Zurüruck zum Inhalt

Neues aus der „ungläubigsten Region der Welt“

Ja, liebe Leserinnen, liebe Leser! Es gibt Momente, da kommt man aus dem Staunen so schnell nicht wieder ‘raus. Einen solchen erlebte ich, als ich heute bei schönstem Frühlingssonnenschein (der meteorologische Frühlingsbeginn eilt dem kalendarischen ja immer um drei Wochen voraus und liegt für dieses Jahr nun auch schon wieder hinter uns) die Schwanseestraße Richtung Innenstadt hinunterradelte und mir gegenüber vom Gaswerk ein Plakat ins Auge fiel:

Außenwerbung der Supermarktkette Kaufland, gesehen in der Weimarer Schwanseestraße stadteinwärts am 2. März 2021 (eigenes Bild)

„Das Schönste an Weihnachten: Essen“ steht da. Anfang März. Mitten in der Fastenzeit, die aufs Osterfest vorbereitet. Ich fiel vor Verblüffung fast vom Sattel und legte trotz eines gefährlichen Restes von Streugut auf dem abschüssigen Fahrradweg eine Vollbremsung hin. ‚Da hat jemand Weihnachten ja gehörig mißverstanden‘, dachte ich, ‚das Schönste an Weihnachten ist doch die Musik!‘

Spaß beiseite. Auch wenn unser Pfarrer zu Ende des Advent 2020 vor dem Hintergrund der bei jedem Kirchgang zu befürchtenden zwischenmenschlichen Begegnung die Meßfeiern reduzierte und verlauten ließ: „Die Gottesdienste mit Maske und ohne Gesang gerade zu Weihnachten haben ihre gewohnte Feierlichkeit längst verloren. Von daher ist dem Hausgebet, der persönlichen Andacht oder der digitalen Mitfeier vorerst der Vorrang zu geben“ (hier), wissen wir natürlich alle, daß selbst die Musik zum Weihnachtsfest all ihre Schönheit, ihren Glanz, ihre Feierlichkeit und ihr unermeßliches Potential zu emotionalem Aufruhr im Herzen der Menschen allein dem so unfaßbar viel größeren Geschenk Gottes verdankt. Passend zum aus der Zeit gefallenen Kaufland-Plakat darum ein Stück aus der Zeit gefallener Musik, vor vielen Jahren aufgenommen in der Stadtkirche St. Peter und Paul Weimar. Enjoy! 🙂

 

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Die Überschrift ist ein Zitat aus einem Artikel der WELT, der vor acht Jahren in unserem Freundeskreis für einige Furore sorgte.

 

Heute ist ein Frühlingstag

…der 14. Mai, um genau zu sein.
Wer jetzt meint, soo hoch seien die heute ja wahrhaftig frühlingshaften Temperaturen doch nun auch wieder nicht gewesen, daß sie einem zu Kopf steigen müßten, hat natürlich recht!

Aber wir haben heute, am 24. Februar, das Fest des Hl. Apostels Matthias gefeiert. Und dazu schreibt “katholisch.de” im sog. “Kalenderblatt”:

Die Liturgiereform verlegte den Gedenktag auf den 14. Mai, doch wegen seiner besonderen Bedeutung im deutschsprachigen Raum wird der Apostel hier weiterhin am 24. Februar gefeiert.

 Ich sehe mal großzügig darüber hinweg, daß katholisch.de hier von “Liturgiereform” spricht, wo doch offenkundig Kalenderreform gemeint sein muß, ist ja bloß das offizielle Portal der Katholischen Kirche in Deutschland. 😉
Jedenfalls haben sie “nach dem Konzil” nicht nur “in den Psalter eine Handgranate geworfen” (Pfr. Dr. J. Kreier), sondern eben auch in den römischen Festkalender…

Heute jedoch durften wir uns aufgrund des Festhaltens an einem ganz und gar “vorkonziliaren” Brauch 😯 daran erfreuen, in beiden Formen des Römischen Ritus den Feiertag gleichzeitig begehen zu können!
Und das hatte in diesem Jahr eine ganz besondere Bedeutung, denn “eigentlich” wäre ja heute Quatember-Mittwoch (nach Aschermittwoch) gewesen. Aber an einem Festtag eben nicht! Wie schön! 🙂 Wir hatten in Herz-Jesu-Weimar eine sehr schöne Abendmesse – so schön  jedenfalls, wie es unter den augenblicklichen Restriktionen eben werden kann, an deren Notwendigkeit und Angemessenheit der Zweifel täglich wächst – eine Abendmesse, sogar mit dem “Ersten Hochgebet” (bzw. wesentlichen Teilen davon 😉 )!

Vorher hatte aber das glückliche Zusammentreffen dafür gesorgt, daß ich mir mal die heutigen Meßformulare in der neuen und der alten Form angeschaut habe. 

Sie wissen ja, die Verteidiger des novus ordo heben immer wieder ganz besonders die neue dreijährige Leseordnung hervor, die “den Tisch des Wortes” so viel “reicher gedeckt” habe. Nun, rein quantitativ “mehr” an biblischen Texten ist es natürlich geworden, wenn man pro Sonntag eine Lesung zusätzlich einfügt (wobei wir alle wissen, tatsächlich zu hören kriegen Sie die ja keineswegs immer!) und von einem ein- auf einen dreijährigen Zyklus wechselt, ist das ja auch unvermeidlich.
Dem halten die Verfechter des vetus ordo u.a. entgegen, dafür habe die neue Leseordnung wichtige Texte ganz oder de facto (z.B. durch Verschiebung an “seltene Orte” wie Votivmessen o.ä.) getilgt, der jährliche Rhythmus sorge für eine höhere Wiedererkennbarkeit der Tage und vor allem unter Berücksichtigung der von der Schola gesungenen Texte sei insgesamt die Stimmigkeit der in einem Gottesdienst zu hörenden Texte eher höher.

Schauen wir uns doch die heutigen Texte einmal daraufhin an.

Volksmissale („Ramm“), 24. Februar (eigenes Bild)

Da ist zunächst einmal festzuhalten, da es sich um eine “Werktagsmesse” handelt, gibt es auch im novus ordo nur eine Lesung.

Die Evangelien sind verschieden. Wo der vetus ordo Mt 11,25-30 hat (‚Weisen und Klugen verborgen-Kleinen geoffenbart‘ und ’nehmt mein Joch auf euch und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen‘), liest der novus ordo Joh 15, 9-17 (’nenne euch Freunde, ich habe euch erwählt, daß ihr Frucht bringt und liebt einander‘).

Hingegen stimmt natürlich der Text, aus dem wir überhaupt über Matthias und sein Apostelamt erfahren, aus dem ersten Kapitel der Apostelgeschichte überein.
Also, weitgehend!
Denn der vetus ordo liest schlicht Apg 1,15-26, wohingegen die neue Form Auslassungen vornimmt, sie liest Apg 1, 15-17.20ac-26, also – weniger!

