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Sketch des Monats: Odowy, oder Die Hundevermietung

Ein Sketch für zwei Personen, fünf Schafe und jede Menge Schafstatisten

Wundersdorf/ Oderbruch. Die allseits bekannte Schafweide. Sooo ungemütlich ist das Wetter heute gar nicht und die Schafe grasen in aller Seelenruhe vor sich hin. Einige haben sich in den Unterstand zurückgezogen. Andere liegen unter der Tanne und schlafen. Nur in einer Gruppe um Kohle, Wolle und Flocke ist es unruhig. Was haben sie wieder zu diskutieren? Wir hören mal rein.

 

Flocke (runzelt die Stirn): Er wird jetzt ständig vom Pritschenwagen abgeholt und ist bis in die Nacht hinein weg.

Wolle (weinerlich): Manchmal sehe ich ihn abends gar nicht mehr, weil ich schon schlafe, wenn er heimkommt.

Blütenweiß (kommt herangetrabt, mitfühlend): Was ist los? Ihr habt doch was!

Kohle (sorgenvoll): Wir fragen uns, wo Tatze in letzter Zeit ständig steckt.

Grauchen: Wir machen uns ein bißchen Gedanken um ihn.

Flocke: Und außerdem fehlt er ja hier.

Wolle: Eben! Schließlich ist er unser Hütehund.

Blütenweiß: Ihr habt Recht! Als ich neulich …

Bevor sie aussprechen kann, wird vom Gatter her ein lautes Hallo hörbar. Die Schafe blicken auf und sehen Richard und Edith auf dem Feldweg stehen und winken.

Kohle (ruft): Wir kommen!

Die Schafe traben los und begrüßen die beiden Freunde.

Richard (freundlich): Na, Schafe?

Edith (ebenso): Was gibt’s Neues?

Grauchen: Ooooch … soweit alles in Ordnung …

Flocke: … eigentlich …

Edith: Raus mit der Sprache!

Richard: Irgendwas stimmt doch nicht. Ich seh‘s Euch an der Nasenspitze an!

Wolle: Tatze ist irgendwie verschwunden …

Kohle: Na – das nicht gerade. Aber er ist in letzter Zeit ständig unterwegs und wir wissen nicht, wo er jeden Abend steckt.

Richard und Edith fangen an zu lachen.

Richard: Na – das kann ich euch sagen, wo der steckt!

Edith: Das kommt bei uns sogar in den Vermeldungen (sie lacht.)

Grauchen: Ist er etwa in der Pfarrei wieder als Blindenhund tätig? 

Richard (erinnert sich): Oh … (er prustet) das könnte gut sein!

Edith: Aber ganz soweit ist es noch nicht wieder, in Maria Hilf! Wundersdorf …

Wolle: Also ist es etwas anderes?

Blütenweiß: Jetzt bin ich aber neugierig!

Richard: Der Pfarrer hat sich das ausgedacht.

Edith: Er läßt Tatze immer abholen und vermietet ihn.

Wolle (wird blaß): Tatze?

Flocke (ebenso): Vermietet?

Grauchen (ebenso): An wen?

Blütenweiß: Und wozu? Hundearbeit?!

Richard (wiegelt ab): Macht euch keine Sorgen!

Edith: Es ist alles ganz harmlos!

Richard: Der Pfarrer mußte sich nur was ausdenken, weil die Kollekteneinnahmen so in die Knie gegangen sind.

Edith (erläutert): Jetzt durch die Verordnungen mit den wenigen Meßbesuchern.

Richard (fährt fort): Und da hat er sich kurzerhand die Ausgangssperre zunutze gemacht.

Wolle (völlig verdattert): Wie?

Flocke (ebenso): Ausgangssperre?

Edith: Die Menschen dürfen abends nicht mehr auf die Straße.

Richard: Wegen Corona.

Kohle: Schwachsinn!

Edith: Du sagst es! Im Winter bei geschlossenen Restaurants, Kinos und Theatern völliger Schwachsinn.

Richard: Wird aber eisern geahndet, wenn sich jemand nicht dran hält!

Kohle: Und was hat Tatze damit zu tun?

Edith: Naja – einen Hund Gassi führen – das können sie ja nicht verbieten.

Richard: Eben. Mit dem Hund darf man abends nochmal raus.

Grauchen (beginnt zu begreifen): Und wer keinen Hund hat …

Edith: … kann sich bei unserm Pfarrer einen mieten – genau!

Flocke (mit erhellter Miene): Raf-fi-niiiiiiiert!!!

Wolle: Jetzt begreife ich, warum es für Tatze abends immer so spät wird!

Edith: „Odowy“ heißt die Aktion. Hat der Pfarrer sogar auf den Bonibus drucken lassen.

Richard: Yep:

Don’t walk your dog.
Our dog walks you:

„ODOWY“

Die Schafe brechen in befreiendes Gelächter aus.

Blütenweiß: Genial!!!

Grauchen: Was für ein Geschäftsmodell!

Flocke: Na – da bin ich ja beruhigt!

Wolle: Kohle! Was guckst du immer noch so finster?

Kohle: Ich freue mich für Tatze. Aber ich will auch mal raus.

Blütenweiß: Du bist aber ein Schaf.

Kohle: Na und? Keine Diskriminierung, bitte! Außerdem sehe ich von weitem doch aus wie ein Königspudel. Oder? (Er stellt sich in Positur und wirft den Kopf nach hinten.)

