf den Tisch und wendet sich zum Gehen.)

Die Dame: Aber Herr Anderlechner! Nicht so hastig! Ich sagte doch – wir wollten uns ohnehin mit Ihnen unterhalten.

Herr Anderlechner: Mit mir? Aufgrund der irrtümlich eingereichten Skizzen?

Die Damen (blättert in den ursprünglichen Unterlagen): Skizzen? Ich finde die Ideen schon recht ausgereift – nur klingen sie eher wie eine Satire, eine Kritik, als wie direkte Werbung. Aber vielleicht ist das die Zukunft?

Herr Anderlechner: Nein, nein, das ist nicht die Zukunft, ich bitte um Verzeihung. Es handelt sich um Skizzen, die ich meinem derzeitigen Chef vorlegen wollte.

Die Dame: Dem Herrn Kardinal?

Herr Anderlechner: Ja.

Die Dame (muß lachen): Und was, bitte schön, sollte Kardinal Marx mit dieser Zeichnung hier anfangen? Was soll das überhaupt darstellen? Ich kann fast nichts erkennen!

Das Sammellogo des Herrn Anderlechner (eigenes Bild)

Herr Anderlechner: Das? Sieht man das gar nicht mehr? Das sind die Logos oder Signets der großen Autohersteller – alle übereinander gemalt. Eine Art Sammellogo für das Auto schlechthin.

Die Dame: Ah! Ja! Renault kann ich entziffern. Und das Blau von BMW kann ich erkennen. Unser Stern geht leider vollständig im Gemuschel unter! (Sie runzelt die Stirn.)

Herr Anderlechner: Ja, es sind die Signets von Audi, VW, BMW, Mercedes, Opel, wie Sie schon sagten Renault, Škoda, Fiat …

Die Dame (unterbricht ihn): Ah! Daher hier auch noch das Rot! Und als Hintergrund haben Sie dann noch das Thüringer Wappen gelegt?

Herr Anderlechner: Das…? Nein. Das ist der Löwe von Peugeot.

Die Dame (lacht): Köstlich! Alles wird ein Einheitsbrei! Und noch nicht mal ein Japaner dabei.

Herr Anderlechner: Nein, überhaupt kein Asiate dabei. Das hier reicht schon.

Die Dame: Und diese scheußliche Farbe …

Herr Anderlechner (lacht auf): Ja – Sie wissen ja, wenn man nicht die einzelnen Farben als reines Licht zum Strahlen bringt, sondern subtraktiv mischt wie hier, ergibt sich aus den Regenbogenfarben nicht reines Weiß, sondern eine ganz trübe Brühe.

Die Dame: Und was um alles in der Welt sollte ihr bisheriger Arbeitgeber damit anfangen?

Herr Anderlechner: Ich … es war … viele Gläubige … sogar der eine oder andere seiner Kollegen hat ja bereits … (ausbrechend) ich konnte einfach nicht mehr tatenlos zusehen, wie …

Die Dame (zieht eine Augenbraue hoch): Geht es auch in ganzen Sätzen?

Herr Anderlechner: Verzeihung, selbstverständlich! Seit einiger Zeit schon kritisieren nicht nur einfache Gläubige – aber diese auch – die ewige Politisierung der Verkündigung, nicht nur beim Herrn Kardinal. Nun ist aber seine explizite Wendung gegen den Begriff des christlichen Abendlandes hinzugekommen. Auch mit dem Abnehmen des Kreuzes auf dem Tempelberg …

Der Herr (unterbricht ihn): Ah! Das ist das Abkleben des Mercedessterns vor dem Werkstor von BMW … (er lacht und sucht die Stelle im Video, um sie erneut abzuspielen).

Herr Anderlechner: Exakt! Sie haben es verstanden!

Die Dame: Und mit dem Sammellogo wollten Sie zeigen, daß man schlicht gar nichts mehr erkennt, wenn man nur lange genug vergleicht, übereinanderlegt und alle Unterschiede abzieht.

Herr Anderlechner (erleichtert): So ist es!

Die Dame: So ganz verstehe ich dennoch nicht, was Ihr Chef daraus hätte lernen sollen …

Herr Anderlechner: Mein Chef ist Kardinal. Ein Oberhaupt der katholischen Kirche. Durch die – zugegebenermaßen gewagte – Parallelisierung von Kirche und Ihrem Unternehmen wollte ich verdeutlichen, daß er für die Sache werben muß, der er selber vorsteht. Mercedes macht ja auch nicht Werbung für BMW. Das macht ja auch BMW schon selber.

Der Herr: Die Gläubigen müssen von ihren Priestern und Bischöfen das Rüstzeug erhalten, um in der Welt von ihrem Glauben zu erzählen? Genauso, wie unsere Kunden aus unserer Beratung erfahren müssen, warum sie sich für eines unserer Produkte entscheiden sollen?

Herr Anderlechner: So ist es.

Die Dame: Aber – jetzt mal ehrlich: (Sie zögert) Glauben Sie wirklich, Ihr Chef hätte Ihre Anspielungen verstanden? Und noch dazu produktiv umgesetzt?