Und was wird dort ausgelassen? 

In Vers 18 zunächst die drastische Schilderung des Schicksals des Judas: 

Mit dem Lohn für seine Untat kaufte er sich ein Grundstück. Dann aber stürzte er vornüber zu Boden, sein Leib barst auseinander und alle seine Eingeweide quollen hervor. 

Dann den Vers 19:

Das wurde allen Einwohnern von Jerusalem bekannt; deshalb nannten sie jenes Grundstück in ihrer Sprache Hakeldamach, das heißt Blutacker. 

Und schließlich fehlt in Vers 20 der Mittelteil (Satz b): [Denn es steht im Buch der Psalmen:] Sein Gehöft soll veröden, niemand soll darin wohnen! [und: Sein Amt soll ein anderer erhalten!]

Was soll man davon halten? Leider passen die Streichungen in Vers 18 und 20 genau zu dem, was der neuen Leseordnung immer wieder vorgehalten wird: Nämlich sie “erspare” uns absichtsvoll “unschöne Stellen”. In der Tat wirkt das hier genau so und auch ich finde es völlig unverständlich, warum erwachsene Menschen das nicht hören sollten; jeder Kontakt mit der Sphäre des Göttlichen ist kein “Kaffeekränzchen” und die Geschehnisse rund um Jesu Auslieferung und anschließende Kreuzigung schon gar nicht!
Daß der Psalmtext damit in seiner prophetischen Wucht und Präzision (Bezug auf das “Grundstück”, bzw. “Gehöft”!) verkürzt und banalisiert wird, kommt hinzu, ist aber noch nicht das schlimmste.

Das ist die Auslassung von Vers 19. Hier geht es ja gewissermaßen um eine Art Zeugenschaft ganz vieler, nämlich “aller Einwohner von Jerusalem” in Bezug auf die Ereignisse rund um die Kreuzigung Jesu. In dem dieser Vers ausgelassen wird, konzentriert sich die Erzählung an dieser Stelle auf die viel kleinere Gruppe der frühen Christen und das dortige Binnengeschehen. Diese Auslassung konterkariert die ganze Tendenz der Hl. Schrift an dieser Stelle, die eben auf die breite, quasi objektive Bekanntheit der Geschehnisse ausdrücklich Wert legt, um das Bezeugtsein des erzählten zu unterstreichen. 

Ich finde, das sieht an dieser kleinen, bei näherem Hinsehen aber eben überhaupt nicht nebensächlichen, Stelle gar nicht gut aus für die neue Leseordnung, die mit ihrer kaum verständlichen “Vorsicht” am eigenen Anspruch scheitert, den Hörenden den biblischen Text näher zu bringen!

Daher, so scheint mir, sind auch Überlegungen, die gelegentlich auftauchen, “Alte Messe” mit neuer Leseordnung (und neuem Kalender…) zu “verheiraten” von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Es wird hier, wie an so vielen Stellen nicht ausbleiben können, daß wir uns mit dem, was da vor rund 50 Jahren passiert ist, wirklich offen auseinandersetzen.
Mit Denkverboten nach dem Motto: “neuer = besser” werden wir keinen Schritt vorankommen.

Gereon Lamers

Sketch des Monats: Das Aschekreuz

Ein Sketch für drei Erwachsene und drei Jugendliche

 

Wundersdorf, Oderbruch, in der Pfarrkirche Maria Hilf! Aschermittwoch anno 2021. Teresa betritt die Sakristei, weil sie zum Ministrieren eingeteilt ist. Zur Zeit ist das ja für Schülerinnen und Schüler auch in den Vormittagsstunden der Wochentage problemlos möglich … Pfarrer und Küsterin sind mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt und Freddy und Jonas, zwei andere Ministranten, unterhalten sich, während sie in ihre Gewänder schlüpfen, lebhaft – offenbar über irgendeinen Film.

Teresa: Guten Morgen! (Sie stapft auf der Fußmatte den letzten Schnee von ihren Stiefeln und schließt die Tür hinter sich.)

Der Pfarrer (fröhlich und aufmunternd): Guten Morgen, Teresa!

Teresa (pellt sich aus Schal und Mütze und knöpft ihren Wintermantel auf, zu Freddy und Jonas): Hey!

Freddy: Die wohnen erst in der Sloughi, aber Doniphan entdeckt dann eine Höhle.

Teresa: Worum geht’s?

Jonas: Hey, Teresa! Freddy hat eine alte Serie ausfindig gemacht.

Freddy: „Zwei Jahre Ferien

Teresa (stöhnt): Na – das paßt ja! – Kenn ich glaub ich: Da landen doch so‘n paar Jungs auf einer einsamen Insel?

Freddy: Genau! Bis sie von einem Schiff wieder mit nach Hause genommen werden.

Teresa (zitiert): Ein Schiff mit acht Segeln … hoffen wir mal, daß hier nicht auch irgendwann ein Schiff ankommt … mit fünfzig Kanonen … (Sie holt sich ein Gewand aus dem Schrank.)

Jonas: Warum?

Teresa (beginnt, sich das Gewand überzustülpen): Meine Mom sagt, die Stimmung in der Bevölkerung ist echt nicht mehr gut … wegen der Coronamaßnahmen … (während sie das Gewand zurechtzupft, läßt sie ihren Blick durch den Raum gleiten).

Freddy: Frag mal meinen Papa! Wir haben ein Restaurant …

Teresa (stutzt plötzlich): Sag mal … das sieht doch aus wie  (sie geht auf den Tisch zu, auf dem verschiedene Gerätschaften aufgebaut sind und untersucht einen Puderzuckerzerstäuber, der sich irgendwie in die Sakristei verirrt zu haben scheint) … das ist doch … Herr Pfarrer?!

Der Pfarrer: Ja?!

Teresa: Das hier (sie hebt das Gerät in die Höhe) sieht verdammt aus wie unser Puderzuckerzerstäuber …

Der Pfarrer (schaut flüchtig hin): Ach so. Ja klar!

Teresa: Den hätte ich gestern gebraucht, um unsere Fastnachtskrapfen zu bestreuen! (Sie stemmt eine Faust in die Hüfte, schlenkert in der andern das Küchengerät hin und her und blickt den Pfarrer streng an.)

Das Pfarrer: Ach – das tut mir Leid! Ja – du kannst ihn nach der Messe wieder mitnehmen.

Teresa (maulig): In der Fastenzeit werd ich ihn kaum brauchen! Wie kommt er überhaupt hier her?

Der Pfarrer: Den hat glaub ich deine Mutter gebracht. Es geht doch darum, wie wir dieses Jahr ohne Berührung das Aschekreuz austeilen.

