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PuLa unterwegs: „Weine und Kohlen“

Als man endlich wieder eine Ferienwohnung beziehen durfte, und das sogar außerhalb Thüringens, haben wir vor drei Wochen mit einem befreundeten Ehepaar eine zweimal verschobene Weinprobe am Zusammenfluß von Saale und Unstrut nachgeholt. Wir waren in dem beschaulichen Dörflein Roßbach – mittlerweile Ortsteil von Naumburg –, das mit seinen gut 300 Einwohnern so hervorragend vom Weinverkauf zu leben scheint – die Ansammlung schmucker, von dicken Rosensträuchern umstandener und zumeist etwa 200 Jahre alter Häuser vor den rebenbestandenen Hängen ist eine Augenweide! –, daß man die zahlreichen Ferienquartiere kaum beworben und dennoch meist belegt findet. Zu unserem Glück hatte unsere mitreisende Freundin nicht nur herumtelefoniert, sondern sich den Flecken auch auf Google-Maps herangezoomt, so daß sie für uns vier endlich doch ein Häuschen in der sich im Saaletal entlangziehenden, sinnigerweise mit dem Gemarkungsnamen „Weinberge“ betitelten Straße ausfindig gemacht und für uns reserviert hatte.

Mir oblag – wie häufig bei unseren gemeinsamen Kurzurlauben – die Recherche nach den Möglichkeiten des sonntäglichen Meßbesuchs. Und da der beschauliche Flecken neben allem anderen auch noch über eine – oh Wunder: katholisch geweihte, nach Alter der Bausubstanz wie architektonischer Ausdehnung gleichermaßen bemerkenswerte Kirche verfügt, ruhte ich nicht eher, als bis ich einen Kontakt hergestellt hatte, der uns zwar keine Messe in diesem dem Patrozinium der Heiligen Elisabeth unterstellten Gotteshaus, wohl aber eine Besichtigung der majestätisch über den Dächern Roßbachs thronenden, in ihren ältesten Teilen spätgotischen Anlage ermöglichte.

Die katholische Kirche St. Elisabeth in Roßbach (Naumburg); links oben im Bild ein nach wie vor nur zu Fuß erreichbares Quartier der Jugendbildungsstätte St. Michael (eigenes Bild)

Da die eigentlich zuständige Jugendbildungsstätte in der Nachbarschaft der Kirche wegen Corona-Maßnahmen unterbesetzt war, gelang dies über die rührige Gemeindereferentin der Pfarrei St. Peter und Paul Naumburg, der St. Elisabeth Roßbach mittlerweile zugeschlagen ist. Einige Emails gingen hin und her, wir verabredeten uns am Sonntag um 10 Uhr zum Hochamt in der Pfarrkirche und fuhren nach den üblichen Gesprächen, in welche die Diaspora auch und gerade fremde Meßbesucher immer sofort verwickelt (natürlich wurden uns zuguterletzt von einer betagten Erzieherin Grüße an ein uns bekanntes Weimarer Ehepaar aufgetragen…) gemeinsam nach Roßbach.

St. Peter und Paul Naumburg (eigenes Bild)

Hinter den Kommunionschranken der im Juni 1962 geweihten Kirche der charakteristische Chorraum dieses Typs basilikaler DDR-Kirchenbauten (eigenes Bild)

Ein Ruhestandspfarrer erwartete uns schon vor der offenen Pforte von St. Elisabeth und eine gute Stunde dürfte mit historischen Erläuterungen, mit Schauen, Nachfragen und Gesprächen allein in der Kirche vergangen sein, bevor wir noch die Jugendbildungsstätte besichtigen und ihre Geschichte als einstigen Sitz von Grauen Schwestern (die schließlich auf der Flucht vor der Staatssicherheit aus dem Fenster sprangen) erfahren durften.

Auf einige besondere Ausstattungsmerkmale von St. Elisabeth möchte ich Sie hinweisen. Die Kirche, die 1897/98 von den zeitweilig eingebauten Emporen befreit und zu einem Saalbau erweitert wurde, besitzt nämlich im Eingangsbereich einen sehr ausdrucksvollen modernen Kreuzweg. Schauen Sie:

Station VI (Veronika) des Kreuzweges in St. Elisabeth Roßbach (eigenes Bild)

Station IX (Jesus fällt zum dritten Mal); die konsequent graphische Anlage in der künstlerischen Gestaltung ermöglicht ausdrucksstarke Formulierungen der Kreuzwegmotive (eigenes Bild)

Aus Laucha hat man eine spätmittelalterliche Statue nach St. Elisabeth übernommen, bei deren Identifizierung durch den Verlust ihrer steinernen Unterarme auch der zuständige Geistliche unsicher ist: Handelt es sich um eine Madonna, deren Christusknabe verloren ging, die aber auch nie einen Mond zu Füßen hatte, nie auf eine Schlange trat? Oder stellt die Figur eine Elisabeth dar, deren Arme einst Rosen gehalten hatten – ohne sie jedoch in der Schürze zu bergen?

Die rätselhafte Heiligenfigur in St. Elisabeth Roßbach (eigenes Bild)

Natürlich gibt es mittelalterliche Schlußsteine in den Deckengewölben und Jugendstilfenster aus der Zeit des Umbaus zu sehen. Zuletzt wurde die Kirche 1980 saniert – und diese Sanierung ist auch der Grund, warum sie wieder katholisch geweiht wurde: Der evangelischen Landeskirche fehlte zu dieser Zeit das Geld für die Restaurierung und die Weltkirche sprang ein.

Am Vortag hatte ich bereits das Angelusläuten von St. Elisabeth aufgenommen, weil es zeitlich zufällig gerade paßte. Mit dem kurzen Film, den ich hiervon auf unserem YouTube-chanel gepostet habe, möchte ich schließen. Enjoy 🙂

 

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Die heutige Überschrift zitiert einen running gag des Asterixbandes „Der Avernerschild“: In Gergovia, wohin die gallischen Helden auf der Suche nach dem Schild des Vercingetorix gelangen, bietet jedes Haus „Weine und Kohlen“ zum Verkauf an.

Sie war’s nicht!

Gestern abend hatten wir eine Vermutung geäußert über eine versehentlich ohne Namensnennung in der TLZ erschienene Reaktion auf einen Leserbrief von mir.
Nun, die Dame aus Weimar, von der wir vermutet hatten, sie könnte die Autorin sein, war es nicht. Heute kam die Auflösung und es war ein Herr aus Erfurt.

Herr Simon Kokott, um genau zu sein. Herr Kokott war bis Ende 2018 Personal- und Verwaltungschef des Diözesan Caritasverbands, wie man in diesem Artikel hier über seine Verabschiedung nachlesen kann. Wenn man diesen Text genau liest, wird einem noch so allerlei klar, aber ich will heute nur sagen, die geäußerten Positionen (die wir noch im einzelnen kennenlernen werden) passen genau zu einem so typischen Vertreter des deutschen Gremien- und Verbandskatholizismus… Das ist die Art, wie da gedacht wird. 🙁

So, das mußte heute abend klargestellt werden und jetzt genehmige ich mir ein Extra-Schlückchen auf den schönen Tag, an dem Rom, nur zwei Tage nach dem 150. Jubiläum von Pastor æeternus eine umfassende Instruktion mit Richtlinien zur Gestaltung der Pfarreien veröffentlicht hat.
Ich habe sie natürlich noch nicht vollständig lesen können, aber in Nr. 66 verbietet sie z.B. die Verwendung des Begriffs “Leitungsteam”.
Wunderbar, ganz wunderbar! Danke, liebe Kleruskongregation, ganz herzlichen Dank! 😀 😎

Gereon Lamers

Sind Sie’s, Frau Engelstädter?

Das ist jetzt wirklich spannend! Fünf Jahre, nachdem es im Sommer 2015 hoch her ging mit Leserbriefen pro und contra PuLa, bzw. der hier vertretenen Meinungen ist es wieder soweit: Am 17. Juli erschienen Teile eines Leserbriefs, der auf einen Text von mir am 11. Juli in der TLZ reagierte, der wiederum einen Artikel vom 7. Juli kritisierte, in dem es um die Aussagen von Frau Prof. J. Knop, Erfurt über den Kurs der Kirche “nach Corona” ging; Sie haben das sicher der Sache nach verfolgt. Üble Sachen!

