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Das Nikolaus-Rätsel 2/2

Das Rentierdilemma

Ein Sketch für einen Weihnachtsmann, fünf Schafe, zwei Lämmchen, einen Hütehund und jede Menge Schafstatisten

 

Wundersdorf, Schafweide. Die Schafe haben sich längst damit abgefunden, daß der Nikolaus in diesem Jahr offenbar ausbleibt und widmen sich ihrem Alltagsgeschäft: In der milden Witterung, die sich Mitte Dezember häufig einzustellen pflegt, grasen einige, einige spielen Fangen auf der Weide. Tatze, der Hütehund, übt einige Verteidigungsabläufe, die er in seiner inzwischen doch absolvierten Fortbildung zum Herdenschutzhund wegen der wachsenden Wolfsgefahr gelernt hat. Da plötzlich …

 

Huf (ruft am Gatter): Da ist er!!! (Er dreht sich um und treibt einige Schafe zum Zaun.) Er kommt doch noch!

Die Schafe (durcheinander): Wer? – Heeee! – Was machst du? – (weinerlich) Ich hatte gerade ein paar verstreute Gänseblümchen gefunden! Jetzt ißt sie jemand anders! – Man hat kein Privatleben auf der Weide! (Doch plötzlich, als sie vom Gatter aus den Weg entlangblicken): Da kommt ja der Nikolaus! – Oder der Weihnachtsmann! – Warum hast du uns das nicht gleich gesagt?! – Kommt alle her! – Hey, er kommt doch noch! – Wußt ich’s doch!

Huf: Na? Hatte ich Recht?!

Fixi (kommt angetrabt): Wer ist da?

Grauchen: Der Weihnachtsmann!

(Der Weihnachtsmann ist mittlerweile am Gatter angekommen und steigt über den Zaun.)

Kohle: Guten Morgen, Weihnachtsmann! Wir hatten fast schon nicht mehr mit dir gerechnet!

Der Weihnachtsmann: Ach! Hört bloß auf! Ich erzähle gleich. Laßt mich nur erstmal ankommen! (Er läßt sich auf einen abgehauenen Baumstumpf plumpsen.)

Fixi: Warum bist du nicht der Nikolaus?

Der Weihnachtsmann: Irgendwie bin ich das schon mal gefragt worden …

Flocke (besorgt): Den Kressesalat, den wir für dich vorbereitet hatten, haben wir mittlerweile selber gegessen … (sie errötet ein wenig.)

Der Weihnachtsmann: Laß gut sein, Flocke, es ist alles in Ordnung! Ich brauche nichts.

Wolle: Aber sag, warum kommst du erst heute?

Der Weihnachtsmann: Rudolph liegt wieder mal auf der Plauze … wie jedes Jahr vor Weihnachten!

Blütenweiß: Rudolph, the red-nosed reindeer?

Der Weihnachtsmann: Genau der!

Grauchen: Ja … aber … und … hä?

Flocke: Führt er nicht wegen seiner Nase den Schlitten in der Nacht? (Sie macht große Augen.)

Der Weihnachtsmann: Ach, liebe Flocke! Da hat sich unsere Marketing-Abteilung irgendwann eine rührselige Geschichte ausgedacht, um zu vertuschen, daß Rudolph ständig zu Weihnachten krank ist … eine unglaublich dumme Geschichte! (Er schnaubt.)

Fixi: Warum dumm?

Der Weihnachtsmann: Weil niemals jemand integriert würde, den alle vorher gehänselt haben … nicht mal beim Weihnachtsmann! So was klappt einfach nicht. Dann bräuchten alle anderen ja die Einsicht, daß sie ungerecht gehandelt haben.

Huf (mit einem Kloß im Hals): Und so etwas gibt es nicht?

Der Weihnachtsmann: Nein, lieber Huf! (Er seufzt.) So etwas gibt es nicht. Das erzählt man heutzutage Kindern, damit sie nicht den Mut verlieren. Aber jemand, der besonders ist oder was Besonderes kann, wird niemals in einer Gruppe integriert …

Kohle: … es sei denn, alle in dieser Gruppe können etwas Besonderes – wie bei uns in Wundersdorf!

Der Weihnachtsmann: Da hast du Recht, Kohle! Das ist die einzige Möglichkeit. Aber wie gesagt: Die ganze Geschichte ist von vorne bis hinten erfunden – bis auf Rudolphs rote Erkältungsnase.

Fixi: Armer Rudolph – immer ausgerechnet zu Weihnachten krank!

Der Weihnachtsmann: Ich denke, er kommt zurecht. Er ist es gewöhnt und hat gute Pflege.

Flocke: Aber sag einmal – du bist doch sonst pünktlich gekommen – trotz aller Schwierigkeiten. Was war dieses Jahr los?

Der Weihnachtsmann (seufzt): Diese Greta Thunberg hat alle restlichen Rentiere abgezogen und läßt sich CO2-neutral in der Gegend herumfahren! Dasher und Dancer, Prancer und Vixen, Comet und Cupid, Donner und Blitzen – alle vier Paare!

