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Museum. Indikativ

Ein PuLa unterwegs – zu Weimarer Schätzen christlicher Kunst

Das Weimarer Stadtschloß ist geschlossen. „Deswegen heißt es ja Schloß“, sagen Lästermäuler. Es soll bis 2023 saniert werden. Kostbare Kunstsammlungen bleiben dennoch zugänglich – wenn auch auf touristischem Umweg. So ist die Mittelaltersammlung leihweise den Mühlhäuser Museen anvertraut worden, die sie seit November 2018 in der dortigen Marienkirche – seit 1557 evangelisch, (immerhin erst) 1975 säkularisiert und dem musealen Zweckverband zugeschlagen – unter dem Titel „Von Einhörnern und Drachentötern“ präsentieren.

Werbedruckerzeugnisse und Veranstaltungsprogramm zur Weimarer Sammlung in Mühlhausen (eigenes Bild)

Zu sehen sind nun in der nach dem Erfurter Dom größten Kirche Thüringens Altarretabeln mit Darstellungen von Mariä Verkündigung, von Christi Geburt, der Anbetung der Heiligen Drei Könige, Darstellungen von Teilen der Heiligen Sippe – konkret die drei Ehemänner der Heiligen Anna – und des Marientodes, Heiligendarstellungen von Georg, Martin, Katharina von Alexandrien, Erasmus und Sebastian sowie eine ganze Bildgeschichte zu Sankt Nikolaus. Besonders bemerkenswert sind die drei Verkündigungsdarstellungen, in denen Christus in Gestalt eines Einhorns vor seinem Jäger, dem Engel Gabriel mit Jagdhorn und „Tugenden-Hunden“, in den Schoß Mariens flieht. Ich habe zu diesem Bildmotiv einige Sachen publiziert oder geredet. Deshalb bedeuten mir diese Retabeln besonders viel. Durch die Spruchbänder, durch die das Motiv im Bild selber erläutert wird, finde ich sie im Vergleich untereinander besonders interessant. Lehrreich sind sie auf jeden Fall, wie sie auch immer schon gedacht waren. Sie werden im Faltblatt zur Ausstellung aber auch unter dem Gesichtspunkt der Sammlungsgeschichte hervorgehoben: Die hübscheste und daher in der Mühlhäuser Werbung reproduzierte Maria wird zwar in der Forschung der „Madonna mit der Korallenkette“ des Halberstädter Domschatzes verschwistert, mit einer Entstehungszeit zwischen 1430 und 1440 aber auf den Entstehungsort Erfurt festgelegt. Johann Wolfgang Goethe hat sie (wenn ich mich recht erinnere 1828) über die Grenze geschafft und der Sammlung Carl Augusts hinzugefügt.

Blick in die Ausstellung „Von Einhörnern und Drachentötern“, Marienkirche Mühlhausen (eigenes Bild; Abb. mit freundlicher Genehmigung des Museumsdirektors)

„Durch die Anordnung wertvoller Altäre, Skulpturen und Gemälde in der bestehenden Architektur von St. Marien wird der Eindruck eines reich ausgestatteten mittelalterlichen Kirchenraumes wieder erlebbar“, schreibt das Faltblatt zur Ausstellung. Das sei tatsächlich der besondere Reiz, hatte man mir bereits im Vorfeld geschildert: Daß plötzlich Altäre wieder in einem Kirchenraum – in einem Raum vergleichbar dem, für den sie einst geschaffen worden waren – zu sehen wären.

Marienkirche Mühlhausen, Blick in Richtung Chor (eigenes Bild)

Wirklich eine schöne Sache.

Hm.

Wäre eigentlich auch was für Alltagsmessen. Oder als Gebetsort. Also im liturgischen, im religiösen Gebrauch. Nicht, dem Gebrauch enthoben, im nur musealen Rahmen.

Zumal so ein zusätzlicher Altar immer mal wirklich benötigt wird. Am Gründonnerstag sagt doch der Priester: ‚Wir bringen jetzt das Allerheiligste zum Seitenaltar.‘ Und dann postieren sie es auf einem Tischchen unter der Konsole, auf der sie die schöne Maria vor die Wand gestellt haben. Aber ein temporäres Tischchen ist eben kein Altar. Altäre muß man schon als solche weihen, damit sie welche sind.

Alles spräche da also für eine Wiederherstellung. Das wäre das einzig Wahre.

Das heißt: Wenn – wie in Herz Jesu Weimar – alle Teile der in den 1960er Jahren herausgerupften Seitenaltäre noch in der Pfarrei, verteilt auf verschiedene Räume des Pfarramtes und des Gemeindehauses, vorhanden wären: Müßte dann diese Kirche trotzdem erst Museum werden, damit diese Seitenaltäre rekonstruiert und wieder aufgestellt werden?

Cornelie Becker-Lamers

Zwei Bemerkungen:

Zunächst ist „herausgerupft“ für die bilderstürmerische Barbarei, die da obwaltet hat eine sehr milde Formulierung; aber wir sind eben einfach zu nett… 😉

Weiterhin, vor allem für unsere Leser außerhalb Thüringens: Wenn es sonst keinen Grund gäbe, nach Mühlhausen zu fahren (aber es gibt dieser Gründe genug!), die Marienkirche wäre es auch allein! Es ist ein so absolut hinreißender Kirchenraum, von derart unglaublich gelungener Proportion, daß er einen regelmäßig auch in seinem derartigen entweihten Zustand gefangen nimmt, schöner, in meiner Sicht der Dinge, der ich kein ausgesprochener Gotik-Fan bin, als manch (noch) größere Kirche ihrer Entstehungszeit. Wenn die große Instauratio kommt, zur erneuten Weihe dieser Kirche werden die Engel singen! 🙂

Gereon Lamers

Eine Pietà aus Meißner Porzellan

Neues vom Firmkurs

Was heißt „Neues“ – Mitte Mai war es. Aber man kommt ja nicht rum mit dem Schreiben. Also 12. Mai 2019. Muttertag 🙂 . Wir haben in der Dresdener Hofkirche eine Messe besucht und schauen uns den Kirchenbau noch ein wenig an, als mein Kind mich am Ärmel zupft: „Mama! Ich muß nochmal in diese Kapelle da.“ Sie weist zum Beginn des nördlichen Seitenschiffs. Da ich weiß, daß sie zum ersten Mal im Leben diese Kathedrale besucht, schaue ich sie verwundert an. „Da ist eine Pietà!“ erläutert sie mit der Ungeduld eines Teenagers, der davon ausgeht, daß man immer schon im Vornherein weiß, worauf er hinaus will. „Ah!“ sage ich und trabe hinterher in Richtung Gedächtniskapelle, die, wie ich später lese, ursprünglich dem böhmischen Heiligen Johann Nepomuk geweiht war, seit 1976 aber dem Gedenken des Bombenangriffs auf Dresden im Februar 1945 dient. Am Eingang der Kapelle angekommen, bin ich zunächst sprachlos. Eine Pietà. Ja. Aber was für eine!