Und warum, so mögen Sie sich jetzt fragen, formuliere ich die Überschrift in der Frageform? Weil die TLZ irrtümlich erneut meinen Namen unter das Fragment gesetzt hat, in dem ja mein Text kritisiert wird! Der Chefredakteur, Herr Nils Kawig, persönlich hat für dieses Mißgeschick um Entschuldigung gebeten, was ich höchst anständig finde! und angekündigt, morgen (Montag, 20. Juli) würde das Geheimnis um die wahre Autorin/den wahren Autoren gelüftet.

Und nun sind wir hier bei PuLa natürlich sehr gespannt und stellen Mutmaßungen an, welcher unser treuen “Fans” es wohl gewesen sein mag.
Naja, und Stil und “Argumentationsweise” ließen uns eben auf den Gedanken kommen, der in der Überschrift zum Ausdruck kommt,,, 😉

Morgen wissen wir mehr und sobald ich dazu komme (der Urlaub steht relativ nah bevor! 🙂 ) wollen wir unseren treuen Lesern diese jüngste Episode der Weimarer katholischen Quisquilien natürlich nicht vorenthalten, zumal die jüngsten Erfurter theologischen Unsäglichkeiten, als der eigentliche Auslöser, leider Gottes bundesweit, ja, international wahrgenommen wurden und, einmal mehr, den Ruf der Kirche in Deutschland beschädigen. Widerspruch tut not.

 

Gereon Lamers

Sketch des Monats: Die Fronleichnamsprozession

Ein Sketch für drei Personen

 

Wir befinden uns im 35. Jahr der segensreichen Regentschaft Ottos IV. („mit dem Pfeil“), Markgraf von Brandenburg aus dem Geschlecht der Askanier. Es ist der 25. Tag des Winnemanot. Die Christenheit feiert das Hochfest Fronleichnam. In der kleinen Ansiedlung Tschudowitz im Oderbruch herrscht reges Treiben. Der neue Pfarrer – Conradus von Mihildorpa hatte sich zunehmender Zwistigkeiten in der Pfarrei zufolge vor Jahren zum Dienst im Siechenhaus abberufen lassen und geistert nur von Zeit zu Zeit noch in und um seine alte Wirkungsstätte herum – möchte alles für die feierliche Prozession vorbereiten. Die „Bärin“ steht ihm dabei wie eh und je zur Seite. Außerdem erwartete den neuen Pfarrer schon bei Dienstantritt ein lustiger Spielmann als Scriptor, als Ansprechpartner der Dorfbewohner und überhaupt zur allgemeinen Verbesserung der Laune.

Zum leichteren Verständnis ist die in polabischer Sprache geführte Unterhaltung in heutigem Deutsch wiedergegeben.

Der Spielmann (singt): „Ihc wil singhen in der nuwen wise/ eyn let von dem der mich ghemachet hat/ der mach mir nemen unde gheben waz her wil.“
(Er tritt einen Blasebalg, der Luft in mehrere unterschiedlich durchlöcherte Pfahlrohre führt und bläst zugleich auf einem kleinen geschnitzten Flötchen.)

Der Pfarrer (tritt an die Tür und stiert düster hinaus in den Regen): Es gießt in Strömen!

Die Bärin (trägt einen schlichten, aber dichten Regenschutz aus der Kammer in den Raum): Ich hab das Pluviale schon herausgeholt und ausgebessert. (Sie breitet den halbkreisförmigen Mantel auf dem Tisch aus.)

Ein Pluviale – also ein riesiges priesterliches Regencape – des Messornats vom Goldenen Vlies (Bild: Wikimedia Commons; gemeinfrei; Urheber Gryffindor)

Der Pfarrer (schließt die Tür und tritt zurück in den Raum): Wir können heute keine Prozession gehen! Wir müssen in der Kirche feiern.

Die Bärin: Ausgeschlossen! Wir sind doch nicht aus Zucker. Und die Leute auch nicht.

Der Pfarrer: Wir gehen nicht.

Die Bärin: Der Baldachin für das Allerheiligste steht in der Scheune vom alten Labun. Alles ist bereit!

Der Pfarrer: Es ist zu naß.

Die Bärin (barsch): Sind wir vielleicht eine Schönwetterreligion? Wenn wir die Menschen für uns gewinnen wollen, müssen wir schon nach draußen gehen und uns zum Herrn bekennen.

Der Pfarrer: Dieses neumodische Fest! Wir müssen sowieso nicht alles nachmachen, was aus dem Westen kommt!

Die Bärin: Es wurde immerhin vor über 30 Jahren vom Papst für die ganze Kirche verbindlich eingeführt.

Der Pfarrer: Was sind 30 Jahre?

Der Spielmann (singt leise vor sich hin): „Kåtü mes ninkă båit?/ Ťelka mes ninkă båit./ Ťelka rici/ Våpăk kå naimo kå dvemo:/ Joz jis vilťĕ grüznă Zenă;/ Nemüg ninkă båit/ Joz nemüg ninkă båit.“

Von draußen hört man ein charakteristisches Klappern: Die Leprösen kommen und betteln, wie es ihr Privileg nur an Feiertagen ist.

Die Bärin (horcht auf): Was ist das für ein Geräusch?

Der Spielmann (unterbricht sein Spielen und horcht ebenfalls): Ah! Das sind die neuen Kl-App-ern der Infizierten.

Die Bärin: Die was?

Der Spielmann: Die Kl-App-ern. Die Infizierten sollen alle anderen in ihrer näheren Umgebung auf sich aufmerksam machen. Dazu haben sie von der Herrschaft aus jetzt Kl-App-ern ausgegeben. (Er lauscht.) Ich finde, der Klang hat was … so rein vom Musikalischen her …

Die Bärin: Willst du mich ver-apple-n?

Der Spielmann (unschuldig): Aber nein! (Er stellt seine kleine Orgel beiseite, lächelt die Bärin an und erhebt sich.)

Der Pfarrer: Hast du schon die Sachen rausgelegt, falls die Siechen wieder ihre Handschuhe für die Brücken- und Treppengeländer vergessen haben?

Der Spielmann: Es liegen L-App-en und alles bereit. Wir sollten die Kranken aber nicht so aussondern …

Der Pfarrer: Jetzt auch das noch! Es reicht! Wir haben die Anweisung, Menschen bei den geringsten Anzeichen der Krankheit an den Kirchentüren abzuweisen. Basta!

Der Spielmann (vorsichtig): Vor hundert Jahren hat ein frommer Mönch …

Der Pfarrer: Ich will nichts hören! (Er tritt wieder unter die Tür und sieht hinaus.) Leg die Pfennige und das Hacksilber zurecht, dann haben wir unserer Pflicht genüge getan. (Er tritt in den Regen hinaus.)

Der Spielmann (halb für sich): Die schöne Elisabeth von Thüringen … (die Bärin unterbricht ihn mit einer Geste ihrer Hand.)

Der Pfarrer (tritt zurück in den Raum, zur Bärin): Vielleicht hast du recht. Von Westen her scheint es aufzuklaren. Wollen wir mit Gottes Hilfe die Prozession durchführen. Zuvor laßt uns beten. (Alle drei knien sich hin und stimmen in das Gebet ein, das der Herr uns zu beten gelehrt hat):

Nos Fader, tå tåi jis vå nĕbiśai,
sjǫtă vårdă tüji jaimă;
Tüjă rik komă;
Tüjă viľă šinót, kok vå nĕbiśai, tok kăk no zimě;
nosėj vėsědanesnă sťaibě doj-năm dans;
un vitědoj-năm nos grex, kăk moi vitědojimě nosěm gresnărüm;
un ni brinďoj nos kå farsükońě;
tåi lözoj nos vit vėsokăg x́audăg.
Pritü tüje ją tü ťenądztwü un müc un câst, warchni Büzac, nekąda in nekędisa.
Amen.

