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PuLa-reloaded: Je öller je döller?

Manche der alten PuLa-Texte, der heutige erfuhr seine Erstveröffentlichung Ende September 2012, sind, schaut man sie heute erneut an, doch zeitgebunden. Teils reagieren sie auf damalige Weimarer Vorkommnisse, die heute nur noch von pfarrei-historischem Interesse sind, teils auf Geschehnisse in Deutschland oder der Welt, deren Aktualität mittlerweile verblaßt ist.
Und ja, mancher Optimismus der damaligen Zeit macht heute eher seufzen… 

Auf der anderen Seite finden sich aber neben den ohnehin “haltbaren” Sketchen (“was aber bleibet, stiften die Dichter”! 😉 ) auch unter meinen damaligen Hervorbringungen Texte, deren Anlaß  zwar vergangen sein mag, die aber dem Grunde nach an Relevanz nicht eingebüßt haben, zumeist leider nicht an Relevanz eingebüßt haben!

So auch die folgenden Bemerkungen zur “‘katholischen’ Journalistenschule” und älteren, bzw alten Priestern und wie sie es einem schwer machen können:

Nolite conformari…, oder: Je öller je döller?

Nolite conformari huic saeculo! Röm 12, 2

(Paßt Euch nicht dieser Welt an)

Leider wird dieser Beitrag weniger lustig, als ein Teil der Überschrift vielleicht vermuten läßt, denn er beschäftigt sich, aus mehr oder weniger aktuellem Anlaß, mit einer der vielen emotionalen Zumutungen (nicht nur aber besonders) in der real existierenden Kirche in Deutschland Anfangs des 21. Jahrhunderts.

Bei diesem Anlaß handelt es sich um einen Vorgang, den vor kurzem Dr. Alexander Kissler in seiner Kolumne in „The European“ aufgedeckt hat.

Da gibt es in München eine katholische Journalistenschule, ifp, „Institut zur Förderung des publizistischen Nachwuchses“ geheißen,  richtiggehend in Trägerschaft der Kirche und gegründet durch die Deutsche Bischofskonferenz 1968.Was folgt, bestätigt den spontanen Verdacht, daß aus diesem annus horribilis kaum etwas Gutes kommen kann (Menschen, die in diesem Jahr geboren wurden natürlich ausgenommen!).

Haben sich doch dort 15 angehende Journalisten und ihre Trainerin (Expertin für „crossmedialen Journalismus“) als „Mitwirkende“ an einem Projekt zusammengefunden, das sich ausgeschlachtet, das Fleisch-Dossier“ nennt.  Der ästhetische Gesamteindruck ist m.E. durchaus geeignet, sensiblen Naturen auf den Magen zu schlagen und die Themenpalette ist, nun ja, breit angelegt: Vom Wurstquiz über den Bauchtanz bis zur vielversprechenden Überschrift: „Menschenfleisch als Dünger“ ist alles im Angebot und das „Rituelle Aufhängen“ ist wirklich vom Allerfeinsten! (Dabei, es sei ausdrücklich betont, gibt es aber auch wirklich solide gemachte und interessante Beiträge, z.B. hier, um die es schade ist, daß sie in diesem Umfeld erscheinen mußten)

Zweifelsohne der Tiefpunkt des Projekts war allerdings, was für Kissler der Ausgangspunkt seiner Anfrage an das kirchensteuerfinanzierte Unternehmen wurde, eine Reportage dreier junger Leute über einen Münchener Swingerclub. Dieses mittlerweile von der Site entfernte Machwerk („Der Artikel wurde zur redaktionellen Überarbeitung vorübergehend offline geschaltet. Wir bitten um Verständnis“)  halte ich nun wohlgemerkt nicht deshalb für anstößig, weil ich meinte, katholische (oder einfach nur christliche) Nachwuchsjournalisten dürften sich nicht mit Swingerclubs beschäftigen, doch, „dürfen“ sie, aber die schiere Beliebigkeit, in der diese Behandlung passiert ist, die scheinbar oder anscheinend vollständige Distanzlosigkeit zu dem, was ihnen dort begegnet ist, das Fehlen aber auch jedweder Fragestellung, die jenseits der bloßen Beschreibung zu einer wie auch immer gearteten Erhellung des Phänomens hätte beitragen können, das alles ist schon abenteuerlich und rechtfertigt Kisslers Fazit vollauf: „[…] scheint hier Kirche als Weltverdoppelungsverein in ihre letzte Phase eingetreten.“

Und so frage nicht nur ich mich, was sich eigentlich die Eltern der jungen Leute so denken werden über die Gesellschaft, in die ihre Kinder da geraten sind, vor allem aber, was sich unter solchen Bedingungen lernen läßt, was andernorts nicht auch, und dann wohl sogar „besser“, soll heißen „rücksichtsloser“, bzw. „vorurteilsfreier“ und was dergleichen Vokabeln der Beliebigkeit mehr sind, lernen ließe.

Nun mögen Sie sich fragen, warum erzählt er uns das alles noch einmal? PuLas Beitrag zur aktuell erneut aufgeflammten Kirchensteuerdiskussion ? Nein, der kommt noch, obwohl man sich in diese Richtung gerne seine Gedanken machen darf.

Und es sind auch nicht die Reaktionen bzw. Nicht-Reaktionen auf den Vorgang, aber die sollen immerhin kurz gestreift werden. Auf der Seite des ifp: „Nichts“ (wenn man von dem dürren Satz, den ich oben zitiert habe absieht). Immerhin gab es seitens des Leiters des ifp (ein Priester…) eine persönliche Stellungnahme an Dr. Kissler, immerhin! Von Seiten der DBK? Das übliche dröhnende Schweigen und ob es Thema im Rahmen der Herbstvollversammlung wird, werden wir im Zweifelsfall nicht erfahren.

Und warum auch mögen sich manche dortigen „Strategen“ fragen, denn auch die medialen Reaktionen waren erstens ausgesprochen flau und paßten zweitens jedem ins Konzept, der Menschen wie Kissler für bloße Störenfriede auf dem Weg der deutsch-national-kirchlichen Selbstverwirklichung unter weitestgehendem Ausschluß der (kirchensteuerzahlenden) Öffentlichkeit hält.

Immerhin bat in „Christ und Welt“ die Redaktionsleiterin, Dr. Christiane Florin Kissler zum Interview über das Thema. Doch die Gesamtseite stand dann unter der Überschrift: „Wieviel Moral braucht der Sex?“ (hier, dazu gehörten im Print die Texte unten von Kissler und „Spirituell brisant“) und darum ging es eben diesmal gerade nicht. Sondern um Beliebigkeit oder Profil. Frau Florin hält aber lieber Dr. Kissler „ethisch fragwürdiges Verhalten“ vor, weil er drei junge Journalisten “vorführe“. Ok, das kennen wir ja auch aus Weimar zur Genüge: „Shoot the Messenger“  lautet das Motto, wenn einer unbequeme Wahrheiten ausspricht und diese Verhaltensweise ist immerhin wirklich richtig alt…

„Alter“ ist übrigens das Stichwort für das, worauf ich eigentlich hinauswill.

Aber zunächst, was tut der Netz-affine Mensch, wenn er einem solchen Geschehen begegnet? Er durchsucht die Homepage der Institution, um die es geht. Da stößt man dann z.B. auf den Aufsichtsrat des ifp  (auch mit hochkarätigen Journalisten aus Thüringen…) vor allem aber auf die Seite: „Unser Selbstverständnis“ .

Nach der Lektüre dieser Seite habe ich mich über nichts mehr gewundert. Leider. Sie besteht aus einer Ansprache von P. Dr. Wolfgang Seibel SJ, dem ersten Direktor des ifp. Überschrift: „Über den kirchlichen Charakter des ifp“:

„Es (sc. das ifp) soll also ein Stück lebendige Kirche erfahren lassen. Glaube wird ja nicht durch Belehrung und Wissensvermittlung geweckt. (sic!)

Glaube kann nur wachsen in einem Raum der Mitmenschlichkeit, der Freiheit, der Offenheit, des Vertrauens […]. Dem Glauben als einer in freier Entscheidung übernommenen Lebensform widerspricht ja jeder Versuch der Indoktrinierung, jede Art von Druck, Disziplinierung oder gar von Zwang.

Zum kirchlichen Charakter des Instituts gehört es auch, daß es keine bestimmte innerkirchliche Richtung vertritt oder favorisiert, sondern offen ist für die Vielfalt christlicher Glaubens- und Lebensstile. Alle, die in der großen Kirche Platz haben, sollen auch im Institut Platz haben – vorausgesetzt allerdings, daß sie dialogfähig sind, das heißt, daß sie ihre eigene Meinung nicht absolut setzen und nicht als die christlich und kirchlich allein mögliche hinstellen.“

Und weiter:

„Als Journalisten haben Christen keine andere Aufgabe und keine anderen Normen als die Kolleginnen und Kollegen, die von einer anderen Welt- und Lebensanschauung herkommen. Auch die ethischen Normen sind für alle gleich, weil sie ja in der unveräußerlichen Würde des Menschen und seinen Grundrechten wurzeln.“

Mit anderen Worten: Beliebigkeit und Lehramtsferne als Programm von Anfang an. Die Anpassung an die Welt wird offensiv verteidigt, und man zitiert dabei auch noch den Hl. Apostel Paulus. 🙁

Ok, der Tenor dieser Ausführungen ist uns ja allen seit mindestens 50 Jahren wohlvertraut, aber es scheint mir doch, als sei es nachgerade eine Karikatur jesuitischer Rhetorik („Die Kuh hat drei Beine! (Mindestens.)“), die explizite Absage an jede kirchliche Bindung, die diesen Namen verdient, als „kirchlichen Charakter“ zu deklarieren.

Und so fragen wir weiter: Wer ist Wolfgang Seibel SJ? Insider werden nun schmunzeln, denn ihnen ist natürlich bekannt, daß es sich um den langjährigen Leiter der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ handelt. Über deren Profil muß hier vermutlich kein Wort verloren werden, aber wer möchte kann hier das aktuelle Editorial aus der Feder des Nachfolgers von W. Seibel lesen: A.R. Batlogg SJ, „Ist das Konzil schuld?“. Man stößt dabei auf einen wenig subtil bemäntelten „Konzil, Konzil über alles“ Text (incl. dem Gespenst „Geist des Konzils“, dessen Erbe auf dem Spiel stehe…), mir scheint, die jesuitische Kunst der dialektisch verschlungenen Agitation war schon mal auf höherem Niveau. 😉

Und Pater Seibel (nach dem mittlerweile der Preis für Nachwuchsjournalisten des ifp benannt wurde) ist eben auch ein glasklarer Vertreter der romfernen Theologie der „Hermeneutik des Bruchs“, handlich nachzulesen z.B. hier in einem langen Interview mit br alpha aus dem Jahr 1999.

Kostproben gefällig?

„[…] denn die ganze Situation in der Kirche war eine Situation des Unterdrücktseins. Man hatte den Eindruck, dass alles unter dem Deckel gehalten würde. […] Schon damit hatte man den Eindruck, dass jetzt eine Epoche der Kirchengeschichte abgeschlossen ist.“

oder:

„Das Schlimme ist dabei, dass Rom wieder bestimmt, was Lehrfragen sind. Wenn ich Dokumente der Deutschen Bischofskonferenz anschaue, z. B. die berühmte Königsteiner Erklärung, die 1968 nach der Enzyklica Humanae Vitae zum Thema Empfängnisverhütung erschien: Sie wäre unter diesen Voraussetzungen nicht mehr möglich.“ (Hervorhebungen von mir)

Ich glaube, mehr ist zur Charakterisierung der Richtung nicht erforderlich, oder? Der traditionelle Katholik weiß, welcher theologischen Richtung der Mensch, mit dem er es zu tun hat, anhängt und wendet sich mit Grausen.

Nun ist aber Pater Seibel auch ein „älterer“ Herr (Jg. 1928). Sohn eines Zentrums-Abgeordneten. Und er ist Priester.

Und was möchte der traditionelle Katholik, wenn er es mit einem über 80-jährigen Geweihten zu tun hat? Er möchte mit Hochachtung, ja Liebe und Verehrung zu ihm aufschauen.

Geht aber nicht.

Das gleiche Phänomen haben wir im Urlaub erlebt: Ein ähnlich alter und schon gebrechlicher Priester (auch ein Jesuit, aus Amerika, der seit Jahrzehnten seine Urlaube in Österreich verbringt, Name bekannt, tut aber ja hier nichts zur Sache) wird, zu Mariä Himmelfahrt, an den Ambo geführt und dann folgt eine Predigt, die, ich kann es nicht sanfter sagen, vom gewöhnlichsten allgemeinen Heilsoptimismus durchdrungen war.

Essig war’s mit der Bereitschaft zur Verehrung.

Das ist das, was man eine „Frustration“ im strengen Sinne des Wortes nennt, eine enttäuschte Gefühlserwartung. Und wer immer sich regelmäßig aufregt und sich fragt, warum denn Traditionalisten gelegentlich so aggressiv unterwegs sind, findet hier einen Grund. Ja, ich empfinde es tatsächlich als persönliche Zumutung, sogar Kränkung, immer wieder das Alter nicht ehren zu können. Und ich bekenne mich dazu, daß mich das wütend macht. Ich möchte nicht über 80-jährige Priester kritisieren müssen, das schmerzt mich!

