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Aber wer hatte ihn gewebt?

Bemerkungen zum Reißen des Tempelvorhangs

[Anm. der Redaktion: Wie der folgende Text geschickterweise 😉 ganz zum Schluß berichtet, ist er im Wesentlichen noch in der Karwoche entstanden, konnte jedoch nicht mehr fertiggestellt werden. Da er aber inhaltlich an diesen Zeitabschnitt nicht gebunden ist, sondern weiter, teils sehr weit, in die Heilsgeschichte zurückgreift, ‚paßt‘ er unserer Überzeugung nach auch jetzt, auch in die österliche Zeit! Gereon Lamers]

Jeder kennt die Textstelle: Als Jesus stirbt, reißt der Vorhang des Tempels von oben bis unten (Mt 27,51; Mk 15,38; Lk 23,45). Zwar hat niemand beides zugleich beobachten können, aber eine Art allwissender Erzähler berichtet es uns.

„Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriss“, Christoph Prégardien als Evangelist in Bachs Matthäuspassion unter der Leitung von Philipp Herreweghe

Zunächst einmal: Es war keine Sonnenfinsternis

Im noch vor Ostern fertig gewordenen Heft 4 von X451 (siehe hier und hier) greift unsere Bloggerkollegin Claudia Sperlich auf einer wie gewohnt in Text und Bild bemerkenswert schön gestalteten Doppelseite das Thema auf. Sie macht auf einige interessante Details aufmerksam, über die ich bisher noch nie nachgedacht hatte, und dafür bin ich ihr sehr dankbar. Zum Beispiel darüber, daß die gemeinhin als „Sonnenfinsternis“ bezeichnete Finsternis von der dritten bis zur neunten Stunde aus zweierlei Gründen keine Sonnenfinsternis gewesen sein kann. Die dauern nämlich nicht drei Stunden, sondern drei Minuten und sind gekoppelt an welche Mondphase? Neumond, genau. Jesus aber wurde zum Paschafest gekreuzigt, und das wird ab dem 15. Nisan gefeiert, das heißt bei Vollmond. Wie Claudia Sperlich so schön schreibt, kann man als wissenschaftliche Erklärung auf die in Israel um diese Jahreszeit häufigen Staubstürme verweisen – „aber es kann auch ganz einfach ein Wunder gewesen sein.“ (X 451 Nr. 4 April 2018, hg. von Sebastian Berndt, ISSN 2568-7409, S. 8)

Das hätten wir also geklärt.

Zelt, Salomonischer und Herodianischer Tempel – und der Prophet Haggai

Aber wieso eigentlich Vorhang? Und welcher Vorhang? Zwar wissen wir aus den Anweisungen in den Kapiteln 25-27 des Buches Exodus, was für das Heiligtum herzustellen sei, nämlich ein „Vorhang aus violettem und rotem Purpur, Karmesin und gezwirntem Byssus [andere Übersetzungen haben hier das Wort Feinleinen]; wie Kunstweberarbeit soll er gemacht werden, mit Kerubim.“ Wir erfahren Genaueres über die Befestigung des kostbaren Stoffes an „vier mit Gold überzogenen Säulen aus Akazienholz, deren Haken von Gold sind und die auf vier silbernen Füßen ruhen.“ Und schließlich: „Der Vorhang trenne euch das Heiligtum vom Allerheiligsten.“ (Ex 26, 31-33)

Aber wir wissen auch, daß solcherart noch von der nomadischen Lebensart im Zelt her gedachten Kunstwerke König Salomo als Wohnung für das Allerheiligste nicht schick genug waren und daß er es bei seinem Tempelbau (wie ein Freund von uns sagen würde) ‚richtig krachen‘ ließ: Wände, Decken und Boden aus Zedernholz, Zypressenbohlen, Schnitzereien mit Früchten und Blumengewinden. Der „hintere Raum“ für das Allerheiligste ist ein Kubus mit 20 Ellen Seitenlänge, und er ist, wie der gesamte Tempel, mit Gold überzogen. (1Kön 6, 15-21) Was die „Vorhänge“ betrifft, so werden sie bei Salomo zu Flügeltüren aus Olivenholz mit fünfstufiger Schwelle. Und Kerubim-, Palmen- und Blumenschnitzereien, versteht sich. Ist schließlich die Wohnung des Herrn. (vgl. 1Kön 6, 31f)

Gut – das sagt nichts aus über die Zeit zu Jesu Geburt, denn der Tempel Salomos wurde bekanntlich Anfang des 6. vorchristlichen Jahrhunderts durch die Babylonier zerstört  – der Beginn des jahrzehntelangen Exils. Aber der Prophet Haggai beschwert sich dann bei seinen Leuten, daß sie „in getäfelten Häusern wohnen, während dieses Haus [der Tempel des Herrn] in Trümmern liegt“ (Hag 1, 4). Wir erfahren von Haggai vor allem, daß es dringend nötig war, endlich mit dem Tempelneubau zu beginnen, um weiteren Mißernten vorzubeugen. Aber von Vorhängen oder Türen erfahren wir nichts.

Flavius Josephus, dessen unerläßliche historische Schriften uns vom jüdischen Krieg und der Geschichte des Judentums berichten, bezeugt die Vorhänge auch im herodianischen Tempel. Klingt glaubwürdig, denn der Priester und Militärkommandeur Josephus hat diesen Tempel noch selber gekannt: Er wurde kurz nach Christi Tod in Jerusalem geboren und war also zur Zeit des jüdischen Krieges und der neuerlichen Tempelzerstörung, die er durch Verhandlungen zu verhindern suchte, Mitte 30.

Allerdings bezeugt Josephus die Vorhänge dummerweise auch für den salomonischen Tempel, dessen schöne Türen wir gerade mit Hilfe des Ersten Buches der Könige beschrieben haben (Artikel „Vorhang“ im LThK, Bd 10, Sp. 891. Ich muß mich an dieser Stelle übrigens ausnahmsweise auf das Lexikon verlassen und konnte die Textstellen wegen der Feiertage nicht in einer Bibliothek am Original nachprüfen.)

Der fragliche Vorhang zur Zeit Jesu

Aber uns interessiert ja jetzt die Zeit Jesu, weil eben ein Vorhang bei seinem Tod zerriß und keine Tür zerbarst. Welcher Vorhang riß, legt uns Josef Ratzinger/ Benedikt XVI im zweiten Teil seines „Jesus von Nazareth“ aus:

Wahrscheinlich ist an den inneren der beiden Tempelvorhänge gedacht, den Vorhang, der das Allerheiligste dem Zutritt der Menschen verschließt. […] Darin ist zweierlei angesagt: Zum einen wird sichtbar, daß die Zeit des alten Tempels und seiner Opfer zu Ende ist; daß an die Stelle der Vorbilder und der Rituale, die in die Zukunft wiesen, nun die Wirklichkeit selbst tritt, der gekreuzigte Jesus, der uns alle mit dem Vater versöhnt. Zugleich aber bedeutet das Zerreißen des Tempelvorhangs, daß nun der Zugang zu Gott frei ist.

(Freiburg: Herder 2011, S. 233)

Soweit dürfte das Konsens sein und haben wir das in der einen oder anderen Predigt auch schon gehört. Aber wer hat denn nun den Vorhang gewebt? Interessiert ‚Bene‘ nicht, schreibt er nichts (wie er leider auch den Traum der Claudia Procula, Heilige der orthodoxen Kirche mit Gedenktag am 27. Oktober und Frau des Pontius Pilatus, vollständig unerwähnt läßt, obwohl er in seinem Unterkapitel „Jesus vor Pilatus“ doch so viele Bibelstellen heranzieht und vergleicht: Evangelien, Apostelgeschichte, Briefe, Schriften des Thomas von Aquin, Sekundärliteratur [vgl. ebd. S. 207-224]. Nur nicht Mt 27,19: „Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, sandte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit jenem Gerechten! Ich habe heute seinetwegen im Traum viel gelitten.“ Ist ja eigentlich eine bemerkenswerte Textstelle, bleibt bei Ratzinger aber unerwähnt. Naja – manchmal versteht man die Männer halt nicht, was sie so umtreibt, wenn sie forschen. – Oder weiß jemand, wo er das behandelt hat?)

Meine Gedanken wehen den Vorhang ständig davon. Ich wollte wissen: Wer hat ihn gewebt?