Die Pietà in der Gedächtniskapelle der Dresdener Hofkirche; Friedrich Press (*1904 Ascheberg/Westf. +1990 Dresden) aufgestellt 1975; Meißner Porzellan

„Guck mal: die Schwerter im Herzen“, vermuten wir, lesen dann aber in der Beschreibung, daß hier Maria „die Trümmer des Krieges“ hält, „die sich zu einer Dornenkrone zusammensetzen.“ Ist Jesu Seitenwunde so vergrößert, als hätte man ihm das Herz herausgerissen? Sein Gesicht zeigt die Ruhe des Todes – anders als Marias, deren aufgerissene Augen das Weinen verlernt zu haben scheinen. Ein freistehender Altar im Vordergrund symbolisiert die im Feuersturm brennende Stadt. Die Flammen schlagen aus Totenköpfen. Erschütternd finde ich die in Gold gravierten Daten am Altar an der Wand. In memoriam mortuorum steht da, eingerahmt von den Zahlen 30.1.1933 und 13.2.1945. Nicht Kriegsausbuch und Kriegsende. Nicht Beginn und Ende der Herrschaft der Nationalsozialisten. Sondern das Datum der Machtergreifung und das der Zerstörung Dresdens. Als wäre seit 1933 alles auf diesen Tag zugelaufen und im immer weiter andauernden Kriegsverlauf nichts Schlimmeres mehr geschehen. Das ist verrückt. Aber es paßt nach Dresden und zu der Bedeutung, die man hier diesem Datum beimißt.

„Woher kennst du das?“ frage ich. „Hatten wir im Firmkurs.“ – „Bei Ikonographie und Mariendarstellungen?“ – „Ja.“ Leichthin, als wäre es selbstverständlich. Das ist es für einen Weimarer Firmkurs nicht, hatte ich ja schon erzählt. „Das ist toll!“ sage ich deshalb. „Ja, schon“, sagt mein Kind.

In der Tat scheinen Pfarrer und Gemeindereferentin, die sich wochenweise mit dem Unterricht abwechseln, den elterlichen Hinweis ernst zu nehmen, intellektuell in diesem Kurs ruhig ein bißchen aufzudrehen. (Ich hatte das im Anschluß an den diesjährigen Kreuzweg der Cäcilini – es sind zwei Firmbewerberinnen darunter – noch einmal betont, weil in deren Texten so deutlich geworden war, mit welcher Gefühlstiefe diese Mädchen nachempfinden und auf welchem Niveau sie reflektieren.) Es sind ja generell jetzt, durch das jährliche Angebot, keine Achtklässer mehr dabei. Und der verbummelte Firmtermin liegt so spät im Jahr, daß die Firmbewerber dann schon in der 10. Klasse und manche 16 Jahre alt sind. Die anderthalb Jahre Unterschied zu früheren KursteilnehmerInnen machen in dieser Altersgruppe natürlich mächtig was aus!

Wir freuen uns also gemeinsam mit den Firmlingen auf weiterhin lehrreiche und intellektuell anspruchsvolle Unterrichtseinheiten.

Cornelie Becker-Lamers

Noch mehr Biegepüppchen

PuLa daheim und unterwegs

Wieso habe ich eigentlich begonnen, mich für Biegepüppchen im Kirchenraum zu interessieren? Paßt doch gar nicht zu mir. Müßte mir doch eigentlich auf die Nerven gehen. Sie haben Recht! Aber wenn die richtigen Leute die Dinge anschleppen und daher die Assoziationen stimmen, kann ich ungeahnt verständnisvoll und vielseitig sein. 😉

Alles begann nämlich mit den Utensilien, mithilfe derer unsere Gemeindereferentin bei unserem gemeinsamen Kinderkreuzweg zu Karfreitag 2018 die ausgewählten Stationen nach den kurzen Texten für die Kinder noch einmal erarbeitete und anschaulich machte. Sie erinnern sich, hier hatten wir davon berichtet. Da schwammen Augen in Plastiktränen (Station acht) und das Schweißtuch der Veronika zeigte Jesu Konterfei (Station sechs). In der vierten Station, als Jesus seiner Mutter begegnet, hatte Frau Rimestad Biegepüppchen aufgebaut, die sie selbst zu Ende ihres Studiums hergestellt hatte. Ein Blick darauf kommt in unserem früheren Artikel bereits vor, hier sieht man sie nochmal von vorn:

Jesus und Maria begegnen sich auf dem Kreuzweg. (Herz Jesu Weimar am 30. März 2018; die Biegepüppchen unserer Gemeindereferentin; eigenes Bild)

Das war der Auslöser, weswegen ich ein Vierteljahr später in der Schopper Kirche die Szene mit Bonifatius so aufmerksam betrachtete und zu fotografieren beschloß. In meinem Kopf begann es eine Serie zu werden.

Das ging weiter, als wir noch einmal vier Monate drauf Torgau besuchten und sonntags dort zur Messe gingen. Vor dem nördlichen Seitenaltar, der einen großartigen Heiligen Georg bei der Arbeit zeigt, war eine kleine Szenerie aufgebaut. Und was soll ich Ihnen sagen: Natürlich aus Biegepüppchen!

Torgau, katholische Kirche, vor dem nördlichen Seitenaltar des Heiligen Georg, 14. Oktober 2018 (eigenes Bild)

Der Jahreszeit geschuldet (es war ja Mitte Oktober), ordnete ich die in leuchtendem Maisgelb gehaltene Darstellung dem Erntedankthema zu. Ähren in den Väschen, wie zu Garben gebunden. Mußte eigentlich Erntedank sein. Hm. Aber wer waren die beiden Figuren da rechts? Mit den vielen goldenen Kugeln? – Es bedurfte der Erläuterungen des Ortsgeistlichen, Hochwürden Schacht, um mich auf die richtige Spur zu bringen: Natürlich geht es hier um Moses, der auf dem Nil (blaues Tuch) in seinem Körbchen schwimmt. Zwischen Weizenfeldern. Und rechts, das ist der superreiche Pharao und seine Tochter, die Moses gleich finden und adoptieren wird. Wenn ich mich recht erinnere, stammte diese Biegepüppchen-Geschichte aus der Religiösen Kinderwoche in den dortigen Herbstferien. Aber ich kann mich auch irren. Wir gucken nochmal genauer:

Die Szene zeigt Moses im Körbchen im Nil, rechts der Pharao und die Prinzessin (eigenes Bild)

Diese Farben! Ist das nicht phantastisch?! Man begreift, warum Goethe das Gelb und das Blau zu „Urfarben“ bestimmte und sie als „Urkontraste“ mit den Attributen der Aktivität, des Hellen und der Wärme (das leuchtende Gelb) bzw. der Passivität, des Dunklen und der Kühle (das kräftige Blau des Flusses) belegte.

