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PuLa-Reloaded: Das Franchise-Modell

Der folgende Text erschien ursprünglich am 31. Juli 2013 als “Summer-Special-Sketchlet” und warum wir uns entschieden haben, gerade diese kleine China-Reihe in Gänze erneut zu bringen, das verraten Cornelie und ich im Anschluß; es haben sich jedenfalls noch mehr Aspekte “eingestellt”, als ursprünglich erwartet. 

Aber jetzt erst einmal viel Vergnügen mit:

Das Franchise-Modell

Ein Sketchlet für zwei Personen

Lange haben wir nichts gehört von unseren tapferen chinesischen Freunden aus Qíjī cūn, nahe Tianshui in der zentralchinesischen Provinz Gansu. Aber chinesische Studenten sind bekanntlich sehr fleißig und arbeitsam. Doch im Sommer entspannen auch sie etwas und widmen sich Dingen, die ein wenig außerhalb ihres alltäglichen Gesichtskreises liegen… 

Qíjī cūn, Studentenwohnheim. Im uns bereits bekannten Zimmer des angehenden Informatikers Shi Fu und seines Medienwissenschaften studierenden Zimmergenossen Wang Peng. Shi Fu kommt reichlich angetrunken von einer Semester-Abschluß-Fete nach Hause und findet seinen Zimmergenossen am Laptop sitzend vor.

Shi Fu (haut Wang Peng kräftig auf die Schulter): Wang Peng – hup! – altel Schwede – hup! – was – hup! – wasmachssu?

Wang Peng: Hallo Shi Fu, da bist du ja endlich! Gelade lese ich ein bißchen übel Thülingen.

Shi Fu: Thü – Thü – Thülingen? – hup! – Wo diese Ministelpläsidentin gelade hiel wal?

Wang Peng: Genau.

Shi Fu (schwärmerisch): Ihl Bild wal liiiiiiiiiiiiesengloß auf del Außenwand unseles Hölsaalgebäudes zu sehen (er beschreibt mit beiden Armen einen großen Kreis). Also ich fand sie unglaublich sympathisch!

Wang Peng: Hm. Ich fülchte, ihle Landeskindel finden sie gloßenteils nul noch unglaublich.

Shi Fu: Wie – hup! – wie kommssu dalauf? (Er liest über die Schulter von Wang Peng auf dem Bildschirm) „Das Bild des Plofessols zeigt „die Hiltin“ in dem Moment, als sie elfählt, daß del Vatel von Jesus nicht del Zimmelmann wal.“ – Hm!

Wang Peng: Ich glaube, sie hat gelade einen velmeidbalen Fehlel gemacht. – Abel das kliegt sie bestimmt wiedel hin! Eigentlich sitze ich gelade an unselem Blog …

Shi Fu: Oh nein! Ich gehe – hup! – ich geh ins Bett! (Er wendet sich ab.)

Wang Peng: Shi Fu! Walte! Schau kulz! (Er dreht seinem Freund voller Stolz den Bildschirm zu.)

Shi Fu (liest): „Die Glundvollzüge del Kilche – Leitulgia, Diakonia und Maltylia (Gottesdienst, Dienst an den Menschen und Zeugnis)“ … (er stöhnt) Das ist mil jetzt zu anstlengend.

Wang Peng: Was denn? Kanntest du die Glundvollzüge del Kilche?

Shi Fu (geht ins Bett): Natüllich! Aber vol allem kenne ich Leute, die ohne Glund volle Bezüge elhalten; hiel und andelswo… (Er zieht sein Hemd über den Kopf.)

Wang Peng: Abel guck doch mal hiel – es ging mil jetzt gal nicht um den Inhalt …

Shi Fu (tritt noch einmal an den Tisch) „Pulchla ut Luna. Katholisch in Qíjī cūn“ … (Er schaut Wang Peng verdutzt an) Was soll das denn?

Wang Peng (begeistert): Del Machel von PuLa hat sein Konzept als Flanchisemodell zul Velfügung gestellt. Übelall auf del Welt kann man jetzt Blogs wie PuLa einlichten.

Shi Fu (begreift): Nach dem PuLa-Motto: „Kosmisch glauben – lokal was tun“?

Wang Peng: „Kosmisch glauben – lokal was tun“ – genau! (Er strahlt.)

Shi Fu: Das ist natüllich eine sehl sehl gute Nachlicht! Abel schlafen muß ich jetzt tlotzdem.

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

Ja, so geht’s zu in Qíjī cūn!

Bald werden wir hier ein wesel-tlich wesentlich näherliegendes Beispiel kennenlernen (müssen), wo ein „Franchise-PuLa“ dringend vonnöten wäre, aber das soll heute nicht die gute (Urlaubs-)Stimmung verderben!

PuLa-Reloaded: Der Weckruf

Ein Sketch für zwei Personen
(ursprgl. erschienen am 21.8.2012)

(Ein Studentenwohnheim in Qíjī cūn, nahe Tianshui in der zentralchinesischen Provinz Gansu. Shi Fu, seines Zeichens Student der Informatik, wälzt sich im Bett im erkennbaren Versuch weiterzuschlafen, während sein wißbegieriger Zimmergenosse am gemeinsamen Schreibtisch am Rechner sitzt und surft. Es ist 4.25 Uhr Ortszeit.)

Wang Peng (voller Begeisterung): Shi Fu! Wach auf, Shi Fu!

(Shi Fu grunzt, dreht sich auf die andere Seite und zieht sich das Kissen über den Kopf.)

Wang Peng: Schau doch! Shi Fu! Das mußt du lesen! (Er scrollt einen Text entlang und liest.)

Shi Fu (unter dem Kissen): Laß mich in Luhe!

Wang Peng (ermunternd): Shi Fu! Wofül intelessielst du dich eigentlich?

Shi Fu (resignierend): Fül meinen Nachtschlaf.

Wang Peng: „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“, hat Lainel Welnel Faßbindel einmal gesagt.

Shi Fu (setzt sich seufzend auf): Ich ziehe nie wiedel mit einem Medienwissenschaftlel in ein Zimmel. (Er fährt sich mit der Hand über die Augen.)

Wang Peng (grinst): Da wil uns das sowieso nicht aussuchen können, mach das Beste dlaus!

Shi Fu (richtet sich weiter auf, um auf den Bildschirm sehen zu können): Und jetzt liest du wohl gelade wiedel diesen Blog aus Deutschland?

Wang Peng: Du hast es elfaßt! Dolt ist es jetzt spät am Abend und sie stellen Texte ins Netz, bevol sie schlafen gehen.