Die Schafe (in heller Aufregung): Waaaaas? – Das gibt’s doch gar nicht! – Und so etwas läßt du zu? – Das bringt ja den Weltenlauf durcheinander! – Und wer denkt an die vielen Kinder?

Kohle: Du hattest dieses Jahr keine Rentiere zur Verfügung?

Der Weihnachtsmann: Nein. Keine.

Flocke: Dann bist du vom Nordkap … gelaufen?

Wolle: Dafür warst du schnell! Wir haben erst den 10ten.

Der Weihnachtsmann: Neinnein, ich hatte schon ein Gefährt … es steht an der Nikolauskapelle

Grauchen (mit Betonung): Aaaaber …?

Der Weihnachtsmann: Donner und Blitzen, die bei uns für den Fuhrpark zuständig sind, stehen natürlich auf Windenergie und solche Dinge …

Blütenweiß: Ja. Und?

Der Weihnachtsmann: Und sie haben mir einen E-Schlitten besorgt! (Er birgt sein Gesicht in der rechten Hand, deren Ellbogen auf seinem rechten Knie aufruht, und gluckst.)

Kohle (der sich nicht sicher ist, ob der Weihnachtsmann lacht oder weint): Undundund … Und der E-Schlitten … (vorsichtig) hat immer so lange getankt …?

Der Weihnachtsmann (fährt abrupt hoch): LANGE IST ÜBERHAUPT KEIN AUSDRUCK!!! (Er beruhigt sich ein wenig.) Ich bin schon früher losgefahren. Ich sollte ja die Subventionen für die Batteriefabriken rechtzeitig in Deutschland abgeben. Aber in der ersten Etappe habe ich es nicht einmal bis Narvik geschafft. (Er schüttelt sich.) Ich mußte heimlich über Nacht bei einer alten Frau auf einem einsamen Hof in der Steckdose tanken. (Laut) Weißt du, wie lange man da braucht? Vierzehn Stunden! (Er vergräbt sein Gesicht in der Hand.)

Fixi: Wie bist du denn an die Steckdose rangekommen?

Huf: Lenk nicht ab!

Der Weihnachtsmann: Ist schon ok, Huf! Ich habe das Kabel mit durch den Kamin genommen, natürlich. Wenn ich durch den Kamin rausche, denkt sich ja niemand etwas Böses … Der alten Dame müssen wir im nächsten Jahre unbedingt eine Entschädigung zukommen lassen … mal sehen, was uns da einfällt.

Blütenweiß: Und dann?

Der Weihnachtsmann: Naja, in Trondheim ging es dann … fünf Stunden an einer Zapfsäule (Er verdreht die Augen.) Aber irgendeine erstzunehmende Tour zu planen mit dieser Karre – das kannst du vergessen!

Kohle: Würde man’s nur zugeben, daß man auf den Wasserstoff warten muß … die Menschen in den Lithiumminen-Gebieten würden es uns danken …

Grauchen: Und was macht unser Freund bis zur Marktreife von Wasserstoffschlitten? Das ist doch keine kurzfristige Lösung!

Blütenweiß: Ich weiß! Du brauchst da oben bei dir eine Rentierzucht!

Kohle: Das stimmt! Wer weiß, wie viele Rentiere sich die Klimaaktivisten (m/w/d) im nächsten Winter von euch beschaffen – jetzt, wo diese geniale Idee einmal in der Welt ist …

Flocke: Eine Rentierzucht! Das ist es!!! (Man sieht es ihr an der Schnauzenspitze an, daß sie schon nachzudenken beginnt.)

Wolle: Wenn ich denke, daß früher hier die Rentiere durchgezogen sind … Ortsnamen zeugen davon …

Fixi: Welche Ortsnamen?

Wolle: „Elxleben“ zum Beispiel.

Die Schafe (durcheinander): Eine neues Elxleben! – „Nova Vita-Alcium“ – eine Wundersdorfer Kolonie im hohen Norden! – In Norwegen, wo die Lebensqualität am höchsten ist – Na, ich weiß ja nicht … in der Polarnacht??? Ich kann verzichten! – Rentierzucht! – Das wäre was – TATZE!!! Wir brechen auf! – Wo ist der Pritschenwagen? Wer hat den Pritschenwagen schon wieder weggeschickt? – Immer langsam!

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Tja, so geht’s zu in Wundersdorf. Diese Schafe! Immer hilfsbereit – und immer voller Ideen! Bloß gut, daß in den Weimarer Kindergärten der echte Nikolaus pünktlich am 6. Dezember zur Stelle war!

