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Sketch des Monats: Der Kuchen-Computer

Ein Sketch für drei Erwachsene, etwa acht Kinder
und einen sprechenden Computer

Petershagen im Landkreis Märkisch-Oderland. Das neue Bildungs- und Gemeindehaus ist liebevoll mit Girlanden geschmückt. Drinnen hört man die ersten Sektkorken knallen. Eine Reihe goldfarbiger Luftballons, die unter der Decke kleben, bildet die Worte „Happy Birthday“. Ah! Ich weiß: Man feiert 25 Jahre Wiedergründung der Großpfarrei Petershagen-Rüdersdorf-Wundersdorf. Aus diesem Anlaß hat man hier ein neues Bildungshaus hingesetzt, dessen Eingangsbereich durch ein computergesteuertes Drehkreuz geschützt ist. Donnerwetter! An alles gedacht – oder doch nicht? Gerade hat sich hier eine kleine Warteschlange am Einlaß gebildet. Mal hören, was da so lange dauert. – Natürlich! Edith mit ein paar Kindern … Man hätte es sich ja denken können!

Der Computer (neutral): Name?

Edith: Langenfeld.

Der Computer: Vorname?

Edith: Edith.

Der Computer: Kuchen?

Edith: Keinen.

Der Computer (informiert): Sie haben keinen Kuchen angemeldet.

Edith (geduldig): Ich habe ja auch keinen mit.

Der Computer: Geschlecht?

Edith: Wie bitte?

Der Computer (sanft): Ich habe Sie nicht verstanden.

Edith: Weiblich.

Der Computer (das Display verfinstert sich): Wenn Sie weiblich sind, werden Sie doch einen Kuchen mithaben?!

Edith (freundlich): Ich habe ein paar Kinder mit. Wir machen Musik.

Der Computer (auf dem Display erscheint das Wort „Musik“ und es ertönt „Ja so woarn’s, die oalten Rittersleit‘“ mit Gitarrenbegleitung)

Edith (langsam genervt): So ein Käse! (Im Display erscheint das Wort „Käsekuchen“)

Der Computer (im Säuselton): Haben Sie auch daran gedacht, Ihre Ware ganz durchzubacken?

Edith (ärgerlich): Ich sage doch, ich habe keinen Kuchen mit. Ich komme mit dem Kinderchor.

Teresa (zu den anderen): Sind wir durchgebacken?

Annemarie (platzt heraus): Wir sind doch keine Backfische! (Die Mädchen prusten los.)

Der Computer: Ich habe Sie nicht verstanden.

Edith (ärgerlich): Kin-der-chor!

Der Computer: Dieses Wort kenne ich nicht.

Freddy: Hee! Warum springen wir nicht einfach drüber?

Der Computer: Ich habe Sie nicht verstanden.

Hedwig (hinter Edith, ein Backblech auf dem Arm, dringlich): Edith! Mein Kuchenblech ist ziemlich schwer. Könntest du dich bitte ein bißchen beeilen?

Edith: Ach! Entschuldige! Klar! Geh du mal vor, dann sehen wir, wie das hier überhaupt funktioniert. (Sie wechseln die Plätze.)

Der Computer: Name?

Hedwig: Falkner.

Der Computer: Vorname?

Hedwig: Hedwig. (Auf dem Display erscheint das Wort „Kirschstreusel“.)

Der Computer: Kuchen?

Hedwig: Donauwellen.

Der Computer (sanft): Sie hatten Kirschstreusel angemeldet.

Hedwig (errötet): Puh! Oh! Ja – aber dann habe ich gesehen, daß die Kirschen nicht mehr für ein ganzes Blech reichen. Und weil dieses Wochenende alles ein bißchen hektisch war …

Der Computer (sanft): Ich habe Sie nicht verstanden.

Hedwig (fest): Donauwellen. (Auf dem Display wird das Wort „Kirschstreusel“ durch das Wort „Donauwellen“ ersetzt.)

Der Computer (säuselnd): Haben Sie auch daran gedacht, Ihre Ware ganz durchzubacken?

Hedwig: Ja. (Das Display färbt sich rosa.)

Der Computer: Haben Sie auch daran gedacht, einen Tortenheber mitzubringen?

Hedwig (stolz): Ja. (Das Display beginnt zu glitzern.)

Der Computer: Haben Sie auch daran gedacht, Ihren Kuchen in einem verschlossenen Behältnis zu verwahren und dieses mit Ihrem Namen zu beschriften?

Hedwig (erschrocken): Oh, Mist – nein! Ich hab‘ ein Kuchenblech mit.

Der Computer (milde): Ich habe Sie nicht verstanden.

Edith (flüstert): Sag um Himmels Willen „ja“, sonst fängt er wieder von vorne an!

Hedwig (flüstert zurück): Du hast Recht! (Zum Computer, laut) Ja! (Auf dem Display beginnt es kleine Sternchen zu regnen.)

Der Computer: Haben Sie auch daran gedacht, Ihren Kuchen bereits zu Hause in Stücke zu schneiden?

Hedwig (blickt Edith entsetzt an): Natürlich nicht! So ein Blödsinn! Vor der Fahrt im Auto! Da verliert er doch die Form! Was mache ich denn jetzt?

Der Computer: Ich habe Sie nicht verstanden.

Edith: Komm, wir schneiden es schnell mit dem Tortenheber! Das ist doch Rührteig?

Hedwig (leise): Ja, du hast Recht, das geht! (Die Kinder fassen zu viert, jedes an einer Seite, das Blech unter und Hedwig zieht mit fliegenden Händen einige Bahnen durch ihre Donauwellen. Zugleich zum Computer, freudig): Ja-haa!!! (Dem Computer entströmt eine lieblich orchestrierte Version von „Backe, backe Kuchen“ in der dreigestrichenen Oktave.)

Der Computer: Wir bedanken uns! Sie dürfen passieren. Bitte bringen Sie Ihren Kuchen über den Hof in den Vorratskeller. Sie haben die Möglichkeit, den Kuchen nur abzugeben oder ihn, wenn Sie ihn brauchen, selber wieder abzuholen. Bitte geben Sie eine Bewertung dieses Computerprogramms ab. Einen schönen Tag noch!

Hedwig (tippt auf einen Daumen auf dem Display, genervt und erleichtert zugleich): Na prima! Danke, gleichfalls! (Sie blinzelt den Kindern zum Abschied zu, sagt leise „danke“ und passiert das Drehkreuz.)

Lenni: Frau Langenfeld, ich muß zur Toilette!

Edith: Ok, Lenni, wir versuchen jetzt so schnell wie möglich ins Haus zu kommen! (zum Computer) Langenfeld, Edith. Kinderchor. Angemeldet.

Der Computer (mit schwarzem Display): Ich habe Sie nicht verstanden.

Edith will gerade Lenni über das Drehkreuz heben, als Tina aufgeregt aus dem Innern des Hauses zum Eingangsbereich gelaufen kommt.

Edith (erleichtert): Tina! Dich schickt der Himmel!

Tina (zerstreut): Hallo! (Sie macht sich am Computer zu schaffen und scheint eine Art Verlaufsprotokoll aufzurufen, für sich) Das gibt’s doch gar nicht!

Edith: Was ist los? Stimmt was nicht?

Tina: Und ob! Da marschiert Hedwig doch gerade freudestrahlend mit einem offenen Kuchenblech an mir vorbei zum Vorratskeller!

Edith: Hab ich gesehen. Wir stehen hier schon eine Weile.

Tina: Das geht so nicht! Die reißen uns den Kopf ab! Sie muß den Computer einfach angelogen haben!

Edith (verlegen): … Äh … Aber das … das kann ich mir bei Hedwig gar nicht vorstellen … das paßt doch gar nicht zu ihr … (zu den Kindern gewandt legt sie einen Finger auf die geschlossenen Lippen.)

Tina (verzweifelt): Ich habe gleich gesagt, wir brauchen an dem Ding auch eine Kamera! Die kann sowas prüfen, damit das nicht nochmal vorkommt!

Der Computer: Ich habe Sie nicht verstanden.

Edith: Hm! Könnte man eurem Computer nicht lieber beibringen, wie man einen Kinderchor von einer Torte unterscheidet?

Tina (verständnislos): Kinderchor? (ärgerlich) Was hat das denn jetzt mit dem Kinderchor zu tun? Wir können nicht mehr, wie arbeiten. Mit diesem Computer haben wir jetzt erstmal das Wichtigste abgesichert.

Edith: Ach so. Ok. Sag mal, könntest du uns ausnahmsweise reinlassen? Wir wollten uns noch umziehen …

Tina: Ja, kommt rein. (Sie entriegelt das Drehkreuz von innen.) Aber du weißt ja: Der Pfarrer hat gesagt, wenn ein Kinderchor eingeht, ist das kein Beinbruch! Also haltet mal den Ball flach!

Der Computer (zugleich): Wir bedanken uns! Sie dürfen passieren. Bitte bringen Sie Ihren Kuchen über den Hof in den Vorratskeller. Sie haben die Möglichkeit, den Kuchen nur abzugeben oder ihn, wenn Sie ihn brauchen, selber wieder abzuholen. Bitte geben Sie eine Bewertung dieses Computerprogramms ab. Einen schönen Tag noch!

Edith (zu Tina): Es ist eine Weile her, daß er das gesagt hat. Ich glaube nicht, daß er das heute noch so formulieren würde. (Sie tippt auf das Kommentarfeld des Bildschirms und schreibt mit gefetteten Großbuchstaben):

Erst wenn die letzte Frau

im Küchendienst untergepflügt ist

werdet ihr merken,

daß man sich eine Pfarrjugend

nicht backen kann!

 

ENDE

Cornelie Becker-Lamers

 

Tja – so geht’s zu in Wundersdorf! Bloß gut, daß im Bistum Erfurt alles noch schön mit Papier und Bleistift funktioniert! Das ist doch gleich viel menschlicher!