Mir fällt gerade ein: Das wäre vielleicht mal ein Literaturtip für kunstinteressierte Augenmenschen und bisherige Goethe-Muffel, von denen man zuweilen bei Radio Horeb hören kann: Goethes Farbenlehre, abgeschlossen1808. Bekanntlich betrachtete Goethe selber nicht etwa seine vielen Dramen, ja, nicht einmal den „Faust“ als sein Hauptwerk, sondern diese Farbenlehre, die in der Forschung auch als „Farbentheologie“ ausgelegt wird. Super interessant! Aber das nur nebenbei.

Für heute schließe ich. Es geht aber demnächst noch weiter!

Cornelie Becker-Lamers

Altar und Bühne – Ein PuLa-unterwegs für Wynfreth

Eine Biegepüppchen-Geschichte über Sankt Bonifatius

Heute ist der Gedenktag des Heiligen Bonifatius. Über Bonifatius haben wir noch nie auch nur die geringste Kleinigkeit geschrieben. Das ist unfair. Schließlich hat er unser Bistum gegründet.

Im vergangenen Jahr war ich um genau diese Zeit in der kleinen Ortschaft, in der ich zur Grundschule gegangen bin. Sie trägt den ebenso lustigen wie einmaligen Namen „Schopp“ und liegt im Kreis Kaiserslautern. In diesem Ort leben etliche geschickte Frauen, die gerne basteln und hervorragend handarbeiten können. Und so überbieten sie sich ständig selber in der Visualisierung von Heiligenlegenden oder dem Heilsgeschehen selber.

1969 wurde in Schopp (die Kurpfalz ist evangelisch) der Grundstein zu einer katholischen Kirche gelegt, die Bonifatius als Patrozinium besitzt. Und so hatten heute vor einem Jahr die vielen tüchtigen Frauen eine kleine Bühne aufgebaut, auf der mit Hilfe von Biegepüppchen die Geschichte des Heiligen Bonifatius dargestellt und textlich erläutert wurde. Ich habe damals Fotos gemacht – und die nutzen wir jetzt für den heutigen Gedenktag.

Enjoy! 🙂

Blick auf die Biegepüppchen-Szene in der Schopper Kirche; der mit den wüsten Haaren vorne rechts ist der Häuptling dieser Fritzen – äh! Friesen, die im heutigen Fritzlar gespannt die Reaktion ihres Gottes auf die Fällung der Donareiche erwarteten; 7. Juni 2018 (eigenes Bild)

 

Als man für die Fällung eines Baumes noch die Strafe der Götter fürchtete: Liebevoll wird ein veritabler Volksauflauf dargestellt (eigenes Bild)

 

So! Da haben wir auch den Heiligen. Ich finde, er sieht aus, als müßte er im Winter den Nikolaus spielen (eigenes Bild)

 

Eine Holzstatue des Heiligen gibt es mittlerweile in dieser Kirche auch; 7. Juni 2018 (eigenes Bild)

Tja – jetzt habe ich ein paar Spuren gelegt. Wieso gibt es erst mittlerweile eine Holzstatue? Und wie sieht diese Kirche aus den späten 60er Jahren ansonsten so aus? Wir werden diese Spur – und auch noch viel mehr Biegepüppchen-Geschichten – in den nächsten Beiträgen immer mal weiterverfolgen. Für heute eine geruhsame Nacht! (Anm. der Redaktion: Bzw. ’noctem quietam et finem perfectum 😉 )

Cornelie Becker-Lamers

“Wir haben Texte!”

Es war, fand ich, der eindeutige Höhepunkt des ohnehin höchst interessanten Abends, als unser Bischof, Dr. Ulrich Neymeyr, am vergangenen Montag auf Bitten eines der über 40 Teilnehmer an einige besonders charakteristische Eigenheiten und Aussprüche des bedeutenden Kirchenmanns erinnerte, über den er gerade einen sehr lebendigen biographischen Abriß gegeben hatte. Der Edith-Stein-Kreis unserer Pfarrei hatte Bischof Ulrich nämlich zu einer “Hommage an Kardinal Lehmann” unter dem Titel: “Glauben leben – Gesellschaft gestalten” in das Otto-Neururer-Haus eingeladen.

Vortragsankündigung, 27. Mai 2019 (eigenes Bild)

Sicher, Karl Kardinal Lehmann (*1936 – 2018) ist für traditionell orientierte Katholiken nicht gerade das, was man eine Identifikationsfigur nennen würde. Jedoch ist er völlig unbestreitbar eine prägende Figur des deutschen Nachkriegskatholizismus, schon allein aufgrund seines gut 20-jährigen Vorsitzes in der Deutschen Bischofskonferenz von 1987 bis 2008! Und ich glaube, es kann auch kein Zweifel daran bestehen, daß er ein intellektuelles Format hatte, an das seine (bisherigen) Nachfolger schwerlich heranreichen…

Und genau dieses scheint auch auf, in dem, was Bischof Ulrich, der ihn ja als sein Weihbischof viele Jahre aus der Nähe erleben durfte, u.a.von ihm zu erzählen wußte. Lehmann sei, wie jeder, der ihn kannte, genau gewußt habe, nach der mehrmaligen Verwendung eines ganz bestimmten Stichworts immer unruhig geworden, um nach dem dritten Mal zuverlässig loszupoltern: “Hört auf damit; wir haben Texte!” So die Reaktion des Kardinals, wenn jemand mit dem ‘Geist des Konzils’ “argumentiert” habe.

Nun, ich muß gestehen, es hat mir schon ein wenig Spaß gemacht, dies aus dem Munde eines sozusagen in jeder Hinsicht “unverdächtigen” Zeitzeugen zu hören, in Gegenwart mehrerer (besonders aber einer) Person aus dem Kreis der dort am 27. Mai versammelten, mußten wir uns doch für eine harmlose kleine Polemik gegen eben jene Verwendung dieses vielfach “zu Tode gerittenen” Begriffs heftig beschimpfen lassen (vgl. hier). Denn die nähere Begründung, warum der Kardinal so allergisch auf diese Art der “Geisterbeschwörung” reagiert hat, entspricht, wie Bischof Ulrich sie berichtete, ja genau dem, warum uns auch auf PuLa bei der Erwähnung des Stichworts der Kamm schwillt: Den behaupteten Geist kann man mit jedem Inhalt füllen, ergo damit machen, was man will und, so in diesem Fall die Konsequenz, dem Zweiten Vatikanischen Konzil Absichten unterschieben, die es tatsächlich nicht hatte.

