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Der Ersatzaltar, Ein Sketchlet zum ersten Advent

Ein Sketchlet für fünf Schafe, zwei Lämmchen und so viele Schafstatisten, wie auf die Ladefläche des Pritschenwagens passen

Brandenburg, auf der Bundesautobahn 10. Schon mächtig im Verlauf der nautischen Dämmerung – mit anderen Worten: es ist, obwohl gerade später Nachmittag, bereits stockfinster – umfährt der uns bekannte Pritschenwagen Berlin in östlicher Richtung. Wie immer, ist die Ladefläche im Winter durch eine Plane abgedeckt. Und wie immerhört man es darunter lebhaft diskutieren. Wir wissen, was das bedeutet: Die Schafe waren wieder einmal unterwegs. Wenigstens hört man auf diesem Wege endlich einmal wieder von ihnen. Wo ging es denn diesmal hin? Hm. Wir schnappen Stichworte auf wie Weltkulturerbe, UNESCO, Stifterfiguren und Triegel. Sie werden doch nicht im Naumburger Dom gewesen sein? 

Flocke: Aber was dieser eine Herr da meinte: Man kann ja den Altar zuklappen. Es ist schließlich ein Flügelaltar. Und dann sieht man alle Figuren wieder.

Wolle: Und außerdem: Wenn da mal ein Altar gestanden hat … die Hochaltäre verdecken doch immer was, Fenster und so …

Kohle: Es geht ja auch um Prächtigkeit und Verschwendung.

Grauchen: … ging … Das ist lange her …

Blütenweiß: Jedenfalls guckt die Uta jetzt genau auf den Altar … ist doch auch eine Sichtachse …

Kohle: Wer weiß, was sich im Kölner Dom für Sichtachsen ergäben, wenn man ihn halb leer räumt … (Die Schafe lachen.)

Flocke: Also paßt schon!

Wolle: Um Altäre in die Kirchen zu bringen, muß man ja nicht immer warten, bis sie Museen geworden sind

Fixi (hat die ganze Zeit mit Huf geflüstert): Dürfen wir mal was ganz Dummes fragen?

Flocke (mütterlich): Es gibt keine dummen Fragen, Fixi und Huf! Was möchtet ihr denn wissen?

Huf: Was wollte Triegel eigentlich darstellen?

Flocke (lächelt milde): Na, die Mutter Maria mit dem Jesuskind.

Huf: Und die ganzen Figuren um sie rum?

Wolle: Du meinst, die hinter ihr stehen?

Blütenweiß: Vielleicht stellte das zerstörte Bild die Heilige Sippe dar?

Grauchen: Das wird es sein! Deshalb hat Triegel auch seine Frau hinter seine Tochter gemalt, die die Maria darstellt.

Huf: Das Bildmotiv der Heiligen Sippe hat doch aber paradoxerweise den Bildersturm überstanden  … Da gab es doch mal diesen Vortrag bei unseren Senioren …

Die Schafe blicken sich betroffen an.

Kohle: Da hast du recht. Na dann vielleicht … die Vierzehn Nothelfer?!

Flocke: Genau! Wie auf der berühmten Einhornverkündigung im Erfurter Dom.

Wolle (setzt die Mosaiksteine zusammen, zufrieden): Triegel ist ja gebürtiger Erfurter!

Fixi: Es sind aber nur zehn Erwachsene hinter der Maria.

Huf: Und nur eine hat ein Attribut … das Lamm … das wäre eigentlich Agnes.

Fixi: Aber da sie die einzige ist, wissen wir nicht, ob sie überhaupt die Agnes darstellen soll. Ist das Bildmotiv überhaupt eine ‚Sacra Conversazione‘? 

Grauchen: Einer hat einen Schlüssel …

Fixi: Das ist aber doch der Venezianische Obdachlose mit der Basecap … stellt man so heutzutage Petrus dar?

Die Schafe grübeln.

Huf (in die Stille hinein, in der man nur den Motor des Pritschenwagens tuckern hört): Und die drei Frauen hinten links sind Stifterinnen … die malt man eigentlich in den Vordergrund unten hin, ein bißchen kleiner als die Heiligen …

Fixi: … wie auf den Seitenflügeln …

Huf: Und die Musikerinnen sind keine Engel …

Fixi: Und das eigentlich sehr korrekte Spruchband gehört zur Heimsuchung.

Flocke: Spruchband? Hilf mir noch mal!

Huf: Da steht Magnificat anima mea

Kohle (nach einer Schrecksekunde): Najaaaa … so genau …

Fixi (altklug): Ikonographie ist immer genau! Sonst funktioniert sie nämlich nicht.

Huf: Und Triegel stellt hier so vieles nicht dar, daß wir uns fragen, was er eigentlich darstellt … außer mal wieder seiner Frau …

Die Schafe schweigen betreten.

Blütenweiß (etwas hilflos): Aber der Goldgrund … Und der Faltenwurf!

Kohle (beifällig!): Der Faltenwurf!!!

Wolle (erleichtert): Der Faaaaltenwurf!!!

Blütenweiß: Und dieser Brokathintergrund … Das ist doch auch sehr eingeführt …

Fixi: Hm. Ist normalerweise kein Tuch …

Flocke (rasch): Die Brokatfläche soll übrigens ein Schutzmantel sein.

Grauchen (erleichtert): Na bitte! Da haben wir es doch! Eine Schutzmantelmadonna.

Fixi: Bei der die Menschen nicht unter den Mantel fliehen, sondern ihn selber aufspannen …?

Huf (platzt heraus): Nach dem Motto: „Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner!“

Fixi: Menschen bauen den göttlichen Schutz auf?

Huf: Also ich weiß ja nicht …

Fixi: Da sind wir bald bei Sartre … Gott als Gedankenkonstrukt des Menschen …

Kohle: Neineineineinein!!! Das würde Triegel völlig verfehlen!

Grauchen: Ihr müßt bedenken, daß er durch seine Arbeit an den christlichen Motiven ja wirklich zum Glauben gefunden hat! Ist seit acht Jahren katholisch.

Blütenweiß: Und da haben wir eben auch endlich mal einen Maler, der so perfekt malen kann und einen zerstörten Mittelteil eines Cranach-Altars ersetzen!

Kohle (brummt): Maler, die berückende Physiognomien aufs Papier zaubern, gibt’s allerdings schon noch paar mehr. Die Frage ist, wie Triegel es geschafft hat, von den kirchlichen Kunstkommissionen nicht gerade wegen seiner Gegenständlichkeit aussortiert zu werden …

Fixi: Mir ist es eigentlich auch zu perfekt.

Wolle (platzt heraus): Na, was denn nun noch?!

Huf: Doch, doch. Ich finde, Fixi hat recht. Irgendwas fehlt.

Fixi: Der Funke springt nicht über.

