Zurüruck zum Inhalt

“…dass Vorsicht ohne Vertrauen Angst ist”

Bischof Neymeyrs “Corona-Gedanken” anläßlich des Elisabeth-Empfangs 2020

 

Natürlich” ist auch der Elisabeth-Empfang, das Zusammentreffen mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, zu dem unser Bistum alljährlich zum Tag der Bistumspatronin, der Hl. Elisabeth am 19. November einlädt, der “Corona-Lage” zum Opfer gefallen…  

Aber Bischof Ulrich hat die Gedanken, die er sonst sicherlich in seiner Ansprache geäußert hätte, als Podcast (hört, hört!) und schriftlich zur Verfügung gestellt, Sie finden beides hier.

Ursprünglich hatte ich schon gestern kurz etwas dazu schreiben wollen, aber da ist dann “natürlich” 😉 nichts draus geworden…

Die Bemerkungen unseres Bischofs aus diesem Anlaß sind, naturgemäß und richtigerweise, immer auch politisch. So auch jetzt.
Politisch, das heißt auch: Man kann, ja man sollte, kontrovers über sie diskutieren (können). 

Das möchte ich aber nicht, bzw. nur ganz andeutungsweise tun, denn erstens ist PuLa kein politischer Blog und zweitens überwiegt m.E. in dem, was Bischof Dr. Neymeyr gesagt hat, der genuin geistliche Zugriff, trotz, oder gerade in der politischen Thematik deutlich.
Und das finde ich überaus erfreulich!

Da steht gleich zu Beginn der klare Satz: “Der Glaube erinnert daran, dass Vorsicht ohne Vertrauen Angst ist”, womit, kurz vor dem Advent, das “nolite timere” der Weihnachtsbotschaft anklingt. In Zeiten der Angst und wohl auch der Angst-mache ein höchst angemessenes und notwendiges Wort!

Das in den nächsten zwei Absätzen fundamentiert wird von der unzweideutigen Ansage: ‘Ja, Gott hat natürlich aus gläubiger Perspektive auch mit diesem unheilvollen Geschehen zu tun, ja, selbstverständlich müssen wir versuchen, es aus eben dieser Sicht zu deuten!’
Solche Eindeutigkeit hatten, dem Himmel sei’s geklagt, nicht alle Einlassungen aus dem kirchlichen Raum in den letzten Monaten. 

Für diese Deutung eine Mahnung zur Umkehr anzubieten ist ebenso naheliegend wie es gut neutestamentlich durchgeführt wird. 

Dann folgen Aussagen zur Corona-Krise, die einfach wohltuend sind:

Zunächst: “Zurecht sind die Menschen erschrocken, als sie im März erleben mussten, wie radikal der Staat in ihr Leben eingreifen kann”

Und dann:  “Die Corona-Krise mahnt […] auch zu einem guten Umgang mit Fakten. Sie ist nämlich eine Krise, in der es offensichtlich nur sehr wenige Fakten gibt. Fakt ist: 1) Es gibt das Virus. 2) Das Virus breitet sich durch die Atemluft aus. 3) Seine Folgen sind: nichts, krank, sehr krank oder auch tot. 4) Das Virus kann zur Überlastung der medizinischen Versorgung führen. Alles, was darüber hinaus in der Öffentlichkeit verbreitet wird, sind offensichtlich Theorien oder Ergebnisse aus begrenzten Einzelstudien, die auch Wissenschaftler nicht als Fakten verkaufen sollten.” (Hervorhebung von mir)

Dies könnte, recht verstanden, eine Gesprächsgrundlage zu denjenigen Menschen, nach meinem Gefühl darunter viele ernsthafte Christen, herstellen, die angesichts der weitverbreiteten Welt-, bzw. Politik-Verdoppelung auch seitens vieler Bischöfe zu diesem Thema mit ihrer jeweiligen Glaubensgemeinschaft hadern! (Der, pardon, eher billige Trump-Seitenhieb zu dem extrem wichtigen Thema: “Zensur durch die großen Plattformen” trägt allerdings m.E. dazu gar nichts bei)

Es folgt das klare Bekenntnis zur Bedeutung von Erziehung in Kindergarten und Schule, verbunden mit dem dringenden Wunsch, sie möchten geöffnet bleiben und ein ebensolches in Richtung Kultur – eigentlich überall unverzichtbar, in Thüringen aber ganz besonders:
“Sie [sc. die Menschen, die Kultur tragen] sind genauso wichtig, wie die Betriebe und Konzerne, die zum wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes beitragen”
Bravo!

Daß der folgende Dank auch ein erhebliches kritisches Potential hat, wird niemandem entgehen können: “Ich danke allen, die erkannt haben, dass es in einer freiheitlichen Gesellschaft gerade bei solch gravierenden Maßnahmen auch der Meinungsbildung durch die gewählten Vertreter des Volkes in den Parlamenten bedarf. Das Corona-Virus mahnt dazu, den mitunter mühsamen, aber für den Zusammenhalt der Gesellschaft erforderlichen Weg der parlamentarischen Demokratie zu gehen”
Muß ich betonen, wie wohl dieser Satz gerade jemandem tut, der, und zwar mit Überzeugung, in der Thüringer Volksvertretung Dienst tut?

Sehr zurecht hat die Thüringer Presse in ihren Zusammenfassungen den Schluß der “virtuellen Ansprache” hervorgehoben, den Dank dafür, “dass vor allem in Thüringen sehr früh gesehen wurde, dass Religionsfreiheit und Versammlungsfreiheit hohe Verfassungsgüter sind, die nicht einfach beschnitten werden dürfen” .

In der Tat! Und bis heute weiß ich nicht, was ich dazu sagen soll, daß es mit Bodo Ramelow Deutschlands einziger Ministerpräsident der LINKEN ist, dem das zu verdanken ist (und wir schulden es aller Wahrscheinlichkeit auch sehr genau ihm persönlich). Aber zum Glück ist PuLa ja kein politischer Blog und so muß ich ja nichts sagen, zu B. Ramelows Kollegen aus dem Westen und dem Süden… 😉

Aber was ich weiß ist, wie gut es tut, einmal wieder einen Beitrag unter der Kategorie “Danke, Herr Bischof” zu schreiben, heute, am 6. Jahrestag seiner Inbesitznahme der Kathedra des Erfurter Doms, dem Tag der Hl. Cäcilia, woran PuLa schon vor vier Jahren erinnert hat.

Und wenn ich es so recht bedenke: Gibt es eigentlich irgendeine Heilige, die eher anzurufen wäre, als gerade Cäcilia, wenn es die Freiheit von Kultus und Kultur hochzuhalten gilt, wie eben jetzt?!

Hl. Cäcilia, bitte für uns!

Simon Glücklich, Das Spiel der Hl. Cäcilia von Engeln begleitet, 1886 (Wikimedia Commons, Palais Dorotheum, 2012)

Gereon Lamers

Oh wie wohl ist mir am Abend …

Hörst du nicht die Glocken? Hörst du nicht die Glocken?

 

Es wäre zu viel gesagt, wollte man behaupten, unser Bischof nehme jede Herausforderung an. Wir wissen da gleich von mehreren, vor denen er bis dato die Waffen streckt.

Aber den nächsten Fernsehauftritt wollte er sich denn doch nicht entgehen lassen: Eine 10jährige nämlich hat Dr. Neymeyr zum Duell in der Sendereihe „Klein gegen Groß“ herausgefordert. Es geht um das Erkennen verschiedener Glocken an ihrem Klang. Und weil im Erfurter Mariendom die Gloriosa hängt und das bekanntlich die größte freischwingende mittelalterliche Glocke der Welt ist, fühlte unser Bischof sich bei der Ehre gepackt und hat seine Teilnahme zugesagt.

Die ARD kann nebenbei bemerkt von Glück sagen, daß sie den Pressesprecher unseres Bistums rechtzeitig erreicht hat. Aber dazu bei Gelegenheit mehr.

Aber die ARD hatte Glück, und so können gerade die, die unseren Bischof lange nicht gesehen haben – weil Firmungen ausfallen, Wallfahrten in geschlossene Räume verlegt werden und nur geladene Repräsentanten der Pfarreien zulassen oder warum auch immer – heute Abend Fernsehen gucken. Um 20.15 Uhr geht’s los: „Klein gegen Groß“.

Aber irgendwie ist es ja leicht: Die ARD haben den beiden Kandidaten Einspielungen der verschiedenen offenbar in Frage kommenden Glocken zum Üben zur Verfügung gestellt. Das ist ja lame! Falls unser Bischof das kluge Kind mit seinem vermutlich höllisch guten Gedächtnis für Klänge deshalb nicht besiegen kann, haben wir hier einen Geheimtip für ihn. Sozusagen als Joker. Oder als Zugabe. Wenn es 5 zu 5 ausgeht (oder wie weit da gezählt wird): Das Angelusläuten der Pfarrkirche zum Heiligsten Herzen Jesu in Grundlsee im Ausseerland. Das ist bestimmt ein seltenes Gebimmel!

Wir haben es Ende August 2020 aufgenommen, als wir uns gottlob nach Österreich getraut haben (es hat sich wieder mehr als gelohnt und niemand ist krank geworden). Und ich wollte den Film immer schon mal online stellen, denn manche Menschen hören offenbar gerne Glockengeläut (der ganz ganz kurze Film über die Glöckchen in Wesel-Bergerfurth – of all places – ist schon über 150 mal aufgerufen worden, obwohl wir ihn weder vertwittert noch sonstwie publik gemacht haben … unglaublich!).