Darum geht es: Um diese Beliebigkeit, die im besten Fall biographisch bedingter quasi nostalgischer Überschwang ist, im schon nicht mehr so harmlosen intellektuelle Faulheit, im schlimmsten, jedoch nicht seltenen Fall aber eine absichtsvolle Instrumentalisierung zur Verfolgung eigener Zwecke, die mit den Intentionen, ja dem, was sich die Väter des Konzils in ihrer übergroßen Mehrheit auch nur vorstellen konnten, nichts mehr zu tun hat! Für so etwas aber war Kardinal Lehmann zu redlich und – er hatte so etwas schlicht nicht nötig…

Ich habe nicht sehr viel Hoffnung, muß ich leider sagen, aber mir scheint, gerade in einer kirchenpolitischen Situation, in der man sich beinahe täglich an den Kopf faßt, ob der Lust an der eigenen Abschaffung, die Teile der Kirche in Deutschland (und darüber hinaus) ergriffen zu haben scheint, wäre eine Verständigung, ja auch nur der Versuch eines redlichen Dialogs, über derartige Begriffe vielleicht ein Anfang, auch in Weimar, auch in unserem Bistum.

Bischof Ulrich jedenfalls, aber auch den Initiatoren, schulden wir Dank für einen anregenden Abend!

Der Tennisschläger im Herrgottswinkel

Zur religiösen Symbolik in Buñuels „Andalusischem Hund“

Am kommenden Dienstag, 30. April ist in der Weimarhalle ab 19.30 Uhr der surrealistische Stummfilm „Ein andalusischer Hund“ von Luis Buñuel und Salvador Dalí zu sehen. Als Filmmusik erklingen wie bei der Uraufführung abwechselnd Tangos und der „Liebestod“ aus Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“. Nur daß diese Musik nicht wie 1929 von einem hinter der Bühne plazierten Grammophon kommt, sondern vom Orchester der Musikhochschule Franz Liszt Weimar unter der Leitung von Professor Nicolás Pasquet live gespielt wird. Da der Film nur sechszehn Minuten dauert (das reicht auch …), wird er zweimal gezeigt, beim zweiten Durchgang mit der 1983 eigens zum Film komponierten Musik von Mauricio Kagel.

Hm. Was hat diese Information auf einem Blog mit dem Untertitel „Katholisch in Weimar“ („OCC“) zu suchen? Buñuel und Dalí waren katholisch, klar. Aber sieht man das auch? Ich glaube schon. Daß in dem Film die Religionskritik einigermaßen offensichtlich ist, steht in den Kommentaren recht einhellig fest. Die über den Boden geschleiften Seminaristen und so. Die Kirche, die die Begierden des Mannes hemmt. Paßte den Surrealisten natürlich nicht.

Ein bißchen zu kurz kommt mir internetweit nicht nur der Verweis auf Franz Kafka, sondern auch Erwähnung und Deutung konkreter Symbole und Symbolhandlungen, die mir beim ersten Schauen heute (oder Wiederschauen, ich glaube, vor 25 Jahren habe ich den Film schon einmal in einem Museum laufen sehen) sofort ins Auge fielen. Um nicht zu sagen: Ich vermisse diese Hinweise im Netz vollständig. Professor Lorenz Engell (Bauhaus-Universität) wird sie und vieles mehr bei seiner Einführung am Dienstag ab 18.45 Uhr vermutlich erwähnen. Aber man kann ja schon mal ein bißchen neugierig machen. Mein kleiner Teaser beansprucht dabei überhaupt keine Vollständigkeit sondern soll nur beginnen zu ergänzen, was im Netz meiner Recherche nach bisher fehlt.

Schauen wir zunächst den Film. YouTube hat ihn mit den Originalmusiken. Das übliche „enjoy“ kann man diesmal aber beim besten Willen nicht schreiben.

Grundlage zur Idee des Films waren zwei Träume der Drehbuchautoren: Buñuel soll von der Wolke geträumt haben, die den Mond durchschnitt, Dalí von den Ameisen in der Hand – die beiden Hauptschocker des Filmes. Diese Hand ist mehrmals zu sehen, zuerst ab Minute 5:10. Die Ameisen krabbeln aus einer kleinen runden Wunde im Handteller – eine ikonographisch sehr eindeutige Anspielung auf ein Stigma, die Christuswunde. Zugleich steht hinter dieser sprichwörtlich „kafkaesken“ Situation tatsächlich eine Erzählung Franz Kafkas: „Ein Landarzt“. 1917 entstanden, erschien der Text 1918 erstmals und war 1920 bereits namengebend für eine ganze Sammlung von Erzählungen des Autors. Zwölf Jahre älter als der Film – Buñuel und Dalí mit Sicherheit bekannt. Im „Landarzt“ ist es eine schwärende handtellergroße Wunde im Lendenbereich eines Heranwachsenden, aus der Würmer kriechen und die für die Unheilbarkeit des Leidens steht. Zeitgemäße psychoanalytische Deutungen (1917 formulierte Sigmund Freud auf der Grundlage seiner Entdeckung des Unbewußten den berühmten Satz, „das Ich [sei] nicht Herr im eigenen Hause“) sehen darin einen Hinweis auf die Triebgesteuertheit des Menschen (im Film konkret der männlichen Hauptfigur) – altmodisch gesprochen also auf die Todsünde der Luxuria: Unheilbar und (so m.E. die Aussage des Films) schrecklich wie das Leiden Christi.

Der Film aber kehrt, so entnimmt man den Kommentaren, die Bewertung der Leidenschaft um. Religion und Bildungsbürgertum (symbolisiert in zwei Seminaristen und zwei Konzertflügeln ab Minute 10:47) hemmen die Wollust – und das ist wiederum dem Leiden Christi vergleichbar: Unübersehbar die Symbolik des Kreuztragens in dieser Szene (gesamt ab Minute 10:25). Der Mann schultert die schwere Last und stürzt (zunächst als Slapstick inszeniert) mehrmals unter ihr. Bei Licht besehen aber drosselt allein die entschlossene Gegenwehr der Frau die Leidenschaft ihres Verfolgers und der Rückgriff auf Kultur und Religion erscheinen als Übersprungshandlungen, die seine Energie hilfreich ablenken.

Vorbereitet wurden in meiner Wahrnehmung all diese Deutungen durch einen Gegenstand an der Wand, der mehrmals unvollständig ins Bild kommt, bevor er ab Minute 9:52 zur Waffe wird. In Minute 4:50, bei einer Art Totenwache der weiblichen Hauptfigur, fiel er mir erstmals auf und ich hielt ihn für ein Kruzifix an der Wand des Schlafzimmers. Ein Kruzifix mit Dach. Erst in Minute 9:52, als die Frau vor der Vergewaltigung durch den aufdringlichen Mann flieht und den Gegenstand als Waffe von der Wand reißt, sah ich, was es statt dessen war. An der Wand, vom Bett aus gut sichtbar, hängt kein Kruzifix, sondern ein Tennisschläger mit damals noch notwendigem Spannrahmen.