Freddy: Stimmt! Es hieß ja erst, vielleicht ginge auch das online …

Jonas prustet los.

Der Pfarrer: Genau! Aber online geht es nicht.

Teresa: Und was hat mein Puderzuckerzerstäuber damit zu tun?

(In diesem Moment fliegt die Sakristeitür auf und Silke kommt hereingestürmt.)

Silke: Guten Morgen allerseits! Entschuldigt, daß ich so spät komme – hier, Herr Pfarrer, die Schablone.

(Sie zieht aus ihrer Handtasche ein etwa 20×20 cm großes Quadrat aus stabiler Pappe und hält es triumphierend in die Höhe. In der Mitte der Pappe ist ein etwa 10×10 cm großes Kreuz mit gut 2 cm starken Balken ausgestanzt. Als Haltegriff ist ein halber Kleiderbügel daran befestigt, wie bei einer Patene.)

Der Pfarrer (begeistert): Aaah! Frau Manger! Da sind Sie ja! Ich hatte schon Sorge, ich müßte den Gläubigen die Asche so ungeordnet aufs Haupt streuen! (Er nimmt die Kreuzschablone in die Hand, dreht und wendet sie und betrachtet sie wohlgefällig.) Jaaa! Und mit dem Haltegriff! Großartig! Da kann ich die Asche, die drüber raus geht, immer gleich wieder in das Gefäß zurückfüllen.

Freddy (konsterniert): Wie?! Sie wollen den Leuten ein Kreuz auf den Kopf streuen?

Silke: Natürlich! Kennst du das nicht? Wenn die Mutti den Kuchen mit Puderzucker-Herzen verziert? Dann hat sie auch so eine Schablone!

Der Pfarrer (zu Teresa) So, Teresa, jetzt gib mir bitte deinen schönen Puderzuckerzerstäuber (Teresa reicht ihn etwas unwillig hinüber und der Pfarrer probiert den Bewegungsablauf mit Schablone und Zerstäuber über ihrem Kopf. Dann übergibt er beide Gerätschaften der Küsterin): So, Frau Falkner, wenn Sie das jetzt bitte schon in den Altarraum bringen.

(Frau Falkner stiefelt mit den beiden Dingen in den Kirchenraum.)

Jonas: Da sind ja dieses Jahr graue Haare eine richtige Tarnfarbe für die Asche!

Freddy: Klar! Die Alten sind mal wieder im Vorteil!

(Alle lachen.)

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf! Bloß gut, daß in Weimar die Vorsichtsmaßnahmen nicht gar so übertrieben werden. Zur Idee mit der Schablone vgl. übrigens auch hier.

 

Maria von Nazareth

Daß Maria aus Nazareth stammt und folglich dort auch die Verkündigung stattgefunden hat, wissen alle, die sich schon einmal mit dem Phänomen der Santa Casa in Loreto auseinandergesetzt haben – mit jenem Haus an der italienischen Adria also, das nach seinem Engelstransport im 13. Jahrhundert einen freien Platz vor der Verkündigungsgrotte in Nazareth hinterlassen hat. Gereon hat hier auf PuLa vor genau vier Jahren darüber geschrieben und die entsprechenden Links und Literaturhinweise (Hesemann) dort bereits gegeben.

Aus den Evangelientexten allein wird der ursprüngliche Wohnort Mariens gar nicht so übereinstimmend deutlich. Sicher: Es widerspricht auch keiner der Texte – aber ausdrücklich nennen tut ihn nur Lukas. Dabei fällt auf, daß die Frage der Herkunft Mariens ganz eng mit der Erzählung von Jesu Darstellung im Tempel verknüpft ist. Das Matthäusevangelium gibt mit seinem Bericht von der Flucht nach Ägypten geradezu eine Alternativerzählung hierzu ab.

Ich stelle immer wieder fest, daß dies den wenigsten meiner Gesprächspartner, wenn denn einmal die Sprache darauf kommt, präsent ist. Deshalb möchte ich es heute einmal in Erinnerung rufen.

Bekanntlich schildern nur zwei der vier Evangelisten Vorgänge rund um die Geburt Jesu: Matthäus und Lukas. Die beiden andern beginnen ihren Bericht mit dem Wirken zunächst Johannes des Täufers und dann bald Christi. Matthäus und Lukas scheinen dabei aus zwei konträren Blickwinkeln zu schildern.

Beginnen wir mit Matthäus. Hier ist auffällig, daß der Bericht sich ganz auf übersinnliche Botschaften stützt, die im Verlauf der Handlung an träumende Männer ergehen: Josef träumt, daß das Kind, das Maria erwartet, vom Heiligen Geist ist und er daher weiterhin zu ihr halten soll (Mt 1,20). Dieser Traum setzt – folgt man Josef Ratzingers Jesus-Trilogie – die rechtlichen Rahmenbedingungen für das Leben Jesu. Ab dem Traum der Magier aber werden die Träume für den Fortgang der Erzählung selber handlungsleitend. Die Heiligen Drei Könige träumen ja, daß sie Herodes nicht in ihr Wissen um den Geburtsort Jesu einweihen sollen (Mt 2,12). Als Herodes daraufhin alle bethlehemitischen Kinder unter drei Jahren abzuschlachten befiehlt, träumt wieder Josef, daß er mit seiner Familie fliehen soll (Mt 2,13). Hier wird die nächste Botschaft des Engels, die Aufforderung zur Rückkehr, wenn die Gefahr vorüber ist, sogar im Traum bereits angekündigt. Sie erfolgt denn auch (Mt 2,19f) und weisungsgemäß begeben sich Maria und Josef mit dem Kind nach Israel. Doch Josef fürchtet sich, als er von der Regentschaft des Archelaus, des grausamsten der Söhne des Herodes, erfährt. Ein erneuter Traum läßt ihn den Weg nach Galiläa suchen. „Er kam in eine Stadt namens Nazaret und nahm dort Wohnung. So sollte sich das Wort der Propheten erfüllen: Er wird Nazoräer genannt werden.“ (Mt 2,23)

Es wird hier weder bestätigt noch bestritten, daß das Paar oder eine/r von beiden schon einmal in Nazareth gelebt hätte. „Kam in eine Stadt namens Nazareth“ fremdelt allerdings schon sehr. Und so entsteht der Eindruck, als kehrten Josef und Maria bei Matthäus keineswegs nach Hause zurück, als sie aus Ägypten kommen. Vielmehr nehmen sie überhaupt nur deshalb in Galiläa Wohnung, weil sie sich in Israel nicht sicher fühlen.