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Ja, liebe Leser. Was für eine Geschichte! Sie ist diesmal wirklich frei erfunden und etwaige Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind rein zufällig. Es sollen keinesfalls Geschehnisse abgebildet werden, die sich tatsächlich ereignet haben. Was man schon daran sieht, daß die Fronleichnamsprozession in Herz Jesu Weimar am vergangenen Sonntagmorgen tatsächlich ausgefallen ist. Und was man daran sieht, daß es in Tschudowitz im Mittelalter ansteckend Kranke gab, die auf sich aufmerksam machen mußten, nur gegen den Wind sprechen und nur mit Handschuhen über die Brücke gehen durften. Damit sie das Geländer nicht kontaminieren. In Herz Jesu Weimar ist niemand ernsthaft ansteckend krank. Seit Tagen oder Wochen. Da sind die Schutzmaßnahmen – nichts und niemanden anfassen und am besten nicht ausatmen – nur noch aufgrund der Trägheit des Systems noch nicht aufgehoben.

Aber eines ist schon historisch, was ich verwendet habe – und das sind die Lieder, die der Spielmann singt. Ein geistliches Lied des Minnesängers Witzlaw, überliefert in der sehr sehr alten Jenaer Liederhandschrift aus dem frühen 14. Jahrhundert. Witzlaw wird mit Witzlaw III., dem letzten slawischen Fürsten auf Rügen, identifiziert. Dieser soll auch die Vogelhochzeit (das „Kåtü mes ninkă båit?“) verfaßt haben, die der Spielmann hier singt und die neben dem polabischen Vater Unser eines der letzten erhaltenen Sprachdenkmäler dieser ausgestorbenen slawischen Sprache ist.

Ach übrigens – Weimar! Auch … raten Sie, wer? Natürlich! Johann Wolfgang von Goethe hat sich dieses Liedtextes bedient, und zwar für sein frühes Singspiel „Die Fischerin“, das am 22. Juli 1782 im Tiefurter Park uraufgeführt wurde. In der Vertonung von Mademoiselle Schröter. – Wie bitte? – Jaja, genau: CORONA Schröter. 😛

Warten auf Godot

Es müßte eigentlich das Stück der Stunde sein: Samuel Becketts „Warten auf Godot – das zwar nicht absurde Theater, aber das Theater des absurden und vergeblichen Wartens auf ein angekündigtes aber bis zuletzt nicht eintretendes Ereignis. Das Stück ist Sprechtheater mit zwei Hauptfiguren und drei Nebenrollen: Mit fünf Mann also ideal für coronabeschränkte Raumsituationen. Und inhaltlich die ideale Ausdeutung coronabeschränkter Anordnungen: Der Ausnahmezustand wird aufgehoben, wenn die Zahl der Infizierten sich in erst 10 Tagen verdoppelt – ach nein, sagen wir 14 Tage … ach, die haben wir schon? – Na gut, dann nehmen wir die Reproduktionszahl. Solange geht ihr gar nicht oder nur ab und zu in die Schule, dürft euch nicht in Gruppen treffen und in den Gottesdiensten am besten überhaupt nicht singen. In Chören jedenfalls nicht.

Die Mund-Nasen-Bedeckungen, die nach wie vor beim Einkauf lästig und für z.B. Frisöre, die sie stundenlang tragen müssen, sogar gefährlich sind, werden gerne als Kotau vor den mittlerweile von Etlichen nur noch als unsinnig empfundenen Maßnahmen gedeutet. Ich glaube, sie sind das sichtbare Zeichen, das jede Religion braucht. Denn eine Art Ersatzreligion haben wir da ja schon, mit dieser “Pandemie”. Das hat PuLa ja unlängst bereits thematisiert. Wir haben Propheten, die Konträres vorhersagen und sich gegenseitig des Verbrechens zeihen. Wir haben Anhänger auf der einen wie auf der anderen Seite. Wir haben eine Art Isebel, die die falschen Propheten stützt und für die der aufgeklärt-gemäßigte Mob unserer postindustriellen Gesellschaft immer lauter die sanfte Strafe eines Untersuchungsausschusses, des sofortigen Rücktritts und der Rechenschaft fordert (zur Vorbildgeschichte vgl. 1 Kön 17 ff.)

Ja – und Religion braucht Zeichen. Deshalb bereiste Helena, die Mutter Konstantins des Großen, im Zuge der Aufwertung des Christentums und ihrer eigenen Bekehrung das Heilige Land, um den Kreuzesstamm und die Gebeine der Magier aus Ekbatana – vulgo der Heiligen Drei Könige – aufzuspüren. Das Volk braucht Berührungsreliquien und sichtbare Zeichen. Und da nun dieses Virus und die von ihm ausgehende Gefahr für die Bevölkerung ja schon unsichtbar ist und das Sich-Nicht-Berühren auch nur eine Sichtbarmachung ex negativo bedeuten kann, tragen wir seit unserer Zwangsbekehrung zur Religion der Corona-Fürchtigen am 24. April 2020 in Thüringen selbstgenähte Mund-Nasen-Bedeckungen. Und warten auf Godot: Auf die „Zweite Welle“ die einen, auf das Ende des Irrsinns die anderen. Und beides kommt nicht. „Nichts zu machen“, wie es im Theaterstück immer wieder heißt.

Glücklicherweise sind die Richtlinien des Bistums und auch der Stadt Weimar (in Form der neuen Hausordnung der städtischen Musikschule) sehr eindeutig und grenzen – ganz nach dem Vorbild der Anzahl der Kunden pro Quadratmeter Einkaufszentrum – kleine Scholen bzw. Ensembles mit bis zu fünf Personen von Chören und Orchestern ab: Die kleinen Ensembles dürfen sich wieder zum Proben treffen – ja, deren Singen auch in den Messen ist im Bistum Erfurt sogar „erwünscht“.

Wer lesen kann, ist da klar im Vorteil. In dem Krisenstab, der vorgestern zur weiteren Anpassung der Verhaltensrichtlinien in unserer Pfarrei an die neuesten Corona-Schutzmaßnahmen tagte, können das eigentlich alle.

Warum nur haben sie es nicht getan?

Jedenfalls haben sie Chöre und Ensembles in einen Topf geworfen, den Deckel draufgemacht und den Topf auf das sprichwörtliche Abstellgleis rangiert. Ja – die Sitzung hat es sogar geschafft, unseren Pfarrer zur Rücknahme seiner bereits getroffenen und in den Vermeldungen der vergangenen Woche dokumentierten Entscheidung der Wiederzulassung der Cäciliniproben zu bewegen. Und er hatte offenbar leider ebenfalls die Sätze – „Argumente“, muß man ja fast schon sagen … – nicht parat, die in mehreren Emails zwischen ihm und mir hin- und hergegangen waren und ihn in den Stand gesetzt hätten, seine Entscheidung zu verteidigen. So daß nun sowohl unser kleines Instrumentalensemble als auch das Vokalensemble Cäcilini weiterhin … naja – wir werden sehen, was sich ergibt.

Die diesmaligen Vermeldungen mit der Ankündigung der Cäciliniprobe in Gemeinderäumen: schützenswert, da erstmal wieder von Seltenheitswert (Screenshot der Herz-Jesu-Homepage am 6. Juni 2020, 18.30 h)

Wenn man nicht alles selber macht! Bis uns als großer Pfarrei endlich eine Kantorenstelle bewilligt wird, auf der dann eine Person sitzt, die sowohl die Orgeldienste als auch das Singen für alle Altersgruppen interessiert im Blick hat, müssen in Herz Jesu Weimar offenbar immer die LeiterInnen aller betroffenen Gruppen (so viele sind es ja nicht mehr) in solche Krisensitzungen einbezogen werden. Denn augenscheinlich können oder möchten alle Ehrenamtlichen nur für ihre eigene Gruppe sprechen oder werden nur in Bezug auf diese gehört.