Richard (lacht): Ich werd’s dem Pfarrer ausrichten.

Edith: Machen wir! Dann kann er überlegen, ob er dich das nächste Mal auch mitnimmt in die Stadt.

Alle lachen und reden durcheinander.

Flocke (verschmitzt): Es gibt nur ein Problem …

Kohle: Und das wäre?

Flocke (platzt heraus): Du müßtest länger als fünf Minuten die Klappe halten!

Alle lachen.

Kohle (ein wenig pikiert): Pah! … Mäh! (mit einer plötzlichen Eingebung) Määääh! Ich spreche als Königspudel eben Fremdsprachen! Mäh. Ganz einfach.

Grauchen: … und bist deshalb besonders teuer!

Richard: Deal!

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf. Bloß gut, daß bei uns in Weimar die Kassen nicht so knapp zu sein scheinen, den vielfältigen Baumaßnahmen im und ums Gemeindehaus nach zu schließen.

Wahrnehmung und Raum. Teil 1: Der profane Raum

Eine digitale Postwurfsendung zum Neuen Jahr

Via Email kursierte Anfang Januar als Neujahrsgruß das kleine Video eines “Erfolgstrainers” (“Life coach”), in welchem die Bedingungen der Möglichkeit ästhetischer Wahrnehmung reflektiert werden. Um bei der inhaltlichen Paraphrase und Besprechung nicht zu spoilern, müssen Sie das Filmchen einmal kurz schauen. Es ist ausdrücklich zum Teilen mit Freunden gedacht, nicht gekürzt und darf daher sicherlich auch auf unserem Blog erscheinen. Hier:

Hier wird von einem sozialen Experiment berichtet, das die Washington Post wohl schon im Jahr 2007 inszeniert und finanziert hat. Ein Spitzengeiger hat die sechs Solopartiten von Bach in  einer U-Bahnstation gespielt, ohne sonderlich aufgefallen zu sein. 

Unterlegt wird der reflektierende Text unseres Neujahrsgrußes verwirrenderweise allerdings mit „Jesu bleibet meine Freude“ aus einem anderen, in Weimar 😉  komponierten Bach-Werk, nämlich der Kantate „Herz und Mund“. Für ein Youtube-Video aus dem Jahr 2014, welches  das Projekt erneut nachbereitet, spielt Bell dann gar das a-moll-Konzert BWV 1041, hier (und hier ein Video der Situation in der U-Bahn).

Darauf kommt es offenbar aber auch überhaupt nicht an. Die Botschaft ist – weswegen der Film über die knapp 14 Jahre alte Aktion vermutlich auch jetzt, zu Beginn des neuen Jahres kursiert, das: Nimm die Schönheit wahr, wo sie sich dir bietet. Der Alltag ist voller Überraschungen. Takte dein Leben nicht so durch!

Zugleich werden räumliche Umgebung und Zeitpunkt als Bedingungen der Möglichkeit ästhetischer Wahrnehmung thematisiert.

 

Die ästhetische Schwelle

Die Kunstwissenschaft reflektiert die „ästhetische Schwelle“, die die Wahrnehmung auch alltäglicher Gegenstände als Kunst ermöglicht, schon recht lange. Vor gut hundert Jahren plazierte Marcel Duchamps (1887-1968) sein erstes Ready-Made in einer Ausstellung. Die Idee des objet trouvé, die Überführung eines Alltagsgegenstandes in die Kunst allein durch seine Dekontextualisierung, war geboren. Seither bestehen  Möglichkeit und Verpflichtung, über einen – überspitzt gesagt – Gerümpelhaufen im Museum in anderer Weise nachzudenken als an der Straßenecke. An der Straßenecke ist es Sperrmüll und ich kann überlegen, ob mein künftiger Abstelltisch darunter ist. Im Museum muß ich nachdenken, auf welche anderen Werke Künstler oder Künstlerin hier anspielen, ob sie eine Richtung weiterdenken oder sie parodieren, und was genau dem ‚Müllhaufen‘, so ausgestellt, ablesbar sein könnte. Und seither gibt es die Probleme in den Museumsdepots, die in dem schönen Plakat- und Aufkleberspruch „Ist das Kunst oder kann das weg?“ vor Jahren schon gültig auf den Punkt gebracht worden sind.

In Weimar mußte bekanntlich im Januar 2017 die Jubiläumsausstellung zu 10 Jahren Galerie Eigenheim schließen, weil ein die Wegwerfgesellschaft kritisierendes Kunstobjekt echten Leih-Plastikmüll aus dem Erfurter Rewe-Logistikzentrum in der ehrwürdigen Kunsthalle Harry-Graf-Kessler ausgebreitet hatte.

Zur Eröffnung war der Geruch gerade noch zu ertragen gewesen – und so hatte sich auch niemand ernstlich über dieses Kunstwerk gewundert, das zehn Meter weiter, vor der Tür, von städtischen Angestellten in orangefarbenen Westen aufgespießt und entsorgt worden wäre.
So funktioniert, was der Weimarer emeritierte Kunstwissenschaftsprofessor Karl Schawelka schon vor 30 Jahren die „ästhetische Schwelle“ genannt hat. Der Schritt durch die Museumstür beeinflußt unsere Wahrnehmung radikal.