Shi Fu (sinkt in die Kissen zurück): Na bitte! Nimm dil ein Beispiel!

Wang Peng (eifrig): Das ist hochintelessant, Shi Fu! Jetzt haben sie Wahlen. (Er scrollt und liest.)

Shi Fu: Walen? Was velkaufen sie denn?

Wang Peng: Nicht Walen – Wahlen! Man wählt! Sogal in del Pfallgemeinde! Ist das nicht ille?

Shi Fu: Echt wahl?

Wang Peng: Ja! Echt: Wahl!

Shi Fu: Und man bestimmt wilklich mit?

Wang Peng: Ich denke, so ist es gedacht. Abel das welden wil sehen. Deshalb lese ich ja „PuLa“.

Shi Fu: Ich weiß nicht, Peng … Diese ganzen ausländischen Angelegenheiten … Das ist uns doch alles flemd! Kümmel‘ dich liebel um Lang Tsu. Sie stand schon wiedel mit dem Kölbchen vol del Kilche und keinel von uns weiß, wo das ganze Geld bleibt!

Wang Peng: Abel Fu! Deshalb lese ich doch hiel, um helauszufinden, ob es das woandels auch gibt.

Shi Fu (setzt sich auf, plötzlich hellwach): Was sagst du da? Das geht vielleicht gal nicht bloß uns so?

Wang Peng: Ja, das glaub ich, Fu.

Shi Fu (blickt nachdenklich vor sich hin): Das ist ja elstaunlich …

Wang Peng: Shi Fu! Höl zu, Shi Fu! Laß uns auch bloggen!

Shi Fu: Bloggen – was bloggen?

Wang Peng (visionär): Na – unsele Situation schildeln – und uns mit andelen austauschen.

Shi Fu (skeptisch): Auf einem Blog? Wenn du uns da nicht mal gehölig was einblockst! All unsele Plobleme plötzlich weltweit im Intelnet … Ich weiß nicht …

Wang Peng: Abel Shi Fu! Sei nicht dumm! Das velstehen doch ohnehin nul die, die sowieso wissen, was los ist! – Denk doch mal an die Diplomalbeit von Shao Hi …

Shi Fu: „Technische Velfügbalkeit und soziale Lelevanz netzbasieltel plivatel Infolmationsangebote“?

Wang Peng: Genau! Und technische Velfügbalkeit und soziale Lelevanz sind eben nicht das gleiche.

Shi Fu: Soll heißen: Das lesen nicht Hundelte von Millionen von Intelnetnutzeln, bloß weil es dasteht?

Wang Peng: Genau! Deshalb wal ihle Ausgangsthese ja auch: Diese Blogs lesen nul die, die es angeht und die die Pelsonen kennen, von denen man schleibt.

Shi Fu: Abel du liest doch tlotzdem diesen Blog aus – wie heißt das?

Wang Peng: Weimal.

Shi Fu: Weimal. Stimmt.

Wang Peng: Ja, denn ihl Endelgebnis wal ja, daß man diffelenzielen muß. Elstens kann man auch übel unbekannte Pelsonen lesen, um Anlegungen zul Lösung del eigenen Plobleme zu bekommen – so wie ich das tue. Und außeldem gibt es natüllich Themen, die sind pel se von weltweitem Intelesse …

Shi Fu: Wie die Eine Katholische Kilche (er strahlt).

Wang Peng: Genau so ist es, mein liebel Fu! Und deshalb bleiben wil dlan.

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

PuLa-Reloaded: “Ich hatte eine Farm in Afrika”

Der folgende Text aus dem November 2014 verfügt nicht nur über eine heftige Dosis elegischer Musik, nein, er ist elegisch, in hohem Maße. Denn er führt uns erneut in die schlimmste Phase der Herrschaft der damaligen “Gemeindeleitung”, in der einfach alles passieren konnte – und man nicht nur nichts erfuhr, sondern für Fragen zu Dingen, die einen angingen auch noch vera…, veralbert wurde.
Das sollte in der Form, wie wir heute wissen, nicht mehr lange Bestand haben, aber die Personen, die uns damals die blöden und absichtsvoll irreführenden Antworten gegeben haben, sie sind alle noch da und machen weiter, mit dem,was sie immer gemacht haben, bzw. sie machen auch weiterhin nicht das, was sie tun müßten, und wofür sie bezahlt werden; von uns bezahlt werden. Und bei den Ehrenamtlichen kann man ja nicht mal auf den Eintritt des Ruhestands hoffen… 

Kurz: Einen Boni-Bus haben wir wieder, und das ist aller Ehren wert!, aber die lange Verlustliste wurde eben nicht in Angriff genommen, dafür haben die “also: Weimarer” „erfolgreich” gesorgt. Ebenso wie für die Verhinderung jeder echten Aufarbeitung. 

Der Text endet mit einem Zitat von Papst Benedikt im Rahmen seiner Deutschlandreise im Jahr 2011, unverändert in seiner Aktualität und sinngemäß vom Papa-emeritus gerade noch einmal bestätigt.

 Und Cornelie meinte, ich solle hier zum Schluß die Frage aufwerfen, wie er wohl, 12 Tage nach #TraditionisCustodes, seine persönliche “Verlustliste”, nach dem Regimewechsel im Vatikan betrachten mag. 

Und das ist nun wirklich ein Schluß, so elegisch, daß mir heute das sonst übliche “Enjoy” im Halse stecken bleibt, aber vielleicht haben Sie ja dennoch ein wenig Freude mit: 

Gereon Lamers

„Ich hatte eine Farm in Afrika“

„Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuße der Ngong-Berge …“

… erzählt Karen Blixen.

und blickt gegen Ende ihres Lebens, wieder in Dänemark, wehmütig zurück auf ihren Verlust, wobei, nebenbei bemerkt, dieser Verlust viel zu tun hatte mit der erschreckenden und tieftraurigen moralischen Desorientierung der „besseren“ Kreise jener Jahre, als die Moderne-Besoffenheit erste traurige „Höhepunkte“ der „Befreiung“ zeitigte aber immerhin manchmal aus der Misere noch Literatur geboren wurde – vermutlich, weil sich die Menschen immerhin noch an anderes erinnerten. Heutzutage sind wir da natürlich „weiter“ und die Verwirrung hinsichtlich der  praktischen Folgen, gerade hinsichtlich der praktischen Folgen der Aufweichung des Eheverständnisses hat auch höchste Kirchenkreise erreicht, wie wir angesichts der jüngsten vorbereitenden Synode feststellen durften. Ja, wir sind wahrlich erheblich „weiter“… 🙁

Das elegische Schlußthema aus „Jenseits von Afrika“ paßt zum nun folgenden.