Joachim Jeremias, der ein Buch mit dem Titel „Jerusalem zur Zeit Jesu“ verfaßt hat, erwähnt eine rabbinische Tradition, nach der 82 Jungfrauen jedes Jahr zwei Vorhänge gefertigt haben sollen. Das ist vor der Hand recht plausibel, sorgen doch kluge Frauen bis heute in dieser Weise vor (vgl. nur hier, z.B.). Jeremias hingegen vermutet einen Import des fertigen Stoffes aus Babylonien (vgl. hier) Ich muß mich wieder auf die Zitate verlassen, ich sagte ja schon – Feiertage. Unsere Bibliothek besitzt das Buch aber und ich werde nachsehen. Wenn was nicht stimmt, machen wir ein Edit und korrigieren das hier.)
[Anm. der Redaktion: “Import aus Babylonien”!! Also, ich halte es ja für entschieden wahrscheinlicher, daß sich J. Ratzinger/Benedikt XVI. an irgendeiner Stelle seines so umfangreichen Werks zur Frau des Pilatus geäußert hat, als diese Konstruktion, für die Herr Jeremias (Exegeten des 20. Jahrhunderts…) hoffentlich irgendeinen Beleg hatte, oder die er zumindest ansatzweise plausibel hat machen können. Denn vorderhand erscheint sie doch extrem unplausibel: Warum in ein Gebäude, das u.a. auch genau den Triumph der wiedergewonnenen Identität des Volkes Israel nach der ‚Babylonischen Gefangenschaft‘ symbolisierte, an zentralster Stelle ein Produkt des ehemaligen Zwingherren und Feindes plazieren??! Nun, wir werden sehen! Gereon Lamers]

Die Kindheitserzählungen Mariens

Wer hat den Vorhang gewebt? Es gibt ganz konkrete Erzählungen, die die Geschichte um diesen Vorhang abrunden. Natürlich muß man dafür mal wieder ein bißchen über die Bibel hinaus schmökern, aber die Frage scheint schon mehr Menschen als mich umgetrieben zu haben, und zwar seit knapp 2.000 Jahren. Ich stieß auf das Thema nicht von der Beschäftigung mit Jesu Tod, sondern mit seiner Menschwerdung, das heißt von der Beschäftigung mit Maria aus. Als ich für die Cäcilini die Lieder „Mariä Verkündigung“

und das „Stabat mater“ für den Zyklus der „Weltreise durchs Kirchenjahr“ geschrieben habe (ein Lied zu Mariä eigener Empfängnis und Geburt steht noch aus, gehörte aber auch hierher), brauchte ich ja ein bißchen Stoff um die biblischen Zeugnisse herum, um die Geschichten mit Seele und mit Leben zu füllen. Und so las ich, was ich in die Finger kriegte, in der Forschungsliteratur, in der Legenda aurea und vor allem in den Kindheitserzählungen Mariens – den Erzählungen, in denen einzig die berühmte und so vielfach in Gemälden und auf Kirchenfenstern dargestellte Geschichte über Joachim und Anna und ihr Treffen unter der Goldenen Pforte überliefert ist.

Giotto di Bondone, Treffen am Goldenen Tor, ca. 1305, Fresko in der Cappella degli Scrovegni, Padua (Bild: WikiCommons)

Das steht ja auch nicht in der Bibel.

Im nicht kanonischen Protevangelium des Jakobus, das in der Ostkirche Eingang in die Liturgie gefunden hat, wird die Geschichte der Eltern der Maria geschildert. Sie gehören wie Sara und Abraham oder Elisabet und Zacharias zu jenen Eltern, die unglaublich lange auf ein Kind warten und schon ganz verzweifelt sind. Das dritte Kapitel dieses Textes schildert das sehr eindrücklich in Annas Klage, die sich durch ihre Kinderlosigkeit von der ganzen Schöpfung ausgeschlossen fühlt. Und Joachim, der als reicher und frommer Mann im Tempel immer doppelt opfert (so viel zur Liedtextstelle über Maria als „Frau aus dem Volke“, GL 521), muß erleben, daß sein Opfer wegen seiner Kinderlosigkeit eines Tages abgelehnt wird (Kap. 1).

Wie wir wissen, wird ihnen die von der Erbsünde freie Maria geboren und Anna verspricht gleich nach der Verkündigung durch den Engel das Kind dem Tempeldienst (Kap. 4, 1). Maria wächst also im Tempel auf. Als sie 12 Jahre alt ist, überlegen die Priester, wie es weiter gehen soll. Durch ein Zeichen des Herrn wird der Witwer Josef zum Ehemann Marias bestimmt (Hohepriester ist damals übrigens bereits Zacharias, der spätere Vater Johannes des Täufers) und sie verläßt den Tempel. Als aufgrund eines Ratsbeschlusses der Priester jedoch aus Gold, Amianth, Leinen, Seide, Hyazinth, Scharlach und Purpur ein Vorhang für den Tempel gewebt werden soll – eine Beratung, die nahelegt, daß nicht ohnehin jedes Jahr die 82 Jungfrauen am Werk sind –, wird Maria wieder gerufen und für das Spinnen der kostbarsten Garne – Scharlach und Purpur – unter sieben Kolleginnen ausgelost. Als Lebensalter Marias wird zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre angegeben. Während sie spinnt und einmal mit dem Krug zum Brunnen geht, erscheint Gabriel (vgl. Katharina Ceming – Jürgen Werlitz, Die verbotenen Evangelien, Wiesbaden: Marix 2004, S. 67-92.)

Das hätten wir uns ja denken können: Maria!

Die Herausgeber des Protevangelium des Jakobus verweisen selbst bei der Textstelle, in welcher das Vorhangweben beschlossen wird, in einer Glosse auf Mt 27,51: Auf das Reißen des (oder: dieses) Vorhangs bei Jesu Tod. Voraussetzung wie gesagt: Er hing nach 30 Jahren noch an Ort und Stelle und die 82 Jungfrauen haben keinen Unfug damit gemacht.

Für mich jedenfalls stellt das Reißen des Vorhangs immer einen weiteren Bezug zwischen Mariä Verkündigung und Christi Sterben, zwischen Jesu Herabkunft auf die Erde und der Erfüllung seines Lebens im Opfertod dar – eine Verbindung, auf die wir anläßlich des Zusammenfallens von Mariä Verkündigung und Karfreitag 2016 bereits einmal ausführlich eingegangen sind.

Für meine Kinder, beides gelernte Cäcilini, ist der Fall sowieso erledigt. Da ich wegen der Osternacht das Schreiben an vorliegendem Text unterbrechen mußte, druckte ich den Anfang aus und die Kinder sahen die Blätter liegen: „Aber wer hatte ihn gewebt? Bemerkungen zum Reißen des Tempelvorhangs“ lasen sie und hatten sofort die Antwort parat: „Hä? Maria!“ – „Ist doch klar: Weil ihr Herz zerreißt, als Jesus stirbt!“

Das hätten wir also geklärt.

Cornelie Becker-Lamers

„Der Weg nach Jerusalem führt über Pula“

Die Cäcilini gestalten einen musikalischen Kinderkreuzweg

Der Titel bezieht sich auf die seit den Illyrern um 10.000 v. Chr. besiedelte Südspitze Istriens, die durch ihre exponierte Lage im Mittelmeer ein seit römischer Zeit bis in die jüngere Vergangenheit hart umkämpfter Hafen und Zwischenstation einer der Hauptpilgerrouten ins Heilige Land war. Wir haben den Satz mal in einer Ausstellung auf einer Landkarte gelesen und uns wegen der Doppelcodierung für Insider (Pula – PuLa) natürlich gefreut.

Folgender Text führt aber nicht zu einer Reiseanmeldung, sondern macht Werbung für eine sogenannte „Pilgerfahrt im Geiste“, wie sie die Kreuzwege in Kirchen und auf Kalvarienbergen darstellen. Für Bruderschaften und Nonnenklöster, die ohne Störung des geregelten Ordenslebens und ohne Gefährdung ihrer Keuschheit den Leidensweg Christi nachvollziehen und den dazugehörigen Ablaß empfangen wollten, wurden im Mittelalter verschiedene Pilgerfahrten im Geiste verfaßt, die entweder auf der Grundlage echter Reisebeschreibungen oder als errechnete Meditations- und Andachtsübungen das Durchwandern der Landschaft durch beständig wiederholte Gebete – Paternoster und Ave Maria – ersetzten. Das wiederholende Beten ist also weit entfernt davon, ein bloßes „unaufhörliches Plappern“ zu sein, sondern es ersetzt via Sprache die meditative Stimmung, in die das lange Laufen den Pilger versetzen konnte:

Diese ‚gaistlich kirchferten‘ werden als Alternative, nicht als Konkurrenz zu tatsächlichen körperlichen Wallfahrten eingeführt, welche ebenso als Beitrag zum Heilsschatz der Bruderschaft akzeptiert werden. Vollzogen werden sie vor allem als ‚gon [gehen] mitt dem mund‘: Die gleichförmige Bewegung der Füße wird also vom Mund übernommen und ersetzt durch das gleichförmige, wiederholte Sprechen von Gebeten.