PS: Oweia! Ob das wirklich so schlimm ist, mit dem armen Rudolph? Oder ob es der Weihnachtsmann (der eben nicht der Hl. Nikolaus ist, der es bestimmt gutmachen könnte) in seiner aktuellen Erschöpfung und seinem frischen Ärger zu drastisch darstellt? Wer weiß!
Vielleicht kann es ihn ja trösten, daß schon seit hunderten von Jahren das Rudolf-Lied gesungen wird. Glauben Sie nicht? Ist aber so! 😉

Enjoy! 🙂

Der Adventskalender mit der Droste, Tag 10

Am vierten Sonntage nach Pfingsten

Evangelium: Vom verlornen Schafe [Lk 15, 2; 7]

Die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: »Dieser nimmt Sünder und Zöllner auf, und ißt mit ihnen.« – »Wahrlich sage ich euch, im Himmel wird mehr Freude sein über einen Sünder, der Buße tut, als über neunundneunzig Gerechte.«

 

So ist aus deines heil’gen Buches Schein
Gefallen denn ein Strahl in meine Nacht,
In meines Herzens modergrauen Schacht.
Du gabst ihn Herr, du hast mir selbst gebracht
Was ewig meiner Hoffnung Edelstein.

Es ist zuviel, zuviel; ich faß es kaum:
Um meine ganz versunkne Seele, weh,
So öd und aschig wie Gomorrhas See,
Um sie soll Freude sein in deiner Höh‘!
Es ist zuviel, weh mir! es ist ein Traum!

Kann wachsen denn, wie des Polypen Arm,
Aus Tränen die verlorne Eigenschaft?
Zieht mit der Reue wieder ein die Kraft?
Ist es genug, wenn tot die Leidenschaft
Zerfressen liegt wie von Insektenschwarm?

Ist es genug vor deiner Gnad‘ und Lieb‘,
Wenn über das Gebäude ausgebrannt
Sich sehnsuchtsvoll und betend streckt die Hand,
Die Hand, so alle Übel ausgesandt,
Die Hand, der, ach, das brand’ge Zeichen blieb?

Und doch hast du ein heilig Wort gesandt
Uns bindend mit gewalt’ger Gnadenpflicht,
Zu glauben gegen eigenes Gericht,
Was stöhnend aus des Herzens Kammern bricht
Und selber die Verwerfung sich erkannt.

Zu glauben ach wie süß und ach wie schwer!
Weh! nicht auf meine Sünden darf ich schaun,
Soll nicht in ihrem Schlamme das Vertraun
Ersticken, wie ein Wild in Sumpfes Graun,
Wie ein Gevögel ob dem Toten Meer.

Was du gesprochen, Herr, wer meistert’s kühn,
Bist gnäd’ger du als Menschensinn ermißt?
So bist du Herr der Heiland und der Christ;
Und ich, die nur ein armer Schatten ist,
Was darf ich anders tun als glaubend knien!

Annette von Droste-Hülshoff

 

Der Adventskalender mit der Droste, Tag 9

Am Feste Mariä Verkündigung

 

Ja, seine Macht hat keine Grenzen,
Bei Gott unmöglich ist kein Ding!
Das soll mir wie mein Nordlicht glänzen,
Da meine Sonne unterging.
Und wie auf blauen Eises Küsten
Steh ich zu starrer Winterzeit,
Wie soll ich noch das Leben fristen!
Ach, keine Flamme weit und breit!
Doch sieh! wer winkt‘ dem milden Lenzen?
Daß er die tote Erd‘ umfing.
Ja seine Macht ist ohne Grenzen!
Bei Gott unmöglich ist kein Ding!

O sehet, wie von warmen Zähren
Der Erde hartes Herz zerquillt,
Wie sie, die Blumen sein zu nähren,
Mit Tau die grauen Wimper füllt!
Auch in die längsterstorbnen Äste
Gießt sich ein Leben wunderbar,
Und alle harren seiner Gäste,
Der Blätter lebensfroher Schar.
Was soll ich denn der Hoffnung wehren?
Daß meiner Zähren Flehn gestillt!
Da ja sogar von warmen Zähren
Der Erde hartes Herz zerquillt!

Kannst du die Millionen Blätter
Aus diesen toten Ästen ziehn,
Und aus dem ausgebrannten Wetter
Der Lavafelsen frisches Grün:
Was soll mein Herz zu hart dir scheinen?
Wo doch der gute Wille brennt,
Das sich dir glühend möchte einen!
Wenn es sich starrend von dir trennt.
Und soll nicht, mein allmächt’ger Retter,
Auch mir ein farblos Kraut entblühn!
Da du die Millionen Blätter
Kannst aus den toten Ästen ziehn.

O, möchte nur die Demut keimen!
Vertrocknet ist die Herrlichkeit,
Wohl durft‘ ich sonst mir andres träumen,
Doch wie ein Blitz ist jene Zeit.
Zwar kann ich mich in Reue sehnen,
Ich kann verwerfen meine Tat,
Doch nicht erfrischen meine Tränen,
Sie fallen sengend auf die Saat,
Und Frost und Hitze muß sich reimen,
Daß keine Blume mir gedeiht:
O möchte nur die Demut keimen,
Vertrocknet ist die Herrlichkeit!