Herr Anderlechner (unsicher): Ich kann es Ihnen nicht sagen. (zerknirscht) Nein, vermutlich nicht … Meine Freundin hatte auch Zweifel …

Die Dame: Eine kluge Frau, Ihr Freundin! Wissen Sie was? Vergessen Sie Ihren jetzigen Arbeitgeber und kommen Sie zu uns! Ich finde, Sie haben das Zeug dazu. Und bei uns werden gute Leute nicht verheizt! Wir wissen, daß gute Mitarbeiter unsere wichtigste Ressource sind.

ENDE

Cornelie Becker-Lamers

Der Sketch entstand Mitte/ Ende Januar 2019, nachdem ich mich nach einer Messe sehr nett mit einem Gemeindemitglied über die Politisierung in der Kirche unterhalten hatte. Ihm sei dieser Text gewidmet. CBL

Die Heimkehr der Schafe

Zu einem biblischen Detail der profanen Landschaftsmalerei

Am 14. März ging es im „Turbo-Seniorenkreis“ (wo jede Woche unglaublich viel los ist!) der Weimarer katholischen Pfarrei ja wie gesagt um die Entwicklung der Landschaftsmalerei.

Als die Landschaft noch ausschließlich symbolisches Beiwerk im religiösen Bildgefüge war: Bei der Erläuterung des „Paradiesgärtleins“ eines namentlich nicht bekannten oberrheinischen Meisters (um 1410/20) Städelmuseum Frankfurt (Foto D. Mende)

Nach einiger Vortragszeit kamen wir schließlich bei den Gemälden des naturalistischen 19. Jahrhunderts heraus, in denen sich die Künstler der Weimarer Malerschule sehr zum Verdruß des damaligen Großherzogs mit gänzlich unheroischen Landschaften, mit schlammigen Wegen über Land, mit Pfützen und verhangenen Himmeln, mit schmutzigen Dörfern und einfachen Holzstegen über mickrigen Rinnsalen ästhetisch zu befassen begannen und Alltagsleben und Arbeit der einfachen Menschen zum Thema ihrer Werke machten.

Und obwohl ich im letzten halben Jahr drei solch ähnlich gelagerter Vorträge an verschiedenen Orten und vor ganz unterschiedlichem Publikum gehalten habe, gibt es immer noch Details, die auch mir erst im Nachhinein richtig bewußt werden. So die Beobachtung, daß in den unendlich vielen Gemälden, die einen Schäfer mit seiner Schafherde auf dem Weg zeigen, der Schäfer hinter der Herde hergeht. Natürlich gibt es auch viele Bilder, wo die Schafe lagern – dann steht der Hirte daneben oder blickt sinnend zum Himmel empor. Aber wenn’s um den Heimweg geht – Hirte hinter den Schafen: Ob das Werke aus der schon erwähnten „Weimarer Malerschule“ sind

Zwei Steinwürfe vom heutigen Standort der katholischen Kirche Weimar entfernt (die es 1886 freilich noch nicht einmal im Entwurf gab) folgt ein Schäfer seiner Herde durchs Kirschbachtal: Paul Baum (1859-1932) „Der Weg nach Niedergrunstedt“ (1886) Quelle: wikimedia commons (User dguendel)

ob das die vielen, als „(Schäfer mit) Schafherde“ betitelten Gemälde der beiden Niederrheiner Helmuth Liesegang (1858-1945) und Heinrich Aschenbroich (1839-1909) sind, deren Arbeiten eher von der Kunst der Niederlande inspiriert wurden; ob es der Niederländer Anton Mauve (1838-1888) mit seinen diversen „heimziehenden Schafherden“ ist

Ein älterer Hirte treibt seine Herde vor sich her: Anton Mauve (1838-1888) „Schäfer und Schafe“ (um 1880) Quelle: wikipedia gemeinfrei (User wmpearl)

oder der Schweizer Landschafts- und Genremaler Johann Zahnd

Auch der junge Hirte führt die Schafe sicher nach Hause und hält dabei alle im Blick: Johann Zahnd (1854-1934) „Gebirgslandschaft mit Hirte und Schafherde bei Sonnenuntergang“ (1886) Quelle: wikipedia gemeinfrei (User Szczebrzeszynski)

– eines ist immer ablesbar: Der Hirte läuft hinter der Herde her und hält alle im Blick, damit kein Schaf verloren geht (ok, ok – ein einziges Bild von Anton Mauve hab ich gefunden, das davon abweicht. Aber wirklich nur eins.) Wie bei Erzieherinnen, von denen, wenn sie die ihnen anvertraute Gruppe an die frische Luft bringen, immer eine der Frauen am Schluß des Zuges geht, damit ja niemand zu Schaden kommt. An einen Hirten, der frisch ausschreitet, sich zuhause angekommen nonchalant versichert, welches Schaf überhaupt noch da ist und die andern abschreibt, denkt glaube ich normalerweise niemand.

