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PuLa-Reloaded: Die Regelverletzung

Höchste Zeit, die “PuLa-Reloaded” nach der Pause in der Advents- und unmittelbaren Weihnachtszeit, wieder zu beginnen!
Heute mit einem Text von Ende März 2014 (hier) ein Sketch, also witzig. Eigentlich.
Tatsächlich kann einem aber nach der ersten Heiterkeit das Lachen auch durchaus vergehen, denn was der Text auf’s Korn nimmt, die glaubenslose Formvergessenheit, um es ganz kurz zu fassen, das ist 8 Jahre später in Herz-Jesu Weimar (dem Himmel sei Dank!) kein vorrangiges Problem mehr, in der “deutschen katholischen Kirche”, wie es im Sketch heißt, jedoch umso mehr.

Ich hätte unterdessen mehr als einen weiteren Text über “Das Elend der Westkirche” schreiben können, zum Teil ist das (bisher) schlicht aus Erschütterung unterblieben!
Und was sich weiterhin mit dem Suizidalen, äh, Entschuldigung, sog. “Synodalen Weg” tut, das könnte ich nicht besser ausdrücken, als mit diesem aktuellen Zitat:

Ich habe mich nie so geschämt für die Katholische Kirche in Deutschland wie in diesen Tagen, in denen mit bischöflicher Beteiligung ein von langer Hand inszenierter Putsch gegen alles stattfindet, was Kirche in der Kontinuität mit Schrift und Überlieferung ausmacht. Es ist zu befürchten, dass hier eine neue, humanistische „Religion“ in Szene gesetzt werden soll, für die man eines oder einen am wenigsten braucht: Gott.

Es stammt von Bernhard Meuser und Sie finden es in diesem hervorragenden Beitrag auf der Website von “neuer Anfang” (auf diese Initiative kommen wir sehr bald zurück).

Aber leider GOttes ist es ja mit dem Blick auf die katastrophalen Verhältnisse in Deutschland (und weiten Teilen Europas und Amerikas) noch nicht getan. Nein, heutzutage erhalten mit schöner Regelmäßigkeit all diejenigen, die besonders in “ordentlicher” Liturgie erblicken, “was Kirche in der Kontinuität mit Schrift und Überlieferung ausmacht” regelmäßig “Watschen” aus Rom, vom Papst selbst.
Gerade am vergangenen Sonntag (22. Januar, “Wort-Gottes-Sonntag”) hat er uns wieder als  “Starre” beschimpft und uns nichts weniger als “Götzendienst” vorgeworfen (hier) von der schändlichen Behandlung aller Freunde der traditionellen Liturgie möchte ich heute gar nicht erst anfangen!

Nun, das wird vorübergehen, so traurig und bedrückend es auch ist, aber eines wüßte ich doch gern, nämlich wo der Hl. Vater die Verbündeten für seine ja erfreulich klare Ablehnung des sog. “Synodalen Weges” hernehmen möchte, wenn er zugleich die treuesten, jüngsten und engagiertesten Töchter und Söhne der Kirche permanent vor den Kopf stößt…

Nun ja, derartige Unklarheiten gibt es im Mitumba-Gebirge jedenfalls nicht, daher;

Enjoy! 🙂

Gereon Lamers

 

Die Regelverletzung

Ein Sketch für drei Personen und beliebig viele Statisten

Zentralafrika, eines schönen Septembertages im Süden der Demokratischen Republik Kongo. Nahe der Quelle des Lualaba, der später als Kongo das ganze Land durchströmt, also in der Region Katanga westlich von Lubumbashi, hastet ein junger, hochaufgeschossener Mann in der Mittagshitze durch das dünnbesiedelte Bergland in Richtung sambisch-kongolesischer Grenze. Soeben erreicht er das wenige Hütten umfassende Dorf Mbene, in dem er Aufnahme und Versteck zu finden hofft und sinkt völlig entkräftet vor dem am spezifischen Federschmuck zu erkennenden Zelt des ortsansässigen Schamanen zu Boden.

Der besseren Lesbarkeit halber geben wir die sich nun entspinnende, in Swahili geführte Unterhaltung in deutscher Übersetzung wieder.

Der junge Mann: Wasser!

Der Schamane (tritt nach einer ganzen Weile aus seinem Zelt, voller Verwunderung): Wer hetzt denn in der Mittagshitze hier herum?

Der junge Mann: Wasser! Ndongi! Hilf!

Der Schamane (ruft etwas in sein Zelt und wendet sich dann wieder dem unerwarteten Gast zu): Tbalete! Du! Warum bist du jetzt, wo es um Regen zu bitten gilt, nicht zu Hause bei deiner Arbeit? (Er reicht ihm die Hand, um ihn in eine sitzende Position hochzuziehen. Die beiden setzen sich einander gegenüber.)

Der junge Mann (beugt sich eindringlich zum Schamanen hinüber): Ndongi! Versteck mich! Sie verfolgen mich! Bei der Barmherzigkeit der Quellgöttin des Lualalba, hilf! (Er sinkt wieder vor dem Kollegen in den Staub und beugt sein Gesicht bis zur Erde.)

Der Schamane (zieht ihn wieder hoch): Wer? Wer verfolgt dich?

(Eine Frau tritt aus dem Zelt des Schamanen, reicht dem Gast einen irdenen Becher mit Wasser und zieht sich sofort ins Zelt zurück.)

Der junge Mann (trinkt): Alle! (Er schluckt.) Alle aus meinem Dorf.

Der Schamane: Ui! Das ist unangenehm! (Er macht eine Kunstpause; ernst): Was hast du dir denn zuschulden kommen lassen?