 

Kunst im öffentlichen Raum

Professor Schawelka hat das u.a. in einem Aufsatz über Richard Serra und dessen Kunst im öffentlichen Raum entfaltet. Denn die Kunst im öffentlichen Raum hat genau dieses Problem: Sie können Plasteflaschen nicht einfach irgendwo im Stadtgebiet aufbauen. Die sind am nächsten Tag weg. Bei falsch plaziertem Sperrmüll u.U. inklusive Bußgeldbescheid an den Verursacher. Wie markiert man im öffentlichen Raum Kunst, die nicht mehr als solche erkennbar, weil nicht mehr skulptural, ausgearbeitet, ‚schön‘ oder sonstwie “besonders” ist – sondern bspw.  eine Reihe von Steinen, wie sie Ulrich Rückriem zur ersten Skulpturenausstellung 1977 in Münster aufgestellt hat?

Ulrich Rückriem, Dolomit zugeschnitten (1977) vor der Petrikirche in Münster/ Westfalen (Quelle wikimedia commons; User Rüdiger Wölk)

Hier ist jede Menge Vorwissen zur Einordnung des Gesehenen vonnöten – und entsprechend hoch ist das Aggressionspotential derer, die sich von diesem Wissen ausgeschlossen fühlen, solchen Skulpturen und Kunstobjekten gegenüber: Der Vandalismus bspw. auch an den Exponaten der langjährigen Biennale „Skulptur Weimar“ spricht da Bände.

Also: Vorwissen. Ausgerechnet die Kunst, die vorgibt, allgemeinverständlich zu sein und sich zu den Menschen zu begeben, erfordert ein weitaus höheres Maß an Spezialistenwissen und Vorkenntnis als Raffaels Sixtinische Madonna.

 

Das Schöne, seine Wahrnehmung und mögliche Reaktionen darauf

Und so ist es natürlich auch bei Joshua Bells Konzert im U-Bahnschacht. Wenn ich darüber nachdenke, meine ich, das Experiment der Washington Post springe zu kurz.
In Boston hatte Joshua Bell sein Konzert vor zahlendem Publikum gegeben. Er hätte nicht in Washington D.C., sondern ebenfalls in Boston auf der Straße spielen müssen, um zu sehen, ob dieselben Leute, die abends für teuer Geld seiner Kunst lauschen, für ebendiese mitten am Tag auf der Straße stehen bleiben würden – oder ob sie weitergehen. Das hätte die Faktoren hinreichend minimiert (ceteris paribus), um vielleicht etwas darüber herauszubekommen, was die Menschen zum Konzertbesuch motiviert: Daß es häufig auch das soziale Ereignis ist und viele auch deshalb ins Konzert oder bewußt in die Premieren einer Oper gehen, um zu „sehen und gesehen zu werden“, ist ja hinlänglich bekannt.

Und ist nicht die Einteilung der Zeit, eine Unterscheidung von Arbeitsalltag und festlicher Zeit, letztlich von profaner und heiliger Zeit (deren Platz die Kultur seit der „Kunstreligion“ des 19. Jahrhunderts mehr und mehr einnimmt), charakteristisch für die menschliche Kultur? Würden Sie an einem kostenlosen Straßenstand mal eben zwischendurch eine halbe Peking-Ente essen? Oder würden Sie ihren Terminen nachgehen und denken: ‚Ja! Chinesisch essen gehen – das wäre auch mal wieder was!‘? Ist nicht die Triebsublimation, die im Verzicht auf den spontanen und unmittelbaren Genuß steckt, ganz zentral wiederum für den egal wo zivilisierten Menschen? Kinder beherrschen sie noch nicht – das ist ihr gutes Recht und erklärt zugleich, warum Kinder die spontansten Zuhörer Joshua Bells im U-Bahnschacht waren.

Aber bis zu welchem Grad kann es wirklich sinnvoll in gute Vorsätze für das neue Jahr umgemünzt werden, mehr dem Augenblick zu leben? Ist das der Sinn des „So ihr nicht werdet wie die Kinder“? Reicht es nicht, einen Blick zu entwickeln für die besondere Schönheit von Alltagsgegenständen – nehmen wir als Beispiel die Wahrnehmung einer akkuraten Reihung von Einkaufswägen als graphische Gestalt. Muß ich, um alles richtig zu machen, in jedem Fall außer Stande sein, einen Wagen loszulösen und einkaufen zu gehen?

Eine akkurate Reihe gleichförmiger Einkaufswägen als graphisches Muster (eigenes Bild)

 

Fortsetzung folgt

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Die – heiligen? – drei? – Könige? (3/3)

