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Nostalgie für einen Liturgiereformer: E. Lengeling zum Embolismus

Das hätte ich nicht erwartet: Nostalgische Gefühle für einen Liturgiereformer!
Dabei muß man es ja zugeben: Der traditionsorientierte Blogger ist vermutlich durch nostalgische Anwandlungen statistisch betrachtet gefährdeter, als der Durchschnitt der Bevölkerung (und das kann durchaus ein Problem sein!), aber dennoch hätte ich nie erwartet, daß mir das passieren könnte in Bezug auf einen der profiliertesten Vertreter der nachkonziliaren Liturgiereform in Deutschland, Emil J. Lengeling (1916 – 1986).

Was ich zu meiner Verteidigung vorzubringen habe, fragen Sie? 😉 Lesen Sie weiter!

Ich hatte ja im Rahmen der Beschäftigung mit dem Thema „Embolismus“ angekündigt, noch tiefer schürfen zu wollen, vor allem auch, ob es denn inhaltliche (theologische) Argumente geben könnte, die gegen sein Beten sprechen könnten (hier). Wie gesagt, das Netz gibt da nicht viel her, aber es gibt ja zum Glück auch noch Lexika und vor allem (Universitäts-) Bibliotheken!
So fand ich ausgehend von einem doch recht blassen Artikel des jungen B. Kranemann  im LThK einen kleinen Beitrag eben von Emil J. Lengeling  in: Gottesdienst, Information und  Handreichung der Liturgischen Institute Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, Nr. 22, 1979, S. 169f. mit dem Titel: „Mehr als 1600 Jahre, Zum Embolismus nach dem Vaterunser“.

In diesem Artikel nimmt Lengeling, ausgehend von der Feststellung, man könne: „hier und da hören oder lesen, daß Zelebranten das Gebet, Erlöse  uns, Herr“ nach dem Herrengebet in der Eucharistiefeier auslassen“, das Thema unter verschiedenen Aspekten in den Blick:

Er bezeichnet den Embolismus als „im doppelten Sinne ‚katholisches‘“ und „wichtiges Gebet“. In einem zeitlichen Sinne zunächst, da es seit über 1600 Jahren in der Kirche des Westens gebetet werde (die älteste Fassung, die er erwähnt, stammt aus der Zeit Papst Leos I, + 461), „ein Element der altkirchlichen römischen […] Ordnung“, und weiter in einem „räumlichen“ Sinne, weil es ihn auch in den meisten Liturgien des Ostens (bis auf die byzantinische) gebe. Allein aus dieser Tatsache könne man auf das sehr hohe Alter der Formel schließen.

Keinesfalls handele es sich bei dem Bestandteil: „Befreie uns von allem Bösen“ (libera nos ab omnibus malis) um eine überflüssige Verdoppelung (womit implizit ein gegen den Embolismus vorgebrachtes Argument erkennbar wird), denn das sei eben etwas anderes als: „sondern befreie uns von dem Bösen“ (sed libera nos a malo), womit mindestens auch „der Böse“ gemeint sei. Es gebe jedoch gute Gründe hier eine „Engführung“ auszuschließen und es gebe immer Anlaß, „Frieden, die Hilfe des barmherzigen Gottes, die Bewahrung vor Verwirrung und Sünde“ zu erbitten.

Gleiches gelte von der 1969 eingeführten Bitte um „eschatologische Zuversicht“: „damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten“ (expectantes beatam spem et adventus salvatori nostri Jesu Christi, vgl. Tit 2,13). So werde „glücklich der Ausblick auf die letzte Vollendung ins Bewußtsein gehoben“.

Aus den genannten Gründen hätten auch die Konzilsväter in dem vorbereitenden Schema zur Liturgiekonstitution zum Thema Embolismus lediglich den Vorschlag für partielle Änderungen (Kürzungen und die erwähnte eschatologische Bitte) gefunden, ein Wegfall sei nie in Erwägung gezogen worden.

Und so kommt Lengeling zusammenfassend zu dem Ergebnis: „Wer deshalb ‚nach eigenem Gutdünken‘ (SC Art. 22 § 3) [vgl. hier] der Gemeinde den Embolismus vorenthält, beraubt sie unbedacht eines wichtigen Gebetes […].“ (Hervorhebung von mir, Verweis auf die Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium im Originaltext als Fußnote!)