Soweit zu diesem erweiterten Veranstaltungshinweis. Die Idee des Sports als Ersatzreligion führt uns nämlich zu einem sehr guten Text, der letzten Samstag, 27. April, als Wort zum Sonntag unseres Pfarrers in unserer Lokalzeitung erschien. Aber das ist eine andere Geschichte, auf die wir dieser Tage sicherlich noch zurückkommen werden.

Cornelie Becker-Lamers

Sketch des Monats: Die Marketingbewerbung

Ein Sketch zum ‘Osterlachen’ für vier Personen

Irgendwo in den Vororten einer süddeutschen Metropole. An einem Besprechungstisch sitzen zwei Personen, eine sehr gepflegte Dame undefinierbaren Alters und ein junger Herr. Sie sind in ein intensives Gespräch vertieft. Vor den beiden liegen stapelweise Unterlagen und Bewerbungsmappen. Außerdem steht ein betriebsbereites Notebook auf dem Tisch. Gesprächsfetzen kann man entnehmen, daß es um die Beurteilung dieser eingereichten Unterlagen geht – und daß man sich offenbar in der Marketingabteilung eines renommierten Autoherstellers befindet.

Die Dame: Was sagen Sie denn zu dem hier? (Sie blättert eine der Mappen auf.)

Der Herr: Eine Frechheit! (Er schnaubt und wirft den Kugelschreiber auf den Tisch.) Womit wir hier unsere kostbare Zeit vertun!

Die Dame: Das dachte ich im ersten Moment auch … aber es ist so irre, daß ich ein zweites Mal draufgeschaut habe. Irgendwas ist damit los. Ich werde nicht ganz schlau daraus. Aber graphisch ist es jedenfalls nicht uninteressant.

Der Herr: Das will ich Ihnen gerne zugestehn. Aber mit Verlaub – wir haben eine Stelle in der Werbung für unser Unternehmen ausgeschrieben. Und was liefert dieser … dieser …

Die Dame: Herr Anderlechner.

Der Herr: Dieser Herr Anderlechner? Haben Sie sich das Video angesehen, das er mitgeschickt hat? (er entnimmt der Bewerbungsmappe einen Stick und schiebt ihn – zunächst falschrum – in den USB-Stecker des Notebooks.)

Die Dame: Selbstverständlich. Köstlich! Geradezu Anti-Werbung. Die reine Satire! Ich frage mich, was dahinter steckt. Schlecht gemacht ist es nicht – der Mann hat zweifellos Talent!

Der Herr (während er im Dateimanager nach dem Film auf dem Stick sucht): In seinen Texten schlägt er vor, die Kunden sollten sich unbedingt den Produkten unserer schärfsten Konkurrenz zuwenden. Ist der Mann noch bei Trost?

Die Dame (blättert): Ja – köstlich, nicht wahr? Hier: Es sei doch vollständig gleichgültig, welches Auto man fahre, Hauptsache, man komme ans Ziel. (Sie lacht.) In großen Lettern (sie zeigt ihrem Kollegen das Blatt.)

Der Herr (hat sich nun doch auf eine Revue dieser Unterlagen eingelassen): Es kommt ja noch besser: Er sei gegen die Bezeichnung „Autobranche“. Das schließe ja die Fußgänger und Radfahrer aus. Man solle gefälligst ganz genderneutral nur noch von „Verkehrsteilhabe“ sprechen.

Die Dame (lacht): Und außerdem – immer diese Autos. Er könne gar nicht verstehen, warum so viele Menschen sich dafür begeistern. Man solle in der Werbung den Chef lieber bei der Gartenarbeit, als mit einem schicken Auto zeigen.

Der Herr (bringt nun den Film ans Laufen): Hier! Der Chef fährt auf den Hof der Konkurrenz und klebt kurz vor dem Werkstor den Stern auf der Kühlerhaube ab! (Man sieht die entsprechende Sequenz auf dem Display.)

Die Dame: Wo hat der Mann eigentlich vorher gearbeitet?

Der Herr (zieht den Lebenslauf aus der Mappe und prustet kurz los): Ha! Beim Erzbischof von München und Freising!

Die Dame: Bei Kardinal Marx?

Der Herr: Genau dem!

Die Dame (wirft die Mappe flach auf den Tisch und lehnt sich zurück): Ich finde, wir sollten ihn unbedingt mit einladen. Der Mann hat Potential, das spüre ich.

(Es klopft heftig an die Tür des Besprechungsraumes.)

Die Dame (laut) Herein!

Ein Angestellter (steckt den Kopf zur Tür herein): Entschuldigung – aber einer der Bewerber läßt sich nicht abwimmeln – er sagt, er muß Sie unbedingt sprechen, es gehe um die Abgabe der Bewerbung.

Die Dame: Die Fristen sind abgelaufen. Er kann derzeit nur eine Initiativbewerbung einreichen.

Der Angestellte: Wenn ich es richtig verstanden habe, liegt Ihnen die Bewerbung bereits vor.

Die Dame: Was will er dann? Lesen können wir schon selber. Er bekommt Ende Juni Bescheid wie alle andern auch.

(Ein junger Mann drängt sich hinter dem Angestellten in den Türrahmen)

Der junge Mann: Entschuldigung! Anderlechner mein Name. Ich habe aus Versehen die falschen Unterlagen eingereicht – es ist ein unverzeihliches Mißgeschick …

Die Dame: Herr Anderlechner! Sie kommen ja wie gerufen. Wenn es auch unüblich ist, hier so reinzuplatzen. Wie sind Sie überhaupt ins Haus gekommen? Sie haben keinen Termin!

Herr Anderlechner: Wenn ich Ihnen nur ganz kurz meine eigentliche Bewerbungsmappe einreichen … Herzlichen Dank! (Er eilt zum Besprechungstisch, legt eine dunkelblaue Mappe auf den Tisch und wendet sich zum Gehen.)

Die Dame: Aber Herr Anderlechner! Nicht so hastig! Ich sagte doch – wir wollten uns ohnehin mit Ihnen unterhalten.

Herr Anderlechner: Mit mir? Aufgrund der irrtümlich eingereichten Skizzen?

Die Damen (blättert in den ursprünglichen Unterlagen): Skizzen? Ich finde die Ideen schon recht ausgereift – nur klingen sie eher wie eine Satire, eine Kritik, als wie direkte Werbung. Aber vielleicht ist das die Zukunft?

Herr Anderlechner: Nein, nein, das ist nicht die Zukunft, ich bitte um Verzeihung. Es handelt sich um Skizzen, die ich meinem derzeitigen Chef vorlegen wollte.

Die Dame: Dem Herrn Kardinal?

Herr Anderlechner: Ja.

Die Dame (muß lachen): Und was, bitte schön, sollte Kardinal Marx mit dieser Zeichnung hier anfangen? Was soll das überhaupt darstellen? Ich kann fast nichts erkennen!