Huf: Das Bild wirkt flächig, wie plastisch er auch malt …

Fixi: Die Figuren und Attribute wirken wie additiv nebeneinander gesetzt …

Huf: Der Bildraum kriegt keine Tiefe …

Fixi: Seine Perspektive hat was von M.C.Escher …

Blütenweiß (nachdenklich): Hm! Er malt ja auch oft die Figuren wie auf einer Bühne …

Wolle: Ausgestellt …

Grauchen (ebenso): Vor schwarzem Hintergrund …

Kohle: Na, der ist immerhin in Naumburg golden.

Flocke: Kommt! Laßt uns nochmal ein paar Fotos vom Altar anschauen. Ihr habt mich jetzt ganz verunsichert. Huf, hast du unser Tablet greifbar?

Der Pritschenwagen bremst.

Huf: Ich glaub, das lohnt nicht mehr …

Fixi (steckt die Schnauze unter der Plane hervor, freudig): Wir sind zuhause!

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Diese Schafe! Bloß gut, daß sich in Naumburg noch eine Woche lang jeder selbst ein Bild vom Bild machen kann. Und auch dann ist der Altar nicht von der Bildfläche verschwunden, sondern kommt erstmal nach Paderborn.

Hier zur Gedächtnisstütze für die Ausführungen der beiden Lämmchen noch einige Aufnahmen der Schafe von ihrem Naumburg-Ausflug:

So sieht der Westchor des Naumburger Doms gerade aus

 

Das ist der Altar von etwas näher dran

 

Aus diesem Blickwinkel sieht man sehr schön, daß Michael Triegel seinen Christus (Altarrückseite) vor genau der Architektur des Naumburger Lettners gemalt hat.

 

Hier wollen die Schafe vermutlich zeigen, daß Uta wirklich genau auf den Altar schaut, nämlich auf die Rückseite des rechten Flügels mit der Gestalt der Barbara.

 

Hier sieht man tatsächlich sehr gut, daß sich bei aller Plastizität der Darstellung und dem tiefen Griff in die Trickkiste perspektivischer Darstellung eine wirkliche Raumwirkung auf den Bildern Michael Triegels nicht einstellen will.

 

(Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Fixi und Huf)

Rabumm!

Was für ein wunderbarer Anblick, gestern bei schönstem Abendsonnenschein, als der Pfarrhof bis auf die Straße überlief vor Menschen mit Kindern und Laternen. Denn so schwer sich unsere Pfarrei inzwischen wieder tut, eigene Kinder- und Jugendarbeit auf die Beine zu stellen, so sicher profitieren wir auch in Weimar von den über Jahrhunderte gewachsenen Bräuchen und Feiern der Kirche.

So auch zu Sankt Martin, das allerdings hier, im „Kernland der Reformation“, zu Luthers Geburtstag begangen wird. Aber das Martinsspiel auf dem katholischen Pfarrhof stellt wie eh und je die Mantelteilung vor den Toren Amiens im Jahre 334 nach Christus nach, bevor es zünftig in einem, von einem (diesmal von einem Mädchen gerittenen) Roß angeführten Zug mit Laternen (und hoffentlich Gesang) zur Lutherfeier auf dem Herderplatz vor die evangelische Stadtkirche geht.

Aber wenn wir heute, heimgekehrt vom Hörnchenteilen auf dem Herderplatz, die Martinsgans essen – zu wessen Ehre wird es eigentlich sein? Ist es ein getaufter Brauch und die Gans ist Wotans Gans? Wotans, dem die Gänse heilig waren? Oder beziehen Protestanten das Gänseessen zu Recht auf Jan Hus, weil der Name Hus im Tschechischen ja die Gans bedeutet? Essen wir aus Rache oder zum Dank eine Gans, weil Gänse als die besseren Wachhunde den Heiligen Martin verraten haben sollen, als er sich im Jahr 370 im Gänsestall vor dem Bischofsamt versteckte?

Oder hat sich das Gänseessen irgendwann eingebürgert, weil man nicht alle Tiere über den Winter bringen konnte, sondern die Zahl der Gänse dezimieren mußte? Erinnert es daran, wie der Bauer früher die Gans aufteilte und Knecht und Magd die Keulen bekamen, damit sie auch im folgenden Jahr immer tüchtig möchten laufen können? (Der Hausherr selber nagte übrigens das Brustbein ab, um aus der Farbe des Knochens das Wetter des kommenden Jahres herauszulesen.) Ißt man noch heute eine Gans, weil die Landarbeiter, die zu Sankt Martin entlohnt und über den Winter nach Hause entlassen wurden, mit Naturalien bezahlt wurden? Oder ist es, weil der Festtag des Sankt Martin ein zweiter „mardi gras“ – ein „Martin gras“ sozusagen –, also ein zweiter Faschingsdienstag ist, an dem man sich vor dem Beginn der sechswöchigen Fastenzeit in Vorbereitung auf Weihnachten noch einmal richtig den Bauch vollschlug?

Denn von Martin sind es genau sechs Wochen bis Weihnachten. Zuzeiten markierte dieses Datum auch den Winteranfang. Die zeitliche Relation zur Heiligen Nacht wird gerne erwähnt, wenn man hervorhebt, daß bei Sankt Martin nicht der Todestag, sondern der Tag der Beisetzung begangen wird. Gestorben ist Martin (übrigens der erste Heilige, der nicht als Blutzeuge – Märtyrer – sterben mußte, sondern seine Heiligkeit aus einem Leben als Bekenner und Nachfolger Christi ableiten kann) nämlich zufällig auf einer Reise in Candes.

Natürlich haben die Leute aus dem 50 km entfernten Tours die Leiche geraubt. So weit käme es noch, daß ihr Heiliger, ihr Bischof, dessen Reliquien Ruhm und Prosperität der Stadt versprachen, nicht zuhause beerdigt werden sollte … Da die Bewohner von Candes die in jedem Sinne teuren und wertvollen Überreste, die ihnen da so unverhofft zuteil geworden waren, allerdings bewachten, wurde die Leiche durchs Fenster hinaustransportiert.

Viele Geschichten gibt es zu erzählen rund um den Heiligen Martin. Ich tue das gerade in der Erwachsenenbildung, wo ich einigen wißbegierigen Menschen das Kirchenjahr mit Festen und Bräuchen nahebringe. Macht allen Beteiligten unglaublich viel Spaß – doch wie immer hat die vorbereitende Person vermutlich selber am meisten davon.

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Der Heilige Martin, erkennbar an seinem Attribut, der Gans zu seinen Füßen (Pfarrkirche in St. Michael im Lungau; eigenes Bild)

 

Das hat Martin Luther nicht verdient! 

Den heutigen freien Tag, denn ein Feier-Tag kann es ja für Katholiken nicht sein und an unserem morgigen Fest, Allerheiligen, müssen wir ja leider arbeiten, wollen wir für so allerhand nutzen, so auch für eine Ehrenrettung, streng begrenzt versteht sich, Martin Luthers. Ja, wirklich, PuLa, voll ökumenischer Gesinnung, wie schon immer ❗ findet, was da an Thüringer Autobahnen mit ihm geschieht, das hat der “Reformator” objektiv nicht verdient, das verstößt gegen elementare Gebote der Fairness!