Der junge Mann (drückt sein Gesicht wieder in den Staub): Ich habe zum Regentanz das falsche Lied gesungen.

Der Schamane (springt entsetzt auf): Ah! Fort mit dir! (Er stößt ihn mit dem Fuß an.) Das Unheil, das du heraufbeschworen hast, möge mein Dorf nicht auch treffen! Weg! Zieh weiter! Helfe dir, wer kann! (Er verschwindet in seinem Zelt und erhebt einen rituellen Gesang zu Schadensabwehr und seelischer Reinigung.)

Der junge Mann (vor dem Zelt): Hilf mir! Sie werden mich umbringen!

Der Schamane (aus dem Zelt): Dann leihen sie ihre Hände nur der Göttin, die du so schändlich verhöhnt hast! (Er singt weiter. Nach einer Weile verstummt er und steckt den Kopf aus der Tür): Welchen Gesang hast du denn ausgesucht?

Der junge Mann (schluchzt): Den für die Segnung der Wurzeln und des Rindenanstichs.

Der Schamane (entsetzt): Du Wahnsinniger! Die Göttin hat unsere Ahnen die richtigen Gesänge für jeden Anlaß gelehrt, von Vater zu Sohn werden sie seit Anbeginn der Welt überliefert. Wie kannst du es wagen, in ihre Ordnung einzugreifen, ohne ihren Zorn zu fürchten?

Der junge Mann (ist wieder in sich zusammengesunken): Aber ich habe den schöneren Gesang gewählt … um sie um so sicherer zu verherrlichen! Ich habe es nur gut gemeint!

Der Schamane: Was schön ist oder nicht, obliegt nicht deinem Urteil! Wir sind doch hier nicht in der deutschen katholischen Kirche!

Der junge Mann (schaut verdutzt auf): In der was?

Der Schamane (verächtlich): In der deutschen katholischen Kirche.

Der junge Mann: Was ist das denn?

Der Schamane (tritt gänzlich aus seinem Zelt, wichtig): Also: Der Neffe des Urgroßvaters der Schwägerin meiner ersten Frau …

Eine Frauenstimme (etwas verärgert aus dem Zelt): … der Cousine deiner ersten Frau!

Der Schamane (mit Blick über die Schulter in Richtung Zelt): … der Cousine meiner ersten Frau ist Bischof in Bukavu und war …

Der junge Mann (völlig überfordert): Bischof?

Der Schamane: … ja … so was wie wir hier, nur für die Katholiken. Aber hör doch mal zu! Er war in Deutschland …

Der junge Mann: … das mit den tollen Sozialsystemen?

Der Schamane: … ja! Aber hör zu! Er war in so einer Kleinstadt irgendwo mitten im Land und sagt, es herrschen Zustände … da machst du dir keine Vorstellung!

Der junge Mann: Ja? Was denn?

Der Schamane: Kein Gespür für Hierarchien – der Priester benimmt sich wie ein Kumpel – irgendeine Frau springt ständig da rum – Liturgie nach Tagesform … Un-mög-lich!

Der junge Mann (verstört): Na, so will man’s natürlich auch wieder nicht haben …

Der Schamane: Das sag ich dir! Keine zehn Pferde bringen mich dahin! Jeder hat einen Wagen, aber wie sie Gott verehren sollen, wissen sie nicht mehr!

Der junge Mann will gerade etwas sagen, als eine ungeordnete Menschenmenge mit wütendem Geheul den Hügel hinabgestürmt kommt und seiner ansichtig wird. Der Gast des Schamanen springt auf und rennt um sein Leben, die Meute hinterher.

Der Schamane (tritt, nachdem sich der Staub gelegt hat, sinnend ins Zelt zurück): Furchtbar muß das sein, in Deutschland! Diese Wilden! Diese Unkultur!

Die Frau (ist vor das Zelt getreten und blickt der erregten Menschenmenge nach): Bloß gut, daß bei uns in Mbene die Welt noch in Ordnung ist!

 

ENDE

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

Sketch des Monats: Die Katastrophenübung

Ein Sketch für acht Personen und ein rundes Dutzend Schafe

Wundersdorf, in der Pfarrkirche Maria Hilf.
Noch immer ist das kleine Städtchen Zentrum eines Reservats für Ungeimpfte, das die Regierung im Herbst 2021 eingerichtet hat. Davon völlig unberührt, herrscht in der katholischen Kirche Betrieb. Eine achtköpfige Gruppe um Silke hat sich auf den Ministrantenstühlen vor einem ehemaligen Seitenaltar breit gemacht und steckt unter fortwährender munterer Unterhaltung eine schwer überschaubare Menge hölzerner Flöten unterschiedlichster Größen zusammen. Einige Schafe tummeln sich zu ihren Füßen. Etwas abseits lehnt ein junger Mann an der Säule, der die ganze Aktion mit gemischten Gefühlen zu beobachten scheint. Schummerig erhellt wird die Szenerie durch etliche Kerzen, die auf den Seitenaltären und dem Hauptaltar aufgestellt sind. Der ständige Luftzug bläst dicke Wachstropfen die Kerzen hinab und verwandelt die Leuchter in malerische Skulpturen.

Was ist los? Könnte vielleicht mal jemand Licht machen? Oder wird hier gleich eine Roratemesse nachgeholt?

 

Karl (betritt die Kirche, stutzt, bekreuzigt sich aber selbstverständlich erst einmal ordentlich, bevor er an die Musikgruppe herantritt): Guten Abend!

Die Musikerinnen und Musiker (durcheinander): N’Abend! – Grüß dich, Karl! – Guten Aaaabend! – Na, wie ist die Lage ‚draußen‘? – Schön, dich zu sehen! (Silke klappt einen Notenständer auseinander.)