Anders verhält es sich im Bericht des Evangelisten Lukas. Der Anfang des Lukasevangeliums liest sich wie eine Alternativerzählung zur Schilderung des Matthäus; eine Alternativerzählung aus weiblicher Perspektive. Die Engelserscheinung im Tempel, mit welcher das Evangelium beginnt, führt zum monatelangen Verstummen des Zachrias (Lk 1,20). Anders bei Maria, der Gabriel ein halbes Jahr später erscheint. Er trifft die Jungfrau in einer „Stadt in Galiläa namens Nazaret“ an (Lk 1,26) und unterhält sich einige Zeit mit ihr. Nach der Verkündigung und Marias Einwilligung begibt das Mädchen sich dem Hinweis des Engels folgend zu Elisabet, ihrer Verwandten aus dem Priestergeschlecht, die ebenfalls auf wunderbare Weise schwanger ist („Denn für Gott ist nichts unmöglich“ Lk 1,37) und ihr vielleicht helfen kann, zu verstehen, was gerade geschieht. In der Tat bricht ihr Gotteslob denn auch aus Maria heraus, als das Kind im Leib der Verwandten vor Freude springt und Elisabet Maria gesegnet und sie als „Mutter meines Herrn“ angeredet hat (Lk 1,43f).

Nach der Niederkunft in Betlehem erfahren wir über die Darstellung Jesu im Tempel und lesen: „Nachdem sie [Maria und Josef] alles nach dem Gesetz des Herrn erfüllt hatten, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth zurück.“ (Lk 2,39, Hervorhebung von mir).

Nicht „eine Stadt“ – „ihre Stadt“. Nur bei Lukas also kommt Maria zuverlässig aus Nazareth, erlebt dort die Verkündigung, empfängt ihr Kind und kehrt – ausdrücklich ohne Umweg über Ägypten – sechs Wochen nach ihrer Niederkunft nach Nazareth zurück. Mehr als eine „Pilgerfahrt im Geiste“ aber können wir heute in Loreto erleben – im Sanctuarium, der Basilika vom Heiligen Haus, die das einstige Wohnhaus Mariens, den Ort der Verkündigung, auf wunderbare Weise birgt.

Loreto, Basilika vom Heiligen Haus; Außenansicht der Sakristei von Melozzo, d.h. der südwestlichen der vier Sakristeien, die im baulichen Verbund mit den zwölf Kapellen des Chorraumes die Santa Casa wie eine Rosette umgeben (eigenes Bild April 2019)

 

Cornelie Becker-Lamers

Mariä Lichtmess

Weimar, 2.2.21, 21.32 Uhr: Obligatorisch. (eigenes Bild)

Nunc dimittis servum tuum Domine, secundum verbum tuum in pace :
quia viderunt oculi mei salutare tuum,
quod parasti ante faciem omnium populorum :
lumen ad revelationem gentium, et gloriam plebis tuæ Israël.
Et erat pater ejus et mater mirantes super his quæ dicebantur de illo.
Et benedixit illis Simeon, et dixit ad Mariam matrem ejus : Ecce positus est hic in ruinam, et in resurrectionem multorum in Israël, et in signum cui contradicetur :
et tuam ipsius animam pertransibit gladius ut revelentur ex multis cordibus cogitationes.
Lk 2, 29-35

Nun entlässest du Herr! nach deinem Worte deinen Diener in Frieden;
denn meine Augen haben dein Heil gesehen,
das du bereitest hast vor dem Angesichte aller Völker
als ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zur Verherrlichung deines Volkes Israel.
Und sein Vater und die Mutter wunderten sich über die Dinge, welche von ihm gesagt wurden.
Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Falle und zur Auferstehung vieler in Israel und als ein Zeichen, dem man widersprechen wird
und ein Schwert wird deine eigene Seele durchdringen, damit die Gedanken vieler Herzen offenbar werden.

 

Gedanken zum Tage vermutlich morgen.

 

Gereon Lamers

„Kein Rum vor um“

Die Weihnachtszeit neigt sich unweigerlich dem Ende zu. Mariä Lichtmeß naht und damit der Tag, zu dem man in Jerusalem seit Anfang des 5., in Rom seit Mitte des 7. Jahrhunderts der Darstellung Jesu im Tempel gedachte. Und wie es immer so ist – Volksbräuche wurden den Feierlichkeiten subsumiert und jede Menge lebenspraktischen Vollzugs heftete sich an das Datum des religiösen Anlasses: Zu Lichtermessen handelte man Wachs, und Kirchen wie Familien besorgten sich den Vorrat an Kerzen für das gesamte jetzt noch junge Jahr. Die Kerzenweihen brachten den Menschen Christus in ihre Häuser, und zu Unwettern betete man in ihrem Schein den Rosenkranz. Knechte und Mägde wurden entlohnt und bekamen einige Tage Urlaub, so daß sie zu ihren Angehörigen fahren und mit ihnen feiern konnten. Das bäuerliche Jahr begann und die Handwerker arbeiteten wieder ohne künstliches Licht. Lichterprozessionen und Kinderumzüge durch die Straßen verabschiedeten die Weihnachtszeit mit einer Extraportion an Lichtsymbolik.

Alles zu Lichtmeß.

Sagt zumindest Manfred Becker-Huberti in seinem „Lexikon der Bräuche und Feste“. Was ist davon heute noch geblieben? Die Weihnachtszeit endet, unser Weihnachtsbaum muß weichen. Und wir trinken einen letzten Glühwein gemeinsam. Dieses Jahr zur ‚Feier‘ der Pandemie natürlich nur en famille …

Kein Rum vor um … Das Thüringische setzt vor die Nennung der vollen Stunde prinzipiell ein „um“. Also: „Es ist um zehn“ statt „es ist zehn“. Mehr noch, das „um“ kann die Uhrzeit ersetzen: „Es ist zehn vor um“. Wir fanden, diese sympathische dialektale Eigenart tauge großartig für einen Parallelspruch zum bekannten „Kein Bier vor vier“ … 😉 In diesem Sinne: Prost! (eigenes Bild)

 

Cornelie Becker-Lamers

Sketch des Monats: Odowy, oder Die Hundevermietung

Ein Sketch für zwei Personen, fünf Schafe und jede Menge Schafstatisten

Wundersdorf/ Oderbruch. Die allseits bekannte Schafweide. Sooo ungemütlich ist das Wetter heute gar nicht und die Schafe grasen in aller Seelenruhe vor sich hin. Einige haben sich in den Unterstand zurückgezogen. Andere liegen unter der Tanne und schlafen. Nur in einer Gruppe um Kohle, Wolle und Flocke ist es unruhig. Was haben sie wieder zu diskutieren? Wir hören mal rein.

 

Flocke (runzelt die Stirn): Er wird jetzt ständig vom Pritschenwagen abgeholt und ist bis in die Nacht hinein weg.

