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PuLa Reloaded: Die Denkmalschützer

Es gibt wieder ein Jubiläum zu feiern. Am kommenden Samstag, dem 8. Mai 2021, jährt sich die Weihe der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel in Herz Jesu Weimar zum zehnten Mal. Wir werden daher auch am kommenden Samstag, direkt zum Geburtstag, ein Reload mit entsprechender Einleitung und Erläuterung posten und unseren allseits beliebten und offenbar immer noch so dringend benötigten Senf zum Anlaß dazugeben. Heute möchten wir Ihnen zunächst einmal den Sketch vom 6. Mai 2013 in Erinnerung rufen – ein Sketch, der die Widerstände gegen das von fachlicher Seite ergänzte Klangsegel aufs Korn nimmt und dabei jede Menge Atmosphärisches von der damaligen Stimmung, vom damaligen Zustand der Pfarrei spürbar werden läßt. Theoretisch haben wir das Problem rund ums Klangsegel der neuen Orgel hier bereits ausführlich erläutert und Sie können alle Fakten bei Gelegenheit genau nachlesen. Jetzt, heute Abend, lehnen Sie sich einfach zurück und genießen Sie

 

Die Denkmalschützer

Ein Sketch für drei Personen

(Wir befinden uns in dem beschaulichen Städtchen Wundersdorf im Oderbruch. Die katholische Pfarrkirche Maria Hilf!. Wie gewohnt will sich Corinna die Kirche aufsperren, um nach dem Rechten zu sehen und die Kollekte für die vielfältigen Aufgaben in der Großpfarrei nachzuzählen, als sie wie angewurzelt stehenbleibt: Die Kirche ist offen! Ohne ihre Erlaubnis! Wutschnaubend stürmt sie das Gebäude, um wiederum vor Schreck zu erstarren: Im Blick hat sie die Deckenlampen der Pfarrkirche: die zwölf Hängeleuchter mit je zehn blitzblanken Bommelbirnen. Auf einer hohen Leiter steht ein Arbeiter, offensichtlich im Begriff, diese Deckenbeleuchtung nach und nach abzuschrauben. Ein weiterer Arbeiter steht am Fuße der Leiter und assistiert seinem Kollegen.)

Corinna (im Befehlston): Was machen Sie hier?!

Der zweite Arbeiter: Det sehn Se doch. Wir schrauben de Lampen vonna Decke.

Corinna: Sofort hören Sie damit auf und verlassen das Gebäude! (Sie zeigt mit ausgestrecktem Arm den Mittelgang entlang in Richtung Hauptportal.)

Der erste Arbeiter (hebt vorsichtig die gerade entfernte Lampe aus ihrer Halterung und dreht sich gelassen nach dem Störenfried um): Mit wen ham wa denn die Ehre?

Corinna (barsch): Corinna Bischof. Ich bin hier der Herr im Haus!

(Die beiden Arbeiter prusten vor Lachen los. Der erste steigt vorsichtig von der meterhohen Leiter, reicht zwischendurch dem Unterstehenden die Lampe an und verrückt die Leiter unter die nächste Deckenleuchte. Während der zweite Arbeiter die Lampe in einer vorbereiteten, gepolsterten Kiste verstaut, steigt der erste Arbeiter wieder die Sprossen hinauf.)

Corinna (wütend): Runter da, hab ich gesagt! (Sie stürmt auf die Leiter zu, um daran zu rütteln. Gerade noch rechtzeitig kann der zweite Arbeiter ihr in den Arm fallen.)

Der zweite Arbeiter: Jetz hörn Se mir ma jut zu, Frollein Jungefrau! Wir ham hia im Ufftrach vonne obastn Denkmalbehörde de Lampen vonna Decke und de Taschenhaken vonne Bänke zu entfern’n. Und det wern wa ooch mach’n! Is schließlich nich Ihr Jebäude, hia!

Corinna: Aber selbstverständlich ist das mein Gebäude! Ich bin doch die Gemeinde!

Der erste Arbeiter (guckt schief von der Leiter): Wenn Sie imma so’n Ufftret’n haam, wundert mich det jar nich, det sons‘ keena mehr komm‘ will!

Corinna: So habe ich das nicht gemeint! Bei der Wahl zum Kirchenvorstand konnte ich 327 Stimmen sammeln – äh, auf mich vereinen. Von 5613 Leuten. Und jetzt raus! (Sie versucht wieder an der Leiter zu wackeln.)

Der zweite Arbeiter (fällt ihr in den Arm): Sagen Se ma: Wenn Sie hier de selbsternannte Nummer Eins sind, denn ham Sie doch selba de Denkmalbehörde uff den Zustand von dieset Jebäude hia uffmerksam jemacht!

Corinna: Selbstverständlich! Ohne mich geht hier gar nichts. Aber ich habe doch nicht angeordnet, die Lampen zu entfernen!

Der zweite Arbeiter: Nee, det nich. Aba Se ham sich bei de Denkmalbehörde über det Klangsejel von de Orjel beschwert, wat die Fachleute zum Stimm’n und Rejistrian brauchen.

Corinna: Das Klangsegel ist ja auch eine Zumutung! Gut, daß das sofort wieder weg kam!

Der zweite Arbeiter: Wenn hia wat ne Zumutung is, denn sind det die Taschenhaken, die irjendeena, der nischt von de Sache vasteht, nach de Renovierung hat anbring’n lass’n. Det war wohl Ihr Kirchenvorstand?

Corinna (verächtlich): Pff! Für solche Entscheidungen brauche ich doch nicht die Gremien! Das habe ich selbstverständlich allein entschieden. Die Haken sind funktional und bleiben dran! Und jetzt raus!

Unpassende Taschenhaken an renovierten Kirchenbänken, Symbolbild
(eigenes Bild)

Der zweite Arbeiter (nimmt die nächste Lampe von seinem Kollegen entgegen): Die Haken komm’n ab und wern durch ne stiljerechte Serje asetzt. Da kriejen Se in den neesten Tag’n Bescheid von unsan Fachpersonal. (Er hilft seinem Kollegen, die Leiter zu verrücken.) Und mit de Lampen detselbe.

Corinna: Die Lampen sind funktional – das sieht doch schon gar keiner mehr!

Der zweite Arbeiter: Wenn hia wat funktional is von den neu einjebauten Sachen, denn is det det Klangsejel. Und det sieht schon jar keena, det hängt ja hinta de Leute über de Orjelempore.

Corinna: Eben! Und dort sehen es der Pfarrer und ich vom Altarraum aus, wenn wir unsern Dienst tun. Völlig unmöglich! Das Klangsegel verdeckt wertvolle bauliche Details, die unsere Kirche verschönern.

Der erste Arbeiter (grinst): Ick denke, Se möjen’s funktional … (Die beiden lachen.)

Corinna (eiskalt): [Es folgt eine längere Textpassage vulgärer Flüche und Beschimpfungen, die wir unseren Lesern nicht zumuten möchten.] So! Und jetzt verschwinden Sie, ich sag’s zum letzten Mal!

Der zweite Arbeiter (grinst): Na, denn ham wa ja jetz endlich unsre Ruhe! (Er nimmt die dritte Lampe entgegen und verstaut sie vorsichtig in der Kiste.)

Corinna: Wenn Sie hier die Lampen alle abschrauben, dann ist die Kirche ja dunkel!

Der erste Arbeiter: Denn stell’n Se ma hia nich immer so ville Lichter unta ‘n Scheffel, denn strahlt ihre Jemeinde ooch ohne Lampen.

Corinna (dreht sich um und schreit): Weihbischooooof! (Sie rauscht raus.)

Der zweite Arbeiter (blickt ihr schmunzelnd nach): Wie meene Kleene: Null Frustrationstoleranz!

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

 Ja, so geht’s zu in Wundersdorf! Ob man sich eine so durchsetzungsfähige Denkmalspflege wohl auch in anderen Teilen Deutschlands vorstellen könnte? 😉

Klagemauer und Schiefertafel

Cultural appropriation und investigatives Potential

Etliche Pfarreien in Deutschland haben derzeit eine kleine Klagemauer. Evangelisch wie katholisch. Ost wie West. Manche direkt vor dem Altar. Manche in ihrem Pfarrgarten. Auch in Herz Jesu Weimar wich nach Mariä Lichtmeß die große Weihnachtskrippe nicht den üblichen vier Bankreihen (die seit unserem Beitrag „Seinlassenvom 8. April 2020 übrigens im südlichen Querarm vor der Marienkonsole nicht mehr schräg auf den Volksaltar im Chorraum ausgerichtet sind, sondern wieder gerade stehen [Anm. d. Red.: Was allerdings immer noch ein nur sehr schwacher Schritt zur notwendigen Restitution der Seitenaltäre ist. Aber immerhin]). Sondern es wurde rechtwinklig eine kleine Klagemauer aufgebaut und durch die restlichen Bänke von Norden und Osten zum Karree ergänzt.

Die „Steine zum Weinen“ in Herz Jesu Weimar seit Anfang Februar 2021 (eigenes Bild am 20. April 2021)

Tatsächlich wie bei der Klagemauer in Jerusalem sollen Zettelchen mit Gebetsanliegen und traurigen Gedanken zwischen die Steine gesteckt werden.

Zettel in der Klagemauer in Herz Jesu Weimar (eigenes Bild am 20. April 2021)

Man hat keine Mühen gescheut: Ein reflektiert und liebevoll gestaltetes Gebetsblatt liegt hierzu eigens aus. 