„Beraubt“! Das ist ja nun wirklich von erfreulicher Deutlichkeit.
Halten wir fest: Aus der Perspektive eines profilierten Liturgiereformers gibt es keinen vernünftigen Grund, den Embolismus wegzulassen, aber viele gute Gründe, ihn treulich zu beten. Und wer ihn wegläßt kann sich definitiv nicht auf das zweite Vatikanum berufen!
Nehmen wir hinzu, was wir schon vor einiger Zeit über den schlichten Unsinn sog. „ökumenischer Begründungen“ herausgearbeitet haben (hier), fällt es mit immer schwerer, mir noch sinnvolle Argumente vorzustellen, die gegen seine Verwendung sprechen könnten.
Und, nur so zur Erinnerung, ihn zu beten ist geltendes, bindendes Kirchenrecht!

Ist mittlerweile auch klargeworden, woher meine Nostalgie kommt, von der ich zu Anfang gesprochen habe? Ganz bestimmt, denn die unaufgeregte, breite Gelehrsamkeit, die aus dem Text spricht, die finde ich schon beeindruckend und sie erscheint mir heutzutage nicht mehr gar so verbreitet. Ganz zu schweigen von dem klaren Ergebnis, zu dem E.J. Lengeling auf dieser Basis gelangte.
Liturgiewissenschaftler von diesem Schlage würden u.U. auch heute noch manches Gespräch einfacher machen…

Und dennoch! Dennoch hat mich dieser kurze 35 Jahre alte Text (kaum zwei Druckseiten) wieder einmal auch verstört! Denn ich habe, natürlich, (nach bestem Vermögen) die Argumente korrekt wiedergegeben, aber ich habe den Gang der Argumentation an wichtigen Stellen bewußt verändert – ich würde sagen, vom Kopf auf die Füße gestellt! Was bei Lengeling nämlich ganz zu Beginn kommt, das ist die „Neuordnung von 1969“. Warum, so seine Leitfrage nach der „Exposition“ des Themas, „Warum hat man bei der Neuordnung von 1969 den Embolismus bestehen lassen?“ Und später: „Ist er nicht doch eine ‚Verdoppelung‘, die eigentlich hätte abgeschafft werden müssen?“ (zusammengefaßt zitiert).

Sehen Sie, was ich meine? Unabhängig vom (in diesem Falle sicher richtigen) Ergebnis, die Fragerichtung, die den Gang der Argumentation bestimmt, ist sozusagen umgedreht, auf den Kopf gestellt. Sie geht nicht zuerst aus von der sehr, sehr alten Tradition, sondern sie fragt von den sehr, sehr rezenten (1979 ca. 10 Jahre!) Änderungen her, die damit in einer derart autoritativen Weise aufgewertet werden, die irritiert. Ich kann das Wort vom „Vatikanum II als ‚Superdogma‘“, das viele „Tradis“ gerne im Munde führen, als „Schlag-Wort“, nicht besonders gut leiden, das ist mir in aller Regel erheblich zu undifferenziert, aber dennoch: Wenn man selbst einem solchen Text, mit dessen Tendenz man ja völlig übereinstimmt, noch so  deutlich anmerkt, wie anders das Herangehen war, das dahinterstand, dann muß man sich einfach fragen: Wie kam das zustande? Zumal bei einem Geistlichen und Wissenschaftler, dessen Ausbildung und (herausgehobene) Praxis in Fragen der Liturgie ja deutlich vor der Konzilsereignissen lagen.

Man muß wohl versuchen, sich diesem eigentümlichen Phänomen auf dem Wege der Empathie zu nähern, dem Versuch, einfühlend zu verstehen, welchem (individuellen wie kollektivem) Empfinden wir den damaligen Neuerungs-Furor verdanken, dessen Nachwirkungen wir heute immer noch überall spüren (um nicht zu sagen: ausbaden dürfen…). Und dabei kann wohl nicht umhin festzustellen, daß in der Phase vor diesem „Furor“ nicht einfach alles eitel Sonnenschein gewesen sein kann in der Kirche, so großartig sie auch (von heute aus betrachtet) dagestanden haben mag. Dieser Gedankengang ist ja von nachdenklicheren Beobachtern/Zeitzeugen schon häufig geäußert worden (wer mag, der kann z.B. hier vertiefend zu der Frage des damaligen Empfindens weiterlesen, auf Englisch).

