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PuLa-Reloaded: […]

Hier entsteht ein PuLa-Beitrag.

(Noch kein) PuLa unterwegs: Glauchau

Mariä Geburt führte uns zu einem lang geplanten Ausflug nach Glauchau (das ist in Südwest-Sachsen, für unsere westlichen Leser) im Tal der Zwickauer Mulde.

Ökologisch völlig korrekt per Bahn angereist, war es ein ganz wunderbarer Ausflug bei ebensolchem Wetter. Acht Stunden haben wir die Stadt zu Fuß erkundet und und uns gewiß nicht eine Minute gelangweilt! Verblüffend fanden wir daher die Einlassungen eines städtischen Bediensteten im Schloß- und Stadt-Museum, der die Stadt für gar nicht interessant erklärte – aber wie sich herausstellte, war das auch kein Glauchauer… 😉 .
Stichwort Glauchauer: wir fanden die Menschen, die wir dort getroffen haben, durch die Bank außerordentlich freundlich und zugewandt! Manchem westlichen Schreiberling, der Sachsen (wie den ganzen “Osten”) pauschal abwertet, würde man dieses Erlebnis gönnen!

Jedoch: Interessante Topographie hin, freundliche Bewohner her, reiche Zeugnisse der Industriearchitektur hin, großes Villenviertel her, erfahrene Leser wissen: Wir können gar nicht unterwegs sein in der Mitteldeutschen Diaspora, ohne nach dem Katholischen Leben vor Ort zu fragen, in Geschichte und Gegenwart! Daraus entstehen dann die Beiträge mit dem Label “PuLa unterwegs” und wir schmeicheln uns, schon so einiges gefunden zu haben, was nicht so ohne weiteres zu erwarten gewesen wäre! 

In Glauchau fanden wir u.a. das hier:

Relief im Innenhof von Schloß Forderglauchau (eigenes Bild)

Schön, nicht? Es handelt sich  (so die darunter angebrachte Tafel) um die Kopie einer Arbeit des Florentiner Renaissance-Künstlers Andrea della Robbia (1435-1525), ein Hochrelief aus Ton mit farbiger Glasur, ,,Maria, das Jesuskind anbetend“.

Nur, wie kommt denn ein so offenkundig “katholisches” Motiv an den Südflügel des Innenhofs von Schloß Forderglauchau (doch, das heißt wirklich so!), wurde doch auch in jener Gegend unseligerweise ab der Mitte des 16. Jahrhunderts die “Reformation eingeführt” und zwar, wie regelmäßig, ganz wesentlich von dem örtlichen Adelsgeschlecht, den dort seit dem 12. Jahrhundert ansässigen Schönburgern

Schloß Forderglauchau, Innenhof, Blick nach Osten (eigenes Bild)

 

Die Antwort ist im einzelnen richtig kompliziert aber grob gesagt ist es so, daß sich, wie bei diesen alten Geschlechtern nicht unüblich, zwei Linien des Hauses herausbildeten, die wiederum in verschiedene Äste mal zerfielen, mal sich wieder vereinten.

Bei den Schönburgern war es auch so und in beiden großen Linien kam es im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu Konversionen! Bereits 1822, also in der typischen, romantischen Zeit für derartige Entscheidungen, in der Fürstlichen Linie, dem Ast Schönburg-Hartenstein.

Der Forderglauchauer Zweig der Gräflichen Linie Schönburg-Glauchau aber konvertierte (“erst”)  im Jahr 1869 zum Katholischen  Glauben und richtete sich natürlich im Stammschloß eine Kapelle ein! Und über dem Zugang zu ihr hängt das Relief! 

Schloß Forderglauchau, Südseite mit Kapelle (eigenes Bild)

Und in die Kapelle kamen wir gestern nicht mehr herein, weil – das Museum schloß…

Ohne Bilder aus dem Innenraum kann aber natürlich kein vollwertiges ‘PuLa Unterwegs’ entstehen, womit die eigentümliche Überschrift des heutigen Beitrags schon erklärt wäre, jedoch, es gibt dafür noch mehr Gründe!

Erstens war auch die heutige Pfarrkirche “Mariä Himmelfahrt” ärgerlicherweise verschlossen, ein stattlicher Bau, vermutlich von Anfang der 60er Jahre, gar nicht einmal soo weit vom Stadtzentrum entfernt, und ohne (Innenraum-) Bilder von ihr geht es natürlich auch nicht ab.

Zweitens aber knüpfen sich an die Konversion der “Forderglauchauer” so viel interessante Geschichten, daß wir sie erst ansatzweise übersehen, Geschichten zumal, die auch über Glauchau hinausführen!

Also, das wird noch ein bißchen brauchen, bis wir Ihnen ein “rundes” ‘PuLa Unterwegs’ präsentieren können, bis dahin aber können wir nur wiederholenWie reich und tief die Welt dem wird, der mit dem katholischen Blick auf sie schaut, das haben wir schon anhand dieses (bewußt!) wenig vorbereiteten Besuchs erneut erfahren dürfen und sind darob sehr froh und dankbar! Einen Besuch in Glauchau aber können wir aus vollem Herzen empfehlen!

 

Gereon Lamers 

 

PuLa-Reloaded: Das Gotteslob und andere „Knüller“

Da es sich so ausgezeichnet in unsere jüngste Beschäftigung mit dem gesamten Themenfeld der “Modernen Kunst”, sei sie bildender oder musikalischer Natur, fügt, habe ich mich entschlossen, nun auch noch den dritten größeren Beitrag zur Frage, wie kamen die “‘Strichmännchen’ ins Gotteslob und was bedeutet das?” erneut zu bringen.
Er erschien ursprünglich im August 2014 (hier) und neben der praktischen Relevanz, die ja offenkundig nicht nachgelassen hat, denn wir müssen die Publikation ja ständig benutzen!, scheint mir, ist auch der Blick auf das Gebaren mancher deutscher Bischöfe, nach sieben Jahren nicht weniger aufschlußreich. Hier haben wir ein Beispiel dafür wie sie handeln – wenn sie nicht gerade vom “Mündigen Gottesvolk” oder dem “Dialog auf Augenhöhe” bloß reden!

In meinen Augen bietet die Haltung, die hier exemplarisch zum Ausdruck kommt, keinerlei Gewähr, daß es, wenn es eines nicht mehr allzu fernen Tages um die “Umsetzung” der “Beschlüsse” des sog. “Synodalen Wegs” geht, nicht ähnlich zugeht, obwohl dieser bekanntlich mangels irgendeiner kirchenrechtlichen Natur überhaupt nichts “beschließen” kann! Doch gibt es ja, GOtt sei  Dank!, auch einige wenige Bischöfe, die diesen Irrweg immer deutlicher nicht mehr mitzugehen bereit sind (die ++ Voderholzer und Oster, allen voran), und an deren Verhalten und Äußerungen man sich wird orientieren können – und müssen.

Lesen Sie daher auch zur Mahnung heute:

Das Gotteslob und andere „Knüller“

In der Main-Post, der Tageszeitung aus und für Unterfranken (mit gut 122.000 verkauften Exemplaren immerhin dreimal so groß wie „unsere TLZ“), genauer vermutlich in der letzten Samstagsausgabe fand sich ein Interview mit dem Würzburger Bischof Dr. Friedhelm Hofmann anläßlich seines 10jährigen Dienstjubiläums als Bischof von Würzburg, das es dankenswerterweise mittlerweile auch in die Online-Ausgabe geschafft hat (hier), nachdem Auszüge schon über die Katholische Nachrichtenagentur kna „gelaufen“ und in verschiedenen katholische Nachrichtenportalen verbreitet worden waren (vgl. z.B. hier).

Der dort wiedergegebene Teil  des Gesprächsinhalts ist es auch, von dem her Bischof Dr. Hofmann treuen Lesern dieses Blogs vertraut ist: Das neue Gotteslob und sein Anteil daran.

Sie erinnern sich, unser Ergebnis in der Auseinandersetzung mit dem neuen Gotteslob war, daß der persönliche Anteil von Bischof Dr. Hofmann an dem extrem intransparenten Prozeß, der zur Aufnahme graphischer Element ins Gotteslob geführt hat, sehr hoch war (hier).

In einem zweiten Schritt hatten wir die Qualität der künstlerischen Hervorbringungen angeschaut, uns aber vor allem gefragt, was es grundsätzlich heißt, „Moderne Kunst“ in den gottesdienstlichen Raum zu tragen und waren dabei zu dem Schluß gekommen, man hätte es besser bleiben lassen (hier). Schließlich hatten wir die im zweiten Beitrag schon begonnenen Strategien zur Verteidigung gegen diese ästhetische und inhaltlich-liturgische Zumutung erneut ins Auge gefaßt (hier).

Ganz klar also, daß PuLa genau hinschaut, wenn sich die Chance eröffnet, zu den Fragen, die wir uns hier gestellt haben, vielleicht neue Erkenntnisse zu gewinnen!

Die entscheidende Passage (zu der unmittelbar davor kommen wir noch!) ist diese:

„Bischof Hofmann: Wissen Sie, was ein Bestseller ist? Das neue Gotteslob! Wir haben schon fünf Millionen Exemplare verkauft. Das ist doch super, in noch nicht einem Jahr. Das freut mich sehr, daß die Leute das so annehmen. Da habe ich zwölf Jahre meines Lebens reingesteckt. Ich bin auch dankbar für die vielen positiven Zuschriften. Das hat mich schon viel Überzeugungsarbeit in der Bischofskonferenz gekostet, daß wir da die moderne Kunst so intensiv unterbringen konnten.“

„Bestseller“? Das finde ich ja nun doch, äh, sagen wir „gewagt“. Wer ein Produkt lanciert, das für die Ausübung einer der „Kundschaft“ sehr existentiell wichtigen Aktivität praktisch unverzichtbar ist, zu dem es keine Alternative und in Bezug auf das es nicht einmal eine relevante Auswahlmöglichkeit gibt, der macht es sich, finde ich, ein wenig sehr leicht, sich über die vermeintliche Annahme durch „die Leute“, abgelesen an der Anzahl der verkauften Exemplare, allzusehr zu freuen.

Was hätte denn bitte derjenige tun sollen, der sich nicht (min.) jeden Sonn- und Feiertag auf die Leihexemplare der Pfarrei verlassen will, wenn nicht ein Exemplar kaufen?