Ein Gebetsblatt für die Klagemauer in Herz Jesu Weimar (eigenes Bild am 20. April 2021)

An der Westseite des Querarms (also Richtung Chorraum) aber ist ein weiteres Element aufgebaut, das der Trauer aufhelfen soll. Sorgfältig beschriftet, erinnert eine Schiefertafel an die insgesamt seit Beginn der ersten Krankheitswelle in Weimar Verstorbenen, deren Ableben mit dem inzwischen vielfach mutierten Coronavirus in Verbindung gebracht wird. Der erste Mensch starb in unserer Stadt am 12. November letzten Jahres.

(Die Todesursache war damals von der Stadt presseöffentlich dezidiert als nicht eindeutig auf das Coronavirus festzulegen bestimmt worden. Das ist aber in diesen Fällen bekanntlich gleichgültig.) Insgesamt sind bis heute in Weimar 98 Menschen in den letzten 15 Monaten an oder mit dem Virus ihrer Krankheit erlegen. 90 davon sind auf der Schiefertafel in Herz Jesu Weimar verzeichnet.

Die Klagemauer haben meine in political correctness bestens geschulten Kinder sofort als einen Fall von ‚cultural appropriation demaskiert: als Dekontextualisierung und kulturelle Aneignung eines isolierten Elementes einer Minderheitenkultur. Der gedachte Daumen ging angesichts der Installation in der Kirche daher nach unten. Ich bin einige Wochen lang diesem Urteil gefolgt, und zwar genau so lange, bis ich mir die Schiefertafel einmal genauer angesehen habe. Dies geschah anläßlich des bundesweiten Gedenktages für die Coronatoten, den der Bundespräsident am Sonntag 18. April 2021 zelebrierte und an dem sich auch die Kirchgemeinden mit entsprechenden Anmerkungen in den Gottesdiensten beteiligten.

Denn mehr als Anmerkungen konnten es beispielsweise in Herz Jesu Weimar nicht sein. Nachfragen bei einer rührigen alten Dame (Jg. 1929) aus der Gemeinde, bei der Leiterin des Seniorenkreises sowie bei einer betagten Küsterin förderten nicht eine einzige Erinnerung an ein an oder mit Corona verstorbenes Gemeindemitglied zutage. Einzig unser Pfarrsekretär hatte den Namen eines hochbetagten Herrn aus einer unserer Filialgemeinden parat. Eine Nennung der Opfer, wie sie bei Gedenken ja eigentlich gang und gäbe ist, fiel also an jenem Sonntag nicht nur aus Gründen des Datenschutzes unter den Tisch des Herrn.

Die Woche drauf besah ich mir die Schiefertafel noch einmal genauer. Sie verzeichnete also alle Weimarer Toten, nicht etwa speziell die der Pfarrei. Mir fiel auf, daß die Liste seit dem 18. Februar nicht weiter vervollständigt worden war und tippte auf den häufig genug verebbenden Elan in ehrenamtlicher Tätigkeit.

Dann kam mir die Idee, einmal durchzuzählen, wie viele Daten denn die Tafel schon nannte. Es waren 90. 90 von damals 96 Toten. 90 bis Mitte Februar. Und da fiel mir plötzlich das ungeahnte aufklärerische, ja aufrührerische Potential dieser Tafel auf, das ich bis dahin unterschätzt hatte:

In den elf Wochen von Anfang Dezember bis Mitte Februar sind in Weimar 90 Menschen mit oder an Covid19 verstorben.

In den mittlerweile elf Wochen seither acht.

Die Erkenntnis fiel in die Zeit, als in den Weimarer Schulen gerade wieder die Angst vor Schließungen umging – eine Angst, die sich als nur allzu begründet erweisen sollte. Tage später saßen die Kinder und Jugendlichen wieder zuhause, alleine über irgendwelchen Arbeitsblättern. Die Erkenntnis fiel auch in die Zeit, in der die Präsenz-Messen noch weiter reduziert, noch mehr ins Online-Angebot verlegt und durch Eucharistische Anbetung mit Kommunionausteilung ersetzt wurden. Zwar zeigt genau die Tafel in unserer Klagemauer-Installation, die unter den zu betrauernden Weimarer Toten nicht ein einziges Gemeindemitglied auflistet, daß Messen offenbar nicht zu den Hotspots des Infektionsgeschehens zählen. Aber dennoch: Die Zahlen stiegen doch so!!!

Was für Zahlen? Die Zahlen positiv Gestesteter, asymptomatisch Infizierter – gerade auch unter den Schülerinnen und Schülern. Denn – auch wenn es in der konkreten Umsetzung wie alles im Pandemiemanagement haperte – die Kinder mußten und müssen sich Selbsttests unterziehen, möglichst zweimal die Woche. Viel gefunden wurde und wird nicht – davon kann man sich täglich auf der entsprechenden Internetseite der Stadt Weimar überzeugen. Und bei so drastisch sinkenden Todeszahlen bekommt angesichts der Schiefertafel in unserer Kirche das Schlagwort von der „Laborwelle“ ein ganz neues Gewicht.

Danke! Ausdrücklich danke an die Initiatoren des Projekts „Steine zum Weinen“ – und besonders für die Idee der Zusatzinstallation dieser sorgfältig beschrifteten Tafel. Schreiben Sie ruhig auch die fehlenden acht Daten noch auf. Die Wochenabstände, die sie markieren werden, dürften das investigative Potential der nur auf den ersten Blick so unscheinbaren Installation noch deutlicher in den Vordergrund treten lassen.

Neunzig mit Covid19-Infizierte verstarben in Weimar in der Advents- und Weihnachtszeit 2020/21. Bis heute sind seitdem noch acht Menschen hinzugekommen, die die Schiefertafel neben der Marienkonsole in Herz Jesu Weimar schon gar nicht mehr verzeichnet. (eigenes Bild am 20. April 2021)

 

Cornelie Becker-Lamers

Sketch des Monats: Der Hirtensonntag

Ein Sketch für sieben Personen und eine mittelgroße Schafherde

 

Wundersdorf, die allseits bekannte Schafweide. Richard, Edith und Teresa, Hanna und Karl, Silke und Hedwig erreichen auf ihrem Spaziergang das Gatter und sehen alle Schafe gebannt in eine Richtung starren: In der südöstlichen Ecke der Weide ist eine Public-Viewing-Leinwand aufgebaut, auf der ein mit klarem Gesang unterlegter Tierfilm läuft.

Aber Moment mal …kommt uns diese Stimme nicht irgendwie bekannt vor? Und die Tiere doch irgendwie auch …?

Richard (grinst befriedigt): Wir kommen genau richtig.

Silke: Na – jetzt bin ich gespannt!

Edith: Flocke! Kohle!

Teresa: Fixi! Hu-uf!

Die genannten Schafe schauen sich um und kommen zum Gatter getrabt. Wolle, Grauchen und Blütenweiß hinterher.

Richard: Der Film ist ja schon fertig!

Hanna: Wer singt denn da? Die Stimme kenn‘ ich doch irgendwoher …

Karl: Ist das nicht Teresa?

Edith: Na klar ist das Teresa!

Teresa: Jau!

Hedwig (lacht und klatscht in die Hände): Na! Da habt ihr uns ja wirklich nicht zu viel versprochen!

Silke: Stimmt! Das ist wirklich eine Überraschung!

Hanna: Was singst du da, Teresa? (Sie lauscht)

Teresa: „Schafe können sicher weiden“

Kohle: Das Lied zum Hirtensonntag letzte Woche (er schluckt).

Edith (erschrocken und mitfühlend): Aber Kohle! Du weinst ja!

Kohle: Bei diesem Stück muß ich immer weinen (er vergräbt sein Gesicht in den Vorderläufen).

Hedwig (mitleidig): Es ist aber auch so schön! – Von Bach, oder?

Wolle: Klar!

Grauchen: Aus der Jagdkantate.

Hanna: Die Geschichte mit Diana und dem schönen Hirtenknaben?

Karl: Den sie in ewigen Schlaf gelegt hat, um ihn besser küssen zu können? (Er grinst.)

Hedwig (seufzt): Hach! Mondgöttin müßte man sein (die Frauen lachen).

Silke: Und wer hat den Film von euch dazu gedreht?

Teresa (quiekt): Da! Da sieht man Huf ganz groß!

Kohle: Stimmt. Huf hat er ein paar mal rangezoomt.

Hanna: Ein richtiges close up (sie lacht).

Silke: Aber von wem ist denn nun der Film?

Kohle: Da kam so ein Student aus – äääh! – Leipzig glaube ich?

Wolle: Ja, Leipzig. Sein Account heißt 3000 Bilder oder so.

Blütenweiß: Er ist eigentlich auf Wasservögel spezialisiert.

Grauchen: Genau. Postet Entenmama mit Küken und so …

Flocke: … aber vor allem reihenweise einsame Erpel!

Flocke: Echt heartbreaking!

Grauchen: Aber auch wunderschön!

Wolle: Wie dem auch sei! Ich finde, er konnte sehr gut auch mal unsere Herde filmen!

Karl: Und wie seid ihr an den jungen Mann rangekommen?

Kohle: Instagram-Bekanntschaft von Edith (er nickt Edith mit dem Kopf zu).

Edith (grinst): Yep! Jede Menge konstruktiver Kommentare können sich ja auch mal auszahlen!

Karl: Dann laßt uns den Film nun aber auch mal in voller Länge anschauen!

Sie öffnen das Gatter und gehen auf die Leinwand zu, auf der der Film in einer Endlosschleife läuft.

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf! Auch die Schafe denken sich etwas aus, um nach wie vor mit der Coronasituation und ihren vielen Verboten zurecht zu kommen. Was sind nicht schon alles für Filme deshalb entstanden!