Wie auch immer – ewig kann’s ja nun wirklich nicht mehr dauern mit der Beschneidung der Lebensqualität. Vielleicht singen die Cäcilini bis dahin ein bißchen in die WhatsApp-Gruppe? 😀 Oder – zusammen sitzen darf man ja wieder – wir gucken gemeinsam … WARTEN AUF GODOT!
Enjoy 😉

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Naja, ob es mit dem Vergnügen bei diesem Stück so weit her ist…? 🙄 Aber egal, richtig ist natürlich einfach ganz praktisch: Es wäre das ideale Stück in diesen Zeiten. Tun wir jedoch einen kleinen Weimarischen Seitenblick außerhalb des katholischen Bereichs, so kann man sich ja schon fragen, wann eigentlich das Theater wieder angeht. Also, das echte, nicht das Dauer-Theater in dieser Pfarrei 😉 , sprich das DNT. Ob da der Intendant sich ziert, mit reduzierter Personenzahl den Vorhang hochgehen zu lassen? Als ob sonst immer  so viel mehr kämen, als die 185, die nach unsrer Kenntnis dürften! Aber das Ego…
Ich weiß nicht, woran erinnert mich das jetzt doch wieder im kirchlichen Bereich?
Richtig, an das Bistum Magdeburg! Dort hat man bekanntlich ja auch die Wiederaufnahme der öffentlichen Gottesdienste deutlich länger rausgeschoben, als es staatlicherseits geboten war. Und ich dachte immer, Bischöfe und Intendanten werden für ihre Arbeit nicht nur bezahlt, sondern
könnten eigentlich gar nicht anders, als ihre Arbeit zu tun/ihrer Berufung nachzugehen.

Gereon Lamers 

„Wirf deine Angst in die Luft“

(Schall-)Wellen sind Energietransport ohne Massetransport.
Anmerkungen zu den Corona-Schutzmaßnahmen

„Energietransport ohne Massetransport“ habe ich als Charakteristikum einer Welle im Physikunterricht gelernt. Unter den vielen Papieren, die derzeit in den Emailpostfächern von Chorleiter/innen landen, thematisiert diesen Tatbestand eine Studie des Freiburger Instituts für Musikermedizin zur „Risikoeinschätzung einer Coronavirus-Infektion im Bereich Gesang“ vom 25. April dieses Jahres. Darin heißt es:

Die Tonproduktion erfolgt beim Singen mittels eines Ausatemstroms. Physiologisch ist diese Tonproduktion dadurch gekennzeichnet, dass dieser Ausatemstrom periodisch an den Stimmlippen unterbrochen wird. Dadurch strömen nach aktuellem physiologischen Wissensstand nur geringe Mengen Luft pro Zeiteinheit tatsächlich aus dem Mund der Sänger*innen aus. Die Luftmoleküle der Luftsäule im Vokaltrakt werden zur Schwingung angeregt und der Schall überträgt sich im Raum durch pendelartige Schwingungen der Luftmoleküle. / Inwieweit es durch das Singen zu einer vermehrten Aerosolverbreitung kommt, ist wissenschaftlich nach unserem Kenntnisstand bisher nicht untersucht. (Hervorhebungen von mir)

Das hat mir ausgesprochen gut gefallen! In der Tat ist es ja das Schwingenlassen der Luftsäule im Körper, die das wohltuende und wohltönende Singen vom heiser machenden und Schrecken verbreitenden Grölen unterscheidet. (Von daher könnte man vielleicht sagen: Chöre ja – volle Fußballstadien weiterhin nein?) Jedes Chormitglied kennt die Dirigenten-Mahnung beim Einsingen: „Stellen Sie sich vor, Sie halten sich eine Kerze vor‘s Gesicht. Die Flamme darf nicht flackern, während Sie singen! Inhalare la voce!!!“ Das geht in dieselbe Richtung. In seinem kurzen Video-Tutorial zum Thema spricht Thomas Dobmeier sogar von einer „Unterdrucktechnik“ des Singens:

Daß der Klang, der mein Ohr erreicht, nicht eins zu eins die Luft ist, die Singende kurz zuvor ausgeatmet haben, erhellt schon aus der Erkenntnis, daß Klang sich in alle Richtungen ausbreitet. – Genau: Jetzt nicht denken ‚Ach! Deshalb sind Tenöre häufig so dick: Die werden auseinandergezogen!‘ Das wäre falsch. – Strömte die Luft mitsamt Aerosolen von Singenden in alle Richtungen davon, stände ein Chor in der Tat ganz schnell im Vakuum bzw. in einem Wirbelsturm nachströmender Luft. Eine lustige Vorstellung, taugt aber eben nur für die Comiczeichnung. Es ist klar: Nur der Klang breitet sich um Musizierende wie um jede Schallquelle herum aus, nicht die Luft. Was mein Ohr trifft, sind die Schwingungen der Luftmoleküle, die(selben), die schon die ganze Zeit neben meinem Ohr herumwabern. Durch ihre Stimmlippen versetzen Singende die Luft in Schwingung und benachbarte Luftmoleküle stoßen einander an, ohne selber den Platz zu wechseln. Die Vorstellung, daß eine gestrichene Violinsaite ja auch nicht dem Publikum um die Ohren fliegt, sondern an Ort und Stelle ihren Klang erzeugt, hilft vielleicht auch noch einmal dabei, die Angst vor erhöhter Ansteckungsgefahr durch gemeinsames Singen auf ein rationales Maß zu reduzieren.

Die Tröpfcheninfektion, durch die sich Atemwegserkrankungen wie Covid-19 verbreiten, ist, das haben wir jetzt alle oft genug gehört, auf Spucketröpfchen und auf „in der Luft gelöste“ Viren („Aerosole“ aus gr. aër, die Luft und lat. solvere, lösen) in winzigen Feuchtigkeitspartikeln angewiesen. Daher die Abstandsregeln. Spucke fliegt dabei weniger weit als die Aerosole, die sich wohl recht lange in der Luft in der Schwebe halten können. Aber vom Ambo bis zur ersten Bankreihe dürfte doch der Platz in größeren Kirchen wie bspw. Herz Jesu Weimar reichen, um den Kantorendienst im gesungenen Kyrie, einem Zwischengesang und einem Halleluja wie allezeit durchführen zu können.

Denn ist Sprechen weniger gefährlich? Wir alle kennen die Schülerwitze über den Englischunterricht, in dem man sich mit dem Regenschirm vor der feuchten Aussprache der Lehrkraft beim „th“ schützen muß. Gerade Konsonanten befördern Feuchtigkeit aus dem Mund. Und gerade beim Sprechen gefährde ich dadurch andere, denn beim Sprechen schaue ich dem Gegenüber ins Gesicht. Ich spreche sozusagen direkt auf die empfänglichen Schleimhäute meines Gesprächspartners zu. Hier müßte die Gefahr einer Ansteckung daher doch eigentlich größer sein, als wenn ich („inhalare la voce“) „Aaaaaaaaaaaave Mariiiiiiiaaaaaaa“ singe, und zwei Meter neben mir (nicht: mir gegenüber) singt die nächste Sängerin das gleiche in dieselbe Richtung.

Die Luft, die ausströmt, strömt vor uns aus, einem Gegenüber ins Gesicht, an neben uns stehenden Mitsingenden aber vorbei. Singen in Choralschola- oder Vokalensemblegröße macht mir persönlich daher überhaupt keine Angst und ich würde es jederzeit zulassen – hätte ich diese Entscheidung zu verantworten.

Habe ich aber für Proben in Gemeindehäusern nicht.

Die Letztverantwortlichen sind da, das hat der Generalvikar jetzt in einem Maßnahmenpapier noch einmal betont, die Pfarrer, die entscheiden müssen, was sie in ihren Gemeinden zulassen können und was nicht. Und in diese Entscheidung fließen Anregungen aus den schon genannten vielen Studien ein, mit denen wir derzeit überreichlich eingedeckt werden. Das ist gut gemeint von denen, die uns diese Studien zusenden, denn wir sollen uns eine fundierte Meinung bilden können. Nur leider tappen in Sachen Corona derzeit noch ausnahmslos alle – auch die wissenschaftlich Tätigen – derart im Dunkeln, daß auch die wissenschaftlich fundierten Gebote Glaubenssache sind. Es sei denn natürlich, man läse Dirk Gintzel. Dann wäre der Fall erledigt und man sähe klar.
Bis dahin aber reichen die Vorgaben in den Richtlinien von ziemlich utopischen „mindestens 20 m² pro Sänger“ bis zu „3 m Abstand“. Wie man entscheidet, ist letztlich eine Frage, welcher Theorie man glaubt und was am plausibelsten erscheint. Die Entscheider, die sich in unserer Pfarrei heute zum dritten Mal in dieser Corona-Krise in größerer Runde treffen, sind jedenfalls nicht zu beneiden.