Karl (zu Silke): Auch hier? (Er lächelt.)

Silke (legt den Finger auf den Mund): Psst! Ganz geheim. Ausnahmsweise mal! Du weißt ja … die katholische Kirche hat damals auch immer einiges möglich gemacht, was von Staats wegen nicht ging (sie blinzelt Karl zu.)

Karl (nickt): Verstehe! Sehr schön! (Er dreht sich zu dem jungen Mann an der Säule um und reicht ihm die Hand): Guten Abend! Schwarz.

Der junge Mann: Weiß.

Ralf: Herr Weiß ist von Pfarrer Finke als Kantor mitgebracht worden.

Karl (freudig überrascht): Wir haben jetzt hier eine Kantorenstelle?

Silke: Nein. Aber durch die fehlende Jugend-, Senioren- und sonstwas-Arbeit ist so viel Geld übrig, daß Pfarrer Finke jetzt auf Stundenbasis Musiker bezahlt. (Sie strahlt.)

Karl: Gute Idee! Woanders plätteln sie mit dem Geld die Pfarrhöfe und tauschen die Schlösser an den Kirchentüren aus … Aber sagt mal … hat die Regierung euch jetzt den Strom abgedreht?

Edith (steckt ihre Flöte unter den Wintermantel, um sie anzuwärmen): Zuzutrauen wär’s ihnen … „als Anreiz, sich impfen zu lassen“ (sie lacht.)

Ralf: Aber das ist es nicht.

Silke: Wir proben den deutschlandweiten Black Out.

Karl: Den wie bitte was? Pfarrer Finke hat wohl kein Vertrauen in die erneuerbaren Energien? (Er lacht.)

Antonia: Zum einen das …

Lisa: … zum andern … hast du nicht gelesen? Die österreichische Regierung rechnet damit, daß das durch den Ukrainekonflikt ganz schnell gehen kann.

Freddy: Cyberangriff und zack aus!

Karl: Ach je! Und jetzt? Was macht ihr hier jetzt?

Silke: Wir proben mit Unterstützung unseres neuen Kantors einen Gemeindegesang ohne Orgel (sie grinst.)

Karl: Mit den Schafen? (Die Schafe blöken ein bißchen.)

Lisa (lacht): Nein, die haben Pause.

Antonia: Die sorgen für ein bißchen Fußwärme.

Karl: Ah! Na, das ist ja altbewährt. Aber ohne Licht?

Ralf: Zum Glück ist es ja nicht das erste Mal, daß wir in einer dunklen Kirche spielen.

Edith: Damals war sie noch viel dunkler! Bei der Taschenlampenführung. Bloß unsere kleinen Lämpchen an den Notenständern …

Antonia (in dozierendem Tonfall): Das ist das A und O im Katastrophenschutz! Vorbereitet sein! (Sie klappt triumphierend ihren Notenständer auseinander.)

Lisa: Gut, daß wir auch im Lockdown immer weiter geprobt haben … das haben wir fürchte ich sämtlichen Kirchenchören im Land voraus.

Karl: Ein ganzer Kirchenchor im Wohnzimmer wäre ja nun auch wirklich zu viel verlangt …

Silke (mißmutig): Aber im Ensemble in dem großen Kirchenraum hätte man schon einiges machen können! Man muß halt nur wollen …

Karl: Da sagst du was!

Herr Weiß (stößt sich von der Säule ab): So! Kann‘s losgehen? Stellen wir uns unter die Vierung?

In die Gruppe kommt Bewegung und das kleine Holzbläserensemble nimmt vor dem Chorraum Aufstellung. Die Schafe hinterher. Karl setzt sich im Mittelschiff in die Bank.

Herr Weiß (bestätigend): „Alle Tage sing und sage“ (Er hebt die Hände und gibt einen Einsatz. Ein schlichter Choralsatz erklingt. Danach, sichtlich überrascht) Ja … Das klingt ja gar nicht so schlecht!

Silke: Sie haben das Lied aber auch schön gesetzt für unsere Gruppe …

Herr Weiß (verlegen): Naja … einfach übertragen aus den Noten, die ich hatte … Aber ich muß sagen, ich staune, wie schön das klingt, hier in der Kirche. Als ich hörte: Blockflötenensemble … (Er treibt die ihm um die Füße wuselnden Schafe ein wenig auseinander.)

(Die Musikerinnen und Musiker lachen.)

Silke: Na, dann wissen Sie ja, mit welchem Vorurteil Sie ab jetzt bei Ihren Kollegen aufräumen müssen!

Edith: Auf Orgeln ist nun mal im Katastrophenfall strukturell kein Verlaß.

Ralf: Ja! Man kann so schlecht mit ihnen fliehen.

Antonia (lacht): Und die Umrüstung auf Kalkanten ist so aufwendig.

Lisa: Bei Stromausfall unbrauchbar …

Silke: Also mir war dieser ausgeliehene Atem ja schon immer suspekt.

Freddy: Könnten wir jetzt mal weitermachen?

Silke: Entschuldigung. Natürlich. Sie haben sehr schön dirigiert, Herr Weiß.

Herr Weiß: Danke! Ich hab‘s im Studium immer gehaßt …

Edith (gutmütig): Nanana! So ein böses Wort!

Lisa: Aber nun sehen Sie, wie wichtig es ist, daß man auch Tonsatz und Orchesterleitung kann.

