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PuLa-Reloaded: Osterlachen – Mit Stern!

Dieser kleine, von uns völlig “harmlos”, ganz ohne tieferen Hintersinn und einfach nur lustig gedachte Text aus dem April 2013 hatte gänzlich unerwartete Konsequenzen!

Aber die schildere ich Ihnen erst in einem PS; vorher viel Spaß mit:

Osterlachen – Mit Stern!

Anders als im vergangenen Jahr ist das Osterlachen auf PuLa heuer weniger innerkirchlich als historisch/gesellschaftspolitisch.

Viel Spaß! (bevor wir uns, mehr nolens denn volens, vorrübergehend unangenehmeren Themen zuwenden müssen…)

Verwaltungssitz des Kreises Weimarer Land ist Apolda, ein häufig zu Unrecht unterschätztes Städtchen mit bemerkenswertem kulturellem Leben und im kirchlichen Zusammenhang interessant aufgrund seiner großen Vergangenheit im Glockenguß!

Wenig überraschend ist das Autokennzeichen des Kreises „AP“.

Und erinnern Sie sich noch an die „Außerparlamentarische Opposition“? Eines der ganz besonders problematischen Phänomene der an solchen nicht armen 60er Jahre, abgekürzt „APO“. Ihren Höhepunkt hatte diese „Bewegung“ nach allgemeiner Meinung im emblematischen Jahr 1968.

Ahnen Sie schon, worauf das hinausläuft? Genau, auf das Autokennzeichen AP-O 1968.

Und das gibt’s tatsächlich:

Kennzeichen aus Apolda, 2013 (eigenes Bild)

Als ich das sah, dachte ich zuerst: „Ich hätte mich ja eher mit dem Landrat duelliert, als dieses Kennzeichen zu akzeptieren! Ob sich der Halter nichts dabei gedacht hat?“

Aber das ist ja fast unmöglich!

Doch der zweite Blick offenbart: Der oder die Betreffende scheint ein Mensch von beträchtlicher Coolness zu sein!

Schauen Sie nur:

Kennzeichen mit Stern (eigenes Bild)

Das Kennzeichen befindet sich auf einem Mercedes! Einem schwarzen Mercedes!! Einem sauberen schwarzen Mercedes!!!

Arme Achtundsechziger…

Aber so ist das: The Times, they are a‘changing!

Gereon Lamers

 

PS: Ja, so hatten wir geschrieben und kurz darauf – war das Fahrzeug nicht mehr zu sehen!
Ehrlich, das Auto, das vorher über mehrere Monate hinweg zum Wochenende regelmäßig dort gestanden hatte (und von uns auf dem regelmäßigen Weg zur Kirche bemerkt worden war), war und blieb verschwunden! Einfach weg.
‘Soll mal keiner sagen, so ein Blog könne in der „realen Welt“ nichts bewegen’ haben wir uns damals gedacht und uns gelegentlich die Fähigkeit, ‘Autos wegzuzaubern’ späterhin wieder gewünscht 😉

GL

 

PuLa Reloaded: KaSchafüRüalProwe

Anläßlich des morgigen Fronleichnamsfestes, dessen Feier und Prozession wir hier in der Diaspora mal wieder auf den kommenden Sonntag verlegen müssen, präsentieren wir als Reload diese Woche einen kleinen Sketch, der den Erhalt alter Traditionen und wenn nötig den Wiedergewinn angestammter Bräuche, Wege und Sichtbarkeiten thematisiert.

 

Sketch des Monats: KaSchafüRüalProwe

Klar! Es gibt sie noch, die Wundersdorfer Schäfchen. Wir haben nur eine lange, für uns dadurch sehr entbehrungsreiche Zwischenzeit hindurch nicht von ihnen berichtet. Aber selbstverständlich waren sie immer da, in der Nähe von Wundersdorf, und wie wir gleich hören werden, haben sie auch schon wieder jede Menge geforscht und herausgefunden. Zum gestrigen Pfarrfest zu Mariä Namen machten sie unter einem strahlenden Septemberhimmel von ihrem neuerworbenen Wissen Gebrauch. Lassen Sie sich also entführen in die Welt der katholischen Pfarrei Maria Hilf! Wundersdorf in einem endlich wieder geposteten:

Sketch des Monats: KaSchafüRüalProwe

Ein Sketch für zwei Personen, zehn bis zwölf Schafe, zwei Lämmchen
und beliebig viele Schafstatisten

 

Wundersdorf, Oderbruch. Am Haus der Familie Langenfeld. Eine kleine, uns wohlbekannte Herde Schafe kommt, lässig, wie wir es von ihnen kennen, die Straße entlang geschlendert und bleibt etwas unschlüssig vor dem Haus stehen. Als alle Schafe sich in der kurzen Auffahrt zum Haus drängen und es langsam wirklich eng wird, erheben sich erste Stimmen, die die Situation thematisieren und auf eine Lösung drängen.

Ein Schaf: Und jetzt?

Ein anderes Schaf: Da steht ja ein Haus.

Ein drittes: Wie kommen wir denn jetzt weiter?

Das erste (etwas patzig zu Kohle): Damit wäre unser Projekt wohl gestorben.

Kohle: Immer mit der Ruhe!

Fixi (bahnt sich einen Weg durch die Menge nach vorn): Das Haus kenne ich!

Huf (drängelt Fixi hinterher): Da wohnt Teresa.

Fixi: Ich denke, da können wir einfach klingeln.

Die Schafe (durcheinander): Wir sollen irgendwo klingeln? – An einem Wohnhaus klingeln? – Wenn du dich traust, bitte! – Ich hatte gedacht, wir marschieren überall einfach durch. – Schließlich sind es unsere angestammten Wege!

Flocke: Ruhe! (Die Schafe beruhigen sich.) Ich mach das. Ich geh jetzt die paar Stufen da hoch und sehe mal, was ich machen kann.

(Unter den gebannten Blicken der restlichen Herde springt Flocke die Stufen zur Haustür hinauf und drückt mit der Schnauze einen breiten Klingelknopf. Dann kraxelt sie vorsichtig die Stufen wieder hinab und stellt sich erwartungsvoll zu den anderen.

Edith steckt den Kopf zur Tür hinaus, erschrickt und schlägt die Tür sofort wieder zu. Nach einer kleinen Weile schaut sie erneut, ob die Schafe noch da sind.)

Edith: Was macht ihr denn hier?

Die Schafe (durcheinander): KaSchafüRüalProwe – Dein Haus steht im Weg! – Wir wollen hier durch. – Es ist unser angestammtes Recht!

Edith: Waswaswaswaswas? Nicht alle durcheinander – ich verstehe ja kein Wort. Blütenweiß, sag du mal. Wie kann ich euch helfen?

Blütenweiß (errötet – wie immer – sofort): Guten Tag, Edith … also … wir hatten … das war … zu Fronleichnam hatte das Wildschaf … (rasch) wir haben den Film alle gesehen, und da kam die Idee auf … und wir dachten, wann, wenn nicht zum Gemeindefest …

Ein viertes Schaf: … und jetzt steht da euer Haus und wir kommen nicht weiter!

Edith (schaut sich um): Wo steht unser Haus?

Die Schafe: Na hier! – Auf unserem Weg.

Edith: Was für ein Weg? Kann mir mal jemand erklären, wo ihr hinwollt und warum?

Wolle: Also. Das Wildschaf hatte mal wieder (wie hier und hier) einen Vortrag vorbereitet. Zu Fronleichnam. Zum Thema alte Prozessionswege und –verläufe. (Mit wachsender Begeisterung) Da konnte man Schafe sehen, die durch Madrid laufen. Das ist dort ganz normal.

Ein Schaf: Und wir dachten, wir müssen auch unsere alten Wege wieder erobern.

Ein anderes Schaf: Um auf uns aufmerksam zu machen.

Ein drittes Schaf blökt: KaSchafüRüalProwe! KaSchafüRüalProwe!

Andere Schafe: Pssst! – Is‘ ja gut!

Edith: Ja … und jetzt?

Kohle: Jetzt müßten wir bitte durch euer Haus gehen. (Nach einer Kunstpause) Das ist alles.

Edith: Ihr? Dreckig wie ihr seid? Durch mein Haus? Und hinten durch meine Blumenbeete? Ihr habt sie wohl nicht alle! Trollt Euch! (Sie wirft die Tür ins Schloß.)

Die Schafe sehen sich betroffen an.

Flocke (seufzt): Jaja, so ist das immer. Von weitem finden sie uns total süß, aber wenn wir vor ihrer Haustür stehen, wollen sie uns nicht reinlassen.

Curly: Das ist aber in England nicht anders!

Die Tür öffnet sich und Teresa kommt herausgestürmt. Edith tritt auch wieder hinter ihr in den Türrahmen und bleibt dort stehen.

Teresa (zu Fixi und Huf): Da seid ihr ja! (Sie umarmt die Lämmchen.)

Flocke (befriedigt): Nun – es gibt eben auch solche.

Teresa (zu ihrer Mutter gewandt): Mama, laß die Schäfchen doch durch, es ist ein uralt verbrieftes Recht, daß sie hier ihre Weidegründe haben.

Edith: Wann kommt das Winnetou-Thema aus dem Off?

Teresa: Ach, Mama!

Edith: Ich will erstmal wissen, was das für ein Film ist, den ihr gesehen habt.

Kohle: Ist im Netz!

Flocke: Ist nur ganz kurz.

Wolle: Wir haben ihn damals dreiundzwanzigmal hintereinander geguckt.

Edith: Ok, dann kommen jetzt mal drei von euch rein und zeigen mir die Ursache eures Erweckungserlebnisses auf dem Bildschirm!

Kohle macht sich konzentriert auf den Weg zur Haustür.

Edith (versperrt ihm den Weg): Kohle, du könntest in der Zeit gut mal dafür sorgen, daß hier ein bißchen Rasen gemäht wird!

Kohle (verdattert): Rasen gemäht?

Fixi (gewahrt die Restbestände an in dieser Jahreszeit schon wieder selteneren Gänseblümchen): Au ja! Rasen mähen! (Sie stürmt in den Garten.)

Flocke (ruft ihr hinterher): Fixi! Denk dran, daß du von Gänseblümchen Bauchweh bekommst! ]

Huf: Zu spät! – Laß mal, Tante Flocke! (Er grinst.) Lieber mähwütig als wehmütig.

Flocke (verdreht die Augen): Du und deine Schüttelreime! (Sie trottet Fixi hinterher.)

Kohle: Klar. Warum eigentlich nicht. Organisieren wir halt eine Rasenmähergruppe (er stupst Grauchen und Blütenweiß an, sammelt noch Wolle und Curly ein und macht sich an die Arbeit. Für sich: Hoffentlich ist es kein ‚Politikum‘, wenn ich hier Rasen mähe. (Er beginnt zu grasen, während Edith mit drei Schafen in der Wohnung verschwindet und die Tür hinter sich zu klappt. Teresa bleibt draußen bei den Lämmchen.)

 ENDE

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf. Eigentlich gar keine so schlechte Idee, sich mal zu kümmern, wo eigentlich die alten Prozessionswege zu  Festen wie Fronleichnam herliefen. Haben wir uns neulich auch gedacht und den Erzählungen von Freunden aus katholischen Gegenden gelauscht, die von fahnengeschmückten Fenstern entlang der Prozessionswege berichteten.

Aber nun sind wir unseren Lesern ja noch den Film schuldig, den Edith mit den Schafen gerade schaut. Er könnte etwa so aussehen wie hier oder hier.