Abschließend zum Thema noch was für‘s Fernweh. Enjoy 😉 

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Die Überschrift ist dem Gedicht „Noch bist du da“ von Rose Ausländer entnommen.

Die Franz-Liszt-Gedächtnisorgel und ihr Klangsegel

Professor Michael Kapsner und die hochschuleigene Franz-Liszt-Gedächtnisorgel
in der katholischen Pfarrkirche Herz Jesu Weimar – Teil III

Die aktuelle Textreihe zum Thema Franz-Liszt-Gedächtnisorgel in Herz Jesu Weimar hat aus gegebenem Anlaß (der noch näher zu erläutern sein wird) bisher über den Initiator und den Bau der Orgel, ihre Finanzierung und die ihr zugrundeliegende Vision berichtet und sich dann in einem zweigeteilten Beitrag der Frage gewidmet, wie die neue Orgel im Internet vorgestellt wird. Im folgenden soll es um das Klangsegel der Orgel gehen.

Wer aus unserer Pfarrei ist schon einmal über das Klangsegel gestolpert? Entweder im übertragenen Sinne oder tatsächlich über die Sache selbst, die mittlerweile einsatzbereit auf der Orgelempore aufrecht hinter dem Spieltisch lehnt? Es könnte immerhin sein, daß Ihnen der Begriff schon einmal begegnet ist, denn in der ersten Zeit nach dem Versuch seiner Einführung wurde das Klangsegel seitens der Pfarrei der Hochschule gegenüber zum großen Aufreger stilisiert. Da die meisten von Ihnen das Klangsegel vermutlich trotzdem noch nie gesehen haben und es zu keinem Zeitpunkt in den vergangenen zehn Jahren Informationen für die Gemeinde gab, was dieses Klangsegel überhaupt sei, wozu es diene und warum Professor Kapsner es den Organisten ermöglichen mußte, möchten wir dem ebenso schlichten wie trickreichen Gegenstand einen Teil unserer Textreihe zur Franz-Liszt-Gedächtnisorgel widmen (bisherige Texte der Reihe hier, hier und hier). Der Informationsbedarf scheint beträchtlich zu sein, hörte man in jüngerer Zeit doch sogar aus den Reihen der Hauptamtlichen, auf Konflikte rund um den Orgelneubau angesprochen, die ahnungslosen Worte: „Orgel? Keine Ahnung. Ich weiß nur irgendwas von einem Luftsegel …“. Und darauf darf der jahrelange Einsatz Professor Kapsners für eine Vernetzung von Pfarrei und Hochschule, sein jahrelanges ehrenamtliches Engagement für unsere Kirchgemeinde und die angehenden Organisten nun wirklich nicht zusammenschrumpfen. 

Also: Was ist ein Klangsegel und wozu dient es? Sie erinnern sich an einen der Sätze aus dem anonymen Weblog „Nacht des Herrn“, die ich Ihrem Hinterkopf anempfohlen hatte: „Organisten, die es nicht gewohnt sind in der Orgel zu sitzen, sollten einen Gehörschutz mitbringen.“
Der Wunsch „der Gemeinde“, die Gestalt der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel möge die Rosette am Ostgiebel der Kirche freilassen, stellte den Initiator des Orgelneubaus, Professor Kapsner, und die ausführende Firma Orgelbau Waltershausen bei der Konzeption des Instruments vor große Herausforderungen: „Die Empore ist für eine Konzertorgel durchaus von ausreichender Größe, allerdings werden die Möglichkeiten stark eingeschränkt durch die Vorgabe der Gemeinde, die Fensterrosette frei zu halten“, wie die Ausführenden selber schreiben.
Wie schon erwähnt, verdeutlicht eine Fotografie des Zustands vor Einbau der neuen Orgel auf der Internetseite der Orgelbauer im Vergleich zur jetzigen Situation, welches Geschenk die Gestalt der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel allen, die die Kirche besuchen, durch die erfolgreichen Bemühungen, den Lichteinfall durch die Rosette wieder zu ermöglichen, tagtäglich macht. Aber die Konsequenzen bei Konzept und Bau waren für Professor Kapsner und die Ausführenden in mehrerlei Hinsicht eben auch erheblich. Wir werden daher auch in späteren Texten noch einmal darauf zurückkommen. Für heute sind unter den zusätzlichen Problemen, die die „Vorgabe der Gemeinde“ den Orgelbauern bereiteten, das Ungleichgewicht der dynamischen Balance für den Organisten zu nennen. Die Ausführenden hatten dies kommen sehen, das Problem aber erst nach Fertigstellung der Hauptorgel im Juni 2011 in seiner ganzen Tragweite erkennen können.

Als Lösung schlug Orgelbau Waltershausen noch im Sommer 2011 eben das Klangsegel als Klangabschirmung für den Organisten vor. Es kann an vier Schnüren über dem Kopf des Organisten befestigt und jederzeit wieder entfernt werden. Es sollte und kann seit 2016 nun auch tatsächlich den erwarteten konzertierenden (d.h. ja auch häufig externen) Organisten beim Einregistrieren ihres Konzertprogramms helfen. Wie geplant, ist das Klangsegel weder zu den Konzerten selber noch im Alltag oder in Meßfeiern jemals zu sehen.

Die Problemlösung nach Fertigstellung der Orgel pressierte, da damals der renommierte, von der Musikhochschule Franz Liszt in Zusammenarbeit mit den Städten und Domen Erfurt und Merseburg durchgeführte 2. Internationale Bach|Liszt-Orgelwettbewerb  (23. August bis 5. September 2011) vor der Tür stand. Dennoch wurde sogar eine provisorische Anbringung des Klangsegels im Namen „der Gemeinde“ (wegen der Rosette) oder auch – wie es gerade paßte – im Namen „übergeordneter Stellen“ (aus Gründen des Denkmalschutzes) mehrfach verweigert. Die entsprechenden Schriftstücke liegen PuLa seit langem vor. (Dazu muß man wissen, daß es sich bei den “übergeordneten Stellen” um den fachlich zuständigen Dombaumeister unseres Bistums gehandelt hätte, der jedoch auf Betreiben eben derselben Person, die wiederholt in besagten Schriftstücken das Klangsegel verweigerte, im Zuge der Baumaßnahmen rund um die Orgel für Herz Jesu Weimar mit einem Hausverbot belegt worden war.)
Bei der Einregistrierung vor einem Konzert waren Organist/inn/en zu diesem Zeitpunkt auf eine zweite Person angewiesen, die im Kirchenschiff stand und auf Zuruf die Registrierung kommentierte und korrigierte. Oder die Musiker dokumentierten ihr eigenes Spiel und die Klangvarianten begleitend per Recorder im Kirchenschiff und liefen während des Probens beständig treppauf, treppab zwischen Spieltisch und Kirchenschiff hin und her, um die Aufnahmen abzuhören, zu beurteilen und die Registratur danach auszurichten.

Was für Knüppel wurden da in unser aller Namen den Organisten über Jahre zwischen die Beine geworfen! Wie können wir beginnen, überhaupt einzuschätzen, worum es ging? Wie damit beginnen, die allgemeine Entschuldigung zu begreifen und inhaltlich mit Emphase zu füllen, die unser jetziger Pfarrer beim Antrittskonzert von Professor Sturm der Hochschule gegenüber formuliert hat?

Die einzig Leidtragende bei Anbringung des Klangsegels, so hat man aus den damaligen Schreiben den Eindruck, ist die Fensterrosette am Ostgiebel hinter der Orgel. Segel und Rosette scheinen sich überhaupt nicht zu vertragen. Wir müssen also, um zu beurteilen, ob die Behinderung der Organisten zwischen 2011 und 2016 gerechtfertigt war, einen Eindruck davon gewinnen, wie sehr das Klangsegel den Leichteinfall durch die Fensterrosette tatsächlich stört. Wie können wir uns darüber ein Urteil bilden, da das Klangsegel im Alltag nie installiert ist?