Das Sammellogo des Herrn Anderlechner (eigenes Bild)

Herr Anderlechner: Das? Sieht man das gar nicht mehr? Das sind die Logos oder Signets der großen Autohersteller – alle übereinander gemalt. Eine Art Sammellogo für das Auto schlechthin.

Die Dame: Ah! Ja! Renault kann ich entziffern. Und das Blau von BMW kann ich erkennen. Unser Stern geht leider vollständig im Gemuschel unter! (Sie runzelt die Stirn.)

Herr Anderlechner: Ja, es sind die Signets von Audi, VW, BMW, Mercedes, Opel, wie Sie schon sagten Renault, Škoda, Fiat …

Die Dame (unterbricht ihn): Ah! Daher hier auch noch das Rot! Und als Hintergrund haben Sie dann noch das Thüringer Wappen gelegt?

Herr Anderlechner: Das…? Nein. Das ist der Löwe von Peugeot.

Die Dame (lacht): Köstlich! Alles wird ein Einheitsbrei! Und noch nicht mal ein Japaner dabei.

Herr Anderlechner: Nein, überhaupt kein Asiate dabei. Das hier reicht schon.

Die Dame: Und diese scheußliche Farbe …

Herr Anderlechner (lacht auf): Ja – Sie wissen ja, wenn man nicht die einzelnen Farben als reines Licht zum Strahlen bringt, sondern subtraktiv mischt wie hier, ergibt sich aus den Regenbogenfarben nicht reines Weiß, sondern eine ganz trübe Brühe.

Die Dame: Und was um alles in der Welt sollte ihr bisheriger Arbeitgeber damit anfangen?

Herr Anderlechner: Ich … es war … viele Gläubige … sogar der eine oder andere seiner Kollegen hat ja bereits … (ausbrechend) ich konnte einfach nicht mehr tatenlos zusehen, wie …

Die Dame (zieht eine Augenbraue hoch): Geht es auch in ganzen Sätzen?

Herr Anderlechner: Verzeihung, selbstverständlich! Seit einiger Zeit schon kritisieren nicht nur einfache Gläubige – aber diese auch – die ewige Politisierung der Verkündigung, nicht nur beim Herrn Kardinal. Nun ist aber seine explizite Wendung gegen den Begriff des christlichen Abendlandes hinzugekommen. Auch mit dem Abnehmen des Kreuzes auf dem Tempelberg …

Der Herr (unterbricht ihn): Ah! Das ist das Abkleben des Mercedessterns vor dem Werkstor von BMW … (er lacht und sucht die Stelle im Video, um sie erneut abzuspielen).

Herr Anderlechner: Exakt! Sie haben es verstanden!

Die Dame: Und mit dem Sammellogo wollten Sie zeigen, daß man schlicht gar nichts mehr erkennt, wenn man nur lange genug vergleicht, übereinanderlegt und alle Unterschiede abzieht.

Herr Anderlechner (erleichtert): So ist es!

Die Dame: So ganz verstehe ich dennoch nicht, was Ihr Chef daraus hätte lernen sollen …

Herr Anderlechner: Mein Chef ist Kardinal. Ein Oberhaupt der katholischen Kirche. Durch die – zugegebenermaßen gewagte – Parallelisierung von Kirche und Ihrem Unternehmen wollte ich verdeutlichen, daß er für die Sache werben muß, der er selber vorsteht. Mercedes macht ja auch nicht Werbung für BMW. Das macht ja auch BMW schon selber.

Der Herr: Die Gläubigen müssen von ihren Priestern und Bischöfen das Rüstzeug erhalten, um in der Welt von ihrem Glauben zu erzählen? Genauso, wie unsere Kunden aus unserer Beratung erfahren müssen, warum sie sich für eines unserer Produkte entscheiden sollen?

Herr Anderlechner: So ist es.

Die Dame: Aber – jetzt mal ehrlich: (Sie zögert) Glauben Sie wirklich, Ihr Chef hätte Ihre Anspielungen verstanden? Und noch dazu produktiv umgesetzt?

Herr Anderlechner (unsicher): Ich kann es Ihnen nicht sagen. (zerknirscht) Nein, vermutlich nicht … Meine Freundin hatte auch Zweifel …

Die Dame: Eine kluge Frau, Ihr Freundin! Wissen Sie was? Vergessen Sie Ihren jetzigen Arbeitgeber und kommen Sie zu uns! Ich finde, Sie haben das Zeug dazu. Und bei uns werden gute Leute nicht verheizt! Wir wissen, daß gute Mitarbeiter unsere wichtigste Ressource sind.

ENDE

Cornelie Becker-Lamers

Der Sketch entstand Mitte/ Ende Januar 2019, nachdem ich mich nach einer Messe sehr nett mit einem Gemeindemitglied über die Politisierung in der Kirche unterhalten hatte. Ihm sei dieser Text gewidmet. CBL

Die Heimkehr der Schafe

Zu einem biblischen Detail der profanen Landschaftsmalerei

Am 14. März ging es im „Turbo-Seniorenkreis“ (wo jede Woche unglaublich viel los ist!) der Weimarer katholischen Pfarrei ja wie gesagt um die Entwicklung der Landschaftsmalerei.

Als die Landschaft noch ausschließlich symbolisches Beiwerk im religiösen Bildgefüge war: Bei der Erläuterung des „Paradiesgärtleins“ eines namentlich nicht bekannten oberrheinischen Meisters (um 1410/20) Städelmuseum Frankfurt (Foto D. Mende)

Nach einiger Vortragszeit kamen wir schließlich bei den Gemälden des naturalistischen 19. Jahrhunderts heraus, in denen sich die Künstler der Weimarer Malerschule sehr zum Verdruß des damaligen Großherzogs mit gänzlich unheroischen Landschaften, mit schlammigen Wegen über Land, mit Pfützen und verhangenen Himmeln, mit schmutzigen Dörfern und einfachen Holzstegen über mickrigen Rinnsalen ästhetisch zu befassen begannen und Alltagsleben und Arbeit der einfachen Menschen zum Thema ihrer Werke machten.