Aber nun wollen doch auch wir sehen, was die Schafe ihrem Besuch aus dem nahen Städtchen vorführen. Enjoy! 🙂

 

PuLa reloaded: Vor dem Papstbesuch 2011

Die einleitenden Worte zu der heutigen Folge in der Reihe ‘PuLa-reloaded’, in der wir wichtige Beiträge der ersten zehn Jahre dieses Blogs erneut veröffentlichen, waren schon geschrieben, und sie hätten im Sinne einer Abwechslung zwischen Beiträgen der beiden Menschen, die hier (weit überwiegend) schreiben, vor einem meiner (GL) Texte aus dem Jahr 2011 stehen sollen. Aber das mit der Abwechslung ist ohnehin ein relativ unwichtiges Kriterium (cf. Gen 2,24 😉 ).

Es handelt sich dabei um einen jener wichtigen Texte, die verstehen lassen, warum alles so gekommen ist, wie es kam, vor allem die verhärtete Feindschaft gegenüber unsere ganzen Familie. 

Wir wollen ihn auch nicht gänzlich unter den Tisch fallen lassen, denn das wäre unwahrhaftig, sind wir doch unverändert davon überzeugt, daß die mangelnde Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte der Pfarrei bis heute die Atmosphäre belastet und falsche Narrative am Leben erhält!

Aber es ist eben auch ein sehr unmittelbarer, ja, meinetwegen ‘harter’ Text, der dazu stehe ich, damals unvermeidlich (und inhaltlich richtig) war, aber heute…?

Die Lösung, für die ich mich entschieden habe, ist typisch PuLa 😎 (das in der “Szene” ja sehr schnell als: “Ihr seid das mit den Sketchen, stimmt’s?” bekannt wurde), ein Sketch!
Darin wird die Sache auch verhandelt (und auf meinen damaligen Beitrag ist drin verlinkt).
Daher hier: 

Sketch des Monats – Die Verlautbarung

Der Hl. Vater besucht bekanntlich auch Berlin.

Und siehe da, auch unsere Brüder und Schwestern in Wundersdorf haben so ihre Sorgen in der Zeit der Vorbereitung…

(Zur Weimarer Situation hatte PuLa ja bereits hier Stellung nehmen müssen.)

Ein Sketch für acht Personen 

(Wundersdorf, Pfarrbüro der Gemeinde „Maria Hilf“. Hanna und Edith, Silke und Emma sitzen oder stehen bei Monique, der Pfarrsekretärin, um den Schreibtisch herum. Sie sind augenscheinlich nicht der besten Laune, brüten vor sich hin oder diskutieren gereizt.)

Hanna: Nicht zu fassen! Und so ganz ohne Not! Macht sich und uns alle zum Obst, weil die Zeitungen im Sommerloch nicht wissen, was sie schreiben sollen.

Edith: Wenn er sich geäußert hätte, als die Diskussion um den Ort noch anstand, das hätte ja noch Sinn gehabt – aber jetzt, fünf Minuten vor der Angst?! Wem will er denn jetzt noch damit imponieren?

Silke: Wahrscheinlich ist inzwischen raus, daß er bei der Feier keine große Rolle spielen sollte und ist beleidigt.

Edith: Genau! Und warum soll er dann für irgend jemanden so schrecklich früh aufstehen?!

Hanna: Da hat er ja erst in der Osternacht wieder eine Bemerkung drüber gemacht.

Edith: Und jetzt ist es sogar bloß dessen Stellvertreter!

(Sie lachen grimmig auf, schütteln den Kopf, fahren sich mit der Hand über die Augen etc.)

Emma: Daß über das Ereignis irgendwelche Leute den Stab brechen würden, war ja zu erwarten …

Edith: … aber wenn es ein Hirtenstab ist, bleibt einem doch erstmal die Spucke weg!

Hedwig (klopft und kommt lächelnd herein): Guten Morgen! Was ist hier denn für eine Vollversammlung?

Hanna (schiebt Hedwig die Lokalseite des Petershagener Boten hin) Hallo, Hedwig. Pfarrer Kneif macht seinem Namen mal wieder alle Ehre. Schon gelesen?

Hedwig (überfliegt den Artikel und wird blaß. Sie blickt fassungslos in die Runde): Er distanziert sich vom Papstbesuch … Das gibt’s doch nicht … (Sie nimmt lesend auf einem freien Stuhl Platz)

Edith (gereizt): Mhm! Det is jut, wa? (Sie gestikuliert) Ick renne mir seit Wochen die Hacken ab, um noch Helfer für den Papstbesuch zu werben, und unser Herr Hirte lässt verlauten, er mache jedenfalls schon mal nicht mit. Wie stehen wir denn jetzt da?

Hedwig: Ich bin eigentlich gekommen, um die Unterrichtsmaterialien aus Freiburg abzuholen. Sind die mittlerweile da?

Monique (langt ihr einen großen braunen Briefumschlag aus dem Posteingang): Hier, bitte. Ich wollte dich schon anrufen.

Hanna: Was ist das?

Hedwig: Unterrichtsmaterialien, die das religionspädagogische Institut der Erzdiözese Freiburg erarbeitet hat, zur Vor- und Nachbereitung des Papstbesuches. (Sie reißt den Umschlag auf und entnimmt ihm diverse Handreichungen. Vor sich hin) Wie soll ich den Schülern den Papstbesuch nahe bringen, wenn der Pfarrer sich zitieren lässt, es sei bloß ein Event, zu aufwendig und womöglich ohne Nachhaltigkeit? (Sie liest aus dem Anschreiben vor) „Mit großer Vorfreude sehen wir diesem außerordentlichen Ereignis entgegen, von dem wir uns vor allem wichtige spirituelle Impulse, gerade auch für die Begeisterung im Glauben und dessen Weitergabe an die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen erhoffen“ (Sie wirft die Handreichung flach auf den Schreibtisch und blickt ernst in die Runde).

Edith (nickt): Tja. So kann man das auch formulieren!

Emma: Um nicht zu sagen: Er wäre dafür da, solche Sätze zu finden und nicht die Gegenargumente. (Alle nicken ihr zu)

Hanna: Spirituelle Impulse …

Edith: Den Geist erfahren …

Hedwig (sarkastisch): Und wir haben statt einem Geist-Erfahrer hier einen spirituellen Geisterfahrer …

Silke: … total neben der Spur …

Hanna (liest aus dem Zeitungsartikel) „So wird die Ökumene beispielsweise nur noch zaghaft diskutiert“ – hallo?! Es gibt in Erfurt da diesen Dialog im Augustinerkloster, das wird weltweit wahrgenommen!

Edith (sarkastisch): Aber so viel wie Pfarrer Kneif tut wahrscheinlich kaum einer für die Ökumene … ihr wisst, was ich meine?! (Alle nicken ihr zu und schnauben grimmig).

Emma: Seine evangelischen Kollegen werden sich jetzt auch auf die Schenkel klopfen, was das Ernstnehmen der kirchlichen Hierarchie bei uns angeht.

Hanna (zischt): Vorsicht! Da kommt Corinna!

Corinna (poltert ohne anzuklopfen herein): Guten Morgen!

Alle (durcheinander): Hallo – guten Morgen – grüß dich, Corinna.

Hanna: Na, mal wieder fleißig?!

Corinna (unwirsch): Einer muß in diesem Saustall ja aufräumen! Jetzt auch noch dieser Papstbesuch! Ich kann zur Zeit gar nicht so viel essen, wie ich kotzen könnte! (Sie zieht Unterlagen aus dem Schreibtisch und rauscht wieder hinaus).

(Alle blicken sich an, rollen die Augen oder stöhnen.)

Karl (kommt herein. Freundlich): Guten Morgen! Was ist denn mit Corinna los, sie rennt einen ja fast um?

Hanna (zuckt mit den Schultern): Sie hat uns an ihrer unaufschiebbaren Tätigkeit nur auf sehr unbestimmte Weise teilhaben lassen.

Edith: Schon Zeitung gelesen?

Karl: Nein, aber im Deutschlandfunk gehört.

Alle: Was? Das bringen sie jetzt schon im Radio?

Karl: Der Kindsmörder kriegt 3.000 Euro Schmerzensgeld – meintet ihr das nicht?

Monique: Nein. Herr Kneif boykottiert den Papstbesuch und will an keiner der Messen teilnehmen.

Karl: Ach du liebe Güte! Wo ist er denn statt dessen?

Hanna: Weiß er noch nicht.

Karl: Aber weg?

Edith: Ja, weg. Beten.

Karl: Ui!

Silke: Er fliegt vielleicht nach Israel …

Hanna: … jetzt mal ganz nachhaltig …

Edith: Da war er ja eigentlich im Advent gerade erst eine Woche …

Hedwig: … und im März zehn Tage in Syrien …

Hanna: Im Januar war er dann zu den Einkehrtagen …

Emma: … im Februar in Köln, Fasching feiern …

Monique: Ende Juni noch mal die Woche bei diesen österreichischen Prämonstratensern …

Karl (schlägt mit dem Handrücken auf die Zeitung in seiner Hand): Also, dafür, daß er sich so viel auf heilige Reisen begibt, ist er in spirituellen Fragen ganz schön desorientiert!

Silke (zitiert): „Herr, bleib bei uns, wenn’s Abend wird, daß wir nicht irre gehn!“

Edith: „So wird die Herde wie der Hirt’ …

Alle: … einst glorreich auferstehn (sie singen) Hallelujah! Hallelujah! Hallelujah!“

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf. Ob wir in Weimar zumindest die Vorbereitung im Schulunterricht besser hinkriegen?

„ … wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören“

Ergänzungen zur Rezeptionsgeschichte des „Menschenbeweises“

Das hätte ich jetzt beinahe vergessen. Zum „Menschenbeweisgibt es ja eine Parallelgeschichte, die an theologischem Hosenboden meine kleine Phantasie über die beiden Blutkörperchen weit übertrifft. Das ist aber auch kein Wunder. Denn diese Parallelgeschichte stammt aus der Tastatur eines Priesters. Und so habe ich sie kennengelernt:

Über Christi Himmelfahrt 2018, als man noch unbeschwert quer durch Deutschland reisen und in anderen Bundesländern übernachten durfte, haben Gereon und ich mit Freunden Bad Muskau besucht. Für altgediente Wörlitz-Fans wie uns steht das immer mal auf der Agenda und man bereut es grundsätzlich nicht. Sehr pittoresk und im Schloß eine ebenso informative wie kurzweilige Ausstellung über den „grünen Fürsten“ und Erfinder des Fürst-Pückler-Eises.

Das Schloß Bad Muskau auf der deutschen Seite des Parks (eigene Bilder am 18./19. April 2017)

Die Blaue Brücke und die Brücke nach Polen im Muskauer Park (eigene Bilder am 19. April 2017)

Wir wären nicht im Osten, besäßen die Ortschaften nicht auch noch die eine oder andere malerische Fabrikruine: Bad Muskau, Brauerei (eigenes Bild am 18. April 2017)

Natürlich waren wir zum Hochfest auch in der dortigen katholischen Kirche und erlebten als Zelebranten den ansässigen Ortsgeistlichen, Hw. Michael Noack. Passend zum Fest Christi Himmelfahrt war der Aufhänger seiner Predigt genau das Juri-Gagarin-Zitat, auf das sich auch mein Sketch „Der Menschenbeweis“ bezieht.

Vom Schloßturm aus ist über den Baumwipfeln ganz rechts die katholische Kirche zu sehen (eigenes Bild am 19. April 2017)

Wieder daheim, setzte ich mich daher an den Rechner und schrieb Hochwürden eine Email des Inhalts, daß uns die Messe gut getan und seine Predigt gefallen habe. Als Anhang übersandte ich den passenden Sketch. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten und war sehr erfreulich. Denn Pfarrer Noack bedankte sich und schrieb: „Ihre Seite kenne ich schon.“ Aaaah! 🙂 Das hört man doch immer wieder gern!
Und weiter: „Ich bin vor einer Weile mal über die Seite gestolpert als ich Sketche suchte.“ Und wie zum Beweis seines Sinnes für Gleichnisse sandte auch er mir im Anhang eine kleine Geschichte in Dialogen. Sie ist weniger lustig, dafür aber umso tiefsinniger und zielt, wie Pfarrer Noack schrieb, „in die gleiche Richtung“.

Auch das Gleichnis des Muskauer Priesters spielt im menschlichen Körper. Allerdings unterhält sich hier ein Zwillingspärchen: Ein Geschwisterkind glaubt, es werde ein Leben nach der Geburt geben. Das andere hält das für verrückt, weil es sich keine anderen Lebensbedingungen und keine andere Umgebung vorstellen kann als die, in der es gerade existiert. Mit Schlüsselsätzen wie: dort, in dieser neuen Umgebung, werde es viel heller sein und der schnoddrigen Antwort: es sei noch keiner zurückgekommen, macht der kurze Dialog die Metapher Geburt = Tod als Geburt zu neuem, ewigen Leben unmißverständlich klar.

Den Tod des Menschen mit der Geburt zu vergleichen und unsere Abhängigkeit von Gott mit der des Fötus vom mütterlichen Organismus – das fand ich schon wirklich großartig und möchte mich an dieser Stelle noch einmal herzlich bei Pfarrer Noack bedanken. Natürlich entläßt er als Priester seine Leser nicht aus der Geschichte, ohne einen Hinweis auf die Erfahrbarkeit Gottes auch hier im irdischen Leben zu geben. Als der zweite Zwilling zu Protokoll gibt, er habe noch nie etwas von dieser Mutter bemerkt, versichert der erste: „Doch, manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören.“

 

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Eine winzige Anmerkung meinerseits zu der wirklich hervorragenden Ausstellung über den „Grünen Fürsten“ (so der Titel einer Biographie): Ja, ‚grün‘ war er, aber auch ein „Schwarzer“, denn: Fürst Pückler war auch einer der vielen hochrangigen Konvertiten jener Zeit! Daß die Ausstellung dies adäquat würdigt, ist unserer Erfahrung nach leider nicht selbstverständlich, im „Mutterland der Reformation“, viel mehr aber noch zu Zeiten, wo biographische Artikel (selbst zu historischen Persönlichkeiten!) häufig die Konfession nicht mehr erwähnen (shame on you, Wikipedia! 🙁 ); Volksverdummung ist das, gefährliche Volksverdummung!
Und so ist das Nachgehen des ‚katholischen Aspekts‘ an Fürst Pückler eines unserer zahlreichen Langzeitprojekte…

Gereon Lamers

PuLa Reloaded: Der Menschenbeweis

Zum heutigen PuLa-Reloaded-Mittwoch möchten wir einen Sketch wiederholen, den wir zuerst anläßlich einer Erfurter Juri-Gagarin-Ausstellung 2016 veröffentlicht haben. In diesem Monat hatte der erste bemannte Weltraumflug ein echtes Jubiläum – Mitte April 1961 hat Juri Gagarin 108 Minuten im Weltall verbracht und ist lebend wieder herunter gekommen. Der Sketch ist inspiriert durch die Worte, die dem Kosmonauten nachträglich in den Mund gelegt worden sind. Weiter muß man eigentlich nichts sagen, der Text hatte schon damals eine kleine Vorrede zur Erläuterung. Hier also kommt:

 

Und jetzt? Gott in Sicht? 53 Jahre Gagarin in Erfurt. Mit Sketch

Vor 55 Jahren, genauer am 12. April 1961 (schon wieder ein 12. April – kommt der jetzt in jedem meiner Texte vor? 😉 befand sich der russische Raumfahrer Juri Gagarin für 108 Minuten im Weltall und kehrte wohlbehalten zurück.

Eine Menge Witze sind über dieses Ereignis gemacht worden:

Der arme Gagarin! Hat die ganze Welt umrundet und wo ist er gelandet? Ausgerechnet in der Sowjetunion!

war m.W. ein beliebter DDR-Witz,

Ich war im Weltall und habe Gott gesehen. Sie ist schwarz.

kursierte vielleicht eher in der west-feministischen Studentenszene. (Yep! Studenten. Das zugehörige Maskulinum lautet bekanntlich Studerpel.) Am bekanntesten aber wurde der ihm durch die Sowjet-Propaganda in den Mund gelegte Spruch, er, Gagarin, sei im Weltall gewesen, aber Gott habe er nicht gesehen.

Anläßlich des wenn auch nicht gerade runden Jubiläums (aber was soll‘s – wir haben schließlich auch 90 Jahre Bauhaus gefeiert) zeigte das Museum für Thüringer Volkskunde Erfurt in der vergangenen Woche, nämlich vom 8. – 15. Oktober 2016 als Sonderausstellung Exponate einer von Gagarins Nichte zusammengestellten Schau und verband das ganze mit einer Erinnerung an den umjubelten Besuch Juri Gagarins und seiner Kollegin Valentina Tereschkova in einer ganzen Reihe Thüringer Städte 1963; vgl. auch den Radiobeitrag von DR-Kultur hier [nicht mehr verfügbar].

Als Kind lernte ich zum Thema Gagarin ausschließlich seinen angeblichen Ausspruch über die Nichtexistenz Gottes kennen, welche aus dessen – wie soll ich sagen? – beobachteter Unsichtbarkeit erschlossen wurde. Ich fand den Spruch schon damals so unglaublich dumm, daß ich erstens erleichtert bin, daß er lediglich von Propagandaseite erfunden worden ist und zweitens schon damals darüber nachgedacht habe, in welcher Form man nachvollziehbar machen könnte, wie dumm er ist. Irgendwann im Laufe der Jahre fiel es mir ein. Heute möchte ich es erzählen. Hier kommt:

Der Menschenbeweis

Ein Sketch für zwei Erythrozyten, einen Haufen wildgewordener Leukozyten,
einige renitente Thrombozyten und jede Menge Blutzell-Statisten

Wundersdorf, Oderbruch. Bei der im regelmäßigen Turnus im Gemeindehaus stattfindenden Blutspende (vgl. diesen, zur Zeit glücklicherweise historischen Sketch) rutscht ein Schwung Blutzellen eines beliebigen Spenders in die Blutkonserve. Wenige Tage später werden die Blutkörperchen im nahen Klinikum während einer Operation einem anderen Menschen verabreicht. Ery6x10⁸, eines der transfundierten roten Blutkörperchen, wird dabei Throzy23, einem roten Blutkörperchen des Empfängerkreislaufs, vor die Füße geschleudert.

Ery6x10⁸: Puh!

Throzy23 (stolpert fast über den Neuankömmling): Heidewitzka! Kannst du nicht aufpassen?

Ery6x10⁸ (rappelt sich auf): Entschuldigung!

Throzy23: Neu hier, was? Nie gesehn!

Ery6x10⁸: In der Tat – ich weiß nicht recht – aber mir kommt es auch so vor, als sei ich hier noch nie gewesen … (Er blickt sich suchend um).

Throzy23: Laß uns im Schwimmen weiterreden – der Sauerstoff hier muß in die Leber. (Er schwimmt weiter.)

Ery6x10⁸ (hinterher): Wie heißt du denn?

Throzy23: Throzy23 – und du?

Ery6x10⁸: Ich bin Ery6x10⁸.

Throzy23: Komischer Name!