Hätte es eine (am Ende etwas preiswertere) Ausgabe ohne Illustrationen gegeben (in deren Kalkulation ja der in der Höhe ‚natürlich‘ nicht bekannte Lohn der Künstlerin entfallen wäre), dann gäbe es eine reale Möglichkeit die Annahme genau dessen, worauf Bischof Hofmann hier so stolz ist, zu überprüfen, so aber nicht! (Und wenn es diese Ausgabe je geben wird: Ich kaufe auch noch ein Exemplar, mindestens; tut sich da eine Marktlücke auf?)

Aber wir lernen aus diesem Abschnitt noch viel mehr. Wie schon verschiedentlich vermutet, identifiziert sich Bischof Hofmann stark mit dem Werk (zwölf Jahre“) und er ist offenkundig sehr zufrieden damit, mit seinem (hohen) Anteil daran („mich viel Überzeugungsarbeit gekostet“).

Nun, was ich davon halte, daß im neuen Gotteslob „die moderne Kunst so intensiv“ „untergebracht“ werden konnte, das habe ich ja hoffentlich hinreichend deutlich gemacht (vgl. die Links oben).

Aber sehen Sie, was aus diesen Formulierungen spricht? Ein klare „Agenda“, ein Plan. Bischof Dr. Hofmann bestätigt mit diesen wenigen Worten genau, das, was wir schon vermutet hatte: Er wollte „die“ [der Artikel ist wichtig!] moderne Kunst“ „da“ „unterbringen“. Und dazu bedurfte es einiger „Überzeugungsarbeit“. D.h., ihm war klar, daß es Widerstände geben würde, aber er war für „die moderne Kunst“ bereit, sie zu überwinden, über zwölf Jahre. Und man muß ja ganz sine ira et studio feststellen: Das ist ihm auch gelungen.

Ich finde es allerdings ein Armutszeugnis sondergleichen, daß es über einen so langen Zeitraum nicht gelungen ist, diesem Vorhaben etwas entgegenzusetzen. Daß offenbar niemand ernsthaft versucht hat diese, selbst nach den ohnehin mehr als fragwürdigen Maßstäben „moderner Kunst“ bestenfalls mittelmäßigen und austauschbaren Strichzeichnungen, die jetzt unser aller „Handwerkszeug“ beim Kirchbesuch verunzieren, zu verhindern.

Wurde wirklich keine Alternative (z.B. der schlichte Verzicht auf Illustrationen) ernsthaft erwogen?

Hat sich vor allem niemand für ein geordnetes und nachvollziehbares Verfahren wie einen Wettbewerb stark gemacht, das, vielleicht, in der Lage gewesen wäre, eine gewisse objektivierte Qualitätssicherung herbeizuführen? (In dem anderen Bereich, wo es darum geht, mit dem Geld anderer Leute umzugehen, dem staatlichen, den ich von innen kenne, wäre so etwas völlig undenkbar gewesen!)

Muß man wirklich annehmen, daß eine hochmögende Versammlung intelligenter Personen wie sie die Deutsche Bischofskonferenz darstellt, dafür zu gleichgültig oder zu träge war?

Daß niemand in der Lage war, zu sehen, daß hier Grundsätzliches und zugleich sehr Praktisches auf dem Spiel stand?

Ich erspare mir an dieser Stelle den Versuch einer Antwort.

Und zwar Grundsätzliches, weil wir es jetzt aus dem Munde des Verantwortlichen selbst haben, daß es um „die“ moderne Kunst und nicht um „ein bißchen“ moderne Kunst ging. Genau was ich geschrieben habe: Es geht hier um nichts weniger als die Frage nach dem gesamten Diskurs, einschließlich aller weltanschaulichen Untiefen, mit der wir es zu tun haben.

Und Praktisches, weil sich nach einigen Monaten des Gebrauchs herausgestellt hat, was ich ebenfalls schon als Befürchtung geäußert hatte: Die Strichzeichnungen sind im Buch genau so plaziert, daß man sie überproportional häufig aufblättert, beim Vollzug der Hl. Messe.

Allerdings hat sich auch gezeigt, daß die Methode des präventiven Abdeckens mit Andachtsbildchen funktioniert: Nie waren sie so wertvoll wie heute!

Und „viele positive Zuschriften“ soll es dazu geben. Nun, meine Erfahrungen sind andere, ich kenne von zwölf bis über achtzig viele Menschen, die das ganz, ganz anders sehen und sich fragen, was das soll; vor allem der Verzicht aufs Kreuz!

Edit, 20.August: Wofür auch Art und Anzahl der Kommentare auf diesen Beitrag sprechen, den ich noch nicht mal getwittert hatte (sorry!), s. unten.

Aber ich habe ja gesagt, wir kommen auch auf den Abschnitt vor den Einlassungen zum Neuen Gotteslob zurück:

[Auf die Frage nach Kontakt zu Papst Benedikt XVI.]

„Er wollte ja mit mir ein Buch schreiben, eine Theologie der Kunst. Da sollte ich die Kapitel über die Kunst abdecken und er wollte den theologischen Teil schreiben. Ein Jahr später wurde er Papst und dann ging das nicht mehr. […] Eine Theologie der Kunst wäre ein wichtiges Projekt gewesen, die brauchen wir unbedingt.

[…] Aber das Buch wäre ein Knüller geworden. Wir haben für alles entsprechende Vorlagen, aber für die Kunst nicht.“

Wenn mir mal jemand gesagt hätte, ich würde dankbar dafür sein, daß ein Buch unter Beteiligung von Joseph Ratzinger nicht zustandegekommen ist…

Dabei ist es ja zunächst völlig richtig, daß eine aktuelle und hochrangige „Theologie der Kunst“ ebenso wichtig und wünschenswert wäre, wie „entsprechende Vorlagen“, worunter man ja vermutlich Anleitungen zur praktischen Anwendung des im „theoretischen Teil“ Erarbeiteten in der Kirchenpraxis zu verstehen hätte.

Nun, ich will nicht so weit gehen, zu vermuten, Joseph Ratzinger wäre insoweit dankbar für seine Wahl zum Pontifex gewesen, um da wieder rauszukommen, aber schon nach dem wenigen, was ich aus seiner Feder zum Thema des Zusammenhangs von Kunst und Glauben, Kunst und Liturgie gelesen habe, bin ich tatsächlich ganz sicher, daß die Zusammenarbeit spätestens an der Frage der Einschätzung der Bedeutung „moderner“ Kunst, na, „schwierig“ geworden wäre, und daß der Papa emeritus für eine derart naive (hoffentlich bloß „naive“!) Aktion, wie sie die Lancierung der Zeichnungen von Frau Bartholomé darstellt, niemals die Hand geliehen hätte.

Allein die Vorstellung der Möglichkeit einer feinsäuberlichen Aufteilung in einen „theologischen“ und einen „künstlerischen“ Teil hat, wenn man z.B. auch einmal nur gelesen hat, wie J. Ratzinger über Ikonen spricht, etwas unfreiwillig Erheiterndes an sich. Vor meinem geistigen Auge sehe ich förmlich den großen Gelehrten schmunzeln, wie nur er es kann…

Tatsächlich aber glaube ich, von den Problemen einer möglichen Kooperation Ratzinger-Hofmann einmal völlig abgesehen, daß es für den Versuch einer synthetischen Darstellung des aktuellen Verhältnisses von Glaube und Kunst im Augenblick nicht die Zeit ist. So wenig weiß „die Kunst“ im Moment eigentlich über sich Auskunft zu geben und zu sehr hat der organsierte Glaube scheinbar gerade „vergessen“, was von ihm aus zwangsläufig zu sagen wäre, philosophisch und anthropologisch. Wer keine Kriterien hat, das „Neue HB-Männchen“ auf dem Gotteslob zu verhindern, nein, um gar nicht erst auf einen solchen Gedanken zu verfallen, der sollte ein solches Gespräch besser überhaupt nicht erst beginnen, denn auf der Grundlage vorweggenommener Kapitulation vor fremdem Denken würde der Austausch langweilig und auswirkungslos bleiben müssen.

 

Gereon Lamers

 

Selige Jungfrau, Muttergottes und Mutter der Kirche: Bitte für  Deine Kinder, daß sie ihre Selbstvergessenheit im Denken überwinden, damit die Kirche der Welt wieder geben kann, was diese allein niemals findet!

Ikone der “blauen” Mutter Gottes vom Don, Ende 15. – Anfang 16. Jh. Russisches Museum, St. Petersburg (Bild: Wikicommons, Testus)

 

Sketch des Monats: Das Wunderkind

Ein Sketch für sechs Personen

Wundersdorf, Oderbruch. Im Wohnzimmer der Familie Schwarz. Gastgeber Hanna und Karl haben sich mit Richard und Edith, Silke und Hedwig zusammengesetzt und leeren soeben die erste Flasche Wein. Man muß eine gemeinsam erlebte Aufführung Neuester Musik verarbeiten und hat sich zum Trost etwas Mozart in den CD-Spieler geschoben.

Hanna: Da sind das alles hochausgebildete Musikerinnen und Musiker – und dann fahren sie mit dem Staubtuch über die Saiten und trommeln mit dem Bogen auf ihrem Instrument herum! (Sie nippt an ihrem Weinglas.)

Karl (schüttelt den Kopf): Also ich werde daraus auch nicht wirklich schlau.

Silke: Es kommt mir vor, als ob dieses ganze Konkrete und diese ganze Kunst ohne jede inhaltliche Aussage oder Bedeutung in der Bildenden Kunst irgendwie am wenigsten stört.

Edith: Du meinst: Eine einfarbige Leinwand – dagegen kann eigentlich niemand was haben?

Karl: Stimmt! Man streicht ja auch eine Wand farbig und hat sie dann in der Wohnung.

Hanna: Das war ja auch Rodschenkos Credo, vor 100 Jahren: Bilder malen ist wie Wände streichen …

Richard: Immer dieses Schlußstriche ziehen im Namen aller ungefragten Anderen ist natürlich der Gipfel des Totalitären!

Silke: Hm! … Stimmt. Aber ich meine, wem‘s nicht gefällt: Man kann besser die Augen zu machen als die Ohren. Also Musik, die sich vollzieht … das geht einem einfach näher.