Und für alle, die sich fragen, was die Überschrift bedeutet: Es ist selbstverständlich die Abkürzung der Worte „Katholische Schafe für die Rückgewinnung alter Prozessionswege“. Ganz einfach. 😉

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

PS: Dieser Sketch stammt aus dem September 2016. Das heißt, er wurde genau ein Jahr nach der Amtsübernahme durch den neuen Pfarrer hier in Herz Jesu Weimar verfaßt. Die Stimmung der damaligen Zeit schlägt sich in einigen inhaltlichen Details nieder: So die Tatsache der Sprachlosigkeit und zeitweiligen Entfremdung zwischen Freunden. Es war schwer zu akzeptieren, daß die „also: Weimarer“ nur exakt ein halbes Jahr gebraucht hatten, um den neuen Pfarrer ‚einzunorden‘ und der langjährige nervenaufreibende und umgekehrt bis zum Rufmord an uns mißbrauchte Kampf für eine bessere Integration aller Kräfte ins Gemeindeleben umsonst gewesen zu sein schien. Ein paar ‚Fettaugen‘ auf der Suppe sorgten für ‚Business as usual‘ diesseits aller Aufarbeitung.

So auch die Fassungslosigkeit darüber, was den neuen Pfarrer nach der ‚Bearbeitung‘ durch die „also: Weimarer“ eigentlich noch zu interessieren schien. Das waren keine Kinder- oder Jugendgruppen. Das waren keine musikalischen Angebote. Das war keine wirkungsvolle Verständigung mit der muslimischen Gemeinde, die bloß zum „Running Dinner“ jährlich eben nur durch die Gemeinderäume „rennt“. Das war nicht die Verbesserung oder überhaupt Geburt einer medialen Präsenz der Pfarrei auf Instagram, Facebook oder YouTube. Alle greifbaren Menschen (inklusive entsprechender Muttersprachler), die in diesen Punkten gerne ehrenamtlich gute und professionelle Arbeit geleistet hätten, um dem Gemeindeleben wieder in allen Bereichen auf die Beine zu helfen (auf denen es bis heute bspw. in der Kinder- und Jugendseelsorge, aber auch in einem dem Potential unserer Pfarrei angemessenen musikalischen Angebot noch nicht wieder ist!), wurden um genau eine Mithilfe gebeten: Ob sie nicht die Kirche putzen könnten. Und noch diese Tatsache konnte vor dem Erfahrungshintergrund der vergangenen Jahre als ‚Politikum‘ gewertet werden. Schließlich gab es nicht Wenige unter den Fehlinformierten, die sich gewünscht hätten, einige Leute möchten schlicht komplett von der Bildfläche verschwinden.

Nach den Jahren des Niedergangs bis 2015 also erneut eine schlimme Zeit, die sich auch in einer relativen Sprachlosigkeit auf PuLa niederschlug: Nie haben wir so wenig gepostet wie im damals folgenden Jahr.

Das ist die ernste und leider eben nach wie vor nicht bewältigte Seite auch solch heiterer Texte. Aber auch diese Zeit haben wir überlebt und auch in dieser Zeit sind solche Sketche entstanden. 

CBL

Wie neu geboren

Ökumenisches Vivaldi-Konzert am Schloß Belvedere

Wie in einer zweiten Biedermeierzeit sitzt das deutsche Bürgertum – ich und meine Familie ausdrücklich eingeschlossen! – derzeit zuhause und hofft. Hofft, daß die Sprache in Satire, Berichterstattung und Argumentation endlich ihre floskelsprengende Wirkung tun und die Politiker zur ersatzlosen Beendigung aller „Coronaschutzmaßnahmen“ bewegen möge. Hofft, daß die Warnungen der Mediziner, die Plädoyers der Abgeordneten, die Hilferufe aus Einzelhandel, Kultur, Hotel- Gaststättengewerbe und natürlich die Verzweiflung aller Familien mit Kindern unter 25 endlich die Herzen der Entscheider erweichen und den ‚Coronanebel‘, der unsere Köpfe einhüllt und unser Denken verlangsamt hat, wegblasen möge. Die ungerechtfertigte mediale Identifikation auch besonnener Kritiker mit ‘Querdenkern’ und dieser mit dem ‚rechten Mob‘ hat ganze Arbeit geleistet: Statt zu demonstrieren, hofft das brave deutsche Volk, die Nachtmütze des deutschen Michel tief in die Stirn gezogen.

Unter dem Hashtag #Hoffnung fand denn auch am gestrigen Nachmittag ein ökumenischer Gottesdienst unter Beteiligung eines katholischen (Pfr. Gothe) und eines evangelischen Geistlichen (Pfr. Rylke) statt. Organisiert hatte die Veranstaltung Martin Kranz vom Achava-Festival gemeinsam mit Musikern der Staatskapelle Weimar. Denn der Gottesdienst war eigentlich ein Vivaldi-Konzert. Sinn der Open-Air-Veranstaltung hinter dem Schloß Belvedere war neben der seelischen Notversorgung der darbenden Bevölkerung, freischaffenden Musikern eine kleine bezahlte Auftrittsmöglichkeit zu verschaffen. Die während der Auftrittsverbote durchfinanzierten Streicher des DNT verzichteten zu diesem Zweck gestern auf ihre Bezahlung.

Strahlender Sonnenschein und milde Temperaturen erfreuten das Publikum und belohnten den Mut der Veranstalter und Ausführenden des Open-Air- Konzerts mit geistlichem Segen am 30. Mai 2021 in Belvedere (eigenes Bild)

Nach einer kurzen Ansprache, in der Pfarrer Gothe die derzeit zu erlebende Erweiterung des Gottesdienstbegriffes verteidigte, aber auch den Gedanken der Trinität an Beispielen begreiflich machte, las der Priester aus Joh 3. Zu Beginn dieses Kapitels erläutert Jesus dem Pharisäer Nikodemus die Notwendigkeit einer Neugeburt des Menschen, der ins Himmelreich eingehen möchte – einer Neugeburt nicht aus seiner Mutter, sondern aus Wasser und Geist. Nach einiger Musik schloß Pfarrer Rylke eine Predigt an zur Neugeburt nach den Zumutungen der Coronamaßnahmen und den Verwerfungen, die ihre unterschiedliche Bewertung in der Gesellschaft bis hinein in Familien und Freundeskreise bewirkt hat.

Der katholische Ortsgeistliche Timo Gothe bei seiner Begrüßung (eigenes Bild)

Die Musik trug natürlich wesentlich zu den Voraussetzungen einer solchen Neugeburt unserer Seelen bei. Sie war klug gewählt. Denn sie fußte vollständig auf den Kompositionen Antonio Vivaldis: Auf Teilen seines zu Trinitatis ungewöhnlichen „Stabat mater“ und auf den „Vier Jahreszeiten“.

Vierzehn Monate Staatstrauer

Warum Vivaldi? Weil die „Vier Jahreszeiten“ zu den meistgespielten Konzerten der Musikgeschichte gehören? Vielleicht. Aber ich vermute noch ein anderes Motiv bei den Veranstaltern. Denn während des Lockdown im vergangenen Jahr kursierte in Musikerkreisen ein gerade erschienener Vivaldi-Roman (Peter Schneider, Vivaldi und seine Töchter, Köln 2019), perfekt dazu angetan, die Moral einer kaltgestellten und zum Teil im Wortsinne ausgehungerten Künstlerschaft zu heben. Denn Vivaldi wird darin als „einer der ersten freien Künstler Europas“ apostrophiert.

Nur in der ersten Hälfte seines Lebens hat er in einem ständigen festen Dienstverhältnis bei der ‘Pietà’ gestanden. Den großen Rest seines Einkommens hat er auf dem unsicheren Opernmarkt und beim musikbesessenen Adel eingesammelt – bei dessen Empfängen, Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, Partys und durch den privaten Verkauf seiner Partituren. Sollte auch nur eine dieser Quellen plötzlich versiegen, stünde es schlecht um Vivaldis Haushalt. Und ganz schlecht, wenn alle Quellen auf einmal vertrockneten.
(S. 233)

Ja. Antonio Vivaldi (1678 Venedig -1741 Wien) hat, von den Eltern zum Priesterstand bestimmt, als solcher nicht nur Eltern und Geschwister miternährt und mit dem Waisenhaus Ospedale della Pietà in Venedig das erste Straßenkinder-Orchester der Welt unterhalten. Er hat auch an die 100 Opern komponiert und auf eigenes Risiko zur Aufführung gebracht.

Der Niedergang des berühmten „prete rosso“ begann mit der Zensur eines Werkes. Metastasios „Catone in Utica“ – ein Werk über „Freiheit und Unterwerfung, Moral und Anpassung“ und vor Vivaldi bereits von Meistern wie Hasse und Händel vertont – wird als Libretto verboten, denn, so die Stadtoberen laut Peter Schneider, hier „würden‚ Dinge gesagt, die sich mit der seit Jahren verfolgten politischen Linie in Venedig nicht vertragen.‘“ (S. 222) Der Arm diverser Kirchenfürsten reicht weit ins italienische Umland hinein. Im Mai 1740 verläßt Vivaldi Venedig vermutlich auf der Flucht vor seinen Gläubigern in Richtung Wien (S. 252f.)

Doch die Verlagerung des Wohnortes steht unter keinem guten Stern. Vivaldis Gönner Kaiser Karl VI. stirbt im Oktober desselben Jahres. Vivaldi weiß, „was die unmittelbare Folge für alle Musikanten im Kaiserreich sein würde: die Schließung aller Opern und die Anordnung einer langen Trauerzeit – vierzehn Monate in diesem Fall.“ (S. 258) Der große Opernkomponist, Unternehmer, Violinvirtuose und Vorlagenlieferant etlicher Bachscher Transkriptionen wird am 28. Juli 1741 in Wien in einem Armengrab beigesetzt.

„Vierzehn Monate!“ lachte im letzten Jahr ein befreundeter Chorleiter am Telefon noch auf. Heute, nachdem die Parallelität von zeitlichem Ausmaß der Schließungen und reeller Verarmung der Künstlerschaft Vivaldis Schicksal mit dem heutiger Musikschaffender zur Deckung bringt, lacht niemand mehr. Auch nicht sarkastisch.

Über 200 Jahre blieb Vivaldis auch in den deutschen Fürstentümern zu Lebzeiten vielgespieltes Werk vergessen. Eine wertschätzende Wiederentdeckung fiel in Deutschland dem Kulturkampf im letzten Drittel des 19. Jh.s zum Opfer, als die Orgelbearbeitungen des frisch gebackenen ‘Mythos BACH’ gewissermaßen aus Staatsräson prinzipiell über die Originalwerke des italienischen Katholiken gestellt wurden (S. 262f). Die wertschätzende Wiederentdeckung vollzog sich darum erst 300 Jahre nach Vivaldis Tod durch das Istituto Italiano Antonio Vivaldi, das der Wiederaufführung einiger in der sächsischen Landesbibliothek Dresden aufbewahrten Partituren durch die amerikanische Geigerin Olga Rudge folgte (S. 273f).

Eingehüllt in Fliederduft

Nun also „Le quattro Stagioni“ zu allseitiger Tröstung im Park von Belvedere. Der Duft der voll erblühten Fliederbüsche im Rücken des Publikums erfüllte die Luft auf dem abstandsbestuhlten Platz. In wechselnder Besetzung, mit Solisten aus je anderen freien Ensembles oder auch der Staatskapelle spielten „Frühling“ (Solo: Bernhard Forck), „Sommer“ (Edi Kotlyar), „Herbst“ (Gernot Süßmuth) und „Winter“ (Daniel Sepec) und ließen es sich nicht nehmen, uns in einer jeweils besonderen Ausgestaltung der langsamen Sätze das Erlebnis der Livemusik in vollen Zügen genießen zu lassen. So zauberte Gernot Süßmuth, die linke Hand fast am Steg seiner Geige, in atemberaubendstem Flageolett Vogelstimmen und Naturgeräusche hervor. Christine Schornsheim (Cembalo) riß es vor der letzten Reprise des Kopfthemas im Schlußsatz des „Herbstes“ zu einem genrefremden  Glissando quer über die Tasten hin.