Freilich, es gibt keine Wahl. Ich würde ja auch nichts von liturgischen Einzelheiten wissen wollen, wenn man sich denn darauf verlassen könnte, daß immer alles in Ordnung ist. Wir wissen aber, das ist nicht der Fall. Ebensowenig wie eben Predigten und Texte über 80-jähriger Ordensleute in Ordnung sein müssen.

Die schmerzliche Verwirrung, die hier um sich gegriffen hat, ist eines der üblen Zeichen der Zeit, dieser ver-rückten Zeit nach der Moderne, die sich ihrerseits ja schon so viel darauf zugute getan hat, gerade hinsichtlich der natürlichen Empfindungen keinen Stein auf dem anderen lassen zu wollen.

Sie mögen einwenden, die Betrachtung sei sehr einseitig. Das stimmt.

Daher plädiere ich auch dafür, die umgekehrte Blickrichtung zumindest zu versuchen. Ich kann mich den Seibels dieser Welt (es gibt ihrer ja gar viele!) durchaus empathisch nähern. Ja, ich kann mir vorstellen, daß es ein sehr unschönes Gefühl ist, wenn man in der Jugend sozusagen „auch seine Revolution“ („Das Konzil“) hatte (alle anderen redeten ja auch von so was!) und die war edler und schöner als die der anderen (und das war sie ja nun auch wirklich) und nun reden auf einmal jüngere, viel jüngere, Menschen (fast) wie die Gegner von damals und das, was der „Geist“ der Veranstaltung gebracht hatte (und noch bringen sollte), das wird nun langsam wieder abgebaut. Die ganze Stimmung hat sich gedreht, auf die hoffnungsvollen „jungen“ Kirchen in der sog. Dritten Welt ist auch kein Verlaß mehr (sondern sie entdecken den Wert der Mundkommunion) usw. usf.….

Ganz ehrlich, ich kann mich hineinfühlen in einem Menschen, den das Gefühl beschleicht, die Grundkoordinaten seines intellektuellen Lebens, vor allem das Dogma der einlinigen Entwicklung, des „Fortschritts“, wie sie es nannten, stimmen nicht mehr. Solche Menschen verdienen unser Mitgefühl.

Nur sollte das Bemühen eben kein einseitiges sein. Wolfgang Seibel macht in dem Interview vor, wie es nicht geht, wenn er (1999!) unsereinen zur „untergehenden Art“ erklärt und Katholiken, die ihr weltkirchlich verbrieftes Recht auf eine unverkürzte Liturgie verteidigen, zu „Denunzianten“ erklärt. Schade.

Und schlußendlich: Empathie ist kein Ersatz für Aufrichtigkeit. Die kann schmerzhaft sein, aber es geht ja auch um was. Es geht um – Alles!

Und so sehe ich, durchaus traurig, am Ende dieser ein wenig länglichen Ausführungen leider nicht, wie auch künftig der Schmerz, Priester mit weißem Haar zu kritisieren, vermieden werden könnte.

Allein gilt:

Jesus antwortete: Amen, ich sage euch: Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen: Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben. (Mk 10, 29 f.)

Amen!

 

Gereon Lamers

PuLa reloaded: Die Marketingbewerbung

Als dieser Sketch im April 2019 erstmals erschien hätten wir uns kaum träumen lassen, welch im Wortsinne weltweiter Aufmerksamkeit die Person, die er kritisiert, sich gut zwei Jahre später, naja, ‘erfreut’. Aber es ist ja wirklich so: Das Theater um Kardinal Marx und sein ebenso sorgfältig inszeniertes, wie immer noch hinsichtlich der Motivationslage höchst intransparentes Rücktrittsangebot beschäftigt die ganze katholische Welt.
Den Ausgang halte ich ungeachtet der päpstlichen Reaktion allerdings für offen.

Wichtiger und vor allem zukunftsweisender wäre es, sich mit den Inhalten des folgenden Textes zu befassen!

GL

Enjoy! 🙂

Ein Sketch zum ‘Osterlachen’ für vier Personen

Irgendwo in den Vororten einer süddeutschen Metropole. An einem Besprechungstisch sitzen zwei Personen, eine sehr gepflegte Dame undefinierbaren Alters und ein junger Herr. Sie sind in ein intensives Gespräch vertieft. Vor den beiden liegen stapelweise Unterlagen und Bewerbungsmappen. Außerdem steht ein betriebsbereites Notebook auf dem Tisch. Gesprächsfetzen kann man entnehmen, daß es um die Beurteilung dieser eingereichten Unterlagen geht – und daß man sich offenbar in der Marketingabteilung eines renommierten Autoherstellers befindet.

Die Dame: Was sagen Sie denn zu dem hier? (Sie blättert eine der Mappen auf.)

Der Herr: Eine Frechheit! (Er schnaubt und wirft den Kugelschreiber auf den Tisch.) Womit wir hier unsere kostbare Zeit vertun!

Die Dame: Das dachte ich im ersten Moment auch … aber es ist so irre, daß ich ein zweites Mal draufgeschaut habe. Irgendwas ist damit los. Ich werde nicht ganz schlau daraus. Aber graphisch ist es jedenfalls nicht uninteressant.

Der Herr: Das will ich Ihnen gerne zugestehen. Aber mit Verlaub – wir haben eine Stelle in der Werbung für unser Unternehmen ausgeschrieben. Und was liefert dieser … dieser …

Die Dame: Herr Anderlechner.

Der Herr: Dieser Herr Anderlechner? Haben Sie sich das Video angesehen, das er mitgeschickt hat? (er entnimmt der Bewerbungsmappe einen Stick und schiebt ihn – zunächst falschrum – in den USB-Stecker des Notebooks.)

Die Dame: Selbstverständlich. Köstlich! Geradezu Anti-Werbung. Die reine Satire! Ich frage mich, was dahinter steckt. Schlecht gemacht ist es nicht – der Mann hat zweifellos Talent!

Der Herr (während er im Dateimanager nach dem Film auf dem Stick sucht): In seinen Texten schlägt er vor, die Kunden sollten sich unbedingt den Produkten unserer schärfsten Konkurrenz zuwenden. Ist der Mann noch bei Trost?

Die Dame (blättert): Ja – köstlich, nicht wahr? Hier: Es sei doch vollständig gleichgültig, welches Auto man fahre, Hauptsache, man komme ans Ziel. (Sie lacht.) In großen Lettern (sie zeigt ihrem Kollegen das Blatt.)

Der Herr (hat sich nun doch auf eine Revue dieser Unterlagen eingelassen): Es kommt ja noch besser: Er sei gegen die Bezeichnung „Autobranche“. Das schließe ja die Fußgänger und Radfahrer aus. Man solle gefälligst ganz genderneutral nur noch von „Verkehrsteilhabe“ sprechen.

Die Dame (lacht): Und außerdem – immer diese Autos. Er könne gar nicht verstehen, warum so viele Menschen sich dafür begeistern. Man solle in der Werbung den Chef lieber bei der Gartenarbeit, als mit einem schicken Auto zeigen.

Der Herr (bringt nun den Film ans Laufen): Hier! Der Chef fährt auf den Hof der Konkurrenz und klebt kurz vor dem Werkstor den Stern auf der Kühlerhaube ab! (Man sieht die entsprechende Sequenz auf dem Display.)

Die Dame: Wo hat der Mann eigentlich vorher gearbeitet?

Der Herr (zieht den Lebenslauf aus der Mappe und prustet kurz los): Ha! Beim Erzbischof von München und Freising!

Die Dame: Bei Kardinal Marx?

Der Herr: Genau dem!

Die Dame (wirft die Mappe flach auf den Tisch und lehnt sich zurück): Ich finde, wir sollten ihn unbedingt mit einladen. Der Mann hat Potential, das spüre ich.

(Es klopft heftig an die Tür des Besprechungsraumes.)

Die Dame (laut) Herein!

Ein Angestellter (steckt den Kopf zur Tür herein): Entschuldigung – aber einer der Bewerber läßt sich nicht abwimmeln – er sagt, er muß Sie unbedingt sprechen, es gehe um die Abgabe der Bewerbung.

Die Dame: Die Fristen sind abgelaufen. Er kann derzeit nur eine Initiativbewerbung einreichen.

Der Angestellte: Wenn ich es richtig verstanden habe, liegt Ihnen die Bewerbung bereits vor.

Die Dame: Was will er dann? Lesen können wir schon selber. Er bekommt Ende Juni Bescheid wie alle andern auch.

(Ein junger Mann drängt sich hinter dem Angestellten in den Türrahmen)

Der junge Mann: Entschuldigung! Anderlechner mein Name. Ich habe aus Versehen die falschen Unterlagen eingereicht – es ist ein unverzeihliches Mißgeschick …

Die Dame: Herr Anderlechner! Sie kommen ja wie gerufen. Wenn es auch unüblich ist, hier so reinzuplatzen. Wie sind Sie überhaupt ins Haus gekommen? Sie haben keinen Termin!

Herr Anderlechner: Wenn ich Ihnen nur ganz kurz meine eigentliche Bewerbungsmappe einreichen … Herzlichen Dank! (Er eilt zum Besprechungstisch, legt eine dunkelblaue Mappe auf den Tisch und wendet sich zum Gehen.)

Die Dame: Aber Herr Anderlechner! Nicht so hastig! Ich sagte doch – wir wollten uns ohnehin mit Ihnen unterhalten.

Herr Anderlechner: Mit mir? Aufgrund der irrtümlich eingereichten Skizzen?

Die Damen (blättert in den ursprünglichen Unterlagen): Skizzen? Ich finde die Ideen schon recht ausgereift – nur klingen sie eher wie eine Satire, eine Kritik, als wie direkte Werbung. Aber vielleicht ist das die Zukunft?

Herr Anderlechner: Nein, nein, das ist nicht die Zukunft, ich bitte um Verzeihung. Es handelt sich um Skizzen, die ich meinem derzeitigen Chef vorlegen wollte.

Die Dame: Dem Herrn Kardinal?

Herr Anderlechner: Ja.

Die Dame (muß lachen): Und was, bitte schön, sollte Kardinal Marx mit dieser Zeichnung hier anfangen? Was soll das überhaupt darstellen? Ich kann fast nichts erkennen!

Das Sammellogo des Herrn Anderlechner (eigenes Bild)

Herr Anderlechner: Das? Sieht man das gar nicht mehr? Das sind die Logos oder Signets der großen Autohersteller – alle übereinander gemalt. Eine Art Sammellogo für das Auto schlechthin.

Die Dame: Ah! Ja! Renault kann ich entziffern. Und das Blau von BMW kann ich erkennen. Unser Stern geht leider vollständig im Gemuschel unter! (Sie runzelt die Stirn.)

Herr Anderlechner: Ja, es sind die Signets von Audi, VW, BMW, Mercedes, Opel, wie Sie schon sagten Renault, Škoda, Fiat …

Die Dame (unterbricht ihn): Ah! Daher hier auch noch das Rot! Und als Hintergrund haben Sie dann noch das Thüringer Wappen gelegt?

Herr Anderlechner: Das…? Nein. Das ist der Löwe von Peugeot.

Die Dame (lacht): Köstlich! Alles wird ein Einheitsbrei! Und noch nicht mal ein Japaner dabei.

Herr Anderlechner: Nein, überhaupt kein Asiate dabei. Das hier reicht schon.

Die Dame: Und diese scheußliche Farbe …

Herr Anderlechner (lacht auf): Ja – Sie wissen ja, wenn man nicht die einzelnen Farben als reines Licht zum Strahlen bringt, sondern subtraktiv mischt wie hier, ergibt sich aus den Regenbogenfarben nicht reines Weiß, sondern eine ganz trübe Brühe.

Die Dame: Und was um alles in der Welt sollte ihr bisheriger Arbeitgeber damit anfangen?

Herr Anderlechner: Ich … es war … viele Gläubige … sogar der eine oder andere seiner Kollegen hat ja bereits … (ausbrechend) ich konnte einfach nicht mehr tatenlos zusehen, wie …

Die Dame (zieht eine Augenbraue hoch): Geht es auch in ganzen Sätzen?

Herr Anderlechner: Verzeihung, selbstverständlich! Seit einiger Zeit schon kritisieren nicht nur einfache Gläubige – aber diese auch – die ewige Politisierung der Verkündigung, nicht nur beim Herrn Kardinal. Nun ist aber seine explizite Wendung gegen den Begriff des christlichen Abendlandes hinzugekommen. Auch mit dem Abnehmen des Kreuzes auf dem Tempelberg …

Der Herr (unterbricht ihn): Ah! Das ist das Abkleben des Mercedessterns vor dem Werkstor von BMW … (er lacht und sucht die Stelle im Video, um sie erneut abzuspielen).

Herr Anderlechner: Exakt! Sie haben es verstanden!

Die Dame: Und mit dem Sammellogo wollten Sie zeigen, daß man schlicht gar nichts mehr erkennt, wenn man nur lange genug vergleicht, übereinanderlegt und alle Unterschiede abzieht.