„Das ist wichtig zu wissen“; ausliegender Kuchenzettel zur Erfurter Bistumswallfahrt 2019 (eigenes Bild)

Was den bevorzugten Einsatz gut ausgebildeter und gebildeter Frauen im Küchen- und Putzdienst anbelangt, könnte es freilich sein, daß hier und da auch in unserem Bistum ein veraltetes Fra uenbild noch ein Problem für die lebendige Gemeindearbeit darstellt; besonders gefährlich in Pfarreien, in denen das Führungspersonal noch locker 20 – 25 Jahre wird durchhalten müssen…

Ja, Chorkleidung! (4/4)

„Klar braucht ihr T-Shirts!“

Bevor ich zu einem weiterführenden Epilog zum Thema „Chorkleidung“ schreite, möchte ich wie angekündigt vom Besuch eines Chores aus dem ziemlich fernen Westen – nämlich vom Niederrhein – erzählen. Im frühen Frühjahr 2017 rief mich der Chorleiter der Klosterspatzen von St. Clemens Oberhausen an. Er hatte mich via Herz Jesu Homepage als Ansprechpartnerin in puncto Kinder- und Jugendchor ausgemacht und kündigte für den August den Besuch von 14 Mitgliedern seines eigentlich über 40-köpfigen Chores an. Denn die regelmäßige Sommerfahrt, die die Gruppe neben Chorfreizeiten und Chortreffen jedes Jahr durchführt, sollte 2017 nach Weimar gehen. Ich sagte natürlich gerne den Empfang der Gruppe auch in der Pfarrei zu. Da in Thüringen die Schule zu diesem Zeitpunkt gerade schon wieder begonnen haben würde, konnte ich davon ausgehen, daß die Cäcilini ziemlich vollständig mit von der Partie sein würden. Per Email gingen also Noten für die gemeinsame musikalische Gestaltung einer Messe hin und her, die mit dem Zelebranten Pfarrer Klemm (+) am Sonntagabend, dem 20. August 2017 – dem Abend der Ankunft der Klosterspatzen – nach kurzer Probe, aber langer mentaler Vorbereitung in der Herz Jesu Kirche gefeiert wurde.

Unvergessen: Pfarrer Klemm (+ 5. April 2019), der sich nach dem Schlußsegen den musikalischen Gästen unserer Pfarrei eigens zuwandte (Herz Jesu Weimar, 20. August 2017, nach 19 Uhr; eigenes Bild)

Im Abspann des Liedes zu Mariä Himmelfahrt und Mariä Krönung, das zeitlich zu einem Datum zwischen beiden Festen genau paßte und zu diesem Anlaß – obwohl Jahre alt – von beiden Gruppen gemeinsam uraufgeführt wurde, ist diese Zusammenarbeit festgehalten:

Die Cäcilini wurden in einer Innenstadtpizzeria zum Essen eingeladen und revanchierten sich halbwegs mit einem von unserer Pfarrei finanzierten Hotdog-Essen („Weimarer Jungs“ von der Bäckerei Höhne und Lidl-Wiener 😋😉) am darauffolgenden Donnerstag im Gemeindesaal. Das Essen beschloß eine sehr schöne und extralange gemeinsame Probe, in der die Cäcilini viele mehrstimmige Lieder vom Blatt zu singen bekamen – Lieder, die aufgrund ihrer Mehrstimmigkeit für uns mangels Masse ansonsten schlicht nicht zu machen sind. Und nach dem Essen ging‘s in die Stadt zum Flashmob: an der Stadtkirche und auf dem Marktplatz.

Abendlicher Flashmob der Klosterspatzen und der Cäcilini auf dem Weimarer Herderplatz; Bild: Klosterspatzen in ihrem facebook-Tagebuch

Ich habe damals sehr bedauert, daß nicht mehr Leute (als natürlich auch damals wieder die beiden „üblichen Verdächtigen“, die wir uns immer gegenseitig helfen) aus der Pfarrei von der durch die Oberhäuser mit großem Dank aufgenommenen gastfreundlichen Aktion, namentlich dem Essen am Donnerstag Abend, profitiert haben. Darum gebeten und eine etwas größere Beteiligung angeregt hatte ich im Kirchortrat rechtzeitig, aber man vermutete wohl einen privaten Kontakt meinerseits und fühlte sich für keinerlei organisatorische Hilfestellung oder gar eigene Teilnahme zuständig.

Der private Kontakt bestand aber wie erwähnt keineswegs. Der Besuch galt Weimar, galt Thüringen, und er galt unserer Pfarrei. Der Chorleiter hatte die Gegebenheiten von sich aus und, damals noch ohne sich vorzustellen, zu einem öffentlichen Ereignis sondiert – nämlich zum Treppenhauskonzert, dem „Bach in the sub/stairways“ am 21. März 2016. Wenn man weiß, wie er aussieht, findet man ihn auch sofort auf dem Foto wieder, das uns beim Singen der Taizélieder zeigt, hier.

Was noch einmal zeigt, daß wir dieses „niederschwellige“ Format unbedingt weiterführen und nicht als einmaliges Erlebnis verpuffen lassen sollten! Die Wirkung kann erwiesenermaßen unerwartet nachhaltig sein. Das Angebot der übergeordneten Organisation besteht jedes Jahr – und ich habe 2016 im Verlauf dieser zwei geselligen Konzertstunden im Treppenhaus des Pfarrhauses Jugendliche gesehen, die sonst nicht in der Kirche und auch solche, die gar nicht katholisch sind.

Jedenfalls bedankten die Oberhäuser sich bei ihren Weimarer Gastgebern natürlich mit ganz speziellen Geschenken – mit Geschenken, die die Erzählung dieser Geschichte im Rahmen der PuLa-Chorkleidungs-Tetralogie begründen:

Stoffbeutel und Bleistifte mit dem Signet der Klosterspatzen der Probstei St. Clemens in Oberhausen-Sterkrade (eigenes Bild)

Die Chorkleidung sei gerade in Arbeit, deshalb gebe es diese Dinge, erläuterte der Chorleiter. Damit war das Thema angeschnitten und ich erzählte, daß in dem Punkt in Weimar leider überhaupt nichts zu wollen sei – obwohl ich dächte, es wäre sinnvoll. „Klar braucht ihr T-Shirts!“ waren auch die Oberhäuser überzeugt. Zum Glück war im Februar 2017 mein Kindermusical „Rut“ im Verlag erschienen, so daß ich mit dieser Partitur auch ohne Corporate-Design-Artikel der Cäcilini etwas speziell Weimarisches zu verschenken hatte: Aus der praktischen Chorarbeit heraus von einem Gemeindemitglied für die Kinder unserer Pfarrei geschrieben und komponiert und in Herz Jesu zum Gemeindefest 2011 uraufgeführt.

Ob auf T-Shirts oder auf anderen Sachen wie Taschen, Stiften oder Fotokalendern, ob in sozialen Medien oder zunächst mal nur auf der Pfarrei-Homepage – ein Signet oder Logo für eine dauerhaft bestehende Gruppe einer Pfarrei ist einfach eine Form, vor allem Kindern und Jugendlichen, an denen gerade heutzutage, wo sie seltener werden, von allen Ecken und Enden jemand zerrt, Anerkennung für ihre Leistung zu zollen und zu zeigen: Wir nehmen euch wahr und unterstützen euch, wir freuen uns, daß ihr als Gruppe unserer Pfarrei da seid, wir sind stolz auf euch und schätzen das, was ihr tut.

Namentlich für die musikalische Arbeit sollte diese Wertschätzung nicht verborgen bleiben: Beim Einzug der Priester und Ministranten, des Bischofs, der Kommunionkinder oder Firmlinge in die Messe – stehen da Kinder oder erwachsene Gemeindemitglieder am Rand, die stumm Bilder in die Höhe halten? (Stellen Sie sich das mal bildlich vor! 😂) Oder wird Musik gemacht?
Richtig: Es wird Musik gemacht! Affirmation und Jubel drücken sich in Musik aus – durch die Musik der Orgel, der Choralschola, eines Chores und/oder eines Orchesters. Von daher kann sich die Unterstützung der gemeindlichen Aktivitäten nie bloß auf die Bildende Kunst beschränken, sondern muß die musikalische Arbeit, das gemeinsame Singen gerade von Kindern und Jugendlichen ganz deutlich in den Fokus rücken. Denn, wie Bischof Ulrich anläßlich des Chorfestes der pueri cantores am 5. Mai 2018 im Erfurter Dom betonte: „Es ist entscheidend, was wir singen.“

Aber die Gewähr zu christlichen Inhalten bieten eben tatsächlich allein die kirchlichen Chöre. Und die Wahrnehmung, Unterstützung und Wertschätzung der Gemeindemitglieder, die dabei mitziehen, drückt sich dann ganz fundamental vor allem andern zunächst einmal in ihrer Sichtbarmachung aus. Durch Chorkleidung eben.

Cornelie Becker-Lamers

PS: Wo Sie grad sagen „im fernen Westen“, da habe ich doch durch diesen Text hier wieder was gelernt. Von und gemeinsam mit meinem vielseitig gebildeten Mann nämlich, der zunächst einmal das Lied „Bochum“ von Herbert Grönemeyer assoziierte, hier:

Tja. „Tief im Westen/ Wo die Sonne verstaubt/ Ist es besser/ Viel besser, als man glaubt“. Das muß man inzwischen schon besingen. Also: Auch der ferne Westen hat seine Identitätsprobleme in Umbruchzeiten. Aber seinem eigenen Song stellt Grönemeyer hier das „Steigerlied“ („Glück auf!“) voran und läßt es durch die Menschenmenge im vollen Ruhrstadion singen. Und jetzt raten Sie mal, woher das Lied stammt? Genau: Aus Mitteldeutschland 😃 ! Einige Strophen tauchen schon in einem 1531 erschienenen Zwickauer Liederbuch auf, die ersten vollständigen Überlieferungen als Steigerlied oder –marsch datieren auf Schneeberg, 1678 sowie ein Freiberger Liederbuch um 1700!