Karl: Apropos Musik: Die „Prager“ war schon immer meine Lieblingssinfonie. (Er lauscht der Musik aus den Lautsprechern. Auch alle andern sind einen Moment lang still und hören zu.)

Silke (nach einer Weile): Unvorstellbar, was dieser Mensch uns noch geschenkt hätte, wäre er nicht mit 35 Jahren gestorben!

Hedwig: Heute wäre das alles heilbar … Streptokokken …

Hanna (nickt): Antibiotika! Fertig!

Silke: Wäre Mozart heute geboren … was hätte er für Möglichkeiten gehabt!

***

Ediths Gedanken schweifen ab. Sie hört für einen Moment nicht mehr zu. Vor ihrem geistigen Auge entrollt sich der Lebenslauf eines 1980 geborenen Mozart:

„Der Vater wird angeklagt, weil er seinen Sohn bereits im Kindesalter hat auftreten lassen. Weitere Auftritte und Konzertreisen werden mit Blick auf das Kindeswohl untersagt. Ein Nervenzusammenbruch des Vaters im Zusammenhang mit der Beantragung öffentlicher Gelder wirft die Entwicklung des Knaben eine weitere Zeit zurück. Da er aufgrund seiner Leistungen im Fach Mathematik das Abitur nicht besteht, schreibt er sich im Alter von 20 Jahren an einer Musikhochschule im Fach Komposition ein. Studienfragen im Stil von ‚Komponieren Sie, wie man eine Couch herabrollt‘ erreichen das junge Genie nicht. Wechselnde Beziehungen und eine zeitweilige Drogenabhängigkeit behindern die konzentrierte Arbeit und den Erfolg zusätzlich. Als er im Alter von 35 Jahren an den Folgen eines Motoradunfalls stirbt, hinterläßt er zwei Phantasien für Regenrinne und Gartenschlauch sowie einen Instrumentalzyklus für 23 frei wählbare Schlaginstrumente.“

***

Richard: Hallo!!!! (Er rüttelt Edith an der Schulter.)

Edith (schreckt auf): Oh! Entschuldigung! Ich war in Gedanken.

Silke (lacht): Hat das Thema, was Mozart heute für Möglichkeiten hätte, dich so mit Beschlag belegt?

Edith (lächelt matt): Genau das.

Karl: Ob du noch einen Schluck Wein möchtest, hatte ich dich gefragt.

Edith: Danke! Ich halte mich an deine Nußmischung.

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers

PuLa-Reloaded: Der Fastenvortrag

Wie wundersam sich doch manche Dinge fügen. Man könnte sich für den gestrigen Text samt seinem “PS” überhaupt keinen besseren Anschluß vorstellen, als diesen ursprünglich am 28. März 2016 erschienenen Sketch des Monats, den wir in Folge der Betrachtungen zum“Neuen Gotteslob” ohnehin schon ausgesucht hatten! 

Zum Glück nimmt er die Sache heute fröhlich-satirisch in den Blick, ohne allerdings den Ernst des Themas leugnen zu können oder zu wollen.

Enjoy! 🙂 

Sketch des Monats: Der Fastenvortrag

Ein Sketch zum Osterlachen für sieben Personen und 19 Statisten

Wundersdorf, Oderbruch. Im Gemeindehaus der katholischen Pfarrei Maria Hilf! Es ist mitten in der Fastenzeit. Die melaminbeschichteten Tische sind zusammengerückt, so daß Arbeitsgruppen von 6-8 Personen im Kreis um die Tische Platz nehmen können.

Für den Fastenvortrag des heutigen Abends ist eigens aus dem Ordinariat ein Referent der Pressestelle angereist, um zum Thema der jüngsten Publikation von Bischof Hofmann, Zeichnung als Zwiesprache. Die künstlerische Gestaltung des neuen „Gotteslob“ vorzutragen.

Die Sitzung ist schon in vollem Gange, als Hanna leise hereinschleicht und sich entschuldigend an einen Tisch klemmt, an dem Edith, Silke, Hedwig, Richard und Karl bereits sitzen und – ja, irgendwie arbeiten. Der Vortragende schlendert zwischen den Tischen umher, an denen man offenbar nach einer ersten Einführung bereits zur Stillarbeit übergegangen ist: Auf mittig ausgebreiteten DIN A2-Blättern fahren die Menschen mit dicken Textmarkern in Schlangenlinien herum.

Hanna (flüstert): Entschuldigung! Meine Mutter rief gerade noch an, die konnte ich nicht so abhängen.

Edith (flüstert zurück): Hast nichts verpaßt.

Hanna (immer flüsternd): Was macht ihr denn da?

Edith (ebenso): Wir sollen Figuren malen wie sie im neuen Gotteslob sind, um zu sehen, was das mit uns macht. (Sie zeichnet eine Art kaputten Kelch.)

Hanna (schaut sich irritiert um): Aber das sind hier nicht die „Neuen Wege in der Kleinkindpädagogik“?

Karl: Nein. Die Erzieherinnen sind oben.

Hedwig: Haben wir vorhin trommeln hören.

Hanna: Ah! Ok. (Sie nimmt sich einen Textmarker und beginnt unzusammenhängende Bögen zu malen. Nach einer Weile) Wie hieß das Thema nochmal?

Silke: Zeichnung als Zwiesprache. Die künstlerische Gestaltung des neuen „Gotteslob“.

Hanna: „Künstlerisch“ in Anführungsstrichen …

Richard: Nein. „Gotteslob“ in Anführungsstrichen. (Die Gruppe prustet los.)

„Zeichnung als Zwiesprache“ (eigenes Bild)

Der Pressereferent (kommt vorbeigeschlendert, jovial): Ah! Ist hier ja schon jede Menge Kommunikation im Gange! Schön, wenn die Kunst im Gebetbuch solche Anstöße gibt.

Silke (brummt): Na, sagen wir mal: Wir nehmen Anstoß.

Der Pressereferent (beugt sich lächelnd vor): Das habe ich akustisch nicht verstanden.

Karl (rasch): Sie sagte, es ist halt ein Geben und Nehmen.

Der Pressereferent: Jaja, ganz recht! (Er wendet sich dem nächsten Tisch zu.)

(Hanna legt ihren Stift weg und greift sich eines der Bücher, die an jedem Platz zur Nutzung und womöglich sogar zum Kauf ausliegen. Karl folgt ihrem Beispiel, und im folgenden werfen die beiden sich gegenseitig die Zitate der Künstlerin, Monika Bartholomé, und ihres Mentors, Bischof Friedhelm Hofmann zu.)

Edith (malt ein bißchen lustlos herum): Wenn mir irgendjemand erklären könnte, was diese Zeichnungen sollen …

Hanna (grinst und zitiert von S. 23): Da kann ich dir helfen. Hier. „Der Benutzer wird zum Nachdenken aufgefordert. Er soll sich die Frage stellen: Was hat diese Zeichnung mit dem Inhalt zu tun?“ (Alle müssen lachen. Silke legt ihren Stift weg und nimmt sich eines der Bücher.)

Karl: Gut – das funktioniert immerhin. Ich habe mich immer gefragt, warum ich mir beim Gebet zum Heiligen Geist den Stuhl von Frau Bartholomé angucken soll.

Hanna (wird rot): Karl!

Karl (verteidigt sich): Das heißt so! Das Bild heißt „Stuhl“, die Ameise hier.

Silke (zitiert S. 31): Hört mal, das hier ist auch schön. Sie sagt: „Die Zeichnungen möchten Denk- und Empfindungsräume schaffen …. Mmm … diese Sprache entzieht sich der Eindeutigkeit, die Zeichnungen zeigen nicht auf den Text und sagen, so möchte ich gelesen werden. Sie beziehen Position in einem Dazwischen … es geht um Empfindungen, Erinnerungen, nicht um die Bestätigung und Verstärkung des Wortes.“

Richard (von dem Text genervt): Heidernei!!! Kein Wunder, daß Bischof Hofmann Angst hatte, Tebartz-van Elst könnte angefahren kommen und über die „Suche nach einer Verkündigung der Verläßlichkeit“ sprechen.

Hedwig: Bischof Tebartz-van Elst?

Richard (nickt): War vom FdK zum „Fest des Glaubens“ nach Aschaffenburg eingeladen worden, als Vortragender.

Hanna (blickt auf): Stimmt! Was hat er jetzt für eine Aufgabe in Rom?

Richard: Delegat im Päpstlichen Rat für die Neuevangelisierung, zuständig für Katechese.

Karl: Und weil Aschaffenburg im Bistum Würzburg liegt, hat Bischof Hofmann sich ein paar Monate, nachdem die Sache bekannt geworden war, eingemischt und Tebartz angeblich gebeten, sein Kommen nochmal zu überdenken.

Edith (schnaubt): Der wird sich gedacht haben: Mein lieber Bruder – hast du vielleicht diese dummen Zeichnungen überdacht, als ich gesagt habe, in Limburg kommt ein ordentliches Kreuz aufs Cover?!

Hanna (liest wieder vor, S. 44): Hier, Friedhelm Hofmann: „Ein Weniger an Reduzierung künstlerischer Ausdruckskraft ist kaum denkbar.“ (Alle lachen.)

Silke: Da steht ja mal was Wahres!

Edith (greift nun auch zu einem der Bücher, grübelnd): „ein Weniger an Reduzierung“ … das ist eine doppelte Verneinung … oder?

Karl: Komm! So genau haben die beim Formulieren nicht nachgedacht.

Hanna (prustet): Scheint mir auch schon so! Hier, S. 62: „wie zwei Arme zwischen elektrisch geladenen Drähten“ …

Hedwig (lacht kurz auf): Na, dann sind die Arme nicht mehr lange da!