Ery6x10⁸: Wo ich herkomme, hießen wir alle so.

Throzy23: Kaum zu glauben. Und? Bist du wenigstens Rhesus negativ?

Ery6x10⁸: (ganz erschrocken): Ja klar!

Throzy23: Hm! Ist auch schon besser so! (Eine Zusammenballung von Thrombozyten wird vor ihnen sichtbar): Oh nein! Nicht schon wieder!

Ery6x10⁸: Ok – so was gab es bei uns auch.

Throzy23: Eine Thrombozytendemo?

Ery6x10⁸: Nicht direkt – bei uns waren das die Jungs von der Kalkreiße. (Sie erreichen den Engpaß bei den Thrombozyten.)

Throzy23 (schnauzt die Thrombozyten an): Müßt ihr immer in dieser Arterienecke rumhängen? Die Passage ist hier grad eng genug! (Er schwimmt mitten in die Gruppe hinein und versucht sie auseinanderzutreiben.)

Die Thrombozyten (durcheinander): Häääääi! – Ey, Alter, paß bloß auf! – Autoritäres … [das folgende Wort wurde zensiert.]

Throzy23 (schwimmt weiter, ärgerlich): Jeden Tag das selbe Theater! Irgendwann kommt man da gar nicht mehr durch! Was sagt man dazu?

Ery6x10⁸: „Raucherecke“…

Throzy23 (guckt Ery6x10⁸ amüsiert an): Gar nicht schlecht! Wo hast du das her?

Ery6x10⁸: So hieß das bei uns. (Sie schwimmen weiter.)

Throzy23 (drückt sich plötzlich eng an die Wand): Vorsicht!

Ery6x10⁸^^ (drückt sich instinktiv auch an die Wand): Was ist los?

(Ein Stoßtrupp Leukozyten hechtet vorbei und rennt die beiden fast um.)

Throzy23 (blickt den Leukos hinterher, kopfschüttelnd): Das ist los! (Indem er sein Marschtempo wieder aufnimmt.) Die Herrschaften von der Abwehr denken wieder, sie seien allein auf der Welt.

Ery6x108 (vermittelnd): Naja – also sie sind ja nun auch für uns alle nicht ganz unwichtig …

Throzy23 (schnaubt verächtlich): Denen wünsche ich allesamt, daß sie mal einer Freßzelle über den Haufen schwimmen … Dann ist Schluß mit der Wichtigtuerei. Die machen Kleinholz aus allem, was ihnen in die Quere kommt.

(Sie schwimmen weiter.)

Ery6x10⁸: Also – wir einzelnen Blutzellen sind ja eigentlich gar nicht so wichtig. Wir müssen ja alle an den Menschen denken …

Throzy23 (hält völlig verdutzt an): An den Menschen?

Ery6x10⁸: (schlicht): Ja klar, an den Menschen.

Throzy23: Na, daß ich mal ein Blutkörperchen treffe, das an diesen Schwachsinn glaubt, hätte ich mir ja nicht träumen lassen.

Ery6x10⁸ (verdattert): Ja – aber … was glaubst du denn, warum wir das ganze hier machen?

Throzy23 (schwimmt weiter): Keine Ahnung – für uns selbst, oder weil es so ist? Woher soll ich das wissen?

Ery6x10⁸: Ja, aber es muß doch einen Sinn haben!

Throzy23: Es hat seinen Sinn einfach in sich selbst, und wenn es vorbei ist, ist es vorbei. So einfach ist das! (Er biegt in die Hauptschlagader ein.) Achtung, hier ist immer ziemlich viel Betrieb.

Ery6x10⁸ (versucht, Throzy23 nicht aus den Augen zu verlieren): Also … daß es bei der ganzen Sache hier nicht nur um uns geht, das habe ich mir schon ganz früh gedacht. Dazu ist es einfach alles viel zu gut organisiert!

Throzy23 (spöttisch): Besonders die Thrombos, die ewig zusammenhängen und uns die Bahn verstopfen!

Ery6x10⁸: Jetzt such doch nicht gleich das bißchen, was vielleicht nicht so läuft … Guck doch mal, all unsere Arbeiten sind aufeinander abgestimmt. Wenn wir etwas brauchen, ist es sofort da. Das kann doch kein Zufall sein! (Sie machen einer Freßzelle Platz und grüßen dabei ausnehmend höflich.)

Throzy23: Das heißt aber doch noch lange nicht, daß ich an diesen Blödsinn von einem Menschen glauben muß.

Ery6x10⁸ (versucht es noch einmal anders): Hör zu. Ich hatte doch jetzt dieses Erlebnis, daß ich in eine kleine Röhre geriet und mich tagelang kaum bewegen konnte – und wie durch ein Wunder wurde ich gerettet und hier zu euch hereingespült …

Throzy23: Ja – und? Was glaubst du, wie oft ich in der Leber festsitze und nichts geht weiter.

Ery6x10⁸: Trotzdem. Das jetzt die Tage war anders. Also mehr als das hier (er deutet im Kreis um sich) gibt es auf jeden Fall!

Throzy23 (bleibt stehen): Ich will dir mal was sagen, du Überflieger. Wo auch immer du bisher unterwegs warst: Ich kenne hier jeden Winkel. Ich war wirklich schon überall – aber einen Menschen habe ich noch nie gesehen. Das sind alles Märchen für Zellen, die irgendwie Probleme haben, ihr Leben mit Sinn zu erfüllen. (Er schnauft.) Übrigens muß ich langsam zurück, ich bin schon ganz blau.

Ery6x10⁸: Ok. Kehr um. Ich begleite dich.

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers

 

“O thou who changest not, abide with me” (3/3)

Beten

Beenden wir nun unseren Beitrag mit für meine Begriffe einem der schönsten Lieder, die Eingang ins Gotteslob gefunden haben. Es ist das Lied „Bleib bei uns, Herr“, das in einem sehr sanglichen Chorsatz in der nicht gereimten Nachdichtung von Franz-Josef Rahe und Paul Ringeisen zu Melodie und Satz von William Henry Monk (1823-1889) unter Nummer GL 94 zu finden ist. Monk vertonte hier einen bis heute im Vereinigten Königreich außerordentlich populären Hymnus von Henry Francis Lyte (1793-1847). Lyte verfaßte den Text, dessen zweiter Strophe der Titel unseres Beitrags entnommen ist, kurz vor seinem eigenen Tod. Die von mir eingangs angesprochene Metapher des „Abends“ für den Tod ist hier besonders greifbar.

Das Lied ist ein „(ö)-Lied, im GL zwar nicht als solches gekennzeichnet, aber selbstverständlich findet sich dieses anglikanische Must-have auch im deutschen Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 488. Zwar ist hier nicht der Chorsatz von Monk mit abgedruckt. Aber die Textübertragung ist deutlich besser, das muß man leider sagen. Alle fünf Strophen sind hier von Theodor Werner 1952 fast wörtlich, aber auch im Deutschen in Reime gefaßt übertragen worden.

Als Hörbeispiel möchte ich Ihnen ein auf dem originalen Chorsatz beruhendes, aber durch Stephen Cleobury mit Oberstimmen angereichertes Arrangement des King’s College Choir Cambridge aus dem Jahr 2011 verlinken. Den englischen Text finden Sie direkt unter dem Film auf YouTube unter dem Stichwort „mehr ansehen“. Enjoy 🙂 !

Neben dem schönen Arrangement mußte es an dieser Stelle die originalsprachliche Fassung sein, weil ich durch das Stichwort „abide!“ – „warte!“, „bleib!“ mal wieder einen kleinen Ausflug in die Etymologie mit Ihnen unternehmen möchte 🙂 . Ich habe ihn schon lange geplant, weil ich die Sache auch schon einmal im Bibelkreis auf meine Freundinnen und Freunde inklusive Professor em. Hentschel losgelassen habe, als es anhand von Psalmen darum ging, ob Gott überhaupt „heute noch“ Gebete erhöre. Durch das „Abide with me“ bietet es sich an, den sprachgeschichtlichen Aspekt des Themas „beten“ auch auf PuLa einmal anzuschneiden.

Abide heißt warten. Erinnert das Wort Sie an etwas? An das Wort bid – die Bitte – zum Beispiel? Dann haben Sie ein sehr gutes Sprachgefühl und sind absolut auf der richtigen Spur. Abide vom Altenglischen bidan, bleiben, wird im englischen etymologischen Wörterbuch mit den entsprechenden Begriffen des Althochdeutschen, Gotischen, Altsächsischen, Altfriesischen etc. in Verbindung gebracht, die sämtlich mit winzigen Abweichungen bidan, biden, bitan, bida etc. lauten und allesamt warten bedeuten. Aus dem deutschen etymologischen Wörterbuch geht hervor, daß auf dem Weg ins Mittelhochdeutsche der mittlerweile zum Wort beiten abgeschliffene Ausdruck durch das Wort warten abgelöst wird. Das deutsche Stichwort beten liefert den Hinweis auf das Wort bitten, zu welchem wiederum das gotische bida etc. der älteren Stufen der verwandten Sprachen begegnet.

Wie kommt es zur Übernahme des Wortes warten für die Idee von beten? Die Sprachhistoriker weisen darauf hin, daß den Germanen die Idee des Betens in unserem Sinne nicht geläufig war. Wie auch? Setzten die unseren Vorfahren bekannten Zaubersprüche den Eingeweihten doch in den Stand, herbeizuführen, was er wünschte: „insprinc haptbandun inuar uigandun“ – „Entspring den Banden, entweich den Feinden“ heißt es zum Beispiel im ersten der Merseburger Zaubersprüche, während der zweite in den Stand setzt, Knochenbrüche zu heilen: „bên zi bêna, bluot zi bluoda, lid zi geliden, sôse gelîmida sîn.“ – „Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, wie geleimt sollen sie sein.“ (Überflüssig zu erwähnen, daß auch diese Zitate mir aus dem Munde meines Vaters von Kindheit an bekannt sind und mir dadurch die Liebe zu diesen Sprachzeugnissen untrennbar von ihrer Kenntnis ist 😉 ).