Sketch des Monats: Der Kantorennachwuchs

Ein Sketch für vier Personen

Wundersdorf, Oderbruch. Im Wohnzimmer der Familie Langenfeld. Edith und Richard sitzen auf dem Sofa, im Sessel Lilly, eine Freundin aus dem sonnigen Südwesten. Sie hat vor Jahren eine Weile in Wundersdorf gelebt und ist auf einer zweiwöchigen Besuchstour im Osten unterwegs. Die drei trinken Tee zusammen, unterhalten sich und begucken nebenbei Lillys Fotos von ihrem Aufenthalt in Dresden zwei Tage zuvor.

Lilly (scrollt auf ihrem Smartphone): Und hier – in der Hofkirche (Sie zeigt das Foto herum).

Edith: Ah ja, die Kanzel. Schön!

Richard: Jaaaa! Dieser Löwe! Ich liebe diesen Löwen! (Er erbittet sich das Smartphone und zoomt sich den Löwen ran.)

Dresden, Hofkirche; Kanzel (Ausschnitt; eigenes Bild)

Edith: Dort warst du wohl in der Messe?

Lilly (nimmt das Smartphone wieder an sich und scrollt weiter): Ja, Sonntag um zehn. Und da war ein Kantor … du schmeißt dich weg … soooo süß … einer von den Kapellknaben, wißt ihr? Schön im liturgischen Gewand, weiß und rot, das haben die ja da alle … (die drei blicken sich vielsagend an und Edith und Richard nicken. Sie wissen, worauf Lilly anspielt …) Ich sage euch, der konnte kaum auf den Ambo gucken, so klein war der, aber hat so schön gesungen – ah! Das ist auch ein lustiges Bild (Sie zeigt das Foto herum)

Edith: Nur die Kuppel der Frauenkirche hinter einem Wall? Wo hast du denn den Blick erwischt?

Dresden, hinter den Brühlschen Terrassen, die Kuppel der Frauenkirche (eigenes Bild)

Lilly: Ich weiß nicht mehr … irgendwie da die Brühlschen Terrassen lang – und … ach, ich bin so in Gedanken gelaufen. (Sie scrollt.) Aber sagt mal … wir hatten hier doch auch mal so gute junge Kantoren … gibt’s die noch?

Edith: Du meinst die Jungs? Ach! Da singen doch längst …

Teresa (von draußen): Mamaaaaaaaa! (Sie kommt ins Wohnzimmer gestürmt.) Ah! Hallo Lilly! Wie geht’s? (Sie gibt Lilly die Hand und wendet sich, bevor Lilly antworten kann, gleich wieder Edith zu) Mama! Ich brauche heute die 60 Euro für die Abschlußballkarten!

Edith: Teresa! Du kommst hier einfach reingestürmt … wir unterhalten uns gerade!

Teresa: Mama! Bitte! Jetzt! Matthias wartet schon unten. (Sie wedelt mit den Händen.) Kannst du mir das Geld bitte jetzt geben?

Edith (verläßt seufzend mit Teresa den Raum, zu den andern): Bin gleich wieder da.

Lilly (grinst): So war ich früher auch! Immer alles auf den letzten Pfiff! (Sie legt ihr Smartphone beiseite.)

Richard (trinkt einen Schluck Tee): Klar (Er grinst.) Wenn man immer die Erfahrung macht, daß irgend jemand es schon rausreißen wird … Aber sonst ist sie ein gutes Kind! Das wird schon.

Lilly: Na klaaaar! Und groß geworden! Donnerwetter! Die hätte ich ja auf der Straße kaum erkannt … eine richtige junge Dame!

Richard (nickt; mit Vaterstolz): Mhm! Aus Kindern werden Leute.

Edith (kommt wieder ins Zimmer, während man draußen die Wohnungstür ins Schloß fallen hört): So. Dann wäre das auch erledigt. – Wo waren wir stehengeblieben?

Lilly: Beim Wundersdorfer Kantorennachwuchs. Ich hatte gesagt, da gab es doch ein paar junge Leute, die so herrlich gesungen haben, damals, mit dem tüchtigen Kaplan, als wir hier den Jugendchor noch hatten. Und du wolltest glaube ich gerade sagen, da singen doch längst deren Kinder? Mein Gott – ich war so lange nicht hier! (Sie schüttelt den Kopf.)

Edith: Ach so! (Sie lacht.) Neenee – ich wollte sagen, da singen doch längst wieder die Eltern. (Sie gräbt lachend ihr Gesicht in beide Hände.)

Lilly (entgeistert): Wie? Die Eltern?

Richard: Na ja – die Eltern eben.

Lilly: Ja aber …

Edith (öffnet die Hände): Na, die jungen Leute sind weggezogen … Studium, Beruf, keine Ahnung. Tilman, den du jetzt wahrscheinlich meintest …

Lilly: Genau! Tilman hieß der eine von ihnen.

Edith: … der ist inzwischen unten bei euch da … Freiburg die Ecke.

Lilly: Und dann kantorieren wieder die Eltern? Naja – die können es immerhin sicher. Und irgendeine Altersgrenze gibt es wohl nicht? Wie damals auf der Orgelbank …

Edith: Altersgrenze? Hm. (Sie schaut Richard an) 50, würde ich sagen (Sie lacht.)

Lilly: Ach! … Wie? … Ich dachte …

Richard (grinst bitter): … Mindestalter!

Lilly (lacht auf): Du guter Gott!

Richard: Es wird natürlich Nachwuchs bei den Kantoren gesucht. Stand im Pfarrbrief. Aber wer den liest, der hatte es auch schon selber gemerkt.

Lilly (nickt verständnisvoll): Und – der Pfarrer klappert die Kinder- und Jugendchöre seiner Pfarrei ab und versucht in den Proben die Jungs und Mädchen zu begeistern?

Edith: Ääääh … (sie blickt Richard hilfesuchend an) … ich bin mir nicht sicher … ob er mal selbst in die Proben geht …

Richard (sarkastisch): Ich glaube, er wartet eher darauf, daß sich irgendwann jemand nach der ersten Lesung in Ninja-Manier aus der Kuppel abseilt und den Ambo entert.

(Die beiden Frauen malen sich die Situation aus und lachen.)

Edith: Ja … Kantorieren … das ist ja gar nicht so einfach!

Richard: Neenee, das muß man schon ein bißchen vorbereiten … wenn man da Nachwuchs haben will …

Edith: … mal ‘ne Schulung anbieten oder so …

Richard: … ein bißchen langfristig.

Lilly: Ah ja! Wie war das gerade? Immer alles auf den letzten Pfiff? Scheint nicht nur ein Problem von Jugendlichen zu sein …

ENDE

Cornelie Becker-Lamers

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf! Bloß gut, daß Weimar bisher noch wirklich tonsichere Erwachsene der mittleren bis älteren Generation zum Kantorieren hat. Aber ein paar Jugendliche wären schon gut – wegen der Vorbildwirkung für andere Jugendliche! Denn wenn man – auch als Lektoren – immer nur Gemeindemitglieder am Werk sieht, die 40 Jahre und mehr älter sind als man selber – kommt man dann auf die Idee, dieser Dienst könnte auch was für einen selber sein? Wir (ein paar Leute, mit denen ich mich unterhalten habe und ich selber) denken: nein.

Vielleicht halte ich dazu irgendwann nochmal ein paar Stichpunkte fest, hier auf PuLa. Das heute war – pünktlich zum Ehrenamtsdank, der an diesem Samstag wieder stattfindet – erstmal ein kleiner satirischer Einstieg, von dem ich hoffe, daß niemand ihn übelnimmt.

Manchmal werden unsere Satiren ja von der Realität eingeholt und bleiben dahinter zurück. Diesmal haben wir die Sache ein bißchen zugespitzt, um das Problem deutlich zu machen. Denn zum Glück hat Weimar ja außer den guten altgedienten Kantoren seine berühmten WWF (Winzigen Weimarer Freundeskreise). Und da findet sich denn auch unter den Kantoren über kurz oder lang jemand, der jemanden kennt, der jemanden kennt. Und so wird es denn mit Gottes (und Gothes) Hilfe vielleicht schon nach den Herbstferien etwas werden, mit der Schulung. Und dann vielleicht auch mit den jugendlichen Nachwuchssängerinnen und -sängern. Eine einzelne tapfere Newcomerin haben wir bis dahin schon mal dingfest gemacht. Aber sie sollte im Kantorendienst nicht allein in ihrer Generation bleiben!

Ach ja: Den kleinen Kapellknaben, der kaum auf den Ambo gucken konnte und der trotzdem schön kantoriert hat, den gibt es wirklich. Den haben wir am 12. Mai 2019 (Muttertag)

Eine Pietà aus Meißner Porzellan

selbst in der Hofkirche erlebt.

Cornelie Becker-Lamers

Ja, Chorkleidung! (3/4)

Grafikdesign will gelernt sein

In den vorangegangenen Texten hatten wir über die gängige Übertragung der Idee von Corporate Identity und Corporate Design auf Gruppen der Kirche gesprochen. Was die Kinder- und Jugendchöre in Herz Jesu Weimar betrifft (von denen übrigens derzeit nur noch die Cäcilini übrig sind, also ein Vokalensemble; die Homepage ist da irreführend), ergibt sich dasselbe Bild wie beim Erwachsenenchor. Dem äußeren Erscheinungsbild wird von offizieller Seite keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl wir für Anlässe angefragt und zu den pueri-cantores-Festen entsandt werden. Man scheint die Frage der Identifizierbarkeit und Öffentlichkeitswirksamkeit der Gruppen einzig und allein für ein Problem der Chorleiterinnen zu halten, was es aber nicht ist. Zumal es bei theoretisch mehreren Chören und, da Pfarrei ohne Kantorenstelle, mehreren ehrenamtlichen Leiterinnen auf der Hand liegt, daß Treffen zur Ideenfindung, Meinungsbildung, Abstimmung und gemeinsamer Entscheidung unabdingbar wären. Meine Gruppe besteht übrigens, einfach mal nebenbei bemerkt, nicht „72 Stunden“, sondern seit zweimal 72 Monaten – nämlich gut 12 Jahre. Dennoch schlägt, sooft das Gespräch in die Nähe des Themas Chorkleidung zu geraten droht, der Gemeindereferent mir lediglich vor, einen Verein zu gründen, dann könne man leichter T-Shirts beantragen.