Diesseits der Idee des Rassismus

In seinem gut lesbaren Büchlein „Geschichte des Rassismus“ erläutert Christian Geulen, Juniorprofessor für Neuere Geschichte in Koblenz, die Entstehung rassistischer Ideen. Er knüpft sie an Denkmuster im Zuge der spanischen Reconquista und hält fest, „daß [der in dieser Zeit erstmals als Lehnwort aus dem Arabischen auftauchende Begriff] Rasse und Rassismus keineswegs archaische Phänomene sind, sondern immer dort eine Rolle spielten, wo es um eine rationale Neuordnung von Zugehörigkeit ging.“ (S. 36) Die Erhaltung jüdischer Kultur noch Generationen nach Zwangstaufen hatte, so Geulen, die Idee unsichtbarer Eigenschaften ‚des Blutes‘ hervorgebracht, die das „verborgene Wesen“ eines Menschen untrennbar mit seiner Abstammung verbinden sollten. Plötzlich reichte – anders als jahrhundertelang zuvor – nicht mehr das Glaubensbekenntnis zur Zugehörigkeit eines Menschen zur christlichen Gemeinschaft aus. Die Zuordnung zu Abstammungslinien rückte in den Vordergrund. Die zweite wesentliche Bedingung für die Entstehung des Rassismus waren koloniale Expansionsbestrebungen. Massenversklavung oder Ausrottung ganzer Völkerstämme in der Neuen Welt folgten keinem politischen Programm, machten aber die Ausformulierung rassistischer Stereotype zur nachträglichen Rechtfertigung der eigenen Greueltaten unerläßlich. Ein klassisches Beispiel hierfür stellen die damaligen Erzählungen über den flächendeckenden angeblichen Kannibalismus der in Europa fremden Kulturen dar.

Zwischen Abwertung und scheinbarer Aufwertung in einer Stilisierung zum „Edlen Wilden“ werden Angehörige der Zivilisationen der „Neuen Welt“ zur Projektionsfläche europäischer Gesellschaften. Über mindestens zwei Jahrhunderte wird diese Projektionsfläche intellektualisiert. Und so kommt es, daß die Französische Revolution zum einen die Idee der Gleichheit auch der mit rassistischen Stereotypen überzogenen Afroamerikaner bewußt macht und zugleich das Jahrhundert der mit den gewachsenen technischen Möglichkeiten in Schiffahrt und Handel einmal mehr ausufernden Sklaverei einläutet.

« Moi libre aussi » – « Ich (sollte) auch frei (sein) »  (1792) ein ehemaliger schwarzer Sklave in der Kleidung der Revolutionäre (erkennbar an der phrygischen Mütze!) Radierung von Louis Darcis nach Louis-Simon Boizot (Quelle wikicommons)

Jetzt sind wir im 19. Jahrhundert mit seinen ausgearbeiteten und im kulturellen Gedächtnis jedes Europäers festgestampften rassistischen Stereotypen: Im Jahrhundert der US-amerikanischen „Black-facing“-Bühnenshows wie der Erfindung des schwarzen Dieners für den niederländischen Nikolaus. Mit diesen Ideen haben wir bis heute zu tun.

Die Maler des 15. und 16. Jahrhunderts kannten sie hingegen noch nicht. Das Jahr 1492 markiert für die Entstehung rassistischen Gedankenguts in mehrfacher Hinsicht einen Anfangspunkt. Bilder, die in dieser Epoche bereits gemalt wurden, mit der Sensibilisierung des 21. Jahrhunderts zu beurteilen, ist anachronistisch. 500 Jahre vor Erfindung der political correctness verfehlen deren Wahrnehmungs- und Deutungsmuster den Gegenstand ihres Zorns.

Und so macht man sich im Europa der frühen Neuzeit auch nur Gedanken darüber, ob die „Könige“ Könige bleiben dürfen. Kölner Maler stellen die drei weiterhin mit heller Haut dar – aber als „Könige“! Und die Kölner müssen es ja wissen: Beherbergen sie doch seit der Eroberung Mailands durch Kaiser Barbarossa 1164 die durch die Kaisermutter Helena im 4. Jahrhundert aufgespürten Gebeine der frühen Augenzeugen der Geburt des Erlösers. Und sie haben um diese Gebeine einen kostbaren Reliquienschrein und hierum einen ganzen großen Dom gebaut (woher bis heute die Kölner Redensart „Bau keinen Dom dran!“ datiert für den Fall, daß eine Sache nicht so wichtig zu nehmen ist 🙂 ).

Das Wappen der Stadt Köln zeigt die Kronen der im Dom ruhenden Heiligen Drei Könige (Quelle wikimedia commons; User Madden)

Und tatsächlich übersteht die Bezeichnung als „Heilige Drei Könige“ – egal ob schwarz oder weiß dargestellt – sogar reformatorischen Bildersturm und protestantische Skepsis.

 

Sternsinger im Dunkelheute

Aus der Geschichte des Rassismus und vor allem aus der Internetseite „Black Central Europe“, auf der ja wirklich zu Wort kommt, wer unter dem Alltagsrassismus leidet, wird klar, daß man nicht jede Darstellung schwarzer Menschen über einen Kamm scheren kann. Vor allem ist die Geschichte der Afroamerikaner eine so deutlich andere als die schwarzer Deutscher, daß man die über den Atlantik schwappenden Schlagwörter differenzieren und auf europäische Zustände anpassen muß. Nicht abschwächen; aber anpassen. Und nicht vor lauter politischer Korrektheit das Kind mit dem Bade ausschütten.