Pure Musizierlust und die Freude am musikalischen Spaß!

Das gute Zusammenspiel der sonst nicht gemeinsam musizierenden Streicher verbesserte sich weiter von Satz zu Satz. Die Akustik im Freien war natürlich knochentrocken, aber eben darum für die sechszehntelgesättigten Melodien der „Vier Jahreszeiten“ besonders gut. Zu Beginn des „Frühlings“ hörte man förmlich die einzelnen Vögel zwitschern.

Schließen wir auch diesen Beitrag mit einer Einspielung des „Herbstes“ durch Frederieke Saeijs und das Niederländische Symphonie Orchester Enschede. Enjoy! 🙂

 

Cornelie Becker-Lamers

PuLa-reloaded: Die letzten Dinge im „Himmelchen“

Den Anlaß für das PuLa-reloaded dieser Woche bot, in ebenso  unerfreulicher wie typischer Weise ein Artikel im ‚Tag des Herrn‘ (Nr. 20, 23. Mai 2021) unserer lokalen Ausprägung der Bistumspresse.
Prominent auf Seite 3 winkt uns dort die kürzlich verstorbene 93-jährige Gertrud W. aus Münster zu, auf einem Photo, entstanden vermutlich in dem Altenpflegeheim, in dem sie ihre letzten Tage verbrachte.

Überschrift: “Ihre letzte Hoffnung”.

‚Tag des Herrn‘ vom 23. Mai 2021, S. 3 (eigenes Bild)

Was mochte die “letzte Hoffnung” einer so betagten Dame gewesen sein, die, wie aus dem Fünfspalter hervorgeht, zwei Söhne geboren hat, zu denen, so will es scheinen, guter Kontakt bestand.
Der “Traum von der Reise zum Haus an der Nordsee”, der in der Zwischenüberschrift vorkommt, konnte es doch wohl nicht gewesen sein, so dachte ich. 

Jedoch, die Lektüre des gesamten Berichts belehrte mich, nein, eben nicht eines Besseren, sondern zeigte erneut das ganze Elend dessen auf, was heute so in der “Kirchenzeitung” steht.

Kein Wort, wirklich kein Wort stand da zu lesen, das über diese Welt und ihre engen Grenzen hinauswiese!
Seemannslieder, natürlich ‘Corona’ (einschließlich vollständiger Impfung) Reisen, Konzerte, Bastelrunden und schließlich auch die “Pizza Salami”, das alles kommt vor.

“Letzte Hoffnung”, dachte ich, und frage mich: fehlt da nicht etwas? Erschöpfte sich darin, worauf eine 93-jährige, deren Leben in dieser Welt sich nun einmal objektiv seinem Ende zuneigte, hinlebte?

Nun, wir wissen nicht, wie es diesbezüglich wirklich um Gertrud W. stand, und wir wollen hoffen, besser, als es uns dieser Artikel darlegt.

Aber was wir wissen, ist, eine Kirchenzeitung, die es offenbar als normal empfindet, von den “Letzten Dingen” nicht einmal dann zu sprechen, wenn sich die Sorge um sie doch geradezu aufdrängt, die es fertigbringt, ausschließlich irdischen Tand (relativ) als “Letzte Hoffnung” auszugeben, die hat den Boden praktizierten Christentums schlicht verlassen!

Es soll einmal eine Zeit gegeben haben, in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, von der wird berichtet, die Lehre von den letzten Dingen, die Eschatologie, sei in der Kirche geradezu “in Mode gewesen”. Lang, lang ist’s her, kann man da nur sagen…

Doch worüber wundern wir uns? Haben wir denn angesichts der Tatsache, daß uns mit ‘Corona’ vermeintlich oder tatsächlich das Sterben besonders nah gerückt ist, von unseren Bischöfen besonders viel von der nächsten Welt gehört, bzw. der Notwendigkeit, sich auf sie vorzubereiten? Wir alle kennen die Antwort, denke ich.

Es ist hart, das so deutlich auszusprechen, aber der organisierte Katholizismus in Deutschland, einschließlich der doch genau dazu berufenen Oberhirten, hat in dieser ‘Pandemie’  geistlich einfach fast vollständig versagt.

Dabei ist die Beschäftigung mit der Eschatologie so schön und bereichernd, intellektuell aber auch ganz persönlich, wie ich im Juni 2013 erleben durfte, als die Herausgeber der Josef-Ratzinger Gesamtausgabe (JRGS) rund um den Regensburger Bischof R. Voderholzer anläßlich des Erscheinens des einschlägigen Bandes am Erfurter Dom ein Symposium zu der Lehre des damaligen Papstes und Theologen zu diesem Thema organisierten, an dem ich als Zuhörer teilnehmen konnte. Ich staune bis heute über meinen damaligen Mut, aber ich wurde reich belohnt und habe dann einen kleinen Beitrag (hier das Original) geschrieben, den einer der beteiligten Wissenschaftler sogar ausdrücklich gelobt hat. 

Viel Vergnügen!

Gereon Lamers 

Die letzten Dinge im „Himmelchen“, Symposium zu Joseph Ratzingers Eschatologie in Erfurt

„Wenn dem Menschen das Evangelium der Rettung verkündigt wird,
dann wird die Rettung auch dem Fleische verkündigt.“

(Justin der Märtyrer)

Coelicum (Bild: Wikipedia, Uni Erfurt)

Im Coelicum („Himmelchen“), dem spätmittelalterlichen Hörsaal der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Erfurt, fand am Samstag, dem 1. Juni 2013, das vom Institut Papst Benedikt XVI. gemeinsam mit der Katholisch-Theologischen Fakultät veranstaltete Symposium zu „Eschatologie und Theologie der Hoffnung“ statt, das anläßlich des Erscheinens von Band 10 der „Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften“ (JRGS) veranstaltet wurde (das Institut ist, wem das gerade nicht mehr gegenwärtig ist, mit der Herausgabe der Schriften des Theologen Joseph Ratzinger von diesem als Papst Benedikt XVI. [indirekt] selbst beauftragt worden).

Vor allem weiteren möchte ich mich bei den beiden Veranstaltern für die Möglichkeit der Teilnahme und die erwiesene Gastfreundschaft herzlich bedanken! Was kann man sich besseres antun an so einem kalten und stürmischen (wenn auch erstaunlicherweise kaum regnerischen) Tag, als einige Stunden seinen Kopf anzustrengen aus so erfreulichem Anlaß und zu diesem qua definitionem so entscheidendem Thema?

Mariendom zu Erfurt, Hoher Chor (Bild: Wikipedia, Matthias Kabel)

Der Tag begann mit einer Hl. Messe im Hohen Chor des Erfurter Doms, die zelebriert wurde von dem Regensburger Bischof Dr. Rudolf Voderholzer,  dem Direktor des Instituts Papst Benedikt XVI. und unserem Altbischof Dr. Joachim Wanke. Dieser geistliche Beginn des Tages wurde nur um so schöner durch die ebenso wohltuende wie lehrreiche Predigt von Bischof Voderholzer, in der er den „guten Patron“ des gemeinsamen Bemühens würdigte, den Tages-Heiligen: Justinus der Märtyrer,  der im 2. Jahrhundert das „Gespräch der Vernunft“ zwischen dem jungen Christentum und seiner Umwelt nicht mit den heidnischen Kulten, sondern mit der Philosophie seiner Zeit gesucht habe. Ein früher Aufweis der Logos-Gemäßheit der „neuen Religion“, für die Justin schließlich im Jahr 165 in Rom unter dem „Philosophenkaiser“ Marc Aurel (…) das Martyrium erlitten hat.

Außerdem sind es ja immer die „kleinen Dinge“ in einer Messe, über die sich der aufmerksame, sozusagen „tätig teilnehmende“ 😉 , einfache Gläubige freut: So z.B. wenn zu Beginn von den „Göttlichen Mysterien“ die Rede ist und wenn es vor dem Vaterunser einmal wieder heißt: „wagen wir zu sprechen“; Danke, Herr Bischof!

Anschließend erläuterte zu Beginn der Tagung der Dekan der Fakultät, Prof. Michael Gabel,  u.a. warum gerade das Coelicum ein so geeigneter Ort für die Vorstellung eines Buchs mit Texten von Joseph Ratzinger war: Es schaut an einer Seite auf den Kreuzgang des Doms, in dem im September 2011 Papst Benedikt am Grab des ihm freundschaftlich verbundenen Bischofs Hugo Aufderbeck gebetet hat.

Kreuzgang des Erfurter Doms (eigenes Bild)

Seine gewisse Entrücktheit, hoch auf dem Domberg über Erfordia turrita, der türmereichen Stadt, wird ebenfalls nicht geschadet haben und der Versuch, mit den Mitteln der modernen Technik den Frevel des 19. Jahrhunderts zu tilgen, das die namensgebende, mit Sternen und Planeten bemalte Decke zerstörte, fand gebührende Anerkennung.

Die neuen Lichter im Coelicum (eigenes Bild)

Doch ist es, glaube ich, angemessen, noch in einem viel grundsätzlicheren und vor allem inhaltlicherem  Sinne von einem guten Tagungsort zu sprechen, der sich vor allem in der Auswahl der Referenten spiegelte.

Denn indem hier Wissenschaftler aus dem Osten und aus dem Westen Deutschlands zu Wort kamen (und solche, die beide Teile in ihrer Laufbahnen verbinden) traten zugleich verschiedene Aspekte im Zugriff auf und Erfahrungen mit einer Theologie der Hoffnung im allgemeinen und den Werken Joseph Ratzingers im besonderen zutage.

Mariendom zu Erfurt, Südansicht mit Blick auf den Hohen Chor und das Coelicum (Bild: Wikipedia)

Den Anfang machte Dr. Gerhard Nachtwei,  z.Zt. Propst in Dessau,  mit seinem Vortrag zu: „Ratzingers Eschatologie auf der Suche nach einer Antwort auf die Fragen des heutigen Menschen. Erfahrungen mit der Theologie Ratzingers im Osten Deutschlands“. Dr. Nachtwei hat mit der 1986 in Leipzig erschienen ersten Dissertation („Dialogische Unsterblichkeit“) im deutschen Sprachraum zu der 1977 zuerst als Gesamtdarstellung erschienenen „Eschatologie“ J. Ratzingers eine „Referenzstudie“ (Prof. Marschler) vorgelegt, der der Autor Ratzinger in seinem Nachwort zur 6. Auflage von 1990 hohes Lob („große Arbeit“) gespendet hat.

Dr. Nachtwei zog zu Beginn kurz (vielleicht ein wenig sehr kurz angesichts des komplexen Themas) die entscheidenden Linien seiner Untersuchung noch einmal nach und gab anschließend beeindruckende Beispiele für die „pastorale Notwendigkeit fundierter eschatologischer Antworten“  und unterstrich, wie wichtig es in der Auseinandersetzung mit dem materialistischen System der DDR gewesen sei, Begriffe wie „Geist“ und „Seele“ zur Verfügung zu haben.