Ich weiß immer nicht, ob ich bei dieser Bemerkung, die zu 100% am Problem vorbeigeht, lachen oder weinen soll. Die Kirchgemeinde, deren Mitglied ich bin, ist bereits eine Körperschaft öffentlichen Rechts. In jedem Jahr wird ihr ein Geldbetrag für jedes Mitglied zugewiesen. Warum sollte irgend jemand, der durch Kirchensteuer, die wöchentlichen Kollekten und ehrenamtliche Arbeit zum Kirchenvermögen beiträgt, einen Verein für die Kinderchorarbeit, ein Vokalensemble, einen Instrumentalkreis, die Seniorenarbeit … der eigenen Heimatpfarrei gründen? Vor dem Hintergrund der Geschichte unserer Pfarrei besteht dann nur die erhöhte Gefahr, daß diese Gruppe als Privatangelegenheit angesehen und nur noch weniger unterstützt wird. Das hatten wir – auch ohne Verein – bekanntlich alles schon.

Ich werde mich daher niemals allein um T-Shirts für die Cäcilini kümmern. Ich komponiere schon für die Gruppe. Man kann nicht alles machen. Und man kann nicht alles können. Studieren die Grafiker und Designer denn nur aus Spaß vor sich hin? Nein! Das Entwerfen sichtbarer Motive und die Anordnung von Schrift und Bild auf der Fläche wollen gelernt sein, in puncto Kleidung wie in puncto Werbung. Wenn sich da irgend jemand ein paar Stunden an den Rechner setzt und ein paar Zeilen hin- und herschiebt, kommen Plakate heraus, die man sogar übersieht, wenn man weiß, wo sie hängen und sie aktiv mit den Augen sucht. Auch das haben wir schon durch. Außerdem möchte ich ganz bewußt, daß sich jemand anders mit um die Chorkleidung kümmert, und zwar als Zeichen dafür, daß auch jemand anders als nur ich sich für die Musik mit den Kindern und Jugendlichen interessiert und engagiert. Wir werden schließlich für die Gestaltung von Messen, Andachten, Seniorennachmittagen und sogar von Pfarreien außerhalb angefragt – da sollte sich unsere Pfarrei von offizieller oder offiziell beauftragter Seite auch zu dieser Gruppe bekennen und die Arbeit mit allen erdenklichen Werbemaßnahmen unterstützen – je magerer das Angebot in der Kinder- und Jugendseelsorge unserer Pfarrei wird, desto entschlossener.

Wo hängt’s in Herz Jesu Weimar? Am Geld aus mehreren Gründen definitiv nicht. Die Jugendgruppe ist vor gut drei Jahren auf eine einstellige Zahl an Mitgliedern zusammengeschrumpft, die Pfadfinder arbeiten auch in Weimar als Teil des 1907 gegründeten internationalen Vereins und arbeiten auf eigene Rechnung, Jugendchor und Herz Jesu Finken proben nicht mehr, die Cäcilini brauchen nicht mal Geld für Noten, weil ich die selber schreibe und ausdrucke, das Benzin für den Bonibus bezahlt man bei Fahrten mit den Gruppen der Pfarrei als Ehrenamtler selber, Plakate vom Designer gibt es ebenfalls aus Kostengründen nicht, Requisiten werden nicht mal für das Krippenspiel bewilligt und die RKW, die bis 2015 jahrelang Gewinn für die Pfarrei abwerfen mußte, arbeitet derzeit kostendeckend. Da dennoch ein Haushaltstitel für die Kinder- und Jugendseelsorge existiert, kann es am Geld nicht liegen. Auch aus finanzieller Sicht ist mir die Aufforderung zu einer eigenen Vereinsgründung also unverständlich.

Ich kenne eine evangelische Landpfarrei, da gab es Chor-T-Shirts (von einer Designerin entworfen und ganz im Sinne der Wiedererkennung einer Corporate Identity abgestimmt auf das entsprechende Werbeplakat und die Handzettel) schon vor der ersten Probe. Kein Kind zahlt für sein T-Shirt, sondern tauscht von Jahr zu Jahr einfach die passende Größe ein. Wie das geht? Der Landpfarrer hat ein einziges Unternehmen am Ort, das er von Zeit zu Zeit als Sponsor für solche ganz konkreten Dinge gewinnen kann.
Just do it!
Weimar hat mehrere (Einkommens-)Millionäre. Auch katholische. Auch solche, die noch nicht aus der Kirche ausgetreten sind. Als ich unseren neuen Pfarrer das erste Mal um T-Shirts für die (damals noch drei) Kinder- und Jugendchöre bat, nannte ich ihm einige dieser Menschen, die, wenn es sich denn partout als notwendig herausstellen sollte, via Sponsoring vielleicht solche Kleidung bezahlen könnten. Oder man widmet mal eine der zahlreichen Kollekten für die Kinder- und Jugendseelsorge der Pfarrei konkret einem solchen Projekt. Vergebliche Liebesmüh, da es offenbar gar nicht sein soll.

Waaaarum?

Ich thematisiere das, weil es in Herz Jesu Weimar wirklich System hat und ich, da meine Gruppe ja mit darunter leidet, wenigstens die Begründung dafür gerne erfahren würde. Die im September 2015 42-köpfige Pfarrjugend, die zwei Mädchen zum Amtsantritt des neuen Pfarrers zusammengetrommelt hatten, bat damals ebenfalls um T-Shirts bzw. bedruckte Kapuzenpullis. Die Jugendlichen wollten als Pfarrjugend Herz Jesu Weimar für die katholische Kirche Reklame laufen. Was für ein Geschenk des Himmels (besonders nach dem Weggang eines Pfarrers, der sogar zu offiziellen Anlässen statt im Collarkragen mit offenem Hemd und Windjacke neben seinem orthodoxen Kollegen im Rhason auflief). Aber auch diese Jugendlichen bissen mit ihrer Bitte auf Granit. Keine Chance. Corporate Identity in Herz Jesu Weimar Fehlanzeige. (Wenn ich im Verlauf meiner Texte ab und zu solche scheinbar alten Geschichten auftische, kommt das daher, daß wir nicht bei der ersten Irritation schreiben, sondern sehr lange zusehen, bis uns eine Angelegenheit aufgrund vieler vieler Beispiele als strukturell verfahren und uns ein Umdenken dringend notwendig erscheint.)

Also: Was ist los?

Worauf ich mit dem Eingangszitat dieser Textreihe („Es war ein entsetzliches Bild“) hinaus wollte, war nicht, daß ich das genauso hart formulieren würde. Aber was ich befürchte, ist, daß das Erscheinungsbild einer Gruppe als Spiegel ihres inneren Zustandes gelesen wird. So oder so. Und ich denke, daß man auch von außen nach innen wirken kann. Sprich: So was wie Chorkleidung bringt dann einfach auch ein Mehr an Identifikation mit sich. Die Premiumausführung ist natürlich ein Gewand in Weiterentwicklung der alten „Chorhemden“, wie wir sie in verschiedenen, auch Jugendchören am Ort haben und auch durch Gäste schon in der Messe erleben konnten.

Die Cäcilini wissen sich in der Regel zu helfen und sprechen sich mittlerweile von Fall zu Fall eigenständig ab.

„Hat jede so ein ‚Conni‘-T-Shirt?“ Die Cäcilini im Hochamt am 26. August 2018 einheitlich in gestreiften Shirts, teils bei der Generalprobe noch mit Jacke (eigenes Bild)

Vor dem Hintergrund der enttäuschenden Entwicklung der Jugend- wie der Chorarbeit in Herz Jesu Weimar haben wir keinen Grund, mit den Schultern zu zucken. Vielmehr müssen wir alle gemeinsam alles versuchen, was die Anziehungskraft der Pfarrjugend und der musikalischen Gruppen unserer Pfarrei erhöhen könnte.

Cornelie Becker-Lamers

Fortsetzung folgt

Ja, Chorkleidung! (2/4)

Zugehörigkeit und Ausstrahlung

Im vorangegangenen Text haben wir über das Bemühen der Kirche gesprochen, die Unternehmensstrategie des Corporate Design und der Corporate Identity auf Ehrenamtliche und Gruppen der Pfarreien zu übertragen.

Und so ist denn auch die Idee der anlaßbezogen bedruckten T-Shirts längst im kirchlichen Leben angekommen. Keine Ministrantenwallfahrt, keine 72-Stunden-Aktion des BDKJ, kein pueri-cantores-Fest, in dem man seitens der kirchlichen Veranstalter nicht mit den weltlichen Gruppen von Benefixlauf, Stadtlauf, Grundschul-Abschieds-T-Shirt 4. Klasse (und was dergleichen Anlässe mehr sind) Kleidungsstücke, Basecaps oder Tücher um die Wette druckt. Erfahrungsgemäß – und auch damit kalkulieren die Veranstalter längst – schreckt es niemanden von der Teilnahme ab, wenn die Kosten dabei auf die einzelnen Teilnehmenden umgelegt bzw. die Preise der T-Shirts kommentarlos bekanntgegeben werden. (Im Falle der letzten 72-Stunden-Aktion immerhin 20 Euro pro Nase.)