Aber bevor Sie jetzt meinen, ich wollte Kardinal Kasper u.a. empfehlen, Blixen zu lesen (obwohl das vielleicht am Ende keine so schlechte Idee wäre…), nein, nein, wir ‚bleiben bei unserem Leisten‘!

Das Tor zur Farm in Afrika? (Eigenes Bild)

Und schauen daher lieber auf das, was unsere Pfarrei Herz-Jesu-Weimar alles einmal hatte. Und das war einiges, von Literaturkreisen und Lateinkursen über Kinder- und Jugendchöre, professionellen Organisten und deren Studenten, überdurchschnittlich vielen Kantoren und Lektoren und jeder Menge netter Kinder und Jugendlicher, die gerne ministrierten.

Und – wir hatten einen Boni-Bus.

Ach so, Sie kommen nicht aus der mitteldeutschen (oder anderen) Diaspora und wissen daher nicht, was ein Boni-Bus ist? Na, dann müssen wir ein bißchen ausholen!

Ein „BONI-Bus“ des Bonifatiuswerkes (Foto: Klaus-Peter Semler)

Das ist ein Boni-Bus! Ein VW-Bus (es gibt auch Boni-Caddys, auch sehr hübsch!) in leuchtendem Gelb, der überwiegend, nämlich zu zwei Dritteln, finanziert wird von der Verkehrshilfe des Bonifatiuswerks der deutschen Katholiken:

„Das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken unterstützt katholische Christen überall dort, wo sie in einer extremen Minderheitensituation, in der Diaspora, ihren Glauben leben.

Mit seiner Bau-, Verkehrs-, Kinder- und Glaubenshilfe fördert es Projekte in Deutschland, Nordeuropa und dem Baltikum.“

Genau so war das auch bei uns! Der Bus fuhr Jugendliche in die Bildungshäuser, (gelegentlich) Sternsinger in die Staatskanzlei, Ministranten ins Schwimmbad oder Pfadfinder ins Eichsfeld und und und.

Wir wollen jetzt mal davon schweigen, daß er für die „falschen Leute“ natürlich nie zur Verfügung stand, denn was nun geschehen ist, ist noch viel gravierender:

Der Bus ist nämlich weg!

Wirklich, wer schon seit längerem glaubt, ihn nicht mehr gesehen zu haben, der täuscht sich nicht:

Otto-Neururer-Haus ohne Boni-Bus (eigenes Bild)

Dort stand er jahrelang – und nun nicht mehr. Und fährt nicht mehr hier, in der Diaspora, herum und macht ergo auch keine Werbung mehr für „Katholiken unterwegs“; traurig eigentlich, oder?

Kaum mehr eine Spur („vestigia non cognoscentur“ , für Kenner 😉 ) (Eigenes Bild)

Da die jüngsten Protokolle des Pfarrgemeinderates, wenn sie nach ihrer „Absegnung“, d.h. meist Wochen nach der entsprechenden Sitzung, im Schaukasten hingen, allesamt keine Auskunft über eine etwaige Diskussion zum Thema Boni-Bus gaben, hat PuLa für Sie nachgefragt.

Wir haben in drei verschiedenen Situationen jeweils einzeln drei Gemeindemitglieder befragt, die entweder hauptamtlich in der Pfarrei beschäftigt sind oder in einem der wenigen verbliebenen Ehrenämter der Gemeinde einen theoretisch verantwortungsvollen Posten bekleiden.

Die Frage: „Was ist eigentlich mit dem Boni-Bus?“ lieferte folgende drei Antworten.

Antwort 1: „Der wird verschenkt – und ich könnte jemandem dafür [zensierter Kraftausdruck]!“

Antwort 2: „Der ist verkauft. Der war schon kaputt, wenn man die Fenster öffnen wollte, fielen sie raus. Der war schon alt. Der ist verkauft, an eine Gemeinde in Sachsen.“

Antwort 3: „Der ist weg. Den gibt’s nicht mehr. Das ist eine Sache, die muß man nicht verstehen, aber er ist weg. – Er war schon alt.“

Alles klar?

Klar ist jedenfalls (und das haben weitere Äußerungen von Leuten, die sein Fehlen jetzt ausbaden müssen, bestätigt!):

Der Bus wurde gebraucht!

Und klar scheint weiterhin, hier wurden, wieder einmal, einsame Entscheidungen getroffen.

PuLa ist ja bekanntlich kein Freund intensiver Gremienhuberei, aber das hätte nun einmal wirklich auch den PGR betroffen, denn hier geht es um ganz praktische pastorale Belange.

Den Kirchenvorstand sowieso, denn wer meint, der Bus, der tatsächlich ca. 10 Jahre alt gewesen sein muß, wäre nichts mehr wert gewesen, der irrt gewaltig! Jeder, der sich auch nur ein ganz klein bißchen auskennt, weiß ja ohnehin, daß der „Bulli“, wie er gern liebevoll genannt wird, also der VW-Transporter in seinen verschiedenen Ausprägungen, nichts weniger ist, als eine deutsche Auto-Ikone (gebaut seit 1948!!, vgl. hier) und von einem geradezu legendär hohen Wiederverkaufswert!

Wie sich  leicht auf verschiedenen Bewertungsportalen im Internet nachvollziehen läßt, war auch unser ehemaliges Exemplar sicher noch bis zu ca. 10.000 € wert! Da hätte man, um auf Antwort 2 einzugehen, ganz gewiß ein paar Fenster reparieren lassen können…

Tja, klar ist jedenfalls auch, von einem möglichen Verkaufserlös müssen, analog zur gesponserten Anschaffung, auch wieder Zweidrittel an das Bonifatiuswerk abgeführt werden, wer damit also u.U. irgendein Loch in der Kasse (es wird ja gerade mal wieder gebaut…) stopfen wollte, wird nicht soviel davon haben, denn das Bonifatiuswerk weiß natürlich von dem Verkauf (oder dem weniger wahrscheinlichen Verschenken). So wurde uns jedenfalls beim zweiten Anruf dort versichert (ob zwischen unserem ersten und unserem zweiten Anruf hier irgendwelche „Brände zu löschen“ waren, darüber wollen wir nicht spekulieren).