An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht in einem kurzen Einschub darauf hinzuweisen, daß dies keineswegs so selbstverständlich ist, wie es auf den ersten Blick für denjenigen scheinen muß, der die Entwicklung des eschatologischen Denkens in der (westdeutschen) Theologie der letzten Jahrzehnte nicht mit- bzw. nachverfolgt hat. Diese hatte nämlich den Seelenbegriff (und damit natürlich auch den der ‚Unsterblichkeit der Seele‘) in weiten Teilen aufgegeben! Ich erinnere mich noch gut an mein eigenes ungläubiges (und entsetztes) Staunen, als ich dies bei Joseph Ratzinger erstmals las… Eines seiner wesentlichen Anliegen mit „seiner“ Eschatologie war es demnach ja auch, die allzuschnell in Verkündigung und Gemeindepraxis eingegangenen, unausgegorenen Vorstellungen („Auferstehung im Tode“) als „ein Denken zu verabschieden, das die Verkündigung sprachlos macht und sich damit als Weise des Verstehens selbst aufhebt.“ (J. Ratzinger, Eschatologie, Tod und ewiges Leben, Regensburg, 6. Auflage 1990, S. 97; sorry, Band 10 der JRGS stand mir  noch nicht zur Verfügung 😉 )

Ein Anliegen, das in den Ausführungen von Dr. Nachtwei (wie seinen späteren Diskussionsbeiträgen) eindrucksvolle Bestätigung fand.

Prof. Dr. Josef Freitag,  ursprünglich Freiburg, heute Erfurt hingegen hielt in seinem Vortrag: „Individuelle und universale Eschatologie“ die durch Joseph Ratzingers Buch ausgelöste Kontroverse (insbes. mit Gisbert Greshake), wohl mit der Mehrheit der heutigen Forschung, für  weitgehend erledigt (auf der grundsätzlichen, theoretischen Ebene) und betonte den unaufgebbar wichtigen Aspekt universaler Eschatologie in klarer biblischer Herleitung und auf Basis eines historischen Rückblicks, der die Individualisierung zunächst der Bußpraxis und später der Jenseitshoffnung in der westlichen Kirche kritisch in den Blick nahm.

Freitag erhob weiterhin Widerspruch gegen die Ratzingersche Einordnung der „Theologie der Befreiung“ als ein (vorwiegend bis ausschließlich) „politisches“ (ja weitgehend marxistisches) Phänomen und hielt dem entgegen, sie habe vielmehr ihren universaleschatologisch einzuordnenden Ausgangspunkt bei der Frage, „Was tut Gott in der Welt?“ gehabt, wobei er allerdings zugestand, der Bezug auf „Communio-Strukturen“ sei bei Joseph Ratzinger ebenfalls sehr stark, dieser sei allerdings in seiner „Eschatologie“ eben nicht „systemprägend“ geworden.

Ergab sich damit bereits in gewisser Hinsicht eine Art von Antwort auf den ersten Beitrag des Tages, sollten unterschiedliche Bewertungen im Blick auf die Theologie der Befreiung  am Ende des Tages noch viel deutlicher hervortreten.

Doch zuvor sprach nach der Mittagspause Prof. DDr. Thomas Marschler, Universität Augsburg, zu: „Seele: Joseph Ratzingers Stellungnahmen zu einem eschatologischen Zentralbegriff und ihre Relevanz für die aktuelle Diskussion“.

Er stellte zunächst fest, von verschiedenen Seiten, sowohl von ausgeprägt konservativen katholischen wie von evangelischen Positionen, zuletzt aber auch aus philosophischer Sicht habe es an Joseph Ratzingers Thesen Kritik („Inkonsistenz­vermutungen“)  gegeben, die sich, ggf. mit je verschiedenem „Vorzeichen“, an der Frage Relationalität versus Substantialität der Unsterblichkeitskonzeption festgemacht hätten, um daraufhin vier Kernaussagen der Ratzingerschen Eschatologie in ihrer reifen Phase (d.i. post-1977) herauszuarbeiten.

Ich greife hier (schließlich sollen die Beiträge ja auch noch in Buchform erscheinen… 😉 ) die zweite These heraus:

„(2) Die genuin theologische Unsterblichkeitshoffnung darf sich der philosophisch-ontologischen Dimension ihrer Aussagen nicht verschließen.

Die „Seele“ als Inbegriff der dynamischen Relation zu Gott ist in diesem Sinn für den Menschen als unverlierbar und “substantiell“ anzusehen.

In eschatologischer Hinsicht ist die “Seele“ dasjenige anthropologische Konstitutions­prinzip, das die Fortexistenz des Menschen über den Tod hinaus ermöglicht.“

Mit ihr erscheint mir exemplarisch deutlich zu werden, wie Prof. Marschler hier Joseph Ratzingers Anliegen verdichtend aufgriff und schöpfungstheologisch explizierte wie diese quasi-substantielle, ontologische Dimension der „Relationalitäts-Unsterblichkeit“ die Schärfe der Gegenüberstellung „Unsterblichkeit versus Auferweckung“ aufzuheben angetan ist.

Das von ihm festgestellte, philosophisch gesehen „überflüssig“ erscheinende, „ambivalente Verhältnis“ Joseph Ratzingers zum Dualismusbegriff ist in der Tat etwas, was sich dem aufmerksamen Leser, wenn auch natürlich nicht in dieser begrifflichen Schärfe, aufdrängt. Ich würde zu der Frage nach dem Grund für diese Ambivalenz gerne an die Stelle aus dem 2. Kapitel, § 5, Nr. 5 der  „Eschatologie“ (6. Aufl. S. 130) erinnern, in der der Autor offenbar sehr bewußt mit den Begriffen der (unverzichtbaren) „Dualität“ einerseits und des „Dualismus“ andererseits operiert. Legt nicht das offenkundige Ziel, nichts an der „Einheit des ‚ganzen Menschen‘“ wegzunehmen, nahe, die begriffliche Unschärfe könne aus sozusagen vorrangigen verkündigungspraktischen Gründen bewußt in Kauf genommen worden sein?

Wie dem auch sei, die lebhafte und hochklassige Diskussion zwischen den Referenten und einigen der ca. 50 Teilnehmer setze sich noch in der nachmittäglichen Pause fort, bevor zum Abschluß Prof. Dr. Siegfried Wiedenhofer,  zuletzt Goethe Universität Frankfurt, Main, zu „Politische(r) Utopie und christliche(r) Vollendungshoffnung“ vortrug.

Professor Wiedenhofer stellte zunächst die im Prinzip ja wohlbekannte Position Joseph Ratzingers in seiner Ablehnung der politischen, bzw. Befreiungstheologie (Stichworte: „Selbsterlösungshoffnung“, Machbarkeitskult“, „Aufgabe des ontologischen Wahrheitsbegriffs“) dar, die ihn zu einer „theologischen Hermeneutik des Verdachts“ gegen diese Entwicklungen geführt habe. Diese sei zwar im Sinne des „Ent-deckens des Vorhandenen“, der notwendigen „Aufdeckung gefährlicher Tendenzen“ tatsächlich erforderlich gewesen, habe jedoch auch zu einer im einzelnen wenig faktenorientierten Form der Auseinandersetzung geführt, die schlimmstenfalls ins bloße Vorurteil abzugleiten drohe. Vor allem aber stelle sich mit der völligen Trennung von Religion und Politik und der Zuweisung der letzteren auf das Gebiet der Moral das Problem der „Beschränkung der sakramentalen Gesamtexistenz des einzelnen Gläubigen“. Von daher sei, so Wiedenhofer, eine „Ehrenrettung“ der politischen Theologie und der Theologie der Befreiung „möglich und erforderlich“; er verwies in diesem Zusammenhang auf das wesentlich entspanntere Verhältnis, das der (amtierende) Präfekt der Glaubenskongregation, Erzbischof G.L. Müller zu diesem Themenfeld und den auf ihm handelnden Personen unterhalte.

Wenn nun auch jeder Versuch einer abschließenden Bewertung seitens des theologischen Laien schlechterdings vermessen wäre, drängen sich dem aufmerksamen einfachen Gläubigen doch einige Beobachtungen auf:

1) Es ist ja nachgerade ein Topos der Blogoezese, die selbstreferentielle und auswirkungslose (deutsche) Universitäts-Theologie zu schelten und zwar, Topos hin oder her, wie ich glaube, nur allzuoft völlig zu recht. Nichts davon aber war im Rahmen dieser Tagung zu spüren!  Vielmehr blieb bei aller Unterschiedlichkeit der Ansätze nicht nur der respektvolle Umgang mit dem Oeuvre des großen Theologen, das ja alle erst dort versammelt hatte, jederzeit gewahrt, sondern vor allem blieb, bei aller begrifflichen Abstraktion, für mich jedenfalls, der Blick auf den einzelnen Menschen, den einzelnen Gläubigen und „was er davon hat“, sein (Seelen-) Heil!, zu jedem Zeitpunkt glaubhaft gewahrt. Das war ein sehr schönes Erlebnis, für das ich allen Referenten danken möchte.

2) Bei aller inneren Nachvollziehbarkeit der Argumente fand ich es doch bemerkenswert, wie der stärkere Bezug auf „das Politische“ mit dem Lebensalter und der „West-lichkeit“ der Referenten korrelierte. Wie auch die Diskussion, die sich an den letzten Vortrag anschloß zeigte, gibt es gerade auch im Bereich der Theologie nach wie vor jede Menge guter Gründe, Erfahrungen und Perspektiven auszutauschen, zwischen „West“ und „Ost“. Auch deswegen ist es eine so gute Idee, Bischöfe zwischen den ehemaligen Teilen Deutschlands „hin- und herzuschicken“, wie das ja zuletzt nach allem, was man hören kann, mit der Ernennung von Bischof Dr. Heiner Koch für Dresden-Meißen wieder so hervorragend geklappt hat! Hoffentlich trägt sich dieses Muster weiter durch.

3) Wenn Prof. Wiedenhofer die „nachkonziliare Streitphase“ und ihre Polemiken für mittlerweile historisch erklärt und die Ratzingersche „Hermeneutik des Verdachts“ nach „außen“ (gegenüber der politischen Theologie) in Analogie zu seinen Argumentationsmustern nach „innen“, hinsichtlich kirchlicher Struktur- (bzw. „Reform“-) Fragen sieht, möchte ich, insoweit die Analogie auch Parallelität bedeuten soll, hinsichtlich der Konsequenzen widersprechen.

Mir scheint doch mit Händen zu greifen, daß die Überwindung so mancher Verirrungen der nachkonziliaren Phase alles andere als abgeschlossen ist, gerade „vor Ort“ in den Gemeinden; deswegen ist es m. E. für eine solche Historisierung der Ratzingerschen Theologie, inklusive ihrer Polemiken!,  definitiv zu früh. Es ist nämlich, wenn Sie mir das Wortspiel gestatten, ein „himmelchen-weiter“ Unterschied, ob man sich im Rahmen eines solchen Austauschs über Entstehung, Rahmenbedingungen und Absichten theologischer Forschung differenziert austauschen kann, oder ob „abgesunkene“ Vorstellungen den schrecklichen Vereinfachern in den Gemeinden („engagierte Laiinnen und Laien“… 🙁 ) in die Hände fallen.

Und ich frage mich weiterhin, ob gleiches nicht auch für den Blick „nach außen“ unverändert gilt. Hat nicht der weltanschauliche Feind, der als („orthodoxer“) Marxismus erledigt scheint, eher einen bloßen Gestaltwandel vollzogen, was ihn aber nicht ungefährlicher zu machen braucht?
[…]

Ganz zum Schluß möchte ich mit einer Ermutigung enden: Wer u.U. die obige notwendige Verknappung von immerhin einigen Stunden dichter Vorträge und Diskussionen etwas, na, sagen wir „abstrakt“ fand, der sollte sich davon keinesfalls abhalten lassen, sich mit dem Thema zu beschäftigen! Wie ich im Gespräch mit Dr. Chr. Schaller, dem stellvertretenden Institutsdirektor, zu meiner freudigen(!) Verblüffung feststellen durfte, haben wohl etliche Menschen wie ich von Joseph Ratzinger als erstes seine „Eschatologie“ gelesen. Das ist nicht ganz einfach und man wird das Buch im Zweifel mehr als einmal lesen müssen. Aber das wird man auch wollen! Es ist mit der gesunden Lehre wie mit einem Stück Vollkornbrot: man muß sie ordentlich kauen, aber dann nährt sie eben auch besser als manches Stück aufgeplusterten Weichgebäcks! 🙂

Wie man dabei (erneut) Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. als eminent „praktischen“ Theologen und wahren Hirten erlebt, setzt dem geistlichen Gewinn ein freudiges Krönchen auf.