Herr Weiß: Da haben Sie recht! Und so schön wie es klingt, bin ich ja auch schon ganz versöhnt mit dieser Aktion hier. Es erinnert mich an eine Exkursion, die wir im Studium mal nach Thüringen hatten. In Schmalkalden im Schloß steht eine der ältesten noch spielbaren Renaissanceorgeln der Welt. (Er macht eine Kunstpause.) Nur Holzpfeifen.

Edith: Und? Was hat das mit unserem Ensemble zu tun?

Herr Weiß: Sie klingen zusammen fast wie diese Orgel …

Die Gruppe stöhnt, lacht dann aber und nimmt sich das nächste Stück vor.

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf! Bloß gut, daß auch unsere Instrumentalkreise sich durch vergleichbare Projekte genau heute vor drei Jahren schon auf den Katastrophenfall vorbereitet haben. Und einige wenige Orgeln für den Black Out gibt es beruhigenderweise irgendwo auch noch. Hier ist ein schöner kleiner Film im Netz. Enjoy 🙂

Auch den oben eingebetteten Film über die Renaissanceorgel Schmalkalden legen wir ihnen ganz ausdrücklich ans Herz. Zusätzlich zu Musik und Klangbeispielen u.a. von Martin Sturm, dem Orgelprofessor der HfM Weimar, liefert er eine interessante historische Einordnung der ganzen Schloßanlage durch den Museumsdirektor Dr. Kai Lehmann.

Die sieben Ausrufezeichen…

… und wie man trotzdem guter Laune bleibt

Und denken Sie immer daran: Gott ist das Alpha und das O-MEGA, nicht das o-mikron.

Pfarrer Riethmüller findet in jeder Messe eine Möglichkeit, unseren Blick auf das Wesentliche zu lenken. Soll wohl sein, werden Sie denken: in der Predigt, im Glaubensbekenntnis, in der Wandlung … Sie haben Recht! Ich meine aber nicht das Wesentliche so ganz allgemein, wie es selbstverständlich Kern und Zweck jeder Heiligen Messe ist. Ich meine seine kleinen, angesichts der uns alle derzeit so ohne Unterlaß bedrängenden staatlichen Verbote und Regelungen lapidar fallen gelassenen Nebensätze oder Wortspiele, mit denen unser vicarius paroecialis in jeder Messe aufs neue versucht (und schafft), uns aufzurichten und ein Lächeln auf die Gesichter seiner Zuhörer zu zaubern. Wie heute mit dem Omega.

Offiziell geht alles immer noch sehr humorlos zu. Heute kamen wir knapp und es war im Hochamt erfreulicherweise so „voll“ (also halbvoll), daß die markierten Plätze belegt waren und wir hinter der letzten Bankreihe Aufstellung nehmen mußten. Und da konnte ich nicht anders, als von Zeit zu Zeit auf einen Aufsteller zu schauen, der an den Kirchentüren die Besucher auf das neue ‘Comme-il-faut’ einnordet und heute eben direkt vor meiner Nase stand. So sieht das Informationsplakat in diesen Aufstellern aus:

Man sieht sie schon kaum noch: Die mittlerweile über ein Jahr (?) alten Aufsteller, die die Gemeinden weisungsgemäß an den Kirchentüren plazieren (eigenes Bild am 23. Januar 2022)

Sieben Befehle. Sieben Ausrufezeichen. Und harsch formuliert. Da ist nichts, aber auch gar nichts auch nur ein wenig verbindlich ausgedrückt. Ich zählte zweimal nach. Wirklich sieben. Weil die Information über die Kommunionausteilung am Schluß auch noch ein Ausrufezeichen bekommen hat. Das muß man erstmal bringen, dachte ich, denn man kann ja nicht anders, als diese Befehlstafel durch die symbolträchtige Siebenzahl in eine Beziehung zum Vater Unser mit seinen sieben Bitten zu setzen. Was für ein Abstieg! Was für eine aufgezwungene Verschwisterung!

Doch das Widerstreben formuliert sich Gott sei Dank! nicht nur am Ambo. Auch Gottesdienstbesucher (m/w) sind mittlerweile augenscheinlich nicht mehr gewillt, den allzu beflissenen Gehorsam so vieler Kirchenvertreter den staatlichen Zumutungen gegenüber unkommentiert hingehen zu lassen. Ich habe im Freundeskreis ja über die idiotische Abkürzung „3G“ auch schon gelästert: Das heiße doch „gesund und gut gelaunt“? Heute aber haben wir eine besonders schöne Lesart dieses Kürzels entdeckt: 

„getauft, gläubig, gütig“ – eine behutsame Adaption der sogenannten „3G“-Regel für den Gottesdienstbesuch (eigenes Bild)

Hier wird im Namen Jesu Christi die Abkürzung „3G“ als „getauft, gläubig, gütig“ aufgelöst (wobei man dabei wohl nicht von einem entweder – oder, sondern von einem sowohl – als auch auszugehen hat) und die staatlichen Vorgaben für‘s gesellschaftliche Miteinander behutsam an die geistigen Erfordernisse einer christlichen Gemeinschaft angepaßt. Sehr schön, herzlichen Dank, wer auch immer diese Zeilen auf das Plakat im Vorraum unserer Pfarrkirche gekritzelt hat. (Leider besteht die Gefahr, daß der Aushang u.a. aufgrund des vorliegenden Textes ersetzt oder schneller ersetzt wird – da bitten wir schon jetzt um Entschuldigung und versichern, daß im Gegenzug an dieser Stelle die mutige und geistreiche Initiative für lange Zeit aufbewahrt wird und nachvollziehbar bleibt.)