So begrüße ich, daß in Ulm die Entscheidung gegen die mißlungene Krippenfigur des schwarzen Königs – geschaffen soweit ich weiß um 1920 – ausgefallen ist. Sie verband tatsächlich in drastisch karikierender Weise rassistische Stereotype über Dunkelhäutige. Ebenso vehement aber möchte ich für einen dunkel geschminkten ‚König‘ in jeder Sternsingergruppe plädieren. Diese Kinder betreiben damit kein „black-facing“. Sie karikieren bei ihren Auftritten nicht schwarze Sklaven, sondern stellen einen König dar; einen König, der kam, um Christus anzubeten. Davon singen die Kinder, die in den ersten Januartagen von Haus zu Haus gehen. Sie stellen einen König dar, dessen Ikonographie von einem Benediktinermönch – Beda Venerabilis – um das Jahr 700 erfunden wurde, um durch diese Figur den afrikanischen Kontinent zu repräsentieren, also um Schwarze vorkommen zu lassen; einen König, dessen Vorbilder für die ersten Gemälde der Renaissancezeit gebildete hochstehende Persönlichkeiten aus Afrika waren, die gerade begannen, Europas Fürstenhöfe zu erobern; einen König, dessen Darstellung mindestens 500 Jahre älter ist als die Angstbilder der political correctness. Ich verteidige das dunkel geschminkte Kind in jeder Sternsingergruppe. Denn für eine mögliche Abwertung dieser Figur stimmt einfach das Drehbuch der Sternsinger nicht.

Und ist nicht – wie Dieter Nuhr so treffend bemerkte – der Kern jeder Verkleidung, daß ich in die Rolle eines Menschen schlüpfe, der ich nicht bin?

Wenn man nach dem Schwarzschminken auch die sogenannten „Hosenrollen“ im Theater abschaffen will – beruhen sie doch zumindest bei der Opera Seria auf einer damaligen außerordentlich männerfeindlichen Praxis, nämlich der Produktion von Kastraten – so sollte man tunlichst bis nach dem Beethovenjahr damit warten. Handelt Beethovens einzige Oper doch – von einer als Mann verkleideten Frau!

‘Manfacing’? Oder ‘malefacing’? Jessye Norman als Leonore alias Fidelio in Beethovens gleichnamiger Oper (Screenshot vom YouTube-Film, eingestellt von Haldirwen)

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Die – heiligen? – drei? – Könige? (2/3)

Eine Ausstellung in London

Bis 28. Februar zeigt die National Gallery London ihre diesjährige Weihnachtsausstellung, „Sensing the Unseen. Step into Gossaert‘s ‚Adoration‘“. Der flämische Maler Jan Gossaert lebte von 1478 bis 1532 hauptsächlich in Antwerpen. Seine „Anbetung der Könige“ schuf er zwischen 1510 und 1515. Das Gemälde gehört zur Sammlung der National Gallery.

Schwarzer König – weißer Diener: Jan Gossaert, Anbetung der Könige (Quelle wikimedia commons; User Aavindraa)

Seine Rezension im „Guardian“ betitelt der Journalist Jonathan Jones mit der Frage “How did Balthasar, one of the three kings, become black?“ Eine Frage, die im Kontext der derzeitigen BLM-Diskussionen um Alltagsrassismus beinahe wie ein Vorwurf klingt: ‚How dare you?!‘

Aber das dient nur als reißerischer Aufmacher (bemerkenswert genug, daß diese Formulierung heutzutage dazu taugt). Jonathan Jones klärt über die Darstellungsgeschichte der Heiligen Drei Könige auf und hält fest: Das Auftauchen eines schwarzen Königs in der Kunst der Renaissance setze nicht etwa endlich die Ideen Bedas um, sondern sei Niederschlag eines vermehrten Auftretens von Menschen anderer Kontinente in Europa; in Europa, das bis dahin wenig Vorstellung von anderen Völkern, Nationen und Kulturen gehabt habe. Gerade in Antwerpen aber oder in Venedig – den großen Seehäfen eben – trafen Künstler wie Gossaert oder Dürer auf Afrikaner und nutzten den unbekannten Anblick auch, um ihren Bildern einen besonderen Blickfang zu verleihen. Diese Strategie und ökonomische Notwendigkeit für Künstler darf man schließlich auch nie außer acht lassen. Ebensowenig wie die Wünsche der Auftraggeber: So hatte Sandro Botticelli in seiner berühmten „Anbetung“ Mitglieder der Medici-Familie zu porträtieren. Bei ihm sind daher alle Besucher des Jesusknaben hellhäutig.

Sandro Botticelli, Adoratione dei Magi, 1475, Sammlung der Uffizien Florenz (Quelle wikicommons; User Google Cultural Institute)

Auf ihrer Internetseite namens „Black Central Europe“ stellt eine Gruppe aus Germanistikdozentinnen, Geschichtsprofessorinnen und Künstlern seit nunmehr sieben Jahren Zeugnisse des Lebens einer schwarzen Diaspora im deutschsprachigen Raum zusammen und bewertet diese Spuren afrikanischen Lebens in Zentraleuropa. Auf mittlerweile 1000 Jahre beziffern die Mediävistinnen den afrikanischen Einfluß, der sich aus Handel, Diplomatie und den Künsten speiste und später (!) von Rassismus und den Verbrechen der Sklaverei überformt wurde. Ziel des Wissenschaftler-Netzwerkes ist es, die reiche Geschichte und mithin längst erfolgte Verwurzelung und Integration schwarzen Lebens in Europa zu belegen.

Auch der Fundus dieser Internetseite beschäftigt sich mit Darstellungen der Heiligen Drei Könige, beispielsweise der „Anbetung“ von Albrecht Dürer (1471-1528), die auch von Jones besprochen wird. Sie stammt aus einer Zeit, in der es an europäischen Fürstenhöfen zum guten Ton gehörte, den Vertreter eines afrikanischen Volkes zu beherbergen und den kulturellen Austausch zu pflegen – wenn man es sich irgend leisten konnte. Daß Dürer sich im zweiten König selbst portraitiert hat, läßt besondere Rückschlüsse auf die künstlerische Intention und seine eigene Bewertung der Figuren zu. Indem Dürers Alter Ego auf das Geschenk und die Gestalt des schwarzen Königs schaut, lenkt es auch den Blick des Betrachters auf diese Figur und bezeugt Dürers lebhaftes Interesse und seine Hochachtung, die explizit auch seinen schriftlichen Zeugnissen ablesbar ist.