Identität und Erinnern: bedruckte Sachen als Souvenirs vom pueri cantores-Fest 2018, der Ministrantenwallfahrt nach Rom, von der Jugend im Bistum Erfurt, vom Papstbesuch 2011 und vom Elisabethjahr 2007 als Auswahl dessen, was sich in unserem Haushalt über die Jahre angesammelt hat (die weltlichen Pendants an bedruckten T-Shirts hier nicht im Bild; eigenes Bild)

Das „Benedikts Schäfchen“ war eine ganze Weile das Sport-T-Shirt meiner Tochter. Da sie es bewußt und mit Stolz trug, dürfte es mit dafür verantwortlich sein, daß man sie in der Schulklasse mit ihrem katholischen Glauben identifiziert und bis in den Sozialkundeunterricht hinein in allen Fragen rund um Kirche um ihre Meinung bittet.
Also: „works as advertised“ – will sagen: Die Corporate Identity, die sogar noch in dem „Benedikts-Schäfchen“-T-Shirt steckt, bewirkt im konkreten Fall – wenn auch nicht allein – tatsächlich das Identifikationsangebot, das Gefühl der Zugehörigkeit, die ‚Kundenbindung‘, das persönliches Einstehen und die positive Ausstrahlung, die wir im gestrigen Text zusammenfassend postuliert haben. Im Bistum weiß man das alles. Beim Papstbesuch überließ man daher nichts, aber auch gar nichts dem Zufall: Damit nicht etwa ein Regenschauer die Helfer unsichtbar machen würde, gab es zusätzlich zu den T-Shirts auch noch Regencapes.

Warum schreibe ich das alles?

Herz Jesu Weimar hätte im musikalischen Bereich ziemlich viele Möglichkeiten, eines oder mehrere unter etlichen Alleinstellungsmerkmalen herauszustreichen und dadurch etwas für die Sichtbarkeit, d.h. das Zeugnis-Ablegen unserer Pfarrei und damit unserer Konfession in unserer Stadt zu tun. Seine Franz-Liszt-Gedächtnisorgel zum Beispiel. Oder die Komponisten der Pfarrei in Geschichte und Gegenwart: Hummel, Cornelius und Liszt, Vollmer, Albrecht und Kassel, Dietrich, Schöneberger und Kapsner und weitere, die ich nicht kenne oder bei dieser Aufzählung vergessen habe.
Oder die Cäcilini mit ihrem besonderen Repertoire, das ebenfalls aus einer ganzen Reihe von Originalkompositionen und Uraufführungen in Weimar und andernorts resultiert. Jede Menge Möglichkeiten. Leider aber nutzt man nur eine einzige, um unsere Pfarrei von allen anderen Gruppen dieser Welt zu unterscheiden – diese dafür aber umso konsequenter:

Es gibt für die Chöre der Pfarrei Herz Jesu Weimar keine Chorkleidung.

Einfach nein.

Und wenn Sie sich auf den Kopf stellen – keine Chance!

Fragen Sie mich nicht warum – um einer Antwort auf diese Frage näher zu kommen, schreibe ich diesen ganzen langen Text hier. Vielleicht stößt er ja endlich die dringend notwendige Debatte an.
Ich muß es mir jedenfalls endlich einmal von der Seele schreiben, weil das Thema mich nicht losläßt. Ich weiß nicht, wie viele Male ich und andere es schon angesprochen haben. Im Chor selber natürlich, anfangs jedes Mal vor größeren Anlässen. Und unser Chorleiter weiß selbstverständlich ebenfalls, wie ein Chor – noch dazu ein Chor mit liturgischen Diensten – auszusehen hat; macht es in glatt schwarz auch immer richtig vor, formuliert es nur nicht. Und ohne, daß man es konkret ansagt, genügt das Vorbild allein nicht. Da sind überkommene Gewohnheit und Gruppendynamik stärker. Nicht einmal ein für alle eindrückliches Erlebnis beim Besuch des Speyerer Domchores vor einigen Jahren konnte in dieser Hinsicht etwas ausrichten.

Also sprach ich das Thema auch schriftlich an, in Emails an den Pfarrer und an den Chorleiter, traf als Reaktion aber nur auf dieselben zuckenden Schultern, auf die man in Herz Jesu Weimar immer trifft, wenn man mangels Möglichkeit zum sachbezogenen Gespräch im größeren Kreis Einzelne, etwa auch aus den Gremien, anspricht. Ist das Fehlen von Chorkleidung etwa Absicht und Stil des Hauses? Aber warum nur? Sooft man die Zeitung aufschlägt, sieht man, daß jeder, aber auch wirklich jeder Dorfchor uns hinsichtlich optischer Geschlossenheit der Gruppe etwas vormacht. Das geht ja auch wirklich, ohne daß man einen Pfennig zusätzlich in die Hand nimmt, indem man schwarze Kleidung und irgendein bestimmtes Accessoire vereinbart. Keine Hexerei. Man darf es halt nur nicht dem Zufall überlassen.

Als anläßlich des 125. Kirchweihjubiläums (zu dem der Chor übrigens ein wirklich grandioses Programm inklusive dem berühmten „Halleluja“ aus Händels Messias sauber abgeliefert hat) ein Foto für den Internetauftritt der Pfarrei gemacht werden sollte, bekniete ich unseren Dirigenten: Sag wenigstens diesmal was zur Kleidung. Wir sehen jedes Mal aus wie die Teilnehmer der Bürgerreise nach Blois. Sollte heißen: Jede und jeder ordentlich gekleidet – aber wie eine temporär zusammengewürfelte Truppe.
Mit dieser Äußerung war ich freilich im Unrecht; den Teilnehmenden an den Weimarer Bürgerreisen gegenüber nämlich. Denn sogar die Bürgerreisen sind auf ihre Corporate Identity und das damit einhergehende Identifikationsangebot, auf ein Zusammenwachsen als Gruppe, d.h. Kundenbindung und auf das Kleidungsstück als Souvenir bedacht. Selbstverständlich haben sie pro Reise ein T-Shirt, und zwar seit langem schon: Bemerkte ich doch neulich, daß unser Nachbar bei der Gartenarbeit sein quittegelbes T-Shirt der Weimarer Bürgerreise nach Blois aus dem Jahr 2001 auftrug.

Natürlich wünsche ich mir für den Kirchenchor der Erwachsenen in Herz Jesu Weimar keine bedruckten T-Shirts. Aber für unabdingbar halte ich Chorkleidung – am besten nicht nur schwarz plus Tuch, sondern wirklich Gewänder –, wie sie in allen zivilisierten Gegenden dieser Welt üblich sind:

Cornelie Becker-Lamers

Fortsetzung folgt

PS: Um falschen Schlußfolgerungen vorzubeugen: Die fehlende Chorkleidung ist natürlich kein Grund, nicht im Kirchenchor mitzusingen!

Ja, Chorkleidung! (1/4)

„Es war ein entsetzliches Bild“

Der nun folgende Text ist seit langem fällig. Sozusagen schon immer. In meinem Kopf spukt er ganz konkret seit mindestens zwei Jahren herum (was auf die Dauer sehr anstrengend ist). Damals wollte ich ihn anhand einiger Bemerkungen am Rande des Besuchs eines Jugendchores aus Oberhausen im August 2017 in Herz Jesu Weimar aufziehen (worüber wir in Teil 4/4 dieses Textes berichten werden). Letzten Mai dachte ich dann, ich nehme ein Beispiel aus der Gruppe der pueri-cantores-Chöre beim Chorfest auf dem Erfurter Domberg. Zwischendurch hatte ich hier und da schon einige Bemerkungen zum Thema in andere Texte eingeflochten. Letzten Donnerstag dann passierte es: Ich machte abends den Radiowecker an, um seine Lautstärke für den nächsten Morgen zu überprüfen und landete in der Reihe „Historische Aufnahmen“ des Deutschlandfunks genau bei folgender Stelle eines Interviews mit Heinz Bongartz, dem langjährigem Leiter der Dresdener Philharmonie. Und dachte: Jetzt! Denn – aber lesen Sie einfach erst einmal selbst:

Moderator: „[…] Der Wiederaufbau der Dresdner Philharmonie nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Orchester, das sich wieder selbstbewußt neben der altehrwürdigen Staatskapelle Dresden etablieren konnte, gehört zu den großen Verdiensten des Dirigenten Heinz Bongartz. An die ersten Jahre mit dem Orchester erinnerte er sich lebhaft, besonders an eine Konzertreise nach Westdeutschland.“

Heinz Bongartz: „Das war damals [nach dem Zweiten Weltkrieg] eine sehr schwere Zeit für das Orchester wie auch für mich. Es gibt da auch einige Episoden, die man erzählen könnte. Die Dresdner Philharmoniker waren das erste Orchester, das nach dem Zusammenbruch 1945 nach Westdeutschland reiste und die beiden ersten Konzerte in Hamburg und Bremen absolvierte. Zu diesem Zeitpunkt spielten alle Orchester, auch in Westdeutschland wie auch bei uns, alle im Straßenanzug, mit bunten Schuhen, gelben Schuhen, brauen Schuhen, und schwarzen, die Krawatten waren unterschiedlich, also es war ein entsetzliches Bild. Und ein Musiker machte mich darauf aufmerksam, es wäre doch ganz unmöglich, daß man heute, wenn wir jetzt nach Hamburg und Bremen kommen, daß wir da nicht im Frack spielten. Und wir kamen auf die glorreiche Idee, Annoncen in den Dresdener Zeitungen aufzugeben, und in Null Komma Nichts, es war ich glaube in einer Woche, hatten wir über zweihundert Angebote von Frackanzügen, und wir staffierten uns aus und zogen so gerüstet auch nach Bremen und Hamburg. Naja – das machte also einen ungeheuren Eindruck drüben, man sagte doch, daß die armen Musiker aus Ostdeutschland, die kommen nun im Frack und unsere Orchester, die musizieren noch im Straßenanzug. Also dieser äußerliche Eindruck war auch mitbestimmend für den großen Erfolg, den wir in Hamburg und Bremen mit einem Tschaikowsky-Abend hatten.“

(eigene Transkription der Worte Heinz Bongartz‘ in: DLF, Sendung „Historische Aufnahmen“ vom 1. August 2019 , 22.05 Uhr, Textausschnitt ab Minute 20:00).

Der äußerliche Eindruck ist, so die Einschätzung eines berühmten Dirigenten, mitbestimmend für den Erfolg eines Konzertabends.