Wir wollen sehen, ob ich Ihnen helfen kann. Auch ich hatte ganz lange vom Klangsegel nur gehört. Selbstverständlich kannte ich die fachliche Erläuterung des Professors. Außerdem kursierten 2011 vereinzelte Erlebnisberichte hinter vorgehaltener Hand. Zum ersten Mal gesehen aber habe ich den im Laufe der Zeit regelrecht zum Phantom gewordenen Gegenstand erst nach sieben Jahren – und zwar zufällig. Das war am 28. September 2018 mittags, als István Ella an der Orgel in unserer Kirche saß und sich für sein abendliches Konzert zu unserem Kirchweihfest mit der Orgel vertraut machte. Ich weiß nicht mehr, warum ich einen Fotoapparat zur Hand hatte – hatte ich aber und habe natürlich sofort die Gelegenheit genutzt, diesen seltenen Anblick für Sie im Bild festzuhalten:

István Ella macht sich für sein abendliches Konzert am 28. September 2018 mit der Franz-Liszt-Gedächtsnisorgel vertraut und registriert ein; über dem Spieltisch, erkennbar an der schmalen weißen waagerechten Kante, das Klangsegel (eigenes Bild)

Ich entschuldige mich für die Bildqualität – die Kirche war dunkel. Aber ich denke, Sie können es dennoch erkennen: Über dem Kopf des Organisten schwebt waagerecht eine leicht gewölbte Plexiglasscheibe. Das ist das Klangsegel. Seine weiße Kante verläuft als schmale Linie quer über die Rosette. Stört es optisch? Behindert es den Lichteinfall? War das bis Anfang 2016 hartnäckig aufrechterhaltene Verbot des Klangsegels angesichts der gravierenden Konsequenzen für die Organisten gerechtfertigt? Bitte, liebe Pfarrkinder aus Herz Jesu Weimar, bilden Sie sich ein Urteil. Denn das Verbot des Klangsegels wurde, obwohl die Gemeinde nie informiert und nie gefragt wurde, doch in unser aller Namen ausgesprochen.

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Fortsetzung folgt

“Hatten wir diese Auseinandersetzungen nicht schon gewonnen?”

Ross Douthat hält die ‘Erasmus Lecture’ 2015
Neues aus der Blogœzese 2a/3 

Ende April hatten wir uns über die Blogœzese Gedanken gemacht und anhand ermutigender aktueller Beispiele einen kleinen Rückblick gewagt auf ihre Geschichte, vor allem in den vergangenen 7 – 8 Jahren. Dabei kamen wir nicht umhin, die Entwicklung in diesem Zeitraum als eine krisenhafte zu charakterisieren. Beim Nachdenken darüber hatten wir postuliert, es gebe über die je individuellen Gründe für ein Nachlassen in der Intensität der Textproduktion hinaus auch ein “verbindendes Element”, das uns alle gemeinsam gehemmt hat, und das vielleicht auch noch fortwirkt.

Aber bevor wir zu diesen durchaus ernsthaften und auch selbstkritischen Betrachtungen schreiten, haben wir noch ein Schmankerl für Sie, das sich eher heiter einfügt in den ‘Komplex Blogœzese’. Cornelie hat es, sozusagen als “Beifang”, “aufgestöbert”, als sie vor kurzem den ersten Teil ihres Berichts über die Internet-Präsenz der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel in unserer Pfarrkirche schrieb. Zu diesem Thema hatte sich nämlich der Blog “Nacht des Herrn” anläßlich der Weihe der Orgel verblüffend kundig geäußert.

Der Autor dieses Blogs agiert nach wie vor anonym über eine kommerzielle amerikanische Plattform (dafür wird man mit Werbung genervt… 🙄 ). Naja, spart neben Geld eben auch die Verpflichtung zur Bereitstellung eines Impressums und einer Datenschutzerklärung, das muß jeder selber wissen. Im Grunde konnten wir ja schon vor über 5 Jahren über diesen Mitbloggenden (denn die Bezeichnung “Kollege”, die wir ja sonst immer wählen, würde er vermutlich seitens PuLa eher nicht so mögen), leider nur den Kopf schütteln (hier, ganz zum Schluß). 
Und es hat sich dort nichts geändert! Weder die (wie wir 2014 schrieben) auch hier “intermittierende Erscheinungsweise”, noch die reichlich eklektizistische Themenwahl, die für unser Empfinden immer wieder mal nur so “irgendwie” etwas mit katholischen Fragen zu tun hat, und schon gar nicht das Hauptcharakteristikum des Autors, der sich nach wie vor “Nachtbriefträger” nennt: Er ist immer (noch) der gaaanz Arme! 😉 Schrieb er damals von sich, seine Funktionsbezeichnung sei eigentlich “Sündenbock”, so grämt er sich im Jahr 2017 (vermutlich wieder aufgrund einer beruflichen Veränderung, bzw. Versetzung) darüber, daß er als “Neuer im Team” erst einmal fragen soll, bevor etwas verändert werden darf – So was aber auch! (hier) (Unbenommen bleibt dabei, daß die Beobachtung, wie “Ehrenamtliche” zur Begründung von Veränderungsunwilligkeit instrumentalisiert werden können, sehr nachvollziehbar ist!).

Naja, und vor gar nicht langer Zeit, am 2. März 2020, läßt unser anonymer Autor dann seinen Blog, die “Nacht des Herrn” als “Dornröschen” (sic!) wieder erwachen.

Lassen wir mal dahingestellt, ob “Sleeping beauty” hier wirklich der richtige Vergleich ist, und stellen einfach nur fest: Wenn sogar der Nachtbriefträger jedenfalls den Vorsatz faßt, wieder regelmäßig in die Tasten zu greifen, so wollen wir das als ein weiteres positives Zeichen der Wiederbelebung der Blogœzese sehen und sagen in diesem Sinne: Willkommen zurück, lieber Mitbloggender! 

Von dieser Ouvertüre her, so mußte ich feststellen, hätte sich ein Thema zur Überleitung auf den Hauptteil des Beitrags allenfalls reichlich gezwungen finden lassen, und daher – fange ich einfach an:

Am Abend des 26. Oktober 2015 hielt in New York Ross Douthat die ‘Erasmus Lecture’, die die Trägerinstitution des Magazins ‘First Things’ jährlich veranstaltet.
Der Harvard-Absolvent Douthat (gesprochen etwa: “Daußat, sorry, mit Lautschrift stehe ich auf Kriegsfuß.. 😉 ) , Jg. 1979, ist ein amerikanischer Autor, Blogger 😀 und seit einigen Jahren (als solcher gesuchter und ausgewählter!) konservativer “Op-Ed-Kolumnist” der New York Times. Er konvertierte in den frühen 90er Jahren zusammen mit der ganzen Familie zum Katholischen Glauben und gilt als eine gewichtige Stimme im traditionsorientierten Spektrum des US-amerikanischen Katholizismus.
Das First-Things Magazine ist eine seit 1990 monatlich in New York erscheinende, konservative ökumenische und interreligiöse Publikation (protestantisch, katholisch, jüdisch). Ihr Ziel ist es “eine religiös informierte und philosophisch untermauerte öffentliche Übereinkunft zur Ordnung der Gesellschaft zu fördern”. 

Die jährlichen  ‘Erasmus-Lectures’, sie finden sogar bereits seit 1987 statt, werden jährlich von über 500 Menschen besucht. Die Referenten sind fürwahr hochkarätig, auch ein gewisser Joseph Ratzinger gehörte einmal dazu. 

Vor diesem Hintergrund ist es glaube ich angebracht, einmal mehr festzustellen, daß in der breiten deutschen Öffentlichkeit im allgemeinen, aber auch speziell in der (ohnehin überschaubaren) katholischen intellektuellen “Szene” in der Regel ein Zerrbild von der Debatte in den USA gezeichnet wird! Ja, es gibt dort, im weltlichen wie im religiösen Bereich der öffentlichen Debatte schrille Stimmen. Mehr als genug und auch mir ist das immer wieder sehr unangenehm.
Aber es gibt eben auch Institutionen, Debatten und Persönlichkeiten wie die im Umfeld von ‘First Things’. Institutionen und Debatten, wie es sie hierzulande einfach nicht gibt. Streitbar, aber zivilisiert und vor allem mit einem
erheblich breiteren Meinungsspektrum! Das geht, gerade seit 2016, im immer gleichen Trump-Bashing unter und wenn das nichts mehr “hilft” werden über “die Amerikaner” einfach die Geschichten erfunden, die das hiesige Publikum erwartet. So z.B die Leserschaft des “Spiegel”, der einen Claas Relotius bei sich so richtig zur “Hochform” auflaufen ließ. Ich habe das schon öfter geschrieben: Unterreflektierter Antiamerikanismus ist eine Dummheit, die den, der ihn pflegt, insoweit mit den beiden totalitären Ideologien gemein macht, unter denen Deutschland und die Welt im 20. Jahrhundert gelitten haben. 