„Black Central Europe“ bespricht auch die beiden Portraits afrikanischstämmiger Menschen, die Dürer Anfang des 16. Jahrhunderts in seinem Skizzenbuch festhielt. Beide Zeichnungen werden dabei ausdrücklich gewürdigt: „In these pieces Dürer humanizes his subjects. He does not reduce them to caricatures but rather testifies to their individuality and dignity” – eine Individualität und Würde, die nicht zuletzt in der Namensnennung der zwanzigjährigen Katharina zum Ausdruck kommt.

 

Fortsetzung folgt morgen

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Die – heiligen? – drei? – Könige? (1/3)

Notizen zur Darstellungsgeschichte der
„Weisen aus dem Morgenland“

Wenn ich als Kind vor einer Darstellung der „Anbetung der Könige“ stand, hat mich eine Sache immer verstört: Daß da auf dem Bild mindestens ein halb Dutzend Erwachsener in prächtigen mehrlagigen Gewändern um ein Baby herumstanden oder -knieten, das splitternackt an der Erde lag. Und daß die Erwachsenen, die um mich herum standen, manchmal auch noch darauf hinwiesen, daß das arme Jesuskind frieren muß, guck mal!

Aber wenn das Jesuskind doch friert, warum legt denn dann keiner der Erwachsenen einen Umhang ab und wickelt das Kind darin ein?

Also das fand ich wirklich merkwürdig.

Über die Hautfarbe der dargestellten Personen habe ich mir hingegen nie Gedanken gemacht. Weder über die schlohweiße Mutter mit ihrem ebenso hellhäutigen, wohl gar blondgelockten Kind, noch über die individuelle Ausgestaltung der einzelnen Könige. Da haben es Betrachter ja immer leicht: Das Retabel sieht halt aus, wie es aussieht. Um die Art der Darstellung müssen sich die Künstler Gedanken machen; und ikonographische Traditionen mit den Sonderwünschen der Auftraggeber und – insbesondere seit der Renaissance – dem eigenen Interesse am neuartigen Blickfang vermitteln.

Wenn es um die Veranschaulichung von etwas so Neuem wie den Begleitumständen der Geburt des Messias geht, müssen die ikonographischen Traditionen freilich erst herausgebildet werden. Und da ist es angesichts dürrer Angaben im Text („da kamen Weise aus dem Morgenland“ Mt 2,1) sehr hilfreich, wenn Autoren wie Origines schon um das Jahr 200 herum aus der Dreizahl der Geschenke von Gold, Weihrauch und Myrrhe (Mt 2,11) auf drei Gäste schließen. Da die Herren sich ja offensichtlich auf Astrologie verstanden und diese (nach Nebra 😉 ) auch in Babylon zur Blüte gelangt war, erschienen die Besucher Christi auch als medische Priester.

Die Leserichtung ist schon von links nach rechts: Die Magier aus dem Osten mit phrygischen Mützen (Detail aus dem Mosaik „Maria col Bambino attorniata da angeli“, Basilika Sant‘Apollinare Nuovo, Ravenna; datiert auf 526; Quelle: wikimedia commons, User nina-no)

Die Namen freilich variieren noch lange. Während die zweiten Besucher Christi (nach den Hirten) auf obigem Mosaik in Ravenna bereits als Balthasar, Melchior und Gaspar benannt werden, kennt Jacobus de Voragine in seiner „Legenda aurea“ (13. Jh.) zusätzlich eine hebräische und eine griechische Version und hält für uns die Namen Appellius, Amerius und Damascus bzw. Galgalat, Magalat und Sarathin fest. 

Zugleich blieb nicht unbemerkt, daß sich ja auch in der Huldigung durch die Sterndeuter nur erfüllte, was geschrieben stand; hatte doch Jesaja bereits die Könige prophezeit, die kommen würden, um vor dem Herrscher der Welten das Knie zu beugen (Jes 60,3-6), und der Psalmist weiß sogar, wo diese Könige zu Hause sind: In Tarschisch und in Saba (Ps 72,10). Caesarius von Arles (469-542) soll, wie Manfred Becker-Huberti schreibt, diese Lesart festgeklopft haben – und mit den Stichwörtern Tarschisch und Saba haben wir mithin schon im 6. Jahrhundert die Idee, daß einer der Besucher ‚vom anderen Ende der Welt‘ kommt: Das Königreich Saba siedelt man an der Südspitze der arabischen, Tarschisch hingegen im Südwesten der iberischen Halbinsel an: Was rund ums mare nostrum wohnt, heißt das, huldigt dem Friedensfürsten.

Den nächsten wichtigen Hinweis zur Darstellung der drei Magier liefert Beda Venerabilis (674-735), der den drei Herrschern drei Menschenalter zuordnet: 20, 40 und 60 Jahre. Und er lanciert die Idee, tatsächlich alle drei damals bekannten Kontinente rund um das Mittelmeer in den Königen zu repräsentieren. Der jüngste König wird Afrikaner.