Interessant – nicht wahr? Würde man doch denken, der musische Kulturbürger lausche geschlossenen Auges. Aber nein. Offenbar gilt analog dem schönen Spruch „Das Auge ißt mit“, der uns gerade, wenn wir Speisen für Gäste anrichten, auf die äußere Form und vielleicht einige Verzierung zu achten bestimmt, auch: Das Auge hört mit. Der äußere Eindruck einer singenden oder musizierenden Gruppe entscheidet mit über das Musikerlebnis – nämlich über dessen Intensität, Spiritualität und Geschlossenheit – der Zuhörenden.

So theoretisch hingeschrieben kommt einem das komisch vor. Aber wissen tun es alle. Das weiß man offenbar einfach intuitiv. Denn erfahrungsgemäß ist jeder Chor, jedes Orchester und jedes Ensemble bestrebt, sich ein einheitliches, im Falle von Kinder- und Jugendchören gerne sogar eigenes, spezifisches Erscheinungsbild zu geben.

Das hängt mit einer Idee zusammen, die im Unternehmensbereich unter den Begriffen „Corporate Design“ und „Corporate Identity“ verbreitet ist und über deren mögliche Fruchtbarmachung im Bereich des kirchlichen Ehrenamtes schon vor mindestens 10 Jahren an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Erfurt Diplomarbeiten vergeben wurden.

Im Bereich der Unternehmensstrategien ist die Idee des Corporate Design über 100 Jahre alt und wird mit dem Namen Peter Behrens (u.a. Arbeitgeber des jungen Walter Gropius #Weimarbezug 🙂 ) verknüpft. Ihr Sinn ist das erfolgreiche Bemühen um ein einheitliches und positives Bild des Unternehmens in der Öffentlichkeit, was durch den Wiedererkennungswert dessen Bekanntheit erhöht oder sogar überhaupt erst ermöglicht. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern teilt sich dieses positive und wiederkennbare Erscheinungsbild als Identifikationsangebot mit, das sich im Stolz der Zugehörigkeit, dem damit einhergehenden persönlichen Einstehen für das Unternehmen und einer daraus resultierenden positiven Ausstrahlung in der Aktivität für das Unternehmen ausdrückt und für Außenstehende spürbar wird.

Kein Wunder, daß man in der katholischen Kirche in Zeiten sinkender Mitgliederzahlen irgendwann nach Möglichkeiten suchte, diese Idee des Corporate Design, die im liturgischen Dienst ja 2000 Jahre alt ist, auch auf den ehrenamtlichen Dienst der Laien zu übertragen. Stichwort Identifikationsangebot, Gefühl der Zugehörigkeit, ‚Kundenbindung‘, persönliches Einstehen, positive Ausstrahlung – im Idealfall bis hin zu der ja immer wieder vom Ambo aus angemahnten Neuevangelisierung. Alles mehr als nötig – gerade hier in der Diaspora!

Cornelie Becker-Lamers

Fortsetzung folgt

„Lotte-Kultur – Kultur ganz nah“ …

… heißt ein Format des Weimarer Bürgersenders „Radio Lotte“, das sonntags abends von 19.00 bis 20.00 Uhr ausgestrahlt wird. Kulturredakteur Olaf Schnürpel interviewt in dieser Stunde Menschen aus dem Weimarer Kulturbetrieb oder Gäste von außerhalb. So gehörten Prof. Christoph Stölzl, Präsident der Weimarer Musikhochschule Franz Liszt, oder auch die Operndirektorin des Theaters Luzern, Frau Johanna Wall zu den Interviewpartnern.

Anhand dieser Beispiele läßt sich schon erahnen: In dieser Stunde wechselt sich jede Menge Musik mit kürzeren Wortbeiträgen ab. Klar, daß ich diese Chance Anfang Juli nach Kräften genutzt habe, als ich in der Sendung zu Gast sein durfte.
Als Musik hatte ich natürlich lauter Stücke aus Aufführungen der Cäcilini mitgebracht. Sie sind hier als Botschafter unserer Pfarrei in Livemitschnitten aus Aufführungen zwischen 2013 („Konstantin. Die Legende“) und 2018 (zwei Gesänge aus der Eröffnung der Maiandachten) zu hören. Dazu mit Stücken aus dem Krippenspiel von 2016 („Die Heilige Nacht“), aber auch Liedern aus dem Zyklus „Myra liegt am Mittelmeer. Eine Weltreise durchs Kirchenjahr“, aufgenommen 2014.

Die Sendung wird am kommenden Sonntag, 4. August 2019, um 19.00 Uhr erneut ausgestrahlt. Man kann den Sender über seine Internetseite empfangen, weltweit! 😉 , in Weimar natürlich über Antenne auf der UKW-Frequenz 106,6 MHz. (Weitere Angaben zur Einspeisung auf Kabel, zum Sendegebiet und der Verbreitung hier). In den folgenden Wochen wird die Sendung dann weiterhin in der Mediathek des Senders abrufbar sein.
Wir freuen uns sehr, daß so die Reichweite der christlichen Botschaft der Cäcilini einmal mehr erhöht wird!

Enjoy 🙂

Cornelie Becker-Lamers

„düstere Betonbunker ohne jeglichen Charme“ (2/2)

… mit zeitlichem Abstand gewürdigt. Ein PuLa unterwegs

Im vergangenen Jahr hatte ich noch einmal in Schopp zu tun und verabredete mich mit einer alten Freundin in der Kirche. Es war die Woche des Patronatsfestes und so betrachtete ich dort zunächst die Biegepüppchenszene zum Heiligen Bonifatius, die wir schon am 5. Juni 2019 auf PuLa abgebildet haben.
Dann betrachtete ich die Kirche, und in dem großen zeitlichen Abstand – ich hatte sie jahrelang zuvor nicht gesehen, weil meine Eltern schon vor über 20 Jahren aus Schopp wieder weggezogen sind – stellte ich fest, wie unglaublich konsequent die Gestaltung des Raumes war. Wie gesagt, es war wirklich alles aus Beton, und auch dieses Material bietet beispielsweise beim Kreuzweg Gestaltungsmöglichkeiten, die man mit etwas kunsthistorischem Sachverstand tatsächlich als künstlerischen Ausdruck werten kann. Also schon sehr abstrakt – aber wer das mag … Zudem fiel mir auf, daß durch die Lichtführung einer durchgehenden senkrechten Fensterreihe links und rechts im Altarraum hier nicht wie sonst häufig das Kirchenschiff heller ist als die Apsis, sondern umgekehrt: Der nach Nordosten zeigende … naja, Chorraum ist zu viel gesagt, Altarraum eben ist heller als der Platz für die Gemeinde. Wie sagt der Volksmund? Nicht schön, aber selten. (Das heißt, eigentlich weiß ich nicht wirklich, wie selten solche Kirchen sind.)

Die meisten Menschen leiden unter modernen Kirchen

Also immerhin – als so geschlossenes Ensemble schien es mir fast denkmalschutzwürdig. Eigentümlich ist daher, daß die Kirchenraumgestaltung unter den Referenzen auf der wikipedia-Seite des Künstlers Karl-Heinz Deutsch keine Erwähnung findet. Hm! Also direkt schämen müßte er sich dieser Arbeit jetzt eigentlich nicht. Oder doch? Bekam er mit, daß – im Außenraum würde man sagen: die Natur sich alles zurückholt? Deutsch trat jedenfalls noch einmal auf den Plan, als eine beherzte alte Dame energisch in sein geschlossenes Ensemble von Betonelementen eingriff. Sie präsentierte dem Pfarrer ein Kruzifix aus Holz und drohte an, jegliche Geldzuwendung an die Pfarrei in Zukunft einzustellen, sollte das Holzkreuz nicht seinen Platz im Altarraum finden. Nun – welcher Geistliche hätte dem getrotzt? Das Holzkreuz hängt nun also an Ort und Stelle und das Betonkruzifix ist innen über die Eingangstür gewandert (wo ich es 2018 auch fotografiert habe). So ist es, sagte man dem Künstler, doch auch noch da. Doch als der Bann erst einmal gebrochen war, wurde auch bald die Madonna durch ein Exemplar aus Holz ersetzt (daß sie rechts und der dann auch gleich noch in Auftrag gegebene Patron am Ambo links steht, revidierte man allerdings nicht).

Das trotz Protest des Künstlers Karl-Heinz Deutsch aufgehängte hölzerne Kruzifix und die ebenfalls die ursprüngliche Ausstattung ersetzende hölzerne Marienfigur (eigene Bilder 2018)

Also es sieht so aus, als könne man den Menschen nicht alles zumuten. Jedenfalls nicht auf Dauer. Jetzt ist das künstlerische Ensemble der Betonausstattung zwar definitiv zerstört, aber die Gläubigen haben wieder ein paar Gesichter, in die sie betend blicken können. Dieses Bedürfnis sollte man nie unterschätzen!

Es kommt drauf an, was man draus macht

Die Biegepüppchenszene zum Heiligen Bonifatius hat ja auch schon gezeigt, daß die Frauen der Pfarrei sich Farben und Figuren in ihren Kirchenraum zurückholen. Das mit Bonifatius war nämlich nicht das erste Mal – nächstes Frühjahr werden wir auf einen Passionsweg verweisen, der während der Fastenzeit 2014 den gesamten Kirchenraum in Schopp durchzogen hat. Schließen möchte ich mit einem Bild, das die Kirche am Abend einer Taizéandacht zeigt. Dem Grau-in-Grau des Betoninterieurs ist durch jede Menge roter und gelber Tuchbahnen, durch 120 rote Windlichter, ein zusätzliches gemaltes Kruzifix und rote Beleuchtung jeder Schrecken genommen.