So ist doch von den Blumen allen
Marienblümlein milder Art;
Die Blätter erst, die Flocken fallen,
Doch freudig blüht es fort und zart.
Wenn sich des Winters Stürme brechen,
Gleich blickt es freundlich durch den Schnee,
Und naht der Lenz in Regenbächen,
Da steht es in dem kalten See.
O könnt‘ ich gläubig niederfallen!
Bis mir das Blümlein offenbart,
Es ist ja von den Blumen allen
Marienblümlein milder Art.

Doch wie das Volk einst vor den Schranken
Um Horebs gottgeweihte Höhn,
So fliehen bebend die Gedanken,
Da sie dies reine Bild erspähn.
Was seh ich nur die Feuersäule?
Und nicht die Gnade Gottes drin!
Daß unermeßlich scheint die Steile,
Und wie ein Abgrund, wo ich bin.
O Jesus, laß aus diesem Schwanken
Nur nicht das goldne Kalb entstehn!
Wie jenem Volke vor den Schranken
Um Horebs gottgeweihte Höhn.

Und kann ich denn kein Leben bluten,
So blut‘ ich Funken wie ein Stein!
Ich weiß es, wo sie stille ruhten,
Ich scheuchte sie in Schlummer ein,
Da ich gesucht was Leben kündet.
Doch hast du, Herr, mich ausersehn,
Daß ich soll starr, doch festgegründet
Wie deine Felsenmauern stehn:
So brenne mich in Tatengluten,
Wie den Asbest des Felsen, rein!
Und kann ich dann kein Leben bluten,
So blut‘ ich Funken wie ein Stein.

Annette von Droste-Hülshoff

 

Der Meßbesuch 2/4

Ein Sketchlet für fünf Schafe, zwei Lämmchen, einen Hütehund und jede Menge Schafstatisten

 

Wundersdorf, Schafweide. Während die Schafe am Gatter vergeblich auf den Nikolaus warteten, kamen aber immerhin Kohle, Wolle, Flocke, Blütenweiß, Grauchen, Fixi und Huf auf dem Pritschenwagen angefahren und konnte mit ihren Erzählungen ungewöhnlich gnadenreicher Erlebnisse den Rest der Herde ein wenig ablenken. Dabei kam man auf das Thema Liedgut zu sprechen – die gregorianischen Gesänge, was die Gemeinde alles mitsingt – und auf die deutschen Marienlieder, die natürlich auch im vetus ordo niemals fehlen. So kam das Gespräch auf „Maria durch ein Dornwald ging“, und unsere wißbegierigen Lämmchen warfen Kohles Tablet an …

 

Blütenweiß (schwärmerisch): „Maria durch ein Dornwald ging“ … Ich liebe dieses Lied! (Sie beginnt zu summen.)

Flocke: Es muß unglaublich alt sein, so wie es klingt.

Wolle: Und der Text!

Kohle (mit Kennertonfall): Fehlende Reime, identische Reime … typisch Volkston!

Grauchen: Hä?

Kohle: „Als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen.“ Erkennbar ein identischer Reim. Und in der ersten Strophe reimt gar nichts.

Grauchen: Ach so! Stimmt.

Flocke: Was dem Lied interessanterweise keinen Abbruch tut!

Huf (googelt herum, murmelnd): Es dürfte sich um eine der uralten Leisen  handeln …

Fixi (kramt ihr Wissen aus dem Kantorenkurs hervor): „Leisen“ sind mittelalterliche Kirchenlieder, deren Strophen auf „Kyrieleis“ enden … (sie singt) „Kyrieleeeeeisoooon“ – stimmt, Huf! Du hast Recht!

Huf (selbstbewußt): Die ältesten nicht-lateinischen liturgischen Gesänge. (Er googelt) Wir werden sehen … (er stutzt) Von wegen!!!

Grauchen: Was?

Huf (aufgeregt): Pustekuchen! Mitte 19. Jahrhundert!

Fixi: Ein Adventslied der katholischen Romantik?

Huf: Wallfahrtslied! Ein Wallfahrtslied aus dem Eichsfeld!

Flocke: Aus dem was?

Wolle: Wo ist das denn?

Kohle: Irgendwo in Mitteldeutschland …

Blütenweiß: Verstehe. „Wer hat’s erfunden“?

(Die Schafe lachen.)

Huf: Es verbreitete sich im wesentlichen erst im 20. Jahrhundert, durch die Wandervogelbewegung. Zupfgeigenhansl 1912.

Kohle (verblüfft): Aber es muß doch einfach älter sein!

Huf: Hier schreiben sie, möglicherweise wurden die ersten drei Strophen mit dem unregelmäßigen Versmaß den restlichen Strophen vorangestellt.

Fixi (schaut Huf über die Schulter und liest selbst): Welchen restlichen Strophen?

Flocke: Na, Strophe 4-7, die kennt man doch auch – sind nur nicht so schön. Eine Kurz-Katechese über Jesu Geburt, Namen, Taufe und Erlösungstat.