PuLa-reloaded: Gegrüßet seist du, Maria!

Wie angekündigt wollen wir die weiteren Beiträge aus der Reihe “Pula-reloaded” im Marienmonat Mai der MutterGottes widmen.

Und da fangen wir heute mit einem kleinen Posting vom 1. Mai 2015 an, das eigentlich nur aus dem Text zum Bild besteht und uns heuer besonders das Herz erfreut, blüht doch in diesem kalten Frühjahr jedenfalls außerhalb irgendeines Fleckchens mit Weinbauklima gewiß noch keine Rose! Bemerkenswert und durchaus des Wiederlesens wert sind übrigens auch die Kommentare von damals, hier finden Sie den Originalbeitrag.

Aber jetzt: 

Gegrüßet seist du, Maria!

Ein Bild zum Beginn des Marienmonats Mai

 In Weimar wird die Netzlandschaft ausgebaut. Das bringt es mit sich, daß in etlichen Häusern der Stadt immer mal wieder der Internetzugang lahmgelegt wird. So auch am gestrigen Tag. Wir freuen uns, daß wir zum Beginn des Marienmonats Mai wieder online sind und so wie geplant ein Bild posten können, das so schön zum ewigen Understatement (aka „Demut“) und der wahren Größe der Gottesmutter paßt. Ich habe es im August 2013 in der Erfurter Johannesstraße fotografiert.

Hier ist sie, die „kleine Rose“:

Haus ‚Kleine Rose‘ (eigenes Bild)

Cornelie Becker-Lamers

 

PuLa reloaded: Glaubenszeugnis in Eilsleben

Der heutige Beitrag in der Reihe PuLa reloaded stammt aus dem Jahr 2013. Zwei Jahre jung war PuLa zu diesem Zeitpunkt, aber wir hatten schon so allerlei erlebt – und zwar auch viel schönes!

Dazu gehört nicht zuletzt der unverändert bestehende gute Kontakt nach Oschersleben und zu Hw. Pfr. Sperling! 

Damals hatte er mich eingeladen, am 10. März in der Herz-Jesu Kirche in Eilsleben einen “Fastenvortrag” zur „Bedeutung der Gottesmutter für meinen Glauben“ zu halten.

Man kann es nach wie vor gar nicht oft genug sagen, wie toll es in Oschersleben ist! Sollte es Sie jemals in die Gegend (nahe Magdeburg) verschlagen, besuchen Sie die Pfarrei St. Marien Oschersleben

Im Mai wollen wir übrigens versuchen, alle restlichen Beiträge für PuLa reloaded mit einem Bezug zur MutterGottes auszusuchen.

Pfarrkirche St. Marien Unbefleckte Empfängnis, Oschersleben, Marienaltar (eigenes Bild)

 

PuLa unterwegs: Glaubenszeugnis in Eilsleben

Lieber Pfarrer Sperling, liebe Anwesende, vielleicht darf ich bei einer solchen Gelegenheit sogar einfach sagen, liebe Schwestern und Brüder?!

Ich danke Ihnen, für Ihre Gastfreundschaft, für die Gelegenheit, hier, in Ihrer schönen Kirche Herz-Jesu in Eilslseben sprechen zu dürfen. Da unsere Pfarrkirche zuhause in Weimar ebenfalls das Herz-Jesu Patrozinium hat und etwa aus der gleichen Zeit stammt, fühlen wir uns hier gar nicht so unvertraut.

Und ich danke natürlich besonders Pfarrer Sperling für die Einladung im Rahmen der Glaubenszeugnisse in der Fastenzeit bei Ihnen zu reden. Mit dieser Idee hat er mich nachhaltig verblüfft! Das ist nämlich, ich sage es lieber gleich, das erste Mal, daß ich so etwas versuche und ich bitte daher schon jetzt um Milde…

Wie ist Ihr Pfarrer auf die Idee gekommen, das vorzuschlagen? Nun, uns hat der „Tag des Herrn“ zusammengeführt. Ausgerechnet, werden Sie jetzt vermutlich sagen, denn Sie wissen ja, das ist  ein Blatt, das Pfarrer Sperling gelegentlich in deutlicher Ansage kritisiert (Sehr zu recht, meines Erachtens!).

Aber im Tag des Herrn gab es vergangenes Jahr auch einen sehr schönen Artikel über die wunderbare Klosterkirche in Hamersleben (und Ihren Pfarrer im Ruhestand, Herrn Kemming), der mich sofort fasziniert hat.

St. Pankratius, Hamersleben, Kreuzgangszene (eigenes Bild)

Ich habe romanische Kirchen schon immer sehr geliebt und bei aller ökumenischen Disziplin, eine solche Kirche hier, die zur katholischen Gemeinde gehört? Darüber wollte ich mehr erfahren. Die Internetrecherche brachte mich natürlich zügig auf die Seiten von „Kathleben“, der Internetpräsenz Ihrer großen Pfarrei und nachdem ich zwei, drei Beiträge aus der Feder von Pfarrer Sperling gelesen hatte, war mir bald klar, darüber würde ich unbedingt etwas schreiben müssen, über Hamersleben, aber noch viel mehr über den guten Geist, die frische Brise, die mir da aus dem Norden, sozusagen über den Harz nach Thüringen, herüberzuwehen schien!

Schreiben müssen auf dem Blog, den ich seit nun ziemlich genau zwei Jahren aus Weimar betreibe. Das habe ich dann im August 2012 auch getan und habe Pfarrer Sperling einen Hinweis darauf geschickt, denn ich schätze gerade auch im Internet die Offenheit. Der sich daraus ergebende gelegentliche Austausch von Emails führte dann zu der mutigen Idee, mich in Person herzuholen…

Eilsleben, 10.3.2013 (Bild: Pauline Lamers)

Vielleicht haben Sie ja von der Blogger-Szene, die sich selbst die „Blogoezese“ nennt schon mal gehört? Wenn ja ist es leider gut möglich, daß es nichts Gutes war, was Sie gehört haben, denn an uns Bloggern wird häufig Anstoß genommen. Für unseren Blog, denn meine Frau wirkt daran ganz wesentlich mit, werden wir in Weimar gerne und mit Ausdauer als „Schädlinge“ bezeichnet. Es sind auch schon schlimmere Begriffe gefallen, die ich aber an einem geweihten Ort nicht gern wiederholen möchte. Es ist, wie der bekannte Philosoph und Katholik Robert Spaemann einmal gesagt hat: Traditionsverbundene Katholiken werden in Deutschland gemobbt.

Denn bemerkenswerterweise ist die überwiegende Mehrheit dieser Blogs traditionell orientiert, ist papsttreu und steht fest zur Lehre der Kirche. Unser Weimarer Blog hat noch die nicht so häufige Besonderheit, daß er es sich zur Aufgabe gemacht hat, ganz konkret auf Mißstände vor Ort einzugehen, was offenbar besonders erbitterte Reaktionen hervorruft.

Ich bin deswegen sehr dankbar, daß Sie gerade dabei sind, sich ein eigenes Bild davon zu machen, wie so ein traditionstreuer katholischer Blogger aussieht und was er sagt und ich hoffe, das wird auch in anderen Fällen, wo von dieser Szene die Rede ist, Ihr Bild davon prägen und Sie dazu bewegen, erst einmal selber zu lesen und sich einen Eindruck davon zu verschaffen, was denn da wirklich gesagt, bzw. geschrieben wird!

Unser Blog heißt „Pulchra ut Luna“, Untertitel: „Katholisch in Weimar“. Pulchra ut Luna ist, offenkundig, lateinisch und heißt: „Schön wie der Mond“. Es handelt sich um einen der traditionellen Ehrentitel Mariens, von denen es ja eine ganze Fülle gibt, dieser stammt aus der Bibel, er findet sich im Hohen Lied, Kapitel 6, Vers 10.

Wenn man das, womit man an die Öffentlichkeit tritt, in dieser Form der Muttergottes, ja, weiht und anvertraut wird deutlich, daß man zu ihr ein besonders inniges Verhältnis hat, nicht wahr? Und damit sind wir beim eigentlichen Thema dieses Glaubenszeugnisses: „Was Maria für meinen Glauben bedeutet“.

Ich werde Ihnen nun keinen mariologischen Fachvortrag halten, dazu wäre ich auch gar nicht qualifiziert, sondern ich will, versuchen, Ihnen eine einfache, schlichte Geschichte zu erzählen, die noch besser hieße: „Wie Maria mich zum Glauben geführt hat“ und will zum Ende versuchen, aus meiner persönlichen Erfahrung und meinem bescheidenen Nachdenken ein paar Schlüsse zu ziehen Thesen anzubieten, die hoffentlich auch über meinen persönlichen Fall hinaus von Interesse sind.

„Geführt hat“ habe ich gerade gesagt, und diese zwei Wörtchen sind wichtig. Ich möchte nämlich ganz zu Beginn mit einem weitverbreiteten Mißverständnis aufräumen: Nach meiner Erfahrung  rastet bei den meisten Menschen, die merken, man hat ein besonderes Verhältnis zu Maria automatisch der Gedanke ein: „Ok, der/die war schon immer so, kommt bestimmt aus einer entsprechend traditionsverbundenen katholischen Familie und dem passenden Umfeld, kein Wunder, daß er/sie so denkt, empfindet, redet.“ Umsomehr scheint mir das der Fall zu sein, wenn, wie in unserem Fall, die Betreffenden ursprünglich aus einem Teil Deutschlands stammen, wo der Katholizismus sich nicht in einer Diaspora-Situation befindet (ich komme z.B. aus dem Rheinland, bin in Bonn geboren).

Aber diese fast selbstverständliche Annahme ist falsch. Bezeichnenderweise ist es vielmehr so, daß gerade unter meinen Bloggerkolleginnen und –kollegen bemerkenswert viele sind, die eine Konversion hinter sich haben, oder völlig neu zum Glauben gefunden haben

Eilsleben, 10.3.2013, Der wichtigere „Gast“: Die „Münchner Monstranz“ (Bild: Pauline Lamers)

Ich möchte nun aber nicht bei der Wiedergabe meiner persönlichen Geschichte stehenbleiben, sondern aus ihr heraus ein paar Thesen anbieten über den Rosenkranz, bzw. das geprägte Beten überhaupt. Denn ganz so glatt ging das bei aller Hilfe ja nicht, sich an diese Gebetsform zu gewöhnen. Natürlich nicht, weil es schwierig wäre, die wenigen Grundgebete auswendig zu lernen, die im Lauf des Kirchenjahres wechselnden „Geheimnisse“ des Rosenkranzes, das Angelus, oder das Salve Regina, natürlich nicht.

Nein, wenn man damit erst anfängt, Sie erinnern sich, ich mußte es erst lernen, sind es ganz andere Hindernisse, die drohen sich einem in den Weg zu stellen.

Einige will ich kurz mit Ihnen betrachten und daran entlang auch versuchen, auf den Begriff zu bringen, was „Maria für meinen Glauben bedeutet“. Um es vorwegzunehmen: Ich kann mittlerweile keines der sogenannten Argumente, die gegen den Rosenkranz, bzw. gegen jede Form des gebundenen, vermeintlich „fertigen“ Gebets landläufig erhoben werden, mehr ernstnehmen.