Herr Anderlechner (erleichtert): So ist es!

Die Dame: So ganz verstehe ich dennoch nicht, was Ihr Chef daraus hätte lernen sollen …

Herr Anderlechner: Mein Chef ist Kardinal. Ein Oberhaupt der katholischen Kirche. Durch die – zugegebenermaßen gewagte – Parallelisierung von Kirche und Ihrem Unternehmen wollte ich verdeutlichen, daß er für die Sache werben muß, der er selber vorsteht. Mercedes macht ja auch nicht Werbung für BMW. Das macht ja auch BMW schon selber.

Der Herr: Die Gläubigen müssen von ihren Priestern und Bischöfen das Rüstzeug erhalten, um in der Welt von ihrem Glauben zu erzählen? Genauso, wie unsere Kunden aus unserer Beratung erfahren müssen, warum sie sich für eines unserer Produkte entscheiden sollen?

Herr Anderlechner: So ist es.

Die Dame: Aber – jetzt mal ehrlich: (Sie zögert) Glauben Sie wirklich, Ihr Chef hätte Ihre Anspielungen verstanden? Und noch dazu produktiv umgesetzt?

Herr Anderlechner (unsicher): Ich kann es Ihnen nicht sagen. (zerknirscht) Nein, vermutlich nicht … Meine Freundin hatte auch Zweifel …

Die Dame: Eine kluge Frau, Ihr Freundin! Wissen Sie was? Vergessen Sie Ihren jetzigen Arbeitgeber und kommen Sie zu uns! Ich finde, Sie haben das Zeug dazu. Und bei uns werden gute Leute nicht verheizt! Wir wissen, daß gute Mitarbeiter unsere wichtigste Ressource sind.

ENDE

Cornelie Becker-Lamers

Der Sketch entstand Mitte/ Ende Januar 2019, nachdem ich mich nach einer Messe sehr nett mit einem Gemeindemitglied über die Politisierung in der Kirche unterhalten hatte. Ihm sei dieser Text gewidmet. CBL

 

Die Neutralisierung der Schiefertafel

oder Von der Unlust, die Angst zu nehmen

Vor sechs Wochen hatten wir Ihnen die Herz-Jesu-Weimar-Variante der derzeit in deutschen Kirchengebäuden errichteten Klagemauern vorgestellt. Unserer Klagemauer hier ist eine Schiefertafel im Wortsinne zur Seite gestellt, auf der bis etwa Anfang Juni die Sterbedaten Weimarer ‚Coronatoter‘ (also mit oder an oder lange nach …) verzeichnet waren. Die Liste begann mit einem recht isolierten Datum Mitte November, hatte dann erschreckend viel in der Advents- und Weihnachtszeit aufzuzählen und endete mit dem 18. Februar 2021. Von den 96 bis Mai 2021 an oder mit oder nach einer Coronainfektion Verstorbenen deckte die Schiefertafel in Herz Jesu 90 Daten ab. Das heißt, man konnte nachvollziehen, was HNO-Ärzte seit April 2020 predigten: Daß der seit langem bekannte Coronavirus ein saisonaler Virus ist, der im Winter die Menschen infiziert und dann in der Wirkung bis zum nächsten Herbst abklingt. Das konnte man der Tafel ablesen. Das beruhigende Faktum wurde in Herz Jesu Weimar wirklich veranschaulicht.

PuLa riet, auch die fehlenden sechs Daten zu ergänzen, um den zeitlichen Abstand der Sterbedaten noch sinnfälliger zu machen und den Menschen die Angst zu nehmen. Denn es gibt immer noch welche, die eine ganz diffuse Angst vor dieser Krankheit haben – eine Angst, die eben genau die über lange Zeit vorherrschende Medienberichterstattung spiegelt.

Man entschied sich in Herz Jesu Weimar leider anders. Statt die aufschlußreiche Tafel zur Beruhigung der Menschen stehen zu lassen oder den Fakten entsprechend zu ergänzen, ersetzte man die konkrete Datenliste durch eine Strichliste, die nun gerade keinerlei Aufschluß über Häufung der Todesfälle und das Abklingen der Gefahr mehr zuläßt. Schauen Sie:

Die Schiefertafel aus der Klagemauer-Installation in Herz Jesu Weimar, Variation 1 (eigenes Bild am 3. Juni 2021)

Seltsam – nicht wahr? Wie hier auch Vertreter der katholischen Kirche sich dafür entscheiden, Dramatik eher aufrecht zu erhalten als Angst zu nehmen. 🙁

Cornelie Becker-Lamers

PS: „Fürchtet Euch nicht!“ ??!! Da war doch mal was… Außerdem schreitet mit dieser Darstellung die Entpersönlichung der Verstorbenen noch weiter fort. So KANN kein gelingendes Gedenken organisiert werden, weder kirchlich, noch staatlich, noch, was am allerschlimmsten ist, in den eigentümlichen Mischformen, die nicht zuletzt der Vorsitzende der DBK jüngst immer wieder propagierte. Erst, wenn wir uns wieder „trauen“, uns auf eigenes zu besinnen, um es dann auch zu TUN, werden wir wieder wahrgenommen werden.

Gereon Lamers

PuLa-Reloaded: Osterlachen – Mit Stern!

Dieser kleine, von uns völlig “harmlos”, ganz ohne tieferen Hintersinn und einfach nur lustig gedachte Text aus dem April 2013 hatte gänzlich unerwartete Konsequenzen!

Aber die schildere ich Ihnen erst in einem PS; vorher viel Spaß mit:

Osterlachen – Mit Stern!

Anders als im vergangenen Jahr ist das Osterlachen auf PuLa heuer weniger innerkirchlich als historisch/gesellschaftspolitisch.

Viel Spaß! (bevor wir uns, mehr nolens denn volens, vorrübergehend unangenehmeren Themen zuwenden müssen…)

Verwaltungssitz des Kreises Weimarer Land ist Apolda, ein häufig zu Unrecht unterschätztes Städtchen mit bemerkenswertem kulturellem Leben und im kirchlichen Zusammenhang interessant aufgrund seiner großen Vergangenheit im Glockenguß!

Wenig überraschend ist das Autokennzeichen des Kreises „AP“.

Und erinnern Sie sich noch an die „Außerparlamentarische Opposition“? Eines der ganz besonders problematischen Phänomene der an solchen nicht armen 60er Jahre, abgekürzt „APO“. Ihren Höhepunkt hatte diese „Bewegung“ nach allgemeiner Meinung im emblematischen Jahr 1968.

Ahnen Sie schon, worauf das hinausläuft? Genau, auf das Autokennzeichen AP-O 1968.

Und das gibt’s tatsächlich:

Kennzeichen aus Apolda, 2013 (eigenes Bild)

Als ich das sah, dachte ich zuerst: „Ich hätte mich ja eher mit dem Landrat duelliert, als dieses Kennzeichen zu akzeptieren! Ob sich der Halter nichts dabei gedacht hat?“

Aber das ist ja fast unmöglich!

Doch der zweite Blick offenbart: Der oder die Betreffende scheint ein Mensch von beträchtlicher Coolness zu sein!

Schauen Sie nur:

Kennzeichen mit Stern (eigenes Bild)

Das Kennzeichen befindet sich auf einem Mercedes! Einem schwarzen Mercedes!! Einem sauberen schwarzen Mercedes!!!

Arme Achtundsechziger…

Aber so ist das: The Times, they are a‘changing!

Gereon Lamers

 

PS: Ja, so hatten wir geschrieben und kurz darauf – war das Fahrzeug nicht mehr zu sehen!
Ehrlich, das Auto, das vorher über mehrere Monate hinweg zum Wochenende regelmäßig dort gestanden hatte (und von uns auf dem regelmäßigen Weg zur Kirche bemerkt worden war), war und blieb verschwunden! Einfach weg.
‘Soll mal keiner sagen, so ein Blog könne in der „realen Welt“ nichts bewegen’ haben wir uns damals gedacht und uns gelegentlich die Fähigkeit, ‘Autos wegzuzaubern’ späterhin wieder gewünscht 😉

GL

 

PuLa Reloaded: KaSchafüRüalProwe

Anläßlich des morgigen Fronleichnamsfestes, dessen Feier und Prozession wir hier in der Diaspora mal wieder auf den kommenden Sonntag verlegen müssen, präsentieren wir als Reload diese Woche einen kleinen Sketch, der den Erhalt alter Traditionen und wenn nötig den Wiedergewinn angestammter Bräuche, Wege und Sichtbarkeiten thematisiert.

 

Sketch des Monats: KaSchafüRüalProwe

Klar! Es gibt sie noch, die Wundersdorfer Schäfchen. Wir haben nur eine lange, für uns dadurch sehr entbehrungsreiche Zwischenzeit hindurch nicht von ihnen berichtet. Aber selbstverständlich waren sie immer da, in der Nähe von Wundersdorf, und wie wir gleich hören werden, haben sie auch schon wieder jede Menge geforscht und herausgefunden. Zum gestrigen Pfarrfest zu Mariä Namen machten sie unter einem strahlenden Septemberhimmel von ihrem neuerworbenen Wissen Gebrauch. Lassen Sie sich also entführen in die Welt der katholischen Pfarrei Maria Hilf! Wundersdorf in einem endlich wieder geposteten:

Sketch des Monats: KaSchafüRüalProwe

Ein Sketch für zwei Personen, zehn bis zwölf Schafe, zwei Lämmchen
und beliebig viele Schafstatisten

 

Wundersdorf, Oderbruch. Am Haus der Familie Langenfeld. Eine kleine, uns wohlbekannte Herde Schafe kommt, lässig, wie wir es von ihnen kennen, die Straße entlang geschlendert und bleibt etwas unschlüssig vor dem Haus stehen. Als alle Schafe sich in der kurzen Auffahrt zum Haus drängen und es langsam wirklich eng wird, erheben sich erste Stimmen, die die Situation thematisieren und auf eine Lösung drängen.

Ein Schaf: Und jetzt?

Ein anderes Schaf: Da steht ja ein Haus.

Ein drittes: Wie kommen wir denn jetzt weiter?

Das erste (etwas patzig zu Kohle): Damit wäre unser Projekt wohl gestorben.

Kohle: Immer mit der Ruhe!

Fixi (bahnt sich einen Weg durch die Menge nach vorn): Das Haus kenne ich!

Huf (drängelt Fixi hinterher): Da wohnt Teresa.

Fixi: Ich denke, da können wir einfach klingeln.

Die Schafe (durcheinander): Wir sollen irgendwo klingeln? – An einem Wohnhaus klingeln? – Wenn du dich traust, bitte! – Ich hatte gedacht, wir marschieren überall einfach durch. – Schließlich sind es unsere angestammten Wege!

Flocke: Ruhe! (Die Schafe beruhigen sich.) Ich mach das. Ich geh jetzt die paar Stufen da hoch und sehe mal, was ich machen kann.

(Unter den gebannten Blicken der restlichen Herde springt Flocke die Stufen zur Haustür hinauf und drückt mit der Schnauze einen breiten Klingelknopf. Dann kraxelt sie vorsichtig die Stufen wieder hinab und stellt sich erwartungsvoll zu den anderen.

Edith steckt den Kopf zur Tür hinaus, erschrickt und schlägt die Tür sofort wieder zu. Nach einer kleinen Weile schaut sie erneut, ob die Schafe noch da sind.)

Edith: Was macht ihr denn hier?

Die Schafe (durcheinander): KaSchafüRüalProwe – Dein Haus steht im Weg! – Wir wollen hier durch. – Es ist unser angestammtes Recht!

Edith: Waswaswaswaswas? Nicht alle durcheinander – ich verstehe ja kein Wort. Blütenweiß, sag du mal. Wie kann ich euch helfen?

Blütenweiß (errötet – wie immer – sofort): Guten Tag, Edith … also … wir hatten … das war … zu Fronleichnam hatte das Wildschaf … (rasch) wir haben den Film alle gesehen, und da kam die Idee auf … und wir dachten, wann, wenn nicht zum Gemeindefest …

Ein viertes Schaf: … und jetzt steht da euer Haus und wir kommen nicht weiter!

Edith (schaut sich um): Wo steht unser Haus?

Die Schafe: Na hier! – Auf unserem Weg.

Edith: Was für ein Weg? Kann mir mal jemand erklären, wo ihr hinwollt und warum?

Wolle: Also. Das Wildschaf hatte mal wieder (wie hier und hier) einen Vortrag vorbereitet. Zu Fronleichnam. Zum Thema alte Prozessionswege und –verläufe. (Mit wachsender Begeisterung) Da konnte man Schafe sehen, die durch Madrid laufen. Das ist dort ganz normal.

Ein Schaf: Und wir dachten, wir müssen auch unsere alten Wege wieder erobern.

Ein anderes Schaf: Um auf uns aufmerksam zu machen.

Ein drittes Schaf blökt: KaSchafüRüalProwe! KaSchafüRüalProwe!

Andere Schafe: Pssst! – Is‘ ja gut!

Edith: Ja … und jetzt?

Kohle: Jetzt müßten wir bitte durch euer Haus gehen. (Nach einer Kunstpause) Das ist alles.