Wolle: Die Brücke zwischen Weihnachten und Ostern?

Flocke: Yep.

Kohle: Aber es kann unmöglich das erste Mal 1912 publiziert worden sein. Das glaub ich einfach nicht! Wenn es nicht richtig alt ist, ist es mindestens romantisch.

Huf: Du hast Recht, Kohle. Gut geschätzt. Das Lied wanderte aus dem Eichsfeld ins Paderbornische und wurde zuerst von August von Haxthausen in einer Liedersammlung aufgenommen, hier: „Geistliche Volkslieder mit ihren ursprünglichen Weisen gesammelt aus mündlicher Tradition und seltenen alten Gesangbüchern, herausgegeben von August von Haxthausen und Dietrich Bocholtz-Asseburg,  Paderborn 1850. Melodie anonym.

Blütenweiß: Und wer war das nun schon wieder? August von Haxthausen?

Huf: Ein Autorenkollektiv. Er unterhielt einen Kreis, dem auch die Brüder Grimm anghörten. Marianne von Willemer und Joseph von Görres.

Fixi (liest): Sie haben alle gesammelt und einer hat’s publiziert.

Huf: Ah! Da haben wir ja noch eine prominente Helferin: August von Haxthausen war der Onkel von …

Fixi und Huf (gemeinsam): ANNETTE VON DROSTE-HÜLSHOFF!

 

Ende

 

Cornelie Becker-Lamers

Sehr schön, Voces8 (bitte Werbung davor ignorieren/überspringen!):

Oder weniger ernsthaft (aber aus Mittel-Deutschland! 😉 ):

 

Der Adventskalender mit der Droste, Tag 8 

Am zweiten Sonntage im Advent

Evangelium: Vom Zeichen an der Sonne [Lk 25, 25; 33]

»Und alsdann werden sie sehen des Menschen Sohn kommen in einer Wolke mit großer Macht und Herrlichkeit. – Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.«

 

Wo bleibst du, Wolke, die den Menschensohn
Soll tragen?
Seh ich das Morgenrot im Osten schon
Nicht leise ragen?
Die Dunkel steigen, die Zeit rollt matt und gleich.
Ich seh es flimmern, aber bleich ach, bleich!

Mein eignes Sinnen ist es was da quillt
Entzündet,
Wie aus dem Teiche grün und schlammerfüllt
Sich wohl entbindet
Ein Flämmchen und vom Schilfgestöhn umwankt
Unsicher in dem grauen Dunste schwankt.

So muß die allerkühnste Phantasie
Ermatten;
So in der Mondesscheibe sah ich nie
Des Berges Schatten
Gewiß, ob ein Koloß die Formen zog,
Ob eine Träne mich im Auge trog.

So ragt und wälzt sich in der Zukunft Reich
Ein Schemen.
Mein Sinnen sonder Kraft, Gedanke bleich –
Wer will mir nehmen
Das Hoffen, was ich in des Herzens Schrein
Gehegt als meiner Armut Edelstein?

Gib dich gefangen, törichter Verstand!
Steig nieder
Und zünde an des Glaubens reinem Brand
Dein Döchtlein wieder!
Die arme Lampe, deren matter Hauch
Verdumpft, erstickt in eignen Qualmes Rauch.

Du seltsam rätselhaft Geschöpf aus Ton
Mit Kräften,
Die leben, wühlen, zischen wie zum Hohn
In allen Säften,
O bade deinen wüsten Fiebertraum
Im einz’gen Quell, der ohne Schlamm und Schaum!

Wehr ab, stoß fort, was gleich dem frechen Feind
Dir sendet
Die Macht, so wetterleuchtet und verneint;
Und starr gewendet
Wie zum Polarstern halt das eine fest,
Sein Wort, sein heilig Wort – und Schach dem Rest!

Dann wirst du auf der Wolke deinen Herrn
Erkennen,
Dann sind Jahrtausende nicht kalt und fern,
Und zitternd nennen
Darfst du der Worte Wort, des Lebens Mark,
Wenn dem Geheimnis deine Seele stark.

Und heute schon, es steht in Gottes Hand,
Erschauen
Magst du den Heiland in der Seele Brand,
Glühndem Vertrauen.
Zerfallen mögen Erd und Himmels Höhn,
Doch seine Worte werden nicht vergehn.

Annette von Droste-Hülshoff

 

Zum Tage

Gedenktag des Hl. Ambrosius

Heute, am 7. Dezember, gedenkt die Kirche des Hl. Bischofs Ambrosius von Mailand.

Erfahrene Leser wissen, wir versuchen, den Advent von Mißklängen durch Auseinandersetzungen jeglicher Art freizuhalten.
Dementsprechend möchte ich auch heute nicht über den sog. „Synodalen Weg“ schreiben, der, sehr im Gegensatz zu der oben geschilderten, von uns gepflegten Haltung, mit diesem neuen Kirchenjahr begonnen hat.