Wolle (weinerlich): Manchmal sehe ich ihn abends gar nicht mehr, weil ich schon schlafe, wenn er heimkommt.

Blütenweiß (kommt herangetrabt, mitfühlend): Was ist los? Ihr habt doch was!

Kohle (sorgenvoll): Wir fragen uns, wo Tatze in letzter Zeit ständig steckt.

Grauchen: Wir machen uns ein bißchen Gedanken um ihn.

Flocke: Und außerdem fehlt er ja hier.

Wolle: Eben! Schließlich ist er unser Hütehund.

Blütenweiß: Ihr habt Recht! Als ich neulich …

Bevor sie aussprechen kann, wird vom Gatter her ein lautes Hallo hörbar. Die Schafe blicken auf und sehen Richard und Edith auf dem Feldweg stehen und winken.

Kohle (ruft): Wir kommen!

Die Schafe traben los und begrüßen die beiden Freunde.

Richard (freundlich): Na, Schafe?

Edith (ebenso): Was gibt’s Neues?

Grauchen: Ooooch … soweit alles in Ordnung …

Flocke: … eigentlich …

Edith: Raus mit der Sprache!

Richard: Irgendwas stimmt doch nicht. Ich seh‘s Euch an der Nasenspitze an!

Wolle: Tatze ist irgendwie verschwunden …

Kohle: Na – das nicht gerade. Aber er ist in letzter Zeit ständig unterwegs und wir wissen nicht, wo er jeden Abend steckt.

Richard und Edith fangen an zu lachen.

Richard: Na – das kann ich euch sagen, wo der steckt!

Edith: Das kommt bei uns sogar in den Vermeldungen (sie lacht.)

Grauchen: Ist er etwa in der Pfarrei wieder als Blindenhund tätig? 

Richard (erinnert sich): Oh … (er prustet) das könnte gut sein!

Edith: Aber ganz soweit ist es noch nicht wieder, in Maria Hilf! Wundersdorf …

Wolle: Also ist es etwas anderes?

Blütenweiß: Jetzt bin ich aber neugierig!

Richard: Der Pfarrer hat sich das ausgedacht.

Edith: Er läßt Tatze immer abholen und vermietet ihn.

Wolle (wird blaß): Tatze?

Flocke (ebenso): Vermietet?

Grauchen (ebenso): An wen?

Blütenweiß: Und wozu? Hundearbeit?!

Richard (wiegelt ab): Macht euch keine Sorgen!

Edith: Es ist alles ganz harmlos!

Richard: Der Pfarrer mußte sich nur was ausdenken, weil die Kollekteneinnahmen so in die Knie gegangen sind.

Edith (erläutert): Jetzt durch die Verordnungen mit den wenigen Meßbesuchern.

Richard (fährt fort): Und da hat er sich kurzerhand die Ausgangssperre zunutze gemacht.

Wolle (völlig verdattert): Wie?

Flocke (ebenso): Ausgangssperre?

Edith: Die Menschen dürfen abends nicht mehr auf die Straße.

Richard: Wegen Corona.

Kohle: Schwachsinn!

Edith: Du sagst es! Im Winter bei geschlossenen Restaurants, Kinos und Theatern völliger Schwachsinn.

Richard: Wird aber eisern geahndet, wenn sich jemand nicht dran hält!

Kohle: Und was hat Tatze damit zu tun?

Edith: Naja – einen Hund Gassi führen – das können sie ja nicht verbieten.

Richard: Eben. Mit dem Hund darf man abends nochmal raus.

Grauchen (beginnt zu begreifen): Und wer keinen Hund hat …

Edith: … kann sich bei unserm Pfarrer einen mieten – genau!

Flocke (mit erhellter Miene): Raf-fi-niiiiiiiert!!!

Wolle: Jetzt begreife ich, warum es für Tatze abends immer so spät wird!

Edith: „Odowy“ heißt die Aktion. Hat der Pfarrer sogar auf den Bonibus drucken lassen.

Richard: Yep:

We walk your dog.
Our dog walks you:

„ODOWY“

Die Schafe brechen in befreiendes Gelächter aus.

Blütenweiß: Genial!!!

Grauchen: Was für ein Geschäftsmodell!

Flocke: Na – da bin ich ja beruhigt!

Wolle: Kohle! Was guckst du immer noch so finster?

Kohle: Ich freue mich für Tatze. Aber ich will auch mal raus.

Blütenweiß: Du bist aber ein Schaf.

Kohle: Na und? Keine Diskriminierung, bitte! Außerdem sehe ich von weitem doch aus wie ein Königspudel. Oder? (Er stellt sich in Positur und wirft den Kopf nach hinten.)

Richard (lacht): Ich werd’s dem Pfarrer ausrichten.

Edith: Machen wir! Dann kann er überlegen, ob er dich das nächste Mal auch mitnimmt in die Stadt.

Alle lachen und reden durcheinander.

Flocke (verschmitzt): Es gibt nur ein Problem …

Kohle: Und das wäre?

Flocke (platzt heraus): Du müßtest länger als fünf Minuten die Klappe halten!

Alle lachen.

Kohle (ein wenig pikiert): Pah! … Mäh! (mit einer plötzlichen Eingebung) Määääh! Ich spreche als Königspudel eben Fremdsprachen! Mäh. Ganz einfach.

Grauchen: … und bist deshalb besonders teuer!

Richard: Deal!

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf. Bloß gut, daß bei uns in Weimar die Kassen nicht so knapp zu sein scheinen, den vielfältigen Baumaßnahmen im und ums Gemeindehaus nach zu schließen.

Wahrnehmung und Raum. Teil 1: Der profane Raum

Eine digitale Postwurfsendung zum Neuen Jahr

Via Email kursierte Anfang Januar als Neujahrsgruß das kleine Video eines “Erfolgstrainers” (“Life coach”), in welchem die Bedingungen der Möglichkeit ästhetischer Wahrnehmung reflektiert werden. Um bei der inhaltlichen Paraphrase und Besprechung nicht zu spoilern, müssen Sie das Filmchen einmal kurz schauen. Es ist ausdrücklich zum Teilen mit Freunden gedacht, nicht gekürzt und darf daher sicherlich auch auf unserem Blog erscheinen. Hier:

Hier wird von einem sozialen Experiment berichtet, das die Washington Post wohl schon im Jahr 2007 inszeniert und finanziert hat. Ein Spitzengeiger hat die sechs Solopartiten von Bach in  einer U-Bahnstation gespielt, ohne sonderlich aufgefallen zu sein. 

Unterlegt wird der reflektierende Text unseres Neujahrsgrußes verwirrenderweise allerdings mit „Jesu bleibet meine Freude“ aus einem anderen, in Weimar 😉  komponierten Bach-Werk, nämlich der Kantate „Herz und Mund“. Für ein Youtube-Video aus dem Jahr 2014, welches  das Projekt erneut nachbereitet, spielt Bell dann gar das a-moll-Konzert BWV 1041, hier (und hier ein Video der Situation in der U-Bahn).