Edith: Ihr? Dreckig wie ihr seid? Durch mein Haus? Und hinten durch meine Blumenbeete? Ihr habt sie wohl nicht alle! Trollt Euch! (Sie wirft die Tür ins Schloß.)

Die Schafe sehen sich betroffen an.

Flocke (seufzt): Jaja, so ist das immer. Von weitem finden sie uns total süß, aber wenn wir vor ihrer Haustür stehen, wollen sie uns nicht reinlassen.

Curly: Das ist aber in England nicht anders!

Die Tür öffnet sich und Teresa kommt herausgestürmt. Edith tritt auch wieder hinter ihr in den Türrahmen und bleibt dort stehen.

Teresa (zu Fixi und Huf): Da seid ihr ja! (Sie umarmt die Lämmchen.)

Flocke (befriedigt): Nun – es gibt eben auch solche.

Teresa (zu ihrer Mutter gewandt): Mama, laß die Schäfchen doch durch, es ist ein uralt verbrieftes Recht, daß sie hier ihre Weidegründe haben.

Edith: Wann kommt das Winnetou-Thema aus dem Off?

Teresa: Ach, Mama!

Edith: Ich will erstmal wissen, was das für ein Film ist, den ihr gesehen habt.

Kohle: Ist im Netz!

Flocke: Ist nur ganz kurz.

Wolle: Wir haben ihn damals dreiundzwanzigmal hintereinander geguckt.

Edith: Ok, dann kommen jetzt mal drei von euch rein und zeigen mir die Ursache eures Erweckungserlebnisses auf dem Bildschirm!

Kohle macht sich konzentriert auf den Weg zur Haustür.

Edith (versperrt ihm den Weg): Kohle, du könntest in der Zeit gut mal dafür sorgen, daß hier ein bißchen Rasen gemäht wird!

Kohle (verdattert): Rasen gemäht?

Fixi (gewahrt die Restbestände an in dieser Jahreszeit schon wieder selteneren Gänseblümchen): Au ja! Rasen mähen! (Sie stürmt in den Garten.)

Flocke (ruft ihr hinterher): Fixi! Denk dran, daß du von Gänseblümchen Bauchweh bekommst! ]

Huf: Zu spät! – Laß mal, Tante Flocke! (Er grinst.) Lieber mähwütig als wehmütig.

Flocke (verdreht die Augen): Du und deine Schüttelreime! (Sie trottet Fixi hinterher.)

Kohle: Klar. Warum eigentlich nicht. Organisieren wir halt eine Rasenmähergruppe (er stupst Grauchen und Blütenweiß an, sammelt noch Wolle und Curly ein und macht sich an die Arbeit. Für sich: Hoffentlich ist es kein ‚Politikum‘, wenn ich hier Rasen mähe. (Er beginnt zu grasen, während Edith mit drei Schafen in der Wohnung verschwindet und die Tür hinter sich zu klappt. Teresa bleibt draußen bei den Lämmchen.)

 ENDE

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf. Eigentlich gar keine so schlechte Idee, sich mal zu kümmern, wo eigentlich die alten Prozessionswege zu  Festen wie Fronleichnam herliefen. Haben wir uns neulich auch gedacht und den Erzählungen von Freunden aus katholischen Gegenden gelauscht, die von fahnengeschmückten Fenstern entlang der Prozessionswege berichteten.

Aber nun sind wir unseren Lesern ja noch den Film schuldig, den Edith mit den Schafen gerade schaut. Er könnte etwa so aussehen wie hier oder hier.

Und für alle, die sich fragen, was die Überschrift bedeutet: Es ist selbstverständlich die Abkürzung der Worte „Katholische Schafe für die Rückgewinnung alter Prozessionswege“. Ganz einfach. 😉

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

PS: Dieser Sketch stammt aus dem September 2016. Das heißt, er wurde genau ein Jahr nach der Amtsübernahme durch den neuen Pfarrer hier in Herz Jesu Weimar verfaßt. Die Stimmung der damaligen Zeit schlägt sich in einigen inhaltlichen Details nieder: So die Tatsache der Sprachlosigkeit und zeitweiligen Entfremdung zwischen Freunden. Es war schwer zu akzeptieren, daß die „also: Weimarer“ nur exakt ein halbes Jahr gebraucht hatten, um den neuen Pfarrer ‚einzunorden‘ und der langjährige nervenaufreibende und umgekehrt bis zum Rufmord an uns mißbrauchte Kampf für eine bessere Integration aller Kräfte ins Gemeindeleben umsonst gewesen zu sein schien. Ein paar ‚Fettaugen‘ auf der Suppe sorgten für ‚Business as usual‘ diesseits aller Aufarbeitung.

So auch die Fassungslosigkeit darüber, was den neuen Pfarrer nach der ‚Bearbeitung‘ durch die „also: Weimarer“ eigentlich noch zu interessieren schien. Das waren keine Kinder- oder Jugendgruppen. Das waren keine musikalischen Angebote. Das war keine wirkungsvolle Verständigung mit der muslimischen Gemeinde, die bloß zum „Running Dinner“ jährlich eben nur durch die Gemeinderäume „rennt“. Das war nicht die Verbesserung oder überhaupt Geburt einer medialen Präsenz der Pfarrei auf Instagram, Facebook oder YouTube. Alle greifbaren Menschen (inklusive entsprechender Muttersprachler), die in diesen Punkten gerne ehrenamtlich gute und professionelle Arbeit geleistet hätten, um dem Gemeindeleben wieder in allen Bereichen auf die Beine zu helfen (auf denen es bis heute bspw. in der Kinder- und Jugendseelsorge, aber auch in einem dem Potential unserer Pfarrei angemessenen musikalischen Angebot noch nicht wieder ist!), wurden um genau eine Mithilfe gebeten: Ob sie nicht die Kirche putzen könnten. Und noch diese Tatsache konnte vor dem Erfahrungshintergrund der vergangenen Jahre als ‚Politikum‘ gewertet werden. Schließlich gab es nicht Wenige unter den Fehlinformierten, die sich gewünscht hätten, einige Leute möchten schlicht komplett von der Bildfläche verschwinden.

Nach den Jahren des Niedergangs bis 2015 also erneut eine schlimme Zeit, die sich auch in einer relativen Sprachlosigkeit auf PuLa niederschlug: Nie haben wir so wenig gepostet wie im damals folgenden Jahr.

Das ist die ernste und leider eben nach wie vor nicht bewältigte Seite auch solch heiterer Texte. Aber auch diese Zeit haben wir überlebt und auch in dieser Zeit sind solche Sketche entstanden. 

CBL

Wie neu geboren

Ökumenisches Vivaldi-Konzert am Schloß Belvedere

Wie in einer zweiten Biedermeierzeit sitzt das deutsche Bürgertum – ich und meine Familie ausdrücklich eingeschlossen! – derzeit zuhause und hofft. Hofft, daß die Sprache in Satire, Berichterstattung und Argumentation endlich ihre floskelsprengende Wirkung tun und die Politiker zur ersatzlosen Beendigung aller „Coronaschutzmaßnahmen“ bewegen möge. Hofft, daß die Warnungen der Mediziner, die Plädoyers der Abgeordneten, die Hilferufe aus Einzelhandel, Kultur, Hotel- Gaststättengewerbe und natürlich die Verzweiflung aller Familien mit Kindern unter 25 endlich die Herzen der Entscheider erweichen und den ‚Coronanebel‘, der unsere Köpfe einhüllt und unser Denken verlangsamt hat, wegblasen möge. Die ungerechtfertigte mediale Identifikation auch besonnener Kritiker mit ‘Querdenkern’ und dieser mit dem ‚rechten Mob‘ hat ganze Arbeit geleistet: Statt zu demonstrieren, hofft das brave deutsche Volk, die Nachtmütze des deutschen Michel tief in die Stirn gezogen.

Unter dem Hashtag #Hoffnung fand denn auch am gestrigen Nachmittag ein ökumenischer Gottesdienst unter Beteiligung eines katholischen (Pfr. Gothe) und eines evangelischen Geistlichen (Pfr. Rylke) statt. Organisiert hatte die Veranstaltung Martin Kranz vom Achava-Festival gemeinsam mit Musikern der Staatskapelle Weimar. Denn der Gottesdienst war eigentlich ein Vivaldi-Konzert. Sinn der Open-Air-Veranstaltung hinter dem Schloß Belvedere war neben der seelischen Notversorgung der darbenden Bevölkerung, freischaffenden Musikern eine kleine bezahlte Auftrittsmöglichkeit zu verschaffen. Die während der Auftrittsverbote durchfinanzierten Streicher des DNT verzichteten zu diesem Zweck gestern auf ihre Bezahlung.

Strahlender Sonnenschein und milde Temperaturen erfreuten das Publikum und belohnten den Mut der Veranstalter und Ausführenden des Open-Air- Konzerts mit geistlichem Segen am 30. Mai 2021 in Belvedere (eigenes Bild)

Nach einer kurzen Ansprache, in der Pfarrer Gothe die derzeit zu erlebende Erweiterung des Gottesdienstbegriffes verteidigte, aber auch den Gedanken der Trinität an Beispielen begreiflich machte, las der Priester aus Joh 3. Zu Beginn dieses Kapitels erläutert Jesus dem Pharisäer Nikodemus die Notwendigkeit einer Neugeburt des Menschen, der ins Himmelreich eingehen möchte – einer Neugeburt nicht aus seiner Mutter, sondern aus Wasser und Geist. Nach einiger Musik schloß Pfarrer Rylke eine Predigt an zur Neugeburt nach den Zumutungen der Coronamaßnahmen und den Verwerfungen, die ihre unterschiedliche Bewertung in der Gesellschaft bis hinein in Familien und Freundeskreise bewirkt hat.

Der katholische Ortsgeistliche Timo Gothe bei seiner Begrüßung (eigenes Bild)

Die Musik trug natürlich wesentlich zu den Voraussetzungen einer solchen Neugeburt unserer Seelen bei. Sie war klug gewählt. Denn sie fußte vollständig auf den Kompositionen Antonio Vivaldis: Auf Teilen seines zu Trinitatis ungewöhnlichen „Stabat mater“ und auf den „Vier Jahreszeiten“.

Vierzehn Monate Staatstrauer

Warum Vivaldi? Weil die „Vier Jahreszeiten“ zu den meistgespielten Konzerten der Musikgeschichte gehören? Vielleicht. Aber ich vermute noch ein anderes Motiv bei den Veranstaltern. Denn während des Lockdown im vergangenen Jahr kursierte in Musikerkreisen ein gerade erschienener Vivaldi-Roman (Peter Schneider, Vivaldi und seine Töchter, Köln 2019), perfekt dazu angetan, die Moral einer kaltgestellten und zum Teil im Wortsinne ausgehungerten Künstlerschaft zu heben. Denn Vivaldi wird darin als „einer der ersten freien Künstler Europas“ apostrophiert.

Nur in der ersten Hälfte seines Lebens hat er in einem ständigen festen Dienstverhältnis bei der ‘Pietà’ gestanden. Den großen Rest seines Einkommens hat er auf dem unsicheren Opernmarkt und beim musikbesessenen Adel eingesammelt – bei dessen Empfängen, Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, Partys und durch den privaten Verkauf seiner Partituren. Sollte auch nur eine dieser Quellen plötzlich versiegen, stünde es schlecht um Vivaldis Haushalt. Und ganz schlecht, wenn alle Quellen auf einmal vertrockneten.
(S. 233)

Ja. Antonio Vivaldi (1678 Venedig -1741 Wien) hat, von den Eltern zum Priesterstand bestimmt, als solcher nicht nur Eltern und Geschwister miternährt und mit dem Waisenhaus Ospedale della Pietà in Venedig das erste Straßenkinder-Orchester der Welt unterhalten. Er hat auch an die 100 Opern komponiert und auf eigenes Risiko zur Aufführung gebracht.

Der Niedergang des berühmten „prete rosso“ begann mit der Zensur eines Werkes. Metastasios „Catone in Utica“ – ein Werk über „Freiheit und Unterwerfung, Moral und Anpassung“ und vor Vivaldi bereits von Meistern wie Hasse und Händel vertont – wird als Libretto verboten, denn, so die Stadtoberen laut Peter Schneider, hier „würden‚ Dinge gesagt, die sich mit der seit Jahren verfolgten politischen Linie in Venedig nicht vertragen.‘“ (S. 222) Der Arm diverser Kirchenfürsten reicht weit ins italienische Umland hinein. Im Mai 1740 verläßt Vivaldi Venedig vermutlich auf der Flucht vor seinen Gläubigern in Richtung Wien (S. 252f.)

Doch die Verlagerung des Wohnortes steht unter keinem guten Stern. Vivaldis Gönner Kaiser Karl VI. stirbt im Oktober desselben Jahres. Vivaldi weiß, „was die unmittelbare Folge für alle Musikanten im Kaiserreich sein würde: die Schließung aller Opern und die Anordnung einer langen Trauerzeit – vierzehn Monate in diesem Fall.“ (S. 258) Der große Opernkomponist, Unternehmer, Violinvirtuose und Vorlagenlieferant etlicher Bachscher Transkriptionen wird am 28. Juli 1741 in Wien in einem Armengrab beigesetzt.