Drei Kontinente – drei Altersstufen – drei Geschlechter … oh, wait … wir wollen es ja nicht übertreiben mit der Repräsentation … 😉 Krippenfiguren aus der Marolin-Manufaktur der Richard-Mahr GmbH Steinach/ Thür. Wald (eigenes Bild)

Repräsentanz oder Markierung?

Als in den 80er Jahren die ersten Barbiepuppen aus dunkelbraunem statt rosafarbenem Kunststoff in den Spielwarenläden auftauchten, begriffen wir, daß alle, die sich von diesen Puppen angesprochen fühlen sollten, sich auch in ihnen müßten widerspiegeln können.

Repräsentanz und Exotismus: Seit 40 Jahren stellen Barbiepuppen in Körperfarbe und Kleidung gezielt die unterschiedlichsten Völker und Kulturen dar (Quelle wikicommons, Screenshot zur Ausschnittsvergrößerung; User: Librarygurl)

Dunkelbraune Babypuppen und dunkelbraune Schaufensterpuppen folgten, und im Jahr 2001 überraschte uns der hochpreisige Trachtenladen Stassny in Salzburg mit schwarzen Kindermodels:

„Stassny Trachtenkinder“, Salzburg Getreidegasse, Werbekatalog 2001: „Die Welt ist bunt“ (hieraus die folgenden Bilder)

„Aufrecht Zukunft weisen“ und „Stark Ideen zeigen“: Der Trachtenmodenspezialist – Markenkonnotation: konservativ – bürstet sein Image durch die Einbeziehung schwarzer Kinder in seinen Katalogen auf (eigene Bilder).

Also: Schwarze Figuren – weiße Weste?

Nein!

Es kommt auf die Geschichten an, die die Figuren transportieren. Und da gibt es eben Gestalten wie den Zwarte Piet, den Begleiter des niederländischen Nikolaus, dessen Tradition und heutige Beurteilung die Schafe schon vor gut sechs Jahren einmal von allen Seiten beleuchtet haben. Seit dem 19. Jahrhundert erscheint die eigentlich viel viel ältere Figur als schwarzer Diener des weißen Nikolaus, mit dem er aus dem spanischen Mutterland übers Meer nach Holland segelt. Kritikern dieses alljährlichen Schauspiels wird er zu einem Sinnbild der Unterdrückung dunkelhäutiger Bevölkerung, das die Rollenverteilung zwischen „schwarz“ und „weiß“ zementiert und regelmäßig dazu beiträgt, die Diskriminierung als quasi-natürlich, durch den Diener gutmütig und fröhlich akzeptiert darzustellen.

Hinzu kommt die Verkleidung eines Weißen als Schwarzer, das „black-facing“. Auch dies geht auf Bühnenshows des 19. Jahrhunderts aus den Vereinigten Staaten zurück – Bühnenshows, in denen weiße Schauspieler sich das Gesicht schwärzten und die dunkelhäutige Bevölkerung in der Überzeichnung der ihr angedichteten Stereotype karikierte. Wirklich übel, seit 100 Jahren als rassistisch erkannt, aber erst nach und nach aus der Mode gekommen und inzwischen allgemein verpönt.

Und so ändern derzeit Firmen ihre lange eingeführten Signets, wenn diese als Ausdruck des Alltagsrassismus Kritik geweckt haben. Ein bekannter Hersteller von parboiled Reis etwa will seinen Markennamen modifizieren und die Identifikationsfigur aus dem Firmenlogo nehmen:

In Zukunft ohne „Ben‘s“ Lächeln (Screenshot am 7. Januar 2021 von der Website des Unternehmens)

Auch eine 1852 in Berlin gegründete Schokoladenmarke erfindet ihr Signet neu – und die alte Werbung an Gebäuden wird verhüllt.

Braune Schokolade, weiße Identifikationsfigur: Der neue Sarotti-Magier ersetzt nach 150 Jahren den Sarotti-Mohren, der das Bedienen auch noch im Kindchen-Schema eines übergroßen Turbans verniedlichte (Screenshot am 10. Januar 2021 von der Website des Unternehmens)

 

Fortsetzung folgt morgen

 

Cornelie Becker-Lamers

 

„Gut! Ich singe selber!“

*20+C+M+B+21*

Erinnern Sie sich? Das „Gut! Ich singe selber!“ stammt von unserem Pfarrsekretär und war irgendwann einmal sein Kommentar zur Absage einer Cäcilini-Probe. Diese lebenspraktische Maxime haben wir uns – und vermutlich nicht nur wir, sondern gar viele Menschen im Land – heute zu Herzen genommen, da sich die Sternsinger ja aus lauter Angst vor etwaigen Aerosolen in den Treppenhäusern ihr segensreiches Werk für 2021 selbst untersagt haben. Aber: ein Stück geweihter Kreide hatten wir noch liegen, die Lieder können wir auch (waren schließlich lange genug aktiv mit von der Partie) – und so wußten wir uns zu helfen. Voilà:

„Christus mansionem benedicat“ – oder vielmehr wohl doch eher „Caspar Melchior Balthasar“. Hausgemachter Segen für das begonnene Jahr (eigenes Bild)

 