So heißt es, z.B. das Beten des Rosenkranzes sei umständlich und aufwendig, vor allem zeitaufwendig. Ich habe das nicht feststellen können. Wenn wir ein bißchen aufmerksam sind, finden sich in unserem Tagesablauf nämlich immer Zeiten, die wenig gefüllt sind. Der Weg zur Arbeit ist ein gutes Beispiel. Ich fahre jeden Tag mit der Bahn von Weimar nach Erfurt und zurück und da betet es sich ganz ausgezeichnet. Persönlich finde ich, es geht auch im Auto sehr gut. Und ich verspreche Ihnen, ein Gesätzchen paßt in Zeitabschnitte, von denen man das nie für möglich gehalten hätte, bevor man es versucht hat. Auf diese Weise verwandeln sich banale, ja vielleicht sogar als lästig empfundene Zeiten zu Zeit, die Ihnen gehört, gerade weil Sie sie jemand anderem widmen: Maria wird zur Weggefährtin im wahrsten Sinne des Wortes.

Dann heißt es, gerade von frommen Menschen, bzw. solchen, die ernstnehmen wollen, was sie tun: Ob ich auch immer aufmerksam sein kann, bzw. andächtig genug, werden nicht die Gedanken abschweifen, wenn ich immer das gleiche beten soll, ist dann noch was wert? Das ist ein Einwand, hinter dem jahrhundertealte auch innerkatholische Fehlentwicklungen spuken (Stichwort: Jansenismus). In diese Kategorie gehören auch wohlmeinende Sprüche zum Rosenkranz wie: „Wenn nur ein Ave Maria andächtig gesprochen wird, wiegt es 49 auf, die es nicht waren“ oder so ähnlich. Das ist m. E. ein ganz gefährlicher Gedankengang, denn er verwechselt Beten mit einer Leistung, die der Mensch zu erbringen in der Lage sei. Nein, wir können sowieso immer nur anbieten. Das sollen, das müssen wir ja auch, aber denken Sie bitte an das Wort des Herren im Matthäus Evangelium, Kapitel 6, Vers 8: „denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.“ Ja, die Gedanken schweifen manchmal ab und häufig sind es Sorgen und Kümmernisse, die dann auftauchen. Ja, und? Wir rufen im Rosenkranz zu einer Mutter! Wem sollten wir sie denn sonst anvertrauen, die Sorgen? Deshalb: Was sozusagen hochkommt, beim gebundenen, repetitiven Beten, das gehört dazu, wer es vor Maria bringt, dem wird die Weggefährtin zur Trösterin.

Damit sind wir schon bei einem weiteren oft gehörten Einwand, geprägtes Beten sei nicht individuell genug. Das kann eigentlich nur sagen, wer es nie probiert hat. Es gilt der alte Satz. Es gibt soviel Rosenkränze, wie es Beter gibt! Fast unbemerkt ist mir die zweite Hälfte meiner morgendlichen Bahnfahrt wenn Sie so wollen zum persönlichen Teil geworden, nach den je aktuellen Geheimnissen des Kirchenjahres. Ich bete dann für meine Eltern, meine Familie, für Papst und Kirche und für die Einheit in unserer Gemeinde. Mir ist Maria damit zur Freundin geworden, die Anteil nimmt, an dem, was mich täglich und ganz persönlich bewegt.

Hierher gehört der Einwand, geprägtes Beten sei unflexibel, man könne damit nicht reagieren auf wechselnde Bedürfnisse.  Was für ein Blödsinn! Das ganze Gegenteil ist der Fall. Sie haben das Bedürfnis für Verstorbene und Hinterbliebene zu beten, wissen aber nicht, wie Sie das anstellen sollen? Widmen Sie ihnen regelmäßig ein Gesätz und bitten Sie Maria um ihre Fürsprache für beide Gruppen und Sie haben das richtige getan, ohne erst Bücher wälzen zu müssen. Im übrigen gibt es im reichen Schatz der Geheimnisse, die Generationen von Betern vor uns entwickelt haben für fast jede Situation etwas! Gerade jetzt, in der Zeit der Sedisvakanz, eignet sich z.B. der petrinische Rosenkranz, der Jesu Verhältnis zu Petrus meditiert, ganz wunderbar. Der Rosenkranz, weit entfernt von jeder Inflexibilität, ist in Wahrheit so etwas wie das Schweizer Taschenmesser unter den Gebeten! Maria ist die Helferin des Beters.

Weiter heißt es gerne, geprägtes, repetitives Beten sei inhaltsarm und langweilig. Ich muß sagen, es fällt mir schwer, diesen Einwand auch nur so weit nachzuvollziehen, wie es notwendig ist, um sich mit ihm auseinanderzusetzen. Diese Behauptung ignoriert nicht nur das gegenteilige Zeugnis großer christlicher Beter und Gelehrter aller Jahrhunderte, es negierte auch, wenn man es ernst nimmt, die Erfahrungen aller anderen Religionen und Denksysteme mit der Meditation, die dort, etwa im Buddhismus, ja eine viel größere Rolle spielt. Und auch meine eigene Erfahrung ist eine ganz andere. Bedenken Sie, was es für Ereignisse sind, welche die Geheimnisse, die das Kirchenjahr spiegeln, uns vor Augen stellen: Die zentralen Teile der Heilsgeschichte! Langweilig? Inhaltsarm? Nein, unerschöpflich und immer wieder neu mit jeder Betrachtung. Außerdem sollten wir unseren eigenen Kopf nicht unterschätzen. Ich „finde“ bei diesem Beten  immer wieder plötzlich Antworten auf Fragen, von denen ich zum Teil vorher gar nicht wußte, daß ich sie mir gestellt hatte. Was ich sagen will ist, „es denkt“ in Ihnen, wenn Sie anfangen christlich zu meditieren, Sie werden es nicht verhindern können! Maria wird zur Lehrerin.

Außerdem, so heißt es immer wieder, drohe die Gefahr, die Anrufung Mariens könne in Konkurrenz treten zum Gebet zu ihrem Sohn, zum dreieinen Gott überhaupt und meistens wird dann geraunt, wie schlimm das doch „früher“ gewesen sei. Mal ganz abgesehen davon, daß ich mich immer frage, woher denn die, die so reden das eigentlich so genau wissen wollen, mag es schon sein, daß es Übertreibungen in der Marienverehrung geben hat. Aber ich kann nicht erkennen, daß die Kirche zu irgendeinem Zeitpunkt in der Gefahr gewesen wäre, nicht mehr die Eucharistie, den Opfertod des Sohnes am Kreuz, in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen zu stellen, oder? Vermutlich, ja wahrscheinlich kann es sehr hilfreich sein, an den Rosenkranz heranzutreten nicht mit der Erinnerung an irgendeine Form der Praxis, sondern gewissermaßen „frisch“ und selber zu sehen, was denn in den Texten steht und was  passiert, wenn man sie betet. Und die einfache Feststellung ist, egal, wo Sie hinschauen, die Mitte ist Jesus, ist der Herr, seine Geschichte für uns, mit und durch die Menschen, die er dafür in seine Nachfolge berufen hat, allen voran seine Mutter, die er uns, vom Kreuz herab!, allen zur Mutter gegeben hat. Jedes Geheimnis des Rosenkranzes atmet Jesus, alles, was wir im Engel des Herrn sagen betrachtet seine Menschwerdung. Die Wahrheit ist: Maria führt zum Herrn, zum konkreten, inkarnierten lebendigen Gott, der sich als Mensch unter Menschen geoffenbart hat. Genau deswegen führt sie übrigens auch weg von irrigen Vorstellungen eines pneumatisch alleinwirksam verstandenen Christus, wie sie leider weite Teile der evangelischen Theologie beherrschen. Maria ist der Fels der Lehre!

So, nun haben wir gemeinsam ein halbes Dutzend angeblicher Gründe betrachtet, die alle nicht dazu führen können, daß wir uns vom geprägten, meditativen Beten in der Tradition der Kirche verbschieden sollten, und zum Abschluß möchte ich Ihnen noch eine siebte Überlegung anbieten, die, wenn Sie mir folgen, eigentlich alle anderen überflüssig macht.

Wenn wir uns ehrlich fragen, was ist denn wirklich das „Hindernis“, das uns gern von dieser Form des Betens und von der Zuneigung zur Muttergottes abhalten will? Die sechs Behauptungen, die wir gerade gestreift haben? Ach was! Die sind sekundär. Primär ist das überwältigende Vorurteil unserer Kultur, das wir auf jeder Ebene finden, hochintellektuell und unglaublich vulgarisiert, das Gefühl der Ablehnung, bloß weil etwas „altmodisch“ sei oder „unmodern“, das Gefühl, „das könne man doch heute nicht mehr machen“.

Man kann, glaube ich, in jedem Zusammenhang leicht zeigen, das ist kein Argument, sondern bestenfalls eine Position, die erst noch der Begründung bedürftig ist, meistens ist es aber nur ein Vorurteil.

In unserem Zusammenhang aber möchte ich behaupten gilt noch etwas ganz anderes: Es gilt nichts weniger als die Umkehrung dieser Vermutung! In der Kirche gilt: Weil etwas zur Tradition gehört kann es gar nicht „altmodisch“ werden. Wenn es wirklich zur Tradition gehört kann man es in jedem Fall machen. („Modernität“ ist in diesem Kontext erst gar kein Kriterium, das von Interesse wäre.)

Warum? Weil Kirche Tradition ist! Seit wann? Schon immer. Bedenken Sie, die Tradition, die nicht verschriftlichte Weitergabe des „guten Botschaft“ ging „den Evangelien“ voraus. Und seit den Kirchenvätern und ihren vielfältigen Auseinandersetzungen mit allen möglichen (und unmöglichen) Häresien kann kein Zweifel daran bestehen: Kirche lebt nicht bloß „aus“ Tradition, sie „lebt“ Tradition, Tradition ist ihr lebendiger Selbstvollzug. Deswegen ist diese ja auch per definitionem nie „tot“, nie abgeschlossen, kann nie abgeschlossen sein bis zum Ende der Zeiten.

Wenn man nun so argumentiert kommt ganz gewiß, mit geradezu penetranter Sicherheit, ein Spruch, der als Einwand gemeint ist: Tradition, so heißt es da in mehreren Varianten, sei nicht die Bewahrung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.

Ich wußte noch nie, was ich von diesem Bild halten soll. In solchen Fällen hilft der Rat von Georg Büchner: „Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden.“ Tun wir das im vorliegenden Fall, dann lautet die Frage: Ist die Kirche ein Ofen? Und was würde denn da zu Asche „verheizt“?

Ich möchte Ihnen ein anderes Bild vorschlagen, das glaube ich die Sache viel besser trifft: Das Bild des Baumes. Ein Baum verheizt nämlich nicht nur nichts, er wächst. Weil er ein lebendiger Organismus ist,  hängt alles an ihm mit allem zusammen: Das frischeste Zweiglein mit der feinsten Wurzel, verbunden über den mächtigen Stamm. Man kann auch nichts wegnehmen, ohne daß es dem ganzen Organismus schadet. Auch nicht von den holzigen, scheinbar ganz starren, alten Teilen. Dann wird der Baum nämlich hohl und seine Standfestigkeit ist gefährdet. Stellen Sie sich bitte einen alten Solitär vor, wie er mitten in der Feldflur steht, wuchtig, knorrig vielleicht, aber im Frühling doch voller Anmut und immer erneuter Jugendlichkeit im frischen Blätterkleid. Ist dieser lebendige Selbstvollzug nicht ein geeigneteres Bild der Kirche?