Weitaus schwerwiegender als diese finanziellen Fragen ist aber der Zweifel, ob es unter diesen Umständen mit Aussicht auf Erfolg möglich sein wird, erneut einen Boni-Bus zu beantragen! Denn die Pfarrei, die das Fahrzeug abgibt (egal, ob verkauft oder verschenkt), signalisiert damit aus Sicht des Bonifatiuswerks natürlich. „Wir haben keinen Bedarf (mehr)!“. Und das, so unsere Gesprächspartner dort, verringert natürlich die Chancen auf eine erfolgreiche Neubewerbung um eines der begehrten Fahrzeuge erheblich.

Hm, lassen wir einmal die letzten Jahre ausschnittweise an uns vorüber ziehen:

Kindergarten in Trägerschaft der Pfarrei – weg.

Jugendchor – weg.

Lateinkurs – weg.

Kinderschola – weg.

Literaturkreis – weg.

Orgelprofessor- weg.

Alte Beichtstühle – weg.

Viele Lektoren und Kantoren – weg.

„Zugezogene“ in den Gremien – weg.

Boni-Bus – weg.

Wie vieler Verluste bedarf es eigentlich, bis endlich jemand handelt?

Und was haben wir eigentlich dafür bekommen?!

Ach ja, einen neuen Fußboden und Kissen auf den Kirchenbänken, ich vergaß! 🙁

Irgendjemand hat dazu mal was gesagt, wer war das noch gleich?

Stimmt, der Papst:

„Viele Erleichterungen dürfen wir seitens der Kirche dankbar hervorheben, seien es neue Möglichkeiten der pfarrlichen Aktivitäten, seien es Renovierung und Erweiterung von Kirchen und Gemeindezentren, seien es diözesane Initiativen von pastoraler oder kultureller Art. Aber die Frage steht natürlich vor uns: Haben diese Möglichkeiten uns auch ein Mehr an Glaube gebracht? Ist der Wurzelgrund des Glaubens und des christlichen Lebens nicht tiefer als in der gesellschaftlichen Freiheit zu suchen? Viele entschiedene Katholiken sind gerade in der schwierigen Situation einer äußeren Bedrängnis Christus und der Kirche treu geblieben. Wo stehen wir heute?“

(Predigt von Papst Benedikt XVI. auf dem Erfurter Domplatz am 24.September 2011, Hervorhebungen von mir, vgl. hier und hier)

Ich habe das schon einmal geschrieben: Er hat von uns gesprochen!

Gereon Lamers

Eilmeldung: Benefizkonzert

Am heutigen Samstag Abend geben Professoren der Musikhochschule und andere Berufsmusiker und –musikerinnen ein Benefizkonzert in unserer Pfarrkirche Herz Jesu Weimar: Martin Sturm (Orgel) und Thomas Müller-Pering (Gitarre), Benedikt Blum (Gesang) und Franz Hofereiter (Violoncello), das Duo Moreno-Brümmer (Viola und Klavier) sowie Angela Kovac (Klarinette) spielen zugunsten der Flutopfer in Altenahr. Der Eintritt ist frei, am Ausgang wird um eine Spende zugunsten der betroffenen Menschen gebeten – eine Spende, die auch überwiesen werden kann:

Um eine Platzreservierung wird über das Reservierungssystem der Homepage gebeten.

 

Cornelie Becker-Lamers

 

PuLa-Reloaded: Die unerhörte Kunde

Die unerhörte Kunde

Ein Sketch für fünf Personen

Wir schreiben das Jahr 1294. Gut 300 Jahre nach der erfolgreichen Erhebung der Liutizen und Abodriten gegen die fränkische Herrschaft haben Christianisierung und germanische Besiedlung der Gebiete zwischen Elbe und Oder wieder Fahrt aufgenommen. Überall im Land erfreut man sich einer regen und tatkräftigen Geistlichkeit, die in spiritueller Erfülltheit und mit viel körperlichem Fleiß die Urbarmachung des Landes wie der menschlichen Seelen vorantreibt.

Überall? Nein. Ein winziges Dörfchen, dessen Gründungslegendegeschichte von einem wunderbaren Fischfang aus der Stobrava erzählt, dümpelt in geistlicher Entwicklung und seelsorglicher Hinsicht ein wenig vor sich hin: Tschudowitz, heute bekannt unter seinem eingedeutschten Namen Wundersdorf im Oderbruch. Pfaffe Conradus von Mihildorpa, zur eigenen Reifung und Bewährung sowie zum Wohle der Christenheit auf Betreiben des Landgrafen Abrecht II. aus den lieblichen Thüringer Besitzungen des Bistums Mainz zum Dienst in die rauhe sächsische Ostmark entsendet, hat in Organisation und Aufbau einer christlichen Gemeinde keine glückliche Hand.

Wir treffen ihn, als er sich gerade in seiner Hütte seinen Haferschleim und einen Humpen Dünnbier servieren läßt. An seiner Seite Ortrud, die ihm einst versprochen hatte, sein Leben in die Hand zu nehmen. An der Tür der bucklige Labun, der Hochwürden Haus und Stall in Ordnung hält.

Es ist bitterkalt, die Christnacht ist nahe, als ein Bote aus der Bischofsstadt Brandenburg vor der priesterlichen Behausung von seinem dampfenden Pferd springt. Es ist Wigger der Gradlinige, als Brandenburger Mönch damals natürlich ein Prämonstratenser, den Conradus von einem kurzen Aufenthalt im Kloster her kennt.

Labun (kommt von der Tür herangehumpelt): Herr!

Conradus: Was ist?

Labun: Ein Bote, Herr! Ihr kennt ihn.

Conradus: Frohe oder böse Kunde?

Labun: Frohe, Herr!

Ortrud (unwirsch): Nun sag schon!

Labun (mit einer Verbeugung): Es ist Bruder Wigger der Gradlinige, ein Prämonstratenser aus Brandenburg.

Conradus (springt auf): Wie ich mich freue! Bruder Wigger! Herein mit ihm!

(Labun humpelt zur Tür und führt den Boten herein.)

Conradus (geht mit ausgebreiteten Armen auf Wigger zu): Wigger, mein Freund! Wie ist die Lage! (Die beiden umarmen sich.)

Wigger (verstört und abgehetzt): Bruder Conradus! Wie ich mich freue! Ich habe jedoch nicht lange Zeit. Ich bringe traurige Kunde!

Conradus (jovial): Das kann warten! (Zur Haushälterin, in abfälligem Befehlston): Hey! Bärin! Noch ein Bier für meinen Freund!