Karl: Das ist noch gar nichts! Hört mal. Zu diesen drei Linien hier schreibt er: „Eine weitere Möglichkeit [der Deutung] weist auf einen Menschen hin, der gebeugt unter einer Last dahergeht. Diesen Gedanken stützt das auf der gegenüberliegenden Seite plazierte Lied ‚Holz auf Jesu Schulter‘ (GL 291)“ (Alle stöhnen) Moment! Geht noch weiter: „Wichtig ist, daß der Betrachter die im Bild aufscheinende Melodie, das Beschwingte, die befreiende Leichtigkeit auf sich wirken läßt.“

Silke (in die am Tisch aufkommende Empörung hinein): „befreiende Leichtigkeit“? Beim Kreuztragen? Jesus hat das nicht leicht getragen …

Hedwig: … genau! Er hat doch gelitten, er war doch ganz Mensch …

Edith: … ist ja auch mehrmals unter dem Kreuz hingefallen. (Alle schnauben und blättern in dem Machwerk. Die kleine Gewitterwolke über dem Tisch ist beinahe sichtbar.)

Richard (zitiert S. 58): „Wer hat den Mut, diese Sprossen hochzusteigen?“ (Er schüttelt den Kopf.)

Karl (zitiert von S. 64): „Mir drängt sich der Gedanke auf, daß Gott uns auf unserem Lebensweg berührt – zärtlich und unaufdringlich.“

Hanna (schaut in Karls Buch): Wo ist das?

Karl: S. 64, zu nochmal drei so Linien nebeneinander. (ironisch) Der unaufdringliche Eingriff Gottes in unser Leben – besonders gut zu merken, wenn man sich verliebt … (Er grinst seine Frau an.)

Hanna (lacht): … genau! Völlig unaufdringlich …

Silke (lacht auch): Ich kann mich noch gut erinnern: Man konnte in aller Ruhe mit allem weitermachen …

Edith (grinst): Ganz zu schweigen von Geburten …

Hedwig: … mal ganz unaufdringlich zwölf Stunden Wehen …

Karl: Da lob ich mir die antiken Erzählungen – Semele oder so: Kein Sterblicher kann Gott begegnen, ohne zu sterben.

Edith: Hm! Deshalb tritt Gott ja auch nur als Engel des Herrn auf – alles andere hält man nicht aus.

Hedwig: Weil Gott halt mal so unaufdringlich ist.

Silke: Wie man sich das vom Allmächtigen eben vorstellt.

Richard: Es ist nicht zu fassen! Diese beziehungslosen Linien, die die Tante da hinmalt (Er sucht ein Zitat, findet es und liest): Hört mal: „Die Linie ist wesenhaft oder Grenze oder beides.“

Edith: Hä?

Richard: S. 30.

Hedwig: „Oder beides“?!

(Edith hat zuletzt wieder nach ihrem Stift gegriffen und einige Striche auf das DIN A2-Papier geworfen. Die andern schauen, lachen, stehen auf und werfen ihre Bücher auf den Tisch. Indem sie in die Runde grüßen, gehen sie zur Garderobe, holen ihre Mäntel und verlassen den Saal.)

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

Jetzt müssen wir natürlich auch erst einmal schauen, was Edith da zuletzt gezeichnet hat:

Wesenhaft (eigenes Bild)

Besenschaft (eigenes Bild)

Oder beides (eigenes Bild)

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf. Bloß gut, daß wir diese Bildchen schon vor Monaten analysiert haben, hier, hier und hier (und öfter) und sich darauf folgend zumindest in unserem Freundeskreis die Menschen zu helfen wissen und die Zeichnung einfach mit inhaltsreichen und aussagekräftigen Bildern zuzukleben beginnen.

Gottesdienstliche Feiern (Bild: S. G.)

Hl. Thomas v. Aquin (Bild S.G.)

Auferstanden (Bild: S.G.)

 

PS: Nur so für alle Fälle: Das Buch von +Fr. Hofmann haben wir uns NICHT etwa ausgedacht/“gephotoshopt“! (vgl. folgendes Bild der ISBN) Wir können uns ja vielleicht so allerlei ausdenken, aber das… Vielmehr bin ich mehr als dankbar für diese Form der, nun ja, ‚Verarbeitung‘ durch Cornelie; ich war daran gescheitert, mich damit etwa ganz ernst zu beschäftigen – wer weiß, wie das geendet hätte…

Gereon Lamers

Zeichnung als Zwiesprache, ISBN (eigenes Bild)

 

„Wüst und leer“

Kalkuliertes Chaos beim Weimarer Orgelsommer

Wir hatten ja darauf hingewiesen: Im Konzert mit der Weimarer Cellistin Christina Meißner gastierte Martin Sturm, Nachfolger von Michael Kapsner auf der hiesigen Professur für Improvisation und Kirchenmusik, am vergangenen Sonntag aus Anlaß des 90. Geburtstages von Sofia Gubaidulina im Rahmen des Weimarer Orgelsommers in der evangelischen Stadtkirche St. Peter und Paul („Herderkriche“). Dabei kam neben der Uraufführung eines eigenen Werkes des Organisten (*1992) auch „Seraph“ von Lisa Streich (*1985), eine sechsminütige Improvisation der beiden Solisten und zuletzt „In Croce“ von Sofia Gubaidulina (*1931) zu Gehör.

Das heißt, das Konzert war auf die ständige Steigerung der Qualität der Stücke hin angelegt. So muß das sein! „Requiem“, das in diesem Jahr entstandene Werk von Martin Sturm, versprach im Programmheft zwar die Entsprechung zum „liturgischen Ablauf der katholischen Totenmesse, vom ‚Introitus‘ über das ‚Dies irae‘ bis hin zum abschließenden ‚In paradisum‘“, ließ uns aber vollständig ratlos zurück.

Die Komposition gehört zu den Stücken moderner Geräuschcollagen, die der melodischen Erfindungsgabe des Tonsetzers einfach überhaupt nichts abverlangen. Die Kunst, so schien mir, lag hier einmal mehr ganz bei der Interpretin, der solistisch agierenden Christina Meißner. Da wurde über die Saiten gewischt, getrommelt und mit dem Bogen geklopft, das ganze Cello angehoben und der Stachel hörbar wieder aufgesetzt, es wurde gekratzt und gerieben, Wirbel verdreht und die Quinte hernach wieder rein gestimmt, die Finger rutschten die klingenden Saiten hinauf und hinab … das volle Programm also, seit Jahrzehnten bekannt und aus-probiert.

Die eigentliche Kunst dürfte hier sein, das Erdachte oder Erfühlte in einer intersubjektiv vermittelbaren Partitur irgendwie lesbar festzuhalten. In Györgi Ligetis „Atmosphères“, einem bereits 60 Jahre alten Orchesterwerk, das u.a. ganz ähnliche Effekte vorsieht, geschieht dies zum Teil einfach sprachlich: Da wird in einer Einleitung zur Partitur schlicht angeordnet, wie die Schuhbürste, mit der die Saiten eines Konzertflügels gestrichen werden, zum Einsatz zu kommen habe und daß der Wechsel zwischen Besen und Bürste bitte lautlos vonstatten zu gehen habe.

Das alles wäre unglaublich lustig, wenn es nicht so unglaublich ernst gemeint wäre. Nicht umsonst jedenfalls bemühte Martin Sturm in seiner Begrüßung und kurzen Einführung vorsorglich John Cage: Alles ist Musik. Jajaja, schon gut, schon gut! Das gebildete Publikum hat gelernt, über solche Werke weder zu lachen noch den Kopf zu schütteln. Sie brauchen keine Angst zu haben!
Inwieweit allerdings ein solch freies Werk, das nicht nur auf die Sprache, sondern auch auf eine etwa bedeutungstragende Klangrede der tonalen Harmonik ganz und gar verzichtet, das Publikum in den 12 Minuten seiner Dauer auf eine Seelenreise mitzunehmen imstande sein könnte, wie es das Requiem etwa von Wolfgang Amadeus Mozart leistet, das frage ich mich noch immer.

„Ich konnte schon früh zeichnen wie Raphael, aber ich habe ein Leben lang dazu gebraucht, wieder zeichnen zu lernen wie ein Kind.“ Dieses gleichermaßen in dem klassischen Gott-Kind-Mythos wie im Rousseau‘schen Ideal einer zivilisatorisch unverbildeten Kinderseele gründende Zitat von Pablo Picasso ist berühmt. Auch in der Neuen Musik scheint es das Ideal einer tastenden Kunst zu geben, in deren gesuchten Klangcollagen und abrupt unterbrochenen Geräuschteppichen man offenbar das Zutagetreten des Ursprünglichen und Reinen vermutet. Als schwebe Gottes Geist nur über dem Wasser, solange Chaos herrscht und die Erde wüst ist und leer.
Aber Gott mochte auch die Ordnung und sah, daß sie gut war. Und sollten nicht die Harmonien der Musik, von denen man in früheren Jahrhunderten den Himmel im Gesang der Engel erfüllt wußte, zu dieser göttlichen Ordnung gehören? Ich möchte von dieser Überzeugung nicht lassen.

Lisa Streichs „Seraph“ stand dem „Requiem“ von Martin Sturm in nichts nach.
Schön war dann die etwa sechsminütige Improvisation der beiden Konzertierenden. Die Cellistin begab sich aus dem Altarraum auf die Empore und beide Künstler reagierten mit ihren Instrumenten auf das Spiel des oder der jeweils anderen. Zwei Kunstfertigen beim – im emphatischen Sinne des Wortes –
Spielen zuhören zu dürfen, das ist sehr wohltuend. Und es zeigt sich, daß sich in der echten Improvisation, die tatsächlich gänzlich ohne Notation auskommt, ein weitaus organischeres Spiel entwickelt, als die gesetzten Störungen vieler Stücke aus dem Bereich der Neuen Musik es zulassen möchten. Bemerkenswert!

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Als der wesentlich (ganz wesentlich!) weniger Musik-Kundige hatte ich mich entschlossen, das Konzert ebenfalls zu besuchen, habe ich doch als Musik-Liebhaber, dessen Vor-Lieben tendenziell in der Frühromantik enden, immer wieder die Erfahrung gemacht, daß das Live-Erlebnis die Horizonterweiterung deutlich erleichtert.
Und ich habe diesen Entschluß nicht bedauert – im Gegenteil!
In der Tat, die gnädig kurze Stunde, die das Konzert dauerte, brachte mit der Improvisation und dem wirklich schönen Stück von Sofia Gubaidulina auch echten Hörgenuß! 