Nacht der Lichter: Das erste Taizégebet in St. Bonifatius Schopp, 2013 (Bild: Pfarrei St. Bonifatius, Schopp [auch hier, leider nicht via SSL ausgeliefert])

Cornelie Becker-Lamers

„düstere Betonbunker ohne jeglichen Charme“ (1/2)

Erfahrungsbericht. Ein PuLa unterwegs

Nein, dies wird kein Artikel über das neue Bauhaus-Museum in Weimar. Dazu hat ja Niklas Maak in der FAZ schon zur Eröffnung alles nötige gesagt. Es soll also nicht über unseren neuen städtischen ‚Hochbunker‘ gehen, sondern das Dauerbrenner-Thema „moderner Kirchenbau“ durch einige persönliche Gedanken kommentieren. Weil wir bereits Bilder aus der 1969 im Bau begonnenen Kirche in Schopp, Kreis Kaiserslautern, gepostet und einen weiterführenden Artikel angekündigt haben. Und nun hatten wir unlängst auf PuLa das Datum 1969. Außerdem wird besagte Kirche in der (sehr vielfältigen und zeitlich tatsächlich sehr weit gefaßten) „Straße der Moderne“ des DLI nicht mitbesprochen. Vermutlich ist das auch nicht vorgesehen, und so können wir auch diesem Projekt etwas hinzufügen – inklusive authentischem Erfahrungsbericht aus der Sicht einer Betroffenen. Auf modernen Kirchenbau werden wir auch weiterhin immer mal wieder zu sprechen kommen. Die passenden Fotografien sind schon im Kasten 😃. Erfahrungsgemäß ist sowas nämlich immer interessant und erregt in jedem Fall ebenso die Gemüter der intellektuellen wie der sogenannten „einfachen“ Gläubigen.
So zitiert obige Überschrift denn auch einen Artikel vom 2. Juli dieses Jahres, in dem die Internetseite katholisch.de das seit Jahren erarbeitete Projekt „Straße der Moderne“ des Deutschen Liturgischen Instituts noch einmal vorstellt und die landläufige Meinung über Kirchen der 1960er bis 80er Jahre – eben „düstere Betonbunker“ – als reformbedürftiges Vorurteil demaskieren möchte. Aber ist es tatsächlich ein Vorurteil? Oder schlicht ein Urteil?

Die zweite Kirche in meinem Leben

Als ich die Kirche in Schopp zum ersten Mal sah, war ich sechs Jahre alt und soeben eingeschult worden. Den Anblick, der sich mir bot, konnte ich überhaupt nicht einordnen. Ich hatte meinen fünften Umzug (jeweils in einen anderen Ort bzw. Kontinent) hinter mir und kam zuletzt aus der überwiegend katholischen Ortschaft Hohenecken (eigentlich einer Nachbargemeinde, aber eben aufgrund ihrer Geschichte als Reichslehen und ausgedehntere Burgherrschaft Hohenecken tatsächlich eine ganz andere Welt), in der wir – nur durch einen 1A-Rodelberg getrennt – nahe unserer Kirche mit dem Patronat des Heiligen Rochus gewohnt hatten. St. Rochus Hohenecken ist eine typische neugotische Kirche aus dem Ende des 19. Jahrhunderts mit spitzem Turm und beinahe klassischem architektonischen Aufbau, der Innenraum entsprechend mit dunkelgebeizten Holzbänken ausgestattet. Die Turmuhr schlägt alle Viertelstunde. An die Kirchen der übrigen Ortschaften, durch die meine Eltern mich nach ihrer Flucht aus der DDR zu diesem Zeitpunkt bereits geschleust hatten, kann ich mich nicht erinnern. St. Rochus war die Kirche für mich. Sie sah ungefähr so aus wie die Kirche aus der Bauklötzchenreihe meiner Holzeisenbahn. Also: Sie sah aus, wie eine Kirche eben aussehen mußte.

St. Rochus Hohenecken (1897) mit Rodelberg (Bild wikicommons; User Steffen 962)

Was meine Mutter mir in Schopp als unsere Kirche präsentierte, war dieses Bauwerk:

Schopp, katholische Kirche St. Bonifatius (1969) im Jahr 2018 (eigenes Bild)

Ok – Kinder schlucken alles, aber befremdet war ich schon. Da war ja gar nichts Bekanntes und Anheimelndes! Und das ging im Innenraum so weiter. Alles war aus Beton: Wände und Pilaster. Priester- und Ministrantensitze. Taufstein und Weihwasserbecken. Tabernakel und Kerzenhalter. Ambo und Altar. Ja, sogar Kruzifix und Maria sowie die flache, schmucklose Decke des Raumes und ein umlaufender Kreuzweg. Alles. Zudem gab es keine Kirchenbänke, sondern Stühle, die in der Mehrzahl nicht mal Kniebänke hatten. (Mal im Verlauf der Messe an die Mutti ‘ranrutschen war also nicht). Und die Polster waren in schönstem 70er-Jahre-Orange gehalten. Was sage ich – waren. Sie sind es wie man sieht bis heute, aber ich erzähle gerade aus der Perspektive derer, die das alles zum ersten Male sieht.

St. Bonifatius Schopp (1969) Innenraum: Taufstein und Weihwasserbecken; Ambo und Altar;  Tabernakel, Kruzifix und Madonna und Blick in den quer-rechteckigen Kirchenraum mit dem umlaufenden Kreuzweg (eigene Bilder aus dem Sommer 2018)

All das wurde (nicht) erleuchtet durch – wie nennt man das? Unterlichter? Also Fenster, die sich quer am Boden des Gebäudes entlangzogen.

Von der Seite sieht das ganze genauso aus (eigenes Bild 2018)

Das architektonische Konzept, der Grundriß dieser Kirche als in die Breite gezogenes Rechteck, die Anlage der Fenster und die Materialität dieses Baues machten es mir – ohne daß ich das als Kind auch nur im geringsten reflektiert hätte, es geht hier um die rein gefühlsmäßige Erinnerung – auch in der Folgezeit ausgesprochen schwer, über all das als Äußerlichkeiten hinwegzusehen oder gar – wie der Baumeister einer architektonisch sehr anspruchsvollen Touristenkirche an der Nordseeküste es formuliert – in der Reduktion das Sakrale gegenüber dem Alltäglichen zu erleben.
Das berühmte Heimatgefühl, das in der Regel von Katholiken in jeder katholischen Kirche, wohin sie auch kommen, empfunden wird und für Vertriebene wie Zugezogene einen Gutteil der Anziehungskraft der Kirche ausmacht, kam zunächst einmal nicht auf. Es war einfach nur verstörend. Ich weiß noch, daß ich mich betrogen fühlte und in diesem Raum nicht recht heimisch wurde, obwohl wir treulich jeden Sonntag hingingen. Noch lange Zeit fragte ich mich, wenn mein Schulweg mich bergauf an der evangelischen Kirche des Ortes vorbeiführte, warum ich eigentlich nicht in die Kirche gehen durfte, die wie eine Kirche aussah.

Schopp, im Vordergrund das Rathaus, links davon das Schulgebäude, rechts im Hintergrund (den Berg hinauf) die evangelische Kirche (wikimedia commons; Foto Gerd Eichmann)

Irgendwann setzte natürlich die Gewöhnung ein, aber gefallen hat mir die Anlage nie. Das änderte sich in gewisser Weise, als ich den Raum im Sommer 2018 nach langer Zeit wiedersah …

Cornelie Becker-Lamers

Fortsetzung folgt morgen

239. Eine Zahl, die gute Laune macht

Rechenspiele und ein kleiner Erfahrungsbericht
zum Thema Kirchenaustritte

Von der Suggestivkraft hoher Zahlen

„Typisch, daß dir sowas auffällt“, sagt Gereon, als ich über den Zahlenreihen in Fabian Klaus‘ TLZ-Artikel „Eine Zahl, die weh tut“ zum Thema Kirchenaustritte zu stutzen beginne.
Er hat Recht: Es ist typisch. Zahlen mag ich gern. Die fallen mir immer auf und ich kann sie mir gut merken. Und ich weiß, daß man sie gerne nennt, um damit etwas auszusagen. Und daß man dieselben Zahlen auch für ganz andere Aussagen nutzen kann.

Nachdem Fabian Klaus im Kommentar auf S. 1 der Thüringischen Landeszeitung vom 20. Juli 2019 nur die Austritte aus der katholischen Kirche thematisiert hat, suggerieren die Untertitel zweier Artikel auf S. 2 derselben Ausgabe durch ihren unterschiedlichen Referenzpunkt mehr Austritte im katholischen als im evangelischen Bereich: Genannt werden die über 200.000 deutschlandweiten Austritte katholischerseits und die 13.625 Austritte der Protestanten Thüringens.
Einer umfassenderen Auflistung entnimmt man bei den Protestanten ein deutschlandweites Minus von 395.000 Mitgliedern (davon rund 220.000 Austritte), bei den Katholiken entsprechend ein Minus von 309.000 Mitgliedern (davon knapp 216.000 Austritte). Schlimm genug – aber jede Argumentation und jede Suche nach kausalen Zusammenhängen muß im Blick behalten, daß nicht nur der katholischen Kirche die Leute davonlaufen.

Wirklich verwirrt hat mich in der TLZ das Operieren mit Austrittszahlen in Überschrift und Text, mit Mitgliederzahlen hingegen in der Tabelle. Da spricht der Artikel von 1.371 Austritten im Jahr 2014, die Zahlentabelle aber ergibt eine Differenz von lediglich 239 Mitgliedern, die das Bistum im Jahr 2015 weniger verzeichnet als 2014. Daher sind auch hier die genauen Austrittszahlen hilfreich, man findet sie, ergänzt durch die Zahlen zu Gesamtbevölkerung und prozentualem Katholikenanteil in Thüringen, hier.

Dort wird nachvollziehbar, daß Fabian Klaus absolut Recht hat, wenn er die Zahl der Austritte im Jahr 2014 als statistischen Ausreißer beschreibt: Lagen die Austrittszahlen seit 2000 im mittleren dreistelligen Bereich (seit 2015 im hohen dreistelligen Bereich), so sind es 2014 1.371, also π mal Daumen das Doppelte.