Wigger: (will sich kaum setzen): Ich muß noch weiter, Bruder Conrad, hab vielen Dank aber ich kann nicht rasten!

Conradus: Hoooo! Für ein Bier ist immer Zeit. (Er setzt sich und schiebt dem Gast einen Holzhocker hin.) Was bringst du für Neuigkeiten?

Wigger: Traurige, Conrad, traurige! Unser allerheiligster Vater und guter Hirte, Seine Heiligkeit Coelestin V., Papst der Christenheit und Bischof von Rom mit Sitz in Neapel ist vor einigen Tagen, am Fest der Heiligen Lucia, von seinem Amt ZURÜCKGETRETEN!  (Er birgt, übermannt von seiner Bewegung, sein Gesicht in den Händen. Dumpf) Schon wieder ist die Christenheit ohne Führung und ohne Oberhaupt.

Conradus (überrascht): Ohne Führung? Klingt gut! (Er schaut zu Ortrud hinüber, deren Gesicht in maliziösem Lächeln verzogen ist.)

Wigger: (heftig auffahrend): Conradus! Du Unheiliger! (sofort wieder leise) Oh! Verzeih mir, Bruder! Sicherlich nimmt nur der Schmerz dir die Herrschaft über deine Gedanken!

Conradus (beleidigt): Das will ich meinen. (Er hebt den Becher) Aber jetzt laß uns erstmal anstoßen, du bist ja völlig geschafft und brauchst Ruhe! (Er winkt der Haushälterin ungeduldig nach dem Bier, das sie Wigger nun bringt.)

Wigger: Ich kann jetzt nichts zu mir nehmen, Conrad, hab vielen Dank für deine Gastfreundschaft! Ich muß weiter – so vielen ist die Kunde noch zu überbringen. Ich will dir nur das bischöfliche Schreiben mit den Anordnungen für die kommenden Wochen verlesen und dann gleich nach Petershagen weiterreiten.

Conradus (runzelt die Stirn): Anordnungen?

Wigger (zieht eine Schriftrolle aus seiner Kutte, entrollt sie und beginnt zu lesen): Wir, Bischof Dietrich von Brandenburg, gottesfürchtigster Diener und …

Conradus (ungeduldig): Jajaja – nun sag schon, was will er?

Wigger (irritiert): Du sollst eine Messe lesen, eigens wegen des Rücktritts seiner Heiligkeit Papst …

Conradus: Jajaja, ist ja schon gut. Wie – Messe? Das machen wir doch schon jede Woche ein paarmal!

Wigger (zieht die Augenbrauen hoch): Du solltest täglich eine Messe zelebrieren, Bruder, das weißt du. Und diese hier für den Papst noch einmal gesondert.

Conradus (auffahrend): Zusätzlich? Und das im Advent? Weißt du, wo mir der Kopf steht? Wieviel zu tun ist in einer Gemeinde, die ein so großes Gebiet umfaßt? Ihr in euren Klöstern habt ja keine Ahnung! Wenn ihr wüßtet, was hier täglich los ist!

Wigger (kühl): Also – seit ich hier bin, finde ich es ziemlich ruhig. Keine Kranken vor der Tür, keine Bettler und keine weinenden jungen Mütter. Und du hast Hilfe und Bedienung (er sieht sich um und nickt Labun und der „Bärin“ zu. Auf Ortrud bleiben seine Augen voll Mißtrauen haften.) Ich denke, du kannst das leisten!

Conradus: Du hast recht, die Leute habe ich mir in mühsamer Kleinarbeit vom Hals geschafft. Und du hast abermals Recht: Ortrud hilft mir kräftig dabei (er grinst die ihn holdselig anblickende Ortrud an. Die beiden Hausangestellten scheint er überhaupt nicht zu bemerken.) Aber dennoch: Eine Messe zusätzlich? Wann soll das gehen? Die Leute arbeiten über Tag!

Wigger (mit Nachdruck): Eine Messe ist auch gültig, wenn du sie alleine zelebrierst, wie oft soll ich dir das noch sagen?! Außerdem werden die Menschen schon kommen, wenn sie den Anlaß erfahren, die besondere Meinung – und wenn du früh genug liest. Um 5 oder 6 Uhr.

Conradus (mit erstarrtem Gesicht): Um um um 5 Uhr? Früh? Äh … äh … natürlich, Bruder Wigger, ich will sicherlich für alles sorgen. Nun spute dich, daß du nach Petershagen kommst, es wird rasch dunkel jetzt.

Wigger (erhebt sich und legt ein kleines Pergament auf den Tisch): Hier sind die Gebete und der liturgische Ablauf für diese besondere Messe. (zugewandt und eindringlich zu Conradus) Du mußt es schaffen, Conrad! Ermanne dich! Wir haben ein wichtiges Amt! Es geht sogar noch um mehr als nur um die Menschen um dich herum! (Er verabschiedet sich durch ein Kopfnicken von allen im Raum und wendet sich zum Gehen. An der Tür): Gott zum Gruß, Conradus. Und laß die Kinder, wenn sie mit diesen ausgestopften Schweinsblasen herumkicken, nicht immer „Thor, Thor, Thor“ rufen, das ist unchristlich! (Er geht und hinterläßt betretenes Schweigen).

Ortrud (greift sich das Pergament): Dann wollen wir mal sehen! (Sie liest und kichert.)

Conradus (brütet schlecht gelaunt vor sich hin): NOCH eine Messe! Ich denke überhaupt nicht daran! Wegen einem Papst! Pff! In Rom oder Neapel oder wo dieser jetzt gerade wohnte. (In Aufruhr) Der tut doch auch nichts für mich!

Ortrud (legt ihm besänftigend die Hand auf den Arm): Du hast vollkommen Recht, mein Lieber, das machen wir natürlich NICHT mit! – Was hat dir der Bischof eigentlich zu sagen? Du bist hier der Pfarrer! Und Dietrich ist nicht einmal bestätigt. (Listig) Er wird nicht wagen, dich zu ermahnen (sie lächelt höhnisch.)

Conradus (schiebt sein Essen weg): Der Appetit ist mir jedenfalls gehörig vergangen! (Er steht auf) Laß uns ein Stück gehen! Das wird uns gut tun! (Laut) Bärin! Meinen Pelz!

(Die Haushälterin bringt dem Pfarrer seinen Mantel von einem Haken an der Wand und hilft ihm hinein. Ortrud nimmt ein dickes Wolltuch um und gemeinsam mit Conradus verläßt sie das Haus. Labun und die Bärin blicken sich an.)