(Jacob Klingner, Reisen zum Heil. Zwei Ulmer ‚Pilgerfahrten im Geiste‘ vom Ende des 15. Jahrhunderts, in: Literarische Räume. Architekturen – Ordnungen – Medien, hg. von Martin Huber et al., Berlin: Akademie Verlag 2012, S. 59-73, S. 67.
Einen guten ersten Überblick geben auch die Lexikonartikel zum Stichwort „Kreuzweg“ bspw. in der TRE.)

Die Schritte des Leidensweges Christi nach Golgotha oder die Distanzen auf der via dolorosa in Rom wurden von Pilgern gezählt und zum Teil in der Heimat von der Schrittzahl her 1:1 nachgebaut. Daneben gab und gibt es Kalvarienberge, die vor allem in gebirgigen Gegenden die Mühsal des Passionsweges durch an steilen Hängen gelegene Kreuzwegstationen mit auf Knien zu erklimmenden Treppen nacherlebbar machen.

Gesamtansicht des Kalvarienberges im Ort St. Radegund bei Graz/ Steiermark (eigenes Bild)

Der weinende Petrus: Der Kalvarienberg in St. Radegund ist um weitere acht Stationen auf 22 erweitert (eigenes Bild)

Jesus begegnet seiner Mutter (eigenes Bild)

Die Schmerzensreiche inmitten von Lokalkolorit (eigenes Bild)

In Ergänzung des Vaterunser und des Gegrüßet seist Du, Maria werden Meditationstexte verfaßt, die die weit über den Bibeltext hinausgehenden Schilderungen von Erlebnissen und Begegnungen Jesu auf dem Weg nach Golgotha mit Leben füllen, zumindest seelisch nachvollziehbar machen und den Betenden zu Mitleid und Vergebung, vor allem aber auch zu eigener Leidensfähigkeit ertüchtigen: Passio Christi, conforta me!

 

In diese Richtung geht auch, was die Cäcilini am Karfreitag ab 9.30 Uhr in der Pfarrkirche am großen Kreuzweg für alle Kinder im Vorschul- und Grundschulalter anbieten werden. Seit Wochen haben wir uns deshalb in den Proben mit dem Thema Kreuzweg und verschiedenen Modellen, Bildern und Musik befaßt.

Eigentlich war der Plan, einen schon einige Zeit bestehenden Weimarer Kreuzweg wiederzubeleben. Es stellte sich aber heraus, daß er nicht für Kinder geschrieben, zu lang und mit seinem glorreichen orgelklangumstrahlten Ende in einer 15. Station „Auferstehung“ definitiv nichts für eine Andacht am Karfreitag war. Der Plan zur Wiederaufführung dieses Kreuzwegs wurde also in Abstimmung mit unserer neuen Gemeindereferentin, die das Projekt von der theologischen Seite her betreut, auf das kommende Jahr vertagt und mit der Deadline 30. März eigene Texte durch die Cäcilini verfaßt. Dazu haben sie neun aus den 14 Stationen ausgesucht und beschreiben für die Kinder, was in jedem Bild passiert, was Jesus wirklich niederdrückt und was das Schweißtuch der Veronika bedeutet. Dazwischen erklingt meditative Musik, um von Station zu Station zu gelangen.

Die Entscheidung für Musikrichtung und Instrumente haben wir vor dem Hintergrund des Schweigens der Orgel während des Triduum Sacrum skrupulös abgewogen. Nachdem wir verschiedene Priester in Nah und Fern nach der generellen Erlaubnis von Instrumenten zu Karfreitag befragt hatten, ist ein Zyklus thematisch verwandter, aber an die Geschehnisse der jeweiligen Station angepaßter kurzer Musikstücke für Altflöte, Tenorflöte und Cello entstanden. (Da unsere Personaldecke in puncto junger MusikerInnen derzeit in der Pfarrei sehr dünn ist, müssen die Flötenstimmen von Erwachsenen ausgeführt werden. Die Cellistin ist aber wenigstens eine Cäcilina. Übrigens: Wer Lust hat, ab und zu mit zu musizieren – bitte im Pfarrbüro melden oder einfach mal donnerstags in die Probe kommen!).

Die einzelnen Stationen werden durch Kerzen illuminiert, die Kinder können Fragen stellen und ein thematisch passender Gegenstand visualisiert das Geschehen noch einmal besonders kindgerecht – etwa durch eine von vorneherein schiefstehende Waage in der Ersten Station. Ein kurzes gemeinsam gesungenes Lied bringt jede Station zum Abschluß.

Wir würden uns über möglichst großen Zulauf sehr freuen!

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Einen Sündenablaß gibt es übrigens bis heute und er wird nach einer Kreuzwegandacht und dem zusätzlichen Beten eines Vaterunsers, eines Gegrüßet seist Du, Maria und eines Ehre sei dem Vater gewährt, wenn man zeitnah (am besten am selben Tage) zur Beichte geht und die Heilige Kommunion empfängt. Darüber redet man heute nicht mehr viel – es ist aber definitiv nichts, was nach Luther etwa abgeschafft worden wäre, vgl. übrigens hier.

Das Ladeverbot

Ein Sketchlet für zehn Personen

Wundersdorf, Oderbruch. In der Pfarrkirche Maria Hilf! ist der uns mittlerweile wohlbekannte Putztrupp (vgl. hier und hier ) bei der Arbeit.

Wie? Schon wieder? Klar! Ein Vierteljahr ist um – da sind sie mal wieder dran. Wie die Zeit vergeht!

Edith und Shammiram wischen also im Altarraum, während Richard und Ines gewissenhaft ihrer Spezialaufgabe, dem Bänkeverschieben, nachgehen. Kurti putzt die freiwerdenden Flächen jeweils durch. In der Kirche verstreut bewegen sich Nahamiyya und Sara, Reimer und Wenzel mit diversen Staubwedeln oder setzen die Kniebänke dezent unter Wasser. Mit dem Staubsauger rückt Helene den Fußmatten im Vorraum zu Leibe.

Es ist ein munteres Treiben, das mich jedesmal, wenn ich es sehe, an die Heinzelmännchen von Köln erinnert (die bekanntlich vermutlich gar nicht aus Köln stammen, sondern wie der Großteil der deutschen Kultur aus – Überraschung!!! – genau: Mitteldeutschland , präziser: aus Eilenburg im nördlichen Sachsen . Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Hier auf PuLa wollen ja aber nicht nur gucken, sondern auch ein bißchen zuhören. Und da diese Putztruppe wie ganz Wundersdorf nur aus Literatur besteht, verschwindet sie ganz bestimmt dadurch auch nicht.

Wie beruhigend!

Also worum geht’s diesmal?

Kurti: Ich sag der Sara immer, du mußt es wissen, es ist dein Leben, aber paß auf! (Er zieht die Augenbrauen hoch und stützt sich wirkungsvoll auf seinen Schrubber.)

Ines (hebt mit Richard die Bank zurück): „Paß auf“! Das ist verdammt viel leichter gesagt als getan, wenn alles um dich herum nur auf die Bildschirme starrt!

Richard (geht eine Bank weiter): Ich denke auch, in Maßen muß man die Kinder auch zu ihrem Glück zwingen – sprich: selber aufpassen, Zeiten absprechen und das Ding dann auch mal einkassieren.

Kurti (wringt seinen Wischlappen aus): Dann sieh aber zu, daß es ausgeschaltet ist – sonst rufen die Spezialisten einfach ihr Smartphone an und futsch ist das schöne Versteck! (Alle lachen.)

Ines: Daran hab ich noch gar nicht gedacht!

Kurti: Tjaaaa … die Steppkes sind ja nicht blöd!

Richard: Und es ist wirklich nicht ungefährlich! Die Hirnforscher beobachten die Smartphone-Generation ja nun schon eine ganze Weile – und da zeigen sich die ersten Folgen! Organische Folgen!

Kurti: Ehrlich?

Richard: Ja – leider! Die Synapsen bilden sich anders. Die Konzentrationsfähigkeit sinkt – das kann man im Hirn sehen.