Das Behüten aller Schafe ist in der profanen Malerei also sozusagen das mindeste. Die Bibel freilich geht noch weiter und schildert den Hirten, der seine Herde an sicherem Ort einpfercht und sich auf die Suche nach jedem einzelnen verlorenen Schaf macht.
Ein Gleichnis, das ebenfalls in der Populärkultur angekommen ist…

Cornelie Becker-Lamers

Das Firmbewerberwochenende

Näher dran

Anfang April haben Pfarrer und Gemeindereferentin übers Wochenende mit den aktuellen Firmlingen anderthalb Tage im Gemeindehaus verbracht. Im Vorfeld hatte es einen Elternabend gegeben, zu dem der Pfarrer zwar leider nicht erscheinen konnte, weil man zeitlich exakt parallel eine Kirchenvorstandssitzung anberaumt hatte.

Bestimmt wäre sonst das Kirchendach eingestürzt 😉 : KV-Sitzung parallel zu einem der beiden Elternabende während des Firmkurses (Screenshot aus den Vermeldungen)

Aber im Grunde war uns das Konzept ja auch im vergangenen Juni bereits erläutert worden: Der Unterricht sollte sich nicht auf Theorie beschränken, sondern die Jugendlichen sollten u.a. mit Orten in ihrer Stadt in Berührung kommen. Zum Beispiel Buchenwald.

Ich weiß noch, was ich letztes Jahr nach dem Elternabend für gute Laune hatte. Hatte unsere ältere Tochter 2014 doch großes Pech mit ihrem Firmunterricht gehabt. Nur alle zwei Wochen traf sich die Gruppe. Viermal wurde in dieser Zeit ein Film geschaut. Und zwar zu Themen, von denen man sich fragte, wie 14jährige (unsere Tochter gehörte zu den Achtklässern beim damals zweijährlich stattfindenden Firmkurs) aus Weimar sie unvorbereitet ‚verdauen’ oder die Problematik auch nur verstehen sollten. Über die Situation der Migranten in den Banlieues von Paris zum Beispiel. Oder das Schicksal eines Jungen, dessen Vater beim Terroranschlag auf das World Trade Center 2001 (da waren diese Firmlinge ein Jahr, zwei Jahre alt) zu Tode gekommen war. Die Filme dauerten anderthalb Stunden, danach war der Unterricht vorbei und Tschüß. ‚Besprochen‘ wurde das Erfahrene dann zwei Wochen später, und die Eltern konnten den zum Teil doch verstörten Jugendlichen zwischenzeitlich nicht einmal helfen – wir kannten die Filme ja selber nicht. Also das war schon wirklich merkwürdig und sei hier nur kurz zusammenfassend erwähnt, um zu verdeutlichen, was sich die Verantwortlichen eigentlich nicht leisten sollten. Und was beispielsweise in den Jugendgruppen nachzubereiten (gewesen) wäre, wenn man als neuer Pfarrer Firmlinge aus solchen Kursen vor sich hat.

Ich freute mich deshalb, daß es unser nächstes Kind besser treffen würde.

Und hat es dann in diesem Punkt ja auch.

Die Jugendlichen waren tatsächlich in Buchenwald und hörten in den Haftzellen des evangelischen Pfarrers Paul Schneider (des „Predigers von Buchenwald“) und des katholischen Priesters Otto Neururer (von dessen Asche etwas in unserem Altar verborgen ist) über das Leben und Schicksal dieser beiden Märtyrer. Das wird niemals inaktuell. Wenige Tage zuvor hatte in Weimar in der Carl-August-Allee, die vom Bahnhof zum Neuen Museum hinunter führt, eine Fotoausstellung zu Buchenwald-Überlebenden eröffnet. „Sichtbar werden diejenigen, die nicht dazu gehören sollten“, titelte die Lokalzeitung hierzu am 29. März 2019.

Man kann viel lernen aus dieser Zeit. Wie Menschen aus fadenscheinigen Gründen ausgegrenzt werden und die, die sich für sie einsetzen, gleich mit. Wie eine Unrechtslage und die Einschränkung der Meinungsfreiheit Wissenschaftler und Kulturschaffende in die Flucht schlägt und die Gemeinschaft sich dadurch auch selber unglaublichen und bleibenden Schaden zufügt. Denn die allerwenigsten von denen, die ins Exil gegangen waren, kamen ja zurück – Autoren meist wie Thomas Mann, Theodor W. Adorno oder Edgar Hilsenrath, die so sehr in der deutschen Sprache beheimatet waren, daß sie nicht Amerika bleiben konnten. Wie nach dem Ende des Schreckens zunächst einmal niemand an Aufarbeitung dachte – und wir darum bis heute nicht fertig sind damit. Wie gerade die Täter mit der meisten kriminellen Energie sich aus dem Staub machten und nicht mehr gesehen waren – häufig denn auch auf Erden davonkamen. Und wie demgegenüber bis heute inzwischen über 90jährige vor Gericht landen. Wie die Mitwisser und Mitläufer alles taten, um so zu tun, als sei nichts gewesen – und die meisten der Opfer auch. Viele wollten einfach nur vergessen und „nach vorne schauen“. Und wie dadurch dieselben Leute einfach weitermachten und nach dem Krieg wieder einen hohen Posten bekleideten. Und wie für viele Opfer Entschuldigung und Entschädigung, als man sich denn endlich dazu durchgerungen hatte, zu spät kamen. Dinge, die uns heute empören.