Und darüber hinaus regte die Veranstaltung eben zum Denken an, wie wir gerade von Cornelie gelesen haben. Ja, “unglaublich lustig” darf es eben tatsächlich nicht sein, denn, genau, es ist immer, ganz “ernst gemeint”. Und ob die Tatsache, daß “[d]as gebildete Publikum gelernt [hat], über solche Werke weder zu lachen noch den Kopf zu schütteln” wirklich kein Anlaß ist “keine Angst zu haben”, das ist doch am Ende nicht so ganz raus, meine ich. 

Oder vielmehr, fürchte ich, und denke an die jüngst im Rahmen von PuLa-Reloaded erneut hervorgeholten Betrachtungen über (in dem Fall bildende) ‘Moderne Kunst’ im Gotteslob von 2013/14 (hier), wo wir ja am konkreten Beispiel gesehen hatten, mit welch kaum verhohlener Arroganz und Intoleranz der Anspruch auf überlegene Geltung, ja letztlich auf einen überlegenen Bewußtseinszustand dafür sorgte, daß uns etwas aufgedrängt wurde, was grundsätzlich, kategorial “quer” liegt, zu dem, wozu man ein ‘Gebetbuch’ braucht!
Und ich denke an Stimmen aus Frankreich (das wir Europäer uns ja extra für die Hervorbringung unbequemer Denker halten, nicht wahr? 😉 ), die die dunkle Seite der von Cornelie hier so mit leichter Hand skizzierten “Zurichtung” auf “bloß nicht lachen”, bloß nicht “Der Kaiser ist nackt” rufen, in den Blick nehmen und sie mit den Demütigungsritualen stalinistischer Schauprozesse paralellisieren: “Bloß nicht aufmucken!” wäre dann der gemeinsame Nenner, die repressive Absicht.

Um bloß nicht mißverstanden zu werden: Selbstverständlich unterstelle ich den agierenden Künstlerinnen und Künstlern nicht derartige Intentionen! Sie wären in solchen Zusammenhängen im Zweifelsfall eher unbewußt Mittuende. (Im Zweifelsfall, denn das 20. Jahrhundert kennt auch genug ‘Moderne Künstler’, die den totalitären Versuchungen erlegen sind!)

Aber wir, das ‘Publikum’, wir sollten uns, glaube ich, immer mal wieder fragen, welche Doppelbödigkeit unsere tiefsitzende Zurichtung zur Höflichkeit vielleicht verdeckt.
Das ist eine Frage nach der Freiheit. 

Gereon Lamers 

Das Herz verschenken

Es war wieder ein „echter Riethmüller“, gestern in der Abendmesse: Ein Nebensatz, mit Understatement vorgetragen; schnodderig eingeschoben und mit einer Geste der rechten Hand auch sofort schon wieder weggewischt; ein Nebensatz, der dennoch eine ganze Welt erklärt.

Ja, es steht auch im „Kleinen Stowasser“, dem seit Jahrzehnten gängigen Schulwörterbuch im Fach Latein. Man hätte es also immer schon wissen können. Ich wußte es trotzdem nicht. „Credere, credo“ schaut man halt nicht im Wörterbuch nach, sondern weiß es irgendwie einfach. Großer Fehler!

Der Stowasser (Ausgabe 1980) schreibt, „credere“ leite sich sprachgeschichtlich vom altindischen „çrad-dhā“, zu deutsch „das Vertrauen“, ab, und meine eigentlich „das Herz (cor) auf jemanden setzen“. Jemandem glauben heißt, ihm vertrauen. Klar – banal. Aber glauben heißt im Lateinischen eben wörtlich: das eigene Herz verschenken. Das klingt doch schon ganz anders. Wenn das Wortfeld rund um das Herz mitzuschwingen beginnt, versteht man doch erst so richtig, welches Ergriffensein des Glaubenden mit seinem Glauben verbunden ist. Es geht zumindest seelisch um Leben und Tod – wenn nicht gar körperlich.

Die sprachgeschichtliche Entwicklung ist einfach zu erklären: die Laute „l“ und „r“ können um den Stammvokal eines Wortes herumwandern, ohne daß die Wortbedeutung sich ändert. Das entwickelt sich gemäß dem jeweiligen Dialekt, in dem den Menschen einer bestimmten Gegend ‚der Schnabel wächst‘. Das ist ganz bekannt und jedem geläufig – ein Paradebeispiel sind im Deutschen die Wörter Born und Brunnen. Das Phänomen nennt sich Liquidmetathese, weil „l“ und „r“ als Liquide – flüssige, weil prinzipiell immer weiterrollende Halbvokale – bezeichnet werden. Unbetonte Vokale werden alle zum e hin abgeschliffen, so daß aus dem „cor dare“ – das Herz verschenken – „credere“ werden konnte bzw. im „credere“ das „cor dare“ noch hindurchscheint.

Wie armselig nimmt sich da die Sprachgeschichte des deutschen Wortes „glauben“ aus! Seit dem 8. Jahrhundert belegt, bedeutet es zwar auch „vertraut, Vertrauen erweckend“, wird aber tatsächlich mit dem Wort „Laub“ in Verbindung gebracht: „Vermutlich gehört dieses Wort zu Laub in der Bedeutung ‚Laubbüschel als Futter und Lockmittel für das Vieh‘ und bedeutet dann ursprünglich ‚zutraulich, folgsam, handzahm‘ (wie das Vieh, dem ein Laubbüschel hingehalten wird)“, schreibt der „Kluge“, das etymologische Wörterbuch in seiner 23. Auflage aus dem Jahr 1995. Oh je! Da war aber jemand skeptisch gegenüber den Missionaren! Aufs Folgsame sollte sich Glauben nun wirklich nicht reduzieren!

Wie gut, daß es Fremdsprachen gibt, in denen sich Wortbedeutungen manchmal tiefer erschließen als im Deutschen.

Jedenfalls: Danke, lieber Herr Pfarrer Riethmüller, mal wieder für einen Ihrer berühmten ‚Nebensätze‘! 🙂

Cornelie Becker-Lamers

PuLa-Reloaded: Zur Gestaltung des  neuen Gotteslobs, Teil 2

In diesem zweiten Teil der Betrachtungen zum ‘Neuen Gotteslob’, ursprünglich veröffentlicht am 29. März 2014, werden wir sowohl grundsätzlicher (Kunsttheorie), als auch praktischer. Und der praktische Teil, das kann man heute in Ruhe feststellen, der hat sich bewährt! 🙂

Daher viel Spaß mit:

‚Fetter Diss, Allor!‘ oder: ‚Christliches Leben nicht illustrativ versimpeln‘: Zur Gestaltung des neuen Gotteslobs, Teil 2

Nun ist es also soweit: Wenn morgen, am Sonntag Laetare, das neue Gotteslob auch in den fünf mittel- und ostdeutschen (Erz-) Bistümern Berlin, Magdeburg, Görlitz, Dresden-Meißen und Erfurt (den häßlichen Begriff der „Region Ost“ überlasse ich anderen!) erstmals im Gottesdienst benutzt wird, geht ein Prozeß zu Ende, der insbesondere seit dem vergangenen September einen (kirchentypisch?) chaotischen Verlauf nahm, seit nämlich klar war, daß auch wir hier in der Diaspora von der „Dünndruck-Krise“ betroffen waren. PuLa hat darüber immer wieder berichtet (z.B. hier, mit weiteren Verweisen) und auch wenn es natürlich gut ist, daß es zu einer gütlichen Einigung zwischen dem Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) und der Druckerei C.H. Beck kam, wie diese aussah wurde nicht einmal in Ansätzen kommuniziert. Ebensowenig übrigens, wie irgend jemand nach der ersten Aufregung noch über die Kredite und die damit verbundenen Risiken für die Rettung des insolventen WELTBILD-Desasters redet. Soviel zum Thema Bemühen um Transparenz in Finanzdingen. Ehrlich gesagt, ich zweifle mittlerweile an der psychologischen Fähigkeit (über den Willen möchte ich nicht spekulieren) weiter Kreise der Kirche in Deutschland wirklich die Lehren aus den Vorgängen in Limburg zu ziehen, die uns seit kurzem in Form des Prüfberichts vorliegen. Aber das ist ein anderes Thema.

Es müssen vier sein (eigenes Bild)

Schon Ende September 2013 haben wir uns hier mit der graphischen Gestaltung des neuen Gotteslobs befaßt (vgl. aber auch hier). Ich möchte mich darauf auch weiterhin konzentrieren, denn zu der musikalisch-inhaltlichen Seite der Angelegenheit sollten sich bitte Berufenere äußern – und das tun sie ja zum Glück auch!

Jetzt, wo man das Buch in der Hand gehabt hat, bestätigt sich die Annahme, daß die praktischen Elemente der neuen Gestaltung überwiegend positiv zu bewerten sind, auch wenn das neue, größere Format gewöhnungsbedürftig ist. Aber Lesbarkeit und Aufbau machen einen guten Eindruck. Zu dieser im besten Sinne handwerklichen Seite der Angelegenheit finden Sie einen sehr  interessanten Beitrag auf dem Blog „Design-Tagebuch“, hier.

Aber, das ist ja nicht alles, was über die Gestaltung des neuen Gebetbuches zu sagen ist, denn als echtes Novum gibt es da eben die graphischen Elemente, bzw. die Illustrationen, die das alte Gotteslob nicht kannte.

Schon Ende September hatten wir ja festgestellt, daß die Zeichnungen aus den Händen der Kölner Künstlerin Monika Bartholomé, die neben wenigen farbigen Wiedergaben älterer Kunstwerke den Löwenanteil der graphischen Elemente im Neuen Gotteslob ausmachen, nach einem Entscheidungsprozeß von geradezu atemberaubender Transparenz und Öffentlichkeit in unser aller künftiges Gebetbuch gelangt sind, einem weiteren wahren Musterbeispiel für die geradezu offensive Berücksichtigung der Wünsche des mündigen Gottesvolks deutscher Zunge (Satiremodus aus).

Ein Beispiel für die Zeichnungen (eigenes Bild)

Wesentlichen Anteil an diesem Prozeß scheint der Würzburger Bischof Dr. Fr. Hofmann gehabt zu haben, als Vorsitzender der zuständigen Unterkommission der Liturgiekommission der DBK.

Ganz wesentlichen.

Und offenbar ist man im Bistum Würzburg auf diese Rolle auch ziemlich stolz, denn man verloste dort im Herbst Exemplare des Neuen Gotteslobs mit Autogramm von Bischof Dr. Hofmann (hier, bitte runterscrollen bis zum 9. Oktober).