Wie kommt in einem solchen Jahr der Schwund von – in diesem Fall kann man ruhig sagen: lediglich – 239 Menschen zustande? Wer gleicht die Differenz von 1.132 Mitgliedern aus – haben wir an den Zahlen aus dem vorigen Jahr (s.o.) doch zudem festgestellt, daß die Zahl der Austritte durch andere Faktoren – vermutlich bspw. den Überschuß der Sterbefälle gegenüber den Taufzahlen – noch einmal deutlich erhöht wird? Im konkreten Fall weist die Statistik für Thüringen im Jahr 2014 etwa 27.000 Sterbefälle aus – bei 7% Katholiken ergibt das eine zu erwartende Zahl verstorbener Mitglieder von immerhin 1.890 Menschen. Zeigt die Zahl von nur 239 weniger Mitgliedern bei 1.371 Austritten und den statistisch zu erwartenden 1.890 Verstorbenen, also bei einem Schwund von rechnerisch 3.261 Menschen, den unerwarteten ‚run‘ auf die Kirche in Gestalt von über 3.000 (Wieder-) Eintritten? Das wäre phänomenal und Bischof Tebartz van Elst wäre in all diesen Diskussionen um überregionale Verantwortung für ein wachsendes Desinteresse an Kirche final aus dem Schneider! Oder gab es eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Taufen? Ebenso unwahrscheinlich, denn die Thüringer Geburtenrate (vgl. o.g. Statistik) summiert für 2014 keineswegs untypisch viele Babies auf.

Was hat das zu bedeuten? Wäre das magische Verhältnis von 3.261 zu 239 Menschen wohl gar ein Ausweis der hohen Relevanz der Zugezogenen für unsere Pfarreien und das Leben in den Gemeinden? Das scheint mir über die Maßen wahrscheinlich und ich möchte die Zahl gerne für diesen Nachweis nutzen. 🙂 Ich sehe in der 239 daher eine Zahl, die mir ausgesprochen gute Laune macht!

„ … läßt er dann nicht die neunundneunzig auf den Bergen zurück“?
(Mt 18, 12)

Aber übrigens – was sollen die großen Zahlen? Lernen wir nicht im Gleichnis vom verlorenen Schaf, daß es auf jede und jeden Einzelnen von uns ankommt? Und ist es nicht ärgerlich, wie sich die Verantwortlichen zum Verständnis dieser Zahlen – denn bei Kirchenaustritten wird vorsichtshalber nicht nach den Gründen gefragt – nur allzu gerne wohlfeile Antworten zurechtzulegen scheinen?

Deshalb will ich von einigen Einzelfällen berichten, bei denen ich die Gründe der Abkehr von unserer Gemeinde und zum Teil zuletzt auch von der katholischen Kirche kenne.

Mein erstes einschneidendes Erlebnis datiert aus dem Jahr 2008, als eine Bekannte statt Herz Jesu Weimar lieber einer evangelischen Pfarrei im Weimarer Land zugehören und daher austreten wollte. ‚Wollte‘ ist schon falsch, denn sie erzählte mir, daß sie geweint habe, als sie telefonisch die notwendigen Unterlagen in unserem Pfarrbüro beantragte: Ihr war deutlich geworden, daß sie mit dem Austritt einen Teil ihres Lebens abschnitt. Warum unternahm sie den Schritt dennoch? Eine schwere Krankheit von Ehemann und Tochter hatte die Jahre zuvor bestimmt – Jahre, in denen sie sich (obwohl sogar hier einheimisch!) mit ihrer seelischen Belastung in Herz Jesu Weimar nicht aufgefangen, in besagter anderen Pfarrei aber getröstet fühlte. Daher nahm sie in Kauf, daß ihrer Biographie in gewisser Weise Gewalt angetan wurde. Ich erzählte beim Gemeindefest unserem damaligen Ortsgeistlichen davon. „Gehen Sie nochmal hin!“ beschwor ich ihn. „Sie ist noch nicht weg. Sie möchte nicht konvertieren. Sie leidet unter dem Gedanken. Und um ihre drei Kinder geht es doch auch.“ – „Wandernde soll man nicht aufhalten“, antwortete mir der Pfarrer, zog eine launige Schnute und zuckte die Schultern und seine Vertraute, die dabei stand, begann über die Familie der betreffenden Frau herzuziehen.

Das zweite einschneidende Erlebnis ist die Durchsetzung des doppelstündigen Religionsunterrichts für die Weimarer katholischen Grundschüler. Die ist komplett meine Initiative, die ich zwar auf ausdrückliche Bitte des damaligen Pfarrers, zuletzt aber erwiesenermaßen gegen den Widerstand von hiesigem Gemeindereferent und besagtem Pfarrer 2010 erreicht habe. Nun bedeutet ein einstündiger Religionsunterricht nicht zwangsläufig einen Kirchenaustritt. Aber Sorge für die Kinder und den Nachwuchs der Pfarrei sieht dennoch anders aus als eine Intrige gegen die gesetzlich vorgesehene religiöse Unterweisung.

Eine einzige Frau, die ich als Mutter etwa gleichaltriger Kinder aus dem katholischen Kindergarten kenne, hat mir als Grund für ihren Austritt aus der katholischen und Eintritt in die evangelische Kirche (unter Mitnahme ihrer Kinder) den Mißbrauchsskandal von 2010 genannt. 2010 ging das Thema, in Folge der Enthüllungen in der Odenwaldschule, ja schon einmal auch in Bezug auf die katholische Kirche durch die Presse und es widerte sie an. Aber das ist wie gesagt die einzige, die mir diesen Grund genannt hat.

Ein Ehepaar kenne ich, die sind wegen des Osterpfarrbriefs 2012 (vgl. hier und hier) und der darin enthaltenen Verleumdungen gegen uns aus der Kirche ausgetreten. Sie sagten: „Was auch immer geschehen ist, so etwas kann man nicht schreiben.“ Zur Vertreibung weiterer Ehrenamtler, die enttäuscht wieder wegzogen, konvertierten oder sich zunächst einfach von der Pfarrei abkehrten, ist der Text „Ich hatte eine Farm in Afrika“ erhellend.
Der Ehrenamtler, der zweifellos der Gemeinde das größte Geschenk gemacht hat, wurde so buchstäblich krank geärgert, daß seine Kinder sich ebenfalls vollständig von der Kirche abgewendet haben. War die Familie vor 10 Jahren bei den Lektoren, im PGR, als Ministrantinnen engagiert in Ehrenämtern der Gemeinde tätig, so haben sich die beiden jüngsten Kinder zuletzt nicht einmal mehr firmen lassen. Die Jugendlichen sind m.W. noch nicht ausgetreten. Aber ihnen wurde eine Entfremdung von der Kirche aufgezwungen, durch die es zum Austritt dann nur noch den von Pressesprecher Weidemann erwähnten „Tropfen“ braucht, „der das Faß zum Überlaufen bringt.“ Einer der erwähnten Jugendlichen wäre jetzt, 2019, zur Firmung an der Reihe: Die Geschichte ist nicht Vergangenheit. Sie ist – was Menschen beispielsweise im Kirchortrat partout nicht wahrhaben wollen und mich für die Sorge um diese Familie beschimpfen – nach wie vor die Gegenwart unserer Pfarrei.

Sie sehen: Die überwältigende Mehrzahl an Distanzierungen von unserer Pfarrei und/oder der Kirche hing und hängt nicht mit dem Finanzbedarf einzelner Bischöfe zusammen. Sie hing und hängt nicht einmal mit dem Mißbrauchsskandal zusammen. Sie resultiert einzig und allein aus ganz persönlichen Erfahrungen mangelnder Seelsorge im sozialen Nahraum der eigenen Pfarrei. Das vielbeschworene „Ende der Volkskirche“ ist keine Naturkatastrophe. Es ist, wo man es wahrnimmt, ganz überwiegend hausgemacht.

Und Weimar? Das pastorale Konzept „So lange ignorieren und unverschämt behandeln, bis die Ehrenamtlichen freiwillig die Segel streichen oder auch gerne ganz wegbleiben“ ist im September 2015 mit Amtsantritt des neuen Pfarrers durch die Integration derjenigen, derer er zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch habhaft werden konnte (was nicht mehr viele der einst Aktiven waren), abgelöst worden.
Ein Aufatmen ging durch die Pfarrei. Etliche Gruppen firmierten sich in der Hoffnung auf die Einsicht der Verantwortlichen, daß es nicht um den Job eines „Pfarrteams“ geht, sondern um das Leben der Pfarrei. Fehlende Dialogbereitschaft, die Entwicklung der musikalischen Arbeit, aber auch generell der Kinder- und Jugendseelsorge läßt befürchten, daß  Grundzüge der alten Verhältnisse seit dem Frühjahr 2016  zurückgekehrt sind.

Sollte dem nicht so sein, sollte man von offizieller Seite nicht zögern, das immer mal wieder explizit zu formulieren und durch die bewußte Förderung der wenigen noch bestehenden Gruppen deutlich zu machen.

Cornelie Becker-Lamers

Eine Bemerkung: Ich kenne die eine oben erwähnte Person, die, vorgeblich, wegen des Mißbrauchsskandals „ausgetreten“ ist, lange nicht so gut, wie meine Frau das tut. Aber klar ist doch, es war auch schon 2010 völlig unlogisch, deswegen in eine der kirchlichen Gemeinschaften, die aus der Reformation hervorgegangen sind, einzutreten, war und ist doch das schier unglaubliche Geschehen um die mittlerweile nun endlich geschlossene „Odenwaldschule“ damals zu einem für jedermann offen zutage liegenden Kainsmal des deutschen Kulturprotestantismus und seines Milieus geworden.
Nur daß dieses Milieu, bis heute, die bessere Presse hat…
Im konkreten Einzelfall muß ich es daher und aufgrund der biographischen Umstände, für wahrscheinlich halten, daß auch hier der Mißbrauchsskandal der sprichwörtliche ‚Tropfen‘ war, der den lebenspraktisch erwünschten Weg in eben diese Sphäre möglich machte.

Gereon Lamers