„Vierzehn Monate!“ lachte im letzten Jahr ein befreundeter Chorleiter am Telefon noch auf. Heute, nachdem die Parallelität von zeitlichem Ausmaß der Schließungen und reeller Verarmung der Künstlerschaft Vivaldis Schicksal mit dem heutiger Musikschaffender zur Deckung bringt, lacht niemand mehr. Auch nicht sarkastisch.

Über 200 Jahre blieb Vivaldis auch in den deutschen Fürstentümern zu Lebzeiten vielgespieltes Werk vergessen. Eine wertschätzende Wiederentdeckung fiel in Deutschland dem Kulturkampf im letzten Drittel des 19. Jh.s zum Opfer, als die Orgelbearbeitungen des frisch gebackenen ‘Mythos BACH’ gewissermaßen aus Staatsräson prinzipiell über die Originalwerke des italienischen Katholiken gestellt wurden (S. 262f). Die wertschätzende Wiederentdeckung vollzog sich darum erst 300 Jahre nach Vivaldis Tod durch das Istituto Italiano Antonio Vivaldi, das der Wiederaufführung einiger in der sächsischen Landesbibliothek Dresden aufbewahrten Partituren durch die amerikanische Geigerin Olga Rudge folgte (S. 273f).

Eingehüllt in Fliederduft

Nun also „Le quattro Stagioni“ zu allseitiger Tröstung im Park von Belvedere. Der Duft der voll erblühten Fliederbüsche im Rücken des Publikums erfüllte die Luft auf dem abstandsbestuhlten Platz. In wechselnder Besetzung, mit Solisten aus je anderen freien Ensembles oder auch der Staatskapelle spielten „Frühling“ (Solo: Bernhard Forck), „Sommer“ (Edi Kotlyar), „Herbst“ (Gernot Süßmuth) und „Winter“ (Daniel Sepec) und ließen es sich nicht nehmen, uns in einer jeweils besonderen Ausgestaltung der langsamen Sätze das Erlebnis der Livemusik in vollen Zügen genießen zu lassen. So zauberte Gernot Süßmuth, die linke Hand fast am Steg seiner Geige, in atemberaubendstem Flageolett Vogelstimmen und Naturgeräusche hervor. Christine Schornsheim (Cembalo) riß es vor der letzten Reprise des Kopfthemas im Schlußsatz des „Herbstes“ zu einem genrefremden  Glissando quer über die Tasten hin.

Pure Musizierlust und die Freude am musikalischen Spaß!

Das gute Zusammenspiel der sonst nicht gemeinsam musizierenden Streicher verbesserte sich weiter von Satz zu Satz. Die Akustik im Freien war natürlich knochentrocken, aber eben darum für die sechszehntelgesättigten Melodien der „Vier Jahreszeiten“ besonders gut. Zu Beginn des „Frühlings“ hörte man förmlich die einzelnen Vögel zwitschern.

Schließen wir auch diesen Beitrag mit einer Einspielung des „Herbstes“ durch Frederieke Saeijs und das Niederländische Symphonie Orchester Enschede. Enjoy! 🙂

 

Cornelie Becker-Lamers

PuLa-reloaded: Die letzten Dinge im „Himmelchen“

Den Anlaß für das PuLa-reloaded dieser Woche bot, in ebenso  unerfreulicher wie typischer Weise ein Artikel im ‚Tag des Herrn‘ (Nr. 20, 23. Mai 2021) unserer lokalen Ausprägung der Bistumspresse.
Prominent auf Seite 3 winkt uns dort die kürzlich verstorbene 93-jährige Gertrud W. aus Münster zu, auf einem Photo, entstanden vermutlich in dem Altenpflegeheim, in dem sie ihre letzten Tage verbrachte.

Überschrift: “Ihre letzte Hoffnung”.

‚Tag des Herrn‘ vom 23. Mai 2021, S. 3 (eigenes Bild)

Was mochte die “letzte Hoffnung” einer so betagten Dame gewesen sein, die, wie aus dem Fünfspalter hervorgeht, zwei Söhne geboren hat, zu denen, so will es scheinen, guter Kontakt bestand.
Der “Traum von der Reise zum Haus an der Nordsee”, der in der Zwischenüberschrift vorkommt, konnte es doch wohl nicht gewesen sein, so dachte ich. 

Jedoch, die Lektüre des gesamten Berichts belehrte mich, nein, eben nicht eines Besseren, sondern zeigte erneut das ganze Elend dessen auf, was heute so in der “Kirchenzeitung” steht.

Kein Wort, wirklich kein Wort stand da zu lesen, das über diese Welt und ihre engen Grenzen hinauswiese!
Seemannslieder, natürlich ‘Corona’ (einschließlich vollständiger Impfung) Reisen, Konzerte, Bastelrunden und schließlich auch die “Pizza Salami”, das alles kommt vor.

“Letzte Hoffnung”, dachte ich, und frage mich: fehlt da nicht etwas? Erschöpfte sich darin, worauf eine 93-jährige, deren Leben in dieser Welt sich nun einmal objektiv seinem Ende zuneigte, hinlebte?

Nun, wir wissen nicht, wie es diesbezüglich wirklich um Gertrud W. stand, und wir wollen hoffen, besser, als es uns dieser Artikel darlegt.

Aber was wir wissen, ist, eine Kirchenzeitung, die es offenbar als normal empfindet, von den “Letzten Dingen” nicht einmal dann zu sprechen, wenn sich die Sorge um sie doch geradezu aufdrängt, die es fertigbringt, ausschließlich irdischen Tand (relativ) als “Letzte Hoffnung” auszugeben, die hat den Boden praktizierten Christentums schlicht verlassen!

Es soll einmal eine Zeit gegeben haben, in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, von der wird berichtet, die Lehre von den letzten Dingen, die Eschatologie, sei in der Kirche geradezu “in Mode gewesen”. Lang, lang ist’s her, kann man da nur sagen…

Doch worüber wundern wir uns? Haben wir denn angesichts der Tatsache, daß uns mit ‘Corona’ vermeintlich oder tatsächlich das Sterben besonders nah gerückt ist, von unseren Bischöfen besonders viel von der nächsten Welt gehört, bzw. der Notwendigkeit, sich auf sie vorzubereiten? Wir alle kennen die Antwort, denke ich.

Es ist hart, das so deutlich auszusprechen, aber der organisierte Katholizismus in Deutschland, einschließlich der doch genau dazu berufenen Oberhirten, hat in dieser ‘Pandemie’  geistlich einfach fast vollständig versagt.

Dabei ist die Beschäftigung mit der Eschatologie so schön und bereichernd, intellektuell aber auch ganz persönlich, wie ich im Juni 2013 erleben durfte, als die Herausgeber der Josef-Ratzinger Gesamtausgabe (JRGS) rund um den Regensburger Bischof R. Voderholzer anläßlich des Erscheinens des einschlägigen Bandes am Erfurter Dom ein Symposium zu der Lehre des damaligen Papstes und Theologen zu diesem Thema organisierten, an dem ich als Zuhörer teilnehmen konnte. Ich staune bis heute über meinen damaligen Mut, aber ich wurde reich belohnt und habe dann einen kleinen Beitrag (hier das Original) geschrieben, den einer der beteiligten Wissenschaftler sogar ausdrücklich gelobt hat. 

Viel Vergnügen!

Gereon Lamers 

Die letzten Dinge im „Himmelchen“, Symposium zu Joseph Ratzingers Eschatologie in Erfurt

„Wenn dem Menschen das Evangelium der Rettung verkündigt wird,
dann wird die Rettung auch dem Fleische verkündigt.“

(Justin der Märtyrer)

Coelicum (Bild: Wikipedia, Uni Erfurt)

Im Coelicum („Himmelchen“), dem spätmittelalterlichen Hörsaal der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Erfurt, fand am Samstag, dem 1. Juni 2013, das vom Institut Papst Benedikt XVI. gemeinsam mit der Katholisch-Theologischen Fakultät veranstaltete Symposium zu „Eschatologie und Theologie der Hoffnung“ statt, das anläßlich des Erscheinens von Band 10 der „Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften“ (JRGS) veranstaltet wurde (das Institut ist, wem das gerade nicht mehr gegenwärtig ist, mit der Herausgabe der Schriften des Theologen Joseph Ratzinger von diesem als Papst Benedikt XVI. [indirekt] selbst beauftragt worden).

Vor allem weiteren möchte ich mich bei den beiden Veranstaltern für die Möglichkeit der Teilnahme und die erwiesene Gastfreundschaft herzlich bedanken! Was kann man sich besseres antun an so einem kalten und stürmischen (wenn auch erstaunlicherweise kaum regnerischen) Tag, als einige Stunden seinen Kopf anzustrengen aus so erfreulichem Anlaß und zu diesem qua definitionem so entscheidendem Thema?

Mariendom zu Erfurt, Hoher Chor (Bild: Wikipedia, Matthias Kabel)

Der Tag begann mit einer Hl. Messe im Hohen Chor des Erfurter Doms, die zelebriert wurde von dem Regensburger Bischof Dr. Rudolf Voderholzer,  dem Direktor des Instituts Papst Benedikt XVI. und unserem Altbischof Dr. Joachim Wanke. Dieser geistliche Beginn des Tages wurde nur um so schöner durch die ebenso wohltuende wie lehrreiche Predigt von Bischof Voderholzer, in der er den „guten Patron“ des gemeinsamen Bemühens würdigte, den Tages-Heiligen: Justinus der Märtyrer,  der im 2. Jahrhundert das „Gespräch der Vernunft“ zwischen dem jungen Christentum und seiner Umwelt nicht mit den heidnischen Kulten, sondern mit der Philosophie seiner Zeit gesucht habe. Ein früher Aufweis der Logos-Gemäßheit der „neuen Religion“, für die Justin schließlich im Jahr 165 in Rom unter dem „Philosophenkaiser“ Marc Aurel (…) das Martyrium erlitten hat.

Außerdem sind es ja immer die „kleinen Dinge“ in einer Messe, über die sich der aufmerksame, sozusagen „tätig teilnehmende“ 😉 , einfache Gläubige freut: So z.B. wenn zu Beginn von den „Göttlichen Mysterien“ die Rede ist und wenn es vor dem Vaterunser einmal wieder heißt: „wagen wir zu sprechen“; Danke, Herr Bischof!

Anschließend erläuterte zu Beginn der Tagung der Dekan der Fakultät, Prof. Michael Gabel,  u.a. warum gerade das Coelicum ein so geeigneter Ort für die Vorstellung eines Buchs mit Texten von Joseph Ratzinger war: Es schaut an einer Seite auf den Kreuzgang des Doms, in dem im September 2011 Papst Benedikt am Grab des ihm freundschaftlich verbundenen Bischofs Hugo Aufderbeck gebetet hat.

Kreuzgang des Erfurter Doms (eigenes Bild)

Seine gewisse Entrücktheit, hoch auf dem Domberg über Erfordia turrita, der türmereichen Stadt, wird ebenfalls nicht geschadet haben und der Versuch, mit den Mitteln der modernen Technik den Frevel des 19. Jahrhunderts zu tilgen, das die namensgebende, mit Sternen und Planeten bemalte Decke zerstörte, fand gebührende Anerkennung.

Die neuen Lichter im Coelicum (eigenes Bild)

Doch ist es, glaube ich, angemessen, noch in einem viel grundsätzlicheren und vor allem inhaltlicherem  Sinne von einem guten Tagungsort zu sprechen, der sich vor allem in der Auswahl der Referenten spiegelte.

Denn indem hier Wissenschaftler aus dem Osten und aus dem Westen Deutschlands zu Wort kamen (und solche, die beide Teile in ihrer Laufbahnen verbinden) traten zugleich verschiedene Aspekte im Zugriff auf und Erfahrungen mit einer Theologie der Hoffnung im allgemeinen und den Werken Joseph Ratzingers im besonderen zutage.

Mariendom zu Erfurt, Südansicht mit Blick auf den Hohen Chor und das Coelicum (Bild: Wikipedia)

Den Anfang machte Dr. Gerhard Nachtwei,  z.Zt. Propst in Dessau,  mit seinem Vortrag zu: „Ratzingers Eschatologie auf der Suche nach einer Antwort auf die Fragen des heutigen Menschen. Erfahrungen mit der Theologie Ratzingers im Osten Deutschlands“. Dr. Nachtwei hat mit der 1986 in Leipzig erschienen ersten Dissertation („Dialogische Unsterblichkeit“) im deutschen Sprachraum zu der 1977 zuerst als Gesamtdarstellung erschienenen „Eschatologie“ J. Ratzingers eine „Referenzstudie“ (Prof. Marschler) vorgelegt, der der Autor Ratzinger in seinem Nachwort zur 6. Auflage von 1990 hohes Lob („große Arbeit“) gespendet hat.

Dr. Nachtwei zog zu Beginn kurz (vielleicht ein wenig sehr kurz angesichts des komplexen Themas) die entscheidenden Linien seiner Untersuchung noch einmal nach und gab anschließend beeindruckende Beispiele für die „pastorale Notwendigkeit fundierter eschatologischer Antworten“  und unterstrich, wie wichtig es in der Auseinandersetzung mit dem materialistischen System der DDR gewesen sei, Begriffe wie „Geist“ und „Seele“ zur Verfügung zu haben.