“Autobahnen”, so fragen sie sich jetzt hoffentlich 😉 , was geschieht denn dem mitteldeutschen ‘Säulenheiligen’ ausgerechnet an hiesigen Fernstraßen? Tja…

Hintergrund der Angelegenheit ist, daß in diesem und dem vergangenen Jahr unseren weitestgehend antichristlichen Landstrichen ja schon wieder ein Jubiläum aus dem Umfeld der „Reformation“ aufgedrängt wurde:  500 Jahre Übersetzung des Neuen Testaments auf der Wartburg.

Ungeachtet aller damit auch heute noch verbundenen “Propaganda” (von dem anscheinend unausrottbaren populären Aberglauben, es habe sich um die erste Übersetzung ins Deutsche gehandelt, mal ganz abgesehen 🙄 ) wollen wir am heutigen Tag gerne zugestehen, es war, in elf Wochen, eine erhebliche persönliche Leistung, manche sprachliche Lösung war beeindruckend (und schön wäre es, hätten folgende Ausgaben seine kraftvolle frühneuzeitliche Sprache in Ruhe gelassen!) und von der erheblichen Auswirkung dieses Geschehens vor 500 Jahren schließlich kann man die Augen tatsächlich nicht verschließen.

Das hat man sich, immerhin, wohl auch in der Thüringer Landesregierung gedacht, dort, wo man sich um den Tourismus kümmert, näherhin um die Ihnen sicher auch bekannten braungrundigen Schilder, die an der Autobahn stehen, und einen im Vorbeifahren auf dauerhafte (wie etwa die Wartburg) oder eben auch je aktuelle kulturelle Sehenswürdigkeiten, bzw. Gegebenheiten aufmerksam machen sollen.
Nun ist es heutzutage leider so, daß man “der Verwaltung” leider nur noch wenig zutraut und sie sich selbst auch nicht mehr – was noch bedauerlicher ist. Und deswegen, so vermute ich, wird der Auftrag ausgeschrieben worden sein und eine Werbeagentur mit der Gestaltung dieser Schilder beauftragt…

Berlin, Prenzlauer Berg, in den Räumen der jungen Werbeagentur ‘artheroes&friends’ sitzt man beim allwöchentlichen clearup der laufenden Projekte. Es ist kurz nach Ende der Mittagspause, also etwa 14.30 Uhr, und der Geschäftsführer der Agentur, früher mal in Diensten der NVA, aber in dem Gewerbe fragt ja keiner nach, wendet sich an die junge Kreative (gut, 37,5 Jahre ist nicht mehr soo jung, aber zwei Studiengänge und mehrere Auslandspraktika kosten halt Zeit…): 

Hasko K., Anne, was hast Du denn für uns, da für diesen Auftrag aus, äh, ‘Thüringen’, Luther, Bibelübersetzung, diese Autobahnschilder, Du weißt schon? Das drängt jetzt ein bißchen. 

Anne St.-K. (setzt ihren Vegan Latte ab), Ja, Hasko, da bin ich, denk‘ ich, fertig. Konnte man ja nur radikal dekonstruieren, den Kram, ich meine, Bibelübersetzung, wem sagt denn das noch etwas? Also bloß kein altes Buch, oder so was, das ging gar nicht. Und der ganze Krempel mit der Lutherrose, ausgelutscht bis zum get no dieses ikonologische Feld. Von ‘Kreuz’ ganz zu schweigen, es werden ja wohl sogar durch Thüringen auch ein paar Muslime fahren, zumindest durchfahren müssen (lacht bitter), auf deren Gefühle wir Rücksicht nehmen müssen! 

Hasko K., Unbedingt, Anne, unbedingt, da legen auch die Auftraggeber großen Wert drauf!

Anne St.-K. (lächelt), Und außerdem mußte es ja extrem gedrängt sein, so für’s Vorbeifahren; da hab ich’s auf nur zwei Wörter kondensiert: Welt übersetzen. Das ist knapp, das ist frisch, das ist anschlußfähig, heutig… 

Hier meldet sich Hermann L., ein ganz gewiß nicht mehr junger Kreativer, er ist einst aus Niedersachsen vor der Wehrpflicht nach Westberlin geflohen (wofür ihn Hasko K. verachtet, aber er kennt den “Alten Westen” und hat Kontakte…)

Hermann L., Ja, Anne, geniale Verkürzung, keine Frage, aber ich weiß nicht, “Welt”? Ich meine mich aus dem Konfirmationsunterricht zu erinnern, daß in der Bibel “Welt” immer wieder, ja, irgendwie auch negativ besetzt kommt. Denkst Du, das paßt wirklich? 

Anne St.-K. (lächelt süffisant), Also, Hermann, Deine Erinnerungen aus alter Zeit in allen Ehren, aber „Konfirmationsunterricht”, really? Wie lange ist das jetzt her? Vierzig oder fünfzig Jahre? 

Hermann L. (steckt die Invektive aus Gewohnheit weg) Aber glaubt Ihr nicht, da in Thüringen könnte es noch ein paar Leute geben, die mit Martin Luther eben die Bibel verbinden? 

Hasko K. (widerwilig), Hm, naja…

Anne St.K. (sehr schnell und leicht panisch) Also, Hasko, Du hast selbst gesagt, das eilt jetzt, ich kann mir doch nicht jeden Tag was neues einfallen lassen, um so ein paar Hinterwäldler zu befrieden, und haben immerhin einen Ruf zu verlieren, in der Szene; willst Du da mit Religion kommen?!. Und außerdem muß ich jetzt auch wirklich los, Noah-Elias aus der integrativen Wald-KiTa abholen, er hat mir eben getextet, daß er sich beim Baum-Umarmen eine Schürfung zugezogen hat, du sagst immer, das hier ist ein Job, in dem die Vereinbarkeit von…

Hasko K. (mehr als leicht panisch), Ok, ok, Anne, du hast recht, für Thüringen allemal gut genug, was sag’ ich, mehr als sie verdienen, viel mehr, mach’ es bitte morgen fertig, damit wir es denen schicken können! Und guten Weg zur KiTa. So, was haben wir noch?

So könnte es gewesen sein, denn so sieht das Schild aus:

Autobahnschild 500 Jahre Bibelübersetzung (Bild: Pauline Lamers)

Das Problem ist nur, Hermanns Erinnerungen haben ihn nicht getrogen und Luther selbst hat es in der ihm eigenen Deutlichkeit formuliert. Und es gab einmal eine Zeit, da hat man das auch öffentlich sichtbar gemacht, so beispielsweise auf diesem Denkmal in Annaberg, wo wir es im März gesehen haben.