Und so war dies heute wieder einmal ein sehr stärkender Meßbesuch, der Hoffnung gab – und durch das unerwartete Geschenk des Violinspiels durch den Konzertmeister der Weimarer Staatskapelle (eine Solopartita von Bach, wenn mich nicht alles täuscht) zudem zum musikalischen Ereignis wurde. Was für ein Wochenauftakt! 🙂 Vielen Dank an alle!

 

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Zwei kleine Ergänzungen: Erstens muß man sehr anerkennend sagen, die musikalische Gestaltung der Gottesdienste war bereits in den letzten zwei, drei Wochen tatsächlich bemerkenswert gut gelungen! Wie wir inzwischen seit gut 10 Jahren sagen: Das Potential dieser Pfarrei, besonders, aber nicht nur!, in musikalischer Hinsicht ist riesig, würde es regelmäßig im Prinzip so gehoben, wie gerade im Moment… Aber wer weiß, wenn das ein Resultat dieser fürchterlichen Zeit sein sollte, hätte sie zumindest ein gutes.

Zweitens muß man noch einmal betonen, so erfreulich das auch zunächst einmal war, die Kirche war eben nur halb-voll! Unsere Meinung zur “Notwendigkeit” dieser Beschränkung müssen wir wohl nicht noch einmal deutlich machen. Übrigens wird im Augenblick die Situation durch den Wegfall der südlichen Seitenkapelle verzerrt, in der ja an der Stelle einiger Bankreihen noch die Krippe steht. Wir haben also sicherlich die Gesamtzahl der zugelassenen Besucher nicht überschritten, weil wir uns hinter der letzten Bankreihe plaziert haben.

Daß für die Krippe allerdings auch in diesem Jahr die Maria “verräumt” wurde, es bleibt ein andachtliches Elend! Ohne die Restituierung der Seitenkapellen als solche wird das alles nix! 

Gereon Lamers

PPS: Unsere Tochter war übrigens gerade in der Abendmesse – selber Zelebrant, selbe Liedauswahl. Der 3G-Zettel hängt noch 😉 Beim Schlußlied (GL 487) fiel ihr auf, daß der Organist in der fünften Strophe – „Herr, mache uns im Glauben treu und in der Wahrheit frei“ – das Wort Wahrheit mit einer besonderen Melodie-Figur verziert und hervorgehoben hat.

Es wird!

Cornelie Becker-Lamers

„Und ER segnete den siebten Tag“

Weihnachten und die Coronapolitik

„Und ER segnete den siebten Tag und heiligte ihn, weil er am selben ruhte von allem seinem Werke, das GOtt schuf, um es zu machen“ (Gen 2,3)

GOtt vollendet Himmel und Erde „und all ihre Zier“ (Allioli) an sechs Tagen. Am siebten ruht GOtt aus und verordnet wie ein guter Arzt diese Ruhe auch allen, die ihrerseits schaffen sowie allen, über die sie bestimmen: Die Heiligung des Sabbat (oder – wie heute auch übertragen wird – des Feiertags) wird zum Dritten Gebot für alle Freien wie für deren Kinder, Bedienstete und das domestizierte Vieh (vgl. Ex 20,10 und Dtn 5,14).

Doch GOtt ist nicht ideologisch. Nicht mal in Bezug auf die Zehn Gebote. In Gestalt seines Sohnes bleibt er „Herr des Sabbats“ und stellt die akuten Bedürfnisse Hungernder und Leidender über sein Gebot: „Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen Willen gemacht, nicht der Mensch um des Sabbats Willen.“ (Mk 2,27)

GOtt macht Ausnahmen.

Die Coronapolitik nicht.

In einer ganzseitigen Anzeige wirbt die Bundesregierung für die Impfung auch an Sonn- und Feiertagen.

Impfwerbung der Bundesregierung, TLZ vom 31. Dezember 2021, S. 5 (eigenes Bild)

Die Bundesregierung wirbt für Impfung. Wo es hingehört: auf den Seiten „Ratgeber Gesundheit“? Nein. Sie wirbt auf S. 5 des politischen Teils.
Die Werbung ist eine Anzeige der Impfhersteller, finanziert aus deren Milliardengewinnen? Nein. Die Bundesregierung wirbt steuermittelfinanziert, d.h. auch mit dem Geld derer, die man als „Ungeimpfte“ am liebsten von etwa fälligen Krankenhausbehandlungen ausschließen, zumindest aber durch höhere Kassenbeiträge an den Behandlungskosten auch der Impfschäden beteiligen würde.
Die Bundesregierung bewirbt ihre Coronapolitik immer mal zwischendurch? Nein. Sie wirbt hier ganzseitig am letzten Tag des Jahres, der doch der Besinnung und der Rückschau gewidmet sein sollte. Besinnungslos geht es immer weiter, allen auch fachärztlichen Mahnungen zum Trotz.

Es gibt keine Pause mehr von der Coronapolitik. Das fiel mir schon im vorvergangenen Jahr auf, als die niedlichen Pausenfüller des Zweiten Deutschen Fernsehens, die „Mainzelmännchen“, zwischen den Werbefilmen um die Nachrichten herum nicht mehr in ihren wenige Sekunden kurzen Geschichten aus den Alltagssorgen entführten, indem sie lustige und harmlose Situationen des „Menschlichen, Allzumenschlichen“ vorführten. Nein. Die Mainzelmännchen sind seit 2020 so sehr Teil der nur noch Sorgen verbreitenden Medienlandschaft geworden, daß ihre Filmsequenzen phasenweise ausschließlich die Coronamaßnahmen bewarben und durch ihre eingeführten lachenden Gesichter verharmlosten: Das Maskentragen; das Alleinsein; das auch im Freien allein Sport treiben; das Abstand Halten vom Paketboten; das Einkaufen während der verordneten Quarantäne und so weiter und so weiter. Es gab kein Entkommen.