An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht in einem kurzen Einschub darauf hinzuweisen, daß dies keineswegs so selbstverständlich ist, wie es auf den ersten Blick für denjenigen scheinen muß, der die Entwicklung des eschatologischen Denkens in der (westdeutschen) Theologie der letzten Jahrzehnte nicht mit- bzw. nachverfolgt hat. Diese hatte nämlich den Seelenbegriff (und damit natürlich auch den der ‚Unsterblichkeit der Seele‘) in weiten Teilen aufgegeben! Ich erinnere mich noch gut an mein eigenes ungläubiges (und entsetztes) Staunen, als ich dies bei Joseph Ratzinger erstmals las… Eines seiner wesentlichen Anliegen mit „seiner“ Eschatologie war es demnach ja auch, die allzuschnell in Verkündigung und Gemeindepraxis eingegangenen, unausgegorenen Vorstellungen („Auferstehung im Tode“) als „ein Denken zu verabschieden, das die Verkündigung sprachlos macht und sich damit als Weise des Verstehens selbst aufhebt.“ (J. Ratzinger, Eschatologie, Tod und ewiges Leben, Regensburg, 6. Auflage 1990, S. 97; sorry, Band 10 der JRGS stand mir  noch nicht zur Verfügung 😉 )

Ein Anliegen, das in den Ausführungen von Dr. Nachtwei (wie seinen späteren Diskussionsbeiträgen) eindrucksvolle Bestätigung fand.

Prof. Dr. Josef Freitag,  ursprünglich Freiburg, heute Erfurt hingegen hielt in seinem Vortrag: „Individuelle und universale Eschatologie“ die durch Joseph Ratzingers Buch ausgelöste Kontroverse (insbes. mit Gisbert Greshake), wohl mit der Mehrheit der heutigen Forschung, für  weitgehend erledigt (auf der grundsätzlichen, theoretischen Ebene) und betonte den unaufgebbar wichtigen Aspekt universaler Eschatologie in klarer biblischer Herleitung und auf Basis eines historischen Rückblicks, der die Individualisierung zunächst der Bußpraxis und später der Jenseitshoffnung in der westlichen Kirche kritisch in den Blick nahm.

Freitag erhob weiterhin Widerspruch gegen die Ratzingersche Einordnung der „Theologie der Befreiung“ als ein (vorwiegend bis ausschließlich) „politisches“ (ja weitgehend marxistisches) Phänomen und hielt dem entgegen, sie habe vielmehr ihren universaleschatologisch einzuordnenden Ausgangspunkt bei der Frage, „Was tut Gott in der Welt?“ gehabt, wobei er allerdings zugestand, der Bezug auf „Communio-Strukturen“ sei bei Joseph Ratzinger ebenfalls sehr stark, dieser sei allerdings in seiner „Eschatologie“ eben nicht „systemprägend“ geworden.

Ergab sich damit bereits in gewisser Hinsicht eine Art von Antwort auf den ersten Beitrag des Tages, sollten unterschiedliche Bewertungen im Blick auf die Theologie der Befreiung  am Ende des Tages noch viel deutlicher hervortreten.

Doch zuvor sprach nach der Mittagspause Prof. DDr. Thomas Marschler, Universität Augsburg, zu: „Seele: Joseph Ratzingers Stellungnahmen zu einem eschatologischen Zentralbegriff und ihre Relevanz für die aktuelle Diskussion“.

Er stellte zunächst fest, von verschiedenen Seiten, sowohl von ausgeprägt konservativen katholischen wie von evangelischen Positionen, zuletzt aber auch aus philosophischer Sicht habe es an Joseph Ratzingers Thesen Kritik („Inkonsistenz­vermutungen“)  gegeben, die sich, ggf. mit je verschiedenem „Vorzeichen“, an der Frage Relationalität versus Substantialität der Unsterblichkeitskonzeption festgemacht hätten, um daraufhin vier Kernaussagen der Ratzingerschen Eschatologie in ihrer reifen Phase (d.i. post-1977) herauszuarbeiten.

Ich greife hier (schließlich sollen die Beiträge ja auch noch in Buchform erscheinen… 😉 ) die zweite These heraus:

„(2) Die genuin theologische Unsterblichkeitshoffnung darf sich der philosophisch-ontologischen Dimension ihrer Aussagen nicht verschließen.

Die „Seele“ als Inbegriff der dynamischen Relation zu Gott ist in diesem Sinn für den Menschen als unverlierbar und “substantiell“ anzusehen.

In eschatologischer Hinsicht ist die “Seele“ dasjenige anthropologische Konstitutions­prinzip, das die Fortexistenz des Menschen über den Tod hinaus ermöglicht.“

Mit ihr erscheint mir exemplarisch deutlich zu werden, wie Prof. Marschler hier Joseph Ratzingers Anliegen verdichtend aufgriff und schöpfungstheologisch explizierte wie diese quasi-substantielle, ontologische Dimension der „Relationalitäts-Unsterblichkeit“ die Schärfe der Gegenüberstellung „Unsterblichkeit versus Auferweckung“ aufzuheben angetan ist.

Das von ihm festgestellte, philosophisch gesehen „überflüssig“ erscheinende, „ambivalente Verhältnis“ Joseph Ratzingers zum Dualismusbegriff ist in der Tat etwas, was sich dem aufmerksamen Leser, wenn auch natürlich nicht in dieser begrifflichen Schärfe, aufdrängt. Ich würde zu der Frage nach dem Grund für diese Ambivalenz gerne an die Stelle aus dem 2. Kapitel, § 5, Nr. 5 der  „Eschatologie“ (6. Aufl. S. 130) erinnern, in der der Autor offenbar sehr bewußt mit den Begriffen der (unverzichtbaren) „Dualität“ einerseits und des „Dualismus“ andererseits operiert. Legt nicht das offenkundige Ziel, nichts an der „Einheit des ‚ganzen Menschen‘“ wegzunehmen, nahe, die begriffliche Unschärfe könne aus sozusagen vorrangigen verkündigungspraktischen Gründen bewußt in Kauf genommen worden sein?

Wie dem auch sei, die lebhafte und hochklassige Diskussion zwischen den Referenten und einigen der ca. 50 Teilnehmer setze sich noch in der nachmittäglichen Pause fort, bevor zum Abschluß Prof. Dr. Siegfried Wiedenhofer,  zuletzt Goethe Universität Frankfurt, Main, zu „Politische(r) Utopie und christliche(r) Vollendungshoffnung“ vortrug.

Professor Wiedenhofer stellte zunächst die im Prinzip ja wohlbekannte Position Joseph Ratzingers in seiner Ablehnung der politischen, bzw. Befreiungstheologie (Stichworte: „Selbsterlösungshoffnung“, Machbarkeitskult“, „Aufgabe des ontologischen Wahrheitsbegriffs“) dar, die ihn zu einer „theologischen Hermeneutik des Verdachts“ gegen diese Entwicklungen geführt habe. Diese sei zwar im Sinne des „Ent-deckens des Vorhandenen“, der notwendigen „Aufdeckung gefährlicher Tendenzen“ tatsächlich erforderlich gewesen, habe jedoch auch zu einer im einzelnen wenig faktenorientierten Form der Auseinandersetzung geführt, die schlimmstenfalls ins bloße Vorurteil abzugleiten drohe. Vor allem aber stelle sich mit der völligen Trennung von Religion und Politik und der Zuweisung der letzteren auf das Gebiet der Moral das Problem der „Beschränkung der sakramentalen Gesamtexistenz des einzelnen Gläubigen“. Von daher sei, so Wiedenhofer, eine „Ehrenrettung“ der politischen Theologie und der Theologie der Befreiung „möglich und erforderlich“; er verwies in diesem Zusammenhang auf das wesentlich entspanntere Verhältnis, das der (amtierende) Präfekt der Glaubenskongregation, Erzbischof G.L. Müller zu diesem Themenfeld und den auf ihm handelnden Personen unterhalte.

Wenn nun auch jeder Versuch einer abschließenden Bewertung seitens des theologischen Laien schlechterdings vermessen wäre, drängen sich dem aufmerksamen einfachen Gläubigen doch einige Beobachtungen auf:

1) Es ist ja nachgerade ein Topos der Blogoezese, die selbstreferentielle und auswirkungslose (deutsche) Universitäts-Theologie zu schelten und zwar, Topos hin oder her, wie ich glaube, nur allzuoft völlig zu recht. Nichts davon aber war im Rahmen dieser Tagung zu spüren!  Vielmehr blieb bei aller Unterschiedlichkeit der Ansätze nicht nur der respektvolle Umgang mit dem Oeuvre des großen Theologen, das ja alle erst dort versammelt hatte, jederzeit gewahrt, sondern vor allem blieb, bei aller begrifflichen Abstraktion, für mich jedenfalls, der Blick auf den einzelnen Menschen, den einzelnen Gläubigen und „was er davon hat“, sein (Seelen-) Heil!, zu jedem Zeitpunkt glaubhaft gewahrt. Das war ein sehr schönes Erlebnis, für das ich allen Referenten danken möchte.

2) Bei aller inneren Nachvollziehbarkeit der Argumente fand ich es doch bemerkenswert, wie der stärkere Bezug auf „das Politische“ mit dem Lebensalter und der „West-lichkeit“ der Referenten korrelierte. Wie auch die Diskussion, die sich an den letzten Vortrag anschloß zeigte, gibt es gerade auch im Bereich der Theologie nach wie vor jede Menge guter Gründe, Erfahrungen und Perspektiven auszutauschen, zwischen „West“ und „Ost“. Auch deswegen ist es eine so gute Idee, Bischöfe zwischen den ehemaligen Teilen Deutschlands „hin- und herzuschicken“, wie das ja zuletzt nach allem, was man hören kann, mit der Ernennung von Bischof Dr. Heiner Koch für Dresden-Meißen wieder so hervorragend geklappt hat! Hoffentlich trägt sich dieses Muster weiter durch.

3) Wenn Prof. Wiedenhofer die „nachkonziliare Streitphase“ und ihre Polemiken für mittlerweile historisch erklärt und die Ratzingersche „Hermeneutik des Verdachts“ nach „außen“ (gegenüber der politischen Theologie) in Analogie zu seinen Argumentationsmustern nach „innen“, hinsichtlich kirchlicher Struktur- (bzw. „Reform“-) Fragen sieht, möchte ich, insoweit die Analogie auch Parallelität bedeuten soll, hinsichtlich der Konsequenzen widersprechen.

Mir scheint doch mit Händen zu greifen, daß die Überwindung so mancher Verirrungen der nachkonziliaren Phase alles andere als abgeschlossen ist, gerade „vor Ort“ in den Gemeinden; deswegen ist es m. E. für eine solche Historisierung der Ratzingerschen Theologie, inklusive ihrer Polemiken!,  definitiv zu früh. Es ist nämlich, wenn Sie mir das Wortspiel gestatten, ein „himmelchen-weiter“ Unterschied, ob man sich im Rahmen eines solchen Austauschs über Entstehung, Rahmenbedingungen und Absichten theologischer Forschung differenziert austauschen kann, oder ob „abgesunkene“ Vorstellungen den schrecklichen Vereinfachern in den Gemeinden („engagierte Laiinnen und Laien“… 🙁 ) in die Hände fallen.

Und ich frage mich weiterhin, ob gleiches nicht auch für den Blick „nach außen“ unverändert gilt. Hat nicht der weltanschauliche Feind, der als („orthodoxer“) Marxismus erledigt scheint, eher einen bloßen Gestaltwandel vollzogen, was ihn aber nicht ungefährlicher zu machen braucht?
[…]

Ganz zum Schluß möchte ich mit einer Ermutigung enden: Wer u.U. die obige notwendige Verknappung von immerhin einigen Stunden dichter Vorträge und Diskussionen etwas, na, sagen wir „abstrakt“ fand, der sollte sich davon keinesfalls abhalten lassen, sich mit dem Thema zu beschäftigen! Wie ich im Gespräch mit Dr. Chr. Schaller, dem stellvertretenden Institutsdirektor, zu meiner freudigen(!) Verblüffung feststellen durfte, haben wohl etliche Menschen wie ich von Joseph Ratzinger als erstes seine „Eschatologie“ gelesen. Das ist nicht ganz einfach und man wird das Buch im Zweifel mehr als einmal lesen müssen. Aber das wird man auch wollen! Es ist mit der gesunden Lehre wie mit einem Stück Vollkornbrot: man muß sie ordentlich kauen, aber dann nährt sie eben auch besser als manches Stück aufgeplusterten Weichgebäcks! 🙂

Wie man dabei (erneut) Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. als eminent „praktischen“ Theologen und wahren Hirten erlebt, setzt dem geistlichen Gewinn ein freudiges Krönchen auf.

PuLa-reloaded: Gegrüßet seist du, Maria!

Wie angekündigt wollen wir die weiteren Beiträge aus der Reihe “Pula-reloaded” im Marienmonat Mai der MutterGottes widmen.