Dennoch kann man nicht nur aus Anwendungsbeispielen lernen. Zu schwierig häufig zu sehen, in welch entscheidendem Punkt die eigene kleine Situation doch gerade der des großen christlichen Vorbilds entspricht. Haben wir einen Krieg erlebt?

Jedenfalls müssen die Jugendlichen im Firmunterricht auch ganz schlicht von der Lehre der Kirche soviel lernen, daß sie zumindest eine Idee davon bekommen, wieviel noch zu lernen wäre! Kirchengeschichte, Philosophiegeschichte, Geschichte der Päpste, die immer auch politische Geschichte war, Kirchenrecht, Gebete, Glaubenssätze, Liturgie, Ikonographie …

An dieser Stelle möchte ich auf einen kurzen Film aufmerksam machen, den ich auf dem YouTube Kanal der kleinen, aber tapferen Diaspora-Pfarrei Oschersleben bei Magdeburg gefunden habe. Jugendliche oder Kinder haben die Kirchengebote sowie Akte der Hoffnung, der Treue, des Glaubens und der Liebe eingesprochen und online gestellt – ohne Kinderbild, also ohne jede Gefahr hinsichtlich Datenschutz. Aber wirkungsvoll mit Sicherheit zumindest für die Kinder selber. Dieses Thema leitet aber zu einem neuen Beitrag über, der in Sachen Homepage und medialer Öffentlichkeit unserer Pfarrei zu schreiben wäre. Ein andermal. Hören Sie hier nur „Die Kirchenjebote“.

Enjoy! 🙂

Cornelie Becker-Lamers

Kein Weg nach vorn ohne Rück-Sicht-Nahme

Ein letzter Beitrag aus der Reihe „vor Jahresfrist“

Im vergangenen Jahr war unserem Pfarrer von der Lokalzeitung die Aufgabe übertragen worden, das Wort zum Palmsonntag zu verfassen. Er lieferte einen schönen Text ab, der mich sehr spontan – noch am selben Tag – zu einer Reaktion anregte, die ich jedoch nicht gleich online stellte, sondern unserem Pfarrer mit Verweis auf PuLa per Email zusandte. Hintergrund war, wie ich ihm schrieb, daß ich das Motto „Suche den Frieden und jage ihm nach“ (aus Ps 33, richtige Zählung, Anm. der Redaktion) damals gerade einmal wieder bis an die Grenzen meiner Kräfte und darüber hinaus befolgte.

Der Pfarrer verlor über Text und Email kein Wort, sondern wünschte mir in seiner Antwort lediglich frohe Ostern. Also gehe ich davon aus, daß er eine Publikation meiner damaligen Reaktion billigt. Lesen Sie daher heute einen Text vom 25. März 2018. Aktuell ist er wie vor Jahresfrist, nur daß es um die Kinder- und Jugendseelsorge noch etwas schlechter geht: Nun hat man nämlich auch noch den im September 2015 in der Hoffnung auf den Beginn eines anderen Gemeindeklimas neugegründeten Jugendchor aufgegeben.

Das Wort zum Sonntag (März 2018)

Pfarrer Gothe hat zum Palmsonntag ein schönes Wort zum Sonntag verfaßt. Über eine Ausstellung im Stadtmuseum zum Widerstand in der Nazizeit. Er schreibt zum Ende hin: „Die Ausstellung ist ein Plädoyer, vom Menschen nicht zu klein zu denken. Es gab und gibt sie, die Menschen, die Haltung bewahren, die aus verschiedensten Überzeugungen heraus aufrecht bleiben und so Widerstand leisten gegen Ideologie, Menschenverachtung und schreiende Ungerechtigkeit.

Ich möchte diese Menschen als österliche Menschen bezeichnen, denn sie sind Licht in dunkler Zeit und geben den Glauben an den Menschen und das Leben zurück.

Möge die Karwoche mit ihren Gottesdiensten auch uns österlicher und aufrechter machen.“

Den ganzen Text findet man hier (leider hinter einer Bezahlschnranke).

Ja! Solche Menschen gibt es wirklich und das ist beruhigend und wunderbar!