Und obwohl ich im letzten halben Jahr drei solch ähnlich gelagerter Vorträge an verschiedenen Orten und vor ganz unterschiedlichem Publikum gehalten habe, gibt es immer noch Details, die auch mir erst im Nachhinein richtig bewußt werden. So die Beobachtung, daß in den unendlich vielen Gemälden, die einen Schäfer mit seiner Schafherde auf dem Weg zeigen, der Schäfer hinter der Herde hergeht. Natürlich gibt es auch viele Bilder, wo die Schafe lagern – dann steht der Hirte daneben oder blickt sinnend zum Himmel empor. Aber wenn’s um den Heimweg geht – Hirte hinter den Schafen: Ob das Werke aus der schon erwähnten „Weimarer Malerschule“ sind

Zwei Steinwürfe vom heutigen Standort der katholischen Kirche Weimar entfernt (die es 1886 freilich noch nicht einmal im Entwurf gab) folgt ein Schäfer seiner Herde durchs Kirschbachtal: Paul Baum (1859-1932) „Der Weg nach Niedergrunstedt“ (1886) Quelle: wikimedia commons (User dguendel)

ob das die vielen, als „(Schäfer mit) Schafherde“ betitelten Gemälde der beiden Niederrheiner Helmuth Liesegang (1858-1945) und Heinrich Aschenbroich (1839-1909) sind, deren Arbeiten eher von der Kunst der Niederlande inspiriert wurden; ob es der Niederländer Anton Mauve (1838-1888) mit seinen diversen „heimziehenden Schafherden“ ist

Ein älterer Hirte treibt seine Herde vor sich her: Anton Mauve (1838-1888) „Schäfer und Schafe“ (um 1880) Quelle: wikipedia gemeinfrei (User wmpearl)

oder der Schweizer Landschafts- und Genremaler Johann Zahnd

Auch der junge Hirte führt die Schafe sicher nach Hause und hält dabei alle im Blick: Johann Zahnd (1854-1934) „Gebirgslandschaft mit Hirte und Schafherde bei Sonnenuntergang“ (1886) Quelle: wikipedia gemeinfrei (User Szczebrzeszynski)

– eines ist immer ablesbar: Der Hirte läuft hinter der Herde her und hält alle im Blick, damit kein Schaf verloren geht (ok, ok – ein einziges Bild von Anton Mauve hab ich gefunden, das davon abweicht. Aber wirklich nur eins.) Wie bei Erzieherinnen, von denen, wenn sie die ihnen anvertraute Gruppe an die frische Luft bringen, immer eine der Frauen am Schluß des Zuges geht, damit ja niemand zu Schaden kommt. An einen Hirten, der frisch ausschreitet, sich zuhause angekommen nonchalant versichert, welches Schaf überhaupt noch da ist und die andern abschreibt, denkt glaube ich normalerweise niemand.

Das Behüten aller Schafe ist in der profanen Malerei also sozusagen das mindeste. Die Bibel freilich geht noch weiter und schildert den Hirten, der seine Herde an sicherem Ort einpfercht und sich auf die Suche nach jedem einzelnen verlorenen Schaf macht.
Ein Gleichnis, das ebenfalls in der Populärkultur angekommen ist…

Cornelie Becker-Lamers

Das Firmbewerberwochenende

Näher dran

Anfang April haben Pfarrer und Gemeindereferentin übers Wochenende mit den aktuellen Firmlingen anderthalb Tage im Gemeindehaus verbracht. Im Vorfeld hatte es einen Elternabend gegeben, zu dem der Pfarrer zwar leider nicht erscheinen konnte, weil man zeitlich exakt parallel eine Kirchenvorstandssitzung anberaumt hatte.

Bestimmt wäre sonst das Kirchendach eingestürzt 😉 : KV-Sitzung parallel zu einem der beiden Elternabende während des Firmkurses (Screenshot aus den Vermeldungen)

Aber im Grunde war uns das Konzept ja auch im vergangenen Juni bereits erläutert worden: Der Unterricht sollte sich nicht auf Theorie beschränken, sondern die Jugendlichen sollten u.a. mit Orten in ihrer Stadt in Berührung kommen. Zum Beispiel Buchenwald.

Ich weiß noch, was ich letztes Jahr nach dem Elternabend für gute Laune hatte. Hatte unsere ältere Tochter 2014 doch großes Pech mit ihrem Firmunterricht gehabt. Nur alle zwei Wochen traf sich die Gruppe. Viermal wurde in dieser Zeit ein Film geschaut. Und zwar zu Themen, von denen man sich fragte, wie 14jährige (unsere Tochter gehörte zu den Achtklässern beim damals zweijährlich stattfindenden Firmkurs) aus Weimar sie unvorbereitet ‚verdauen’ oder die Problematik auch nur verstehen sollten. Über die Situation der Migranten in den Banlieues von Paris zum Beispiel. Oder das Schicksal eines Jungen, dessen Vater beim Terroranschlag auf das World Trade Center 2001 (da waren diese Firmlinge ein Jahr, zwei Jahre alt) zu Tode gekommen war. Die Filme dauerten anderthalb Stunden, danach war der Unterricht vorbei und Tschüß. ‚Besprochen‘ wurde das Erfahrene dann zwei Wochen später, und die Eltern konnten den zum Teil doch verstörten Jugendlichen zwischenzeitlich nicht einmal helfen – wir kannten die Filme ja selber nicht. Also das war schon wirklich merkwürdig und sei hier nur kurz zusammenfassend erwähnt, um zu verdeutlichen, was sich die Verantwortlichen eigentlich nicht leisten sollten. Und was beispielsweise in den Jugendgruppen nachzubereiten (gewesen) wäre, wenn man als neuer Pfarrer Firmlinge aus solchen Kursen vor sich hat.

Ich freute mich deshalb, daß es unser nächstes Kind besser treffen würde.

Und hat es dann in diesem Punkt ja auch.

Die Jugendlichen waren tatsächlich in Buchenwald und hörten in den Haftzellen des evangelischen Pfarrers Paul Schneider (des „Predigers von Buchenwald“) und des katholischen Priesters Otto Neururer (von dessen Asche etwas in unserem Altar verborgen ist) über das Leben und Schicksal dieser beiden Märtyrer. Das wird niemals inaktuell. Wenige Tage zuvor hatte in Weimar in der Carl-August-Allee, die vom Bahnhof zum Neuen Museum hinunter führt, eine Fotoausstellung zu Buchenwald-Überlebenden eröffnet. „Sichtbar werden diejenigen, die nicht dazu gehören sollten“, titelte die Lokalzeitung hierzu am 29. März 2019.

Man kann viel lernen aus dieser Zeit. Wie Menschen aus fadenscheinigen Gründen ausgegrenzt werden und die, die sich für sie einsetzen, gleich mit. Wie eine Unrechtslage und die Einschränkung der Meinungsfreiheit Wissenschaftler und Kulturschaffende in die Flucht schlägt und die Gemeinschaft sich dadurch auch selber unglaublichen und bleibenden Schaden zufügt. Denn die allerwenigsten von denen, die ins Exil gegangen waren, kamen ja zurück – Autoren meist wie Thomas Mann, Theodor W. Adorno oder Edgar Hilsenrath, die so sehr in der deutschen Sprache beheimatet waren, daß sie nicht Amerika bleiben konnten. Wie nach dem Ende des Schreckens zunächst einmal niemand an Aufarbeitung dachte – und wir darum bis heute nicht fertig sind damit. Wie gerade die Täter mit der meisten kriminellen Energie sich aus dem Staub machten und nicht mehr gesehen waren – häufig denn auch auf Erden davonkamen. Und wie demgegenüber bis heute inzwischen über 90jährige vor Gericht landen. Wie die Mitwisser und Mitläufer alles taten, um so zu tun, als sei nichts gewesen – und die meisten der Opfer auch. Viele wollten einfach nur vergessen und „nach vorne schauen“. Und wie dadurch dieselben Leute einfach weitermachten und nach dem Krieg wieder einen hohen Posten bekleideten. Und wie für viele Opfer Entschuldigung und Entschädigung, als man sich denn endlich dazu durchgerungen hatte, zu spät kamen. Dinge, die uns heute empören.