Und wen finden wir im Anfang dieses Wachstums? Wer umschloß den göttlichen Samen aus dem unser Baum sproß? Wer gehört daher zu seinem innersten Kern?

Maria.

Maria ist, und ich bin fest überzeugt nicht bloß für mich, Weggefährtin und Trösterin, Freundin und Helferin, Lehrerin und Führerin zum Herrn. Maria ist der Fels der Lehre, der Kern der Tradition, das, und hier zitiere ich Pfarrer Sperling, „gesunde Herz“ und die Mutter der Kirche; wenn wir uns ihr anvertrauen, können wir nicht irre gehen.

 

Gereon Lamers

Der inoffizielle BUGA-Außenstandort

Kein Kulturstadtprogramm im Kirchenpavillon

Ja. Normalerweise wäre unsere Pfarrei ab heute für eine Woche im Kirchenpavillon auf dem Erfurter Petersberg im Rahmen der Bundesgartenschau 2021 zugange. Mit Andachten, Vorträgen, musikalischen Einlagen, einem Singspiel und Mitmachaktionen. Nun sind alle Veranstaltungen der BUGA bis einschließlich 3. Juni 2021 verboten. Es kam Schritt für Schritt – erst ein Verbot bis 2. Mai, dann eins bis 9. Mai, und als wir uns in einer Zoomkonferenz am letzten Donnerstag fragten, ob wir nun eigentlich in den Endspurt der Vorbereitungen gehen sollten, teilte uns Pfarrer Gothe schon die Skepsis der Verantwortlichen mit. Und Freitagabend kam die offizielle Absage.

Wer dennoch im Kirchenpavillon ist, ist eine ehrenamtliche Gästebegleitung. Das heißt, in zwei Tagesschichten je zwei Personen aus unserer Pfarrei, die einfach trotzdem dort sind, ohne Programm zu machen. Die Pfarrei ist ihnen sehr dankbar. Denn was braucht es derzeit dringender als die Tröstungen des Glaubens? In einer Zeit, in der so vielen Menschen genommen wird, was sie sich zur Erhaltung ihrer seelischen Gesundheit aufgebaut oder ausgedacht haben: Den Sportlern die Turnhallen, den Musikern das gemeinsame Musizieren und das Konzerterlebnis, den Skatbrüdern das Wirtshaus, der Fußballfans das Stadion, den Kunstfreunden die Museen und Galerien und den Gläubigen das Erlebnis der Gemeinschaft in einer vollen Kirche. Wenn man immer mehr Menschen nimmt, was sie gesund hält, muß man sich nicht wundern, wenn es auch immer Menschen gibt, die man gesund machen muß. Vielleicht kann das eine oder andere Gespräch unserer Ehrenamtlichen vor diesem Hintergrund schon Emotionen auffangen – oder einfach deutlich machen: Wir verstehen Sie und sehen das genauso.

Doch das ist nicht das einzige, was unsere Pfarrei leistet: Der Pfarrgarten selber ist offiziell zum inoffiziellen BUGA-Außenstandort erklärt worden. Das sieht so aus, daß Elemente eines Konzerts, das für die BUGA geplant war, heute Abend bei glücklicherweise noch schönem Wetter als musikalische Andacht im Pfarrgarten über die Bühne gegangen sind. Und daß der Bildhauer Gernot Ehrsam nicht im Kirchenpavillon arbeitet, sondern seine ohnehin im Pfarrgarten plazierten Skulpturen am Mittwoch und Donnerstag dieser Woche hier in Weimar im Freien weiter bearbeitet. Zu Gesprächen unter Beachtung aller Maßnahmen wird herzlich eingeladen.

Ansonsten hoffen wir, daß die Kontakte, die die verschiedensten Leute während der Vorbereitungszeit geknüpft haben und daß die Vorarbeiten, die längst geleistet worden sind, zu einem späteren Zeitpunkt noch werden Früchte tragen dürfen.

 

Cornelie Becker-Lamers

Zeichen und Wunder

Zum 10. Geburtstag unserer Orgel

Ja, liebe Leser – das war heute ein Gefühl wie Ostereiersuchen. Wie Sie wissen ist uns der zehnte Jahrestag der Orgelweihe der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel in Herz Jesu Weimar sehr präsent. So wurden wir denn auch in der Vergangenheit nicht müde, nach Veranstaltungen zur Feier des Tages Ausschau zu halten und uns namentlich bei der Eignerin der Orgel, also der Musikhochschule unseres Städtchens, nach dem Stand entsprechender Planungen zu erkundigen. Es sei etwas angedacht, hieß es aus berufenem Munde, und werde zu gegebener Zeit auf der Homepage der Hochschule im Veranstaltungskalender angezeigt. Das ließ hoffen. Denn auch wenn die Zusage unseres Pfarrers zur Betreuung des BUGA-Kirchenpavillons für die Folgewoche, also ab kommenden Montag, hatte vermuten lassen, der Termin könne ihm womöglich nicht ganz so präsent sein, so schien doch eine Planung seitens der Hochschule einige Feierlichkeiten zu versprechen.

Doch der Veranstaltungskalender der Hochschule blieb leer. Die kleinen Berichte, mit denen man auf der Startseite über aktuelle Ereignisse berichtet, erwähnen das Jubiläum ebensowenig wie die Seite, die direkt über das Instrument berichtet. Kein Konzert, kein Hinweis auf eine Verschiebung aufgrund von Coronamaßnahmen, nichts. Ebenso zwecklos suchte man auf der Startseite unserer Pfarreihomepage.

Bis heute! Denn zwar gibt die Startseite weder eine ausführliche Darstellung noch einen Hinweis auf Instrument und Jubiläum. [Anm. der Redaktion: Und Suchmaschinen fanden die Zusatzinformation (deswegen?) auch heute im Laufe des Tages nicht…] Aber wenn Sie die Seite über den Menüpunkt > Orte > Kirchen > Pfarrkirche Herz Jesu und schließlich > Franz-Liszt-Gedächtnisorgel abgrasen, stoßen Sie auf einen rot umrandeten Kasten, der an das Jubiläum der Orgel erinnert, den Namen ihres Initiators Prof. Kapsner nennt, sich bei Himmel und Menschen für ihr Dasein und Sosein bedankt, sich auf weitere Zusammenarbeit freut – und: die Verschiebung eines lange geplanten Festkonzertes ankündigt. Wie gesagt: Ein Gefühl wie Ostereiersuchen!

Information zum Jubiläum der Franz Liszt Gedächtnisorgel in Herz Jesu Weimar auf der Homepage der Pfarrei und im ab heute gültigen Pfarrblatt (Screenshot am 8. Mai 2021)

Kurz entschlossen (gingen alle in die Planung Involvierten doch bis gestern Abend davon aus, vom 10.-16.Mai 2021 den BUGA-Kirchenpavillon mit Andachten, Musikbeiträgen und Veranstaltungen zu bespielen, die nun einer schlechten Gewohnheit folgend verboten wurden) scheint man sich zu einer Festmesse am Sonntag, dem 16. Mai 2021 um 10 Uhr entschlossen zu haben. Sogar Professor Martin Sturm, der als pendelnder Hochschullehrer regulär zwar die Messen am Dienstag Vormittag, nicht aber Sonntagsgottesdienste mit den Studierenden der Kirchenmusik liturgisch zu gestalten pflegt, wird zur Feier des Tages anwesend sein. Seitens der Mitwirkenden kursiert der Hinweis, auch des Namensgebers Franz Liszt werde man gedenken und zu seinen Ehren mit verbotsgeschuldet wenigen Sängern die Missa Choralis zu Gehör bringen. Hier 🙂

So bleibt uns heute nur, die reichlich versteckten Informationen mit unseren Mitteln ein wenig weiter zu streuen und zur Feier des heutigen Geburtstages voller Hoffnung als Reload den „Auftakt“ zu posten, mit dem wir in der Vergangenheit einige Male unserem Wunsch nach einer adäquaten Würdigung und Nutzung des besonderen Instruments Franz Liszt Gedächtnisorgel Ausdruck verliehen haben.

PuLa-reloaded, Der Auftakt, zur Orgelweihe 2011 (vgl. hier)

 

Cornelie Becker-Lamers

PuLa Reloaded: Die Denkmalschützer

Es gibt wieder ein Jubiläum zu feiern. Am kommenden Samstag, dem 8. Mai 2021, jährt sich die Weihe der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel in Herz Jesu Weimar zum zehnten Mal. Wir werden daher auch am kommenden Samstag, direkt zum Geburtstag, ein Reload mit entsprechender Einleitung und Erläuterung posten und unseren allseits beliebten und offenbar immer noch so dringend benötigten Senf zum Anlaß dazugeben. Heute möchten wir Ihnen zunächst einmal den Sketch vom 6. Mai 2013 in Erinnerung rufen – ein Sketch, der die Widerstände gegen das von fachlicher Seite ergänzte Klangsegel aufs Korn nimmt und dabei jede Menge Atmosphärisches von der damaligen Stimmung, vom damaligen Zustand der Pfarrei spürbar werden läßt. Theoretisch haben wir das Problem rund ums Klangsegel der neuen Orgel hier bereits ausführlich erläutert und Sie können alle Fakten bei Gelegenheit genau nachlesen. Jetzt, heute Abend, lehnen Sie sich einfach zurück und genießen Sie

 

Die Denkmalschützer

Ein Sketch für drei Personen

(Wir befinden uns in dem beschaulichen Städtchen Wundersdorf im Oderbruch. Die katholische Pfarrkirche Maria Hilf!. Wie gewohnt will sich Corinna die Kirche aufsperren, um nach dem Rechten zu sehen und die Kollekte für die vielfältigen Aufgaben in der Großpfarrei nachzuzählen, als sie wie angewurzelt stehenbleibt: Die Kirche ist offen! Ohne ihre Erlaubnis! Wutschnaubend stürmt sie das Gebäude, um wiederum vor Schreck zu erstarren: Im Blick hat sie die Deckenlampen der Pfarrkirche: die zwölf Hängeleuchter mit je zehn blitzblanken Bommelbirnen. Auf einer hohen Leiter steht ein Arbeiter, offensichtlich im Begriff, diese Deckenbeleuchtung nach und nach abzuschrauben. Ein weiterer Arbeiter steht am Fuße der Leiter und assistiert seinem Kollegen.)

Corinna (im Befehlston): Was machen Sie hier?!

Der zweite Arbeiter: Det sehn Se doch. Wir schrauben de Lampen vonna Decke.

Corinna: Sofort hören Sie damit auf und verlassen das Gebäude! (Sie zeigt mit ausgestrecktem Arm den Mittelgang entlang in Richtung Hauptportal.)

Der erste Arbeiter (hebt vorsichtig die gerade entfernte Lampe aus ihrer Halterung und dreht sich gelassen nach dem Störenfried um): Mit wen ham wa denn die Ehre?

Corinna (barsch): Corinna Bischof. Ich bin hier der Herr im Haus!

(Die beiden Arbeiter prusten vor Lachen los. Der erste steigt vorsichtig von der meterhohen Leiter, reicht zwischendurch dem Unterstehenden die Lampe an und verrückt die Leiter unter die nächste Deckenleuchte. Während der zweite Arbeiter die Lampe in einer vorbereiteten, gepolsterten Kiste verstaut, steigt der erste Arbeiter wieder die Sprossen hinauf.)

Corinna (wütend): Runter da, hab ich gesagt! (Sie stürmt auf die Leiter zu, um daran zu rütteln. Gerade noch rechtzeitig kann der zweite Arbeiter ihr in den Arm fallen.)