Ines (hört auf zu arbeiten): Da war doch jetzt dieses Interview im Deutschlandfunk mit diesem Psychiater …

Kurti: Stimmt!

Richard: Hab ich auch gehört – mal morgens .. wie hieß er noch gleich?

Ines: Keine Ahnung – ist ja auch nicht so wichtig … aber was er gesagt hat, das war schon ziemlich alarmierend!

Kurti: Das war eine volle Breitseite gegen die Smartphoneritis und Digitalisierung an unseren Schulen – und sogar schon in den Kindergärten!

Richard: Genau! Er meinte doch, das mathematische Verständnis geht über die Finger in den Kopf …

Ines: „Je mehr Fingerspiele sie im Kindergarten machen, desto besser sind sie mit 20 in Mathematik“ – irgendwie so hat er es formuliert.

Kurti: Und „wenn sie nur wischen als Kindergartenkind, endet ihre Karriere als Putzfachkraft.“ (Er blickt auf seinen Wischeimer).

Richard: Also lieber Mikado spielen und die Kirche putzen als zuhause rumhängen und am Smartphone knibbeln.

Kurti: So sieht’s aus!

Ines: Absolut!

Richard: Eigentlich komisch, daß unser Pfarrer nicht will, daß die Pfarrjugend auch mit die Kirche putzt.

Ines: Ich muß auch sagen: Mein Patenkind aus Dresden …

Bevor wir erfahren, was die Pfarrjugend in Dresden für Aufgaben erfüllt, wird der praxisorientierte Fachdiskurs der drei Elternteile durch ein plötzliches wieherndes Lachen unterbrochen, das im ganzen Kirchenraum widerhallt. Erschrocken blicken die drei sich nach der Quelle dieses Heiterkeitsausbruchs um und machen sie in Reimer und Wenzel aus, die sich in einer Ecke des nördlichen Seitenschiffs vor Lachen schier auf dem Boden kugeln. Shammiram und Edith sind bereits auf dem Weg zu den beiden Jungs, und auch Nahamiyya, Sara und Helene lassen alles stehen und liegen, um zu sehen, was da so lustig ist. Fast schon im Seitenschiff, kommen ihnen Edith und Shammiram lachend entgegen.

Edith (lacht): Das glaubst du nicht!

Richard: Was ist denn nur los? (Er folgt dem Zeigefinger Wenzels und bückt sich zu den Steckdosen in der Kirchenecke hinab. Wieder aufrecht, schlicht) Ja. Das Schild kenn ich. Ich putz hier ja schon eine ganze Weile.

Kurti, Helene und Ines, Sara und Nahamiyya drängeln sich vor der Steckdose.

Helene: Jaja – aber die Kinder haben recht: Wer kommt auf so eine Idee?

Kurti: Ob das noch aus den Zeiten stammt, wo unsere „Gemeindeleitung“ alles für möglich hielt, weil sie sich selber alles herausnahm? – Ich meine: Da kommt doch wirklich keiner drauf!

Ines (liest das Schild vor): „Während der Messe bitte keine Mobiltelefone aufladen“! (Sie faßt sich an die Stirn.)

Tatsächlich klebt über der Steckdose im Seitenschiff ein computergetipptes Schild:

Kirchen-Steckdosen (eigenes Bild)

Sara (zückt ihr Smartphone und das Ladekabel): Das heißt ja nichts anderes, als daß ich es jetzt aufladen darf. (In die Runde) Ist hier schon gewischt? (Sie bugsiert das Ladekabel in die Steckdose und legt ihr Smartphone davor auf den Boden.)

Kurti: Laß den Quatsch! Zieh sofort den Stecker wieder raus!

Sara (trotzig): Du sagst immer, es ist mein Leben!

Kurti: Ja! Aber nicht dein Strom! (Er zieht den Stecker).

Sara: Das machen heute alle! In der Schule auch – was glaubst du denn?

Kurti: Ja! Und dann jammern sie über die Stromtrassen durch die schöne Landschaft! 90% der Sachen, die du über das Ding da erledigst, könntest du auch anders regeln.

Sara (packt ihr Smartphone wieder ein): Du hast ja keine Ahnung! (Sie trollt sich.)

Ines (in die Runde): Tja! Das paßte ja jetzt echt zum Thema!

Edith: Wovon redet ihr überhaupt? Zu was für einem Thema paßte das jetzt?

Ines: Ach – wir hatten’s gerade von Digitalisierung in den Schulen. So ein Interview im Deutschlandfunk …

Edith (überlegt kurz): Ah! Ja! Ich glaub, ich weiß! – Aber sagt mal was ganz anderes: Ist die Steckdose überhaupt freigeschaltet? Hier hat doch so ungefähr jede Birne ihre eigene Sicherung (sie blickt Helene fragend an).

Helene: Du hast recht – ich hab den Strom nur für den Vorraum angemacht. Die Steckdose hier vorne ist vermutlich tot.

Kurti: Na, dann sind wir ja auf der sicheren Seite!

Shammiram: Aber was überhaupt? Geht um Stromklau – oder um heilige Handlung? Ich verstehe nicht!

Die anderen schauen sich verblüfft an und beginnen zu lachen.

Edith: Wenn das Schild älter als zweieinhalb Jahre ist – um den Stromklau.

Richard: Wenn es jünger ist, vermutlich um die heilige Handlung.

Ines: Auf jeden Fall ist es seltsam!

Kurti: Wie gesagt: Wer kommt auf so eine Idee?

Richard: Wie auch immer … Laßt uns weitermachen! Denn was haben wir gesagt? Mikado spielen und Kirche putzen – wir sind noch nicht fertig. Also los! (Er winkt dem Rest der Truppe und geht zurück ins Mittelschiff.)

Shammiram (fotografiert das Schild mit ihrem Smartphone): Ich schicke an meine Familie in Erbil (sie lächelt, schreibt eine kurze Nachricht und sendet das Bild).

Helene: Ja! Für dich ist so ein Smartphone wirklich sinnvoll!

ENDE

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf. Aber nicht nur dort. An einer weiterführenden Schule Weimars wird gerade von den Schülersprechern mit einem Maximalaufwand an Argumentation und Formulierungskunst die Änderung der Hausordnung in Richtung Zulassung der Smartphones beantragt. Aber zum Glück sind wir in Deutschland, und so schnell schießen die Preußen nicht. Jetzt gibt es erstmal eine Elternsprecherversammlung Ende April, wo das Papier diskutiert wird. Und dann sehen wir mal weiter. Schließlich machen die Burschen im Mai Abitur. Also immer mit der Ruhe!

In der Zwischenzeit habe ich schon mal ein paar Zitate herumgeschickt, die aus genau dem Interview stammen könnten, über das Ines, Richard und Kurti sich ausgetauscht haben. Es war jedenfalls im Deutschlandfunk, dieser Tage, und mit dem Psychiater (ich denke mal: Professor Doktor oder so was) Manfred Spitzer, hier: Herr Spitzer weiß:

Wenn man die Studienlage dazu mal ganz ernsthaft sich anschaut, hat Herr Macron schlichtweg recht, wenn er sagt, wir verbieten die Smartphones an französischen Schulen ab Herbst 2018. Denn es gibt große Untersuchungen, die zeigen, dass wenn Sie das tun, werden die Schüler besser.

Cool, was? Macron hat’s einfach drauf! Aber er ist halt auch einfach mal 25 Jahre jünger als Angela Merkel. Sie könnte ja locker seine Ehefrau sein. Da denkt er natürlich auch ein wenig frischer.

Das mit den Fingerspielen kommt in diesem Text natürlich auch vor. Wobei eine schlechte Note in Mathematik leider ein multikausales Geschehen sein muß. Meine Tochter hat seit ihrem fünften Lebensjahr einen Klassiker an feinmotorischer Schulung genossen, nämlich Geigenunterricht – und hat trotzdem nie ein freundschaftliches Verhältnis zu Zahlen entwickelt. Dennoch ist das gesamte Interview unbedingt lesenswert!!!