Dennoch kann man nicht nur aus Anwendungsbeispielen lernen. Zu schwierig häufig zu sehen, in welch entscheidendem Punkt die eigene kleine Situation doch gerade der des großen christlichen Vorbilds entspricht. Haben wir einen Krieg erlebt?

Jedenfalls müssen die Jugendlichen im Firmunterricht auch ganz schlicht von der Lehre der Kirche soviel lernen, daß sie zumindest eine Idee davon bekommen, wieviel noch zu lernen wäre! Kirchengeschichte, Philosophiegeschichte, Geschichte der Päpste, die immer auch politische Geschichte war, Kirchenrecht, Gebete, Glaubenssätze, Liturgie, Ikonographie …

An dieser Stelle möchte ich auf einen kurzen Film aufmerksam machen, den ich auf dem YouTube Kanal der kleinen, aber tapferen Diaspora-Pfarrei Oschersleben bei Magdeburg gefunden habe. Jugendliche oder Kinder haben die Kirchengebote sowie Akte der Hoffnung, der Treue, des Glaubens und der Liebe eingesprochen und online gestellt – ohne Kinderbild, also ohne jede Gefahr hinsichtlich Datenschutz. Aber wirkungsvoll mit Sicherheit zumindest für die Kinder selber. Dieses Thema leitet aber zu einem neuen Beitrag über, der in Sachen Homepage und medialer Öffentlichkeit unserer Pfarrei zu schreiben wäre. Ein andermal. Hören Sie hier nur „Die Kirchenjebote“.

Enjoy! 🙂

Cornelie Becker-Lamers

Kein Weg nach vorn ohne Rück-Sicht-Nahme

Ein letzter Beitrag aus der Reihe „vor Jahresfrist“

Im vergangenen Jahr war unserem Pfarrer von der Lokalzeitung die Aufgabe übertragen worden, das Wort zum Palmsonntag zu verfassen. Er lieferte einen schönen Text ab, der mich sehr spontan – noch am selben Tag – zu einer Reaktion anregte, die ich jedoch nicht gleich online stellte, sondern unserem Pfarrer mit Verweis auf PuLa per Email zusandte. Hintergrund war, wie ich ihm schrieb, daß ich das Motto „Suche den Frieden und jage ihm nach“ (aus Ps 33, richtige Zählung, Anm. der Redaktion) damals gerade einmal wieder bis an die Grenzen meiner Kräfte und darüber hinaus befolgte.

Der Pfarrer verlor über Text und Email kein Wort, sondern wünschte mir in seiner Antwort lediglich frohe Ostern. Also gehe ich davon aus, daß er eine Publikation meiner damaligen Reaktion billigt. Lesen Sie daher heute einen Text vom 25. März 2018. Aktuell ist er wie vor Jahresfrist, nur daß es um die Kinder- und Jugendseelsorge noch etwas schlechter geht: Nun hat man nämlich auch noch den im September 2015 in der Hoffnung auf den Beginn eines anderen Gemeindeklimas neugegründeten Jugendchor aufgegeben.

Das Wort zum Sonntag (März 2018)

Pfarrer Gothe hat zum Palmsonntag ein schönes Wort zum Sonntag verfaßt. Über eine Ausstellung im Stadtmuseum zum Widerstand in der Nazizeit. Er schreibt zum Ende hin: „Die Ausstellung ist ein Plädoyer, vom Menschen nicht zu klein zu denken. Es gab und gibt sie, die Menschen, die Haltung bewahren, die aus verschiedensten Überzeugungen heraus aufrecht bleiben und so Widerstand leisten gegen Ideologie, Menschenverachtung und schreiende Ungerechtigkeit.

Ich möchte diese Menschen als österliche Menschen bezeichnen, denn sie sind Licht in dunkler Zeit und geben den Glauben an den Menschen und das Leben zurück.

Möge die Karwoche mit ihren Gottesdiensten auch uns österlicher und aufrechter machen.“

Den ganzen Text findet man hier (leider hinter einer Bezahlschnranke).

Ja! Solche Menschen gibt es wirklich und das ist beruhigend und wunderbar!

Noch schöner wäre es, wir würden uns nicht nur in Bezug auf Zeiten und Umstände darüber austauschen, über die ein Konsens besteht wie in Bezug auf das „Dritte Reich“. Sondern über Zeiten und Umstände, die sicherlich weit weniger fürchterlich und dramatisch waren, unserem Leben und unserem Alltag aber viel näher sind und über die Dissens und das heißt hoher Informations- und Aufklärungsbedarf und die unbedingte Notwendigkeit zu Austausch und Dialog besteht. So wie in Bezug auf die Zustände vor September 2015 hier in unserer Pfarrei. Die Unsicherheit darüber, was in dieser Zeit überhaupt geschehen ist (Verbote und Ausgrenzung ergingen ja per Mail und Brief – eine schlechte Gewohnheit, an welche leider nur zu gern angeknüpft wird – und Kritik nur hinter vorgehaltener Hand), wer was getan hat, wer aus welcher Motivation heraus mitgemacht hat, wer weggeschaut hat und wer aus welcher Motivation heraus versucht hat, die Lage zum Besseren zu verändern – diese Unsicherheit steht als der berühmte „elephant in the room“ aller Vernetzung über die kleinen Freundeskreise hinweg im Weg und ist m.E. beispielsweise einer der Gründe dafür, daß unsere Pfarrei in der kontinuierlichen altersübergreifenden Kinder- und Jugendseelsorge so unglaublich bedauerlich unter Form spielt. Nach wie vor fehlt unserer Gemeinde die berühmte „Große Erzählung“, die für eine Gemeinschaft unabdingbar ist. Eigentlich weiß jeder nur, daß die derzeitige Situation aus einer Katastrophe hervorgegangen ist – aber schon in der Frage, ob diese im September 2015 endete (Mehrheitsmeinung) oder gar erst begann (auch diese Meinung dürfte es geben) herrscht Uneinigkeit.

Beginnen Sie mit der Aufarbeitung der jüngsten Geschichte Ihrer Pfarrei, Herr Pfarrer, damit wir nach vorne schauen können. Sie wissen inzwischen: Das ergibt sich nicht von selbst. Es wird ein langer Weg, aber Sie schaffen das! Ihre Gemeinde hat es verdient.

Cornelie Becker-Lamers