Noch schöner wäre es, wir würden uns nicht nur in Bezug auf Zeiten und Umstände darüber austauschen, über die ein Konsens besteht wie in Bezug auf das „Dritte Reich“. Sondern über Zeiten und Umstände, die sicherlich weit weniger fürchterlich und dramatisch waren, unserem Leben und unserem Alltag aber viel näher sind und über die Dissens und das heißt hoher Informations- und Aufklärungsbedarf und die unbedingte Notwendigkeit zu Austausch und Dialog besteht. So wie in Bezug auf die Zustände vor September 2015 hier in unserer Pfarrei. Die Unsicherheit darüber, was in dieser Zeit überhaupt geschehen ist (Verbote und Ausgrenzung ergingen ja per Mail und Brief – eine schlechte Gewohnheit, an welche leider nur zu gern angeknüpft wird – und Kritik nur hinter vorgehaltener Hand), wer was getan hat, wer aus welcher Motivation heraus mitgemacht hat, wer weggeschaut hat und wer aus welcher Motivation heraus versucht hat, die Lage zum Besseren zu verändern – diese Unsicherheit steht als der berühmte „elephant in the room“ aller Vernetzung über die kleinen Freundeskreise hinweg im Weg und ist m.E. beispielsweise einer der Gründe dafür, daß unsere Pfarrei in der kontinuierlichen altersübergreifenden Kinder- und Jugendseelsorge so unglaublich bedauerlich unter Form spielt. Nach wie vor fehlt unserer Gemeinde die berühmte „Große Erzählung“, die für eine Gemeinschaft unabdingbar ist. Eigentlich weiß jeder nur, daß die derzeitige Situation aus einer Katastrophe hervorgegangen ist – aber schon in der Frage, ob diese im September 2015 endete (Mehrheitsmeinung) oder gar erst begann (auch diese Meinung dürfte es geben) herrscht Uneinigkeit.

Beginnen Sie mit der Aufarbeitung der jüngsten Geschichte Ihrer Pfarrei, Herr Pfarrer, damit wir nach vorne schauen können. Sie wissen inzwischen: Das ergibt sich nicht von selbst. Es wird ein langer Weg, aber Sie schaffen das! Ihre Gemeinde hat es verdient.

Cornelie Becker-Lamers

Ein Zeuge geht

Zum Tod von Hochwürden Klemm am 5. April 2019

Am heutigen Freitag gegen 5 Uhr früh verstarb, zwölf Tage vor seinem 81. Geburtstag, Pfarrer Horst Klemm. Er war die letzten 15 Jahre seines Lebens in unserer Pfarrei als Ruhestandspfarrer tätig. Hier in Weimar war er als Kind Vertriebener ab dem Grundschulalter auch aufgewachsen.

Die Wertschätzung, die er seitens seiner Mitbrüder genoß, mögen andere herausstreichen, andere auch über seine Rolle etwa im Kolpingwerk oder seine Unverzichtbarkeit bei den Sühneandachten in Buchenwald berichten. In diesen Funktionen habe ich ihn nie erlebt.

Ich habe ihn als Geistlichen und Seelsorger in unserer Gemeinde kennengelernt. Als Geistlichen, der über die Meßzelebration hinaus ein Glaubenszeuge war. Als Seelsorger, dessen Glaubwürdigkeit sich nicht in den liturgischen Vollzügen erschöpfte.

Pfarrer Klemm positionierte sich und wurde so in den Krisenjahren der Pfarrei zwischen 2012 und 2015 für viele von uns unersetzlich. Er übernahm Taufen, wenn der damalige Rektor der Pfarrkirche dies ablehnte, weil er festgestellt hatte, daß die vom Täufling ausgewählten Paten in den Augen der Gemeindeleitung den zuletzt ja etlichen personae non gratae der Pfarrei zuzuzählen waren. Er stützte Einzelne, die aufgrund ihres Einsatzes für andere Gemeindemitglieder zu Unrecht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurden oder werden sollten und rief vor der Kirche offen zum Widerstand gegen die damals herrschenden Zustände auf. Im Januar 2015 ergriff er Partei für die Sternsinger und deren erwachsene Begleiter/innen, als die „Gemeindeleitung“ sich in den Kopf gesetzt hatte, es sich auch noch mit dieser Gruppe zu verscherzen, und bot zu Ende der Messe Raum für eine Stellungnahme. Zum 10. Geburtstag der Cäcilini im Mai 2017, zu dem wir in den Gemeindesaal eingeladen hatten, feierte er mit und zückte einen 50-Euro-Schein als Spende.

Er übernahm gerne die Messen, in denen wir Werke jugendlicher Komponisten aufführten oder in denen die Cäcilini musikalische Beiträge leisteten, wandte sich den jungen Musikerinnen und Musikern anschließend zu und honorierte erkennbaren guten Willen wie objektiv erbrachte Leistung. Mit ihm gemeinsam Gott zu loben, war wirklich ein Ehrenamt.

Und wie man sich bettet, so liegt man: Pfarrer Klemm war die Zuneigung dieser Kinder und Jugendlichen gewiß. Sie mochten ihn. Als den Cäcilini zu Ohren kam, er liege im Pflegeheim auf den Tod, kam in der Gruppe sofort die Idee auf, im Advent dort für ihn zu singen. Auch alle Eltern trugen diese Aktion mit und entbanden ihre Kinder am 4. Adventssonntag – es war der 23. Dezember – von allen häuslichen Pflichten. Ehemalige Chormitglieder, die Ende letzten Jahres schon in Studium oder Ausbildung waren, richteten ihren Weihnachtsurlaub nach unseren Proben für dieses kleine halbstündige Adventskonzert im Raphaelsheim aus.