Und da fangen wir heute mit einem kleinen Posting vom 1. Mai 2015 an, das eigentlich nur aus dem Text zum Bild besteht und uns heuer besonders das Herz erfreut, blüht doch in diesem kalten Frühjahr jedenfalls außerhalb irgendeines Fleckchens mit Weinbauklima gewiß noch keine Rose! Bemerkenswert und durchaus des Wiederlesens wert sind übrigens auch die Kommentare von damals, hier finden Sie den Originalbeitrag.

Aber jetzt: 

Gegrüßet seist du, Maria!

Ein Bild zum Beginn des Marienmonats Mai

 In Weimar wird die Netzlandschaft ausgebaut. Das bringt es mit sich, daß in etlichen Häusern der Stadt immer mal wieder der Internetzugang lahmgelegt wird. So auch am gestrigen Tag. Wir freuen uns, daß wir zum Beginn des Marienmonats Mai wieder online sind und so wie geplant ein Bild posten können, das so schön zum ewigen Understatement (aka „Demut“) und der wahren Größe der Gottesmutter paßt. Ich habe es im August 2013 in der Erfurter Johannesstraße fotografiert.

Hier ist sie, die „kleine Rose“:

Haus ‚Kleine Rose‘ (eigenes Bild)

Cornelie Becker-Lamers

 

PuLa reloaded: Glaubenszeugnis in Eilsleben

Der heutige Beitrag in der Reihe PuLa reloaded stammt aus dem Jahr 2013. Zwei Jahre jung war PuLa zu diesem Zeitpunkt, aber wir hatten schon so allerlei erlebt – und zwar auch viel schönes!

Dazu gehört nicht zuletzt der unverändert bestehende gute Kontakt nach Oschersleben und zu Hw. Pfr. Sperling! 

Damals hatte er mich eingeladen, am 10. März in der Herz-Jesu Kirche in Eilsleben einen “Fastenvortrag” zur „Bedeutung der Gottesmutter für meinen Glauben“ zu halten.

Man kann es nach wie vor gar nicht oft genug sagen, wie toll es in Oschersleben ist! Sollte es Sie jemals in die Gegend (nahe Magdeburg) verschlagen, besuchen Sie die Pfarrei St. Marien Oschersleben

Im Mai wollen wir übrigens versuchen, alle restlichen Beiträge für PuLa reloaded mit einem Bezug zur MutterGottes auszusuchen.

Pfarrkirche St. Marien Unbefleckte Empfängnis, Oschersleben, Marienaltar (eigenes Bild)

 

PuLa unterwegs: Glaubenszeugnis in Eilsleben

Lieber Pfarrer Sperling, liebe Anwesende, vielleicht darf ich bei einer solchen Gelegenheit sogar einfach sagen, liebe Schwestern und Brüder?!

Ich danke Ihnen, für Ihre Gastfreundschaft, für die Gelegenheit, hier, in Ihrer schönen Kirche Herz-Jesu in Eilslseben sprechen zu dürfen. Da unsere Pfarrkirche zuhause in Weimar ebenfalls das Herz-Jesu Patrozinium hat und etwa aus der gleichen Zeit stammt, fühlen wir uns hier gar nicht so unvertraut.

Und ich danke natürlich besonders Pfarrer Sperling für die Einladung im Rahmen der Glaubenszeugnisse in der Fastenzeit bei Ihnen zu reden. Mit dieser Idee hat er mich nachhaltig verblüfft! Das ist nämlich, ich sage es lieber gleich, das erste Mal, daß ich so etwas versuche und ich bitte daher schon jetzt um Milde…

Wie ist Ihr Pfarrer auf die Idee gekommen, das vorzuschlagen? Nun, uns hat der „Tag des Herrn“ zusammengeführt. Ausgerechnet, werden Sie jetzt vermutlich sagen, denn Sie wissen ja, das ist  ein Blatt, das Pfarrer Sperling gelegentlich in deutlicher Ansage kritisiert (Sehr zu recht, meines Erachtens!).

Aber im Tag des Herrn gab es vergangenes Jahr auch einen sehr schönen Artikel über die wunderbare Klosterkirche in Hamersleben (und Ihren Pfarrer im Ruhestand, Herrn Kemming), der mich sofort fasziniert hat.

St. Pankratius, Hamersleben, Kreuzgangszene (eigenes Bild)

Ich habe romanische Kirchen schon immer sehr geliebt und bei aller ökumenischen Disziplin, eine solche Kirche hier, die zur katholischen Gemeinde gehört? Darüber wollte ich mehr erfahren. Die Internetrecherche brachte mich natürlich zügig auf die Seiten von „Kathleben“, der Internetpräsenz Ihrer großen Pfarrei und nachdem ich zwei, drei Beiträge aus der Feder von Pfarrer Sperling gelesen hatte, war mir bald klar, darüber würde ich unbedingt etwas schreiben müssen, über Hamersleben, aber noch viel mehr über den guten Geist, die frische Brise, die mir da aus dem Norden, sozusagen über den Harz nach Thüringen, herüberzuwehen schien!

Schreiben müssen auf dem Blog, den ich seit nun ziemlich genau zwei Jahren aus Weimar betreibe. Das habe ich dann im August 2012 auch getan und habe Pfarrer Sperling einen Hinweis darauf geschickt, denn ich schätze gerade auch im Internet die Offenheit. Der sich daraus ergebende gelegentliche Austausch von Emails führte dann zu der mutigen Idee, mich in Person herzuholen…

Eilsleben, 10.3.2013 (Bild: Pauline Lamers)

Vielleicht haben Sie ja von der Blogger-Szene, die sich selbst die „Blogoezese“ nennt schon mal gehört? Wenn ja ist es leider gut möglich, daß es nichts Gutes war, was Sie gehört haben, denn an uns Bloggern wird häufig Anstoß genommen. Für unseren Blog, denn meine Frau wirkt daran ganz wesentlich mit, werden wir in Weimar gerne und mit Ausdauer als „Schädlinge“ bezeichnet. Es sind auch schon schlimmere Begriffe gefallen, die ich aber an einem geweihten Ort nicht gern wiederholen möchte. Es ist, wie der bekannte Philosoph und Katholik Robert Spaemann einmal gesagt hat: Traditionsverbundene Katholiken werden in Deutschland gemobbt.

Denn bemerkenswerterweise ist die überwiegende Mehrheit dieser Blogs traditionell orientiert, ist papsttreu und steht fest zur Lehre der Kirche. Unser Weimarer Blog hat noch die nicht so häufige Besonderheit, daß er es sich zur Aufgabe gemacht hat, ganz konkret auf Mißstände vor Ort einzugehen, was offenbar besonders erbitterte Reaktionen hervorruft.

Ich bin deswegen sehr dankbar, daß Sie gerade dabei sind, sich ein eigenes Bild davon zu machen, wie so ein traditionstreuer katholischer Blogger aussieht und was er sagt und ich hoffe, das wird auch in anderen Fällen, wo von dieser Szene die Rede ist, Ihr Bild davon prägen und Sie dazu bewegen, erst einmal selber zu lesen und sich einen Eindruck davon zu verschaffen, was denn da wirklich gesagt, bzw. geschrieben wird!

Unser Blog heißt „Pulchra ut Luna“, Untertitel: „Katholisch in Weimar“. Pulchra ut Luna ist, offenkundig, lateinisch und heißt: „Schön wie der Mond“. Es handelt sich um einen der traditionellen Ehrentitel Mariens, von denen es ja eine ganze Fülle gibt, dieser stammt aus der Bibel, er findet sich im Hohen Lied, Kapitel 6, Vers 10.

Wenn man das, womit man an die Öffentlichkeit tritt, in dieser Form der Muttergottes, ja, weiht und anvertraut wird deutlich, daß man zu ihr ein besonders inniges Verhältnis hat, nicht wahr? Und damit sind wir beim eigentlichen Thema dieses Glaubenszeugnisses: „Was Maria für meinen Glauben bedeutet“.

Ich werde Ihnen nun keinen mariologischen Fachvortrag halten, dazu wäre ich auch gar nicht qualifiziert, sondern ich will, versuchen, Ihnen eine einfache, schlichte Geschichte zu erzählen, die noch besser hieße: „Wie Maria mich zum Glauben geführt hat“ und will zum Ende versuchen, aus meiner persönlichen Erfahrung und meinem bescheidenen Nachdenken ein paar Schlüsse zu ziehen Thesen anzubieten, die hoffentlich auch über meinen persönlichen Fall hinaus von Interesse sind.

„Geführt hat“ habe ich gerade gesagt, und diese zwei Wörtchen sind wichtig. Ich möchte nämlich ganz zu Beginn mit einem weitverbreiteten Mißverständnis aufräumen: Nach meiner Erfahrung  rastet bei den meisten Menschen, die merken, man hat ein besonderes Verhältnis zu Maria automatisch der Gedanke ein: „Ok, der/die war schon immer so, kommt bestimmt aus einer entsprechend traditionsverbundenen katholischen Familie und dem passenden Umfeld, kein Wunder, daß er/sie so denkt, empfindet, redet.“ Umsomehr scheint mir das der Fall zu sein, wenn, wie in unserem Fall, die Betreffenden ursprünglich aus einem Teil Deutschlands stammen, wo der Katholizismus sich nicht in einer Diaspora-Situation befindet (ich komme z.B. aus dem Rheinland, bin in Bonn geboren).

Aber diese fast selbstverständliche Annahme ist falsch. Bezeichnenderweise ist es vielmehr so, daß gerade unter meinen Bloggerkolleginnen und –kollegen bemerkenswert viele sind, die eine Konversion hinter sich haben, oder völlig neu zum Glauben gefunden haben

Eilsleben, 10.3.2013, Der wichtigere „Gast“: Die „Münchner Monstranz“ (Bild: Pauline Lamers)

Ich möchte nun aber nicht bei der Wiedergabe meiner persönlichen Geschichte stehenbleiben, sondern aus ihr heraus ein paar Thesen anbieten über den Rosenkranz, bzw. das geprägte Beten überhaupt. Denn ganz so glatt ging das bei aller Hilfe ja nicht, sich an diese Gebetsform zu gewöhnen. Natürlich nicht, weil es schwierig wäre, die wenigen Grundgebete auswendig zu lernen, die im Lauf des Kirchenjahres wechselnden „Geheimnisse“ des Rosenkranzes, das Angelus, oder das Salve Regina, natürlich nicht.

Nein, wenn man damit erst anfängt, Sie erinnern sich, ich mußte es erst lernen, sind es ganz andere Hindernisse, die drohen sich einem in den Weg zu stellen.

Einige will ich kurz mit Ihnen betrachten und daran entlang auch versuchen, auf den Begriff zu bringen, was „Maria für meinen Glauben bedeutet“. Um es vorwegzunehmen: Ich kann mittlerweile keines der sogenannten Argumente, die gegen den Rosenkranz, bzw. gegen jede Form des gebundenen, vermeintlich „fertigen“ Gebets landläufig erhoben werden, mehr ernstnehmen.

So heißt es, z.B. das Beten des Rosenkranzes sei umständlich und aufwendig, vor allem zeitaufwendig. Ich habe das nicht feststellen können. Wenn wir ein bißchen aufmerksam sind, finden sich in unserem Tagesablauf nämlich immer Zeiten, die wenig gefüllt sind. Der Weg zur Arbeit ist ein gutes Beispiel. Ich fahre jeden Tag mit der Bahn von Weimar nach Erfurt und zurück und da betet es sich ganz ausgezeichnet. Persönlich finde ich, es geht auch im Auto sehr gut. Und ich verspreche Ihnen, ein Gesätzchen paßt in Zeitabschnitte, von denen man das nie für möglich gehalten hätte, bevor man es versucht hat. Auf diese Weise verwandeln sich banale, ja vielleicht sogar als lästig empfundene Zeiten zu Zeit, die Ihnen gehört, gerade weil Sie sie jemand anderem widmen: Maria wird zur Weggefährtin im wahrsten Sinne des Wortes.

Dann heißt es, gerade von frommen Menschen, bzw. solchen, die ernstnehmen wollen, was sie tun: Ob ich auch immer aufmerksam sein kann, bzw. andächtig genug, werden nicht die Gedanken abschweifen, wenn ich immer das gleiche beten soll, ist dann noch was wert? Das ist ein Einwand, hinter dem jahrhundertealte auch innerkatholische Fehlentwicklungen spuken (Stichwort: Jansenismus). In diese Kategorie gehören auch wohlmeinende Sprüche zum Rosenkranz wie: „Wenn nur ein Ave Maria andächtig gesprochen wird, wiegt es 49 auf, die es nicht waren“ oder so ähnlich. Das ist m. E. ein ganz gefährlicher Gedankengang, denn er verwechselt Beten mit einer Leistung, die der Mensch zu erbringen in der Lage sei. Nein, wir können sowieso immer nur anbieten. Das sollen, das müssen wir ja auch, aber denken Sie bitte an das Wort des Herren im Matthäus Evangelium, Kapitel 6, Vers 8: „denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.“ Ja, die Gedanken schweifen manchmal ab und häufig sind es Sorgen und Kümmernisse, die dann auftauchen. Ja, und? Wir rufen im Rosenkranz zu einer Mutter! Wem sollten wir sie denn sonst anvertrauen, die Sorgen? Deshalb: Was sozusagen hochkommt, beim gebundenen, repetitiven Beten, das gehört dazu, wer es vor Maria bringt, dem wird die Weggefährtin zur Trösterin.