Luther-Denkmal vor der Annenkirche, Annaberg, Erzgebirge (eigenes Bild)

Luther-Denkmal. Annaberg, Detail Sockel (eigenes Bild)

“Das Evangelium, welches der HErr den Aposteln in den Mund gelegt hat, ist sein Schwert, damit schlägt er die Welt mit Blitz und Donner”

Ich glaube, wir alle können uns vorstellen, wie Luther, der, von allem anderen einmal abgesehen, jedenfalls ein leidenschaftlich Glaubender war, reagiert hätte, hätte man ihn in Bezug auf seine Bemühung um die Verdeutschung der Hl. Schrift mit “Welt übersetzen” konfrontiert, oder? 

Und deswegen wiederhole ich, auch aus katholischer Sicht, diese völlige Abwesenheit jeden Verständnisses, diese dreiste Mißachtung, die hat er nicht verdient und das wollten wir gerade heute gesagt haben. 

Gereon Lamers 

 

[Kirchweih]

Hier entsteht ein PuLa-Beitrag.

Ein ‘Neues gotisches Lied’ (NGL) zu Ehren des Atta Unsar (1/4)

Das „Nunc dimittis“ in gotischer Sprache

Sie erinnern sich an das gotische Vater Unser, das die Cäcilini vor genau vier Jahren im Hochamt erstmals gesungen haben und das sich auf dem YouTube Kanal der Sängerinnen als so unerwartet erfolgreich erwiesen hat? Zweieinhalb Jahre nach der Veröffentlichung des kleinen Musikfilms verzeichnete das Lied 6.000 Aufrufe und war damit der absolute Spitzenreiter unseres Repertoires. Als sich ein knappes Jahr später abzeichnete, daß sich in naher Zukunft 10.000 Menschen das Atta Unsar angehört haben würden (mittlerweile steuert es auf die 11.000 Aufrufe zu), lag eine weitere Vertonung in gotischer Sprache nahe.

In der Karwoche 2022 war es soweit. Den genauen Zeitpunkt haben wir leider verpaßt, da hätte man mehrmals täglich nachschauen müssen, haben wir nicht gemacht, aber am Karfreitag, dem 15. April 2022 konnten wir von den 10.006 Aufrufen des Liedes einen Screenshot machen.

Die Planung dieses Jubiläumsgeschenks für das Atta Unsar begann um Mariä Lichtmeß. Der Gedanke an den Lobpreis des Simeon lag deshalb nahe. Mir fiel auf, wie etabliert das „Nunc dimittis als eigenständige kulturelle Größe ist. Längst hat sich eine ganze Tradition von bildkünstlerischen Darstellungen und Vertonungen um diesen Lobpreis gebildet, die ich den Jugendlichen in den Proben gleich würde mit vermitteln können.

Und so suchte ich im Lukasevangelium (von dessen Übersetzung in der Wulfilas-Bibel sehr viel erhalten geblieben ist) nach der Erzählung von der Darstellung des Herrn und fand mit den Versen 22-40 des zweiten Kapitels die ganze Geschichte in gotischer Sprache vor. 🙂 Vertont habe ich die Verse 29-31, die Musik versucht aber, den Text des Lobpreises beim Wort zu nehmen, die gesamte Szene zu Ende zu denken und darzustellen, was die wörtliche Rede des Simeon nicht liefern kann.

Hören Sie doch einfach zunächst einmal das Lied an. Es singen die Cäcilini Weimar. Mit geprobt haben alle. Die Aufnahme entstand in einer durch Erkrankung, Wohnungssuche oder ‚YOLO dezimierten Ferienbesetzung, was der Qualität des Gesangs jedoch keinen Abbruch tut. Enjoy 🙂

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Fortsetzung folgt

 

PS: Am Rande sei erwähnt: Das Nunc dimittis (hier die Verse 29-32) sind auch allabendlicher Bestandteil  der Komplet im Alten Ritus (“Canticum”). Wie die Komponistin mitteilt, klingt der auf lateinisch wunderschöne letzte Vers: 

Lumen ad revelationem gentium, et gloriam plebis tuæ Israël.

aber auf gotisch leider nicht so gut. 😉

Gereon Lamers 

Die Mondlandung

Eine Buchrezension

 

Bischof Stefan Oster (Passau) und Rudolf Gehrig, seines Zeichens Journalist bei der Catholic News Agency  (z.Zt. Rom) haben im vergangenen Jahr gemeinsam ein Buch herausgebracht:

Den ersten Schritt macht Gott, Über Erfüllung, Berufung und den Sinn des Lebens, Freiburg (Herder) 2021

Sie finden es (samt Leseprobe) hier und so sieht es aus:

Oster/Gehrig, Den ersten Schritt macht Gott, 2021 (Bild: Herder-Verlag)

Daß ich so ungebührlich lange gebraucht habe, bis ich diese Rezension schreiben konnte, tut mir sehr leid, es hat, soviel sei vorweggenommen, mit dem Buch nichts zu tun!

Ein Buch über Berufung, über Berufungen. Für mich ein vollständig fremdes Thema.
Niemand in meiner doch von beiden Seiten klar und seit langem katholischen Familie hat es je aufgebracht, und das lag nicht nur daran, daß ich einziger Sohn war. Da hatte es in der durchaus näheren Verwandtschaft, wiederum von beiden Seiten, etliche Priester gegeben, von Koblenz bis Oldenburg, aber daß es sich dabei um die konkrete Möglichkeit einer Lebensentscheidung handeln könnte, das ‘kam nicht vor’ und blieb mir etwa so fremd, wie die Idee einer Landung auf dem Mond.
Wobei: An die Übertragung einer (der?) Mondlandung auf dem extra aus diesem Anlaß angeschafften (Schwarz/Weiß-) Fernseher erinnere ich mich – an ein ernsthaftes Gespräch zum Thema Berufung nicht.

Genau so einer war’s: Wegavision 767 EL-1

So näherte ich armes Kind der Konzilsgeneration mich der Angelegenheit also, sagen wir einmal, “unvoreingenommen”, jedenfalls aber neugierig.

Der äußere Eindruck war leider nicht so positiv, denn Titel wie Untertitel schienen mir doch ein wenig sehr vollmundig, das unscharfe (sic…) Titelbild und die Typographie taten ein übriges… Aber, wie heißt es so richtig, ‘don’t judge a book by its cover’, dachte ich mir, vor allem aber wußte ich ja etwas über beide Autoren – und zwar nur Gutes. Zu Bischof Oster erübrigt sich jedes weitere Wort (zuletzt auf PuLa z.B. hier) und Rudolf Gehrig kannte ich von seinem Twitter-Account (@RudolfGehrig) und dem, was er für die CNA schreibt.

Entstanden ist das Buch aus der (überarbeiteten) Niederschrift von fünf Interviews, die Gehrig im Jahr 2017 für EWTN  mit Bischof Oster geführt hat, und die die fünf Hauptkapitel des Buches bilden. Daraus macht der Text auf dem Back-Cover ein “packendes Gespräch” und das Verrückte ist – das ist tatsächlich mehr als nur Marketingsprache!