PuLa findet das ein bißchen schwach, wenn schon sollten es doch bitte limitierte Drucke der Zeichnungen sein, vielleicht signiert von der Künstlerin UND dem Geistlichen Herrn? So richtig schön vorgestellt im Rahmen einer Vernissage, mit Frankenwein, natürlich!

Jedenfalls kann man sich auf den Seiten des Deutschen Liturgischen Instituts in Trier, das ja bei der Liedauswahl offenbar auch eine gewichtige Rolle gespielt hat, alle 19 Graphiken für den überdiözesanen Stammteil anschauen, ich möchte sie hier nicht alle abbilden, zumal ja inzwischen die geschätzte Leserschaft zum größten Teil ein neues Gotteslob in Händen halten dürfte.

Wenn Sie kurz hier schauen möchten, achten Sie bitte auf  die begleitenden Texte, besonders deren jeweiligen Schluß!

Fest steht, alle Reaktionen des „normalen Kirchenvolks“, die ich bisher wahrgenommen habe, gehen in genau eine Richtung, nämlich die hier

Ok, das war nicht nett, sorry…

Aber natürlich bleibt es einfach eine Tatsache, daß ‚Moderne Kunst‘, daß (weitgehend) Ungegenständliches außerhalb bestimmter, relativ kleiner Kreise nicht mit Verständnis rechnen, gar auf Zustimmung hoffen kann.

Nun will ich nicht behaupten, daß das Wissen um dieses Faktum geradezu ein Grund gewesen ist dafür die „Entscheidung“ über die Aufnahme dieser Graphiken als ‚Geheime Kommandosache‘ durchzuführen. Aber klar ist, es gibt das Bewußtsein für die Problematik in den einschlägigen kirchlich-universitär-publizistischen Kreisen. Denn da ist, allen voran bei Bischof Dr. Hofmann selbst (wie im Beitrag vom 28. September nachzulesen), immer wieder die Rede davon, diese Entscheidung sei „mutig“. So auch z.B. in einem Beitrag des bekannten Prof. Kranemann in der schon mehrfach erwähnten Beilage zum “Tag des Herrn“ vom 14. September 2013.

Und der „Tag des Herren“ hielt es schon im Herbst denn auch für erforderlich, in einem redaktionellen Beitrag (!) Werbung zu machen für die Zeichnungen (der TdH und das Neue Gotteslob für unseren Beritt erscheinen im gleichen Verlag…). Die Argumentationslinie ist etwa wie hier.

Jaja, „mutig“; das ist eines dieser Wörter, die „übersetzungsbedürftig“ sind. So wie es in diesem (und ähnlichen) Kontexten gebraucht wird gehört es ja nur scheinbar der deutschen Alltagssprache an. Der wahre Sinngehalt lautet etwa: „Euer Empfinden in diesen Dingen ist leider zurückgeblieben und interessiert uns, die wir darüber entschieden haben, nicht, denn unser fortgeschrittenes Bewußtsein sagt uns, was richtig und gut für Euch ist; jetzt gebt Euch mal schön Mühe, dann versteht Ihr es auch noch!“

So, nun wir haben uns noch einmal vor Augen geführt: Was da im Neuen Gotteslob gestalterisch auf uns zukommt, das ist das Resultat eines elitären Prozesses, im Verlauf dessen den Handelnden aller Wahrscheinlichkeit nach bestens bewußt war, daß sie auf breite Zustimmung nicht rechnen durften. Sie haben sich darum nicht geschert, sondern haben ‚mutig‘ entschieden.

Welches Bild dieser (sehr) kleine Kreis von Menschen von sich selbst und von den „Endabnehmern“, dem Kirchenvolk, dessen ‚Mündigkeit‘ so häufig im Munde geführt wird, hat, dazu kann man sich auf dieser Grundlage (erneut) so seine Gedanken machen.

Und nun? Ist das denn schon alles, was man zu den „Bildern“, die da auf uns zurollen, feststellen kann: Wie es dazu kam?

Sollen wir (erneut) widerstandslos über uns ergehen lassen, was uns die häufig immer noch tonangebende Generation 70+ und ihre Adepten da als den letzten Schrei und „mutigen Schritt“ aufdrückt? Bleibt uns wirklich bloß Resignation („Ich bin eh zu blöd/zu alt/zu zurückgeblieben, um das zu verstehen“) oder aber die willenlose Übernahme („interessant“) offiziöser Deutungsmuster?

Natürlich nicht! Nein, wir können uns wehren – intellektuell, emotional und ganz praktisch.

Nun ist es, was die intellektuelle Ebene angeht, hier nicht möglich, eine Kritik der modernen Kunstauffassung in ihrem Verhältnis zur Kirche zu leisten, aber das ist auch nicht erforderlich – einige Schlaglichter werden vollauf genügen.

Zunächst: Im Rahmen der modernen Kunst-Theorie sind eigentlich nur die Kriterien von Originalität und Innovativität als Maßstäbe zur Bewertung von Kunstwerken übriggeblieben, alles, wirklich alles andere ist schon seit langer Zeit im Nebel der Unverbindlichkeit, des ‚anything goes‘ verschwunden.  Ich habe mich bei Leuten erkundigt, die sich in diesem Diskurs auskennen, und das Ergebnis ist eindeutig: Die Strichzeichnungen von Frau Bartholomé „leisten“ diesbezüglich gar nichts. Derartige (halb-) ungegenständlichen Strichzeichnungen sind weder originell, noch innovativ. Da die Künstlerin nach eigenem Bekunden bei der „Produktion“ auch nicht darum bemüht war, spezifisch christliche Inhalte zu schaffen, sondern sich dem freien Spiel der persönlichen Assoziationen überlassen hat, kann man auch nicht von einer auf diesen besonderen Kontext bezogenen Innovativität ausgehen.

Aber, so möchten nun vielleicht manche einwenden: Muß man sich denn nicht doch darauf einlassen, auf den assoziativen Zugang von Seiten des Betrachters? Wie es zum Schluß der Texte beim Deutschen Liturgischen Institut immer heißt: „Und was sehen Sie?“ Nein, muß man keineswegs! Vielmehr gilt es den Kontext zu bedenken, in den diese „moderne Art“ der Kunst  (-betrachtung) hier zwangsweise transportiert wird: Es ist ganz wesentlich der Vollzug der Hl. Messe.

Ist es da wirklich angemessen, zu persönlichen und unverbindlichen Kunstbetrachtungen und Assoziationen angehalten, ja geradezu genötigt zu werden?  Das ist es natürlich nicht. Die Hl. Messe ist vielmehr ein Raum der Eindeutigkeit, des durchaus Vorgegebenen, das nicht zu unserer Disposition steht, weder hinsichtlich der Feier der Liturgie, noch sonst. Ihr ganzer Charakter zielt darauf, uns über unsere je individuellen Idiosynkrasien, unser Eingeschlossensein in unser ach so kostbares Selbst und seine begrenzten und zufälligen Vorstellungen zu erheben, hin zu einem Größeren, einem unendlich viel Größeren, in dem wir erst wahrhaft wir selbst werden können – ohne Unverbindlichkeiten, ohne „Fragezeichen“, ganz „eigentlich“…

Und dazu paßt die „Ermunterung“, sich einem durch und durch weltlichen Diskurs der Kunstbetrachtung zu überlassen nun einmal überhaupt nicht. Mit diesen Zeichnungen, so harmlos sie auf den ersten Blick daher kommen mögen, hat Bischof Dr. Hofmann und haben diejenigen, die es mit entschieden haben, einen ganzen Diskurs in einen heiligen Bereich geholt, der dort nicht hingehört. Das ist der entscheidende Punkt, aufgrund dessen wir jenseits aller völlig müßigen Betrachtungen über die Qualität der Werke oder was sie „uns sagen wollen“ feststellen müssen: Sie wären besser draußen geblieben, denn sie haben hier nichts zu suchen!

Extrem ärgerlich ist es, wenn in diesem Zusammenhang die Ungegenständlichkeit, die ja einen wesentlichen Teil des Assoziationsspielraums erst eröffnet, von Seiten hochmögender kirchlicher Angestellter wie Dr. Stefan Kraus, dem Direktor der „Kolumba“, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, noch besonders hervorgehoben, ja als alternativlos „modern“ dargestellt, und anderes abgewertet wird:  „Christliches Leben und Handeln“ werde in den Zeichnungen nicht „illustrativ versimpelt“, heißt es in dem Katalog zur Münsteraner Ausstellung der Werke von Frau Bartholomé, (vgl. hier).

Das ist deshalb so anstößig, weil der hier Schreibende selbstverständlich um die erheblich komplexere jahrhundertelange Beziehung des Christlichen Glaubens zum „Bild“ als solchem weiß! Jeder,  der sich auch nur einmal ansatzweise damit beschäftigt hat, weiß es auch: Es kann versimpelnde Illustration geben, ebenso wie es versimpelnde Abstraktion gibt, aber um sich klarzumachen, daß die Gleichung: Illustration = Versimpelung nicht aufgeht, reichen schon die zwei Stichworte: „Ikonen“ und „Romanische Kunst“!

Nein, hier wird in teils sehr raffinierter Weise eine ganz bestimmte Sicht der Dinge propagiert, die alles andere als alternativlos ist, bloß, weil sie nun seit einigen Jahrzehnten (was ist das schon!) den Diskurs beherrscht!

Es darf in diesem Zusammenhang auch  daran erinnert werden, daß sich der gesamte moderne Kunst-Diskurs durchaus aus einer in weiten Teilen sehr kämpferisch-aggressiv antikirchlichen Haltung vollzogen hat. Ich kann nicht umhin, diesen „Einbruch“ in unseren Raum des Heiligen als eine Art von scheinbarer „Kapitulation“ zu empfinden; eine höchst überflüssige „Kapitulation“.

Ob die bemerkenswerte intensive Beschäftigung mit dem Thema „Kunst“ im Leben von Bischof Dr. Hofmann dazu beigetragen hat?