Cornelie Becker-Lamers

Der Esaias/LXX-Post-Adventskalender, Epiphanias

Und Könige werden zu deinem Licht ziehen und Völkerschaften zu deinem Glanz. Erhebe deine Augen ringsum und sieh: Versammelt sind deine Kinder! Siehe, es kommen alle deine Söhne von weit her, und deine Töchter werden auf Schultern getragen werden.
Dann wirst du sehen und dich fürchten und außer dir sein in deinem Herzen, weil der Reichtum des Meeres und  der Völkerschaften und Völker dir zufließen wird. Und es werden zu dir kommen Herden von Kamelen, und die Kamele von Madiam und Gaiphar werden dich überziehen; sie alle werden von Saba kommen mit Gold und werden Weihrauch bringen und das Heil des Herrn froh verkünden.
(Jes 60,3-6)

Et ambulabunt gentes in lumine tuo, et reges in splendore ortus tui.
Leva in circuitu oculos tuos, et vide: omnes isti congregati sunt, venerunt tibi; filii tui de longe venient et filiæ tuæ de latere surgent.
Tunc videbis, et afflues; mirabitur et dilatabitur cor tuum: quando conversa fuerit ad te multitudo maris; fortitudo gentium venerit tibi.
Inundatio camelorum operiet te, dromedarii Madian et Epha; omnes de Saba venient, aurum et thus deferentes, et laudem Domino annuntiantes.

 

Als aber Jesus geboren war in Bethlehem der Judaia in Tagen Herodes, des Königs, siehe, Magier von Osten kamen nach Hierosolyma, sagend: Wo ist der neugeborene König der Judaier? Denn wir sahen seinen Stern im Osten, und wir kamen, ihm zu huldigen.
Die aber, hörend den König, gingen weg; und siehe, der Stern, den sie sahen im Osten, ging ihnen voran, bis kommend er darüber stand, wo das Kind war.
Sehend aber den Stern, freuen sie sich mit großer Freude sehr. Und kommend in das Haus, sahen sie das Kind mit Maria, seiner Mutter, und (nieder)fal lend huldigten sie ihm, und öffnend ihre Schatzbehälter, darbrachten sie ihm Geschenke, Gold und Weihrauch und Myrrhe.
(Mt 2,1f.-9-11)

Der Prophet Jesaja in der Sixtinischen Kapelle (abfotografierte Karte eines lieben Freundes)

 

Gerne würde ich Sie auf eine von mir besonders geliebte Formulierung im lateinischen Text aufmerksam machen, die “inundatio camelorum”. In-undatio leitet sich von unda, der Woge/Welle, bzw. dem Wasser ab und heißt also eigentlich “Einwogung/Überwellung”, bzw. etwas freier “Überschwemmung”. Das finde ich ein wunderbares Sprachbild, das obendrein auf Latein auch noch eine tolle Sprachmelodie ergibt.
Wir haben ja auf PuLa schon so einige Kommentare zum Latein im kirchlichen Gebrauch erhalten, “herausragend” die Bemerkung, “dadurch wird es nicht heiliger”…
Diesen Leuten sei gesagt, doch, wird es (und warum, das werden wir auch noch einmal schreiben) und schön ist es außerdem. Wer das nicht spürt, sollte schlicht an sich arbeiten und denjenigen dankbar sein, die ihm das Kennenlernen erleichtern. 

 

Gereon Lamers

Candle with hair

…oder candles with hair? Oder sollte es eigentlich Candle with hare heißen? Aber wo wäre er dann? Ach, es ist nicht einfach, mit den Schüttelreimen… 😉

Allen PuLa-Leserinnen und -lesern wünschen wir von Herzen (und mit nur minimaler Verspätung) eine

Frohe und gesegnete Weihnachtszeit!

(die schließlich noch lang genug dauert!)

 

Wachsgewordener Schüttelreim (eigenes Bild)

Gereon Lamers

Der Esaias/LXX-Post-Adventskalender, Tag 2

Und Könige werden zu deinem Licht ziehen und Völkerschaften zu deinem Glanz. Erhebe deine Augen ringsum und sieh: Versammelt sind deine Kinder! Siehe, es kommen alle deine Söhne von weit her, und deine Töchter werden auf Schultern getragen werden. Dann wirst du sehen und dich fürchten und außer dir sein in deinem Herzen, weil der Reichtum des Meeres und der Völkerschaften und Völker dir zufließen wird. Und es werden zu dir kommen Herden von Kamelen, und die Kamele von Madiam und Gaiphar werden dich überziehen; sie alle werden von Saba kommen mit Gold und werden Weihrauch bringen und das Heil des Herrn froh verkünden.
(Jes 60,3-6)

Et ambulabunt gentes in lumine tuo, et reges in splendore ortus tui.
Leva in circuitu oculos tuos, et vide: omnes isti congregati sunt, venerunt tibi; filii tui de longe venient et filiæ tuæ de latere surgent.
Tunc videbis, et afflues; mirabitur et dilatabitur cor tuum: quando conversa fuerit ad te multitudo maris; fortitudo gentium venerit tibi.
Inundatio camelorum operiet te, dromedarii Madian et Epha; omnes de Saba venient, aurum et thus deferentes, et laudem Domino annuntiantes.

Der Esaias/LXX-Post-Adventskalender, Tag 1

Ein Rind erkennt den Erwerber und ein Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat mich nicht erkannt, und das Volk hat mich nicht verstanden.
(Jes 1,3)

Cognovit bos possessorem suum, et asinus præsepe domini sui; Israël autem me non cognovit, et populus meus non intellexit.