Vor vier Tagen habe ich Pfarrer Klemm zum letzten Mal gesehen. Er war sehr schwach, erkannte mich aber noch und bejahte meinen Besuch. So erzählte ich ihm von der Kreuzwegandacht, die die Cäcilini in diesem Jahr noch einmal viel ausführlicher als 2018 für die Pfarrei gebetet hatten und merkte, daß er bei jedem Namen, den ich nannte, das betreffende Kind, die betreffende Jugendliche lebhaft vor sich sah: Noch brechenden Auges nahm er Anteil am Weiterleben unserer Pfarrei.

Ein Zeuge geht.

Ein priesterlicher Glaubenszeuge und ein glaubwürdiger Zeuge der Vorgänge, die unsere Pfarrei aufgrund der bis dato verweigerten Aufarbeitung auch heute noch belasten. Nicht der einzige Zeuge – es gibt ja leider sehr viele, und sehr viel jüngere. Aber ein wichtiger.

Er fehlt.

 

Cornelie Becker-Lamers

April, April!

Das war natürlich ein Witz

Natürlich war es ein Aprilscherz, als wir gestern über den angeblichen Fund des auskomponierten Sackens unbegleiteter Gemeindegesänge am Beispiel des Vater Unser geschrieben haben. Die Geschichte fiel mir irgendwann im letzten Sommer ein, als wir mal wieder urlaubsweise in einer kleinen Pfarrei in der Messe saßen und der Priester mit sehr schöner, aber leider auch sehr tiefer Baßstimme bereits sehr tief anstimmte und es sich dann für mich recht schnell erledigte, das Gebet mitzusingen – ich kam einfach nicht mehr runter.

Wichtig war mir jetzt nochmal zu betonen, daß dieser musikalische Spaß sich nicht in erster Linie auf Erfahrungen in einer Weimarer Messe bezieht. Ganz im Gegenteil.
Anläßlich der Fronleichnamsprozession im vergangenen Juni (wir müssen das ja immer sonntags nachfeiern, weil wir in Thüringen den Donnerstag nicht frei haben – es war also nicht am 31. Mai, sondern am 3. Juni 2018) fiel mir im Gegenteil auf, wie unverschämt gut diese ganze Gemeinde hier singt. Wir hatten zur Prozession für die Liedstrophen der entsprechenden Gesänge abwechselnd die Begleitung durch einen Posaunenchor und sangen, wenn die BlechbläserInnen mit ihren Notenständern nach vorne spurteten, jede zweite Strophe a cappella. Und kamen als ganze Gruppe immer auf den Punkt beim Anfangston heraus! Wir sind beim Singen nicht gefallen. Das ist schon krass!

Also, liebe Freundinnen und Freunde – ich glaube keiner und keinem von Euch, die oder der nicht im Kirchenchor mitsingt, die Ausrede: „Oh! Ihr seid jetzt so gut! So gut kann ich nicht singen!“ stimmt nicht – alle fit! Also rein in den Chor!

Ihr wißt ja: Wer singt, betet doppelt! 😉

Cornelie Becker-Lamers

Die Überschrift des gestrigen Artikels weist den Text übrigens bereits als Aprilscherz aus: Das angebliche Manuskript in einer erfundenen Ausgabe des (nicht erfundenen!) Lochamer Liederbuchs ist – eben wie die Steinlaus im Pschyrembel – fiktiv. Loriot hat der von ihm erfundenen Figur vor Jahrzehnten die Grundlage zu einem heute sehr verbreiteten wissenschaftlichen Scherz gelegt.

Männliche Steinlaus auf dem Boden des Kirchenschiffs der Wallfahrtskirche Frauenberg (Enns), Bild: Wikimedia Commons, User Makakema)

Wie die Steinlaus im Pschyrembel

Sensationeller Fund im Lochamer Liederbuch

Weimar. Musikwissenschaftlern des Sonderforschungsbereichs 482 “Ereignis Weimar–Jena. Kultur um 1800” der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist am Wochenende ein sensationeller Fund gelungen: In einer bisher unbekannten Ausgabe des Lochamer Liederbuchs, die die Cotta’sche Verlagsbuchhandlung im Jahre 1802 vorgenommen hat, fand eine Doktorandin das Manuskript einer frühneuhochdeutschen Vater-Unser-Abschrift. Ersten vorsichtigen Schätzungen zufolge könnte die Handschrift aus dem späten 15. Jahrhundert stammen. Das Besondere an dem Notenblatt, das umgehend in die Obhut des Thüringer Landesmusikarchivs gegeben wurde und noch im laufenden Jahr restauriert werden soll, ist die Melodieführung des bekannten Sprechgesangs.