Aber: Man kann ebensowenig umhin, die gravierenden Fehler und daraus resultierenden falschen Entwicklungen festzustellen, die damals unterlaufen sind! Im Mikrokosmos dieses kleinen Texts ist das neben der, pardon, einfach „unkatholischen“ Umkehrung der Argumentationsrichtung auch die mangelnde Differenzierung zwischen dem Konzilstext und dem, was Lengeling so nonchalant verharmlosend die „Neuordnung von 1969“ nennt, die, wie mittlerweile ja allgemein bekannt, den Intentionen des Konzils keineswegs bloß gefolgt ist, und die heute auch von reflektierten Anhängern und Praktikern des novus ordo zusehends kritisch betrachtet wird (dazu in Bälde mehr auf PuLa).

Darüber hinaus kamen aber Lengeling und seinesgleichen, anders als in unserem Fall, eben keineswegs regelmäßig  zu den richtigen Ergebnissen. Konkret auf ihn bezogen hat das im Jahr 1994 kein geringerer als der damalige Kardinal Ratzinger beispielhaft ausgeführt. Er sprach zur Verabschiedung seines Bruders, Georg Ratzinger, als Regensburger Domkapellmeister und ich kann den Text seiner Ausführungen Ihrer Lektüre nicht warm genug empfehlen! Er ist ganz großartig und sehr, sehr erhellend, weit über das Feld der Kirchenmusik hinaus (für das er aber auch sehr interessant ist), hier. Lesen! (und hierher bin ich drauf gestoßen, ein Kollege, Danke!)

Darin schrieb der spätere Hl. Vater über seinen ehemaligen „Münsteraner Kollege[n] und Freund E.J. Lengeling“: „Bei allem Respekt vor dem großen Liturgiker – dieses Wort [es geht um die Frage der Gestaltung des ‚Sanctus‘, GL] zeigt, daß auch Experten kräftig danebengreifen können. Mißtrauen ist zunächst immer da angebracht, wo ein Großteil der lebendigen Geschichte auf den Müllhaufen abgetaner Mißverständnisse geworfen werden muß. Das gilt um so mehr für die christliche Liturgie, die von der Kontinuität und der inneren Einheit der Geschichte des gläubigen Betens lebt.“ (In der Spannung zwischen Regensburger Tradition und nachkonziliarer Reform, a.a.O., S. 10)

Da ist es besser auf den Punkt gebracht, als ich das je könnte: das Zerreißen der „Kontinuität und der inneren Einheit der Geschichte des gläubigen Betens“, das mit dem Setzen willkürlicher „Neuanfänge“, und seien es Konzilien, geschieht, wenn diese in ihrer praktischen Bedeutung überschätzt, J. Ratzinger sagt es besser, hypostasiert, werden. Das führte und führt immer noch ins Elend, das ‚Ausgestoßensein‘, die ‚Fremde‘, (vgl. hier).

Und waren solche Haltungen vielleicht in der damaligen Zeit und für die damals Handelnden psychologisch erklärbar, in der ja alle möglichen Leute ihre „Revolution“ haben wollten, vollends zum Anstoß (skandalon) wird es, wenn es heute immer noch Leute gibt, ob in der liturgischen Praxis oder der Wissenschaft, die de facto leugnen, daß es ein Problem gibt, die allen Ernstes nach (fast) 50 Jahren ‚mehr vom Gleichen‘ als Rezept vorschlagen, als seien die dramatischen Abbrüche in der Glaubenspraxis der vergangenen Jahrzehnte zu vernachlässigende Größen. Da hört für mich der Spaß auf und ich sage erneut zu jener Zeit:

„Werde endlich Vergangenheit, die vergeht!“

Heiliger Theophanes Confessor, bitte für uns! (Bild: Wikicommons, Yoav Dothan)

Heiliger Theophanes Confessor, bitte für uns! (Bild: Wikicommons, Yoav Dothan)

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