Der zweite Arbeiter: Jetz hörn Se mir ma jut zu, Frollein Jungefrau! Wir ham hia im Ufftrach vonne obastn Denkmalbehörde de Lampen vonna Decke und de Taschenhaken vonne Bänke zu entfern’n. Und det wern wa ooch mach’n! Is schließlich nich Ihr Jebäude, hia!

Corinna: Aber selbstverständlich ist das mein Gebäude! Ich bin doch die Gemeinde!

Der erste Arbeiter (guckt schief von der Leiter): Wenn Sie imma so’n Ufftret’n haam, wundert mich det jar nich, det sons‘ keena mehr komm‘ will!

Corinna: So habe ich das nicht gemeint! Bei der Wahl zum Kirchenvorstand konnte ich 327 Stimmen sammeln – äh, auf mich vereinen. Von 5613 Leuten. Und jetzt raus! (Sie versucht wieder an der Leiter zu wackeln.)

Der zweite Arbeiter (fällt ihr in den Arm): Sagen Se ma: Wenn Sie hier de selbsternannte Nummer Eins sind, denn ham Sie doch selba de Denkmalbehörde uff den Zustand von dieset Jebäude hia uffmerksam jemacht!

Corinna: Selbstverständlich! Ohne mich geht hier gar nichts. Aber ich habe doch nicht angeordnet, die Lampen zu entfernen!

Der zweite Arbeiter: Nee, det nich. Aba Se ham sich bei de Denkmalbehörde über det Klangsejel von de Orjel beschwert, wat die Fachleute zum Stimm’n und Rejistrian brauchen.

Corinna: Das Klangsegel ist ja auch eine Zumutung! Gut, daß das sofort wieder weg kam!

Der zweite Arbeiter: Wenn hia wat ne Zumutung is, denn sind det die Taschenhaken, die irjendeena, der nischt von de Sache vasteht, nach de Renovierung hat anbring’n lass’n. Det war wohl Ihr Kirchenvorstand?

Corinna (verächtlich): Pff! Für solche Entscheidungen brauche ich doch nicht die Gremien! Das habe ich selbstverständlich allein entschieden. Die Haken sind funktional und bleiben dran! Und jetzt raus!

Unpassende Taschenhaken an renovierten Kirchenbänken, Symbolbild
(eigenes Bild)

Der zweite Arbeiter (nimmt die nächste Lampe von seinem Kollegen entgegen): Die Haken komm’n ab und wern durch ne stiljerechte Serje asetzt. Da kriejen Se in den neesten Tag’n Bescheid von unsan Fachpersonal. (Er hilft seinem Kollegen, die Leiter zu verrücken.) Und mit de Lampen detselbe.

Corinna: Die Lampen sind funktional – das sieht doch schon gar keiner mehr!

Der zweite Arbeiter: Wenn hia wat funktional is von den neu einjebauten Sachen, denn is det det Klangsejel. Und det sieht schon jar keena, det hängt ja hinta de Leute über de Orjelempore.

Corinna: Eben! Und dort sehen es der Pfarrer und ich vom Altarraum aus, wenn wir unsern Dienst tun. Völlig unmöglich! Das Klangsegel verdeckt wertvolle bauliche Details, die unsere Kirche verschönern.

Der erste Arbeiter (grinst): Ick denke, Se möjen’s funktional … (Die beiden lachen.)

Corinna (eiskalt): [Es folgt eine längere Textpassage vulgärer Flüche und Beschimpfungen, die wir unseren Lesern nicht zumuten möchten.] So! Und jetzt verschwinden Sie, ich sag’s zum letzten Mal!

Der zweite Arbeiter (grinst): Na, denn ham wa ja jetz endlich unsre Ruhe! (Er nimmt die dritte Lampe entgegen und verstaut sie vorsichtig in der Kiste.)

Corinna: Wenn Sie hier die Lampen alle abschrauben, dann ist die Kirche ja dunkel!

Der erste Arbeiter: Denn stell’n Se ma hia nich immer so ville Lichter unta ‘n Scheffel, denn strahlt ihre Jemeinde ooch ohne Lampen.

Corinna (dreht sich um und schreit): Weihbischooooof! (Sie rauscht raus.)

Der zweite Arbeiter (blickt ihr schmunzelnd nach): Wie meene Kleene: Null Frustrationstoleranz!

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

 Ja, so geht’s zu in Wundersdorf! Ob man sich eine so durchsetzungsfähige Denkmalspflege wohl auch in anderen Teilen Deutschlands vorstellen könnte? 😉

Klagemauer und Schiefertafel

Cultural appropriation und investigatives Potential

Etliche Pfarreien in Deutschland haben derzeit eine kleine Klagemauer. Evangelisch wie katholisch. Ost wie West. Manche direkt vor dem Altar. Manche in ihrem Pfarrgarten. Auch in Herz Jesu Weimar wich nach Mariä Lichtmeß die große Weihnachtskrippe nicht den üblichen vier Bankreihen (die seit unserem Beitrag „Seinlassenvom 8. April 2020 übrigens im südlichen Querarm vor der Marienkonsole nicht mehr schräg auf den Volksaltar im Chorraum ausgerichtet sind, sondern wieder gerade stehen [Anm. d. Red.: Was allerdings immer noch ein nur sehr schwacher Schritt zur notwendigen Restitution der Seitenaltäre ist. Aber immerhin]). Sondern es wurde rechtwinklig eine kleine Klagemauer aufgebaut und durch die restlichen Bänke von Norden und Osten zum Karree ergänzt.

Die „Steine zum Weinen“ in Herz Jesu Weimar seit Anfang Februar 2021 (eigenes Bild am 20. April 2021)

Tatsächlich wie bei der Klagemauer in Jerusalem sollen Zettelchen mit Gebetsanliegen und traurigen Gedanken zwischen die Steine gesteckt werden.

Zettel in der Klagemauer in Herz Jesu Weimar (eigenes Bild am 20. April 2021)

Man hat keine Mühen gescheut: Ein reflektiert und liebevoll gestaltetes Gebetsblatt liegt hierzu eigens aus. 

Ein Gebetsblatt für die Klagemauer in Herz Jesu Weimar (eigenes Bild am 20. April 2021)

An der Westseite des Querarms (also Richtung Chorraum) aber ist ein weiteres Element aufgebaut, das der Trauer aufhelfen soll. Sorgfältig beschriftet, erinnert eine Schiefertafel an die insgesamt seit Beginn der ersten Krankheitswelle in Weimar Verstorbenen, deren Ableben mit dem inzwischen vielfach mutierten Coronavirus in Verbindung gebracht wird. Der erste Mensch starb in unserer Stadt am 12. November letzten Jahres.

(Die Todesursache war damals von der Stadt presseöffentlich dezidiert als nicht eindeutig auf das Coronavirus festzulegen bestimmt worden. Das ist aber in diesen Fällen bekanntlich gleichgültig.) Insgesamt sind bis heute in Weimar 98 Menschen in den letzten 15 Monaten an oder mit dem Virus ihrer Krankheit erlegen. 90 davon sind auf der Schiefertafel in Herz Jesu Weimar verzeichnet.

Die Klagemauer haben meine in political correctness bestens geschulten Kinder sofort als einen Fall von ‚cultural appropriation demaskiert: als Dekontextualisierung und kulturelle Aneignung eines isolierten Elementes einer Minderheitenkultur. Der gedachte Daumen ging angesichts der Installation in der Kirche daher nach unten. Ich bin einige Wochen lang diesem Urteil gefolgt, und zwar genau so lange, bis ich mir die Schiefertafel einmal genauer angesehen habe. Dies geschah anläßlich des bundesweiten Gedenktages für die Coronatoten, den der Bundespräsident am Sonntag 18. April 2021 zelebrierte und an dem sich auch die Kirchgemeinden mit entsprechenden Anmerkungen in den Gottesdiensten beteiligten.

Denn mehr als Anmerkungen konnten es beispielsweise in Herz Jesu Weimar nicht sein. Nachfragen bei einer rührigen alten Dame (Jg. 1929) aus der Gemeinde, bei der Leiterin des Seniorenkreises sowie bei einer betagten Küsterin förderten nicht eine einzige Erinnerung an ein an oder mit Corona verstorbenes Gemeindemitglied zutage. Einzig unser Pfarrsekretär hatte den Namen eines hochbetagten Herrn aus einer unserer Filialgemeinden parat. Eine Nennung der Opfer, wie sie bei Gedenken ja eigentlich gang und gäbe ist, fiel also an jenem Sonntag nicht nur aus Gründen des Datenschutzes unter den Tisch des Herrn.

Die Woche drauf besah ich mir die Schiefertafel noch einmal genauer. Sie verzeichnete also alle Weimarer Toten, nicht etwa speziell die der Pfarrei. Mir fiel auf, daß die Liste seit dem 18. Februar nicht weiter vervollständigt worden war und tippte auf den häufig genug verebbenden Elan in ehrenamtlicher Tätigkeit.

Dann kam mir die Idee, einmal durchzuzählen, wie viele Daten denn die Tafel schon nannte. Es waren 90. 90 von damals 96 Toten. 90 bis Mitte Februar. Und da fiel mir plötzlich das ungeahnte aufklärerische, ja aufrührerische Potential dieser Tafel auf, das ich bis dahin unterschätzt hatte:

In den elf Wochen von Anfang Dezember bis Mitte Februar sind in Weimar 90 Menschen mit oder an Covid19 verstorben.

In den mittlerweile elf Wochen seither acht.

Die Erkenntnis fiel in die Zeit, als in den Weimarer Schulen gerade wieder die Angst vor Schließungen umging – eine Angst, die sich als nur allzu begründet erweisen sollte. Tage später saßen die Kinder und Jugendlichen wieder zuhause, alleine über irgendwelchen Arbeitsblättern. Die Erkenntnis fiel auch in die Zeit, in der die Präsenz-Messen noch weiter reduziert, noch mehr ins Online-Angebot verlegt und durch Eucharistische Anbetung mit Kommunionausteilung ersetzt wurden. Zwar zeigt genau die Tafel in unserer Klagemauer-Installation, die unter den zu betrauernden Weimarer Toten nicht ein einziges Gemeindemitglied auflistet, daß Messen offenbar nicht zu den Hotspots des Infektionsgeschehens zählen. Aber dennoch: Die Zahlen stiegen doch so!!!

Was für Zahlen? Die Zahlen positiv Gestesteter, asymptomatisch Infizierter – gerade auch unter den Schülerinnen und Schülern. Denn – auch wenn es in der konkreten Umsetzung wie alles im Pandemiemanagement haperte – die Kinder mußten und müssen sich Selbsttests unterziehen, möglichst zweimal die Woche. Viel gefunden wurde und wird nicht – davon kann man sich täglich auf der entsprechenden Internetseite der Stadt Weimar überzeugen. Und bei so drastisch sinkenden Todeszahlen bekommt angesichts der Schiefertafel in unserer Kirche das Schlagwort von der „Laborwelle“ ein ganz neues Gewicht.

Danke! Ausdrücklich danke an die Initiatoren des Projekts „Steine zum Weinen“ – und besonders für die Idee der Zusatzinstallation dieser sorgfältig beschrifteten Tafel. Schreiben Sie ruhig auch die fehlenden acht Daten noch auf. Die Wochenabstände, die sie markieren werden, dürften das investigative Potential der nur auf den ersten Blick so unscheinbaren Installation noch deutlicher in den Vordergrund treten lassen.

Neunzig mit Covid19-Infizierte verstarben in Weimar in der Advents- und Weihnachtszeit 2020/21. Bis heute sind seitdem noch acht Menschen hinzugekommen, die die Schiefertafel neben der Marienkonsole in Herz Jesu Weimar schon gar nicht mehr verzeichnet. (eigenes Bild am 20. April 2021)

 

Cornelie Becker-Lamers