Nun heißt es also: PuLa proudly presents: Das Angelusläuten der Pfarrkirche Herz Jesu Grundlsee! Voilà!
Enjoy! 🙂

Das Schöne daran ist, wie die Aufnahme zustande kam. Denn mehrere Menschen nahmen, wie ich z.T. erst hinterher feststellen konnte, Rücksicht darauf. Natürlich hatte ich die Tage zuvor immer mal wieder überlegt, ob ich das Abendläuten, das Morgenläuten oder das mittägliche Angelus aufnehme. Von wegen Sonnenstand und so. Es ist dann das mittägliche geworden. Der Film beginnt daher auch mit einigen der 12-Uhr-Glockenschläge. Ich war also nach reiflichem Überlegen eines Mittags kurz vor 12 losgezogen – und ein Gärtner mähte lautstark um die Kirche herum den Rasen! ‚Na toll!‘ dachte ich, ‚dann muß ich ja wohl nochmal wiederkommen.‘ Aber was soll ich Ihnen sagen – die 12 Uhr hatten kaum zu schlagen begonnen, als die Mahd entweder beendet war oder der Gärtner eine Pause einlegte – vielleicht gar, um das Angelus zu beten? Ok – das ist sogar in Österreich und sogar auf dem Dorf mittlerweile unwahrscheinlich. Aber bekanntlich gibt es ja nichts, was es nicht gibt. Und mir gefällt der Gedanke, der Gärtner habe eigens die Arbeit unterbrochen, um den Engel des Herrn zu beten. Früher ging das schließlich auch, schauen Sie hier:

Jean-François Millet, L’Angélus (um 1857-59), Musée d’Orsay (Bild gemeinfrei; Quelle wikipedia Google Art Project)

Rücksicht genommen hat jedenfalls ein Tourist, der die Minuten, in denen ich gefilmt habe, hinter mir wartete, um mir nicht ins Bild zu laufen. Das fand ich bemerkenswert!

Und nun – viel Erfolg heute Abend für unseren hochwürdigsten Herrn Bischof. Und einen schönen Kanon zum Abschluß – als gutes Omen sozusagen 😉 .

 

Cornelie Becker-Lamers

PS: Es gibt zu den aktuellen Aktivitäten unseres Ordinarius noch mehr zu sagen – erfreuliches! Dazu heute im Laufe des Tages (hoffentlich) ein paar Gedanken von meiner Seite.

Gereon Lamers

„die Pfarrei der Kulturstadt“ (2/2)

Herz Jesu Weimar auf der BUGA 2021

 

Nun ist es doch „übermorgen“ geworden, bis die Fortsetzung des Textes verfaßt war – aber jetzt ist er fertig.

Vielleicht erst noch einmal einige Hinweise zur Frage der Möglichkeit von Vorbereitungstreffen in Gemeindehäusern. Da gibt es brandaktuelle Verordnungen des Bistums Erfurt und der Stadt Weimar. Beide legen uns in meinen Augen keine Steine in den Weg.

Fangen wir mit den rechtsverbildlichen Briefen unseres Generalvikars Beck an. In seinen „Festlegungen bzgl. Corona bis einschließlich 31.12.2020 im Bistum Erfurt (Stand 4.11.2020)“ teilt uns der hochwürdige Herr Generalvikar mit, daß die am 24. August 2020 erlassenen Festlegungen aufgrund des Infektionsgeschehens weiterhin zu beachten sind. Dort heißt es unter Punkt 5: „Gemeindehäuser und Pfarrheime können unter Fortführung der bisher geltenden Regelungen und Schutzmaßnahmen weiterhin für Bildungsarbeit und Gremiensitzungen genutzt werden.“ Das dürfte die einschlägige Stelle für unser Anliegen sein, da die Planungsarbeit für eine Bundesgartenschau nicht eigens erwähnt wird. In den Festlegungen vom 4. November 2020 wird zur Nutzung der Gemeindehäuser nichts spezifiziert, aber den Bildungshäusern des Bistums Veranstaltungen ohne Beherbergung noch einmal ausdrücklich gestattet. Das Schreiben des Generalvikars vom 4. November scheint mir vor allem durch eine Verordnung der Stadt Erfurt motiviert, an welche Hw. Beck Hinweise zu den Gottesdiensten in den Kirchen der Stadt Erfurt anpaßt.

Schauen wir also für uns in der Pfarrei Herz Jesu auch nach den aktuellen Verordnungen der Stadt Weimar. Das galoppierende Infektionsgeschehen hat uns gerade wieder auf die Inzidenzzahl von 50,7 katapultiert, was 33 positiv Getesteten in der ganzen Stadt entspricht. (Die 50,7 sind ja auf 100.000 Einwohner hochgerechnet. Für Weimar geht diese Zahl also immer mal zwei Drittel.) Und beim ersten (!) Verstorbenen, der in Weimar mit einer Covid-19-Erkrankung in Verbindung gebracht wird, kann, so die Stadtverwaltung, wegen Vorerkrankungen „nicht abschließend beantwortet werden, ob Covid-19 hauptursächlich für sein Ableben war.“

Weimar ist scheinbar definitiv kein Hotspot der Superspreader. Aber man kann bekanntlich nicht vorsichtig genug sein. Daher ist auf der Internetseite der Stadt die inzwischen 14. Verordnung zum Vollzug des Infektionsschutzgesetzes zu lesen. Unter Punkt 6 heißt es: „Nicht öffentliche Veranstaltungen […] mit mehr als 10 Teilnehmern aus maximal zwei Haushalten sind untersagt. […]. Ausnahmen hiervon bilden berufliche und dienstliche Tätigkeiten sowie ehrenamtliche Tätigkeiten in Körperschaften […] des öffentlichen Rechts, bei denen ein Zusammenwirken mehrerer Personen zwingend erforderlich ist.“ Da die Kirche eine Körperschaft öffentlichen Rechts ist, ein Orgateam ehrenamtlich arbeitet und in einem Team das Zusammenwirken mehrerer Personen zwingend erforderlich ist, ist das genau die Textstelle, die unser Vorhaben genehmigen würde – gäbe es denn bereits Planungen zu weiteren Treffen zur BUGA 2021. Also – lieber Kirchortrat: Frisch auf! Ladet zu Treffen ein, damit schon die Planung zu einem der Gemeinschaftserlebnisse werden kann, deren unser Gemeindeleben so dringend bedarf; damit wir alle miteinander dran bleiben, um so mehr Vorfreude auf das Ereignis haben, je mehr wir von den Aktivitäten und Ideen der anderen erfahren; damit ausreichend Absprachen geschehen und nichts unabgestimmt bleibt und zuletzt knirscht; und damit wir, wenn die Maiwoche im Kirchenpavillon angebrochen sein wird, gegenüber dem Publikum aussagefähig zu den Projekten auch der anderen Gruppen sind.

Blau-Kohle 😉 ? Aber so ist’s recht! Immer schön alle Schäfchen einbeziehen. Das Friedenssymbol der blauen Schafe von Rainer Bonk auf der Landesgartenschau Apolda 2017 (eigenes Bild)

Was werden das für Projekte sein? Da das Kaffeetrinken für Senioren in diesem Jahr immer mal wieder verboten war, die Leiterin des Donnerstagskreises sich aber weiterhin kümmern und die Gruppe (mit Erfolg!) zusammenhalten möchte, hat sie im Laufe des Jahres etliche thematische Andachten ausgearbeitet, die sich zum Gebet auch im Kirchenpavillon einer Bundesgartenschau eignen: zum Thema der biblischen Symbolik und christlichen Ikonographie von Blumen etwa. Oder zum Thema Wein. Neben Taizé-Andachten, die bei Pfarrer Gothe natürlich nicht fehlen dürfen, werden also sicherlich solche Gottesdienste gefeiert werden. Musikalisch umrahmen könnten sie – tja, das ist noch ein bißchen die Frage. Weil die Chorarbeit, so sie denn in Herz Jesu Weimar überhaupt noch lebendig ist, im Corona-Jahr gar arg auf Eis liegt. Aber ich denke, das kriegen wir irgendwie hin. Musiker hat die Pfarrei – zumindest auf dem Papier – ja genug. Ein passendes Singspiel übrigens auch: „Die Hochzeit von Kana“ – natürlich zum Thema Wein. Aber das steht und fällt wie gesagt mit der Fähigkeit der Verantwortlichen, eine Gruppe von Kindern für die Einstudierung und Aufführung begeistern zu können.

Mit Bildenden Künstlern sind wir in der Pfarrei nicht ganz so reich gesegnet, aber auch hier habe ich bereits meine Fühler ausgestreckt und hoffe, da eine schöne Sache initiiert zu haben. Lassen Sie sich überraschen! 🙂

‚Angedacht‘ ist seit dem 29. Oktober noch einiges andere – gerade auch die aktive Einbeziehung der vielen Gemeindemitglieder nicht-deutscher Muttersprache. Denn auch die Internationalität ist ja sehr typisch und prägend für die Weimarer Pfarrei (ich sage nur: „ganz ganz bunt und vielfältig“ 😉 ). Aber ich möchte hier nicht zu viel verraten, was noch so in statu nascendi ist.

Eine Geschichte möchte ich zur Warnung aber doch abschließend noch erzählen. In Herz Jesu war einmal ein Kaplan beschäftigt, der auch nicht gerne langfristig organisierte. Eines schönen Novembers schrieb er am 3. des Monats eine Rundmail an die damals bereits sehr überschaubare Meßdienerschar:

Liebe Ministranten,

nächste Woche ist wieder das alljährliche Martinsspiel mit anschließendem Martinsumzug, in diesem Jahr traditioneller Weise mit Pferd und wieder zum Herderplatz, um 16:15 Uhr auf dem Pfarrhof der Herz Jesu Gemeinde. Ich suche noch jede Menge Mitspieler. Bitte meldet Euch nach Erhalt dieser Rundmail umgehend zurück. Erstes Treffen ist Freitag [7.11.] um 16:30 Uhr zur Verteilung der Texte und Durchsprechprobe. Am Montag [10.11.] ist dann Treffen um 15 Uhr und noch eine Durchlaufprobe. Der Text ist nicht so umfangreich und kann vom Blatt gelesen werden.