Nein, es soll genügen, am 7. Dezember, an dem Ambrosius im Jahr 374 zum Bischof geweiht wurde, das heutige Tagesgebet zu zitieren und es Ihnen zum Mitbeten zu empfehlen:

GOtt,
du hast uns im heiligen Bischof Ambrosius
einen hervorragenden Lehrer
des katholischen Glaubens
und ein Beispiel apostolischen Freimutes gegeben.
Höre auf seine Fürsprache
und berufe in deiner Kirche Bischöfe,
die deinem Willen gehorsam sind
und dein Volk mit Kraft und Weisheit leiten.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Der Adventskalender mit der Droste, Tag 7

Am zweiten Sonntage nach Ostern

Evangelium: Vom guten Hirten [Joh 10, 11-16]

 

Ein guter Hirt läßt seine Schafe nimmer!
O wehe, Hirt! den ein verkümmert Lamm
Einst klagend nennen wird mit Angstgewimmer,
Ein blutend wundes, eins voll Wust und Schlamm.
Was willst du sagen? Schweig!
Dein Wort ist tot, der Stirne Zeichen Kains gleich.

Weh, Fürsten euch! die ihr des Volkes Seelen
Gen Vorteil wägt und irdisches Gedeihn.
Weh, Eltern! denen Kindes glänzend Fehlen
Weit lieber ist als Einfalt sonder Schein.
Ihr warbt euch das Gericht;
Sprecht nicht von Ehre! eure kennt man drüben nicht!

Hausväter, wehe! die ein dienend Wesen
Nur an sich nahmen wie gedingten Leib;
Unwürdig seid zu Hirten ihr erlesen
Freundlosem Manne, unberatnem Weib.
Habt ihr gewußt und schwiegt;
Seht, jeder Flecken brandig an der Hand euch liegt!

Und wehe, wehe allen! deren Händen
Ward anvertraut ein überschwenglich Gut.
Weh, Lehrer euch! die Herzen, leicht zu wenden,
Vergiftet habt mit Hohn und Übermut.
Die Pfund‘ euch vorgestreckt,
Nicht wohl vergrubt ihr sie, habt sie mit Rost befleckt.

Doch bist du frei? darfst du so kühn denn sprechen
Das Bannwort über tausend Menschen aus?
Wem Kron‘ und Macht, wem Haus und Hof gebrechen,
Schließt ihn die Pflicht von ihren Schranken aus?
Denk nach! schwer ist die Frag‘;
Um dein‘ und fremde Seele gilt’s, denk nach!

Wenn Kinderohr an deinen Lippen hänget,
Wenn Kinderblick in deinen Augen liest,
Wenn jedes kecke Wort, das vor sich dränget,
Wie glühend Blei in zarte Ohren fließt:
Bist du dann nicht der Hirt?
Ist dein die Schuld nicht, wenn das arme Lamm verirrt?

Und wenn ein schwach Gemüt, ein stumpfes Sinnen,
Neugierig horcht auf jedes Wort von dir,
Um alles möchte Gleichheit sich gewinnen,
Aufzeichnet jede Miene mit Begier:
O, spricht nicht dies Gesicht:
Ich acht‘ auf dich, bei Gott verdirb mich nicht?

Hast du mir Herr an diesem Tag erschlossen,
Wem nie so ernst zuvor ich nachgedacht,
So knie ich denn in Flehen hingegossen:
Hier ist der Wille, gib mir nun die Macht!
Der Sinn so rasch und leicht –
Leg deine schwere Hand auf ihn, bis er entweicht!

Gewitter kannst mit deinem Hauch du hemmen,
Aus dürrem Sande Palmeninseln ziehn;
O hilf auch mir den wilden Strom zu dämmen,
Laß nicht an meiner Stirn das Kainszeichen glühn
Und steht vielleicht es dort,
Nimm meine Tränen Herr und lösch es fort!


Annette von Droste-Hülshoff

Das Nikolausrätsel 1/2

Wundersdorf, Oderbruch. Die allseits bekannte Schafweide. Trotz der Eiseskälte stehen die Schafe dicht gedrängt am Gatter und drücken sich die Schnauzen platt. Auf irgend etwas scheinen sie zu warten …

Ein Schaf: Warum kommt er nicht?

Ein anderes Schaf: Vorhin dachte ich, ich hätte etwas Rotes durch die Luft fliegen sehen. Aber dann war er es doch nicht …

Ein drittes Schaf: Warten wir noch ein bißchen!

Ein viertes Schaf: Das wird schon!

Die armen Schafe! Offenbar war der Nikolaus noch nicht da und scheint auch nicht in Sicht zu sein. Ob ihm etwas zugestoßen ist? – Naja, in den nächsten Tagen werden wir es sicherlich erfahren.

Der Adventskalender mit der Droste, Tag 6

Heute mit Video, siehe unten!