Den beiden Gesprächspartnern gelingt nämlich ein ganz und gar ‘eigentlicher’ Dialog. Hier werden die Dinge beim Namen genannt, ganz ohne die großen Gefahren alles Sprechens im kirchlichen Raum, die da heißen: Betulichkeit oder Anbiederei.
Zwei katholische Menschen tauschen sich da über ihre Erfahrungen zum Thema ‘Berufung’ aus, offen, aber diskret, etwa da, wo es um die ehemalige Freundin von Bischof Oster geht, und notwendiger- und richtigerweise sparen sie dabei ganz grundlegende Fragen des Lebens in und für Kirche nicht aus, etwa, wenn es um die Frage des richtigen Freiheitsbegriffs im Raum steht:

Ich bin also erst dann richtig frei, wenn ich das will, was Gott will?

In unserem christlichen Sinne ist dies die eigentliche Form der Freiheit, ja.

Aber das bedeutet zunächst einmal Unterwerfung.

Ja, es bedeutet im Grunde so etwas wie Kapitulation. (Lacht.) […]
(S. 17)

Auch die sattsam bekannten “Heißen Eisen” wie die Frage der Frauenordination (S. 61 ff.) oder die nach dem “Doppelleben” von Priestern (S. 94f.)  finden Erwähnung – und werden von Bischof Oster in unaufgeregter Klarheit in Übereinstimmung mit der Lehre beantwortet. Und das ist genau, was ich an diesen Gesprächen, an diesem Buch so wertvoll finde, neben der richtigerweise immer wieder in verschiedenen Facetten ansetzenden Frage danach, wie sich “Berufung” denn nun ‘anfühlt’, sozusagen vor ihrer Klärung, während ihrer Bewährung und, gegebenenfalls, auch nach ihrem Scheitern.

Der Leser erhält nämlich einen Eindruck davon, wie das ist, persönlich ‘in Kirche’ leben. Mit allerlei Schwierigkeiten und Gefährdungen, aber eben auch mit dem, was (einen) trägt, was schön, wertvoll und von Dauer ist.
Ich hätte in diesem Zusammenhang nicht das Wörtchen ‘packend’ verwendet, aber es ist auf  jeden Fall ‘berührend’, wie Bischof Oster die Muttergottes geradezu mit der Kirche identifiziert, wie er von Maria spricht, die “»Wohnort Gottes« in der Welt” ( S. 46f.) und “tatsächlich die Mutter der Kirche” ist!  (S. 118f., und nochmal ausführlich S. 134 -143)
Wie nötig ist doch gerade heute genau diese Perspektive – und um wie vieles mehr ist sie es, für jeden Menschen, der tatsächlich eine geistliche Berufung spürt!

(An dieser Stelle möchte ich, wörtlich, eine Klammer aufmachen, weil das folgende nur bedingt zu einer Rezension gehört, die sich ja dem eigentlichen Thema des Buches widmen sollte, aber mein Eindruck war zu stark, um es unerwähnt zu lassen. Wer meint, daß ein Bischof, der so von der Kirche spricht, so traditionell, so geistlich, ja ‘zärtlich’, der kann nicht annehmen, daß der gleiche Mensch dem sog. “Synodalen Weg” in die Richtung folgt, die dort eingeschlagen wurde. Das wird, wenn es zum Schwur kommt, nicht möglich sein und wenn ich mir persönlich etwas wünschen dürfte, dann wäre es, daß Bischof Oster diese Unausweichlichkeit auch jetzt schon deutlicher macht. Klammer zu.)

Auf die fünf Hauptteile folgen noch “Praktische Tipps zum Schluss” von Rudolf Gehrig, denen man anmerkt, daß sie jemand geschrieben hat, der die Innensicht eines Ringens um die Frage der eigenen Berufung kennt.

Zusammengefaßt verfüge ich, um im Bild zu bleiben, nun zwar immer noch über keinen Atlas des Mondes, aber ich durfte an ein paar wichtigen Stellen seine Topographie kennenlernen. Dafür bin ich den beiden Autoren sehr dankbar und kann die Lektüre des Bändchens nur rundum empfehlen, weit über die Kategorie “Firmgeschenk” hinaus.

 

Gereon Lamers

 

PS: Unsere hiesigen Leser mag es zusätzlich freuen zu hören, daß die Herstellung des Buches fest in mitteldeutscher Hand lag: Satz im sächsischen Torgau, Herstellung im thüringischen Pößneck! 😉

Von der Freude an (katholischen) Dingen

Eine Ermutigung

Die Freude an den Dingen in dieser Welt, sie hat im Bereich des Christlichen nicht gerade den besten Ruf.

Und dafür gibt es schon Gründe, nehmen wir nur das Evangelium des heutigen Tages (NO, “18. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C”), in dem von dem reichen Landbesitzer “noch in dieser Nacht” sein Leben zurückgefordert wird, ihm also seine Freude an den Dingen, hier der reichen Ernte, so gar nichts hilft (Lk 12, 13–21).

Leider sind auf dieser richtigen Grundlage auch schlimme Übertreibungen entstanden, die die Prinzipien der ‘Analogie des Glaubens’ und der Einheit der Hl. Schrift mißachten und damit viel zu dem doch so völlig falschen Eindruck beigetragen haben, das Christentum sei überhaupt eine der Materialität unseres Seins abholde und in dem Sinne freudenfeindliche Angelegenheit.

Weil wir aber in unserem katholischen Glauben die wahre Religion haben, lehrt sie uns hilfreich das klassische ‘et-et’, das recht verstandene ‘sowohl als auch’. Blicken wir nur einen Sonntag zurück, so haben wir im ‘Tagesgebet’ gehört: 

[…] hilf uns, die vergänglichen Güter so zu gebrauchen, daß wir die ewigen nicht verlieren.

Oder in der Fassung der lateinischen Oration:

[…] sic bonis transeuntibus nunc utamur,
ut iam possimus inhærere mansuris

[…] wir die vergänglichen Güter nun so nutzen,
daß wir den bleibenden [jetzt] schon anhangen können

Worin ja klar zum Ausdruck kommt: Es ist möglich, ja geboten, die irdischen Güter ‘richtig’ zu nutzen, sie sind nicht per se “böse” und ihr Gebrauch dem ewigen Leben nicht notwendig abträglich. 

Wie wäre es denn sonst auch möglich, daß die Kirche Dinge segnet, ja, gar für ‚heilig‘ erklärt, also auf den Ursprung alles Heiligen hinordnet?

Letzten Endes begegnen wir auch hier dem Ineinander der Geheimnisse von Schöpfung und Inkarnation, in dem uns auf unüberbietbare Art und Weise deutlich wird, wie wertvoll dem Schöpfer seine Schöpfung auf immer bleibt, die er, als der Gute schlechthin, nicht anders als gut gedacht haben kann.

Hm, weit ausgeholt, scheint mir, für das, was ich eigentlich tun wollte 😉 und das ist einfach, Ihnen zu zeigen, wie es war, als einige “Katholische Dinge” vor kurzem wieder zu uns zurückkamen. Zwei von den drei Sachen kennen Sie sogar schon!