Also ich sage ja immer: Handarbeiten! Dazu konnte ich meine Kinder leider nie begeistern und in der Schule ist der entsprechende Unterricht zu meinem nachhaltigen Entsetzen abgeschafft worden. Und da sitze ich doch neulich in einem Wartezimmer, zwei Stricknadeln vor dem Bauch, und fange den zweiten Ärmel eines Pullovers an. Sagt die Mutti neben mir zu ihrem hustenden Knirps: „Guck mal, die Tante häkelt“. Häkelt! Die jungen Mütter können heutzutage nicht mal mehr eine Strick- von einer Häkelnadel unterscheiden!!! Da fällt mir doch der alte Witz ein, den mein in Berlin aufgewachsener Vater gerne zitierte: Kommt ein Berliner mit seinem Sohn aufs Land und sieht einen Bauern am Weidezaun lehnen. Fragt der Vater den Bauern: „Darf der Junge ma die Ferde sehn?“ Sagt der Bauer: „Det sind doch Kühe!“

Der Witz stammt spätestens aus den 1950er Jahren (danach haben meine Eltern Ostberlin nämlich in Richtung Bundesrepublik verlassen). Aber so ist es: Erst verlieren wir das Verhältnis zu den Tieren, dann zum Handwerk – und dann schaffen wir uns selber ab, durch mitfühlende (besser gesagt: emotionale Äußerungen zitierende) Pflegeroboter. Aber vorher schlagen wir erst noch die Stromtrasse durch den Thüringer Wald, damit alle Kinder für ihre Hausaufgaben das Wort „Pferd“ googeln können …

Cornelie Becker-Lamers

Klar gibt’s das auch dieses Jahr wieder‭ – ‬aber halt‭ ‬nicht im Pfarrhaus

Ein weiterer,‭ ‬diesmal recht weiter Rückblick über einen gelungenen Auftakt

Eine weitere Rezension,‭ ‬eine echte Mitmach-Konzert-Rezension steht schon viel länger aus als bloß seit dem‭ ‬25.‭ ‬Februar‭ – ‬nämlich seit genau zwei Jahren‭! ‬Sie ist ganz authentisch,‭ ‬damals sofort verfaßt,‭ ‬aufgrund ihres Aufhängers aber nicht veröffentlicht worden‭ – ‬der Aufhänger paßte nicht zur unvorhersehbaren Tagespolitik‭ (‬wenn Sie recherchieren,‭ ‬was am‭ ‬22.‭ ‬März‭ ‬2016‭ ‬die Schlagzeilen dominierte,‭ ‬werden Sie verstehen,‭ ‬was ich meine‭)‬.

Das ist aber sehr schade drum,‭ ‬denn es war ein schöner Auftakt,‭ ‬am dem unbedingt weitermusiziert werden sollte.‭ ‬Es geht um die Idee des‭ „‬Bach in the subways‭“‭,‭ ‬also um den Gedanken,‭ ‬Johann Sebastian Bach und andere Musik zu Bachs Geburtstag ‭ ‬an Alltagsorten und‭ –‬nichtorten zu Gehör zu bringen.

Wie war‭ „‬Bach in the subways‭“ ‬zu‭ „‬Bach in the stairways‭“ ‬geworden und in unser Pfarrhaus gelangt‭? ‬Nun,‭ ‬die Initiative ging von unserem damals noch recht frisch hier angekommenen Pfarrer aus.‭ ‬Er hatte wohl irgendwie gehört,‭ ‬daß wir jahrelang bei der Langen Nacht der Hausmusik der Thüringer Bachwochen zum Teil recht umfang-‭ ‬und besucherreiche Hauskonzerte auf die Beine gestellt hatten und sprach uns an,‭ ‬ob man zu dieser Langen Nacht der Hausmusik nicht auch im Pfarrhaus einen Beitrag leisten könnte.‭ ‬Mir war bewußt,‭ ‬daß sich diese Veranstaltung,‭ ‬weil sie immer auf dem Freitag vor Palmsonntag liegt,‭ ‬immer mit dem Ökumenischen Jugendkreuzweg überschneiden wird,‭ ‬der auch immer auf dem Freitag vor Palmsonntag liegt.‭ ‬Ich erwähnte das Dilemma und wir verwarfen wegen der Überschneidung die Idee mit der Langen Nacht.

Als ich Tage oder wenige Wochen später die Einladung zu‭ „‬Bach in the subways‭“ ‬im Emailpostfach hatte,‭ ‬schlug ich dem Pfarrer diese Reihe als Ersatz für die Lange Nacht der Hausmusik vor‭ – ‬und er sagte gerne zu.‭ ‬Und natürlich hatte ich die Organisation an der Backe.‭ ‬Aber das ist man ja gewohnt… 😉

Es ging noch drum:‭ ‬Welches Treppenhaus‭? ‬Im Gemeindehaus ist auch eine geniale Akustik‭ – ‬aber gemütlicher sind die Holztreppen im Pfarrhaus‭ – ‬also dort.‭ ‬Ich sprach mit etlichen Musikern,‭ ‬auch den Studentinnen des sich damals gerade etablierenden Taizé-Kreises‭ – ‬alle fanden die Idee schön,‭ ‬aber nicht alle konnten‭ (‬Semesterferien‭ …)‬.‭ ‬Aber der Jugendchor,‭ ‬die Cäcilini natürlich und einige EinzelmusikerInnen sprachen sich ab und waren zur Stelle.‭ ‬Tatkräftig und eigeninitiativ unterstützt durch unseren Pfarrsekretär ging jede Menge Werbung über jede Menge Kanäle raus‭ – ‬schließlich galt es,‭ ‬die Konkurrenz mit dem traditionellen Konzert im Gentzschen Treppenhaus zu bestehen‭ – ‬und etliche folgten unserer Einladung.‭ ‬Und so ging etwas über die Bühne,‭ ‬von dem ich gerne sagen würde:‭ ‬Ein Anfang war gemacht.‭ ‬Aber das kann man halt nur,‭ ‬wenn es auch irgendwann mal irgendwie weitergeht.‭ ‬Sonst bleibt es eine einmalige Veranstaltung.

Aber ob als Anfang,‭ ‬für dessen Fortführung dann jetzt noch einmal geworben würde,‭ ‬oder als einmaliges Mitmach-‭ ‬und Kommunikationskonzert‭ – ‬die Rezension,‭ ‬die ja ohnehin seit zwei Jahren fertig ist,‭ ‬sollte die Erinnerung an den Nachmittag ruhig wachhalten und sie auf PuLa gut aufgehoben sein lassen.

Welcher besondere Gast mit seiner Ehefrau an diesem Nachmittag das Pfarrhaus besucht hatte,‭ ‬warum wir ihn damals gar nicht als besonders erkannt haben,‭ ‬weil er es erst anderthalb Jahre später für uns wurde,‭ ‬man ihn hier aber trotzdem schon auf Gereons Fotos sieht‭ – ‬das erfahren Sie in der nächsten Rezension‭ (‬die seit Ende August aussteht‭ …)‬.‭ ‬Aber jetzt folgt erst einmal:

 

Wer nur den lieben Gott läßt walten (März 2016)

Natürlich kann man schlecht sagen,‭ ‬das Experiment sei ein Bombenerfolg gewesen.‭ ‬Das könnte bei chemiebegeisterten Menschen zu den falschen Assoziationen führen.‭ ‬Aber wir können fürs Archiv getrost festhalten,‭ ‬daß sich der Mut unseres Pfarrers,‭ ‬sein Haus für Musik und Begegnung zu öffnen,‭ ‬absolut ausgezahlt hat.‭ ‬Das Treppenhauskonzert,‭ ‬das gestern im Rahmen von‭ „‬Bach in the subways‭“ ‬im katholischen Pfarrhaus Herz Jesu Weimar stattgefunden hat,‭ ‬war gut besucht,‭ ‬bot zum Zuhören und Mitsingen jede Menge schöner Musik und endete‭ – ‬trotz ungeahnter Überraschungen,‭ ‬die das Programm ganz unverhofft bereicherten‭ – ‬so pünktlich zum Angelusläuten um‭ ‬18‭ ‬Uhr,‭ ‬daß alle nach dem gemeinsamen Mariengebet gestärkt,‭ ‬beglückt und behütet den Heimweg antraten.

Auch die letzten Meter wollen gefunden sein! (eigenes Bild)

Am meisten muß man wohl die Kinder und Jugendlichen bewundern,‭ ‬die gestern,‭ ‬nach sechs oder sieben Stunden Schule,‭ ‬nach Hause gedüst,‭ ‬schnell etwas gegessen und sich wieder auf die Fahrräder geschwungen hatten,‭ ‬um durch recht unfreundliches Geburtstagswetter zu Musik und Begegnung im Pfarrhaus zu fahren.‭ ‬Entsprechend bald stürmten denn auch die meisten von ihnen nach ihren jeweiligen Auftritten wieder davon,‭ ‬um Hausaufgaben zu machen,‭ ‬für eine Klassenarbeit zu lernen oder eine Fahrstunde zu absolvieren.‭ ‬Was man als Kind und Jugendliche so alles zu tun hat‭!