Im vergangenen Jahr (2021) fand sich die ganze Gesellschaft in der Umklammerung der Coronamaßnahmen; nicht nur im Alltag, sondern sogar über die Weihnachtsfeiertage. Die einen impften auch an Sonn- und Feiertagen scharenweise die an den restriktiven Maßnahmen Verzweifelnden und feierten medial als Erfolg einer verbalen Überzeugungsarbeit, wo in der weit überwiegenden Zahl der Fälle schlicht der Druck der Verbote die Menschen mürbe gemacht haben dürfte. Die anderen standen an den Testzentren Schlange, um zu Freunden oder doch auch zum Gottesdienst zu gehen, sofern sie dort allein aufgrund von Testung überhaupt noch zugelassen waren. Die dritten demonstrierten die Feiertage hindurch zu Hunderten und Tausenden und noch im kleinsten Dorf gegen die Coronapolitik. Und die vierten versuchten tapfer, sie dabei zu überwachen.

Diese Weihnachten wurde die Coronapolitik totalitär. Jetzt waren die Maßnahmen definitiv nicht mehr für den Menschen da, sondern der Mensch für die Maßnahmen. Und dennoch gibt es Leute, die sie nach wie vor, ja immer heftiger und den Kritikern gegenüber beleidigender bejahen. In Heft 1/2022 der Herderkorrespondenz ist ein Artikel zu lesen, dessen Überschrift denselben Aufhänger nutzt wie der vorliegende Text: Jesu Heilung am Sabbat. Da er sich hinter einer Bezahlschranke befindet, konnte ich die Zeilen von Johannes Klösges nicht zur Kenntnis nehmen, doch die Überschrift läßt der Hoffnung wenig Raum, dort könnte im selben Sinne wie hier argumentiert werden: „Covid-19-Impfaktionen an heiligen Orten: Am Sabbat heilen. An Impfaktionen in Kirchen gibt es Kritik. Aus christlicher Sicht ist hier allerdings eine eindeutige Position geboten.“ Christus segnet den Bruch der Sabbatruhe ab, wenn akut Kranke zu heilen und Hungrige zu speisen sind. Bekanntlich ist eine Maßnahme wie eine Vorsorgeimpfung von diesen Aspekten nicht mit abgedeckt: Impfen tut man eben gerade nicht in eine bestehende Infektion hinein. Vielleicht kann der eine oder die andere PuLa-Leserin den Text der Herderkorrespondenz lesen und via Kommentar oder Email berichten, wie ein Kirchenrechtler hier Stellung nimmt.

Lassen Sie uns einstweilen ausruhen von der in Deutschland bei Jung und Alt derzeit leider einzigen omnipräsenten Thematik und uns auf das wirklich und bleibend Wesentliche besinnen, das auch die Knechtschaft einer profitgesteuerten „Gesundheits“kampagne nicht annullieren kann: das ewige Seelenheil. Wenn Sie mögen, schauen Sie die Predigt von Pater Isaak Maria aus Neuzelle vom 30. November 2021 an. Seine Worte sind wohltuend anders als vieles, was man derzeit auch in Kirchen zu hören bekommt.

 

PuLa wünscht allen Leserinnen und Lesern ein gesundes
und glückliches Jahr 2022!

 

Cornelie Becker-Lamers

 

(Anmerkung der Redaktion: Leider konnten wir das Video nicht einbetten, wie sonst immer, denn:

Da wurde offenbar die tadellose und wirklich lohnende Predigt ein paar mal für politische Zwecke mißbraucht, schade; folgen Sie doch einfach dem Link oben, oder nochmal hier, es lohnt sich sehr!

Gereon Lamers

 

Der Adventskalender mit Briefen Ida Fr. Görres’, Tag 24

Übrigens habe ich jetzt meinen Propheten in Israel gefunden, dessen Abwesenheit ich im letzten Brief belamentierte: Joseph Ratzinger! Seine “Einführung in das Christentum“ […] über das Credo (das Apost.) hat mich hochbegeistert. DAS ist genau das Ersehnte: echte Fülle des Wissens, unbestechliche scharfe Denkkraft, lauterste Wahrhaftigkeit und dabei selber einer der Jungen, der mit brüderlicher Sympathie die ganzen neuen Strömungen kennt, bis auf den Grund mit durchdenkt und unbestechlich, aber liebevoll durchschaut und ablehnt, wo es schief geht. [E]r könnte das ,,theologische Gewissen der deutschen Kirche“ werden, wie […] Augustin[us] das theol. Gewissen der abendländischen Kirche (zu seiner Lebzeit) […]. Dass es sowas im Nachwuchs gibt, ist doch HÖCHST erfreulich. Und das neben Küng, ausgerechnet in Tübingen!! Dabei fehlt JEDE Polemik bei ihm, alles ist klare positive Aussage. Möge Gott uns diesen Vorkämpfer der alten und neuen Kirche erhalten.
(28.11.1968)

 

Übrigens, wir meinen, es gibt Zeiten, da ist ein wenig “Eskapismus” kein Vorwurf, sondern geradezu Christenpflicht!
Vor allem: Es kommt halt immer darauf an, wohin man “flieht”!
Wenn Sie ein paar Tage nicht an “Maßnahmen”, nicht an “Politiker” (außer- wie innerhalb der Kirche!) denken, sondern an das Kind in der Krippe, den inkarnierten Logos und seine grenzenlose Liebe zu uns, dann, ja dann werden Sie auch in die Zumutungen der Welt gestärkt zurückkehren.
PuLa wünscht all seinen Leserinnen und Lesern ein segensreiches, frohes und friedliches Weihnachtsfest!