Seit den 1970er Jahren hatten Liturgiewissenschaft und Musikforschung übereinstimmend eine mittelalterliche Version der bekannten Vater-Unser-Melodie postuliert, die vierteltönig und daher in der üblichen Modal- und Mensuralnotation nicht notierbar gewesen sein soll. Nur in kleinen abgelegenen Gemeinden, die ihr Liedgut und die Sprechgesänge bis heute a capella (ohne Organisten) mündlich tradieren, habe sich diese alte Melodie erhalten, so die Wissenschaftler.
Aufgrund ihrer Komplexität sei die Melodie durch das Konzil von Trient (1545 – 1563) vereinfacht und auf die heute gebräuchliche, im Gotteslob (vgl. GL 589, 2) wiedergegebene Form gebracht worden. Die Vierteltöne seien harmonisiert und die Melodie im bekannten Notensystem notierbar gemacht worden.

Der Weimarer Fund, der in der Forschung auf den heutigen 1. April 2019 datiert wird, wäre das bisher einzige bekannte Exemplar des Versuchs einer Notation der alten überkommenen Melodie. Sie zeichnet sich durch Halbtonschritte in die Höhe und Ganztonschritte in die Tiefe aus, so daß der Melodiebogen im Laufe des Gebetes um fast eine Oktave absinkt. Aufgrund der Ausmerzung der Vierteltönigkeit und der Harmonisierung der Tonschritte durch das Tridentinische Konzil endet die heute gängige Melodie auf ihrem Ausgangston.

„Das Beenden der Melodie auf ihrem Ausgangston, also sozusagen das Halten der Stimmung, ist für den a capella-Gesang sehr untypisch“, so die Doktorandin zu PuLa. „Ich habe immer daran gezweifelt, daß das die ursprüngliche Melodie des Vater Unser gewesen sein soll. Das Textzeugnis aus dem Lochamer Liederbuch könnte der erste Nachweis einer älteren musikalischen Entwicklungsstufe dieses 2000 Jahre alten Gebetes sein. Es käme einer Sensation gleich! Wir werden das sorgfältig prüfen.“

PuLa wünscht allen Forschern eine glückliche Hand. 😉

Cornelie Becker-Lamers

Das rosa Gewand 8/n

Möglicherweise haben Sie heute auf PuLa etwas vermißt. Denn, wer unseren kleinen Blog kennt, der weiß: Themen, die uns einmal ans Herz gewachsen sind, bleiben wir treu!
Und zu diesen Themen gehört die korrekte liturgische Kleidung der Priester. Nun ist heute der Vierte Fastensonntag, der nach seinem Introitus aus Jes 66, 10 und 11 (und Ps 121) ‚Lætare‘ heißt, ‚Freue Dich‘ (Jerusalem nämlich).
Und dessen liturgische Farbe rosa ist, anstelle des „büßenden“ Violett.
Verschiedentlich schon haben wir darauf hingewiesen, besonders gerne in musikalischer Form (vgl. zuletzt hier oder Sie suchen einfach nach dem Stichwort „rosa“).

Das geschieht heute nicht.
Dies aber nicht etwa, weil uns (d.h. dem musikalischen Teil der Familie 😉 ) die Ideen ausgegangen wären, o, nein!, vielmehr gibt es hier morgen, pünktlich zum neuen Monat, nichts weniger als eine musikologische Sensation, seien Sie gespannt!
Und auch nicht, weil uns etwa die Hoffnung verlassen hätte, auch hier, ja, gerade hier in der mitteldeutschen Diaspora, könne sich das Blatt zu Besseren wenden.
Nein, ganz im Gegenteil! Der heutige Tag brachte die nachgerade triumphale Bestätigung, daß es ganz anders ist. Denn heute durften wir in einer mitteldeutschen Kirche erleben, wie nicht ein, nicht zwei, nein, drei Priester in rosa Meßgewändern in die Kirche einzogen!

Drei rosa Gewänder in Mitteldeutschland, 31. März 2019 (eigenes Bild)

Drei rosa Gewänder in Mitteldeutschland, Detail (eigenes Bild) Die mäßige Bildqualität bitten wir zu entschuldigen, fotografieren während der Hl. Messe (dies war schon zum Schlußlied!) liegt uns nicht…

Priester aus drei Nationen übrigens, was dazu führte, daß der Gottesdienst auch in drei Sprachen stattfand, in Deutsch, in Polnisch und – in der Sprache der Kirche, in Latein. Ganz so, wie sich das die Väter des letzten Konzils gewünscht haben.
Ja, es war ein schöner, würdiger Gottesdienst, für den wir gerne in ein Nachbarbistum gefahren sind – wohin, das verraten wir heute noch nicht (aber treue PuLa-Leser finden es vermutlich heraus: Schreiben Sie uns, wenn Sie es wissen!), und zwar, weil es dazu, zu den vielen positiven Aspekten dieses Wochenendes demnächst ein „PuLa-Unterwegs“ geben wird!
Schon heute aber sagen wir dem Rektor der dortigen Kirche auch auf diesem Wege noch einmal herzlichen Dank; Dank für den ‚Leuchtturm‘ des Katholischen dort, der seine weite, seine internationale Ausstrahlung heute erneut gezeigt hat!