Am dritten Sonntage nach Ostern

»Über ein kleines werdet ihr mich sehen.« [Joh. 16, 16]

Ich seh dich nicht!
Wo bist du denn, o Hort, o Lebenshauch?
Kannst du nicht wehen, daß mein Ohr es hört?
Was nebelst, was verflatterst du wie Rauch,
Wenn sich das Aug‘ nach deinen Zeichen kehrt?
Mein Wüstenlicht,
Mein Aaronsstab, der lieblich könnte grünen,
Du tust es nicht;
So muß ich eigne Schuld und Torheit sühnen!

Heiß ist der Tag;
Die Sonne prallt von meiner Zelle Wand,
Ein traulich Vöglein flattert ein und aus;
Sein glänzend Auge fragt mich unverwandt:
Schaut nicht der Herr zu diesen Fenstern aus?
Was fragst du nach?
Die Stirne muß ich senken und erröten.
O bittre Schmach!
Mein Wissen mußte meinen Glauben töten.

Die Wolke steigt,
Und langsam über den azurnen Bau
Hat eine Schwefelhülle sich gelegt.
Die Lüfte wehn so seufzervoll und lau
Und Angstgestöhn sich in den Zweigen regt;
Die Herde keucht.
Was fühlt das stumpfe Tier, ist’s deine Schwüle?
Ich steh gebeugt;
Mein Herr berühre mich, daß ich dich fühle!

Ein Donnerschlag!
Entsetzen hat den kranken Wald gepackt.
Ich sehe, wie im Nest mein Vogel duckt,
Wie Ast an Ast sich ächzend reibt und knackt,
Wie Blitz an Blitz durch Schwefelgassen zuckt;
Ich schau ihm nach.
Ist’s deine Leuchte nicht, gewaltig Wesen?
Warum denn, ach!
Warum nur fällt mir ein was ich gelesen?

Das Dunkel weicht;
Und wie ein leises Weinen fällt herab
Der Wolkentau; Geflüster fern und nah.
Die Sonne senkt den goldnen Gnadenstab,
Und plötzlich steht der Friedensbogen da.
Wie? wird denn feucht
Mein Auge, ist nicht Dunstgebild der Regen?
Mir wird so leicht!
Wie? kann denn Halmes Reibung mich bewegen?

Auf Bergeshöhn
Stand ein Prophet und suchte dich wie ich:
Da brach ein Sturm der Riesenfichte Ast,
Da fraß ein Feuer durch die Wipfel sich;
Doch unerschüttert stand der Wüste Gast.
Da kam ein Wehn
Wie Gnadenhauch und zitternd überwunden
Sank der Prophet,
Und weinte laut und hatte dich gefunden.

Hat denn dein Hauch
Verkündet mir, was sich im Sturme barg,
Was nicht im Blitze sich enträtselt hat?
So will ich harren auch, schon wächst mein Sarg,
Der Regen fällt auf meine Schlummerstatt.
Dann wird wie Rauch
Entschwinden eitler Weisheit Nebelschemen,
Dann schau ich auch,
»Und meine Freude wird mir niemand nehmen.«


Annette von Droste-Hülshoff

Der große mitteldeutsche 😉 Komponist Händel hat mit dem folgenden Duett aus dem Oratorium L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato (Premiere im Februar 1740) nicht nur Musik geschaffen, so schön, daß sie vielleicht erreicht, aber m.E. nicht übertroffen werden konnte, nein, er hat, recht betrachtet, auch echt adventliche Musik geschrieben! Hören Sie nur:

 

Der Text:

As steals the morn upon the night,
And melts the shades away:
So Truth does Fancy’s charm dissolve,
And rising Reason puts to flight
The fumes that did the mind involve,
Restoring intellectual day.

basierend auf William Shakespeares „Tempest“ (Akt 5, Szene 1) aufgegriffen von John Milton und dann verarbeitet von Händels Librettisten Charles Jennens wird gerne als „aufklärerisch“ verstanden, immer nach dem Motto: Wo „Verstand“ (Reason) draufsteht, da kann „natürlich“ nur Weltliches gemeint sein, die „Wissenschaft“.

Und in der Tat, das ist eine der größten und unseligsten Propagandaleistungen der „Aufklärer“ und ihrer Nachbeter bis heute, die es geschafft haben, daß die so verstandene „Wahrheit“ (Truth) in einen Gegensatz gerückt wird zum (trügerischen) „Zauber“ (charm) bloßer „Neigung“ (fancy), der seinerseits identifiziert wird mit der als Aberglauben verunglimpften Religion.
Seufz! 🙁
Aber das ist natürlich alles Unsinn. Zunächst ist schon rein historisch darauf hinzuweisen, daß wir es hier nicht mit dem zu tun haben, was gemeinhin mit „Aufklärung“ assoziiert wird, nämlich deren vorwiegend französisch dominierte Spätphase, 30, 40 Jahre später, mit ihrer ausgeprägt antichristlichen Tendenz. Haltungen, die den Freunden Händel und Jennens, der einer besonders strengen Richtung des Anglikanismus anhing, völlig fremd waren.
Weiterhin ist ja inzwischen nun wirklich jedermann klar und über-deutlich geworden, daß der Versuch auf der Basis der „Aufklärung“ eine in sich schlüssige und tragfähige Begründung allgemein verbindlichen moralischen Wertens und Verhaltens zu finden, die in der Lage wäre, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gewährleisten, als gescheitert gelten muß. Seit langem. Was letztlich genau daran liegt, daß diese Versuche an der epistemologischen Frage, was denn „Wahrheit“ wirklich sei, scheitern müssen.