Noch eingepackt.

Unschwer zu erkennen, zwei Bücher und etwas anderes. Wie gesagt, die Bücher kennen Sie. Ob Sie sie wohl hier schon er-kennen?

 

Teils enthüllt

Es handelt sich um die altbewährte Allioli-Bibel, die Ihnen schon länger auf PuLa vertraut ist (hier) und das “Katholische Hausbuch”, das Sie mit dem Adventskalender des Jahres 2012  😯 kennengelernt haben.

Ausgepackt (alles eigene Bilder)

Diese beiden Bücher haben wir nämlich restaurieren lassen, in der sehr empfehlenswerten, traditionsreichen Weimarer Buchbinderei Lüttichum sie für unseren und den Gebrauch (!) durch die nächsten Generationen zu ertüchtigen. Es ist ein großes Vergnügen, sie jetzt wieder in die Hand zu nehmen! 

Und der Rosenkranz? Der gehört dem jüngeren Kind und war in Benutzung an einer Stelle gerissen (was dazu führte, daß ich ihr einen von ihrem Ur-Urgroßvater ausleihen mußte). Um solchem Ungemach künftig vorzubeugen hat seine Herstellerin “Panzerdraht” aus Kanada bestellt, ungelogen! Die Luxemburger Dame, die das “Rosenkranz-Atelier” betreibt, ist allen Sonderwünschen gegenüber sehr aufgeschlossen und sehr gut in dem, was man heute wohl after-sales-service nennt 🙂 , ebenfalls eine Empfehlung!

So, hoffe ich, können Sie in dem beschriebenen Sinne teilhaben an an der Freude, die es für uns bedeutete, als diese Dinge zu uns zurückkehrten!

Gereon Lamers 

 

PS: Wo wir gerade bei frühen Adventskalendern sind: Gestern habe ich leider versäumt, Sie auf einen höchst erfreulichen und, namentlich hierzulande, viel zu wenig verbreiteten Gedenktag hinzuweisen: Gestern vor 100 Jahren wurde der große Gilbert Keith Chesterton in die Kirche aufgenommen

Und von ihm handelte ja der allererste der Adventskalender hier auf PuLa. Ich gehöre seit damals zu denen, die hoffen, daß die Bemühungen um seine Kanonisierung irgendwann Erfolg haben mögen, auch wenn sie momentan wohl zumindest offiziell ruhen müssen.

Dieses großartige Gedicht hat er anläßlich seiner Konversion geschrieben:

The Convert

After one moment when I bowed my head
And the whole world turned over and came upright,
And I came out where the old road shone white.
I walked the ways and heard what all men said,
Forests of tongues, like autumn leaves unshed,
Being not unlovable but strange and light;
Old riddles and new creeds, not in despite
But softly, as men smile about the dead

The sages have a hundred maps to give
That trace their crawling cosmos like a tree,
They rattle reason out through many a sieve
That stores the sand and lets the gold go free:
And all these things are less than dust to me
Because my name is Lazarus and I live.

… aber spanische Trompeten haben wir nicht auch noch

Der Thüringer Orgelsommer 2022 in Herz Jesu Weimar 

Als beinahe letztes Konzert des diesjährigen Thüringer Orgelsommers gastierte Martin Schmeding, Orgelprofessor an der HMT Leipzig, in der Weimarer Herz Jesu Kirche. Sein Programm speiste sich aus vier Jahrhunderten Musik von der iberischen Halbinsel und war nach einem berühmten, bereits für etliche Instrumente bearbeiteten Stück von Antonio Soler (1729-1783) mit „Fandango“ betitelt.

Konzertprogramm und Eintrittskarte (eigenes Bild)

Da bis ins 18. Jahrhundert nicht genau bezeichnet wurde, für welche Art von Tasteninstrument eine „Sonata para teclado“ – eine ‚Sonate für Clavier‘ – konkret gedacht war, ist es nichts Unübliches, ein und demselben Stück in einer Aufführung mit Cembalo, aber auch in einem Orgelkonzert zu begegnen. Eines der Eingangsstücke, Solers Sonate No. 33 in G-Dur, kam durch die Möglichkeiten der Orgel mit ihren verschiedenen Klang nachahmenden Registern ganz entzückend und einprägsam zur Geltung. Leider konnte ich auf YouTube nur Einspielungen auf einem Cembalo finden. Aber Ihre musikalische Phantasie wird Ihnen die fehlende Klangvielfalt mühelos ersetzen, die aus Solers Aneinanderreihung von Prallern, Trillern und Tonleitersequenzen in Martin Schmedings Spiel dieser Sonate ein wahres Vogelkonzert machte:

Dafür ist Herz Jesu Weimar mit der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel hervorragend gerüstet. Doch Martin Sturm, der als Orgelprofessor der HfM Weimar die Hochschule als Eignerin des Instrumentes vertrat und ins Programm einführte – die Pfarrei hatte mal wieder keine/n offizielle/n Vertreter/in in die Veranstaltung entsendet – konnte viel von den spanischen Trompeten und ihren Horizontalzungenpfeifen erzählen. Sie zu ersetzen, ist in Weimar nicht so einfach. Schauen Sie mal, wie so etwas aussieht:

Horizontalzungenpfeifen einer Barockorgel im spanischen Trujillo (Bild wikimedia commons, user Carlets)

Und so erschien denn auch Juan Cabanilles “Tiento de Batalla” in nicht ganz so typischem akustischem Gewand.

Doch Martin Schmeding wußte bspw. mit der Nutzung des Fernwerks allemal Möglichkeiten der Orgel auszuspielen, die für uns Gemeindemitglieder nicht oft zu hören sind. Und während wir den Klängen des dritten Teils von José Lidóns „Cuatro Piezas para la Misa“ lauschten, wünschte ich mir einmal wieder, Vergleichbares einfach wirklich mal im Vollzug der Messe zu hören: Solches zunächst für das Werk unseres Gemeindemitglieds Franz Liszt zu realisieren, war schließlich Michael Kapsners Ausgangsvision zum Bau der neuen Orgel in Herz Jesu Weimar gewesen. Mit einer Einspielung der „Elevación“ von Lidón möchte ich meine kurze Rezension beenden. Enjoy! 🙂

 

Cornelie Becker-Lamers

„Du bist gebenedeit unter den Frauen“ 2/2

Ein Close reading zur Begegnung in Ain Karim

Im vorangeganenen Teil des vorliegenden Beitrags hatten wir begonnen uns Gedanken zu machen, wie der Evangelientext zum Besuch Marias bei der schwangeren Elisabeth innerhalb der Bibel intertextuell vernetzt ist, was er für unseren Glauben und was er für Nachrichten über Marias Lebensumstände bereithält.