Die Bärin (ernst): Das ist nicht gut!

Labun (nickt ernst): Ja, Bärin, das ist es nicht! Gott vergebe uns!

Die Bärin (packt einen Korb mit Lebensmitteln und Kräutern): Achte jetzt auf das Feuer, Labun. Ich will die alte Notburga pflegen gehen. Sie wird sterben, und ob der Pfarrer sie besuchen wird? (Sie geht hinaus. Labun bekreuzigt sich und bleibt sinnend am Feuer zurück.)

 

ENDE

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

PuLa-Reloaded: Der Fang, eine Fischergeschichte

Haben Sie sich schon jemals gefragt, warum Wundersdorf eigentlich Wunders-Dorf heißt? Vielleicht, weil es da wunderlich zugeht? Nein, weit gefehlt! Heute wird auf PuLa das Geheimnis gelüftet: Meine Damen und Herren, die Gründungslegendegeschichte von Wundersdorf:

Der Fang

Ein Sketch für zwölf Fischer und einen Mönch

Nach dem aufregenden Gleichnis, das Merten der Mönch den Fischern am seichten Ufer der Stobrava erzählt hat, haben sich die Männer wieder beruhigt und sind, nach dem Beispiel der Jünger in der Bibel, wieder fischen gegangen. Die Netze wurden voll, und als sie die Fische an Land gezogen und gezählt haben, sind es einhundertzweiundfünfzig.

Faske: Hohoooo! Einhundertzweiundfünfzig Fische!

Selmer (hat noch einen Fisch in der Hand): Hier, Faske, einer ist euch aus den Netzen gesprungen. Der gehört auch noch dazu.

Faske (sauer): Wenn du nicht immer alles besser machen kannst! Hundertzweiundfünfzig habe ich gesagt und dabei bleibt es.

(Es donnert und blitzt) Eine Stimme: Hundertdreiundfünfzig ist richtig.

Die Fischer blicken sich erschrocken um und suchen den, der da gesprochen hat. Nur Merten und Selmer schauen zum Himmel, das Gesicht voll Ruhe und Zuversicht.

Selmer: 153, weil es 9 x 17 ist?

Die Stimme: Nein, weil es 1³ + 5³ + 3³ ist. Es ist ein Bild für die Dreifaltigkeit!

Selmer (überschlägt rasch die Summe, erfüllt): Stimmt! Das ist großartig! Ich danke dir, HErr.

(Er kniet sich etwas abseits auf die Erde, das Gesicht nach Osten gewandt, und beginnt zu singen.)

Selmer: Und in Gewittern von den Bergesspitzen/ Der Herr die Weltgeschichte schreibt mit Blitzen,/ Denn seine sind nicht euere Gedanken.

Die Fischer (derweil in heller Aufregung, durcheinander): Ein Wunder! – Ein Wunder ist geschehen! – Wir haben so unglaublich viel gefangen und, und Seine Stimme hat zu uns gesprochen! – Hier ist ein Wunderort! – Ein Wunderort! – Laßt uns hier einen Altar bauen und eine Kapelle! – Wundersdorf!

Faske (ist die ganze Zeit über muffig und ungerührt geblieben. Mit Blick auf Selmer zu Merten): Oh, Mann! Geht der Typ mir auf die Nerven! DEN dürfen wir doch aber wenigstens rausschmeißen, oder?!

Merten: Nein, Faske, keinen!

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

Tja, der Rest ist Geschichte!

Und übrigens ist damit auch endlich die lange Spekulation über die Bedeutung der Zahl von gerade 153 Fischen in Joh 21, 11 beendet;

Ex oriente lux! 😉

PuLa Reloaded: Das Gleichnis. Eine Fischergeschichte

Am Freitag, dem 16. Juli 2021 hat Papst Franziskus ein Motu Proprio mit dem Incipit „Traditionis Custodes“ erlassen. Darin hebt er explizit das Motu Proprio seines Vorgängers, Benedikt XVI, aus dem September 2007, „Summorum pontificum“, das Messen im vetus ordo ausdrücklich wieder für alle interessierten Gläubigen ermöglichte, auf. Und er fordert die „Hüter der Tradition“ (so die Übersetzung des Texttitels), also die Ortsbischöfe auf, nur noch unter sehr restriktiven Umständen die weitere Zelebration in dieser Form zuzulassen. Zusammen genommen mit dem weltweit nicht nur als harsch und ungerecht, sondern als wirklich grausam empfundenen Begleitbrief wird deutlich, daß sich in Rom für den Moment diejenigen durchgesetzt haben, die die ‘Alte Messe’ hassen und ihr Absterben wünschen.

Umfragen im Vorfeld, die diese Entscheidung motiviert haben sollen, blieben bisher unveröffentlicht, so daß nur Gerüchte die Runde machen, welche Stimmen aus welchen Ländern den Papst vor allem zu diesem Schritt bewogen haben mögen, der so viele Gläubige derzeit ihrer Fassungslosigkeit überläßt.

PuLa bedauert die Entwicklung sehr und sieht darin gerade nicht den behaupteten Weg zu einer größeren Einheit der Kirche. Aber man hörte ja auch zu Regierungszeiten Benedikts XVI. bereits, daß der Papst unter Druck stehe – ein Druck, dem er acht Jahre lang standhielt und schließlich zurücktrat.

Schon dieser Rücktritt hat besonders Gereon damals sehr mitgenommen und wir haben daraufhin drei aufeinander aufbauende Erzählungen unserer Wundersdorfer Freunde für Sie, liebe Leserschaft, niedergeschrieben. Heute und in den folgenden beiden Tagen möchten wir Ihnen diese Sketche aus gegebenem Anlaß in der Reihe PuLa Reloaded in Erinnerung rufen.

(Wie immer spiegeln die originalen Texte natürlich auch unsere damalige Situation vor Ort wider.)

Freuen Sie sich daher heute auf “Das Gleichnis. Eeine Fischergeschichte”, morgen auf “Der Fang. Eine Fischergeschichte” und übermorgen auf “Die unerhörte Kunde”!

Cornelie Becker-Lamers & Gereon Lamers

Und wenn wir Ihnen auch heute mit diesen Geschichten ‘Viel Vergnügen’ wünschen, dann meinen wir das ganz ernst, trotz der durch dieses unselige Dokument nochmals verschlimmerten Lage, in der die Kirche sich befindet.
Der ‘Liturgische Bürgerkrieg’ der damit völlig ohne Not erneut vom Zaun gebrochen wurde, wird selbstverständlich Anfang des 21. Jahrhunderts noch viel weniger, sehr viel weniger!, als vor 50, 60 Jahren das Ende der Messe in ihrer ehrwürdigen, überlieferten Form herbeiführen! Aber dieser “Krieg” wird nicht bloß viel Leid bringen, nein, er wird vor allem viel Kraft an der ganz falschen Stelle binden, denn, worauf gerade Kardinal Zen auf seinem Blog hingewiesen hat, das eigentliche Problem ist doch, daß die Menschen nicht mehr in die Messe gehen, egal in welche Form!
Und wer meint, in dieser Lage (die Mitte der Sechziger-Jahre so nur von ganz wenigen, wie einem gewissen Joseph Ratzinger, z.B., geahnt wurde) könnten wir es uns leisten, weltweit den wohl jüngsten!, eifrigsten, ja feurigsten Teil der Kirchenbesucher zu Bürgern zweiter Klasse zu erklären, dem kann ich wirklich nicht mehr helfen – und wenn er der Papst wäre.

Gereon Lamers

Aber jetzt, Enjoy: 🙂

 

Das Gleichnis, eine Fischergeschichte
(1. März 2013)

Den gestrigen sehr emotionalen Tag habe ich versucht zu verbringen, wie es sich für einen katholischen Blogger ziemt: Erst den Abflug von Papst Benedikt aus dem Vatikan per Twitter verfolgt (und wer immer meint, ein solch technisches Medium eigne sich nicht, Emotionen hervorzurufen, hat es nur noch nicht mit dem richtigen Anlaß versucht: Der letzte Benedikt-Tweet von 17.00 Uhr war herzerreißend…), dann in die Messe im Erfurter Dom ab 18.00 Uhr. Ein ordentliches Pontifikalamt mit allen „verfügbaren“ Geistlichen, die Predigt hat unser Altbischof Dr. Wanke gehalten.

Erfreulicherweise war ich lange nicht das einzige Weimarer Gemeindemitglied, das offenbar das Bedürfnis verspürte, an diesem Abend nicht allein zu sein, sondern im Kreis anderer Glaubender an den scheidenden Papst zu denken und ihm zu danken.

Freilich, es blieb einem Weimarer Katholiken mit diesem Wunsch auch nicht viel anderes übrig, denn einen besonderen Gottesdienst in unserer Pfarrkirche gab es nicht. Warum auch, ist ja nur der Papst, wenn man schon nicht hingeht, wenn er kommt, warum was machen, wenn er geht? Nur so nebenbei: In anderen (kleineren) Thüringer Gemeinden gab es solche besonderen Messen sehr wohl! Ach, Sie meinen, auf der Homepage stehe auch nichts? Ja, das stimmt, da ist man hier konsequent. Anderswo in der mitteldeutschen Diaspora sei das aber anders? Ja, das stimmt wohl auch!

Naja, bevor wir in Melancholie versinken, dem emeritierten Papst geht es gut, er liest, wie man hört, Urs v. Balthasar und das letzte, was er sich von uns wünschen wird, wäre Passivität, nicht wahr?

Daher beginnen wir heute auf PuLa ein neuartiges Format: Literarische Texte, die in einer Reihe aufeinander aufbauen. Freuen Sie sich auf einen ganz besonderen Besuch in Wundersdorf…

GL

Das Gleichnis

Ein Sketch für zwölf Fischer und einen Mönch

Wundersdorf im Oderbruch. – Halt! Falsch! Die Stelle, an der einmal das Haus Markt 6 in Wundersdorf/ Oderbruch stehen wird. Direkt neben der Durchreiche zur Küche. An einer seichten Stelle der Stobrava (heute der Stobber geheißen) sitzen im Kreis Faske, genannt der Starke, außerdem Balyschk und Jander, der kleine Jelatz, Halatze und Gulicke, die beiden Milchgesichter, Kalatz und Tzizik, Kosse, Loske und der eitle Krull. Sie alle fristen ihr Leben durch Fischerei und gehören zum Stamm der Liutizen, und Faske der Starke war selbst dabei, als man im großen Wendenaufstand die verhaßte ottonische Herrschaft abschüttelte, die Bischöfe von Havelberg und Brandenburg vertrieb (die fürderhin als sogenannte Titularbischöfe ihr Leben außerhalb Ihrer Besitzungen zubringen mußten) und dem „germanischen Spuk“ ein für allemal ein Ende gemacht zu haben glaubte…

Mit anderen Worten: Man schreibt das 22. Jahr der glorreichen Regierungszeit Drahomírs des Befreiers.

Wie bitte? Ach so: Für uns Christen gesagt, das dritte Jahr der Regierungszeit Heinrichs II.

Na gut, na gut: Das Jahr des Herrn 1005.

Es sitzen also elf sehnige Fischer um ein Lagerfeuer und lauschen den klugen Worten eines hageren Mönchs. Der Merten hat nämlich bleiben dürfen, damals, als man die Christen eigentlich alle rausgeschmissen hat. Der Merten hat bleiben dürfen, weil er so schöne Geschichten kennt, immer Streit schlichtet und außerdem total gut mit Pferden kann. Etwas abseits übrigens, aber nicht minder beteiligt Selmer, ebenfalls Fischer, aber ein bißchen anders als die andern.

Merten: Da lagen also zwei Boote am Ufer, und weil so viele Menschen hören wollten, was er sagt, stieg Jesus in eins der Boote und unterrichtete sie vom Wasser aus.

Kosse: Und er trieb nicht ab?

Merten: Nein. Er trieb nicht weiter ab, sondern kam wieder an Land und sagte dann zu Simon, er soll nochmal rausfahren ins tiefe Wasser und die Netze auswerfen.

Jelatz: Aber sie haben doch die Netze gerade schon saubergemacht.

Merten: Du hast gut aufgepaßt, Jelatz. Genau das sagte Simon auch: Wir haben die ganze Nacht gefischt und nichts gefangen.

Balyschk: Und dann?

Merten: Dann sind sie natürlich doch rausgefahren, weil ja Jesus es gesagt hatte, und siehe da: Sie haben so viele Fische gefangen, daß sie dachten, die Netze halten nicht.

Gulicke: Ou! Das ist ganz gefährlich! Das ist meinem Großvater mal …

Die andern Fischer: Pscht!!!

Tzizik: Das hast du uns schon tausendmal erzählt!