Dieses Ungenügen an dem vermeintlichen (Bücher-) Wissen, das die Wahrheit nicht erschöpfend umfaßt, hat die Droste auch bereits schmerzlich empfunden:

Die Stirne muß ich senken und erröten.
O bittre Schmach!
Mein Wissen mußte meinen Glauben töten.

Und:

Ist’s deine Leuchte nicht, gewaltig Wesen?
Warum denn, ach!
Warum nur fällt mir ein was ich gelesen?
(Hervorhebung von mir)

Nun, sie wußte es letztlich dank göttlicher Gnade, wie auch dieses Gedicht zeigt, besser und wir wissen es auch: Die Wahrheit, das ist eine Person und Er hat es uns selbst gesagt: „Ich bin die Wahrheit“. Und er ist der Logos und so muß man folglich diesen Text lesen:

So heißt der HErr unseliger Neigung Zauber sich zu heben,
Und der aufgehende Logos macht fliehen
Die Dünste, die den Geist verstrickten

Oder mit den Worten Annettes:

Dann wird wie Rauch
Entschwinden eitler Weisheit Nebelschemen

Und im Advent hoffen und warten wir genau darauf, auf den „Aufgang“, Seinen Aufgang , den des Logos, den „Ortus“ der Sonne der Gerechtigkeit (Mal 4,2), Christus, den HErrn.

Und deshalb haben Händel&Jennens mit diesem Stück adventliche Musik par excellence geschaffen, die mir bei eben diesem Gedicht einfallen mußte! 🙂

Gereon Lamers

 

 

Der Adventskalender mit der Droste, Tag 5

Am zehnten Sonntage nach Pfingsten

Evangelium: Vom ungerechtem Haushalter

»Darum sage ich euch, machet euch Freunde mit dem ungetreuen Mammon, damit, wenn ihr Mangel leidet, sie euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen.« [Lk 16,9]

 

Warum den eitlen Mammon mir
Hast du gesellt nach deinem Willen?
Nicht daß er, eine blanke Zier,
Soll eingefreßne Schäden hüllen;
Auch nicht die flücht’gen Stunden hier
Mit frischem Erdenreiz zu füllen,
Nein, anders wohl;
O was du gibst ist nicht so leer und hohl!

Ich soll mit seinem bunten Strahl
In deinem Segen Wucher treiben;
Für meinen Hunger soll ein Mahl
Ich in die ew’ge Rechnung schreiben;
Und meiner Blöße, matt und fahl,
Soll er ein warmer Mantel bleiben,
Wenn bricht herein
Die Zeit, wo stäubt und rostet, was nicht mein.

Dann bin ich krank und ganz verarmt,
Dann wird der bittre Mangel kommen,
Wo starrt, woran mein Herz erwarmt,
Zerstäubt, woher ich Trost genommen;
Wenn deine Hand sich nicht erbarmt
Und zeichnet noch zu meinem Frommen
In Mildigkeit
Den Heller heimgelegt für jene Zeit.

Laß, Herr, in jener Stunde Macht
Mich nicht so hülfeweinend fallen!
Die vor mir steht wie Chaos‘ Nacht,
Wie Dunkel über Dunkel wallen.
Weh mir, ich hab‘ es nicht bedacht!
So laß es mir fortan vor allen
Gewärtig sein;
O rege mich durch Milde oder Pein!

Laß mich hinfort der Worte Gold
Ausgeben mit des Wuchrers Sorgen,
Daß, wenn das Heute nun entrollt,
Mir nicht verloren ist das Morgen;
Laß mich bedenken, daß der Sold,
Den eitlem Ruhm ich mußte borgen,
Genommen ward
Dem goldnen Hort für einst und Gegenwart!

Und eine Feder laß mich nur
Betrachten mit geheimem Beben,
Bedenkend, daß der schwarzen Spur
Folgt leise schleichend Tod und Leben.
Den Pfunden, so mir gab Natur,
O Herr laß Zinsen mich entheben;
Ich bin so arm,
So nur in dem geborgten Pelze warm!

Ach Gott, wie wird mein Herz so schwer,
Gepreßt vom dämmernden Verstande!
Ob es gelingt die Gaben hehr
Zu legen mir auf edle Pfande?
O nur aus deiner Weisheit Meer
Ein einzig Tröpflein mir vom Rande!
Durch des Genuß
Die Galle selbst zu Honig werden muß!

Annette von Droste-Hülshoff