Plakat, leider mit Blitz… (eigenes Bild)

Aber‭ – ‬lief gut‭! ‬Pfarrer Gothe hatte sein Klavier auf den Treppenabsatz vor seiner Wohnungstür gerollt und jede Menge Sitzgelegenheiten geschaffen.‭ ‬Als die Stühle dennoch nicht reichten,‭ ‬wurden schon zu Beginn der Veranstaltung zünftig die Treppenstufen besetzt‭ – ‬wie sich das für ein Treppenhauskonzert gehört.

Gutgelaunter Pfarrer am Kopf der Treppe (eigenes Bild)

Warum wir eigentlich nicht im Elisabethsaal oder sonst einer Guten Stube der Pfarrei waren‭? ‬Haben wir gestern vormittag noch kurz überlegt.‭ ‬Aber ich glaube,‭ ‬es war gut so,‭ ‬im Treppenhaus,‭ ‬und sollte sich genau so einbürgern.‭ ‬Kleine musikalische Einheiten,‭ ‬aber eben nicht in der Konzertatmosphäre eines vollbestuhlten Saales,‭ ‬sondern in einem Nicht-Ort,‭ ‬einer Durchgangsstation,‭ ‬einem Provisorium,‭ ‬was Aufführungen anbelangt.‭ ‬Der Ort trug wesentlich zur lockeren Stimmung,‭ ‬zum später Kommen und früher Gehen,‭ ‬zu den Gesprächen und dem zwischenzeitlichen Tee-‭ ‬und Keksgenuß bei.‭ ‬Alles gut‭!

In Aktion (eigenes Bild)

Planmäßig hatte der Pfarrer mit einer kleinen Ansprache begonnen und dabei das Pfarrhaus als Ort der Begegnung apostrophiert.‭ ‬Zur Eröffnung sang der Jugendchor,‭ ‬begleitet von einer frischgebackenen Jugend-musiziert-Preisträgerin,‭ ‬Bachchoräle und ein Chorarrangement des berühmten‭ „‬Air‭“ ‬aus Bachs dritter Orchestersuite.‭ ‬Es klang sauber und voll.‭ ‬Ein Treppenhaus klingt halt auch einfach gut.‭ ‬Christiane Weber von unserer Lokalzeitung hat es auch gehört und darüber berichtet. ‭ ‬Solistische Stücke folgten,‭ ‬bevor die Cäcilini ihr Programm aus Gebetsvertonung,‭ ‬Mariä Verkündigung und Stabat mater sangen.‭ ‬Eigentlich wollten wir dann die Mitsingerunde einläuten,‭ ‬als eine koreanische Musikstudentin auf der Bildfläche erschien,‭ ‬die sich letzten Freitag anläßlich des Jugendkreuzweges mit Pfarrer Gothe bekannt gemacht hatte.‭ ‬Wie sich herausstellte,‭ ‬hatte sie nicht nur Busonis Klavierbearbeitung der Chaconne aus Bachs d-moll-Partita für Solovioline parat,‭ ‬sondern war auch durchaus willig,‭ ‬sie uns vorzuspielen‭ – ‬so daß die nächste Viertelstunde mit professionellem Klavierspiel gefüllt wurde.

Nach einer Runde Tee trinken und sich austauschen hatten wir dann doch noch Zeit für ein vierstimmiges‭ „‬O Haupt voll Blut und Wunden‭“ ‬mit allen Anwesenden,‭ ‬und etliche Taizé-Gesänge gingen auch mehrstimmig vom Blatt.‭ ‬Daß es nach zwei Flötenduetten dann gerade zum Angelus läutete,‭ ‬habe ich ja schon erwähnt.‭ ‬Es war ein rundum gelungener und schöner Nachmittag und dürfte sich in dieser Form‭ – ‬natürlich mit weiteren Beitragenden‭ – ‬gerne einbürgern.

Cornelie Becker-Lamers,‭ ‬Weimar

 

 

 

 

Beisammensein I (eigenes Bild)

Beisammensein II (eigenes Bild)

 

 

 

 

 

Mira heißt wunderbar

Abendmesse mit studentischem Chor oder Wenn wir die Hochschule nicht hätten …

 

Wir haben sie aber! Und die Studierenden der Kirchenmusik bescheren den Gottesdienstbesuchern mit ihren Abschlußarbeiten immer wieder wunderschöne Erlebnisse. So am 25. Februar 2018 in der Abendmesse mit dem Zelebranten Dr. Pittner und Jakob Dietz an der Orgel. (Daß unsere Rezension so spät kommt, hat mit zuviel Arbeit und der Grippewelle zu tun 🙁 )

Die Absolventin Mirosława Cieślak hatte aus Kommilitoninnen und Kommilitonen sowie einzelnen Noch-Nicht-Studierenden, die sie beim Gemeindegesang mit sicherem Gehör aus der Bank gefischt hatte 😉 , einen Projektchor zusammengestellt, der nach drei Proben die Messe mit gut einer halben Stunde Musik bereicherte.

Neben Eingangs- und Danklied (Aus tiefer Not, GL 277 bzw. O, Mensch bewein, GL 267), die der Chor mit der Gemeinde im strophischen Wechsel sang, hörten wir das Kyrie, das Sanctus/Benedictus und das Agnus Dei aus Antonio Lottis (1666-1740) Missa brevis (ab Minute 2:00):

Die Tempi in Frau Cieślaks Chor waren zum einen getragener, zum andern im Benedictus spritziger (und übrigens war alles einen Halbton höher angestimmt) – insgesamt schöner als Sie es hier vom Kammerchor der Interlochen Arts Academy hören können, aber durch das YouTube-Video erhalten Sie immerhin eine Vorstellung von der Musik. Die Besetzung war identisch, auch in Weimar standen pro Stimme fünf Sängerinnen bzw. Sänger zur Verfügung, aus deren Reihen sich während des Wortgottesdienstes Elisabeth Maruschke zum Kantorieren löste.

Zur Gabenbereitung erklang das Parce Domine von Feliks Nowowiejski (1877-1946):

Nach dem Schlußsegen schwang der Chor sich, dann vor den Altarstufen postiert, sogar zu Henryk Góreckis (1933-2010) fast 10-minütigem Marienlob Totus Tuus auf.

Da die Vermeldungen den Chor aus Versehen nicht angekündigt hatten (oder, wahrscheinlicher, der nötige Input fehlte) und auch ich vergessen hatte, in der Kirchenchorprobe dafür Werbung zu machen (Asche auf mein Haupt), war die Kirche spärlicher besetzt, als es für gewöhnlich zu solchen Gelegenheiten der Fall ist. Was unserem Genuß keinen Abbruch tat, aber für alle schade ist, die es verpaßt haben, weil sie den Termin einfach nicht wußten. Aber hier in der Rezension ist er nun wenigstens aufgehoben und wir schließen mit der Vorfreude auf die nächste vergleichbare Messe.

 

Cornelie Becker-Lamers

Zwei Beiträge …

… und 99 Abonnenten. So sieht der Instagram-Account unseres ausgesprochen beliebten, weil herzlichen, klugen und frommen indischen Gastpriesters aus. Ich weiß gar nicht mehr genau, wann er in unsere Pfarrei gekommen ist – war es Sommer oder Herbst 2015, als unser damaliger Kaplan gerade seine erste Pfarrstelle angetreten hatte? So ungefähr jedenfalls. Er – der Gastpriester – lernte in Windeseile, hervorragend deutsch zu sprechen. Er erlernte die Art der hiesigen liturgischen Gesänge, der Melodieführung und der Tongebung. Das muß unglaublich schwer gewesen sein. Aber er hat es geschafft. Und er bestach von Anfang an durch die klare Gliederung seiner Predigten. Aus der Sicht unserer Pfarrei also muß man sagen: leider – leider hat er vor einigen Wochen verkündet, daß er seine Doktorarbeit im Fach Dogmatik der katholischen theologischen Fakultät Erfurt fertiggestellt und eingereicht hat und nun auf das Rigorosum wartet. Dann – das hatte er aber von Anfang an angekündigt – wird er uns im Mai 2018 verlassen, um in seiner Heimat Theologie zu lehren.

Schnief! 😥

Aber er wird mit den vielen Jugendlichen, die ihm jetzt schon auf Instagram folgen, in Kontakt bleiben können. Er wird Bilder versenden können und Situationen charakterisieren. Er wird, wenn er möchte, den Hiergebliebenen Eindrücke seines neuen alten Lebens schildern können. Und er wird Kontakte unter seinen Abonnenten herstellen. Insta ist ein Schneeballsystem im positiven Sinne.