Darauf kommt es offenbar aber auch überhaupt nicht an. Die Botschaft ist – weswegen der Film über die knapp 14 Jahre alte Aktion vermutlich auch jetzt, zu Beginn des neuen Jahres kursiert, das: Nimm die Schönheit wahr, wo sie sich dir bietet. Der Alltag ist voller Überraschungen. Takte dein Leben nicht so durch!

Zugleich werden räumliche Umgebung und Zeitpunkt als Bedingungen der Möglichkeit ästhetischer Wahrnehmung thematisiert.

 

Die ästhetische Schwelle

Die Kunstwissenschaft reflektiert die „ästhetische Schwelle“, die die Wahrnehmung auch alltäglicher Gegenstände als Kunst ermöglicht, schon recht lange. Vor gut hundert Jahren plazierte Marcel Duchamps (1887-1968) sein erstes Ready-Made in einer Ausstellung. Die Idee des objet trouvé, die Überführung eines Alltagsgegenstandes in die Kunst allein durch seine Dekontextualisierung, war geboren. Seither bestehen  Möglichkeit und Verpflichtung, über einen – überspitzt gesagt – Gerümpelhaufen im Museum in anderer Weise nachzudenken als an der Straßenecke. An der Straßenecke ist es Sperrmüll und ich kann überlegen, ob mein künftiger Abstelltisch darunter ist. Im Museum muß ich nachdenken, auf welche anderen Werke Künstler oder Künstlerin hier anspielen, ob sie eine Richtung weiterdenken oder sie parodieren, und was genau dem ‚Müllhaufen‘, so ausgestellt, ablesbar sein könnte. Und seither gibt es die Probleme in den Museumsdepots, die in dem schönen Plakat- und Aufkleberspruch „Ist das Kunst oder kann das weg?“ vor Jahren schon gültig auf den Punkt gebracht worden sind.

In Weimar mußte bekanntlich im Januar 2017 die Jubiläumsausstellung zu 10 Jahren Galerie Eigenheim schließen, weil ein die Wegwerfgesellschaft kritisierendes Kunstobjekt echten Leih-Plastikmüll aus dem Erfurter Rewe-Logistikzentrum in der ehrwürdigen Kunsthalle Harry-Graf-Kessler ausgebreitet hatte.

Zur Eröffnung war der Geruch gerade noch zu ertragen gewesen – und so hatte sich auch niemand ernstlich über dieses Kunstwerk gewundert, das zehn Meter weiter, vor der Tür, von städtischen Angestellten in orangefarbenen Westen aufgespießt und entsorgt worden wäre.
So funktioniert, was der Weimarer emeritierte Kunstwissenschaftsprofessor Karl Schawelka schon vor 30 Jahren die „ästhetische Schwelle“ genannt hat. Der Schritt durch die Museumstür beeinflußt unsere Wahrnehmung radikal.

 

Kunst im öffentlichen Raum

Professor Schawelka hat das u.a. in einem Aufsatz über Richard Serra und dessen Kunst im öffentlichen Raum entfaltet. Denn die Kunst im öffentlichen Raum hat genau dieses Problem: Sie können Plasteflaschen nicht einfach irgendwo im Stadtgebiet aufbauen. Die sind am nächsten Tag weg. Bei falsch plaziertem Sperrmüll u.U. inklusive Bußgeldbescheid an den Verursacher. Wie markiert man im öffentlichen Raum Kunst, die nicht mehr als solche erkennbar, weil nicht mehr skulptural, ausgearbeitet, ‚schön‘ oder sonstwie “besonders” ist – sondern bspw.  eine Reihe von Steinen, wie sie Ulrich Rückriem zur ersten Skulpturenausstellung 1977 in Münster aufgestellt hat?

Ulrich Rückriem, Dolomit zugeschnitten (1977) vor der Petrikirche in Münster/ Westfalen (Quelle wikimedia commons; User Rüdiger Wölk)

Hier ist jede Menge Vorwissen zur Einordnung des Gesehenen vonnöten – und entsprechend hoch ist das Aggressionspotential derer, die sich von diesem Wissen ausgeschlossen fühlen, solchen Skulpturen und Kunstobjekten gegenüber: Der Vandalismus bspw. auch an den Exponaten der langjährigen Biennale „Skulptur Weimar“ spricht da Bände.

Also: Vorwissen. Ausgerechnet die Kunst, die vorgibt, allgemeinverständlich zu sein und sich zu den Menschen zu begeben, erfordert ein weitaus höheres Maß an Spezialistenwissen und Vorkenntnis als Raffaels Sixtinische Madonna.

 

Das Schöne, seine Wahrnehmung und mögliche Reaktionen darauf

Und so ist es natürlich auch bei Joshua Bells Konzert im U-Bahnschacht. Wenn ich darüber nachdenke, meine ich, das Experiment der Washington Post springe zu kurz.
In Boston hatte Joshua Bell sein Konzert vor zahlendem Publikum gegeben. Er hätte nicht in Washington D.C., sondern ebenfalls in Boston auf der Straße spielen müssen, um zu sehen, ob dieselben Leute, die abends für teuer Geld seiner Kunst lauschen, für ebendiese mitten am Tag auf der Straße stehen bleiben würden – oder ob sie weitergehen. Das hätte die Faktoren hinreichend minimiert (ceteris paribus), um vielleicht etwas darüber herauszubekommen, was die Menschen zum Konzertbesuch motiviert: Daß es häufig auch das soziale Ereignis ist und viele auch deshalb ins Konzert oder bewußt in die Premieren einer Oper gehen, um zu „sehen und gesehen zu werden“, ist ja hinlänglich bekannt.

Und ist nicht die Einteilung der Zeit, eine Unterscheidung von Arbeitsalltag und festlicher Zeit, letztlich von profaner und heiliger Zeit (deren Platz die Kultur seit der „Kunstreligion“ des 19. Jahrhunderts mehr und mehr einnimmt), charakteristisch für die menschliche Kultur? Würden Sie an einem kostenlosen Straßenstand mal eben zwischendurch eine halbe Peking-Ente essen? Oder würden Sie ihren Terminen nachgehen und denken: ‚Ja! Chinesisch essen gehen – das wäre auch mal wieder was!‘? Ist nicht die Triebsublimation, die im Verzicht auf den spontanen und unmittelbaren Genuß steckt, ganz zentral wiederum für den egal wo zivilisierten Menschen? Kinder beherrschen sie noch nicht – das ist ihr gutes Recht und erklärt zugleich, warum Kinder die spontansten Zuhörer Joshua Bells im U-Bahnschacht waren.

Aber bis zu welchem Grad kann es wirklich sinnvoll in gute Vorsätze für das neue Jahr umgemünzt werden, mehr dem Augenblick zu leben? Ist das der Sinn des „So ihr nicht werdet wie die Kinder“? Reicht es nicht, einen Blick zu entwickeln für die besondere Schönheit von Alltagsgegenständen – nehmen wir als Beispiel die Wahrnehmung einer akkuraten Reihung von Einkaufswägen als graphische Gestalt. Muß ich, um alles richtig zu machen, in jedem Fall außer Stande sein, einen Wagen loszulösen und einkaufen zu gehen?

Eine akkurate Reihe gleichförmiger Einkaufswägen als graphisches Muster (eigenes Bild)

 

Fortsetzung folgt

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Die – heiligen? – drei? – Könige? (3/3)

Diesseits der Idee des Rassismus

In seinem gut lesbaren Büchlein „Geschichte des Rassismus“ erläutert Christian Geulen, Juniorprofessor für Neuere Geschichte in Koblenz, die Entstehung rassistischer Ideen. Er knüpft sie an Denkmuster im Zuge der spanischen Reconquista und hält fest, „daß [der in dieser Zeit erstmals als Lehnwort aus dem Arabischen auftauchende Begriff] Rasse und Rassismus keineswegs archaische Phänomene sind, sondern immer dort eine Rolle spielten, wo es um eine rationale Neuordnung von Zugehörigkeit ging.“ (S. 36) Die Erhaltung jüdischer Kultur noch Generationen nach Zwangstaufen hatte, so Geulen, die Idee unsichtbarer Eigenschaften ‚des Blutes‘ hervorgebracht, die das „verborgene Wesen“ eines Menschen untrennbar mit seiner Abstammung verbinden sollten. Plötzlich reichte – anders als jahrhundertelang zuvor – nicht mehr das Glaubensbekenntnis zur Zugehörigkeit eines Menschen zur christlichen Gemeinschaft aus. Die Zuordnung zu Abstammungslinien rückte in den Vordergrund. Die zweite wesentliche Bedingung für die Entstehung des Rassismus waren koloniale Expansionsbestrebungen. Massenversklavung oder Ausrottung ganzer Völkerstämme in der Neuen Welt folgten keinem politischen Programm, machten aber die Ausformulierung rassistischer Stereotype zur nachträglichen Rechtfertigung der eigenen Greueltaten unerläßlich. Ein klassisches Beispiel hierfür stellen die damaligen Erzählungen über den flächendeckenden angeblichen Kannibalismus der in Europa fremden Kulturen dar.

Zwischen Abwertung und scheinbarer Aufwertung in einer Stilisierung zum „Edlen Wilden“ werden Angehörige der Zivilisationen der „Neuen Welt“ zur Projektionsfläche europäischer Gesellschaften. Über mindestens zwei Jahrhunderte wird diese Projektionsfläche intellektualisiert. Und so kommt es, daß die Französische Revolution zum einen die Idee der Gleichheit auch der mit rassistischen Stereotypen überzogenen Afroamerikaner bewußt macht und zugleich das Jahrhundert der mit den gewachsenen technischen Möglichkeiten in Schiffahrt und Handel einmal mehr ausufernden Sklaverei einläutet.

« Moi libre aussi » – « Ich (sollte) auch frei (sein) »  (1792) ein ehemaliger schwarzer Sklave in der Kleidung der Revolutionäre (erkennbar an der phrygischen Mütze!) Radierung von Louis Darcis nach Louis-Simon Boizot (Quelle wikicommons)

Jetzt sind wir im 19. Jahrhundert mit seinen ausgearbeiteten und im kulturellen Gedächtnis jedes Europäers festgestampften rassistischen Stereotypen: Im Jahrhundert der US-amerikanischen „Black-facing“-Bühnenshows wie der Erfindung des schwarzen Dieners für den niederländischen Nikolaus. Mit diesen Ideen haben wir bis heute zu tun.

Die Maler des 15. und 16. Jahrhunderts kannten sie hingegen noch nicht. Das Jahr 1492 markiert für die Entstehung rassistischen Gedankenguts in mehrfacher Hinsicht einen Anfangspunkt. Bilder, die in dieser Epoche bereits gemalt wurden, mit der Sensibilisierung des 21. Jahrhunderts zu beurteilen, ist anachronistisch. 500 Jahre vor Erfindung der political correctness verfehlen deren Wahrnehmungs- und Deutungsmuster den Gegenstand ihres Zorns.

Und so macht man sich im Europa der frühen Neuzeit auch nur Gedanken darüber, ob die „Könige“ Könige bleiben dürfen. Kölner Maler stellen die drei weiterhin mit heller Haut dar – aber als „Könige“! Und die Kölner müssen es ja wissen: Beherbergen sie doch seit der Eroberung Mailands durch Kaiser Barbarossa 1164 die durch die Kaisermutter Helena im 4. Jahrhundert aufgespürten Gebeine der frühen Augenzeugen der Geburt des Erlösers. Und sie haben um diese Gebeine einen kostbaren Reliquienschrein und hierum einen ganzen großen Dom gebaut (woher bis heute die Kölner Redensart „Bau keinen Dom dran!“ datiert für den Fall, daß eine Sache nicht so wichtig zu nehmen ist 🙂 ).

Das Wappen der Stadt Köln zeigt die Kronen der im Dom ruhenden Heiligen Drei Könige (Quelle wikimedia commons; User Madden)

Und tatsächlich übersteht die Bezeichnung als „Heilige Drei Könige“ – egal ob schwarz oder weiß dargestellt – sogar reformatorischen Bildersturm und protestantische Skepsis.

 

Sternsinger im Dunkelheute

Aus der Geschichte des Rassismus und vor allem aus der Internetseite „Black Central Europe“, auf der ja wirklich zu Wort kommt, wer unter dem Alltagsrassismus leidet, wird klar, daß man nicht jede Darstellung schwarzer Menschen über einen Kamm scheren kann. Vor allem ist die Geschichte der Afroamerikaner eine so deutlich andere als die schwarzer Deutscher, daß man die über den Atlantik schwappenden Schlagwörter differenzieren und auf europäische Zustände anpassen muß. Nicht abschwächen; aber anpassen. Und nicht vor lauter politischer Korrektheit das Kind mit dem Bade ausschütten.