Damit sind wir schon bei einem weiteren oft gehörten Einwand, geprägtes Beten sei nicht individuell genug. Das kann eigentlich nur sagen, wer es nie probiert hat. Es gilt der alte Satz. Es gibt soviel Rosenkränze, wie es Beter gibt! Fast unbemerkt ist mir die zweite Hälfte meiner morgendlichen Bahnfahrt wenn Sie so wollen zum persönlichen Teil geworden, nach den je aktuellen Geheimnissen des Kirchenjahres. Ich bete dann für meine Eltern, meine Familie, für Papst und Kirche und für die Einheit in unserer Gemeinde. Mir ist Maria damit zur Freundin geworden, die Anteil nimmt, an dem, was mich täglich und ganz persönlich bewegt.

Hierher gehört der Einwand, geprägtes Beten sei unflexibel, man könne damit nicht reagieren auf wechselnde Bedürfnisse.  Was für ein Blödsinn! Das ganze Gegenteil ist der Fall. Sie haben das Bedürfnis für Verstorbene und Hinterbliebene zu beten, wissen aber nicht, wie Sie das anstellen sollen? Widmen Sie ihnen regelmäßig ein Gesätz und bitten Sie Maria um ihre Fürsprache für beide Gruppen und Sie haben das richtige getan, ohne erst Bücher wälzen zu müssen. Im übrigen gibt es im reichen Schatz der Geheimnisse, die Generationen von Betern vor uns entwickelt haben für fast jede Situation etwas! Gerade jetzt, in der Zeit der Sedisvakanz, eignet sich z.B. der petrinische Rosenkranz, der Jesu Verhältnis zu Petrus meditiert, ganz wunderbar. Der Rosenkranz, weit entfernt von jeder Inflexibilität, ist in Wahrheit so etwas wie das Schweizer Taschenmesser unter den Gebeten! Maria ist die Helferin des Beters.

Weiter heißt es gerne, geprägtes, repetitives Beten sei inhaltsarm und langweilig. Ich muß sagen, es fällt mir schwer, diesen Einwand auch nur so weit nachzuvollziehen, wie es notwendig ist, um sich mit ihm auseinanderzusetzen. Diese Behauptung ignoriert nicht nur das gegenteilige Zeugnis großer christlicher Beter und Gelehrter aller Jahrhunderte, es negierte auch, wenn man es ernst nimmt, die Erfahrungen aller anderen Religionen und Denksysteme mit der Meditation, die dort, etwa im Buddhismus, ja eine viel größere Rolle spielt. Und auch meine eigene Erfahrung ist eine ganz andere. Bedenken Sie, was es für Ereignisse sind, welche die Geheimnisse, die das Kirchenjahr spiegeln, uns vor Augen stellen: Die zentralen Teile der Heilsgeschichte! Langweilig? Inhaltsarm? Nein, unerschöpflich und immer wieder neu mit jeder Betrachtung. Außerdem sollten wir unseren eigenen Kopf nicht unterschätzen. Ich „finde“ bei diesem Beten  immer wieder plötzlich Antworten auf Fragen, von denen ich zum Teil vorher gar nicht wußte, daß ich sie mir gestellt hatte. Was ich sagen will ist, „es denkt“ in Ihnen, wenn Sie anfangen christlich zu meditieren, Sie werden es nicht verhindern können! Maria wird zur Lehrerin.

Außerdem, so heißt es immer wieder, drohe die Gefahr, die Anrufung Mariens könne in Konkurrenz treten zum Gebet zu ihrem Sohn, zum dreieinen Gott überhaupt und meistens wird dann geraunt, wie schlimm das doch „früher“ gewesen sei. Mal ganz abgesehen davon, daß ich mich immer frage, woher denn die, die so reden das eigentlich so genau wissen wollen, mag es schon sein, daß es Übertreibungen in der Marienverehrung geben hat. Aber ich kann nicht erkennen, daß die Kirche zu irgendeinem Zeitpunkt in der Gefahr gewesen wäre, nicht mehr die Eucharistie, den Opfertod des Sohnes am Kreuz, in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen zu stellen, oder? Vermutlich, ja wahrscheinlich kann es sehr hilfreich sein, an den Rosenkranz heranzutreten nicht mit der Erinnerung an irgendeine Form der Praxis, sondern gewissermaßen „frisch“ und selber zu sehen, was denn in den Texten steht und was  passiert, wenn man sie betet. Und die einfache Feststellung ist, egal, wo Sie hinschauen, die Mitte ist Jesus, ist der Herr, seine Geschichte für uns, mit und durch die Menschen, die er dafür in seine Nachfolge berufen hat, allen voran seine Mutter, die er uns, vom Kreuz herab!, allen zur Mutter gegeben hat. Jedes Geheimnis des Rosenkranzes atmet Jesus, alles, was wir im Engel des Herrn sagen betrachtet seine Menschwerdung. Die Wahrheit ist: Maria führt zum Herrn, zum konkreten, inkarnierten lebendigen Gott, der sich als Mensch unter Menschen geoffenbart hat. Genau deswegen führt sie übrigens auch weg von irrigen Vorstellungen eines pneumatisch alleinwirksam verstandenen Christus, wie sie leider weite Teile der evangelischen Theologie beherrschen. Maria ist der Fels der Lehre!

So, nun haben wir gemeinsam ein halbes Dutzend angeblicher Gründe betrachtet, die alle nicht dazu führen können, daß wir uns vom geprägten, meditativen Beten in der Tradition der Kirche verbschieden sollten, und zum Abschluß möchte ich Ihnen noch eine siebte Überlegung anbieten, die, wenn Sie mir folgen, eigentlich alle anderen überflüssig macht.

Wenn wir uns ehrlich fragen, was ist denn wirklich das „Hindernis“, das uns gern von dieser Form des Betens und von der Zuneigung zur Muttergottes abhalten will? Die sechs Behauptungen, die wir gerade gestreift haben? Ach was! Die sind sekundär. Primär ist das überwältigende Vorurteil unserer Kultur, das wir auf jeder Ebene finden, hochintellektuell und unglaublich vulgarisiert, das Gefühl der Ablehnung, bloß weil etwas „altmodisch“ sei oder „unmodern“, das Gefühl, „das könne man doch heute nicht mehr machen“.

Man kann, glaube ich, in jedem Zusammenhang leicht zeigen, das ist kein Argument, sondern bestenfalls eine Position, die erst noch der Begründung bedürftig ist, meistens ist es aber nur ein Vorurteil.

In unserem Zusammenhang aber möchte ich behaupten gilt noch etwas ganz anderes: Es gilt nichts weniger als die Umkehrung dieser Vermutung! In der Kirche gilt: Weil etwas zur Tradition gehört kann es gar nicht „altmodisch“ werden. Wenn es wirklich zur Tradition gehört kann man es in jedem Fall machen. („Modernität“ ist in diesem Kontext erst gar kein Kriterium, das von Interesse wäre.)

Warum? Weil Kirche Tradition ist! Seit wann? Schon immer. Bedenken Sie, die Tradition, die nicht verschriftlichte Weitergabe des „guten Botschaft“ ging „den Evangelien“ voraus. Und seit den Kirchenvätern und ihren vielfältigen Auseinandersetzungen mit allen möglichen (und unmöglichen) Häresien kann kein Zweifel daran bestehen: Kirche lebt nicht bloß „aus“ Tradition, sie „lebt“ Tradition, Tradition ist ihr lebendiger Selbstvollzug. Deswegen ist diese ja auch per definitionem nie „tot“, nie abgeschlossen, kann nie abgeschlossen sein bis zum Ende der Zeiten.

Wenn man nun so argumentiert kommt ganz gewiß, mit geradezu penetranter Sicherheit, ein Spruch, der als Einwand gemeint ist: Tradition, so heißt es da in mehreren Varianten, sei nicht die Bewahrung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.

Ich wußte noch nie, was ich von diesem Bild halten soll. In solchen Fällen hilft der Rat von Georg Büchner: „Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden.“ Tun wir das im vorliegenden Fall, dann lautet die Frage: Ist die Kirche ein Ofen? Und was würde denn da zu Asche „verheizt“?

Ich möchte Ihnen ein anderes Bild vorschlagen, das glaube ich die Sache viel besser trifft: Das Bild des Baumes. Ein Baum verheizt nämlich nicht nur nichts, er wächst. Weil er ein lebendiger Organismus ist,  hängt alles an ihm mit allem zusammen: Das frischeste Zweiglein mit der feinsten Wurzel, verbunden über den mächtigen Stamm. Man kann auch nichts wegnehmen, ohne daß es dem ganzen Organismus schadet. Auch nicht von den holzigen, scheinbar ganz starren, alten Teilen. Dann wird der Baum nämlich hohl und seine Standfestigkeit ist gefährdet. Stellen Sie sich bitte einen alten Solitär vor, wie er mitten in der Feldflur steht, wuchtig, knorrig vielleicht, aber im Frühling doch voller Anmut und immer erneuter Jugendlichkeit im frischen Blätterkleid. Ist dieser lebendige Selbstvollzug nicht ein geeigneteres Bild der Kirche?

Und wen finden wir im Anfang dieses Wachstums? Wer umschloß den göttlichen Samen aus dem unser Baum sproß? Wer gehört daher zu seinem innersten Kern?

Maria.

Maria ist, und ich bin fest überzeugt nicht bloß für mich, Weggefährtin und Trösterin, Freundin und Helferin, Lehrerin und Führerin zum Herrn. Maria ist der Fels der Lehre, der Kern der Tradition, das, und hier zitiere ich Pfarrer Sperling, „gesunde Herz“ und die Mutter der Kirche; wenn wir uns ihr anvertrauen, können wir nicht irre gehen.

 

Gereon Lamers

Der inoffizielle BUGA-Außenstandort

Kein Kulturstadtprogramm im Kirchenpavillon

Ja. Normalerweise wäre unsere Pfarrei ab heute für eine Woche im Kirchenpavillon auf dem Erfurter Petersberg im Rahmen der Bundesgartenschau 2021 zugange. Mit Andachten, Vorträgen, musikalischen Einlagen, einem Singspiel und Mitmachaktionen. Nun sind alle Veranstaltungen der BUGA bis einschließlich 3. Juni 2021 verboten. Es kam Schritt für Schritt – erst ein Verbot bis 2. Mai, dann eins bis 9. Mai, und als wir uns in einer Zoomkonferenz am letzten Donnerstag fragten, ob wir nun eigentlich in den Endspurt der Vorbereitungen gehen sollten, teilte uns Pfarrer Gothe schon die Skepsis der Verantwortlichen mit. Und Freitagabend kam die offizielle Absage.

Wer dennoch im Kirchenpavillon ist, ist eine ehrenamtliche Gästebegleitung. Das heißt, in zwei Tagesschichten je zwei Personen aus unserer Pfarrei, die einfach trotzdem dort sind, ohne Programm zu machen. Die Pfarrei ist ihnen sehr dankbar. Denn was braucht es derzeit dringender als die Tröstungen des Glaubens? In einer Zeit, in der so vielen Menschen genommen wird, was sie sich zur Erhaltung ihrer seelischen Gesundheit aufgebaut oder ausgedacht haben: Den Sportlern die Turnhallen, den Musikern das gemeinsame Musizieren und das Konzerterlebnis, den Skatbrüdern das Wirtshaus, der Fußballfans das Stadion, den Kunstfreunden die Museen und Galerien und den Gläubigen das Erlebnis der Gemeinschaft in einer vollen Kirche. Wenn man immer mehr Menschen nimmt, was sie gesund hält, muß man sich nicht wundern, wenn es auch immer Menschen gibt, die man gesund machen muß. Vielleicht kann das eine oder andere Gespräch unserer Ehrenamtlichen vor diesem Hintergrund schon Emotionen auffangen – oder einfach deutlich machen: Wir verstehen Sie und sehen das genauso.

Doch das ist nicht das einzige, was unsere Pfarrei leistet: Der Pfarrgarten selber ist offiziell zum inoffiziellen BUGA-Außenstandort erklärt worden. Das sieht so aus, daß Elemente eines Konzerts, das für die BUGA geplant war, heute Abend bei glücklicherweise noch schönem Wetter als musikalische Andacht im Pfarrgarten über die Bühne gegangen sind. Und daß der Bildhauer Gernot Ehrsam nicht im Kirchenpavillon arbeitet, sondern seine ohnehin im Pfarrgarten plazierten Skulpturen am Mittwoch und Donnerstag dieser Woche hier in Weimar im Freien weiter bearbeitet. Zu Gesprächen unter Beachtung aller Maßnahmen wird herzlich eingeladen.

Ansonsten hoffen wir, daß die Kontakte, die die verschiedensten Leute während der Vorbereitungszeit geknüpft haben und daß die Vorarbeiten, die längst geleistet worden sind, zu einem späteren Zeitpunkt noch werden Früchte tragen dürfen.

 

Cornelie Becker-Lamers