Gereon Lamers 

Der Adventskalender mit Briefen Ida Fr. Görres’, Tag 23

[…] ich würde keine Zeile mehr schreiben. Wozu, wozu noch?- Ich bin doch ein Teil dessen, was heute stirbt.
DAGEGEN steht mir eigentlich nur noch Mutter Teresas Abschiedswort: ,,Schreiben Sie für die ganz einfachen Menschen, sagen Sie ihnen, was das Konzil wirklich wollte. Das Konzil muss schon eine sehr grosse Sache sein, dass der Teufel sich so grosse Mühe gibt, seinen Sinn zu verwischen und zu verwirren, man muss den Leuten dagegen helfen“ […]
Wir sind wirklich bereits ein Schauspiel für Engel und Menschen, ein Gelächter der Welt.
(27.7.1968)

Der Adventskalender mit Briefen Ida Fr. Görres’, Tag 22

Der Herr hat doch offenbar ein sehr lebhaftes Gefühl für die Heiligkeit des Hauses Seines Vaters gehabt. Und was dem Tempel als „Haus Gottes“ recht wahr, ist doch wohl den katholischen Kirchenraum als „Haus Gottes und Christi“ erst recht billig — nicht als abzustossendes ,levitisches” Relikt, sondern als spontaner Ausdruck der Anbetung, der ehrfürchtigen Liebe und liebenden Ehrfurcht. – Ach, ich weiss, Sie wollen wie Karl Rahner dem, der den Mantel verlangt, noch den Rock nachwerfen und statt der zwei Meilen vier mitgehen, nur um keinen zu entmutigen – das ist schön und ergreifend, aber mir scheint es halt leider doch falsch, denn ich glaube einfach, dass auch der heutige Mensch sich nur auf das stützen kann, was ihm widersteht, und dass Reinhold Schneider richtig gesehen hat, wenn er immer wiederholt, dass die „Welt“ unsern Widerspruch erwartet und heimlich ersehnt und nicht bloss, dass wir ihre Irrtümer entschuldigen und ihre Schwächen rechtfertigen und kopieren und so.
(14.6.1968)

Der Adventskalender mit Briefen Ida Fr. Görres’, Tag 21

Einer der seltsamsten und bedenklichsten Züge der Gegenwart ist mir ja die Wut gegen das „Sakrale“ in allen Bereichen. Kein Missbrauch kann diese Wut wirklich erklären, ich spüre da so sehr die dämonische Offensive dahinter. Rehabilitierung des „Profanen“ gewiss, wo das Wort nur negativ, gar feindselig gebraucht wurde – aber gerade das ist ja schon Missverständnis. Sakrales und Profanes können, sollen doch in gegenseitiger Ehrfurcht und Liebe nebeneinander, miteinander bestehen, aber als zweierlei – warum mit Gewalt den Unterschied verwischen und ableugnen wollen?
Es darf nicht nur verwechselt werden mit Gut und Böse — aber die Gegenwart verträgt eben schon die Begriffe Hoch und Nieder nicht mehr, betrachtet sie – auch das ist ja ein Charakteristikum!! schon an sich als „undemokratisch“, kann sie nur von unten her, in der Haltung des „Beleidigtseins“ verstehen.. Aber warum MUSS man denn das? Es ist doch herrlich, wenn es, dass es Grösseres, Höheres, Schöneres gibt als man selber, dass man in einer gestuften und vielfarbenen Welt leben darf – warum immer deutscher Eintopf?
Der Priester ist, für mich, der hauptamtlich “die Sache Gottes“ zu verwalten hat – sowohl in der Kirche als auch “vor der Welt“ – gerade das Andre, gerade das Sich-Abhebende, gerade das Überstrahlende – und ALS alle angehend; der uns keinen Augenblick vergessen lässt, dass es dieses Andre gibt, dass es das Wichtigste und das Wesentliche ist, dass es alles, alles andre sowohl überragt als durchdringt, entschlüsselt und interpretiert.
(7.3.1968)

Der Adventskalender mit Briefen Ida Fr. Görres’, Tag 20

Ich werde ja auch nicht an der Liturgie-Reform irre durch ihre tägliche Karikatur, die wir schmerzlich-wütend herunterschlucken müssen — z.B. die, wie ich vermute, noch keineswegs auch nur legitime „Abschaffung“ aller Toten-Liturgie – – dass für eine Verstorbene nicht einmal an ihrem Begräbnistag das Requiem gelesen wird ich meine ja nicht schwarz, von mir aus lila oder sonst was, und das Dies Irae kann ja ruhig weglassen, wem es zu mittelalterlich ist. Aber dass den Angehörigen – und ich finde in gewissem Sinn sogar: dem Toten selbst, soweit seine Angehörigen seine Persona noch bewahren – diese wunderschönen, auf den Toten, auf sein Schicksal bezogenen Texte mit der Auferstehungsperikope und der herrlichen Präfation einfach vorenthalten werden, und der Priester statt dessen in Rot eine Heilig-Geist-Messe liest und bloss als dritte Oration und ohne Namen sogar (,,Deine Dienerin“, weil er offenbar zu faul war, nur nach ihrem Vornamen zu fragen) die Verstorbene erwähnt — das finde ich für die Zurückbleibenden geradezu beleidigend lieblos, herzlos. MUSS denn das sein, bloss um sich „modern“ zu präsentieren?
(15.2.1968)

Das Reservat 4/4

Ein Sketch zum Vierten Advent für zwei Schafe, zwei Lämmchen, zehn bis elf Personen und beliebig viele Statisten unter den Schafen und unter den Menschen

Wundersdorf, die allseits bekannte Schafweide. Sie ist bei der Schaffung des Reservats für Ungeimpfte, zu dem man Wundersdorf und Umland ja gemacht hat, zwar natürlich innerhalb der Grenzen, aber direkt am Zaun zum Draußen zu liegen gekommen. Dennoch herrscht – Sie erraten es? Genau: reges Treiben. Wie immer. Aber auch die ganze Gemeinde scheint auf den Füßen zu sein. Himmel und Menschen drängen sich am Gatter und möchten auf die Weide. Die Schafe haben alle Hufe voll zu tun, um des Andrangs Herr zu werden.