Die Merseburger Zaubersprüche; heute Domstiftsbibliothek Merseburg; das oben Zitierte ist hier ab der Mitte der dritten und in der vierten Zeile bzw. zu Ende des zweiten Abschnittes zu lesen. (Quelle wikipedia gemeinfrei)

Die Idee des Betens im christlichen Sinne mußte auf einen bekannten Begriff gebracht und wie ein Lehnwort übernommen werden. Das christliche Beten zeichnet sich nicht mehr dadurch aus, daß wir selber das Ersehnte herbeiführen können. Wir bitten um die Aufmerksamkeit, zu bemerken, wann Gott uns das Erflehte schenkt. Wenn wir beten, warten wir. So scheint das Tertium Comparationis von warten und beten das Vertrauen zu sein – noch erhalten im lateinischen fidere (die Lautverschiebung eines labialen Reibelautes zum bilabialen Verschlußlaut kennen wir ja zur Genüge aus life/Leben, love/lieben, have/haben etc. So erklärt sich auch die Verwandtschaft von fidere und bitten.) Unser Gottvertrauen ist die Empfindung, die uns erwarten läßt, was wir erflehen.

 

Cornelie Becker-Lamers

“O thou who changest not, abide with me” (2/3)

Warten

Auch für den zweiten Teil meines Beitrags über die „Bleib-bei-uns“-Stücke möchte ich die Chronologie unterlaufen und mit dem wunderschönen Chorsatz eines Musikers beginnen, den wir auf PuLa schon einmal mit einer Komposition vorgestellt haben: Rudolf Mauersberger (1889-1971). Allerdings mußten wir diesmal erst persönlich tätig werden. Denn das Lied ist nur in einer Aufführung auf YouTube zu hören, die man eigentlich nicht hören möchte. Es war mir einfach nicht schön genug gesungen, um es Ihnen hier zu empfehlen. Bei den reizvollen Harmonien, die Mauersberger einsetzt, mußte eine intonatorisch saubere Einspielung her. Da ich aber gerade nicht genügend Stimmen zur Hand habe, sind wir einen Kompromiß eingegangen: Meine Tochter singt den Sopran des Chorsatzes und ich spiele alle vier Stimmen auf dem Klavier dazu.

Ein schlechter Ersatz. Ich weiß. Nichts, aber auch gar nichts kann die menschliche Stimme ersetzen. Unter anderem, weil nur die menschliche Stimme zugleich Sprache in der Musik transportieren kann. Und die Details des Textes sind auch in Mauersbergers Vertonung hochgradig relevant, etwa wenn erst im zweiten Akkord der Tenor den Ton aus dem Alt aufnimmt, mit seiner in Sekundschritten abwärts führenden Phrase beginnt und durch den versetzten Einsatz die Anrede doppelt: „Herr … Herr bleib bei uns!“ Desgleichen der Baß, der in der letzten Melodiephrase durch die Wortwiederholung seines versetzten Einsatzes mit seinem „Bleib“ das Flehentliche dieser Bitte unterstreicht: „Bleibe … bleib bei uns, es will Abend werden.“ (T. 29 – die Noten zum Mitlesen finden Sie übrigens hier)

Nichts kann das ersetzen.

Aber die Harmonien konnten wir mit dem Klavier halbwegs (#temperierteStimmung …) sauber herausstellen. Und die sind eben auch sehr schön und selbstverständlich sehr klug textausdeutend gewählt. Während das Wort „Herr“ ausschließlich in reinen Akkorden erscheint, zweimal in der Tonika (also der Grundtonart des Stückes) Es Dur und einmal in einer kleinen Terz, die zur Mollparallele c gehören könnte, aber versöhnlich in die Subdominante As Dur aufgelöst wird. Ebenso das Wort „bleib“ oder „bleibe“, dessen Vertonung sich ausschließlich in den reinen Akkorden von Tonika und Dominante (B Dur), deren Mollparallelen c und g und der Subdominante As Dur findet. Der göttliche Bereich des Herrn und seiner Treue zu uns ist den reinen Akkorden und den schlichten, klaren Strukturen einer tonalen Harmonik zugeordnet. Ein Gesang der Engel.

Dreimal im Verlauf des Stückes aber bricht die Komposition herb aus diesen einfachen Strukturen aus. Die Subdominante tritt uns in Moll entgegen. Der Akkord wird zudem durch Vorhalte von Septime oder None ins dramatisch Dissonante verzerrt, um lediglich in die Sekundreibung der Sixt ajoutée geführt zu werden. Eine wirkliche Auflösung findet an diesen Stellen nicht statt. Es sind die Worte „Abend“ (T. 10 und 31) und „uns“ (T. 23), die durch diese Dissonanzen verknüpft werden. Der irdische Bereich des Menschen und seiner Ängste, seiner Sterblichkeit und Verlassenheit wird spürbar in den Akkorden, in denen keine Auflösung erfolgt. Die Erlösung läßt auf sich warten, und sie findet sich nur bei Gott und seiner unverbrüchlichen Treue zu uns.

Diese, der Vertonung ablesbare, Intention der Komposition sollte bei jeder Interpretation des Stückes hörbar werden. Wir hoffen, wir haben das in Ansätzen erreicht und möchten Sie nun nicht länger mit theoretischen Erläuterungen von einem ersten Höreindruck abhalten. Hier kommt Rudolf Mauersbergers 1926 geschriebenes „Herr, bleibe bei uns“ in einer Fassung für Sopran und Klavierbegleitung. Enjoy 🙂

Bevor wir als krönenden Abschluß unserer Liedvorstellungen zum Original des „Bleibe bei uns“ aus dem Gotteslob (GL 96) in einem herzzerreißend schönen Arrangement vordringen und dann auch endlich über die Herkunft unseres Beitragstitels aufklären, hier noch eine Frucht des Lockdowns. Also den „Herr, bleibe bei uns“-Kanon kennen ja alle. Und natürlich haben sich auch wieder ein paar übliche Verdächtige an dem Emmaus-Thema kompositorisch vergriffen. Hierauf möchte ich nicht verlinken. Sehr ordentliche Musik hingegen macht eine (oder die???) „Kirchenband“ mit jungen, schönen Stimmen, die Ostern 2020 ein 1991 von Gregor Linßen (*1966) geschriebenes Lied aufgenommen hat und damit einen weiteren Beweis dafür liefert, welches Verbrechen es war und ist, all solchen Menschen seit einem geschlagenen Jahr das gemeinsame Musizieren zu verbieten. Hören Sie zunächst einmal das Lied:

Ich pflege ja bei Liedern, die solche Schmusestimmung und Lagerfeuerromantik verbreiten, gerne von „akustischem Campinggeschirr“ zu reden. Es ist ein von mir geprägter Kampfbegriff, um zu verdeutlichen, daß das Neue Geistliche Lied, etwa zur Gitarre gesungen, genausowenig in die Heilige Messe gehört wie man auf die Idee käme, die Wandlung im Alubecher zu vollziehen. Allerdings muß man nach allem, was man aus anderen Pfarreien so hört, vermutlich mittlerweile sagen: bisher niemand auf die Idee gekommen ist, die Wandlung im Alubecher zu vollziehen … wer weiß, was noch kommt … Aber – das ist eine andere Baustelle!

Da die christliche Erziehung sich jedoch nicht ausschließlich in der Heiligen Messe abspielen kann und sollte, haben solche Lieder und Interpretationen für Freizeiten, Treffen, Wallfahrten, das Singen im Unterricht etc. meines Erachtens absolut ihre Berechtigung und ich wollte auf diese wirklich qualitätvolle Einspielung unbedingt hingewiesen haben.

 

Fortsetzung folgt

 

Cornelie Becker-Lamers

 

PuLa reloaded: Conversi ad Dominum – oder: Wie ich lernte, die Pfarrkirche zu lieben

Mittwoch ist PuLa-Reloaded-Tag und nach dem überaus erfolgreichen frühen Sketch ‘Die Beichthotline, den Cornelie ursprünglich vom 1.6.2011 veröffentlicht hat, möchte ich heute an einen Text von mir erinnern, der am 14.10.2011 zuerst erschienen ist, und bereits etliche der Komplexe aufweist, mit denen wir uns dann in den kommenden Jahren beschäftigt haben – weil wir uns damit beschäftigen mußten

Wir sehen hier unser Eintreten für eine würdige Liturgie, gegen unsinnige modische Veränderungen unseres Kirchbaus, bescheiden inspiriert von den Werken Josef Ratzingers/Papst Benedikts. Immer bezogen auf die ganz konkreten Vorgänge vor Ort, weil wir fanden (und immer wieder geschrieben haben), daß es berufenere Münder gab, als unsere, sich zu den großen Fragen in einem allgemeinen Kontext zu äußern, freilich aber auch, daß eben diese Fragen sich überall spiegeln, auch in der mitteldeutschen Diaspora, auch in Weimar, und daß ein(e) jede(r) sich da einsetzen sollte, wo sie/er hingestellt ist.  

Wir sehen schon hier, wie wir später noch öfter sehen sollten, wie in manipulativer Weise versucht wurde, vermeintliche Expertise von außen zur Erreichung von “Weimarer” Zielen zu nutzen und wir ahnen schon von Ferne, wie sofort alle “Gemeindebeteiligung”, die irgendwie den Namen verdient hätte, sofort abbricht, sobald sie “droht” in kontroverse, also echte!, Diskussion zu münden…

Und wie oft haben wir die Frage wiederholt: Wo ist die “alte” Innenausstattung unserer Kirche eigentlich geblieben, die sie so viel mehr der Andacht zuträglich und, ja, ‘heimeliger’ gemacht hat, und wieder machen würde! Bis heute haben wir nur den immerhin dringenden Verdacht, es könnte noch viel mehr da sein, als gemeinhin zugegeben wird!

In der Gesamtschau kann ich nicht umhin, wehmütig zu schmunzeln, wenn ich dem Text den Optimismus abspüre, der mich damals noch erfüllte, es müsse doch möglich sein, über das eine oder andere zu reden und das auf der Basis allgemeinverbindlicher Kriterien und, wage ich es zu schreiben?, der Autorität eines der größten Theologen des 20. Jahrhunderts, der obendrein vor wenigen Jahren der erste deutsche Papst seit dem Mittelalter geworden war.
Bald, nur allzu bald sollte uns beginnen zu dämmern, auch und gerade mit den hier angesprochenen Themen und den dazu eingenommenen Standpunkten hatten wir bereits “verspielt” und wenn wir danach nie wieder eine Zeile geschrieben hätten.

Denn wir hatten die Kreise der “also: Weimarer” gestört, auch wenn es noch Jahre bedurfte, um diese Erkenntnis gültig formulieren zu können (wie es Cornelie hier getan hat), und ihr volles Ausmaß zu umschreiben. Die Zukunftslosigkeit dieses “Systems”, der “Dorflogik”, haben wir früh gespürt, heute ist sie mit Händen zu greifen und “Corona” wirkt nur als Beschleuniger. 

Inhaltlich aber ist mein Text, finde ich, wie man heute so sagt, “gut gealtert”, doch sehen Sie selbst:

 

Conversi ad Dominum – oder: Wie ich lernte, die Pfarrkirche zu lieben

[conversi ad dominum, lat.: „dem Herren gemeinsam zugewandt“]

Manchmal bedrückt es mich fast ein wenig, wenn ich feststelle, wie wenige Menschen das Glück zu schätzen wissen, das es bedeuten kann, von Kindesbeinen an, sozusagen „schon immer“, in der gleichen Umgebung zu leben. Wie vielleicht auch schon die Eltern und Großeltern vor ihnen.

Heutzutage wird das ja gerne runtergemacht und von interessierter (meist ökonomischer) Seite singt man das Hohe Lied der Mobilität und wie man sich doch überhaupt nur in der Ferne selber finden oder lieber gleich „verwirklichen“ könne und man kann es gar nicht oft genug sagen, was das in der üblichen Einseitigkeit für ein Blödsinn ist!

Ein besonders eindringliches Beispiel dafür ist natürlich das Kirchengebäude, das man von klein auf kennenlernt, mit dem man Erinnerungen an scheinbar unzählige Weihnachten verbindet, in dem man zum ersten Mal den Geruch von Weihrauch kennenlernt, in dem man zur ersten Hl. Kommunion geht und Meßdiener wird, wenn es gut läuft. Welches Kind käme auf die Idee, den Kirchenraum ästhetisch zu bewerten? Und wenn es der Jugendliche schließlich tut, dann löscht das die Bindungen an das Wichtige, was dort geschah und erlebt wurde nicht aus!

Wie anders, wenn man als Erwachsener umzugsbedingt gezwungen ist, sich mit einem unvertrauten Kirchenraum in ein Verhältnis zu setzen! Und so muß ich zugeben: Als wir Ende 2004 nach Weimar kamen, hatte ich mit der „Pfarrkirche Herz-Jesu“ so meine Schwierigkeiten!

Denn, seien wir doch mal ehrlich, das Gebäude ist ein Kind seiner Zeit: Es huldigt, obrigkeitlich verordnet, dem architektonischen Eklektizismus seiner Zeit, es ist „innen kleiner als außen“, soll heißen, Repräsentationselemente und „Nutz“-fläche stehen in keinem guten Verhältnis, kurz, es stammt eben aus Weimars „silbernem Zeitalter“ und das hatte immer einen Hauch von “ Mehr Schein als Sein“ (was übrigens meiner unmaßgeblichem Meinung nach auch für etliche Kompositionen des Förderers Franz Liszt gelten könnte, aber das nur am Rande).

Und in den „wunderbaren“ 60er Jahren, wohl 1964, wurde die steinerne Hülle zu allem Überfluß auch noch ihres bildnerischen Schmucks bis auf wenige Reste beraubt (übrigens: Wo sind die Sachen eigentlich geblieben??)

Viel wichtiger aber als all das: Die Kirche steht falsch herum! Der Chor mit dem Altar schaut nicht in Richtung Osten, sie ist, wie man sagt, nicht „geostet“, sondern schaut ziemlich genau nach Westen. Auch das ist natürlich ein Resultat der Tatsache, daß der katholische Kultus in Weimar Jahrhunderte lang verboten wurde (und nicht etwa, wie man unlängst lesen durfte, „zum Erliegen kam“…) und als er „gnädigerweise“ wieder zugelassen wurde, da wurden wir im Wortsinne an den (Stadt-)Rand gedrängt und mußten bauen, wie es eben ging.

Und die Frage der Gebetsrichtung ist eben auch im Christentum nicht gleichgültig, wenn auch natürlich nicht von der Bedeutung wie in anderen Religionen. So wurden christliche Gebetsräume ab den frühesten Zeiten geostet und damit verdeutlicht, daß das liturgische Geschehen und besonders sein Höhepunkt in der Eucharistie eine schlechthin kosmische Dimension hat. Wir wenden uns der aufgehenden Sonne zu als Symbol für den auferstandenen Christus, dessen Wiederkunft wir erwarten und werden durch dieses Zeichen zugleich an das konkrete Sich-Zeigen Gottes in der Welt erinnert.

Sagt uns das nicht auch schon die eigene praktische Erfahrung? Wenn in St. Bonifatius, in „unserem“ Karmel, während der Messe die Sonne aufgeht, bedarf es da noch besonderer Erläuterungen? Oder spürt man nicht einfach, diese Richtung stimmt und der (frühe) Morgen ist die richtige Zeit für die Messe? (Weshalb übrigens die Abschaffung der 8.30 Uhr Messe dort ein dauerhafter Verlust bleibt) Und was man von dem gelegentlich zu hörenden Spruch zu halten hat, der Herr habe ja eigentlich ein Abend-mahl gespendet und keine Frühmesse, das spürt man hoffentlich gleich mit…

Ja, und dann brach bei uns die furchtbare Zeit der „Altarinsel“ in der Pfarrkirche an, als die Drohung im Raum stand, es könne dauerhaft so kommen und manche ja auch fast alles dafür taten, wie z.B. in Erfurt wahrheitswidrig zu behaupten, es seien ja eigentlich alle dafür. Ganz egal, daß die Praktiker sagten, nun funktioniere der Raum von den Abläufen her überhaupt nicht mehr, egal, daß ganze Teile des Kirchenraums quasi dysfunktionalisiert wurden (was sollte denn der Chorbereich nun noch sein außer Weihnachtsbaumaufstellplatz?), egal scheinbar, daß über Wochen unser kleines Ständerkreuz jeden Sonntag woanders stand! Egal vor allem scheinbar auch, daß sich das ganze Geschehen wegbewegte vom großen Kruzifix, das im Altarraum verloren hängen geblieben war. Die Assoziation „Weg vom Kreuz“ war überhaupt nicht zu vermeiden und sie war in höchstem Maße schmerzhaft!

Und warum das alles? Wegen einer theologischen Mode aus den, ahnen Sie es schon? Genau: Aus den 60er Jahren! Denn damals kam das tendenziell nichts weniger als häretische Mißverständnis in Umlauf, das die Eucharistie auf das „Mahl-Geschehen“ verkürzen wollte. Nein, der HERR hat uns/der Kirche nicht aufgetragen ein (Abend-) Mahl zu seinem Gedächtnis zu feiern, er hat die Eucharistie gestiftet mit dem Opfer seiner selbst und damit etwas völlig Neues in die Welt gebracht und dieses Neue will auch „neu“ gefeiert werden. Wenn also in der berüchtigten Gemeindeversammlung zu diesem Thema am 14. März 2009 ein Bild von (irgend-) einer Mahlgesellschaft zur Begründung hochgehalten wurde, man müsse sich zum Gedächtnis jetzt rund um einen „Tisch“ (den Altar) versammeln so war das schon im Ansatz verfehlt. Hinzu kommt, daß neuere Forschungen längst ergeben hatten: In einem Kreis fanden antike Gastmähler gar nicht statt! Vielmehr war hier der Gastgeber bzw. Vorsitzende des Essens mit den Gästen an einer Seite des Tisches versammelt, schauten also grundsätzlich in die gleiche Richtung! Unsere Veralberung damals war also eine doppelte, theologisch und historisch.

So legt also das Wesen dessen, was wir Sonntag für Sonntag feiern dürfen wie das, was wir über das Geschehen im Abendmahlssaal ahnen können, nahe, genau das zu tun, was die Kirche durch Jahrhunderte getan hat: Uns gemeinsam, Priester und Volk, dem Herren zuzuwenden! Die Erhabenheit dessen, was da geschieht übersteigt („transzendiert“) ohnehin alles denkbare menschliche Handeln und Interagieren, weshalb der Priester in diesem Moment ja auch „in persona Christi“ handelt. Ob man ihm dabei ins Gesicht sehen kann ist bestenfalls nebensächlich, schlimmstenfalls störend. Und deshalb ist die immer noch anzutreffende Polemik gegen das „altmodische“ „Zelebrieren mit dem Rücken zum Volk“ ja auch ein so ein schwer nachvollziehbares Mißverständnis, erklärbar leider nur mit dem Verlust des Empfindens dafür, worum es eigentlich geht: Um den HERREN selbst. Seine sakramentale Anwesenheit ist alles, was in diesen Augenblicken zählt, nichts sonst und alles, was davon ablenken könnte ist folglich zu vermeiden.

Aber auch wer dem Gedankengang so weit gefolgt ist könnte jetzt einwenden: Wenn wir uns dem Herren gemeinsam zuwenden sollen, und die korrekte Richtung dafür ist nach Osten, sollen wir dann in „Herz-Jesu“ künftig während der Wandlung alle mit dem Gesicht zur Orgel stehen? Oder alles nochmal ganz anders einräumen? Haben wir nicht gerade gelesen wie schrecklich es sein kann, in der Kirche zuviel umzuräumen?

Keine Sorge! Es gibt eine Lösung für Kirchengebäude, die nun einmal nicht geostet sind und niemand geringerer als Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. hat sie aufgezeigt in seinem Buch: Der Geist der Liturgie, Freiburg, 2. Aufl. 2006, hier bes. S. 64 – 72, auf dem im übrigen alle theologischen Einlassungen dieses Eintrags beruhen, und das ich nur wärmstens, allerwärmstens!, zur Lektüre empfehlen kann (KÖB!).

Wir haben es gerade während seines Besuchs selber in jeder Messe sehen können; die Lösung ist: Ein Kreuz auf dem Altar! Hören wir ihn in seinen eigenen Worten:

„Die Richtung nach Osten wurde […] mit dem »Zeichen des Menschensohns« in Verbindung gebracht, mit dem Kreuz, das die Wiederkunft des Herrn ankündigt. So wurde der Osten sehr früh mit dem Kreuzeszeichen verbunden. Wo die direkte gemeinsame Zuwendung zum Osten nicht möglich ist, kann das Kreuz als der innere Osten des Glaubens dienen. Es sollte in der Mitte des Altares stehen und der gemeinsame Blickpunkt für den Priester und für die betende Gemeinde sein. So folgen wir dem alten Gebetsruf, der an der Schwelle der Eucharistie stand: »Conversi ad Dominum« – Wendet euch zum Herrn hin.“ (Hervorhebung von mir)

Und? Rechne ich damit, daß wir in Weimar dem Beispiel des Hl. Vaters folgend bald ein solches Kreuz auf dem Altar sehen werden? Leider nein, obwohl die Fernsehbilder der Papstmessen ja unzweifelhaft deutlich werden ließen, daß trotzdem die „Akteure vor der Kamera“ (vgl. Vermeldungen vom 19. Sonntag im Jahreskreis, S. 2, interessantes Selbstbild, das da zum Vorschein kommt, oder?) in den ach so wichtigen ZDF-Gottesdiensten noch zu sehen sein würden (auch wenn das während der Eucharistie i.e.S. eben völlig unerheblich ist!).

Nein, jetzt komme ich mit dem zweiten Teil der Überschrift dieses Eintrags zur Pointe dieser skizzenhaften Einlassungen.

Es ist schon soweit! Seit der Altar wieder da steht, wo er hingehört, hängt das Kreuz ja  genau in der Mitte darüber!

Wir haben es also schon, das objektive liturgisch-architektonische Element ratzingerscher Prägung, den gemeinsamen Blickpunkt, unseren Weimarer „inneren Osten“.

Und alle, die es sehen wollen, dürfen sich jetzt im Hochgebet, genauer bei den Intercessiones, die ja aussprechen, daß die Eucharistie in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche begangen wird, noch intensiver mit genau diesem Hl. Vater verbunden fühlen. Den Kopf um ein weniges heben genügt.

Tja, so kam es, daß ich „lernte die Pfarrkirche zu lieben“ und mittlerweile kann ich es sogar genießen, wenn in einer Abendmesse die Sonne durch die Fenster scheint… 😉

(Ende Originaltext)

 

Ein rein faktisches Detail allerdings wissen wir heute besser: Es waren nicht Stadt und Großherzog, die damals die Ostung verhindert haben, sondern offenbar schon zeitgenössisch  ein innerkatholisches Versagen, von dem man auch den damals zuständigen hochwürdigsten Herrn Bischof von Fulda nicht freisprechen kann. Das kam bei einer verdienstvollen Ausstellung zur 125-Jahr-Feier der Kirchweihe im Jahr 2016 heraus (auch wenn diese leider aufgrund mangelnder konzeptioneller Durchdringung viel Potential verschenkte).

Gereon Lamers

“O thou who changest not, abide with me” (1/3)

Bleiben

 

Heute, am Oktavtag des Ostermontag, möchte ich hier noch ein paar Musikvideos zusammenstellen, deren Kompositionen das „Bleib bei uns, denn es will Abend werden“ der Emmausjünger zum Thema haben:

Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. (Lk 24,29).

Was mich an diesen Stücken schon immer fasziniert hat, ist die Tatsache, wie durch die Dekontextualisierung des Zitats aus einer Floskel der Gastfreundschaft – Sie wollen doch nicht jetzt bei der Dunkelheit noch weiter?! Bleiben Sie hier, im Schutz unseres Hauses, und essen Sie mit uns – ein Gebet zum Herrn wird. Plötzlich ist nicht mehr der fremde Wanderer der Einsame, der potentiell Bedrohte und Schutzbedürftige, sondern wir, die wir die Bitte Christus gegenüber aussprechen: Bleib bei uns. Aus dem schlicht tageszeitlichen „Abend“ der Bibelstelle wird die Dunkelheit im metaphorischen Sinne. Aus dem „Abend“ wird der Tod.

Ich möchte nicht chronologisch vorgehen, sondern nach meinen Vorlieben. Daher kommt hier als erstes das Abendlied, das Josef Gabriel Rheinberger (1839-1901) mit knapp 16 Jahren schrieb. Es kommt aber nicht in der Version, die ich lange immer gehört habe (von den Cambridge Singers), sondern als Livemitschnitt eines Sofioter Kammerchors. Und zwar WEIL um Minute 1.00 herum jemand hustet. Studioaufnahmen haben wir satt. Das Bewußtsein, daß hier jemand dem Singen zuhören durfte, hat bewirkt, daß mir diese Einspielung des Abendliedes vor allen andern lieb geworden ist. Also: Enjoy 🙂

Das älteste Musikstück, was ich zu diesem Thema zum Nachhören gefunden habe, stammt von dem Thüringer Komponisten Michael Praetorius (eigentlich Schulteis) aus Creuzburg, der ganz irre Lebensdaten hat. Er wurde nämlich am 15. Februar 1571 geboren (hatte also dieses Jahr 450. Geburtstag) und verstarb 1621 (also heuer zugleich 400. Todestag) und zwar ebenfalls am 15. Februar! Wie wir wissen, herrschte in der Antike die Vorstellung, der perfekte Mensch sterbe am Jahrestag seiner Geburt. Also hören wir in die Komposition dieses Auserwählten unbedingt hinein! Der Text der kleinen Motette lautet:

„Bleib bei uns, Herr, denn es will Abend werden,
laß dein Licht leuchten auch zu unsern Zeiten,
dafür wir deinen Namen wolln loben ewig, Amen.“

Und hier kommt die Musik. Enjoy!

Dann hat sich natürlich auch Johann Sebastian Bach im Rahmen seiner Kantatenzyklen für jeden Sonn- und Feiertag im Jahreskreis dieses Themas annehmen müssen. Er hat eine ganze Kantate daraus gemacht: BWV 6 aus dem sogenannten zweiten Leipziger Kantatenjahrgang, also im Frühjahr 1725. Den Text der Kantate finden Sie hier.

Enjoy!

Der erste Chor bringt (wie auch in anderen Kantaten Bachs) das unveränderte Bibelzitat. Im Choral nach der folgenden Arie wird dann die theologische Botschaft der Kantate auf den Punkt gebracht: Das Licht, das die angebrochene Dunkelheit erhellen soll, ist Gottes Wort, zu dessen Befolgung wir Beständigkeit vom Herrn erflehen. Die Trauer um den Abschied vom auferstandenen Herrn dominiert den ersten Chor, und die Musikwissenschaft schlägt aufgrund von gleicher Tonart (c-moll), Motivverwandtschaft (kleiner absteigender Terz) und Grundstimmung die Brücke zum „Ruhet wohl“, das die Johannespassion beendet. Hören Sie deshalb auch in diesen Chor einmal hinein:

„Man spürt, dass Bach beim Komponieren dieser Kantate [BWV 6] den Schlußchor seiner Johannespassion vielleicht nicht mehr auf dem Schreibpult, aber auf jeden Fall noch im Ohr hatte“, hält John Eliot Gardiner in seinem 2016 bei Hanser erschienenen Buch „Bach“ fest (S. 417). Mehr noch: „Während der Epilog der Passion elegisch und tröstlich ist, schwingt in der Kantate die Traurigkeit über den schmerzlichen Verlust mit. […] Die Grundstimmung ist die des Niedergangs und der Verlassenheit“ (ebd.), wozu in BWV 6 die Besetzung mit der Oboe da caccia beiträgt. Sie dient in der durchsemantisierten Klangwelt Johann Sebastian Bachs dem „Ausdruck von Kummer und Pein“ und kommt zum Einsatz, „wenn es großes Leid in Töne zu fassen gilt“ (S. 419). 

 

Fortsetzung folgt

 

Cornelie Becker-Lamers