Wenn unser Kirchortrat – was er tut – nun überlegt, wie er die zum Wintersemester 2017/18 über 80 neu in unserer Pfarrei angemeldeten studentischen Gemeindemitglieder ansprechen, kennenlernen und für die engagierte Mitarbeit in Chören oder wo auch immer (Wiederaufbau einer KSG, Ausbau der ÖSG …) gewinnen könnte, dann könnte ein Instragram-Account – natürlich geplant und unterhalten von der Generation, deren Medium es ist – der Überlegung wert sein. Ich weiß, daß die Pläne schon im Herbst in verschiedene Richtungen gingen – und jeweils verworfen wurden. Aushang – „vergiß es – hängt sofort was drüber“. Postings auf der Uni-Pinnwand – „rutscht so schnell weg“.

Letzteres ist auch bei Twitter ein längst erkanntes Problem. Und dennoch setzen kluge Bischöfe wie Schick, Oster oder Burger sowie die Politprominenz bekanntlich auf diesen Nachrichtendienst, um kurze Statements abzugeben und auf längere Texte zu verlinken. Aktuell etwa die Predigt Bischof Osters auf der Frühjahrsvollversammlung der Bischöfe, die Stellung der Menschen zu den Sakramenten, eine Positionierung zur Segnung homosexueller Partnerschaften oder die Diskussion um die Übersetzung der sechsten Vater-Unser-Bitte (vgl. hier).

Für längere Texte und ausführlichere Beiträge halte ich nach wie vor das Weblog – kurz Blog – für unschlagbar. PuLa ist mittlerweile ein unersetzbares und für uns unschätzbares Archiv an theologischen Texten, authentischen Stimmungsbildern und guter Literatur, auf das wir immer wieder angewiesen sind und in dem wir immer wieder gerne „nachschlagen“. Ein Blog in einer Pfarrei ist einfach gut und vermutlich das Beste. Das haben viele bereits erkannt, und so kommt es, daß auch, seit nach dem Rücktritt Benedikts XVI. ein Teil der papsttreuen Bloggerszene vielleicht ein bißchen weniger aktiv ist, auch im katholischen Bereich immer wieder neue Blogs entstehen. So machte uns letzten Monat eine Bekannte hier aus der Nähe auf ihren brandneuen Blog aufmerksam, dessen Fokus auf den Themen Krankheit und Glauben liegt, hier. Und selbst Wissenschaftler, die als Priester, Professoren und Buchautoren eigentlich genügend Publikationsmöglichkeiten haben, stellen neue Blogs online und nutzen dieses Medium. Sehr zu empfehlen etwa der von Professor Wollbold, früher Erfurt, seit knapp 15 Jahren LMU München, der vor ziemlich genau einem Jahr begonnen wurde, hier.

Für die schnelle Kurzinformation und das berühmte Bild, das mehr als 1000 Worte sagt, scheint aber ein Instagram-Account ein hervorragend gangbarer Weg zu sein. Eine Freundin von mir, die mit ihrem Mann gemeinsam seit einigen Jahren die Weimarer Szene-Bäckerei betreibt, hat mir das einmal beschrieben: „Das ist so irre – wenn wir ein Brot posten, stehen 10 Minuten später ein paar Leute im Laden und sagen, sie möchten es kaufen.“ Instagram behält man im Blick, und die Postings bleiben stehen (wie ja auch Tweets, wenn man ein entsprechendes Profil aufruft, alle auf einen Blick erscheinen).

Und es scheint nicht sonderlich aufwendig zu sein. Wie gesagt: Mit zwei Beiträgen hat unser Gastpriester 99 Abonnenten menschengefischt, die sich untereinander kennen oder sogar hierüber kennenlernen und sich gegenseitig zu folgen beginnen. Man muß nicht ständig posten, es herrscht kein Druck – aber was man sendet, wird wahrgenommen. Instragram ist – die Zukunft? Das will ich nicht beschwören. Aber, wie meine 14jährige Tochter (9 Beiträge und 135 Abonnenten) sagt: Es ist die Gegenwart. Und das wäre ja schon was.

Cornelie Becker-Lamers

Die Redaktion ergänzt: Suchen Sie unseren so überaus geschätzten und gemochten Gastpriester und Promovenden auf Instagram (und übrigens auch auf Facebook) unter Jj Nirma und wer mag, schaut sich auch einmal die Homepage seines Heimatbistums Salem im indischen Bundesstaat Tamil Nadu an, hier! (vielleicht verstehen Sie jetzt auch eine Zeile in einem unlängst geposteten Lied besser? Wer nochmal nachhören will [ab ca. 1.00 Min.], hier entlang 😉 )

 

Lent-Size

Pünktlich zur Fastenzeit bringt das Unternehmen Mars Mammutpackungen der Schokoriegel Mars und Twix in die Läden: Nicht mehr nur 5 oder 6+1, sondern 11+1. Also einen mehr und noch einen mehr, früher hätte man “Dutzend” gesagt.

Schokoriegel im Weimarer Einzelhandel 1 (eigenes Bild)

Schokoriegel im Weimarer Einzelhandel 2 (eigenes Bild)

Allen, die nicht Schokolade fasten, wünscht PuLa einen guten Appetit.

 

Cornelie Becker-Lamers

‚Unzeitgemäße‘ Betrachtungen…

… zur „Liturgischen Zeit„.

Im vorangegangenen Beitrag (4. Februar) hatte ich mich anhand eines Zeitungsartikels (erneut) mit „Mariä Lichtmeß“ als Punkt im Kirchenjahr befaßt.
Der Kommentar des Kollegen „Vincentius Lerinensis“ ist so gehaltvoll und dazu angetan, die Sache weiterzubringen, daß ich mich in altbewährter Weise entschlossen habe, ihn nicht nur im Kommentarbereich, sondern zusammen mit meiner vorläufigen Antwort „hier oben“ zu veröffentlichen!
Lesen Sie also, wenn Sie ihn u.U. nicht mehr so ganz präsent haben sollten, den Ursprungsbeitrag, um dann mit dem Kommentar einzusetzen!

Es mag in der Zeitung stehen, es ist aber trotzdem falsch — und war es schon immer. Die Kalenderreform hat die Weihnachtszeit nicht verkürzt, sondern um ein paar Tage verlängert. Sie endet jetzt mit dem Fest Taufe des Herrn, früher endete sie mit Epiphanie (auch wenn der erste Sonntag nach Epiphanie von einem Fest, nur einem anderen, WIMRE [Anm. der Redaktion: Im Internet geläufige Abkürzung für: „Wenn ich mich recht erinnere“, vgl. IIRC] dem der Heiligen Familie, verdrängt wurde).

Die Sonntage nach Epiphanie zählten aber mitnichten zur Weihnachtszeit, vielmehr wurden sie genauso in grün gefeiert wie die Sonntage im Jahreskreis.

Auch ist Lichtmeß niemals das Ende der Weihnachtszeit gewesen. Vielmehr konnte Lichtmeß bereits mitten in die Vorfastenzeit fallen (tut es, glaube ich, dieses Jahr sogar), die allerdings auch noch nicht so richtig zum Osterfestkreis gehört(e), da ihre liturgische Farbe ebenfalls grün ist.

Natürlich ist Lichtmeß von Weihnachten abhängig (40. Tag), aber Dreifaltigkeitssonntag, Fronleichnam und Herz Jesu sind auch von Ostern abhängig, ohne daß die Osterzeit erst mit dem Herz Jesu-Fest endete.

Durch die Liturgiereform ist das nur deutlicher geworden, da zuvor die Festzeiten offener in die Nicht-Festzeiten übergingen, die einfach nach dem letzten Fest des jeweiligen Festkreises gezählt wurden (Sonntage nach Epiphanie, nach Pfingsten).

Natürlich dürfen die Weihnachtsbäume und Krippen bis Lichtmeß stehen bleiben. Die sind ja auch kein Bestandteil der Liturgie und ihrer Vorschriften (und es auch m.W. nie gewesen). In manchen Gegenden stehen die Krippen wohl das ganze Jahr über. Das gehört alles in den guten Bereich der Volksfrömmigkeit.

Nur sollte man zwischen Liturgie und Volksfrömmigkeit klar unterscheiden, sonst kommt zur historisch falschen Unterstellung, daß die Kalenderreform die Weihnachtszeit verkürzt hätte. Hat sie nicht, und die Volksfrömmigkeit darf gerne weiter bis zum Aschermittwoch Weihnachten feiern, das hört ja genauso wenig jemals auf wie Ostern oder Pfingsten.

 

Lieber Kollege!

vor allem anderen, selbst vor dem Dank, die herzliche Bitte um Entschuldigung, daß ich diesen wertvollen Kommentar derart lange in der Warteschlange gelassen habe! Es war gewiß keine Absicht, ich komme nur gerade nicht rum und daher nur sehr unregelmäßig zum Bloggen!

Dann also: Danke! Der Inhalt Deines Kommentars gehört nämlich genau zu dem, was ich meinte, als ich über das schrieb, was ich alles gerade nicht schaffen würde (s.o…. 🙁 ) Und ich will gerne zugeben, daß ich den Eindruck, eine Verkürzung der Dauer der Weihnachtszeit gehöre mit zu den Änderungen in liturgischen Kalender nach dem zweiten Vatikanum durchaus bewußt nicht vermieden habe, obwohl ich schon so eine Ahnung hatte, es könne so sein wie Du sagst… 😉

Nur, ist damit schon alles gesagt? Ich glaube, nein! Denn der Eindruck, der entstanden ist, da hätte sich etwas in der „Einteilung“ der ‚kirchlichen Zeit‘ (was für den einfachen Gläubigen ja nicht notwendigerweise identisch ist mit der ‚liturgischen Zeit‘ im sozusagen fachlich-korrekten Sinne), der ist eben einfach da, und der ist es ja auch, der sich in dem zitierten Zeitungsartikel spiegelt!
Ein Artikel, den ich natürlich von vornherein nicht als Beitrag einer Fachjournalistin gewertet habe (Frau Tismer ist eher eine Fachfrau i.S. alter Autos und Bergrennen, ja, wirklich!), sondern als Ausdruck des mit diesem Eindruck verbundenen Unbehagens. Und daß das (Pseudo-) Argument: „Das Konzil hat es aber so gewollt“, das ja allzuoft als sprichwörtliche ‚Schere im Kopf‘ funktioniert, im Jahr 2018 diese Wirkung nicht mehr unbedingt entfaltet, das finde ich immer noch ebenso bemerkenswert, wie die schiere Tatsache, daß 50 Jahre seit den schrecklichen 60er Jahren ins Land gegangen sind, und ‚die Leute‘ empfinden immer noch so!

Den Gründen dafür nachzuspüren, will ich irgendwann versuchen, denn es muß ja irgendwoher kommen, das „Gefühl“, sich an irgendwelchen konkreten tatsächlichen Veränderungen festmachen lassen, auch wenn diese jedenfalls nicht im direkten Sinne das Ende der Weihnachtszeit im liturgischen Kalender betroffen haben.

Herzlichen Gruß

Gereon

PS: Du hast ganz recht: Als Du den Kommentar schriebst war der Sonntag Septuagesima, der den Beginn der Vorfastenzeit markiert(e), schon vorüber (28. Januar). Zur Vorfastenzeit habe ich übrigens hier schon mal was geschrieben (und finde es nach über vier Jahren nicht revisonsbedürftig.. 😉 )

„Vatikanisches Konzil hin oder her“

Vor Jahr und Tag, ok, vor Jahr und zwei Tagen, also zu Mariä Lichtmeß 2017 schrieb ich in diesen Zeilen über das „wirkliche Ende der Weihnachtszeit“ und endete nach einigen Betrachtungen über die Art und Weise, wie früher und wie gerade aktuell die liturgischen Zeiten heißen mit dem Satz: „[…] so ist jeder Baum und jede Krippe, die bis Lichtmeß stehen, auch in dieser Beziehung ein Hoffnungszeichen und ein Zeichen des Widerstands, den der Glaubenssinn vor Ort nun schon seit Jahrzehnten leistet – ist ja nicht das erste Mal in der Kirchengeschichte.“

Gestern nun durfte ich lesen:

„Weihnachten endete gestern. Und keinen Tag früher“,

worauf einige Bemerkungen über das zweite vatikanische Konzil, „seine“ Liturgiereform und die damit verbundene Festlegung des „Ende[s] der Weihnachtszeit“, vor allem aber über das Festhalten der Menschen an „jahrhundertelangen Traditionen“ folgten, Bemerkungen, die in dem Satz gipfelten, der die Überschrift dieses kleinen Beitrags bildet.

Ja, Sie hatten doch nicht etwa gedacht, ich würde so flapsig über das 21. Ökumenische Konzil schreiben, oder? Käme mir gar nicht in den Sinn! 😉
Wer dann so geschrieben hat? Silvana Tismer, die Lokalchefin der Blätter der Funke-Mediengruppe in Heiligenstadt und so sprang mir der kleine Text, der seinerseits die Überschrift hat: „Es geht auf Ostern zu“ (und auch damit meinen Bemerkungen aus dem vergangenen Jahr ähnelte!) eben gestern in der samstäglichen Kolumne ‚Guten Morgen‘ ins Auge.

Gerade-so-nach-Weihnachtszeitliche Zeitungslektüre (eigenes Bild)

Das ist doch wirklich sehr bemerkenswert: Da stehen Sachen in der Zeitung, mitten hier in der mitteldeutschen Diaspora (wenn auch aus dem Eichsfeld geschrieben), die man so ohne weiteres nicht erwartet hätte. Wie schön, wenn sich jemand traut, seine empirischen Beobachtungen und daran geknüpften Betrachtungen ohne falsche Rücksichtnahmen aufs (Druck-) Papier zu bringen! Ganz so, wie man das von Journalistinnen und Journalisten erwartet!

Tatsächlich: Gerade eben in der 18.00 Uhr Messe hier in Herz-Jesu Weimar war zwar die Krippe abgeschmückt, aber sie stand noch, ebenso wie der Baum, noch mit seinen Strohsternen und – niemand fand es seltsam! (Wiewohl der Gesamtcharakter des Gottesdienstes schon eher zur Vorfastenzeit [die es aber ja im novus ordo gar nicht mehr gibt!] paßte, als zum „5. Sonntag im Jahreskreis“, aber das ist ein anderes Thema…)

Nun scheint mir, gerade in diesem Jahr gibt es eine ganze Menge von Beiträgen über „Lichtmeß“, Bedeutung und Herkommen, auch in katholischen Medien, aber das mag auch bloß mein Eindruck sein. Nicht nur subjektiv ist aber die Beobachtung, daß etliches in diesen Beiträgen nicht recht zusammenpassen will und das betrifft gleich mehrere Ebenen.
Und eine dieser Ebenen spricht Frau Tismer sozusagen unerschrocken an: Wie war es vor der Zeit, die von den Entwicklungen geprägt ist, die das Zweite Vatikanum ausgelöst hat? Ob das wirklich „seine“ (des Konzils) Liturgiereform war, was dann über uns gekommen ist, ist bekanntlich umstritten, aber daß sich der liturgische Kalender verändert hat, steht ja fest.
In einer Zeit, in der auch in unserem Bistum immer mehr Menschen Fragen stellen, wie das „früher“ denn war, mit der Liturgie und neugierig sind auf „Tradition“, ja, spüren, es ist ihre Tradition, da tut die Beantwortung dieser Fragen not.

Leider habe ich im Augenblick nicht die Kraft/Zeit, das in der Qualität anzugehen, die Sie zu recht von PuLa erwarten (vgl. hier z.B.) aber, es geht nichts verloren und, deo volente, nobis viventibus, wird sich noch Gelegenheit ergeben! 🙂

Das ist Kunst!

Das ist Kunst!

Ein lustiges Gedicht aus traurigem Anlaß

 

Hier steht Kunst in Pfarrers Garten.

Doch nicht Werke aller Sparten:

Chainsaw-Carving mag er sehr,

drum steht das hier mehr und mehr.

Der Orkan, der Friederiker,

hatt‘ die Fichte auf dem Kieker –

wie ein Streichholz umgehaun

inklusive Gartenzaun!

Schnell beräumt die Stadt den Schaden,

rot-weiß abgesperrt der Ort,

und zersägt der Baum sofort,

Teile gleich schon aufgeladen.

 

Freitag schon ist kaum noch sichtbar,

was am Tag zuvor geschah,

und die Teile, licht und lichtar,

liegen still und friedlich da.

 

Wenn die Kunst jetzt mit verschwände –

denkt euch nur! O welch ein Schreck!

PuLa stellt drum klar behende:

Das ist Kunst

und das kann weg!

Cornelie Becker-Lamers

(Alles eigene Bilder)