So begrüße ich, daß in Ulm die Entscheidung gegen die mißlungene Krippenfigur des schwarzen Königs – geschaffen soweit ich weiß um 1920 – ausgefallen ist. Sie verband tatsächlich in drastisch karikierender Weise rassistische Stereotype über Dunkelhäutige. Ebenso vehement aber möchte ich für einen dunkel geschminkten ‚König‘ in jeder Sternsingergruppe plädieren. Diese Kinder betreiben damit kein „black-facing“. Sie karikieren bei ihren Auftritten nicht schwarze Sklaven, sondern stellen einen König dar; einen König, der kam, um Christus anzubeten. Davon singen die Kinder, die in den ersten Januartagen von Haus zu Haus gehen. Sie stellen einen König dar, dessen Ikonographie von einem Benediktinermönch – Beda Venerabilis – um das Jahr 700 erfunden wurde, um durch diese Figur den afrikanischen Kontinent zu repräsentieren, also um Schwarze vorkommen zu lassen; einen König, dessen Vorbilder für die ersten Gemälde der Renaissancezeit gebildete hochstehende Persönlichkeiten aus Afrika waren, die gerade begannen, Europas Fürstenhöfe zu erobern; einen König, dessen Darstellung mindestens 500 Jahre älter ist als die Angstbilder der political correctness. Ich verteidige das dunkel geschminkte Kind in jeder Sternsingergruppe. Denn für eine mögliche Abwertung dieser Figur stimmt einfach das Drehbuch der Sternsinger nicht.

Und ist nicht – wie Dieter Nuhr so treffend bemerkte – der Kern jeder Verkleidung, daß ich in die Rolle eines Menschen schlüpfe, der ich nicht bin?

Wenn man nach dem Schwarzschminken auch die sogenannten „Hosenrollen“ im Theater abschaffen will – beruhen sie doch zumindest bei der Opera Seria auf einer damaligen außerordentlich männerfeindlichen Praxis, nämlich der Produktion von Kastraten – so sollte man tunlichst bis nach dem Beethovenjahr damit warten. Handelt Beethovens einzige Oper doch – von einer als Mann verkleideten Frau!

‘Manfacing’? Oder ‘malefacing’? Jessye Norman als Leonore alias Fidelio in Beethovens gleichnamiger Oper (Screenshot vom YouTube-Film, eingestellt von Haldirwen)

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Die – heiligen? – drei? – Könige? (2/3)

Eine Ausstellung in London

Bis 28. Februar zeigt die National Gallery London ihre diesjährige Weihnachtsausstellung, „Sensing the Unseen. Step into Gossaert‘s ‚Adoration‘“. Der flämische Maler Jan Gossaert lebte von 1478 bis 1532 hauptsächlich in Antwerpen. Seine „Anbetung der Könige“ schuf er zwischen 1510 und 1515. Das Gemälde gehört zur Sammlung der National Gallery.

Schwarzer König – weißer Diener: Jan Gossaert, Anbetung der Könige (Quelle wikimedia commons; User Aavindraa)

Seine Rezension im „Guardian“ betitelt der Journalist Jonathan Jones mit der Frage “How did Balthasar, one of the three kings, become black?“ Eine Frage, die im Kontext der derzeitigen BLM-Diskussionen um Alltagsrassismus beinahe wie ein Vorwurf klingt: ‚How dare you?!‘

Aber das dient nur als reißerischer Aufmacher (bemerkenswert genug, daß diese Formulierung heutzutage dazu taugt). Jonathan Jones klärt über die Darstellungsgeschichte der Heiligen Drei Könige auf und hält fest: Das Auftauchen eines schwarzen Königs in der Kunst der Renaissance setze nicht etwa endlich die Ideen Bedas um, sondern sei Niederschlag eines vermehrten Auftretens von Menschen anderer Kontinente in Europa; in Europa, das bis dahin wenig Vorstellung von anderen Völkern, Nationen und Kulturen gehabt habe. Gerade in Antwerpen aber oder in Venedig – den großen Seehäfen eben – trafen Künstler wie Gossaert oder Dürer auf Afrikaner und nutzten den unbekannten Anblick auch, um ihren Bildern einen besonderen Blickfang zu verleihen. Diese Strategie und ökonomische Notwendigkeit für Künstler darf man schließlich auch nie außer acht lassen. Ebensowenig wie die Wünsche der Auftraggeber: So hatte Sandro Botticelli in seiner berühmten „Anbetung“ Mitglieder der Medici-Familie zu porträtieren. Bei ihm sind daher alle Besucher des Jesusknaben hellhäutig.

Sandro Botticelli, Adoratione dei Magi, 1475, Sammlung der Uffizien Florenz (Quelle wikicommons; User Google Cultural Institute)

Auf ihrer Internetseite namens „Black Central Europe“ stellt eine Gruppe aus Germanistikdozentinnen, Geschichtsprofessorinnen und Künstlern seit nunmehr sieben Jahren Zeugnisse des Lebens einer schwarzen Diaspora im deutschsprachigen Raum zusammen und bewertet diese Spuren afrikanischen Lebens in Zentraleuropa. Auf mittlerweile 1000 Jahre beziffern die Mediävistinnen den afrikanischen Einfluß, der sich aus Handel, Diplomatie und den Künsten speiste und später (!) von Rassismus und den Verbrechen der Sklaverei überformt wurde. Ziel des Wissenschaftler-Netzwerkes ist es, die reiche Geschichte und mithin längst erfolgte Verwurzelung und Integration schwarzen Lebens in Europa zu belegen.

Auch der Fundus dieser Internetseite beschäftigt sich mit Darstellungen der Heiligen Drei Könige, beispielsweise der „Anbetung“ von Albrecht Dürer (1471-1528), die auch von Jones besprochen wird. Sie stammt aus einer Zeit, in der es an europäischen Fürstenhöfen zum guten Ton gehörte, den Vertreter eines afrikanischen Volkes zu beherbergen und den kulturellen Austausch zu pflegen – wenn man es sich irgend leisten konnte. Daß Dürer sich im zweiten König selbst portraitiert hat, läßt besondere Rückschlüsse auf die künstlerische Intention und seine eigene Bewertung der Figuren zu. Indem Dürers Alter Ego auf das Geschenk und die Gestalt des schwarzen Königs schaut, lenkt es auch den Blick des Betrachters auf diese Figur und bezeugt Dürers lebhaftes Interesse und seine Hochachtung, die explizit auch seinen schriftlichen Zeugnissen ablesbar ist.

„Black Central Europe“ bespricht auch die beiden Portraits afrikanischstämmiger Menschen, die Dürer Anfang des 16. Jahrhunderts in seinem Skizzenbuch festhielt. Beide Zeichnungen werden dabei ausdrücklich gewürdigt: „In these pieces Dürer humanizes his subjects. He does not reduce them to caricatures but rather testifies to their individuality and dignity” – eine Individualität und Würde, die nicht zuletzt in der Namensnennung der zwanzigjährigen Katharina zum Ausdruck kommt.

 

Fortsetzung folgt morgen

 

Cornelie Becker-Lamers