„Während der Freisemester Erwerb des praktischen Rüstzeugs für Zeichnung und Malerei in dem der Universität [Bonn] zugehörigen Kunstatelier. (ab 1963)

Abschluß des Studiums der Kunstgeschichte und Philosophie mit der Promotion im Fachbereich Kunstgeschichte, Thema: „Zeitgenössische Darstellungen der Apokalypse – Motive im Kirchenbau seit 1945.“ (1978)

Ernennung zum Künstlerseelsorger im Erzbistum Köln. (1981)“

(Auszüge aus der offiziellen Biographie auf der Website des Bistums Würzburg, hier)

Wer weiß!

Kommen wir zur emotionalen Seite der Gegenwehr! Haben wir uns bisher mit den Zeichnungen beschäftigt, die sich im Inneren des Neuen Gotteslobs finden, so müssen wir natürlich auch das Signet in den Blick nehmen, das sich außen auf den Büchern findet, in manchen Ausgaben sogar noch auf dem Rücken! Auf unseren glücklicherweise nicht.

Ein schöner Rücken; der Goldschnitt diesmal fürs kleinere Kind (eigenes Bild)

Die Assoziation, die mir dazu am häufigsten begegnet, ist diejenige mit dem (älteren) Logo der Firma Adobe Systems:

Adobe Systems, altes Logo (Bild Wikimedia)

Was ja in der Tat naheliegend ist. Aber es geht noch viel naheliegender:

Dulcolax (Bild Boehringer-Ingelheim)

Dulcolax, ein Abführmittel – wie nett.

Diese Konnotation war es, die meine ältere Tochter zu der jugendsprachlichen Bemerkung: „Fetter Diss, Allor!“ bewegte, was man etwa mit: „Gewichtige Herabwürdigung, mein Bester“ zu übersetzen hätte…

Das kommt davon, wenn man sich an einer so exponierten Stelle „vom Kreuz verabschiedet“ zugunsten eines irgendwie zustandegekommenen beliebigen Signets! Austauschbare Werbeästhetik statt Eindeutigkeit im Bekenntnis.

Und das ist dann doch einigen Bischöfen aufgefallen, drei von 27 Bistümern haben weiterhin ein Kreuz auf dem Buchdeckel: Paderborn, Eichstätt und – Limburg… Das ist ein Neuntel, na, immerhin…

Bald werden wir wieder hören: „Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung“ (Antiphon am Karfreitag). Hätten wir uns in den zehn Jahren der Vorbereitung auf das neue Gotteslob daran nicht mehrfach erinnern können, als es um die Gestaltung ging?

Übrigens: Kennen Sie den Wahlspruch von Bischof Dr. Hofmann? Er lautet: „Ave Crux, spes unica“ – „Sei gegrüßt Kreuz, einzige Hoffnung“. (vgl. hier)

Aber es gibt Dinge, die muß man wohl nicht verstehen.

(Und was ich davon halten soll, daß Bischof Dr. Hofmann seit der Frühjahrs-Vollversammlung Vorsitzender der Liturgie-Kommission der Bischofskonferenz ist, das weiß ich auch nicht so recht…)

Kommen wir zur praktischen Seite unserer Gegenwehr: Was ist zu tun?

Wiederum müssen wir unterscheiden zwischen innen und außen:

Innen sind die Zeichnungen leider erheblich störender, als ich das ursprünglich befürchtet hatte, nicht zuletzt, weil sie deutlich durchscheinen, das scheint bei der Bewältigung der Dünndruckkrise niemandem aufgefallen zu sein…

Illustration im nGL (eigenes Bild)

Illustration scheint auf Rückseite durch (eigenes Bild)

Aber es gibt schon Abhilfe und sie liegt im Zweifelsfall in Ihrem alten Gotteslob schon bereit:

Vorher (eigenes Bild)

Nachher (eigenes Bild)

Jaja, wer hätte gedacht, daß die guten alten Andachtsbildchen einmal auch auf diese Art hilfreich werden würden! Sie werden uns künftig „aktiv“ vor der oben beschriebenen Zumutung beschützen, was für ein hübsches Sinnbild!

Außen müssen wir leider mehr Aufwand treiben. Antikapitalistische Verschwörungstheoretiker (und davon gibt’s hier eine ganze Menge…) könnten ja auf die Idee kommen, die ganze äußere Gestaltung diene dem Absatz von Schutzhüllen – die Nachfrage ist jedenfalls hoch…

Kirchenladen am Erfurter Domplatz kurz vor der Einführung: Run auf die Hüllen (eigenes Bild)

Freilich: Es gibt Heldinnen des Alltags, die kaufen nicht, die machen selbst:

Selbstgemachte Hülle (Bild: Cl. Sperlich)

Bravo, liebe Kollegin, ab imo pectore, bravo! (vgl. hier)

Aber mit gekauften Hüllen geht es durchaus auch:

Vorher: „Logo“ (eigenes Bild)

Nachher: „christianisiert“ (eigenes Bild)

Manchmal muß es eben Filz sein… (eigenes Bild)

Sie sehen, wir sind ihm nicht etwa hilflos ausgeliefert dem neuen HB-Männchen (dem Hofmann-Bartholomé-Männchen) und es gibt noch weitere lustige Hüllen (ganz zu schweigen von dem weiten Feld des Selbermachens!), da werden wir noch viel Spaß mit haben, glaube ich – warten Sie ab, denn der Trend geht zur Zweithülle…

„Brüderchen komm tanz mit mir“ (eigenes Bild)

Und hier ein Beispiel, wohin das führen kann, wenn sich “Moderne Kunst” in unserem Lebensumfeld breitmacht, mit dem „alten“ HB-Männchen 😉

Gereon Lamers

PuLa-Reloaded: Zum neuen Gotteslob

Über sieben Jahre begleitet uns (jedenfalls hier in Mitteldeutschland) jetzt das neue “Gotteslob” und inzwischen sind die nicht unerheblichen Irrungen und Wirrungen, die seine Einführung begleiteten (nur ein Stichwort: Die “Dündruckkrise”), wohl bloß noch von historischem Interesse (wer es nachlesen möchte: Auf der PuLa-Startseite nach “Gotteslob” suchen – und Zeit mitbringen 😉 ).
Mittlerweile ist, nolens volens, Gewöhnung eingetreten, was soll man auch machen, es gibt ja keine Alternative! (außer einem ‘Volksmissale’, natürlich, aber das ist eine Geschichte für ein andermal…).

Aber genau bei solchen Themen erweist das vorliegende Format, ‘PuLa-reloaded’, seinen Nutzen: Denn es gab und gibt zum “Neuen Gotteslob” wahrlich genug zu sagen, was an Bedeutung nicht verloren hat, und woran man sich erinnern sollte, weil es sehr deutlich aufzeigt, wie in der Kirche in Deutschland mit uns, den einfachn Gläubigen, umgegangen wird!

Daher bringen wir heute und morgen je einen Teil “Zur Gestaltung des neuen Gotteslobs”, der erste erschien am 28. September 2013.

 

„Die Arbeitsgruppe der Unterkommission“:
Zur Gestaltung des neuen Gotteslobs, Teil 1

 

Nicht wahr, in seinem Gebetbuch, das nun seit etlichen Jahrzehnten im deutschen Sprachraum ‚Gotteslob‘ heißt, da „wohnt“ man drin! Da sammeln sich Photokopien von Liedern, die zu besonderen Anlässen verteilt wurden, es finden sich Gebetszettelchen und -bildchen an, man weiß nicht immer so genau woher (es ist nicht einmal immer sicher, daß einem jedes einzelne auch besonders gefällt) es ist ein sehr persönlicher „Raum der Erinnerung“ an schöne, wenige schöne oder auch ärgerliche Gottesdienste und wie meine alte Standardausgabe „eigentlich“ aussieht, bzw. mal aussah, das nehme ich manchmal gar nicht mehr so recht wahr!

Altes Gotteslob „live“

Aber auch wenn man irgendwo zu Gast ist, in einer anderen Gemeinde, einem anderen Bistum, ist es immer spannend, wie dort die Gäste-Gotteslobe aussehen, blitzeblank und kahl bis auf den Stempel der Pfarrei oder alt und abgegriffen, wobei die letzteren natürlich die interessanteren sind, weil sie einen in Verbindung bringen, mit dem (nach weltlichen Maßstäben!) vergangenen Glaubensleben der Nutzer.

Altes Gotteslob, „Battle worn“

Weil das nun bestimmt nicht nur mir so geht, weil das Gotteslob jedenfalls für die Mitfeier der Hl. Messe unverzichtbar, man könnte auch sagen, unausweichlich, ist, deswegen ist jeder Veränderung dieses so zentralen Elements im praktischen Glaubensleben jedes deutschsprachigen Katholiken natürlich besondere Aufmerksamkeit gewiß.

Und deswegen kann ich nur wiederholen, so wichtig die Entwicklungen um die Herstellung der Neuen Gotteslobe auch sind, der zentrale Punkt dessen, was man zu unserem neuen Gebetbuch sagen kann, ist das nicht.

PuLa wird der „Dünn-Druck-Krise“ auch künftig die Aufmerksamkeit widmen, die sie verdient, aber bis dahin werden wir auch weiterhin Gottesdienst feiern und irgendwann werden wir die neuen Bücher in Händen halten.

Und wenn wir sie in Händen halten, werden wir feststellen, daß sich in deren Gestaltung etliches verändert hat. Ich meine jetzt nicht das etwas größere Format, ich meine auch nicht die ergänzende Verwendung roter Druckfarbe und ich meine auch nicht, daß versucht wurde, innerhalb eines Liedes nicht mehr umblättern zu müssen, was vermutlich alles sinnvolle Dinge sind, wir werden sehen.

Nein, mir geht es um die graphischen Elemente des Neuen Gotteslobs. Neben dem, ja, wie soll man das eigentlich nennen?, Logo?, Signet?, sagen wir ganz neutral, dem graphischen Zeichen auf Umschlag und (!) Rücken finden sich auch im Inneren des Buches insgesamt 19 weitere Zeichnungen der Kölner Künstlerin Monika Bartholomé, ggf. in den Diözesanteilen noch weitere. Sie sollen rein praktisch u.a. dazu dienen, Leerstellen, die durch die eben erwähnte Vermeidung von Umblättern entstanden, zu füllen, aber natürlich nicht nur.