Unterhalb der Tanne ist ein großes Podest aufgebaut, auf dem sich schon allerlei Tiere tummeln. Auf der Weide sieht man schon Menschen auf Klappstühlen und Sitzkissen, Picknickdecken, Isomatten und Holzklötzen sitzen. Hier und da sind kleine freie Flächen, auf denen Papier liegt … hm! Sieht aus wie Liedzettel … Am Zaun lehnen vier oder fünf Jugendliche und schauen von der Parallelwelt im Draußen aus zu.

Also wir sollten versuchen herauszubekommen, was hier los ist. Ich glaube, es könnte lohnend sein.

 

Flocke (zu Fixi): Die Leute dürfen nur dort sitzen, wo Liedzettel liegen – sag das bitte allen!

Fixi: Aber Tante Flocke! Das klappt niemals! Schau doch mal, wie viele das sind.

Flocke: Aber es sind die Auflagen.

Fixi: Was soll denn passieren? Im Freien? Beim CSD neulich draußen ist doch auch nichts passiert – und da quatschen die Leute mehr als wenn wir hier singen!

Flocke (nach kurzem Überlegen, seufzend): Hast Recht! Dann leg noch mehr Zettel in die Zwischenräume. (Fixi stürmt mit einem Stapel Liedzettel los und streut sie auf der Wiese aus.)

Wolle (am Einlaß, zu Huf): Huf, lauf zum Unterstand und hol ein paar Pötte heißen Tee für die Gegendemonstranten da am Zaun. (Huf trabt los.)

Edith: Hallo, Wolle!

Wolle: Ach! Edith! Richard! Teresa! Emily! Seid gegrüßt!

Edith und Richard: Hallo Wolle! Hallo Schafe! (Teresa und Emily krächzen auch irgendetwas wie „Hallo“).

Wolle: Um Himmels Willen – was ist denn mit euch los?

Edith (zuckt die Schultern): Die beiden haben sich gestern auf einer Demo draußen heiser geschrien …

Wolle: Oh je! Aber tapfer! (Sie lächelt die Mädchen an) Na, dann sucht euch mal einen Platz auf der Weide und laßt es euch gut gehen! Habt ihr Hocker mit?

Richard (hebt einen Klapphocker hoch): Na klar! Die vom Papstbesuch damals!

Wolle: Sehr gut!

Edith: Aber sag mal – wieso Gegendemonstranten?

Wolle: Ach! Die JuSos rufen doch immer mal zu Demonstrationen hier am Zaun auf. Da steht dann eine Handvoll bibbernder Jugendlicher mit dem Transparent „Geht euch impfen“, liefern ein paar mal ihre Sprüche ab und trollen sich wieder. Das dort scheinen auch welche zu sein …

Emily (heiser): Mhm! Gestern bei uns stand da auch irgendwo so ein winziges Grüppchen rum … (sie lacht.)

Edith: Ich seh‘ jetzt gar kein Transparent … (Sie geht mit Richard und ihren Töchtern los, um sich einen Platz im Publikum zu suchen) Dann jedenfalls gutes Gelingen gleich!

Wolle (fertigt schon die nächsten Gäste ab): Danke!

Huf (kommt vom Zaun zurück): Sie haben sich über den Tee gefreut, aber es sind gar keine Demonstranten. Sie wollen zuhören.

Wolle: Ah! Schööön! Dann merk dir mal ihre Gesichter, wenn sie öfter kommen, können wir ihnen ja sagen, wo der Tunneleingang ist, der in Fischers Garten rauskommt.

Hanna (am Gatter, sie ist mit Karl durch den Tunnel von draußen gekommen): Hallo Wolle!

Wolle: Seid gegrüßt – schön euch zu sehen! Sucht euch einen Platz!

Hanna: Danke! Also ich find‘ das ja toll, was ihr hier macht! Aber es ist schon auch komisch … draußen im Pflegeheim sind gestern wieder drei Menschen gestorben, und ihr macht hier in der Kirche einen auf Krippenspiel und führt den Messias auf!

Wolle: Nimmst du deinem Kind das Laufrad weg, weil auf der A10 ein Unfall war? – Nein, oder?! Die Kinder brauchen ihr Krippenspiel, ihre Feste, ihren Kindergarten und ihre Freunde! Kein Siecher lebt einen Tag länger, wenn wir hier die Lämmchen einsperren! Aber er stirbt in Trauer. Die Alten können nur dann beruhigt gehen, wenn sie wissen, das Leben geht in den jungen Menschen weiter! Das ist doch das Entscheidende!

(Hanna murmelt irgendwas und mischt sich mit Karl wieder unters Publikum. Langsam finden alle ihre Plätze und als die Schafe sich in Reih und Glied auf dem Podest sammeln und Flocke mit ihrem Taktstock nach vorne tritt, beginnt ein großes Zischeln und „Pscht“-Tuscheln. Dann beginnt die Musik).

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers