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Die Heimkehr der Schafe

Zu einem biblischen Detail der profanen Landschaftsmalerei

Am 14. März ging es im „Turbo-Seniorenkreis“ (wo jede Woche unglaublich viel los ist!) der Weimarer katholischen Pfarrei ja wie gesagt um die Entwicklung der Landschaftsmalerei.

Als die Landschaft noch ausschließlich symbolisches Beiwerk im religiösen Bildgefüge war: Bei der Erläuterung des „Paradiesgärtleins“ eines namentlich nicht bekannten oberrheinischen Meisters (um 1410/20) Städelmuseum Frankfurt (Foto D. Mende)

Nach einiger Vortragszeit kamen wir schließlich bei den Gemälden des naturalistischen 19. Jahrhunderts heraus, in denen sich die Künstler der Weimarer Malerschule sehr zum Verdruß des damaligen Großherzogs mit gänzlich unheroischen Landschaften, mit schlammigen Wegen über Land, mit Pfützen und verhangenen Himmeln, mit schmutzigen Dörfern und einfachen Holzstegen über mickrigen Rinnsalen ästhetisch zu befassen begannen und Alltagsleben und Arbeit der einfachen Menschen zum Thema ihrer Werke machten.

Und obwohl ich im letzten halben Jahr drei solch ähnlich gelagerter Vorträge an verschiedenen Orten und vor ganz unterschiedlichem Publikum gehalten habe, gibt es immer noch Details, die auch mir erst im Nachhinein richtig bewußt werden. So die Beobachtung, daß in den unendlich vielen Gemälden, die einen Schäfer mit seiner Schafherde auf dem Weg zeigen, der Schäfer hinter der Herde hergeht. Natürlich gibt es auch viele Bilder, wo die Schafe lagern – dann steht der Hirte daneben oder blickt sinnend zum Himmel empor. Aber wenn’s um den Heimweg geht – Hirte hinter den Schafen: Ob das Werke aus der schon erwähnten „Weimarer Malerschule“ sind

Zwei Steinwürfe vom heutigen Standort der katholischen Kirche Weimar entfernt (die es 1886 freilich noch nicht einmal im Entwurf gab) folgt ein Schäfer seiner Herde durchs Kirschbachtal: Paul Baum (1859-1932) „Der Weg nach Niedergrunstedt“ (1886) Quelle: wikimedia commons (User dguendel)

ob das die vielen, als „(Schäfer mit) Schafherde“ betitelten Gemälde der beiden Niederrheiner Helmuth Liesegang (1858-1945) und Heinrich Aschenbroich (1839-1909) sind, deren Arbeiten eher von der Kunst der Niederlande inspiriert wurden; ob es der Niederländer Anton Mauve (1838-1888) mit seinen diversen „heimziehenden Schafherden“ ist

Ein älterer Hirte treibt seine Herde vor sich her: Anton Mauve (1838-1888) „Schäfer und Schafe“ (um 1880) Quelle: wikipedia gemeinfrei (User wmpearl)

oder der Schweizer Landschafts- und Genremaler Johann Zahnd

Auch der junge Hirte führt die Schafe sicher nach Hause und hält dabei alle im Blick: Johann Zahnd (1854-1934) „Gebirgslandschaft mit Hirte und Schafherde bei Sonnenuntergang“ (1886) Quelle: wikipedia gemeinfrei (User Szczebrzeszynski)

– eines ist immer ablesbar: Der Hirte läuft hinter der Herde her und hält alle im Blick, damit kein Schaf verloren geht (ok, ok – ein einziges Bild von Anton Mauve hab ich gefunden, das davon abweicht. Aber wirklich nur eins.) Wie bei Erzieherinnen, von denen, wenn sie die ihnen anvertraute Gruppe an die frische Luft bringen, immer eine der Frauen am Schluß des Zuges geht, damit ja niemand zu Schaden kommt. An einen Hirten, der frisch ausschreitet, sich zuhause angekommen nonchalant versichert, welches Schaf überhaupt noch da ist und die andern abschreibt, denkt glaube ich normalerweise niemand.

Das Behüten aller Schafe ist in der profanen Malerei also sozusagen das mindeste. Die Bibel freilich geht noch weiter und schildert den Hirten, der seine Herde an sicherem Ort einpfercht und sich auf die Suche nach jedem einzelnen verlorenen Schaf macht.
Ein Gleichnis, das ebenfalls in der Populärkultur angekommen ist…

Cornelie Becker-Lamers

Das Firmbewerberwochenende

Näher dran

Anfang April haben Pfarrer und Gemeindereferentin übers Wochenende mit den aktuellen Firmlingen anderthalb Tage im Gemeindehaus verbracht. Im Vorfeld hatte es einen Elternabend gegeben, zu dem der Pfarrer zwar leider nicht erscheinen konnte, weil man zeitlich exakt parallel eine Kirchenvorstandssitzung anberaumt hatte.

Bestimmt wäre sonst das Kirchendach eingestürzt 😉 : KV-Sitzung parallel zu einem der beiden Elternabende während des Firmkurses (Screenshot aus den Vermeldungen)

Aber im Grunde war uns das Konzept ja auch im vergangenen Juni bereits erläutert worden: Der Unterricht sollte sich nicht auf Theorie beschränken, sondern die Jugendlichen sollten u.a. mit Orten in ihrer Stadt in Berührung kommen. Zum Beispiel Buchenwald.

Ich weiß noch, was ich letztes Jahr nach dem Elternabend für gute Laune hatte. Hatte unsere ältere Tochter 2014 doch großes Pech mit ihrem Firmunterricht gehabt. Nur alle zwei Wochen traf sich die Gruppe. Viermal wurde in dieser Zeit ein Film geschaut. Und zwar zu Themen, von denen man sich fragte, wie 14jährige (unsere Tochter gehörte zu den Achtklässern beim damals zweijährlich stattfindenden Firmkurs) aus Weimar sie unvorbereitet ‚verdauen’ oder die Problematik auch nur verstehen sollten. Über die Situation der Migranten in den Banlieues von Paris zum Beispiel. Oder das Schicksal eines Jungen, dessen Vater beim Terroranschlag auf das World Trade Center 2001 (da waren diese Firmlinge ein Jahr, zwei Jahre alt) zu Tode gekommen war. Die Filme dauerten anderthalb Stunden, danach war der Unterricht vorbei und Tschüß. ‚Besprochen‘ wurde das Erfahrene dann zwei Wochen später, und die Eltern konnten den zum Teil doch verstörten Jugendlichen zwischenzeitlich nicht einmal helfen – wir kannten die Filme ja selber nicht. Also das war schon wirklich merkwürdig und sei hier nur kurz zusammenfassend erwähnt, um zu verdeutlichen, was sich die Verantwortlichen eigentlich nicht leisten sollten. Und was beispielsweise in den Jugendgruppen nachzubereiten (gewesen) wäre, wenn man als neuer Pfarrer Firmlinge aus solchen Kursen vor sich hat.

Ich freute mich deshalb, daß es unser nächstes Kind besser treffen würde.

Und hat es dann in diesem Punkt ja auch.

Die Jugendlichen waren tatsächlich in Buchenwald und hörten in den Haftzellen des evangelischen Pfarrers Paul Schneider (des „Predigers von Buchenwald“) und des katholischen Priesters Otto Neururer (von dessen Asche etwas in unserem Altar verborgen ist) über das Leben und Schicksal dieser beiden Märtyrer. Das wird niemals inaktuell. Wenige Tage zuvor hatte in Weimar in der Carl-August-Allee, die vom Bahnhof zum Neuen Museum hinunter führt, eine Fotoausstellung zu Buchenwald-Überlebenden eröffnet. „Sichtbar werden diejenigen, die nicht dazu gehören sollten“, titelte die Lokalzeitung hierzu am 29. März 2019.

Man kann viel lernen aus dieser Zeit. Wie Menschen aus fadenscheinigen Gründen ausgegrenzt werden und die, die sich für sie einsetzen, gleich mit. Wie eine Unrechtslage und die Einschränkung der Meinungsfreiheit Wissenschaftler und Kulturschaffende in die Flucht schlägt und die Gemeinschaft sich dadurch auch selber unglaublichen und bleibenden Schaden zufügt. Denn die allerwenigsten von denen, die ins Exil gegangen waren, kamen ja zurück – Autoren meist wie Thomas Mann, Theodor W. Adorno oder Edgar Hilsenrath, die so sehr in der deutschen Sprache beheimatet waren, daß sie nicht Amerika bleiben konnten. Wie nach dem Ende des Schreckens zunächst einmal niemand an Aufarbeitung dachte – und wir darum bis heute nicht fertig sind damit. Wie gerade die Täter mit der meisten kriminellen Energie sich aus dem Staub machten und nicht mehr gesehen waren – häufig denn auch auf Erden davonkamen. Und wie demgegenüber bis heute inzwischen über 90jährige vor Gericht landen. Wie die Mitwisser und Mitläufer alles taten, um so zu tun, als sei nichts gewesen – und die meisten der Opfer auch. Viele wollten einfach nur vergessen und „nach vorne schauen“. Und wie dadurch dieselben Leute einfach weitermachten und nach dem Krieg wieder einen hohen Posten bekleideten. Und wie für viele Opfer Entschuldigung und Entschädigung, als man sich denn endlich dazu durchgerungen hatte, zu spät kamen. Dinge, die uns heute empören.

Dennoch kann man nicht nur aus Anwendungsbeispielen lernen. Zu schwierig häufig zu sehen, in welch entscheidendem Punkt die eigene kleine Situation doch gerade der des großen christlichen Vorbilds entspricht. Haben wir einen Krieg erlebt?

Jedenfalls müssen die Jugendlichen im Firmunterricht auch ganz schlicht von der Lehre der Kirche soviel lernen, daß sie zumindest eine Idee davon bekommen, wieviel noch zu lernen wäre! Kirchengeschichte, Philosophiegeschichte, Geschichte der Päpste, die immer auch politische Geschichte war, Kirchenrecht, Gebete, Glaubenssätze, Liturgie, Ikonographie …

An dieser Stelle möchte ich auf einen kurzen Film aufmerksam machen, den ich auf dem YouTube Kanal der kleinen, aber tapferen Diaspora-Pfarrei Oschersleben bei Magdeburg gefunden habe. Jugendliche oder Kinder haben die Kirchengebote sowie Akte der Hoffnung, der Treue, des Glaubens und der Liebe eingesprochen und online gestellt – ohne Kinderbild, also ohne jede Gefahr hinsichtlich Datenschutz. Aber wirkungsvoll mit Sicherheit zumindest für die Kinder selber. Dieses Thema leitet aber zu einem neuen Beitrag über, der in Sachen Homepage und medialer Öffentlichkeit unserer Pfarrei zu schreiben wäre. Ein andermal. Hören Sie hier nur „Die Kirchenjebote“.

Enjoy! 🙂

Cornelie Becker-Lamers

Kein Weg nach vorn ohne Rück-Sicht-Nahme

Ein letzter Beitrag aus der Reihe „vor Jahresfrist“

Im vergangenen Jahr war unserem Pfarrer von der Lokalzeitung die Aufgabe übertragen worden, das Wort zum Palmsonntag zu verfassen. Er lieferte einen schönen Text ab, der mich sehr spontan – noch am selben Tag – zu einer Reaktion anregte, die ich jedoch nicht gleich online stellte, sondern unserem Pfarrer mit Verweis auf PuLa per Email zusandte. Hintergrund war, wie ich ihm schrieb, daß ich das Motto „Suche den Frieden und jage ihm nach“ (aus Ps 33, richtige Zählung, Anm. der Redaktion) damals gerade einmal wieder bis an die Grenzen meiner Kräfte und darüber hinaus befolgte.

Der Pfarrer verlor über Text und Email kein Wort, sondern wünschte mir in seiner Antwort lediglich frohe Ostern. Also gehe ich davon aus, daß er eine Publikation meiner damaligen Reaktion billigt. Lesen Sie daher heute einen Text vom 25. März 2018. Aktuell ist er wie vor Jahresfrist, nur daß es um die Kinder- und Jugendseelsorge noch etwas schlechter geht: Nun hat man nämlich auch noch den im September 2015 in der Hoffnung auf den Beginn eines anderen Gemeindeklimas neugegründeten Jugendchor aufgegeben.

Das Wort zum Sonntag (März 2018)

Pfarrer Gothe hat zum Palmsonntag ein schönes Wort zum Sonntag verfaßt. Über eine Ausstellung im Stadtmuseum zum Widerstand in der Nazizeit. Er schreibt zum Ende hin: „Die Ausstellung ist ein Plädoyer, vom Menschen nicht zu klein zu denken. Es gab und gibt sie, die Menschen, die Haltung bewahren, die aus verschiedensten Überzeugungen heraus aufrecht bleiben und so Widerstand leisten gegen Ideologie, Menschenverachtung und schreiende Ungerechtigkeit.

Ich möchte diese Menschen als österliche Menschen bezeichnen, denn sie sind Licht in dunkler Zeit und geben den Glauben an den Menschen und das Leben zurück.

Möge die Karwoche mit ihren Gottesdiensten auch uns österlicher und aufrechter machen.“

Den ganzen Text findet man hier (leider hinter einer Bezahlschnranke).

Ja! Solche Menschen gibt es wirklich und das ist beruhigend und wunderbar!

Noch schöner wäre es, wir würden uns nicht nur in Bezug auf Zeiten und Umstände darüber austauschen, über die ein Konsens besteht wie in Bezug auf das „Dritte Reich“. Sondern über Zeiten und Umstände, die sicherlich weit weniger fürchterlich und dramatisch waren, unserem Leben und unserem Alltag aber viel näher sind und über die Dissens und das heißt hoher Informations- und Aufklärungsbedarf und die unbedingte Notwendigkeit zu Austausch und Dialog besteht. So wie in Bezug auf die Zustände vor September 2015 hier in unserer Pfarrei. Die Unsicherheit darüber, was in dieser Zeit überhaupt geschehen ist (Verbote und Ausgrenzung ergingen ja per Mail und Brief – eine schlechte Gewohnheit, an welche leider nur zu gern angeknüpft wird – und Kritik nur hinter vorgehaltener Hand), wer was getan hat, wer aus welcher Motivation heraus mitgemacht hat, wer weggeschaut hat und wer aus welcher Motivation heraus versucht hat, die Lage zum Besseren zu verändern – diese Unsicherheit steht als der berühmte „elephant in the room“ aller Vernetzung über die kleinen Freundeskreise hinweg im Weg und ist m.E. beispielsweise einer der Gründe dafür, daß unsere Pfarrei in der kontinuierlichen altersübergreifenden Kinder- und Jugendseelsorge so unglaublich bedauerlich unter Form spielt. Nach wie vor fehlt unserer Gemeinde die berühmte „Große Erzählung“, die für eine Gemeinschaft unabdingbar ist. Eigentlich weiß jeder nur, daß die derzeitige Situation aus einer Katastrophe hervorgegangen ist – aber schon in der Frage, ob diese im September 2015 endete (Mehrheitsmeinung) oder gar erst begann (auch diese Meinung dürfte es geben) herrscht Uneinigkeit.

Beginnen Sie mit der Aufarbeitung der jüngsten Geschichte Ihrer Pfarrei, Herr Pfarrer, damit wir nach vorne schauen können. Sie wissen inzwischen: Das ergibt sich nicht von selbst. Es wird ein langer Weg, aber Sie schaffen das! Ihre Gemeinde hat es verdient.

Cornelie Becker-Lamers

Ein Zeuge geht

Zum Tod von Hochwürden Klemm am 5. April 2019

Am heutigen Freitag gegen 5 Uhr früh verstarb, zwölf Tage vor seinem 81. Geburtstag, Pfarrer Horst Klemm. Er war die letzten 15 Jahre seines Lebens in unserer Pfarrei als Ruhestandspfarrer tätig. Hier in Weimar war er als Kind Vertriebener ab dem Grundschulalter auch aufgewachsen.

Die Wertschätzung, die er seitens seiner Mitbrüder genoß, mögen andere herausstreichen, andere auch über seine Rolle etwa im Kolpingwerk oder seine Unverzichtbarkeit bei den Sühneandachten in Buchenwald berichten. In diesen Funktionen habe ich ihn nie erlebt.

Ich habe ihn als Geistlichen und Seelsorger in unserer Gemeinde kennengelernt. Als Geistlichen, der über die Meßzelebration hinaus ein Glaubenszeuge war. Als Seelsorger, dessen Glaubwürdigkeit sich nicht in den liturgischen Vollzügen erschöpfte.

Pfarrer Klemm positionierte sich und wurde so in den Krisenjahren der Pfarrei zwischen 2012 und 2015 für viele von uns unersetzlich. Er übernahm Taufen, wenn der damalige Rektor der Pfarrkirche dies ablehnte, weil er festgestellt hatte, daß die vom Täufling ausgewählten Paten in den Augen der Gemeindeleitung den zuletzt ja etlichen personae non gratae der Pfarrei zuzuzählen waren. Er stützte Einzelne, die aufgrund ihres Einsatzes für andere Gemeindemitglieder zu Unrecht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurden oder werden sollten und rief vor der Kirche offen zum Widerstand gegen die damals herrschenden Zustände auf. Im Januar 2015 ergriff er Partei für die Sternsinger und deren erwachsene Begleiter/innen, als die „Gemeindeleitung“ sich in den Kopf gesetzt hatte, es sich auch noch mit dieser Gruppe zu verscherzen, und bot zu Ende der Messe Raum für eine Stellungnahme. Zum 10. Geburtstag der Cäcilini im Mai 2017, zu dem wir in den Gemeindesaal eingeladen hatten, feierte er mit und zückte einen 50-Euro-Schein als Spende.

Er übernahm gerne die Messen, in denen wir Werke jugendlicher Komponisten aufführten oder in denen die Cäcilini musikalische Beiträge leisteten, wandte sich den jungen Musikerinnen und Musikern anschließend zu und honorierte erkennbaren guten Willen wie objektiv erbrachte Leistung. Mit ihm gemeinsam Gott zu loben, war wirklich ein Ehrenamt.

Und wie man sich bettet, so liegt man: Pfarrer Klemm war die Zuneigung dieser Kinder und Jugendlichen gewiß. Sie mochten ihn. Als den Cäcilini zu Ohren kam, er liege im Pflegeheim auf den Tod, kam in der Gruppe sofort die Idee auf, im Advent dort für ihn zu singen. Auch alle Eltern trugen diese Aktion mit und entbanden ihre Kinder am 4. Adventssonntag – es war der 23. Dezember – von allen häuslichen Pflichten. Ehemalige Chormitglieder, die Ende letzten Jahres schon in Studium oder Ausbildung waren, richteten ihren Weihnachtsurlaub nach unseren Proben für dieses kleine halbstündige Adventskonzert im Raphaelsheim aus.

Vor vier Tagen habe ich Pfarrer Klemm zum letzten Mal gesehen. Er war sehr schwach, erkannte mich aber noch und bejahte meinen Besuch. So erzählte ich ihm von der Kreuzwegandacht, die die Cäcilini in diesem Jahr noch einmal viel ausführlicher als 2018 für die Pfarrei gebetet hatten und merkte, daß er bei jedem Namen, den ich nannte, das betreffende Kind, die betreffende Jugendliche lebhaft vor sich sah: Noch brechenden Auges nahm er Anteil am Weiterleben unserer Pfarrei.

Ein Zeuge geht.

Ein priesterlicher Glaubenszeuge und ein glaubwürdiger Zeuge der Vorgänge, die unsere Pfarrei aufgrund der bis dato verweigerten Aufarbeitung auch heute noch belasten. Nicht der einzige Zeuge – es gibt ja leider sehr viele, und sehr viel jüngere. Aber ein wichtiger.

Er fehlt.

 

Cornelie Becker-Lamers

April, April!

Das war natürlich ein Witz

Natürlich war es ein Aprilscherz, als wir gestern über den angeblichen Fund des auskomponierten Sackens unbegleiteter Gemeindegesänge am Beispiel des Vater Unser geschrieben haben. Die Geschichte fiel mir irgendwann im letzten Sommer ein, als wir mal wieder urlaubsweise in einer kleinen Pfarrei in der Messe saßen und der Priester mit sehr schöner, aber leider auch sehr tiefer Baßstimme bereits sehr tief anstimmte und es sich dann für mich recht schnell erledigte, das Gebet mitzusingen – ich kam einfach nicht mehr runter.

Wichtig war mir jetzt nochmal zu betonen, daß dieser musikalische Spaß sich nicht in erster Linie auf Erfahrungen in einer Weimarer Messe bezieht. Ganz im Gegenteil.
Anläßlich der Fronleichnamsprozession im vergangenen Juni (wir müssen das ja immer sonntags nachfeiern, weil wir in Thüringen den Donnerstag nicht frei haben – es war also nicht am 31. Mai, sondern am 3. Juni 2018) fiel mir im Gegenteil auf, wie unverschämt gut diese ganze Gemeinde hier singt. Wir hatten zur Prozession für die Liedstrophen der entsprechenden Gesänge abwechselnd die Begleitung durch einen Posaunenchor und sangen, wenn die BlechbläserInnen mit ihren Notenständern nach vorne spurteten, jede zweite Strophe a cappella. Und kamen als ganze Gruppe immer auf den Punkt beim Anfangston heraus! Wir sind beim Singen nicht gefallen. Das ist schon krass!

Also, liebe Freundinnen und Freunde – ich glaube keiner und keinem von Euch, die oder der nicht im Kirchenchor mitsingt, die Ausrede: „Oh! Ihr seid jetzt so gut! So gut kann ich nicht singen!“ stimmt nicht – alle fit! Also rein in den Chor!

Ihr wißt ja: Wer singt, betet doppelt! 😉

Cornelie Becker-Lamers

Die Überschrift des gestrigen Artikels weist den Text übrigens bereits als Aprilscherz aus: Das angebliche Manuskript in einer erfundenen Ausgabe des (nicht erfundenen!) Lochamer Liederbuchs ist – eben wie die Steinlaus im Pschyrembel – fiktiv. Loriot hat der von ihm erfundenen Figur vor Jahrzehnten die Grundlage zu einem heute sehr verbreiteten wissenschaftlichen Scherz gelegt.

Männliche Steinlaus auf dem Boden des Kirchenschiffs der Wallfahrtskirche Frauenberg (Enns), Bild: Wikimedia Commons, User Makakema)

Wie die Steinlaus im Pschyrembel

Sensationeller Fund im Lochamer Liederbuch

Weimar. Musikwissenschaftlern des Sonderforschungsbereichs 482 “Ereignis Weimar–Jena. Kultur um 1800” der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist am Wochenende ein sensationeller Fund gelungen: In einer bisher unbekannten Ausgabe des Lochamer Liederbuchs, die die Cotta’sche Verlagsbuchhandlung im Jahre 1802 vorgenommen hat, fand eine Doktorandin das Manuskript einer frühneuhochdeutschen Vater-Unser-Abschrift. Ersten vorsichtigen Schätzungen zufolge könnte die Handschrift aus dem späten 15. Jahrhundert stammen. Das Besondere an dem Notenblatt, das umgehend in die Obhut des Thüringer Landesmusikarchivs gegeben wurde und noch im laufenden Jahr restauriert werden soll, ist die Melodieführung des bekannten Sprechgesangs.

Seit den 1970er Jahren hatten Liturgiewissenschaft und Musikforschung übereinstimmend eine mittelalterliche Version der bekannten Vater-Unser-Melodie postuliert, die vierteltönig und daher in der üblichen Modal- und Mensuralnotation nicht notierbar gewesen sein soll. Nur in kleinen abgelegenen Gemeinden, die ihr Liedgut und die Sprechgesänge bis heute a capella (ohne Organisten) mündlich tradieren, habe sich diese alte Melodie erhalten, so die Wissenschaftler.
Aufgrund ihrer Komplexität sei die Melodie durch das Konzil von Trient (1545 – 1563) vereinfacht und auf die heute gebräuchliche, im Gotteslob (vgl. GL 589, 2) wiedergegebene Form gebracht worden. Die Vierteltöne seien harmonisiert und die Melodie im bekannten Notensystem notierbar gemacht worden.

Der Weimarer Fund, der in der Forschung auf den heutigen 1. April 2019 datiert wird, wäre das bisher einzige bekannte Exemplar des Versuchs einer Notation der alten überkommenen Melodie. Sie zeichnet sich durch Halbtonschritte in die Höhe und Ganztonschritte in die Tiefe aus, so daß der Melodiebogen im Laufe des Gebetes um fast eine Oktave absinkt. Aufgrund der Ausmerzung der Vierteltönigkeit und der Harmonisierung der Tonschritte durch das Tridentinische Konzil endet die heute gängige Melodie auf ihrem Ausgangston.

„Das Beenden der Melodie auf ihrem Ausgangston, also sozusagen das Halten der Stimmung, ist für den a capella-Gesang sehr untypisch“, so die Doktorandin zu PuLa. „Ich habe immer daran gezweifelt, daß das die ursprüngliche Melodie des Vater Unser gewesen sein soll. Das Textzeugnis aus dem Lochamer Liederbuch könnte der erste Nachweis einer älteren musikalischen Entwicklungsstufe dieses 2000 Jahre alten Gebetes sein. Es käme einer Sensation gleich! Wir werden das sorgfältig prüfen.“

PuLa wünscht allen Forschern eine glückliche Hand. 😉

Cornelie Becker-Lamers

Das rosa Gewand 8/n

Möglicherweise haben Sie heute auf PuLa etwas vermißt. Denn, wer unseren kleinen Blog kennt, der weiß: Themen, die uns einmal ans Herz gewachsen sind, bleiben wir treu!
Und zu diesen Themen gehört die korrekte liturgische Kleidung der Priester. Nun ist heute der Vierte Fastensonntag, der nach seinem Introitus aus Jes 66, 10 und 11 (und Ps 121) ‚Lætare‘ heißt, ‚Freue Dich‘ (Jerusalem nämlich).
Und dessen liturgische Farbe rosa ist, anstelle des „büßenden“ Violett.
Verschiedentlich schon haben wir darauf hingewiesen, besonders gerne in musikalischer Form (vgl. zuletzt hier oder Sie suchen einfach nach dem Stichwort „rosa“).

Das geschieht heute nicht.
Dies aber nicht etwa, weil uns (d.h. dem musikalischen Teil der Familie 😉 ) die Ideen ausgegangen wären, o, nein!, vielmehr gibt es hier morgen, pünktlich zum neuen Monat, nichts weniger als eine musikologische Sensation, seien Sie gespannt!
Und auch nicht, weil uns etwa die Hoffnung verlassen hätte, auch hier, ja, gerade hier in der mitteldeutschen Diaspora, könne sich das Blatt zu Besseren wenden.
Nein, ganz im Gegenteil! Der heutige Tag brachte die nachgerade triumphale Bestätigung, daß es ganz anders ist. Denn heute durften wir in einer mitteldeutschen Kirche erleben, wie nicht ein, nicht zwei, nein, drei Priester in rosa Meßgewändern in die Kirche einzogen!

Drei rosa Gewänder in Mitteldeutschland, 31. März 2019 (eigenes Bild)

Drei rosa Gewänder in Mitteldeutschland, Detail (eigenes Bild) Die mäßige Bildqualität bitten wir zu entschuldigen, fotografieren während der Hl. Messe (dies war schon zum Schlußlied!) liegt uns nicht…

Priester aus drei Nationen übrigens, was dazu führte, daß der Gottesdienst auch in drei Sprachen stattfand, in Deutsch, in Polnisch und – in der Sprache der Kirche, in Latein. Ganz so, wie sich das die Väter des letzten Konzils gewünscht haben.
Ja, es war ein schöner, würdiger Gottesdienst, für den wir gerne in ein Nachbarbistum gefahren sind – wohin, das verraten wir heute noch nicht (aber treue PuLa-Leser finden es vermutlich heraus: Schreiben Sie uns, wenn Sie es wissen!), und zwar, weil es dazu, zu den vielen positiven Aspekten dieses Wochenendes demnächst ein „PuLa-Unterwegs“ geben wird!
Schon heute aber sagen wir dem Rektor der dortigen Kirche auch auf diesem Wege noch einmal herzlichen Dank; Dank für den ‚Leuchtturm‘ des Katholischen dort, der seine weite, seine internationale Ausstrahlung heute erneut gezeigt hat!

Gereon Lamers

„dein Opfer war ein halbes nur“

Warum wir die Mutter Maria brauchen

Beruflich habe ich mir in den nächsten Monaten u.a. Theodor Storm vorzunehmen. Der 1817 in Husum geborene und 1888 nahe Rendsburg und Eckernförde verstorbene Jurist und Schriftsteller war übrigens zwischen 1856 und 1864 auch im thüringischen Heiligenstadt als Kreisrichter tätig. In einem Gedichtband des achtfachen Vaters fiel mir folgender Text auf:

An deines Kreuzes Stamm

An deines Kreuzes Stamm o Jesu Christ
Hab ich mein sorgenschweres Haupt gelehnt;
Doch Trost und Kraft kam nicht von dir herab;
——
Du hattest weder Weib noch Kind, du warst
Ein halber Mensch nur; unseres Lebens Kern
Hast du nur halb erprobt; was uns die Welt,
Uns Lebenden, an Ungeheu’rem auferlegt,
Du hast es nicht gekannt; dein Opfer war
Ein halbes nur. – Wärst du getreu befunden,
Wann man dein Weib, dein Kind ans Kreuz geschlagen?
Die Antwort bliebst du schuldig. – Wohl mit Dank,
Mit Liebe blick ich zu dir —-
— doch mich erlösen
Das kannst du nicht. – Einsamer Qualen voll
Neig ich das Haupt; da legt sich lebenswarm
Ans Herz mir eine viel geliebte Last;
—- und wie sie sich fassen,
Fühl ich den Ring des Lebens fest geschlossen
Gleich einer Mauer gegen Tod und Lüge.
Ich bin getröstet. – Komm geliebtes Weib
Wir müssen eigner Heiland sein.

Theodor Storm (1863)

Wie menschlich. Wie verständlich. Wie bitter. Aber vor allem: wie protestantisch.

Mir fiel sofort Maria ein, die Mutter des Herrn, die im katholischen Glauben genau das ‚abdeckt‘, was dem lyrischen Ich in Storms Gedicht fehlt: Den ganzen Menschen, die Mutter, die ihren Sohn sterben sehen muß. „Du Frau aus dem Volke, von Gott ausersehn, dem Heiland auf Erden zur Seite zu stehn, kennst Arbeit und Sorgen ums tägliche Brot, die Mühsal des Lebens in Armut und Not“, heißt es bekanntlich in der 3. Strophe des Kirchenliedes „Maria, Dich lieben“ (GL 521).

Man rollt zwar bei dieser Textstelle mit Fug und Recht auch die Augen. Zu sehr kontrastiert sie mit der Überlieferung von Marias Verwandtschaft ins Priestergeschlecht (Lk 1, 36 ff.) und dem großen Reichtum ihres Vaters: Das Protevangelium des Jakobus beginnt sein Erstes Kapitel mit dem Bericht des immer doppelten Opfers Joachims, der bestimmt: „Mein Überfluß soll dem ganzen Volk und mein Pflichtteil Gott, dem Herrn, zu meiner Versöhnung gehören.“ Schwer vorstellbar (nebenbei bemerkt) daher auch, daß Maria Elisabeth aufsuchte, um ihr „im Haushalt zu helfen“, wie man es zuweilen in Maiandachten zu hören bekommt. Als Frau eines Priesters hatte Elisabeth vermutlich Personal. Und auch Maria war aus gutem Hause: Michael Hesemann spricht von ihrer Abkunft aus Davidischem Stamm väterlicher und aus dem Priestergeschlecht mütterlicherseits (hier – konkret etwa von Minute 5:10 bis etwa 7:00. Im übrigen sind alle vier Teile des Films mehr als empfehlenswert!)

 

Dennoch wäre der Volksglaube kein Volksglaube, wenn er nicht neben allem andern auch genau die Inhalte bereit hielte, die wir im Kirchenlied finden: Maria ist Identifikationsfigur für jeden Menschen. Mit der Zuweisung des Johannes als Sohn (Joh 19, 26f.) hat Jesus am Kreuz alle Menschen in die Obhut Mariä gegeben. Das habe ich von meiner irakischen Freundin gelernt, als wir einen Kreuzwegtext gemeinsam ausgearbeitet haben und sie ihre chaldäischen Texte zu Rate zog. Maria ist die Mutter aller Menschen. Sie ist nicht nur durch eigenes, sondern auch durch mitempfundenes Leid gegangen und hat es getragen. So kann sie den Schmerz aller Menschen zu tragen helfen. Wir können uns stützen. Wir können uns gegenseitig trösten. Aber wir müssen nicht – und wir können nicht – , wie Theodor Storm es empfindet oder befürchtet, „eigner Heiland sein“.

Im Zuge der Recherche für den vorliegenden Text bin ich auf eine knapp 10 Jahre alte Publikation aufmerksam geworden , in der Christian Demandt „Religion und Religionskritik bei Theodor Storm“ erforscht. Das 273 Seiten starke Buch erschien 2010 im Rahmen der Husumer Beiträge zur Storm-Forschung im Erich-Schmidt-Verlag Berlin und steht in der Weimarer Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek zur Kurzausleihe zur Verfügung.

Cornelie Becker-Lamers

Dank-Gedanken

Pünktlich zum achten PuLa-Geburtstag flatterte der Redaktion am letzten Dienstag, 26. März, doch tatsächlich ein kleines Geschenk ins Haus! Wer hätte das gedacht! In Form nämlich eines Briefes, der sich wortlos, aber zeichenreich mit dem unlängst erschienenen Text „Museum. Konjunktiv“ auseinandersetzt. Das hatte ja – allerdings sehr wortreich und dafür zeichenarm – eine Bloggerkollegin schon sehr schön getan, gleich am Folgetag des Erscheinens, und hatte unseren Text weitergedacht (vgl. den Kommentarbereich des Beitrags):

Es gibt ja auch eine lange Nacht der Kirchen, oder? Wenn der Pfarrer darauf hingewiesen hätte und versprochen hätte, daß dann die Chöre zum Einsatz kämen, und wenn er ihnen außerdem für diese Idee gedankt hätte und gesagt hätte, sie haben seine ganze Unterstützung, und wenn er dann vielleicht noch die Idee gehabt hätte, zu sagen: Ach was, machen wir beides – und bei der Museumsnacht machen wir ein Schild an die Kirchentür: „Kein Museum – trotzdem offen“, ja dann wäre das richtig gut geworden und hätten alle was davon.

Der neue Brief nun reproduzierte unseren Originaltext und enthielt weitere PuLa-Bezüge, nutzte nämlich exzessiv das im November 2015 erfundene und am 10. September 2016 im Beitrag „Platz da!“ erstmals – aber inzwischen seit langem schon nicht mehr – vergebene „Timoticon“. Ja – der Brief denkt das kleine Grinsgesicht sogar weiter und erfindet ein „Antimoticon“ mit Schmollmund. (Aus Emoticon wurde „Timoticon“ und nun das „Antimoticon“. Vielleicht kann man die Wortkette weiterspinnen und demnächst ein „Sieh-an!-Timoticon“ vergeben 😉 ?) Zu Beginn des Briefes, der den Anfang unseres Textes wiedergibt:

Zur Langen Nacht der Museen singen wir geistliche Lieder
und machen Musik, sagen zwei Gruppen der Pfarrei.
Das gibt’s nicht, sagt der Pfarrer: Die Kirche ist kein Museum.
Sie bleibt in dieser Nacht geschlossen und ist nicht auf.

Was für eine vielversprechende Positionierung.

Denn das kann ja nur heißen, unser Pfarrer will sich
nun verstärkt um die Kinder- und Jugendseelsorge kümmern.

werden ganze 20 Timoticons abgedruckt. Waschechte, quittegelbe Timoticons. Fragen Sie mich nicht, wie das gegangen ist – ich weiß es nicht: Mit Farbdrucker und Kopierer, Schere und Klebestift? Oder mit trickreicher digitaler Bildbearbeitung? Irre aufwendig jedenfalls! Vielen lieben Dank für den lustigen Anblick!

Der Inhalt des zweiten Teils unseres Textes:

Denn wenn einer nicht für Nachwuchs sorgte bei den Kinderchören,
weil er meinte, wenn der Kinderchor eingeht, sei das kein Beinbruch,
und wenn er den Jugendchor eingehen ließe,
weil ihm egal wäre, wo die Jugendlichen Musik machen
und wenn er die Pfarrjugend einschlafen ließe, so daß
wenn man Glück hat, drei bis fünf Teilnehmer sich einfänden,
weil er den Mädchen, die ihm zum Amtsantritt
40 statt 4 Jugendliche zusammengetrommelt haben,
jegliche Unterstützung für die wöchentlichen Treffen versagte,

wenn einer so die Kinder- und Jugendseelsorge vernachlässigte,
dann wäre ja in zwanzig Jahren ein Museum
das beste, was man aus seiner Kirche noch machen könnte.

wird mit 20 neu erfundenen „Antimoticons“ kommentiert. Wie die „Antimoticons“ – in Farbe und Anlage (kleiner Hut, Collarkragen) identisch, aber eben mit umgedrehtem Mund – aufs Papier kommen, ist mir vollends unvorstellbar. Aber egal – sie sind drauf!

Wir freuen uns über unsere so treue Leserschaft, die offenbar mit Kopf und Herz, Witz und Verstand liest, mit- und weiterdenkt. Deshalb wüßten wir auch zu gern, bei wem wir uns für dieses schöne Geschenk bedanken dürfen. Daher unsere Bitte: Wenn Sie sich schon so viel Mühe geben und einen so aufwendigen Brief anfertigen, frankieren und zur Post bringen – dann vergessen Sie bitte nicht Ihre Unterschrift. Lassen Sie uns wissen, wer Sie sind und mit wem wir vielleicht nach der nächsten Messe ein Gespräch zum Thema anknüpfen können.

Herzlichen Dank!

Cornelie Becker-Lamers & Gereon Lamers

„‘Nein, Rabbi!‘ rief es aus der Lichtsäule“

Der nächste Freitag für Frauen stellt Lieblingsbücher vor

Am morgigen 29. März lädt unsere Gemeindereferentin, Frau Rimestad, wieder zu einem „Freitag für Frauen“ ein. Dieses Mal soll es um „Lieblingsbücher“ gehen. Zu erwarten sind: Zugewandte Menschen, ausgesuchte, vermutlich selbstgemachte Getränke und allerlei leckeres Gebräu sowie ein umfangreicher Büchertisch (so war es jedenfalls bei den vorherigen Treffen – wenn wir nicht gerade Musik in der dunklen Kirche gemacht haben 😉 ). Da frühere Termine, etwa der zum Thema Nachhaltigkeit, schon ganz unvorhergesehenen impact hatten (Haarpflege!), werde ich unbedingt versuchen, den Termin wahrzunehmen und dann, falls es sich ergibt, die beiden Bücher von Edzard Schaper vorstellen, die sich in meinem Besitz befinden.

Bis auf den „Vierten König“ vergriffen und derzeit nur über Antiquariate zu beziehen: Literatur des deutschen Schriftstellers, Übersetzers, Kriegsberichterstatters und finnischen Spions Edzard Schaper (*Ostrowo 1908; +Bern 1984)

Schaper, dessen rastloses Leben im Grunde aus ständiger Flucht bestand – schon der Vater war aus polnischer Gefangenschaft mit seiner 13köpfigen Familie aus der Provinz Posen bis nach Niedersachsen geflohen – brach Gymnasium und Musikausbildung im Alter von 17 Jahren vor der Reifeprüfung ab und verdingte sich zunächst als Regieassistent in Stuttgart. Schon zwei Jahre später aber zog er nach Dänemark und widmete sich der freien Schriftstellerei. Es folgten Jahre als Gärtnereigehilfe und Matrose, bevor Schaper heiratete (und Vater zweier Töchter wurde) und nach Estland zog. 1936 – da war Schaper 27/28 – wurde er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und der Verkauf seiner Werke in Deutschland damit unmöglich. Aufgrund seiner Tätigkeit für militärische Nachrichtendienste, aber auch aufgrund jüdischer Verwandter schloß sich eine veritable Verfolgung seitens der Sowjets wie seitens der Nationalsozialisten an, der Schaper durch die Flucht nach Finnland, dann Schweden und schließlich durch seine Übersiedlung in die Schweiz entkam.

Dort konvertierte Edzard Schaper 1951, mit 42/43 Jahren, zum Katholizismus – und dieser Geist ist es auch, den seine Romane und Erzählungen atmen und der seine Geschichten so faszinierend macht.

Ich stieß über Umwege auf seinen Namen, denn obwohl Edzard Schaper trotz seiner bewegten Lebensumstände literarisch unglaublich produktiv war und zu Lebzeiten etliche und hohe Auszeichnungen wie etwa die Verleihung der Ehrendoktorwürde, des Bundesverdienstkreuzes und etlicher Literaturpreise erfuhr, scheinen mir seine Werke derzeit in Vergessenheit geraten zu sein: Ein Anruf im Buchhandel bestätigt, daß von seinen über 40 Romanen und Erzählungen (der „Wikipedia“-Artikel zählt allein schon 40 auf und mir sind weitere bekannt) nur „Die Legende vom Vierten König“ im Verbund mit dem „Christkind aus den großen Wäldern“, einer anrührenden Erzählung von der finnisch-russischen Front des Kriegswinters 1942/43, lieferbar ist. Abhilfe schaffen wieder einmal nur die inzwischen allerdings über das ZVAB hervorragend vernetzten und auffindbaren Bestände unzähliger Antiquariate.

Über „Die Legende vom Vierten König“ kam denn auch ich auf den Namen Schaper. Ich war auf der Suche nach dem Ursprung díeser Legende (den ich allerdings immer noch nicht identifiziert habe) und fand Schapers Erzählung, in der er die russische Legende aufbereitet. Das für mich Auffallende an seinem Schreiben ist die schlichte Chronologie – es wird einfach erzählt, ohne Zeitsprünge und inhaltsschwere auktoriale Reflexionen. Und doch gelingt es Schaper aufgrund der Wahl seiner meist alltäglichen Stoffe und der Art seines Erzählens, die Lesenden so zu fesseln, daß man das Buch nicht aus der Hand legen kann. Auffallend heutzutage auch die konsequent christliche Haltung oder gar „Botschaft“ (ja: diese Literatur hat, textimmanent und unaufdringlich, aber unüberhörbar eine Botschaft!) seiner Werke. Menschliche Schicksale werden beleuchtet vor dem selbstverständlichen Hintergrund christlichen Gedankengutes und Bewußtseins. Dabei wird zum Teil, etwa in der Erzählung „Unschuld der Sünde“, Religion und Kirche als Motor der Handlung explizit. Zum Teil vollzieht sich die Geschichte als Wirken Gottes oder explizit als Wirken Christi: ohne Kitsch herzzerreißend etwa der „Stern über der Grenze“. Die Erzählung wird hier zur Augenzeugin, der als solcher schlicht nicht widersprochen werden kann. Genial! Diese konsequente Erzählhaltung rückt Schaper in die Nähe des „Renouveau catholique“, einer literarisch-gesellschaftlichen Erneuerungsbewegung aus dem Geiste des traditionellen Katholizismus, die sich vom laizistischen Frankreich auf andere europäische Länder ausdehnte.

In die derzeitige Fasten- und Osterzeit paßt inhaltlich „die Legende vom Vierten König“, die ja die Brücke über die 33 Jahre von der Geburt Christi bis zu seiner Kreuzigung schlägt, aber auch beispielsweise Erzählungen wie „Unser Vater Malchus“ oder „Die Söhne Hiobs“, die das Geschehen um die Gefangennahme Jesu in biographischen Konstruktionen über Generationen weiterdenken. Ich finde diese Literatur faszinierend, habe mir eines von Schapers Büchern dieses Jahr zum Geburtstag gewünscht und aus gleichem Anlaß einer Freundin einen Band mit Erzählungen Edzard Schapers geschenkt.

Das Zitat, das den Titel dieses Beitrags bildet, lautet im vollständigen Satz „‘Nein, Rabbi!‘ rief es aus der Lichtsäule, in der er wie ein Gestäupter am Pfahl stand.“ und ist der Erzählung „Die Söhne Hiobs“ entnommen: Edzard Schaper, Gesammelte Erzählungen, Köln und Olten: Hegner 1965, S. 503-534, S. 508.

Cornelie Becker-Lamers