Illustrationen im Gebetbuch als dessen fester Bestandteil, das ist, jedenfalls seit nun ca. vierzig Jahren, ein echtes Novum, das die Neugierde weckt.

Wenn man berücksichtigt, daß, wie erwähnt, das Gotteslob sozusagen unausweichlich ist, und daß uns diese Bücher vermutlich nun auch wieder einige Jahrzehnte begleiten werden, viele von uns vielleicht bis zum Ende ihres irdischen Lebens, dann scheint es doch sehr angebracht, genau hinzusehen, was uns denn da präsentiert wird, wie das entstanden ist und was es eigentlich bedeutet.

Neues Gotteslob, Signet auf Umschlag und Rücken

Wie sich herausstellte, ist das aber gar kein so einfaches Unterfangen. Ich dachte natürlich, ein so gewichtiges Element in einem so zentralen Projekt der Deutschen Bischofskonferenz, das wird nicht ohne deren mediale Begleitung geblieben sein. Ich fand aber nichts. Also habe ich den Pressesprecher der DBK, Herrn Kopp gefragt, ob es denn eine ‚Interpretation mit Autorität‘ gebe, eine Stellungnahme der DBK und wie sich das denn mit dem Auswahlprozeß verhalten habe. Zu meiner ehrlichen Verblüffung mußte aber M. Kopp aber nicht nur bloß ‚ins Regal greifen‘, sondern die zugesagte Reaktion brauchte einige Zeit. Nun liegt sie vor, vielen Dank!, und sie wird in diesen und die folgenden (vermutlich zwei) Beiträge einfließen.

Auf Abhilfe sinnend, besann ich mich aber schon vorher auf den alten Grundsatz: ‚Ad fontes‘, zu den Quellen, und habe die Künstlerin selbst gefragt. Und Frau Bartholomé hatte einen ganz ausgezeichneten Tip; Vielen Dank! Sie wies mich auf den Katalog einer Ausstellung mit denjenigen ihrer Werke hin, die im neuen Gotteslob abgedruckt sein werden, er trägt den Titel: „Die Fülle des Lebens – Zeichnungen im neuen Gotteslob“ und ist erschienen anläßlich der Schau: „Alles auf Papier – Monika Bartholomé“, die vom 15. Mai bis 30. Juni 2013 in der „katholisch-sozialen Akademie des Bistums Münster“, dem Franz Hitze Haus ebendort zu sehen war.

M. Bartholomé, Katalog: „Fülle des Lebens“

(Der Katalog hat es übrigens noch nicht in das Onlineangebot der Ausstellungspublikationen geschafft, aber man kann ihn unter der folgenden Telefonnummer bei der sehr freundlichen Frau Lau bestellen: 0251 / 9818-490 à 10,- € incl. Versand und auch beim Deutschen Liturgischen Institut (DLI) in Tier, hier)

Wen diese ‚naheliegende‘ Möglichkeit, sich mit den Illustrationen im Neuen Gotteslob vertraut zu machen, nun ein wenig an die Planungsunterlagen für die ‚Hyper-Raum-Expreß-Route‘ erinnert, die 50 Jahre lang auf Alpha Centauri auslagen, den kann ich daran nicht hindern…

Edit: Hier fand sich zur Zeit der Veröffentlichung ein Video, in dem aus Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“ gelesen wurde und zwar just jene Stelle,an der die Vogonen kurz vor Sprengung der Erde zum Zweck des Baus der Hyper-Raum-Umgehungsstraße der entsetzten Erdbevölkerung eben dies erläutern: Man hätte ja gucken können, wenn man denn nur davon gewußt hätte…

Das Video wurde unterdessen von YouTube entfernt, sorry, das Netz ist nichts Statisches.

Ok, ok, ganz so weit wie unser Nachbar-Sternsystem (4,34 Lichtjahre) ist Münster nicht weg, zugegeben, nein, wirklich nicht, nur beinahe (Satiremodus aus).

Jedenfalls bietet der Katalog gleich eine ganze Reihe interpretationsfähiger Texte! Neben dem Vorwort seitens des Institutsdirektors, Prof. Thomas Sternberg, der auch ein ‚Gespräch‘ mit M. Bartholomé geführt hat, das dort abgedruckt ist, findet sich ein kurzer Text von Bischof Dr. Friedhelm Hofmann, Würzburg, dem verantwortlichen Bischof für das Neue Gotteslob und ein einführender kunstwissenschaftlicher Text vom Leiter des Kölner Diözesanmuseums ‚Kolumba‘, Dr. Stefan Kraus sowie schließlich ein, naja, literarischer Text von M. Bartholomé, über dessen Gattung ich mir nicht ganz im klaren bin (ist das ein Gedicht?).

Beginnen wir heute mit dem, was Bischof Dr. Hofmann in seinem Text über den Entscheidungs- und Auswahlprozeß verrät.

In der nun schon mehrmals erwähnten Sonderausgabe des TdH vom 14. September spricht ja der Riesaer Pfarrer Ludger M. Kauder, der für das Bistum Dresden-Meißen Mitglied der Gotteslob-Kommission war, einfach davon: „Dass hier und da moderne Grafiken eingestreut sind, ist der Kunstliebe des leitenden Bischofs der Gotteslob-Kommission, Friedhelm Hofmann zu verdanken […].“ (S. 6).

Und was schreibt Bischof Hofmann selbst? Nun, zunächst ist nur relativ häufig (sechsmal auf 26 Zeilen) von einem anonymen „sollen“, bzw. „sollten“ die Rede: „Das neue Gebet- und Gesangbuch sollte neben dem Text- und Liedteil auch Bildmotive enthalten […], „Statt weiterer Farbbilder sollte eine künstlerische Gestaltung durch Zeichnungen eingebracht werden. Da die drei Ausdrucksformen Wort, Musik und Bild ihre eigenen Wahrnehmungsqualitäten haben, sollten sie sich ergänzen.“ „Vielmehr sollten sie [sc. die Zeichnungen] eigenständig als kleine lineare Kunstwerke mit den Schrift- und Notenzeichen korrespondieren.“ (Katalog, S. 7).

Dieses ‚Sollen‘ entstand „In Gesprächen mit Künstlern und der Katholischen Bibelanstalt in Stuttgart […]“. Dann heißt es: „Angeregt wurde ich vor Jahren durch den Austausch mit kulturellen Vertretern der Kirche in Frankreich.“ […] „Diesen mutigen Schritt vor Augen, suchte die Arbeitsgruppe der Unterkommission nach einem Künstler, der qualitätsvoll graphische Zeichen als Lebensspuren in unser Gebet- und Gesangbuch einbringen könnte. Nach einem Vorschlag der Stuttgarter Bibelanstalt entschieden wir uns nach längerem Suchen für die Künstlerin Monika Bartholomé, die durch ihre Zeichnungen auf sich aufmerksam gemacht hat.“ (ebd., alle Hervorhebungen von mir).

Das klingt nun allerdings wirklich nach einem (sehr) kleinen Kreis von Beteiligten und nach einer wesentlichen Rolle, die der „Chef“, Bischof Hofmann ganz persönlich gespielt hat – neben anonym bleibenden „Künstlern“ und „der Stuttgarter Bibelanstalt“.

Und wenn Sie meinen textlichen Interpretationen nicht trauen wollen (obwohl Sie das ruhig tun ‚sollten‘, denn ich habe selbst schon genug Texte schreiben ‚dürfen‘, deren Zweck es war, genaue Abläufe zu verbergen…), dann sehen Sie selbst:

Unter-Kommission Gotteslob, Mitglieder der Arbeitsgruppen

Leiter der „Arbeitsgruppe VII, Bilder/Bildtexte (Spirituelle Impulse)“ und – einziges Mitglied: Bischof Dr. Hofmann…

Hm! Jetzt verstehe ich schon mal ein bißchen besser, warum M. Kopp auf die Frage nach einer Ausschreibung, einem Wettbewerb o.ä. nicht eingehen konnte: Es gab keinen. Dementsprechend gab es auch nicht die damit verbundene Teilhabe der interessierten Öffentlichkeit (Präsentation der Einsendungen, Findung und Benennung der Jury, Prämierung etc.). Nein, „wir entschieden uns“.

Gut, daß wir das schon mal geklärt haben. Auf das Adjektiv „mutig“ (dies ist nicht sein einziges Vorkommen in diesem Kontext) wird noch zurückzukommen sein.

 

Gereon Lamers

PuLa-reloaded: Dove Sveta (Folge 4)

Ein Sketch für drei Personen, fünf Schafe, zwei Lämmchen und eine Menge Heiliger

 

Wundersdorf, Oderbruch. Auf dem Weg von der Schafweide zur Stadt. Wir erinnern uns: In Kohles neuer App fängt man Heilige, indem man passende Gebete spricht oder Lieder zur Erinnerung an ihre Geschichte singt. Das hatten wir jetzt verstanden. Aber warum eigentlich heißt das Spiel „Dove Sveta“?

 

Richard: Und das ganze heißt „Dove Sveta“?

Kohle: Yep! (Er poliert geschäftig sein Display.)

Richard: Und was soll das heißen?

Kohle: Na, „Wo sind die Heiligen“ natürlich.

Richard (zieht die Augenbrauen hoch): Das ist eine Sprachmixtur sonder Gleichen! Und wo ist das Verb?

Kohle (kühl): Na, da bin ich ja froh, daß der Name „Pokémon GO!“ als Aufforderung an die Spieler grammatikalisch so lupenreines Englisch ist und etymologisch auf einen so klaren Stammbaum verweisen kann. (Er rückt mit seiner Nase dicht an Richard heran.) Allein Pokémon ist ein Kunstwort, eine japanische Verballhornung von „Pocket Monster“. Noch Fragen? (Wieder mit etwas Abstand.) Markennamen sind immer künstlich.

Richard: Jajaja, ist ja schon gut. Entschuldigung. Also ihr meint wirklich das italienische „Dove“ für „Wo“ und das Kroatische „Sveta“ für „Heilige“?

Kohle: Ja.

Fixi: In Pula ist alles zweisprachig italienisch-kroatisch. Wußtest du das nicht?

Straßenschilder in Pula (Bild CBL)

Huf (grinst): So ist das in Pula. Also sind wir mit unserem Spiel hier genau richtig.

 ENDE

 Cornelie Becker-Lamers