Deswegen gehört an diese Stelle einer unserer allseits beliebten 😉 Praktischen PuLa-Tips: Wenn Ihnen, gerade im katholischen Bereich, eine(r) mit Bemerkungen kommt wie: “Die Amis halt” (samt einschlägigem Augenaufschlag), dann sollten Sie hellwach werden! Denn die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, daß Sie nur davon abgehalten werden sollen, Debatten und Standpunkte kennenzulernen, die denen, die so reden, nicht passen. Weil sie, zum Beispiel, deren vermeintliche Selbstverständlichkeiten erschüttern. Sie sollten sich dann nicht nur nicht abschrecken lassen, sondern besonders neugierig werden, um sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Ok, fangen wir nach diesem “kleinen Einschub” einfach noch einmal an: 

Am Abend des 26. Oktober 2015 hielt in New York Ross Douthat die ‘Erasmus Lecture’ und er begann mit einer Geschichte, die er, wie er sagte, oft gehört und auch einige Male selbst erzählt habe, einer “Geschichte über die Katholische Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts”:

Einst, vor 50 Jahren habe es ein ökumenisches Konzil gegeben, nach eigenem Bekunden “pastoral”, keinesfalls “revolutionär” in seiner Zielsetzung und dementsprechend seien auch seine Verhandlungen und die Dokumente, die daraus erwuchsen, alles andere als dazu angetan gewesen, die Lehre neu zu schreiben, bzw. die Kirche zu protestantisieren.

Jedoch sei dieses 21. Ökumenische Konzil zeitlich zusammengefallen mit einer Ära sozialen Aufruhrs und revolutionärer kultureller Umbrüche in der westlichen Welt und so sei die erhoffte Erneuerung bald “gekidnapped” worden, von jenen, die eine Anpassung an den Zeitgeist der 60er Jahre und die Veränderung der Kirche “nach linksprotestantischem Vorbild” anstrebten.

Schnell hätten sich zwei Parteien gebildet, eine, die in Kontinuität zu Lehre und Tradition dem tatsächlichen Gehalt der Konzilsdokumente folgte, und eine, deren Loyalität dem vermeintlichen “Geist des Konzils” gehörte, der mit den jeweiligen kulturellen Moden der Zeit zusammenfiel. 

Diese letztere Partei hätte sich in vielen katholischen Institutionen erfolgreich breitgemacht, den Seminaren und den Orden, in katholischen Universitäten (in den USA gibt es so etwas relativ häufiger) und den Diözesanbürokratien – viele Jahre lang.
Die Ergebnisse seien im besten Fall enttäuschend, im Grunde aber desaströs gewesen: “Zusammenbruch der Meßteilnahme, verschwindende Berufungen, eine schnelle Erosion katholischer Identität, wohin man schaut”. 

Doch glücklicherweise für die Kirche sei dann ein Papst gewählt worden (der Hl. Johannes Paul II.), der der erstgenannten Partei angehört habe, der die Hermeneutik des Bruchs zurückgewiesen habe, die wahren Absichten des Konzils vorangetrieben und dabei die alten Wahrheiten des Katholizismus erneut klar verkündet habe.

“[…] Während ein liberalisierter, anpasserischer Katholizismus daran scheiterte, sich zu erneuern und daher bald (buchstäblich) aussterben würde, inspirierte das katholische Zeugnis dieses Papstes und seines Nachfolgers genau die Art der Erneuerung, auf die die Konzilsväter gehofft hatten: eine Generation von Bischöfen, Priestern und Laien, dazu bereit, die Fülle des Katholizismus und den Glanz seiner Wahrheit, zu bezeugen.”

“Und um die Jahrtausendwende war jedem mit Augen zu sehen klar, daß diese Generation die katholische Zukunft darstellte, daß die liberale Alternative auf die Probe gestellt worden und gescheitert war, und daß die Kirche des 21. Jahrhunderts eine erfolgreiche Synthese verkörpern würde – konservativ, aber modern, verwurzelt in der Tradition, aber nicht traditionalistisch, eine Synthese des konziliaren und des vorkonziliaren Katholizismus, der zweitausendjährigen Geschichte der Kirche und der Kirche des Zweiten Vatikanischen Konzils.”

Dies, so Douthat, sei das zentrale Narrativ (‚master narrative‘) des traditionellen Katholizismus gewesen, als er in den späten 90ern konvertierte, und er fuhr fort:

“Und als Joseph Ratzinger als Benedikt XVI. die Nachfolge von Johannes Paul II. antrat, schien der Katholizismus aus dem „Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils“ so gut wie besiegt zu sein, der Triumph des traditionellen Katholizismus mehr oder weniger ratifiziert, und die Geschichte, die ich gerade erzählt habe, schien in ihrer Wahrheit als bestätigt.”

Eine Geschichte, die bekannt klingt, die wir alle in ihren Elementen kennen – und die mir, als ich sie nach fast 5 Jahren, in denen ich den Text schon kannte, dann endlich mal las 😐 dennoch so eben nicht vertraut war!, jedenfalls nicht so explizit und nicht so konsistent. 

Warum? Ich vermute, weil mein Weg in die Intensivierung meiner Beschäftigung mit katholischen Themen später begann, als solcher weniger bewußt/rational einsetzte, als bei dem Konvertiten Douthat und dann in dem Kampf, in den wir in Weimar gezwungen wurden, auch anders verlief.
Und, weil es in Deutschland niemanden gab, den ich kennengelernt hätte, der dieses ‘master narrative’ so auf den Begriff gebracht hätte…. 

Heute aber, so Ross Douthat schon vor fast fünf Jahren, ist diese optimistische Geschichte eine ‘Erzählung in der Krise’.

Damit, wie Douthat die Gründe dafür schildert, beschäftigt sich der nächste Beitrag dieser kleinen Reihe.

Gereon Lamers 

Bröckelt die “Mafia”?

Über eine Konversion im Mai 2020

Am gestrigen 24. Mai machte eine 61-jährige promovierte Juristin über ihren Instagram-Account bekannt, daß sie in der Christkönig Kirche in München-Nymphenburg das Sakrament der Firmung empfangen habe und damit in den Schoß der Kirche aufgenommen worden sei:

Angekommen! Angenommen. Segen und Kraft und Freude in einer Welt, die oft so seltsam ist, und einer Zeit, die viel verlangt. Ja, es stimmt, Gottes Geist weht, wo er will.

So weit, so gut, so sympathisch und selbstverständlich überaus erfreulich, aber warum berichtet darüber bereits am gleichen Abend die Katholische Nachrichtenagentur und in ihrer Folge “katholisch“.de? Und heute, mit 18-stündiger Verspätung auch evangelisch.de? Verdient eine einzelne Konversion aus dem Bereich des Protestantismus diese Aufmerksamkeit?

Und ob!

Denn es handelt sich bei dieser Dame nicht “bloß” um ein langjähriges Präsidiumsmitglied des Deutschen Evangelischen Kirchentags sowie des 3. Ökumenischen Kirchentags 2021 (sie gehörte auch schon dem Präsidium des 2. Ökumenischen Kirchentags 2010 an), nicht nur um eine durchaus profilierte (bisher) protestantische Autorin und regelmäßige Kolumnistin auf “evangelisch.de”, ihr bisher? letzter Beitrag erschien heutenein, es handelt sich um Beatrice von Weizsäcker, Tochter des ehem. Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.