Maria – ein junges unverheiratetes Mädchen – macht sich zu ihrer Verwandten auf den Weg. Vermutlich zu Fuß. Von Nazareth in Galiläa „in eine Stadt im Gebirge von Judäa“ (V. 39). Es muß nicht Jerusalem sein, wo Zacharias, der Mann Elisabeths, im Tempel Dienst tut. Schließlich war es durchaus üblich, daß auch Priester, die nicht in Jerusalem ansässig waren, sich zu ihrem Dienst dorthin begaben. Aus dem biblischen Text erfahren wir leider nichts Konkretes, sondern es heißt: „ Als die Tage seines [des Zacharias] Dienstes zu Ende waren, kehrte er nach Hause zurück.“ (V. 23) Doch Katholizismus bedeutet bekanntlich, Schrift und Tradition zu Rate zu ziehen, und da ich natürlich nicht die erste bin, die sich über diese Unschärfe in der Überlieferung ärgert, gibt es längst eine Übereinkunft, wo man das Zuhause der Elisabeth zu vermuten hat: „Die örtliche Tradition“, schreibt Pater Martin Ramm, FSSP zum Fest der Heimsuchung Mariens, „lokalisiert die Begegnung zwischen Maria und Elisabeth an einem Ort westlich von Jerusalem namens Ain Karim (= Weinberg-Quelle)“ (Volksmissale, Thalwil 2015, zum 2. Juli auf Seite 295 S). Voilà!

Jerusalem liegt etwa im Zentrum Judäas und die Entfernung bis Nazareth beträgt in der Luftlinie 100 km, der Weg wird vom Computer mit 150 km errechnet. Aber auch wenn man der traditionellen Ortsangabe mißtraut und die Geschichte geographisch im Unscharfen belassen will: Nach Judäa ist es von Nazareth aus in jedem Fall ein ganzes Ende. Dazwischen liegt bekanntlich noch Samaria. Auch der nördlichste Zipfel Judäas dürfte also durchaus 100 km Wegstrecke von Nazareth entfernt liegen. Aber Maria geht vermutlich in die Nähe von Jerusalem. Die Heimsuchung präfiguriert damit auch den zweiten Weg der Schwangeren, den Weg zur Volkszählung nach Bethlehem, einem südlichen Vorort Jerusalems, durch den sich die Schrift erfüllt und Jesus in der Stadt Davids geboren wird. Und sie weist auf den dritten Weg nach Jerusalem voraus, auf die Pilgerfahrt zum Paschafest (schon wieder was mit „hüpfen“!), bei welcher der 12jährige Jesus im Tempel mit den Schriftgelehrten zu diskutieren beginnt, seine Eltern ihn drei Tage lang suchen müssen und er ihnen einen ersten kryptischen Hinweis auf Gott als seinem Vater gibt (Lk 2, 41-46). Der freudenreiche Rosenkranz verknüpft in seinen Gesätzen diese Reisen alle ebenfalls.

Wer begleitet Maria eigentlich auf dem ersten Weg, dem Weg zu Elisabeth? Oder – wie das ja gerne gedacht wird: wer schützt oder ‚beaufsichtigt‘ das junge Mädchen in dieser Zeit? Davon erzählt die Geschichte erstaunlich wenig. Um genau zu sein: Davon erzählt sie nichts. Anders als Tobias, der Sohn des Tobit, wird Maria offenbar auch nicht vom Erzengel Raphael, dem Begleiter der Wanderer, zu Elisabeth geführt. Sie „eilt“ (Lk 1, 39) mehrere Tage zu Fuß 100 km oder mehr durch das Land, soweit wir wissen, allein. Und sie kommt heil an. Ich liebe diese Geschichte, seit mir dieses Detail aufgefallen ist. Läßt es nicht vermuten, daß wir in das Frauenleben der damaligen Zeit doch einiges hineinprojizieren, was sich an Lebensumständen und Gefährdungen erst im Laufe der Patriarchalisierung für die Frauen verschlimmerte? Bevor Gefahren real werden, müssen sie ja immer zunächst erst einmal denkbar sein.

In Verse gefaßt und vertont habe ich die Geschichte von Ain Karim als „Magnificat oder der Besuch bei Elisabet“ im Rahmen des Liederzyklus „Weltreise durchs Kirchenjahr“ schon im Jahr 2008. Uraufgeführt haben es die Cäcilini (damals noch als Kinderschola der Herz-Jesu-Gemeinde Weimar) noch im selben Jahr zum Schuljahresabschlußgottesdienst. Das kam zeitlich gerade sehr gut aus, es war Sonntag, der 6. Juli. Eine kammermusikalisch instrumentalisierte und den Dialogen entsprechend solistisch besetzte Fassung gab es dann vier weitere Male: im Verbund mit sechs weiteren Liedern szenisch aufgeführt am 2. Juli und am 2. November 2014 auf dem Gemeindefest in Apfelstädt bzw. einem Gottesdienst in St. Christopherus Tiefurt, zum Rosenkranzmonat mit anderen meiner Marienlieder am 6. Oktober 2016 für unsere Senioren und zur Eröffnung der Maiandachten kombiniert mit dem Salve Regina am 1. Mai 2018. Nachdem der erste Film auf dem YouTube-Kanal der Cäcilini inzwischen über 1200-mal angehört worden ist, habe ich zwei weitere Versionen mit anderen Solistinnen ebenfalls ins Netz gestellt. Aber während der zuerst eingestellte Film immer mehr Aufrufe sammelt, gehen die beiden anderen Versionen nicht so richtig los. Was schade ist: Namentlich der Livemitschnitt aus der Maiandacht 2018 in Herz Jesu Weimar ist zwar akustisch durch den Kirchenhall etwas hallig, aber von den Stimmen her sehr hörenswert. Deshalb möchte ich beide neueren Filme hier einmal verlinken. Zunächst die Einspielung aus dem Jahr 2018, dann die der Uraufführung aus dem Jahr 2008. Enjoy! 🙂

 

 

Cornelie Becker-Lamers

„Du bist gebenedeit unter den Frauen“ 1/2

Ein Close reading zur Begegnung in Ain Karim

Wie schon im vergangenen Jahr angekündigt (aber damals nicht geschafft), möchten wir noch einmal einen Beitrag zum Fest Mariä Heimsuchung posten. Dieses Fest ist trotz seines wesentlichen Gehalts bloß ein Fest II. Klasse und wurde vom Datum her zwischen dem 31. Mai und dem 2. Juli umhergeschoben. Ich denke, das trägt dazu bei, daß vielen Christen das Gedenken wegrutscht, das Gedenken an Marias Besuch bei ihrer Verwandten Elisabeth aus dem Hause Aaron.

Warum ist das so bedauerlich? Was macht das Fest so wichtig, das der Heilige Bonaventura vor gut 750 Jahren, nämlich 1263, für den Franziskanerorden einführte und das kein geringerer als Pius V. (#Lepanto) um 1570 in den allgemeinen Kalender der Kirche aufnahm? Was hält die Geschichte expressis verbis für unseren Glauben und was hält sie en passant an Informationen über Maria und ihre Lebensumstände bereit? Welche Verbindungen innerhalb der Bibel stellt sie her? Welche Ereignisse präfiguriert die Wanderung von Nazareth nach oder in die Nähe von Jerusalem?