Bitte meldet Euch und viele Grüße

Euer Kaplan

Der Erfolg war durchschlagend. „Ich mach doch nicht bei was Ungeprobtem mit!“ platzte meine Große heraus. „Eine Sache mit so wenig Anspruch! Da mach ich nicht mit! Ich blamier mich doch nicht!“ Damit war der Fall für sie erledigt. Zuguterletzt hat, wenn ich mich recht erinnere, ein Mädchen sich erbarmt, einen Text zum Martinsspiel vom Blatt zu lesen.

Was ich damit sagen will, ist: Man tut auch Kindern und Jugendlichen keinen Gefallen, wenn man die Ansprüche allzusehr herunterschraubt. Kinder und Jugendliche wollen gefordert werden – ja: wenn man den Ausführungen des Seminarleiters glauben will, der im Mai 2019 hier mit uns Ehrenamtlichen zum Thema Prävention arbeitete, haben sie sogar ein Recht darauf, gefordert zu werden.

Man tut sich und andern keinen Gefallen, wenn man mit Organisation und Planung beachteter Veranstaltungen zu lange wartet und auf den letzten Pfiff dann die ‚üblichen Verdächtigen‘ anspricht. Unter Umständen verliert man gerade die Besten. Alles hat seine Zeit. Und jetzt ist, so sich Herz Jesu Weimar denn im Mai 2021 auf der BUGA Erfurt präsentieren möchte, der Zeitpunkt, sich zu treffen, zu überlegen, nachzudenken, andere anzusprechen und Programmpunkte festzuzurren. Andere proben auch schon: 

Auch die Landesjugendensembles werden einen Tag auf der BUGA 21 beleben. So wie hier: Thüringer Landesjugendchor und Landesjugendorchester am 6. August 2017 anläßlich der Landesgartenschau in Apolda (eigenes Bild)

 

Cornelie Becker-Lamers

„die Pfarrei der Kulturstadt“ (1/2)

Herz Jesu Weimar auf der BUGA 2021

 

Mit vielen Außenstandorten, die sich über das ganze schöne Thüringen mit seinen vielen Schlössern und Schloßgärten verteilen sollen, wird unsere Landeshauptstadt Erfurt im kommenden Jahr die Bundesgartenschau ausrichten. Wie gewohnt wird es – und zwar auf dem Petersberg – einen Kirchenpavillon geben, in dem sich im wöchentlichen Wechsel die Pfarreien des Bistums vorstellen und individuell nach ihren Kräften und Möglichkeiten Programm machen können.

Wird hier das Zauberwort von der ‚höchsten Transparenz‘ in Szene gesetzt? Der Kirchenpavillon auf der Landesgartenschau 2017 Apolda im Weimarer Land (eigene Bilder)

Herz Jesu Weimar wurde die Woche vom 10.-16. Mai 2016 angeboten – eine Woche, die durch den Feiertag Christi Himmelfahrt und den darauffolgenden Brückentag Chancen und Schwierigkeiten bereithält: Chancen, weil über das Wochenende hinaus zwei schulfreie Tage für Projekte von und mit Kindern und Jugendlichen zur Verfügung stehen. Chancen, weil sich über diese Tage immer auch Familien auf den Weg machen und vielleicht einen Kurzurlaub in Thüringen und auf der BUGA verbringen werden. Schwierigkeiten, weil vielleicht auch Familien aus Herz Jesu Weimar sich zu einem solchen Kurzurlaub entscheiden – und verreisen, statt sich an Andachten und Kulturprogramm aktiv beteiligen zu können.

Letzteres kann man natürlich ein klein wenig steuern. Wenn man nämlich früh genug anfängt, Menschen anzusprechen und sie in ganz konkrete Projekte einzubinden. Ein erstes Vorbereitungstreffen fand vor zweieinhalb Wochen, am 29. Oktober, in unserem Gemeindehaus statt. In der entsprechenden Pressemitteilung wurde um Ideen geworben, mit denen sich „die Pfarrei der Kulturstadt im Kirchenpavillon auf dem Erfurter Petersberg“ präsentieren könne. Eine sehr schöne Formulierung, die einen hohen Anspruch an die Mitwirkenden formuliert. Gut so!

Teilnehmende fanden sich nur wenige ein, was dem angekündigten Versammlungsverbot geschuldet gewesen sein könnte. Jedenfalls gibt es keinen Grund, nicht mit Volldampf an der Organisation zu arbeiten – zu telefonieren, zu sprechen, zu werben und sich zu treffen, zu treffen und nochmals zu treffen. Das nicht mal mehr halbe Jahr – genau sind es ab heute noch 5 Monate, 3 Wochen und 4 Tage oder 176 Tage bis zum 10. Mai 2021 – dieses halbe Jahr geht rum wie nichts! Leider konnte sich dennoch keiner der Verantwortlichen dazu durchringen, einen festen Termin für etwa vierzehntägliche Treffen aller, die interessiert sind, anzuberaumen – beispielsweise donnerstags wie das Vorbereitungstreffen. Denn der Donnerstag Abend ist durch das Verbot der Kirchenchorproben derzeit für viele Engagierte im Prinzip frei.

Es ist bedauerlich – hatte man doch genau ein Jahr zuvor mit der Planung der Jugendsynode, obwohl ebenfalls gewarnt, bereits denselben Fehler begangen: Im Oktober an einem Wochenende der Firmbewerber in den Raum gestellt, aber m.W zu keinem Zeitpunkt auf der Gemeindehomepage beworben, fanden bis Februar 2020 keine Orga-Treffen zur für den 9. Mai 2020 geplanten Veranstaltung statt. Im Februar kam dann niemand von den Jugendlichen, und nur der Shutdown hat verdeckt, daß die Jugendsynode, die Herz Jesu Weimar im Alleingang vom gleichnamigen Projekt des Bistums im September 2020 abgekoppelt hatte, auch ohne Corona-Schutzmaßnahmen gescheitert wäre.

Treffen, Treffen, Treffen! Ohnedem wird es zur Planung eines religiös und kulturell gehaltvollen Programms, das alle Touristen von einer Weimarer Pfarrei erwarten werden, nicht abgehen. Und so viele Ehrenamtliche werden wir ja gerade noch zusammenkriegen, daß diese Treffen umschichtig geleitet werden könnten und nicht eine Person dadurch über Gebühr belastet würde?!

Übrigens ist die Organisation eines solchen Ereignisses ein Parade-Anwendungsbeispiel für die Threema-Accounts, die das Bistum Erfurt theoretisch allen Ehrenamtlichen seiner Pfarreien zur Verfügung stellt. Die Ortsgeistlichen müssen die Accounts nur anfordern und vergeben. Anders als im Falle von Telefonnummern oder gar Emailadressen (für die sich ja auch im definierten und überschaubaren Kreis immer mehr das „Verborgene Empfänger“-Prinzip durchsetzt – eine Katastrophe für jede interne Rückkopplung und Vernetzung!) – anders also als im Falle von Telefonnummern und Emailadressen sehen Teilnehmende am Threema-Account-Verteiler, wer noch einen Account besitzt und können so Kontakte knüpfen und auf kurzem Weg Anregungen austauschen, Rückfragen stellen und Dinge klären.

Ach ja, die Threema-Accounts für unsere Pfarrei: Sie merken schon, die haben das Zeug zu einem echten „Ceterum Censeo“ 😉 !

 

Forsetzung folgt morgen

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Die Reservierungsnummer

Ein Sketch für drei Personen

 

Wundersdorf, Oderbruch. Kurz vor Geschäftsschluß. Hanna hat auf dem Weg zur Kaufhalle Silke und Edith getroffen, natürlich Halt gemacht und sich eine Weile mit ihnen unterhalten, muß aber nun wirklich los.

Hanna (guckt zur Uhr): Mensch! Es ist ja schon so spät! Macht’s gut – ich muß schnell noch paar Sachen besorgen. (Sie rückt ihr Fahrrad zurecht und setzt einen Fuß aufs Pedal) Sehen wir uns morgen im Hochamt?

Silke: Ja. Ich bin sogar zum Kantorieren eingeteilt – also mich triffst du auf jeden Fall.

Edith (wiegt den Kopf): Wir müssen mal sehen – wir wollten eigentlich mal wieder rüber nach Köpenick ins alte Kloster fahren. Aber da läuft die Reservierung nicht über die Pfarreihomepage, sondern über Familie Degenhardt, steht im Pfarrblatt.

Hanna (zuckt kurz mit den Achseln): Na ja – dann rufste die an!

Edith: Ich hab sie aber nicht im Telefonbuch gefunden. Und dann ist das leichter gesagt als getan …

Hanna: Oooch! Die stehen aber bestimmt drin! Berliner Chaussee, glaube ich, wohnen die.

Edith (schüttelt den Kopf): Es steht nur – ich glaube: Hans-Martin, Herbert und Klaus-Dieter oder so. Kein Paul.

Hanna (fängt an zu grinsen): Wieso Paul? Klaus-Dieter! Das ist er doch!

Edith: Hä? Der heißt doch – heißt der Mann nicht Paul? Ihr sagt doch immer „Paule“! Wenn von Herrn Degenhardt die Rede ist, hör ich immer nur „Paule“!

Silke und Hanna fangen an zu lachen.

Silke: Jaaa! Der heißt schon immer Paule. Seit ich den kenne, nennen ihn alle Paule. Aber so heißt er nicht wirklich. Klaus-Dieter. Das ist er. Die beiden andern, das sind die Brüder.

Edith (lacht jetzt auch): Na, da muß man erstmal drauf kommen!

Hanna: Beziehungsweise, man muß es halt wissen …

Silke: Aber jetzt weißt du’s, dann häng dich noch schnell an die Strippe!

Edith: Mach ich! Sobald ich heimkomme. Und dann schauen wir, ob’s noch klappt.

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf. Bloß gut, daß in Weimar alle nötigen Telefonnummern im Blättchen stehen. Oder auf der Homepage. Und wenn nicht, dann ist das zuverlässig keine Absicht, sondern der Platz hat einfach nicht gereicht. Und außerdem kann man ja auch in die Abendmesse gehen.

Jaja, der Platz wird langsam knapp im Internet. 😉
Bloß gut, daß sich PuLa genug gesichert hat, für sich und…, aber das sind noch ungelegte Eier. 🙂

Gereon Lamers

„also: Weimarer“ – Teil VII

Abschließende Gedanken über das Zitat zum Tage (zum 3. Oktober 2020)

 

„Eine tolle Gemeinde.“ Beseelt tritt der Ruhestandspfarrer nach einer Abendmesse aus der Kirche. Mit Freunden stehe ich am Fuß der Treppe und so spricht er uns an. Das schöne finden wir, darüber sind wir uns einig, daß hier nach Weimar immer neue Leute hinzuziehen, die frischen Wind hineinbringen. Eine riesige Chance für eine Pfarrei. Irgend so ein Wind hatte auch besagte Abendmesse durchweht – ich kann mich nur nicht mehr genau erinnern. Denn was nun kam, nahm mich gefangen. „Das Problem sind die Alteingesessenen“, spricht der Priester unvermittelt weiter. „Diese festen Kreise, wo man nicht hineinkommt.“ Und er erzählt von einer alten Dame aus dem nördlicheren Thüringen, die schon vor geraumer Zeit – sicherlich zehn Jahre – nach Weimar zu ihrer Tochter und deren Familie gezogen ist. Er kennt sie aus seiner ehemaligen Pfarrei und sie hat ihm ihr Leid geklagt, wie schwer sie Anschluß finde. „Aber das ist überall so“, schließt er.

Dabei geht es den Senioren ja noch verhältnismäßig gut in unserer Pfarrei. Die beiden Seniorenkreise sind rege und treffen sich jeweils wöchentlich. Aber auch ich kenne die Geschichte einer Familie aus Görlitz, deren Mutter (etwa in meinem Alter) unter der geschlossenen Atmosphäre in einem der Kreise litt, den sie sich zur Mitarbeit ausgesucht und den sie dann wieder verlassen hatte.

Also: Es trifft keinesfalls nur die Zugezogenen aus den alten Bundesländern.

Aber so geht es nicht weiter. Im Wortsinne. Den oben, in meinem Text vom 3. Oktober 2020, erwähnten Bibelkreis der Erfurter Habilitandin hat deren emeritierter Hochschullehrer übernommen. Statt der jungen Kantoren von vor zehn Jahren singen heute wieder deren Eltern. Die junge Gemeindereferentin, die vor vier Jahren mit 1.000 Ideen und hochmotiviert hier ankam, strich nach zwei Jahren resigniert die Segel und überließ das Feld wieder ihrem 60-jährigen Kollegen. Und nach dem Festakt für die Elisabethschwestern am 3. Oktober 2019 fiel mir plötzlich auf, wer sich da außer mir musikalisch engagiert hatte: Meine beiden Vorgängerinnen im Ehrenamt einer Kinderchor- oder Instrumentalkreisleitung. Fast alles gute oder sogar hervorragende Leute. Aber Zukunftsfähigkeit sieht anders aus.

Was können wir tun?

Können nur Fremde andere Fremde integrieren? Ich halte es für denkbar. Weil nur die Fremden einfach noch freie Valenzen haben. Und weil nur sie (noch) wissen, wie es sich anfühlt, wenn man außer der Hortnerin niemanden kennt und nur mit Stadtplan den Kinderarzt findet. Die Gymnasialdirektorin, von der ich im Text am 3. Oktober 2020 schrieb, hatte in Eigeninitiative (ein ganz problematischer Impuls in Herz Jesu Weimar!) einen Brief verfaßt, der zum Willkommen neuer Gemeindemitglieder hätte verschickt werden können. Ihres und meines Wissens nach ist er nie zum Einsatz gekommen.

Aber wie sollen Menschen, die genügend Freunde haben, ja, die vielleicht manchmal nicht wissen, wie sie die Verwandtenbesuche in ihr Wochenende quetschen sollen – wie sollen diese Menschen auch noch Valenzen haben, um Zugezogene zu integrieren? Daß diese Zugezogenen sich untereinander integrieren können, muß aber organisiert werden – denn wie soll es wiederum Fremden gelingen, von anderen auch nur zu wissen?

Ein Problem in den vergangenen Jahren war, daß die Vernetzung der Zugezogenen eben tatsächlich in keiner Weise gewünscht war. Die „also: Weimarer“ glaubten, ein Autoritätsgefälle via Informationsvorsprung nötig zu haben und ließen Zugezogene nur als Farbtupfer zu: „Bunt und vielfältig“, wie der Pfarrer das im Interview formulierte. Nach dem Motto: Bunt ist ja mal ganz schön. Aber bitte zeitlich begrenzt. Nicht plötzlich als eigendynamischer Teil der Gemeinde! 

Schließen wir mit einem gedichtartigen Text, den ich aus gegebenem Anlaß am Abend des Rundfunkgottesdienstes mit Radio Horeb – jenem Rundfunkgottesdienst, dem unser Interview drei Tage vorausging – hier auf PuLa gepostet habe. Er paßt weiterhin.

 

Museum. Konjunktiv

 

Zur Langen Nacht der Museen singen wir geistliche Lieder
und machen Musik, sagen zwei Gruppen der Pfarrei.
Das gibt’s nicht, sagt der Pfarrer: Die Kirche ist kein Museum.
Sie bleibt in dieser Nacht geschlossen und ist nicht auf.

Was für eine vielversprechende Positionierung.

Denn das kann ja nur heißen, unser Pfarrer will sich
nun verstärkt um die Kinder- und Jugendseelsorge kümmern.

Denn wenn einer nicht für Nachwuchs sorgte bei den Kinderchören,
weil er meinte, wenn der Kinderchor eingeht, sei das kein Beinbruch,
und wenn er den Jugendchor eingehen ließe,
weil ihm egal wäre, wo die Jugendlichen Musik machen
und wenn er die Pfarrjugend einschlafen ließe, so daß
wenn man Glück hat, drei bis fünf Teilnehmer sich einfänden,
weil er den Mädchen, die ihm zum Amtsantritt
40 statt 4 Jugendliche zusammengetrommelt haben,
jegliche Unterstützung für die wöchentlichen Treffen versagte,

wenn einer so die Kinder- und Jugendseelsorge vernachlässigte,
dann wäre ja in zwanzig Jahren ein Museum
das beste, was man aus seiner Kirche noch machen könnte.

 

Bisher füllen die Federn der Hühnchen, die doch einige von uns mit den „also: Weimarern“ zu rupfen haben, nur die Kissen, auf denen der Kirchortrat weiterschläft.

Es wäre aber doch sehr wünschenswert, daß die schlimme Zeit, die in den Jahren von 2010-2015 kulminierte und immer noch wie Mehltau auf unserem Miteinander liegt, endlich einmal aufgearbeitet würde, um neuem Leben Luft zu verschaffen. Neuem Leben in einer sich erneuernden Pfarrei. Herz Jesu Weimar wäre es unbedingt wert.

 

Cornelie Becker-Lamers

 

„also: Weimarer“ – Teil VI

Wie gesagt: Gedanken über das Zitat zum Tage (zum 3. Oktober 2020)

 

„Wir sind unter uns“?

 

Hammer, Sichel und Pionierknoten: „Lassen Sie sich von uns zurück in Ihre Kindheit entführen.“ Die Schulküchentomatensoße der MHV GmbH (Landkreis Mansfeld-Südharz), (eigenes Bild)

Aus anderen gesellschaftlichen Bereichen kennen wir die Sehnsucht nach den ‘nicht-alles-schlechten’ alten Zeiten: die Sehnsucht eben nach einem Zustand wie in der eigenen Kindheit; nach einer Welt, in der man sich auskennt und in der man zuhause ist. Nun umfaßt die Sehnsucht nach den alten Zeiten in einer Kirchgemeinde wohl nicht gerade die staatlichen Symbole der DDR. Aber ob wir demselben Phänomen nicht doch auch in unserer Pfarrei begegnen und die Äußerung des Pfarrers deswegen so formuliert wurde, wie wir sie hören können (nochmal hier ab Minute 7:10 etwa)? 

In Bezug auf Weimar allgemein hat Hans Dieter Mück im vergangenen Jahr ein zweibändiges Konvolut über die „aus Weimar Vertriebenenvorgelegt, welches dieses altbekannte Weimar-Phänomen von Bach bis Bauhaus in Kurzbiographien beleuchtet: Ob Carl Zeiss‘ Unternehmen oder Richard Wagners Grüner Hügel: In Weimar wurde, trotz seiner erstaunlichen Prominentendichte, immer noch mehr verhindert als geduldet.
So ächzen auch nach wie vor Kulturinstitutionen und Bildungseinrichtungen unseres Städtchens unter den Seilschaften der alteingesessenen Weimarer. 

Und in Weimars katholischer Pfarrei? Sieht es da anders aus? Sind „wir“ da unter „uns“? Das wäre ja schlimm genug.  Oder ist unter „uns“ ein „wir“, das unter sich bleiben will? 

Mir scheint es so und ich bedaure, daß es keinerlei Gesprächsmöglichkeiten hierzu gibt. Eine Gemeindeversammlung hat Pfarrer Gothe von Beginn an ausgeschlossen, so daß die letzte Versammlung 2009 zum Thema Altarposition und neue Fliesen in der Apsis stattfand. Also legt PuLa hier wieder einmal alleine vor und man wird vermutlich wieder einmal über uns statt mit uns reden.