Gereon Lamers

„dein Opfer war ein halbes nur“

Warum wir die Mutter Maria brauchen

Beruflich habe ich mir in den nächsten Monaten u.a. Theodor Storm vorzunehmen. Der 1817 in Husum geborene und 1888 nahe Rendsburg und Eckernförde verstorbene Jurist und Schriftsteller war übrigens zwischen 1856 und 1864 auch im thüringischen Heiligenstadt als Kreisrichter tätig. In einem Gedichtband des achtfachen Vaters fiel mir folgender Text auf:

An deines Kreuzes Stamm

An deines Kreuzes Stamm o Jesu Christ
Hab ich mein sorgenschweres Haupt gelehnt;
Doch Trost und Kraft kam nicht von dir herab;
——
Du hattest weder Weib noch Kind, du warst
Ein halber Mensch nur; unseres Lebens Kern
Hast du nur halb erprobt; was uns die Welt,
Uns Lebenden, an Ungeheu’rem auferlegt,
Du hast es nicht gekannt; dein Opfer war
Ein halbes nur. – Wärst du getreu befunden,
Wann man dein Weib, dein Kind ans Kreuz geschlagen?
Die Antwort bliebst du schuldig. – Wohl mit Dank,
Mit Liebe blick ich zu dir —-
— doch mich erlösen
Das kannst du nicht. – Einsamer Qualen voll
Neig ich das Haupt; da legt sich lebenswarm
Ans Herz mir eine viel geliebte Last;
—- und wie sie sich fassen,
Fühl ich den Ring des Lebens fest geschlossen
Gleich einer Mauer gegen Tod und Lüge.
Ich bin getröstet. – Komm geliebtes Weib
Wir müssen eigner Heiland sein.

Theodor Storm (1863)

Wie menschlich. Wie verständlich. Wie bitter. Aber vor allem: wie protestantisch.

Mir fiel sofort Maria ein, die Mutter des Herrn, die im katholischen Glauben genau das ‚abdeckt‘, was dem lyrischen Ich in Storms Gedicht fehlt: Den ganzen Menschen, die Mutter, die ihren Sohn sterben sehen muß. „Du Frau aus dem Volke, von Gott ausersehn, dem Heiland auf Erden zur Seite zu stehn, kennst Arbeit und Sorgen ums tägliche Brot, die Mühsal des Lebens in Armut und Not“, heißt es bekanntlich in der 3. Strophe des Kirchenliedes „Maria, Dich lieben“ (GL 521).

Man rollt zwar bei dieser Textstelle mit Fug und Recht auch die Augen. Zu sehr kontrastiert sie mit der Überlieferung von Marias Verwandtschaft ins Priestergeschlecht (Lk 1, 36 ff.) und dem großen Reichtum ihres Vaters: Das Protevangelium des Jakobus beginnt sein Erstes Kapitel mit dem Bericht des immer doppelten Opfers Joachims, der bestimmt: „Mein Überfluß soll dem ganzen Volk und mein Pflichtteil Gott, dem Herrn, zu meiner Versöhnung gehören.“ Schwer vorstellbar (nebenbei bemerkt) daher auch, daß Maria Elisabeth aufsuchte, um ihr „im Haushalt zu helfen“, wie man es zuweilen in Maiandachten zu hören bekommt. Als Frau eines Priesters hatte Elisabeth vermutlich Personal. Und auch Maria war aus gutem Hause: Michael Hesemann spricht von ihrer Abkunft aus Davidischem Stamm väterlicher und aus dem Priestergeschlecht mütterlicherseits (hier – konkret etwa von Minute 5:10 bis etwa 7:00. Im übrigen sind alle vier Teile des Films mehr als empfehlenswert!)

 

Dennoch wäre der Volksglaube kein Volksglaube, wenn er nicht neben allem andern auch genau die Inhalte bereit hielte, die wir im Kirchenlied finden: Maria ist Identifikationsfigur für jeden Menschen. Mit der Zuweisung des Johannes als Sohn (Joh 19, 26f.) hat Jesus am Kreuz alle Menschen in die Obhut Mariä gegeben. Das habe ich von meiner irakischen Freundin gelernt, als wir einen Kreuzwegtext gemeinsam ausgearbeitet haben und sie ihre chaldäischen Texte zu Rate zog. Maria ist die Mutter aller Menschen. Sie ist nicht nur durch eigenes, sondern auch durch mitempfundenes Leid gegangen und hat es getragen. So kann sie den Schmerz aller Menschen zu tragen helfen. Wir können uns stützen. Wir können uns gegenseitig trösten. Aber wir müssen nicht – und wir können nicht – , wie Theodor Storm es empfindet oder befürchtet, „eigner Heiland sein“.

Im Zuge der Recherche für den vorliegenden Text bin ich auf eine knapp 10 Jahre alte Publikation aufmerksam geworden , in der Christian Demandt „Religion und Religionskritik bei Theodor Storm“ erforscht. Das 273 Seiten starke Buch erschien 2010 im Rahmen der Husumer Beiträge zur Storm-Forschung im Erich-Schmidt-Verlag Berlin und steht in der Weimarer Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek zur Kurzausleihe zur Verfügung.

Cornelie Becker-Lamers