Schauen wir, was genau erzählt wird. Es steht im ersten Kapitel des Lukasevangeliums, ab Vers 26. Als Elisabeth im sechsten Monat schwanger ist – auch ihres Sohnes Geburt wurde durch einen Engel verkündet –, wird

Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazareth zu einer Jungfrau gesandt, die mit einem Mann namens Josef aus dem Haus Davids verlobt war. Der Name der Jungfrau war Maria. Er trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Sie erschrak über das Wort und sann nach, was dieser Gruß bedeuten solle. Der Engel sagte zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wird du gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben.

Als Maria eingedenk ihrer Jungfräulichkeit über diese Nachricht stutzt, erklärt ihr der Engel, daß sie vom Heiligen Geist empfangen wird. Um ihr die Allmacht Gottes zu verdeutlichen, erwähnt er zusätzlich ihre Verwandte Elisabeth, die trotz ihres hohen Alters ein Kind gebären wird: „Heiliger Geist wird über dich kommen und Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. Auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch einen Sohn empfangen in ihrem Alter“.

Daraufhin macht sich Maria auf den Weg. Und es scheint, als ob sie trotz ihres Glaubens und ihrer Einwilligung erst durch den Gruß Elisabeths wirklich verstünde, was geschehen ist. Denn diese spricht sie als Auserwählte und als Mutter ihres Herrn an. Erst durch den Besuch bei Elisabeth, dessen wir im Fest Mariä Heimsuchung gedenken, wird der werdenden Gottesmutter ihre Bestimmung und – ja: ihre eigene zukünftige Rolle und Bedeutung endgültig klar. Die Worte ihrer älteren Verwandten leiten Marias berühmten Lobpreis ein:

Elisabet wurde vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes! Woher wird mir dies zuteil, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn als der Klang deines Grußes in mein Ohr drang, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was ihr vom Herrn gesagt wurde. Da sagte Maria: Hochpreist meine Seele den Herrn/ und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn er hat geschaut auf die Niedrigkeit seiner Magd./ Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.

Der Ablauf macht deutlich, daß das Fest eigentlich so ungefähr am Oktavtag der Verkündigung gefeiert werden müßte. Aber acht Tage nach dem 25. März landet man dummerweise auf dem 1. April und der war – beispielsweise als Geburtstag von Judas, dem Verräter – schon immer ein mißtrauisch beäugtes Datum, das irgendwie mit dem Wirken des Teufels oder doch zumindest des Spötters in Verbindung gebracht wurde. Aber es bis hinter den Oktavtag von Johanni zu schieben, also nach dem 24. Juni zu feiern, ist definitiv bitter und zeigt schon, wie wenig die Kirche offenbar ernst nimmt, worauf das Gedenken sich bezieht.

Aber liefert dieses Ereignis nicht eine erste Erscheinung des Herrn und den ersten Gottesbeweis? Erkennt Johannes der Vorläufer nicht im Mutterleib schon Christus und hüpft er nicht vor Gott, dem Sohn, wie David vor der Bundeslade hüpft? (Vgl. 2 Sam 6, 5.14.16) Und hat obiger Textauszug nicht bereits zitiert, was die Worte der Elisabeth nicht nur im Rahmen der Erzählung für Maria, sondern auf der Metaebene auch für die Kirche so bedeutsam macht? Elisabeth formuliert etwas, das wir als Teil des Ave Maria wie des Salve Regina bis heute wiederholen: „Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Sohnes, Jesus.“ Wenn Sie echte Verblüffung sehen möchten, erinnern Sie einen bibelfesten Protestanten daran, daß der Wortlaut des von ihm verschmähten Ave Maria zumindest zur Hälfte, nämlich als Gruß des Erzengels Gabriel bzw. der Elisabeth, schlicht im Evangelium steht. Immer wieder schön 😉 ! Doch auch die Katholische Kirche scheint sich wie gesagt nicht in vollem Umfang bewußt zu sein, welche Relevanz der Begegnung zwischen beiden Frauen im Rahmen des Heilsgeschehens zukommt – und daß hier die Marienverehrung („Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter“) mit höchster Autorität, nämlich biblisch begründet wird.

Aber gehen wir weiter: Was sagt uns die Geschichte über ihre Darstellbarkeit? Alle Gemälde, die beide Frauen mit kugelrunden Bäuchen zeigen, verfehlen erkennbar, was die Erzählung vermittelt: Daß sich Maria sofort nach der Empfängnis auf den Weg gemacht hat und bei Elisabeth letztendlich ihre Bestimmung versteht. Es sei denn natürlich, man postuliert eine darstellerische Intertextualität und geht von einer Bezugnahme der Künstler auf diejenigen Gemälde aus, die im Moment der Verkündigung den vollentwickelten Jesusknaben in Marias Leib auf den Weg schicken 😉 . Genau das ist tatsächlich die Spur, die zum Verständnis dieser eigentlich „falschen“ Darstellungen führt – wenn sie auch nicht als Bezugnahme der Künstler untereinander zu denken ist, sondern als Ausdruck des „gesteigerten mittelalterlichen Bedürfnisses nach Anschaulichkeit“, wie das LThK formuliert (Stw. Heimsuchung, II, Herder: Sonderausgabe 2009, Bd. 4, Sp. 1369). In der Tat wird die erste „revelatio“ des inkarnierten Herrn nur in der Darstellung zweier schon entwickelter Kinder deutlich, die sich, umgeben von einer Gloriole, in den Leibern ihrer Mütter gegenübersitzen. Wer das Marienfest der Heimsuchung als Herrenfest begehen möchte, muß den Wortlaut der Erzählung übersteigen und Christus bereits als kleinen Menschen sichtbar machen.

Was hält die Geschichte noch bereit? Die Formulierung von der „Frau aus dem Volke“, die uns Maria immer am liebsten als Proletarierin verkaufen möchte, wird fragwürdig, wenn man sich die (vermutlich mütterlicherseitige) Verwandtschaft ins Priestergeschlecht vor Augen führt. Elisabeth ist aus dem Stamme Aarons.

Fortsetzung folgt 

 

Cornelie Becker-Lamers

P.S.: Das mit dem Hüpfen Davids vor der Bundeslade (2 Sam 6, 5.14.16) und dem Hüpfen des Kindes im Mutterleib (Lk 1, 41a. 44) geht leider nur in den deutschen Übersetzungen so schön auf. In der Septuaginta bzw. dem griechischen Original wird zwischen dem Tanzen Davids und dem Hüpfen des Kindes im Vokabular unterschieden. Auch die englische Übersetzung schreibt zum einen ‘dance’, zum anderen ‘leap’. Das ergibt sich aus den Interlinearbibeln, die online zur Verfügung stehen. Dennoch glaube ich, daß hier eine typologische Verweisfunktion des alttestamentlichen Textes auf die Erzählung des Lukasevangeliums vorliegt.