Wie auch immer – die Suche der „also: Weimarer“ nach dem „Wir sind unter uns“ könnte immerhin einige Phänomene erklären, die ich lange nicht verstanden habe. Hier meine Thesen zu einigen der Langzeiträtsel unserer Pfarrei:

Sind „wir“ noch „unter uns“? Das Skandalon der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel

Es ist doch merkwürdig, daß nach wie vor über die Orgel ein so magerer und sogar fehlerhafter Text auf der 2016 neu aufgesetzten Homepage unserer Pfarrei zu lesen ist. Als unsere Pfarreiseite zum Kirchweihjubiläum Ende September 2016 neu aufgesetzt worden war, ergab ein Gespräch mit der Homepageredaktion, daß ein ausführlicherer Text inklusive  Musikbeispielen vorgelegen hatte, dann aber auf die vorfindliche Fassung zusammengestrichen wurde. Also fragte ich unter vier Augen beim Pfarrer nach. Seine Antwort war ein langes Schweigen. Bei nächster Gelegenheit brachte ich das Thema an einem Infotisch des Kirchortrates gegenüber dessen Sprecherin vor. Sie wich geradezu körperlich zurück und begann mich zu beschimpfen. Die Analyse des weitgehend aus wikipedia übernommenen Homepagetextes von Herz Jesu Weimar zur Franz-Liszt-Gedächtnisorgel steht nun schon seit einem halben Jahr auf PuLa. Es tut sich immer noch nichts.
Dieser Tatbestand ist in meinen Augen mehr als erklärungsbedürftig. Warum darf dort nicht die Wahrheit stehen? Und warum wurden die Gespräche, die Professor Kapsner noch 2013 für PGR und KV anbot, um über die neue Orgel und seine größere Vision zu informieren, durch den damaligen Pfarrer per Rundmail unterbunden – und alle gehorchten dem Verdikt? Professor Kapsner jedenfalls lief in der Folge herum, als müsse er sich für die neue Orgel entschuldigen.

Was um alles in der Welt ist das Skandalon an diesem wertvollen Geschenk für unsere Gottesdienste?

Als ich über das Zitat von den „also: Weimarern“ nachdachte und mir das ‘Rollback’ auffiel, das 2015 eben nicht endete und inzwischen so viele Bereiche unseres Gemeindelebens durchdringt, wurde es mir plötzlich klar: In der Orgel materialisiert sich die Tatsache, daß das „Wir sind doch unter uns“ nicht mehr der Realität entspricht.
Mit der Orgel als Eigentum der Hochschule (was in Herz Jesu Weimar bekanntlich peinlich verschwiegen werden muß) hat sich ein Stück Außenwelt in unserer Kirche eingenistet und geht nicht mehr weg: Das ist das Skandalon an der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel. Das Engagement eines Zugezogenen, der mit seiner Familie ebenfalls nicht mehr weggehen wollte, hat sich hier in einer neuen Königin der Instrumente materialisiert. Es bedurfte eines hohen Maßes an psychischer Gewalt, um letztlich auch ihn samt seiner Familie aus der Pfarrei und zuletzt (im April dieses Jahres) aus Weimar zu vertreiben.

Nochmal Chorkleidung

Ziemlich genau zu der Zeit, als auf PuLa die vierteilige Serie zum Thema Chorkleidung und Pfarrjugend-T-Shirts erschien, einigte sich der Kirchenchor von Herz Jesu Weimar auf schwarze Kleidung mit lila Schal (Damen) bzw. Krawatte (Herren). Vorher – und das habe ich wirklich bei keinem andern Chor im kirchlichen oder weltlichen Umfeld je gesehen – war man stets gut angezogen, aber eben nie in einheitlicher ‚Kluft‘ oder gar liturgischen Gewändern. Es war, als würde man im privaten Rahmen singen. Bei einer Geburtstagsfeier käme man sich schließlich auch komisch vor, wenn man sich von der Kleidung her abspräche. Man macht sich schön, aber wir sind doch unter uns, und da fühlt sich alles Abgestimmte wie eine Verkleidung an. Und so sang man dann eben auch Messen.

Dieser Umstand war nicht reflektiert, da bin ich mir ganz sicher. Es geschah keinesfalls absichtlich, daß fast niemand in schwarz erschien. Aber es umgriff auch Chormitglieder, die normalerweise wissen, wie man sich kleidet und die genügend schwarze Kleidung im Schrank haben. Es dachte einfach niemand darüber nach, ob man Fremde möglicherweise umso wirkungsvoller ausschließt, je privater man sich gibt. Es war einfach so und wurde in den seltensten Fällen auch nur thematisiert – um dann bewußt zugunsten frei wählbarer Kleidung entschieden zu werden. Wir sind doch unter uns.

Und der Umgang mit PuLa natürlich

Im Umgang der “also: Weimarer” mit PuLa war von Beginn an bemerkenswert, daß man sich nicht darüber echauffierte, was wir schrieben, sondern daß wir schrieben.  Ob kritische Anmerkung oder positives Feedback, beides war gleichermaßen unerwünscht. Was die Kritikpunkte anbelangte war nie das Problem, daß ja passiert war, was wir schrieben, sondern allein, daß es durch unser Schreiben publik wurde.
Wenn ich mir jedoch vorstelle, in einer Institution, mit der ich zu tun habe – sagen wir, in einem Ministerium meines Bundeslandes – herrschen punktuell unhaltbare Zustände, sagen wir wegen eines Beamten oder der politischen Leitung. Dann wäre ich doch froh, wenn ein Journalist dem nachginge, der Mißstand aufgedeckt, und der Weg freigemacht würde, um die Situation zum besseren zu verändern. Unter welchen Umständen nur möchte man so etwas nicht?
Genau: Wenn es das eigene Privatleben betrifft. Wenn die Mißstände beispielsweise durch Mitglieder der eigenen Familie verursacht wären. Dann ginge mir der Schutz dieser Verwandten vermutlich vor der Aufklärung zum Wohle der Allgemeinheit.

Ja – und genau das habe ich gesprächsweise in Bezug auf PuLa erlebt. Einige Menschen – nennen wir sie weiterhin die “also: Weimarer”, denn das traf es auch im vorliegenden Fall wieder -, ganz bürgerlich anständige Menschen und in keinster Weise direkt involviert in die Mißstände, die bis 2015 die Pfarrei in Atem hielten, stießen sich daran, daß PuLa über ausgewählte Vorgänge in der Pfarrei berichtete, um die Situation für alle wieder lebbarer zu machen. Aber: Wir sind unter uns. Die Gemeinde ist die Familie. Wir machen vor uns hin und hoffentlich sieht uns keiner. Da ist keine Distanz, die das Denken an andere, Zugezogene, Ausgegrenzte innerhalb der eigenen Pfarrei ermöglichte.

In seiner Weihnachtsansprache an die Kurie wandte der Papst sich gegen die Behauptung, die Medien berichteten über Missbrauch in der Kirche, um ihr zu schaden. Er dankte den Medien ausdrücklich für ihre Bemühungen, die Taten aufzudecken und den Opfern eine Stimme zu geben.

So berichtete Ende 2018 neben etlichen Zeitungen auch die Weimarer Lokalpresse.
Ja genau! Ob die “also: Weimarer” einem hiesigen Ortsgeistlichen je eine solche Stellungnahme zu diesem Blog gestatten werden?

 

Fortsetzung folgt morgen

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Sketch des Monats: Der Laternenumzug alias Die Friedensdemo

Ein Sketch für etwa 25 Kindergartenkinder, 15 Jugendliche und 10 Erwachsene, die ganze Schafherde inklusive zweier Lämmchen und eines Hütehundes

 

Wundersdorf, die allseits bekannte Schafweide. Kohle, Flocke, Wolle, Grauchen und Blütenweiß stehen mit anderen Schafen am Gatter und scheinen auf etwas zu warten. Manche scharren ungeduldig mit den Hufen. Ein Schaf stößt bereits das Gatter auf. Tatze, der Hütehund, drängt das vorwitzige Schaf behutsam zur Seite und schließt das Gatter mit der Schnauze wieder. Alle blicken Richtung Unterstand.

 

Kohle (ungeduldig in Richtung Unterstand): Fixi! Huf! Wo bleibt ihr denn? Wir wollen los!

Fixi (aus dem Unterstand): Einen ganz kleinen Augenblick noch!

Huf (steckt den Kopf aus der Tür): Außerdem müßt ihr sowieso noch warten. Wir haben nämlich eine Überraschung für euch.

Grauchen: Wo wollen wir eigentlich hin?

Wolle: Das arme Schwein von Totilas besuchen und ein bißchen seelischen Beistand leisten.

Grauchen: Ist Totilas nicht ein Pferd?

Wolle: Doch, klar. Aber weil der Martinsumzug abgeblasen worden ist, vermißt er seine Extraportion Heu, auf die er ganz fest gerechnet hatte!

Grauchen: Stiiiiiimtmt! Er hatte den Job als Martinspferd!

Wolle (nickt): Normalerweise ja. Nur dieses Jahr nicht.

Grauchen: Oh! Armes Schwein!

Wolle: Sag ich doch!

Blütenweiß: Das kann uns alles auch noch blühen – wenn sie uns dieses Jahr nicht für die Krippenspiele brauchen.

Grauchen: Hör bloß auf! Ich darf gar nicht dran denken!

Flocke (begütigend): Jeder Tag hat seine eigene Sorge. Wartet es doch erst einmal ab.

Kohle (erbost): Jetzt muß ich die beiden aber doch holen! (Er will sich in Richtung Unterstand in Bewegung setzen, als eine schnatternde Horde Halbwüchsiger mit einem Schwung Kindergartenkindern, Eltern und Erzieherinnen an der Weggabelung zur Stadt sichtbar wird. Sie tragen Lampions und bunte Laternen (rote, gelbe, grüne, blaue) vor sich her und singen, noch ungeordnet, verschiedene Martinslieder. Sie steuern direkt auf die Schafweide zu. Die Schafe beginnen unruhig zu werden, als sich aus der lustigen Personengruppe Teresa und ihre Mutter Edith herausschälen. Zugleich kommen Fixi und Huf endlich aus dem Unterstand zum Gatter gesprungen.

Teresa (zu den Lämmchen): Fixi! Hu-uf!! (Sie begrüßt die beiden über den Zaun hinweg und streichelt ihre Schnauzen.)

Kohle (zu Edith): Sagt mal – seid ihr irre? Ihr seid mindestens 45 Personen aus 50 Haushalten! Hört ihr denn keine Nachrichten? Was denkt ihr euch eigentlich! Zieht uns da bloß nicht mit rein! Das kann teuer werden!

Edith (lächelt Kohle und der ganzen Herde beruhigend zu): Grüß dich erstmal, Kohle. Teresa, Fixi und Huf haben sich gestern abgesprochen und Huf meinte, das ginge in Ordnung. Wir sollten ruhig kommen, er kriegte das hin. Was er da genau organisieren wollte, weiß ich allerdings auch noch nicht. Deswegen sind wir auch seeeehr vorsichtig auf 55 verschiedenen Wegen aus der Stadt rausmarschiert und haben uns erst an der Weggabelung hier am Waldrand getroffen.

Huf (schlenkert ein Papier): Wir haben ganz ordentlich eine Demonstration angemeldet. So macht man das doch heute! Ihr hört wohl keine Nachrichten?! (Er lacht.)

Kohle: Jetzt werd‘ bloß nicht frech. Du willst mir doch nicht erzählen, daß dir die Polizei in Petershagen vier Tage nach ‚Leipzig‘ eine Demo genehmigt hat?!

Huf: Will ich nicht, aber muß ich ja wohl, sonst geht es ja hier überhaupt nicht weiter.

Wolle: Und was ist unser Thema? Eine Demo braucht doch einen Anlaß und ein gemeinsames Ziel.

Fixi: Unser Ziel ist natürlich ein zünftiger Laternenumzug, wie er sich zu Sankt Martin gehört. Was sollen denn die Heiligen von uns denken, wenn wir ihnen so halbherzig huldigen? (Sie macht ihr altkluges Unschuldslamm-Gesicht.)

Huf: Und als Thema haben wir einen Lichterzug an der Nikolauskapelle vorbei zur katholischen Kirche und zurück angemeldet – also das Motto ist „Frieden“. (Er guckt siegesgewiß in die Runde.)

Kohle (seufzt): Eine Friedensdemo mit Lampions! Ich fasse es nicht! (In anderem Tonfall) Und was habt ihr die ganze Zeit noch im Unterstand gemacht?

Huf: Najaaaaa … die Demo ist natürlich erstmal verboten worden. (Rasch) Aber ich wußte, daß die Jungs von den Klagepaten das für uns durchdrücken. Die kriegen alles hin! Deshalb hab ich gestern Teresa schon mal grünes Licht gegeben. Naja, und die definitive Zusage von OVG kam eben gerade erst … (er grinst.) Aber haut ja noch hin! Jetzt laßt uns endlich los!

Kohle: Auf einmal!

Grauchen: Du guter Gott! Huf! Und nun sollen wir uns alle gemeinsam auf den Weg machen?

Huf: Klar! Wir Schafe zählen doch sowieso wieder nicht. Also habe ich 50 Teilnehmer angemeldet – einmal durchzählen bitte. (Die Erwachsenen aus der Personengruppe auf dem Feldweg überschlagen die Zahl der Kinder)

Eine Mutter: Paßt!

Eine Erzieherin: Kommt genau hin! Mehr sind wir nicht.

Ein Vater (anerkennend): Gut geschätzt, Teresa und Huf!

Teresa: Naja – vorher im Kopf durchgezählt halt …

Grauchen: Und gehen wir jetzt gar nicht zu Totilas?

Wolle: Doch! Das können wir sicher einrichten!

Grauchen: Gut!

Edith (öffnet das Gatter): Jetzt aber los! Es wird schon dunkel.

Die Erwachsenen sammeln die Kinder wieder ein, die sich während der Debatte ein wenig verteilt hatten, und die ganze Schafherde und die etwa 50 Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen setzen sich in Richtung Stadt in Bewegung. Durch die vorgeschriebenen Abstände wird es ein mächtig langer Zug. Doch während die Kinder brav ihre Laternen vor sich hertragen und nun geordnet ein Martinslied nach dem anderen singen, nestelt Fixi immer noch irgend etwas an ihrem Rucksack herum.

Flocke: Fixi! Was hast du denn immer noch? Nun komm schon!

Fixi: Moment! (Sie zieht Kohles Phablet auf dem Rucksack, entsperrt den Bildschirm und kommt dann hinter der Gruppe hergesprungen.) Ich muß doch Dove Sveta spielen! Auf unserer Tour jetzt sind doch massig Punkte drin! So schön wie die Kleinen singen! (Sie ruft die App des Spieles auf.)

Flocke: Na! Wenn dir nur mal nicht auf Schritt und Tritt die Heilige Corona begegnet!

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf! Also – zu einer angemeldeten Demo hat es bei uns in Weimar meines Wissens nicht gereicht. Aber unsere Tochter hat gestern gegen 17 Uhr auf dem Theaterplatz vier Kinder mit ihren Laternen gesehen – unter zehn Personen aus zwei Haushalten vermutlich – und auch mir sind heute zwei Familien mit Kinderwagen und selbstlaufenden Kleinen begegnet, die tapfer ihre Lampions vor sich her trugen und Martinslieder sangen. Einige haben also offenabr die Ausnahmesituation zu nutzen gewußt, um ausnahmsweise mal nicht den Geburtstag Martin Luthers zu begehen, sondern des Tagesheiligen seines Tauftages zu gedenken, dessentwegen Luther überhaupt Martin hieß.
Mein Mann hat heute in Erfurt ebenfalls Kinder und in Weimar sogar eine (hinreichend kleine…) Gruppe von Jugendlichen mit augenscheinlich selbstgebastelten Laternen gesehen! 

Wir selber sind gestern den ideenreichen Vorschlägen unseres Gemeindereferenten gefolgt

Die coronamaßnahmengerechten Vorschläge unserer Pfarrei zum diesjährigen Martinstag, oben im Bild: Totilas (eigenes Bild)

und hatten ab kurz nach fünf bis halb sechs abends zwei Laternen ins Fenster gehängt. Schauen Sie:

10. November 2020, 17.30 Uhr. Martinslaternen im Fenster. So als Zeichen.(eigenes Bild)

 

Cornelie Becker-Lamers 

 

PS: Daß es eine ganze ‘Pandemie’ braucht, damit einmal Umzüge am Tag des Hl. Martin stattfinden und nicht am Vorabend, seufz! Seit Jahren schreiben wir uns ja die Finger wund, daß es nichts als fair wäre, es abwechselnd zu gestalten und bekanntlich geschieht es in anderen mitteldeutschen Städten (Halberstadt!) auch nicht nur am 10. November!
Aber immerhin, dafür waren diese kleinen Umzüge spontan! Das macht ja Hoffnung.

Gereon Lamers

 

„also: Weimarer“ – Teil V

Sie wissen schon: Gedanken über das Zitat zum Tage (zum 3. Oktober 2020) 

 

Intim. Intimidé

„Ich glaube fast, daß die Kirche jetzt die letzte DDR-Nische ist“, zitiert Ronald Jost, gebürtiger Jenenser, als Dreijähriger mit den Eltern ins Rheinland geflohen und nach der Wende zurückgekehrt, 2019 die gesprächsweise geäußerte Feststellung eines Freundes. Eine ähnliche Beobachtung haben wir schon vor sechseinhalb Jahren in einem Sketch verarbeitet. Es stimmt: Die Bemühungen der „also: Weimarer“, zum „Wir sind doch unter uns“ zurückzufinden, haben auch 2015 mit dem Wechsel im Amt des Pfarrers nicht aufgehört. Und nun versteht man auch, warum sich das ‚Regime‘ der ehemaligen stv. Vorsitzenden des KV überhaupt so lange halten konnte. Die Richtung stimmte für nahezu alle damaligen Gremienmitglieder. Nur als man aus der usurpierten Chefetage auch ihre, der Gremienmitglieder, eigene Pfründe beschnitt, wurde es lästig.

Ein Ergebnis der langjährigen Arbeit der „also: Weimarer“ ist das Gemeindefest 2019, das in seiner betont improvisierten Art etwas so – wie soll ich sagen: ‚Intimes‘ hatte, daß jeder etwaige Gast oder neu Zugezogene sich hätte fehl am Platze fühlen müssen (wenn ich recht gesehen habe, war allerdings auch niemand Neues da). Wenn eine Handvoll zusammengewürfelter Erwachsener ungeprobt auf einer Bühne zu des Pfarrers Gitarrenakkorden „Hoch auf dem gelben Wagen“ singt, berührt mich persönlich das zumindest seltsam. Und man vergibt sich dadurch gute Chancen, in der Stadt und der Lokalpresse als Gesprächsthema vorzukommen (was ja für eine katholische Gemeinde im Sinne der vielgepredigten „Neuevangelisierung“ eigentlich ganz praktisch wäre): Ein wie auch immer einstudiertes Programm kann da ganz anders integrieren: Ob das ein christliches Theaterstück von Kindern ist oder die Aufführung eines Jugendchores, ob es ein Vortrag ist oder ein kleines Konzert auf der Orgel der Pfarrkirche, eine Kirchenführung mit Erläuterungen etwa der vielfältigen Fenster oder einige Stücke, die der Kirchenchor singt. Was auch immer.
Zur Aufführung
des Kindermusicals „Rut“ durch die Cäcilini (die damals noch nicht so hießen) kamen, weil man zu einem solchen Programmpunkt eben auch vernünftig einladen konnte, im Jahr 2011 neben vielen Gemeindemitgliedern nicht nur die Presse, sondern außerdem ‚Himmel und Menschen‘ aus der Stadt, der Hochschule, den Schulen und Horten der Kinder und natürlich aus verschiedenen christlichen Gemeinden (auch damals allerdings schon kein Mitglied unseres eigenen Pfarrgemeinderats).
Ein Programm kann integrieren, denn nach Vorträgen und Theaterstücken können auch Menschen ein Gespräch anknüpfen, die
nicht seit 20 Jahren dieselben Leute kennen: Zugezogene. An geprobten Konzerten können auch Fremde innerlich Anteil nehmen – weil die Kultur uns verbindet. Aber – Hand aufs Herz: Was tut man als Außenstehender mit einem Stegreifchor, der zu Gitarrenklängen aus dem „Poverello“ singt – außer warten, daß es aufhört?

 

Und die Kinder?

Im Jahr 2019 aber ist man wieder beim Pfarrfest als verlängertem Familienkaffeetisch angekommen, den man offenbar so lange vermißt hatte. Woran das eigentlich Tragische natürlich ist, das genau die, die zehn bis zwanzig Verwandte ersten und zweiten Grades am Ort zu wohnen haben, offenbar vollständig übersehen, daß sie jenen die Beheimatung in der Pfarrei verweigern, die sie wirklich dringend brauchen: den Kindern und Jugendlichen, deren nächste Angehörige über die eigene Kleinfamilie hinaus in 400 km Entfernung leben.

„Lassen Sie sich von uns zurück in Ihre Kindheit entführen.“ Die Schulküchentomatensoße der MHV GmbH (Landkreis Mansfeld-Südharz) als „ehrliches Produkt“ „abseits aller modernen Ernährungstrends“ (eigenes Bild)

Wir haben Verständnis für Ostalgie. Und natürlich kommt sie auch in einer katholischen Gemeinde vor. Aber wir möchten auch Verständnis wecken für diejenigen, die eben nicht in einer Großfamilie vor Ort (oder überhaupt irgendwo) verwurzelt sind und neue Wurzeln für ihre Kinder finden müssen. Und das dürfte für die nach der Wende in die neuen Bundesländer Gezogenen noch schwieriger sein als für die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Ich denke, die Integration jener Familien mußte man nach der Wende noch viel durchdachter organisieren als die der Vertriebenen. Die Vertriebenen kamen doch häufiger in Gruppen. Ganze Familien wurden einer Stadt zugewiesen, ganze Ortschaften hatten sich gemeinsam auf den Weg machen müssen. In diesen Gruppen verband alle dasselbe Trauma.
Die Migrationsbewegung nach der Wende – von West nach Ost wie umgekehrt – verschob hingegen einzelne Menschen auf einen neuen Arbeitsplatz oder ins Studium. Jede und jeder aus einer anderen Gegend. Jede und jeder aus einem anderen Umfeld. Jede und jeder mit einer anderen individuellen Geschichte. Wenn traumatisiert, dann jede und jeder mit einem anderen Trauma. Wie eine Freundin über die Weimarer Pfarrei immer sagt: So viele
Individualisten. Stimmt. Viele von uns wären sonst aber auch gar nicht hier.

Und ausgerechnet für diese Nicht-Gruppe der aus den alten Bundesländern Zugezogenen hat man die Idee organisierter Familienkreise in Herz Jesu Weimar aus der Mode kommen lassen. Schon 2014, noch in der Phase der zweijährlichen Firmtermine, aber auch 2019 wieder gab es keine Tischmütterkreise in den Firmkursen mehr. „Zu viel Arbeit“, war die offizielle Erklärung beim Elternabend (mir unverständlich, da man ja etwa vier Unterrichtsstunden in die Hauskreise verlagert). Diese Tischmüttergruppen waren eine punktuelle, aber immerhin eine Gelegenheit, einmal mit diesem oder jenem anderen Jugendlichen zu sprechen (die man ja in Gymnasialzeiten auch nicht mehr vor der Schule sieht, weil man das eigene Kind nicht mehr abholt). Und da erwartet wird, daß man für den Chor, den der Pfarrer z.B. vollmundig beim pueri-cantores-Fest anmeldet, die Chormitglieder selber findet, sollte es wenigstens die kleinen organisatorischen Hilfestellungen solcher Gesprächsmöglichkeiten doch wieder geben. 

Man ruft eine Messe für die Firmbewerber aus, läßt in dieser die Firmlinge sich aber nicht mehr namentlich vorstellen: Wieder ein kleines Kettenglied, das für den Zusammenhalt und das Nachwachsen der Gemeinde auf Dauer fehlt. Zur Firmfahrt schickt man die Heranwachsenden seit drei Jahren nach Taizé (und ein Ende scheint nicht absehbar), wo die Weimarer Jugendlichen unter die Teilnehmer anderer Länder gemischt werden und ebenfalls als Gruppe nicht zusammenwachsen können – wir haben das Problem schon beschrieben.

Tja – und dann gibt es irgendwann eben keine Jugendgruppe mehr. Und wenn es keine Jugendgruppe mehr gibt, besuchen auch nur die wenigsten Jugendlichen weiterhin die Heilige Messe. Wodurch die Gemeinde niemanden von ihnen mehr zu Gesicht bekommt und man die personalisierten Gottesdienste um so dringender bräuchte, um jegliche innere Anteilnahme an der nachfolgenden Generation nicht völlig ins Blaue hinein zu empfinden. Es ist eine Abwärtsspirale und Herz Jesu Weimar ist ganz unten angekommen. Außerhalb der WWF (Winzigen Weimarer Freundeskreise) kennt niemand mehr irgendwen – auch, und das wissen sie, auch die „also: Weimarer“ nicht.

Wenn man nun weiß, daß bis vor 30 Jahren die katholische Pfarrjugend explizit dazu gedacht war, katholische Ehen zu stiften (!), wenn man weiterhin weiß, daß dies noch vor zehn Jahren hier in Weimar tatsächlich genau so funktionierte

 

und 2019 erfahren muß, daß es für die Firmlinge nicht mal mehr sinnvoll sein soll, die eigene Peergroup kennen zu lernen (es war schon ziemlich bitter, was mir an Spott und Schnoddrigkeit entgegenschlug, als ich angesichts der desolaten Situation und meines direkt betroffenen Kindes wiederholt vorschlug, vielleicht doch einmal eine Rundmail an die Firmlingseltern herumzusenden und mit ein paar Leuten Ideen zu sammeln – ich hatte und habe auch selber welche – um einfach wieder auf eine ‚kritische Masse‘ zu kommen, die andere anziehen kann …), wenn ich mir diese Zeitschiene vor Augen halte, dann ging mir der Absturz ein bißchen zu schnell, um an eine Entwicklung zu glauben. Auch nicht an eine Fehlentwicklung.
Vielmehr mache ich Fehlentscheidungen dafür verantwortlich. Fehlentscheidungen, die m.E. mit der Fehleinschätzung zusammenhängen, die „also: Weimarer“ seien nach wie vor der wesentlich tragende Kern der Pfarrei. Zur Erinnerung: Die „Vertriebenengeneration“ ist heute zwischen 85 und 105 Jahre alt. Deren Kinder sind die noch in Familienkreisen organisierten 55-75-jährigen. Die Enkel sind häufig nicht mehr am Ort. Wo sie es noch sind, wären mittlerweile die Urenkel der Vertriebenen der jugendliche Nachwuchs in der Pfarrei. Beispiele wie die Bemühungen um Kantorennachwuchs haben aber gezeigt, daß nicht mal in der Familie, in der man den sprichwörtlichen ‚Papst zum Vettern‘ hat, diese Urenkel noch bereit sind, in der Pfarrei weiterhin eine/ihre Rolle zu spielen: Wer Heimat hat, muß sich nicht bemühen. Wer Heimat sucht, ist bereit, unendlich viel zu investieren.

Die Zukunft der Pfarrei lag  m.E. deshalb wesentlich auch in den Kindern der Zugezogenen. Die „also: Weimarer“ haben diese Zukunft durch die Ausgrenzung der zugezogenen Eltern in den vergangenen zehn Jahren verspielt. Realisiert das jemand? Ich habe bei dieser Frage immer das Gefühl: Es brennt und mancher Verantwortliche wärmt sich am Feuer.

 

„also: Weimarer“. Die Abschlußfrage

„Die Vertriebenengeneration und ihre Kinder – also: Weimarer“, so hat es der Pfarrer im Interview formuliert. Zum Thema Jugend in Herz Jesu Weimar lautet eine ernstgemeinte Frage (wie sie ganz ähnlich übrigens in den letzten Wochen auch die Weimarer Lokalpresse umkreiste): Was sind eigentlich, in der Außenwahrnehmung durch die „also: Weimarer“, die hier geborenen Kinder der aus dem Westen Zugezogenen? Sind das auch „also: Weimarer“? Oder sind das „Wessis“?

 

Fortsetzung folgt übermorgen

 

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Immer, wenn ich angesichts von so klugen Sätzen wie “Die Richtung stimmte für nahezu alle damaligen Gremienmitglieder. Nur als man aus der usurpierten Chefetage auch ihre, der Gremienmitglieder, eigene Pfründe beschnitt, wurde es lästig”, über die damalige Zeit nachdenke, drängt sich mir eine doppelte Beobachtung auf:
1) Sie haben damals den Regimewechsel ja in keiner Weise aus sich heraus hinbekommen, der so definierte größere Teil der “also: Weimarer”! Nein, der mußte letztlich von außen erzwungen werden (und gelang selbst dann vollends nur dank großen “Glücks”).
2) Die, für die es heute möglich ist, sich, sagen wir, mit dem Generalschlüssel durch die pfarrlichen Liegenschaften zu bewegen (was “früher” eben nur für genau eine Person denkbar war), sie müßten uns für unseren Anteil an der Veränderung eigentlich mehr als dankbar sein…

Daß sie es, “natürlich”, nicht sind, unterstreicht erneut allzu deutlich die Analogie dessen, was hier stattgefunden hat, mit anderen historischen Entwicklungen: Ja, es war eine Art “Revolution” und die Nutznießer solcher Umwälzungen sind den “Revolutionären” eben nur in den seltensten Fällen dankbar.
Es ist wohl wirklich kein Zufall, daß wir uns hier am besten mit Menschen verstehen, die auch schon früher widerständig gewesen sind.

Gereon Lamers

 

„also: Weimarer“ – Teil IV

Immer noch Gedanken über das Zitat zum Tage (zum  3. Oktober 2020)

 

„bunt“ und „zu bunt“

Das, was man gemeinhin als Hochkultur bezeichnet, verkörperten hier in der Weimarer Pfarrei in den letzten 15 Jahren, die ich überblicke, selbstverständlich nicht nur Zugezogene aus dem Westen. Ich habe diese Gruppe im ersten Beitrag der vorliegenden PuLa-Reihe am 3. Oktober 2020 nur deshalb so ausschließlich apostrophiert, weil es zu diesem Datum und seither auch in der Lokalpresse immer mal wieder um die Frage nach einer gelungenen Wiedervereinigung ging. Das Feindbild der lange Zeit Tonangebenden hier in Herz Jesu Weimar war allerdings klar. Den 2014er Schlachtruf vom „wessifreien Kirchenvorstand“ haben wir uns schließlich nicht ausgedacht. Den gab es ja wirklich. Aber – nein, die Ausgrenzungen trafen nicht nur die „Wessis“, sondern auch Leute wie den wohl renommiertesten zeitgenössischen deutschen Opernkomponisten. Auch Weimarpreisträger Ludger Vollmer war bis vor ganz kurzer Zeit über zwei Jahrzehnte lang Gemeindemitglied in Herz Jesu Weimar. Und auch er biß sich am hiesigen Regime die Zähne aus.

Was auch unseren jetzigen Pfarrer regelrecht zu verblüffen schien, als ich es einmal formulierte, ist der Umstand, daß, wer etwas kann, dies selbstverständlich auch anderswo kann. Nicht wir Kulturschaffende brauchen diese Pfarrei als Podium (diese Ansicht scheint bei den „also: Weimarern“ vorherrschend). Sondern die Pfarrei braucht uns. „Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht. Der Kopf wiederum kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht“ heißt es im ersten Korintherbrief (12,21). Wir haben es bereits zitiert. Diese Gedanken sind den „also: Weimarern“ meiner Erfahrung nach aber fremd. Als der Gemeindereferent im Herbst 2006 beim Elternabend der katholischen Erstklässler (die katholischen Grundschüler Weimars wurden damals alle gemeinsam im Pfarrhaus unterrichtet) in die Runde um die Bereitschaft bat, eine Kinderschola zu gründen, ging es um das Singen des in der Pfarrei bekannten Neuen Geistlichen Liedguts. Das habe ich nur ganz spät erst begriffen. Ich kam mit den Liedern, die er mir hinlegte, nicht zurecht und begann eigentlich nur aus der Not heraus, wegen Auftrittsanfragen an die Kinder, selber zu komponieren. Die ersten eigenen Lieder zu einer Taufe, zu Sankt Martin und dergleichen mochten noch hingehen. Aber als 2010 das erste Singspiel über die Bühne ging, wurde es den „also: Weimarern“ (in Gestalt des Pfarrgemeinderates) zu bunt. Man war erkennbar nicht amüsiert. Ich habe den Eindruck, daß für die „also: Weimarer“ das Motto handlungsleitend ist: ‚Sei gern erfolgreich, ist uns wurscht, nur bitte um Himmels Willen nicht in der Pfarrei und nicht mit Außenwirkung für die katholische Gemeinde. Wir sind hier unter uns und wollen das auch bleiben. Wir machen hier vor uns hin. Hoffentlich sieht uns keiner.‘

Und so zogen sich immer mehr der fleißigen und wachen, offenen und hilfsbereiten Zugezogenen wieder aus der Pfarrei zurück – zogen, im Falle von Senioren durchaus auch motiviert durch die fehlende Integration, entweder ganz und gar wieder weg, traten in die evangelische Kirche über oder engagierten sich zumindest nur noch dort. Wenn sie nicht (vor 2015) im Pfarrbüro bei der ersten Anfrage nach den Möglichkeiten ehrenamtlichen Engagements in der Gemeinde durch den alleinigen Hinweis auf Hilfsdienste in der Kleiderkammer der caritas von vornherein abgeschreckt wurden. Solche Menschen kennen wir auch, und sie fehlen im Gemeindeleben.

(Kurze Bemerkung zu einer anderen Stelle des Radio-Horeb-Interviews um Minute 36:00 herum, wo Pfarrer Gothe die Tatsache, daß die Kirche unbewacht den ganzen Tag geöffnet ist und wir keine Kirchenaufsicht haben – und das heißt, nebenbei bemerkt, auch: niemanden, der bei Bedarf einige Worte über die Kirche und ihre Ausstattung sagen könnte – mit dem Mangel an ehrenamtlichen Helfern für diese Aufgabe begründet. Diese Einschätzung kann ich nicht nachvollziehen, denn ich habe zum einen noch nie eine Anfrage in den Vermeldungen gehört, in der um die Bereitschaft zu einer solchen Aufsicht gebeten wurde. Zum andern muß man sagen: Wenn alle Katholikinnen und Katholiken, die in der evangelischen Stadtkirche Aufsicht tun, dies in Herz Jesu leisten würden – und warum sollten sie nicht? –, dann hätten wir schon etliche Stunden abgedeckt. Klammer zu.)

 

Desinteresse und Desintegration

Ein halbes Jahr lang hielt der damals neue Pfarrer dem Druck, der  – laut eigener Aussage –  auf ihn ausgeübt wurde, stand. Das ist leider überhaupt keine lange Zeit – wenn ich denke, wie lange meine Familie inklusive Kindern massivste Anfeindungen durchgehalten hat. Aber ungefähr um Ostern 2016 herum begann der Pfarrer sich nur noch dafür zu interessieren, wer die Kirche putzt. Im Wortsinne. Die Pfarrjugend ließ er fallen (die Umstände auszuführen, würde hier zu weit führen), obwohl er als beliebter Jugendpfarrer in Weimar Einzug gehalten hatte. Und obwohl er die Jugendlichen an seinem ersten Arbeitstag gefragt hatte, wo sie denn gemeinsam singen könnten, erwiderte er mir auf meine im Verlauf von etwa zwei Jahren immer wieder vorgetragenen Bitten um Werbung für die Chöre der Pfarrei: „Wenn ein Kinderchor eingeht, ist das doch kein Beinbruch“ – „Das ist nicht der Untergang der Arche Noah“ – „Ist doch eigentlich eine schöne Chance für einen Neuanfang“ (auf den wir nach nunmehr Jahren ohne Kinderchor allerdings bis heute warten). Nach der vierten Antwort: „Wissen Sie was, eigentlich bin ich ganz froh, wenn der Chor eingeht, damit ich endlich nicht mehr dafür verantwortlich bin“ schnitt ich das Thema nicht mehr an und machte einfach meine Arbeit.

Ich möchte diesen in verschiedenen Variationen formulierten Standpunkt an dieser Stelle einmal zur Diskussion stellen und denke, das kann ich tun, ohne ‘aus dem Nähkästchen zu plaudern’, da es ja eine seit Jahren ernsthaft vertretene Position ist, die mit Äußerungen wie „es ist mir egal, wo die Kinder Musik machen“ und „ich bin keine Musikschule“ zusätzlich flankiert wurde. Ich persönlich würde mir wünschen, daß ein Ortsgeistlicher den Wert des in der Pfarrei eingebrachten Engagements von Kindern und Jugendlichen stärker gewichtet. Wie sehen Sie das?

Aber weiter im Text: Vor einem guten Jahr sah ich dann Professor Kapsner mit einem Wischeimerchen aus der Kirche kommen (er hatte im Vorfeld der Probespiele für die Neubesetzung seiner Professur die Orgel gereinigt und fand es auch wichtig, dies selber und allein getan zu haben). Ich dachte: Ah! Jetzt ist ja alles in Ordnung. Jetzt putzt sogar der Initiator der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel. Und als die Sängerin, die mit den Herz Jesu Finken vor Jahren den Sieg im  Goldkehlchenwettbewerb in unsere Pfarrei geholt hat (was freilich auch Insiderwissen blieb), zum Gemeindefest Küchendienst tat, statt mit Kindern zu singen (weil ihrer Gruppe wie den Cäcilini und dem wieder eingegangenen Jugendchor seit Jahren der Nachwuchs fehlt), entwarf ich den Sketch zum Kuchencomputer mit dem Schlußspruch: „Erst wenn die letzte Frau im Küchendienst untergepflügt ist, werdet ihr merken, daß man sich eine Pfarrjugend nicht backen kann!“

Es sind dies beides jedenfalls klassische Beispiele für meine oben (in Teil III) festgehaltene Beobachtung, in Herz Jesu Weimar könnten sich nicht im Sinne von 1 Kor 12, 4-21 verschiedene Gaben, verschiedene Glieder des einen Leibes entfalten, sondern ein einziges Körperteil sagte zu allen andern: ‘Seid halt wie ich, dann könnt ihr auch mitwurschteln’.

Eine Erdbeertorte kann man backen. Wenn man kann (in diesem Fall kann das meine Tochter). Eine Pfarrjugend nicht (eigenes Bild)

 

Fortsetzung folgt morgen

 

Cornelie Becker-Lamers