Beatrice von Weizsäcker, 2009 (Foto: Wikicommons, DEKT/Jens Schulze)

Zu den von Weizsäckers aber sagte im Jahr 1987 in einem Spiegel-Interview kein geringerer als Ralf Dahrendorf

[Ich denke dabei an] das, was ich die protestantische Mafia nenne, also Leute wie Ludwig Raiser, die Weizsäckers oder Marion Gräfin Dönhoff, die in manchem ähnliche Positionen hatten wie der SPIEGEL. Diese Positionen waren in der Geschichte der Bundesrepublik nie beherrschend und trotzdem einflußreich. […] . Die protestantische Mafia stand durch all die Jahre vor allem für einen bestimmten moralischen Anspruch im öffentlichen Leben. (Hervorhebungen von mir)

Nur daß anders als Baron Dahrendorf meinte, die Positionen dieser Gruppe von Familien, deren “Clan-Mütter” in deren Kindesalter überlegten, welcher ihrer Abkömmlinge denn nun Staatsoberhaupt werden sollte, sehr wohl mit-bestimmend für die Bundesrepublik waren, und es besonders für deren geistiges Klima vermutlich auch nach wie vor sind, und zwar durchgängig verbunden mit einem prägnanten antikatholischen Affekt, der umso perfider ist, als er sich selbst nicht zu sehen in der Lage scheint.
PuLa hat diesem Komplex schon im Jahr 2015 einen längeren Beitrag gewidmet, den ich Ihnen nach wie vor empfehlen kann, hier.

Vor dem Hintergrund der  Wucht ihres schier übermächtigen kulturprotestantischen Herkommens zu dieser Entscheidung zu gelangen, nötigt mir fürwahr ein gerüttelt Maß an persönlichem Respekt vor Frau v. Weizsäcker ab!

Nach den Gründen für diesen Schritt gefragt sagt sie auf Instagram nur, es seien “viele” (na, klar sind sie das! 😎 ) und gegenüber evangelisch.de, sie seien “persönlich”.

Traf die Entscheidung ihre bisheriges Umfeld also völlig unvorbereitet? Hat sie nirgendwo erkennen lassen, welche Richtung ihr religiöses Denken und Empfinden nahm?

Ich glaube, wer es “sehen wollte”, will heißen, wer in der Lage war, eine solche Entscheidung für denkmöglich zu halten, der konnte sehr wohl etwas erkennen. Was aber, wie ich vermute, im organisierten Protestantismus in Bezug auf eine, die aber so etwas von “eine von uns” zu sein schien, eben nicht der Fall war. Und mit dieser Erkennbarkeit meine ich nicht ihre sich seit einigen Wochen häufenden Beiträge auf Instagram, die sich um die Christkönig-Kirche in Nymphenburg drehten. 

Ich meine einen Beitrag auf evangelisch.de von immerhin Mitte September 2019 und es ist, natürlich, kein Zufall, daß es da um die letzten Dinge ging, Tod und ewiges Leben. Sie finden ihre Worte hier unter der Überschrift: 

Wenn ich tot bin … will ich nichts von Goethe hören. Es soll heiter-himmlisch zugehen, es soll Ostern sein! Ich will Weihwasser und Rituale. Ich will katholisch beerdigt werden. (Hervorhebung von mir)

Lesen Sie diesen entzückenden kleinen Text! Unbedingt! Beatrice v. Weizsäcker vergleicht darin zwei Beerdigungen, die sie im Sommer 2019 erlebt hat, eine protestantische, nach der ihr, wie sie sagt “gruselte” und eine katholische, die sie zu dem Schluß kommen ließ: 

Wenn ich tot bin, will ich katholisch beerdigt werden. Das weiß ich jetzt. Es genügt mir nicht, dass nach reformatorischem Verständnis der Mensch sowieso bei Gott ist und es darum nicht notwendig ist, für die Toten zu beten. […] Es soll Weihwasser geben. Und Rituale. Ich will gut in Gottes Ewigkeit ankommen.
Es soll Ostern sein!
Egal zu welcher Jahreszeit.

Wer so empfindet, ist nicht nur dem Kulturprotestantismus, sondern der ganzen Denkrichtung abhanden gekommen, Signale, die man hätte sehen können (die es vielleicht auch hier nochmal gab).

Und wer den oben verlinkten PuLa-Beitrag gelesen hat, wird verstehen, warum ich außer der Freude über ein neues Glied am mystischen Leib Christi (das ist natürlich das wichtigste) auch gesellschaftlich über diese Nachricht große Freude empfinde, und warum das nichts mit Schadenfreude zu tun hat:

Es wäre für ganz Deutschland besser, wenn diese “Mafia” und ihr geistiger Einfluß final “zerbröckelten”!

In der Tat, der Geist weht, wo er will.

Gereon Lamers

No jokes with names

Heil dem Rinderknecht

Man soll ja mit Namen keine Witze machen. Und mit dem Heil auch nicht. Dazu ist das ewige Heil eine zu ernste Sache. Sonst läge natürlich ein Wortspiel schon nahe, wenn Hubertus Heil nun endlich in der Industrie der „Fleischproduktion“ aufräumen will.

Herr Heil könnte auf jeden Fall schon mal beim Begriff beginnen. Menschen können Nahrungsmittel produzieren. Aber Fleisch? Das muß nach wie vor wachsen – wie auch immer Menschen glauben, durch Mast und Medikamente da nachhelfen zu müssen und das „Produkt“ dadurch in jedem Fall verschlechtern. Leben kann sich nur von Leben ernähren – von Lebendigem, das gewachsen ist. Und das Leben schenkt immer noch einzig Gott – aus der Sache kommen wir nicht raus.

Die ganze Aktion hat ja mächtig was von dem „Ich bin entsetzt, schockiert! Ich mußte feststellen, daß hier Glücksspiele stattfinden“, mit dem Capitaine Renault in dem Filmklassiker „Casablanca“ auf Befehl Major Strassers eines Abends Rick’s Café schließt:

Die Zustände in der Fleischbranche dürften in der Politik längst hinreichend bekannt sein – und wenn nicht, dann hätte man allein aufgrund der Preisgestaltung schon stutzig werden müssen. Aber wie dem auch sei – wenn die Corona-Teste auf der Suche nach weiteren Infektions-Akkulmulationen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Menschen und vielleicht sogar der Lebensbedingungen der Tiere beitragen, dann hat es jedenfalls ein Gutes! Und das pünktlich zur „Laudato-Si-Woche, die der Vatikan im Rahmen eines ganzen Umwelt-Aktionsjahres ausgerufen hat und die am fünften Jahrestag der Publikation der Enzyklika am kommenden Sonntag endet. Wie passend!

In Weimar freilich kann man längst gesundes Rindfleisch kaufen. Nachhaltig und aus der Region. In Oettern, einem südlich gelegenen Vorort, nämlich lebt eine Herde von Schottischen Hochlandrindern.

Infotafel am Rand einer Weide der Schottischen Hochlandrinder (eigenes Bild)

Und die leben da wirklich. Ich glaube, es geht ihnen richtig gut. Sie befinden sich in der Obhut von Frau Rinderknecht, die jedes Tier mit Namen kennt.

Sie liebt jedes einzelne Tier – und verkauft dennoch Fleisch? Wie kann das sein? Wie bringt sie es übers Herz, Tiere zu schlachten? Als ich länger mit ihr sprach, weil ich vor einigen Jahren die Schulklasse meiner Tochter zu einem Wandertag dorthin organisiert habe, sagte sie: „Wenn ich nicht schlachten würde, könnten die Kühe keine Kälber bekommen.“ Das fand ich eine gute Antwort, auch für die Kinder. Also schlachtet Frau Rinderknecht schweren Herzens, weiß aber: „Ich habe zwei Herden: eine auf der Erde und eine im Himmel.“ Wieder ein guter Satz. Denn wir wissen ja: Die ganze Schöpfung wird „frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.“ (Röm 8, 21). Bis dahin aber geht es den Tieren in Oettern gut. Die Kälbchen kommen im Freien auf der Weide zur Welt und saugen so lange bei ihrer Mutter, wie sie es brauchen. Keine Milch wird zum Verkauf abgezapft. Die Rinder sind ständig draußen, werden gepflegt und haben viel Platz.

Einige der Schottischen Hochlandrinder aus Oettern (eigenes Bild)

Wie es aussieht, wenn man sich um ein solches Tier kümmert, hat Amy McDonald für das official video einer ihrer inoffiziellen Schottland-Hymnen (wenn ich so sagen darf) zwischen Minute 0:50 und 1:00 ja sehr schön einfangen lassen. Wir haben das Video zwar schon einmal gebracht, aber hier paßt es deshalb auch nochmal. Enjoy! 🙂

Cornelie Becker-Lamers