Merten: Sie haben die Freunde im andern Boot zu Hilfe gerufen und haben dann die Netze in beide Boote ausgelehrt und da waren beide Boote so voll bis zum Rand, daß sie fast sanken.

Gulicke (brummelt leise vor sich hin): Wie bei meinem Großvater …

Loske: Ach! Das wünsch ich mir auch mal! So viele Fische, daß man sie kaum heimschleppen kann!

Halatze: Einmal richtig satt zu essen!

Merten: Wer weiß? Vielleicht hat es auch sein Gutes, daß man nicht von allem zu viel hat?

Faske (poltert los): Was soll das denn heißen?

Merten: Vielleicht kommt eine Zeit, in der die Menschen so viele Fische fangen, daß sie wieder welche ins Meer zurückwerfen?

(Die Fischer schütten sich aus vor Lachen.)

Balyschk: Hör mal, du Mönch, übertreib’s nicht, sonst schicken wir dich doch noch fort, dann kannst du andern deine Schauermärchen aus der Zukunft erzählen.

Selmer (von abseits): Vielleicht hat er Recht?

Faske: Was weißt du denn schon, du Träumer?

Merten: Ruhig! Nicht streiten! Ich freue mich, daß ihr euch so etwas gar nicht vorstellen könnt. Der Fischfang ist nämlich ein Bild für die Gemeinde.

Loske: Hä?

Gulicke: Wie: „Bild“?

Merten: Na, man erzählt von einer Sache und meint damit eine andere, mit der es sich ähnlich verhält.

Jelatz: Versteh ich nicht!

Halatze: Warum erzählt man nicht gleich die andere?

Merten: Weil die vielleicht nicht ganz so leicht zu akzeptieren ist. Hört zu: Als die Jünger so viel gefangen haben, sind sie ganz erschrocken, weil sie erkennen, wie mächtig Jesus ist. Und Simon wirft sich zu seinen Füßen und sagt: Herr geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch.

Balyschk: Ja!

Merten: Aber Jesus geht nicht weg. Im Gegenteil. Er nimmt sie mit sich mit und sagt: Von nun an werdet ihr Menschen fischen.

Jander: Ui!

Merten: Ja, und deshalb ist es mit den Menschen wie mit den Fischen. Habe ich es richtig verstanden: Ihr würdet niemals Fische aus dem Netz zurück ins Meer werfen?

Die Fischer (tumultuös): Niemals! – Wie blöd kann man sein? – Der Loske vielleicht … – Jeder Fisch ist besser als nichts, wenn man Hunger hat! – Was die Götter, äh Gott geschenkt hat muß man achten!

Merten: Gut! Dann werdet ihr auch keinen Menschen aus eurer Gemeinschaft ausschließen oder jemanden wieder fortschicken, der zu eurer Gemeinschaft dazustoßen will!

(Die Fischer schauen Merten entgeistert an. Es ist totenstill.)

Faske (nach einer Weile): Aber welche von den Hevellern doch!

Gulicke: Genau, die Heveller aus dem Westen!

Tzizik: Aus Poztupimi! (schnaubt verächtlich)

Merten: Auch die Heveller nicht.

Balyschk: Aber die Sachsen und die Franken oder die … die Bajuwaren.

Jander: Na, von so weit wird schon keiner kommen!

Merten: Niemanden, der in friedlicher Absicht und vielleicht gar mit seiner Familie kommt. Ihr sollt keinen ausschließen! Jeder Mensch hat seinen ganz besonderen Wert.

(Die Fischer schauen vor sich hin, überlegen, kratzen mit einem Stock im Sand etc.)

Selmer (abseits): Oh Täler weit, oh Höhen, oh schöner grüner Wald!

Merten: Was singst du da, Selmer? Das ist hübsch!

Faske: Laß den! Der spinnt!

 

FORTSETZUNG FOLGT

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

PuLa-Reloaded: “Soll ist muß, wenn kann“

Der folgende Text erschien ursprünglich im November 2014 aber er geht zurück auf den März dieses Jahres und spiegelt eine Auseinandersetzung über einen wiederholten (Nachweise im Text) liturgischen Mißbrauch wider, die nicht nur nicht auf Ebene der Pfarrei zu lösen war (“‘natürlich’ nicht”, werden Insider jetzt automatisch sagen), sondern leider auch auf Bistumsebene weder auf eine angemessene menschliche noch sachliche Haltung traf, noch in irgendeiner Form sinnvoll angegangen wurde.
Es sind diese Erlebnisse, die einen halbwegs aufgeweckten Gläubigen darüber ins Grübeln kommen lassen, was der HErr sich mit der Auswahl des gerade aktiven kirchlichen Leitungspersonals so gedacht haben kann. Das ist in den letzten 7 Jahren leider nicht besser geworden, nein, wir wollen ehrlich sein, es ist mehrheitlich noch schlimmer geworden, weltweit, aber wir wissen ja, daß Er sich etwas dabei denkt, und so wollen wir nicht den Mut verlieren, nicht wahr?

Und eine Mutmacher-Geschichte ist es auch letztlich, die gleich erzählt wird, eine Geschichte vom “donum perseverantiæ”, dem ‘Durchbeißen’ und wie es letztlich belohnt wird.

Außerdem ist sie inhaltlich unverändert aktuell, kann vielleicht sogar dem ein oder der anderen, die sie jetzt neu lesen, ganz praktisch helfen und – daran erinnern, warum für Katholiken “Rom” immer ganz nah ist. Immer!

Enjoy: 🙂

“Soll ist muß, wenn kann“ – Erläuterungen zu einem unstrittigen Thema

Deus meus, eripe me de manu peccatoris, et de manu contra legem agentis, et iniqui :
quoniam tu es patientia mea, Domine ; Domine, spes mea a iuventute mea.
(Ps 70, 4f. Vg)

(Mein Gott, entreiße mich der Hand der Sünder und der Hand derjenigen, die gegen das Gesetz handeln und ungerecht: bist Du doch meine Geduld und mein Ertragen HErr; HErr, meine Zuversicht und Hoffnung von Jugend auf. Eigene Übertragung aus dem Lateinischen)

 

Die folgenden Darlegungen – es hätte nicht nötig sein sollen sie zu schreiben.

Und ich hätte mich so gefreut, wenn sie wirklich niemals nötig geworden wären, oder wenn es dann im weiteren auch nur irgendeine Chance gegeben hätte, sie doch noch zu vermeiden.

So aber, wie sich die Angelegenheit über die letzten ca. 8 Monate entwickelt hat, gab es diese Möglichkeit leider nicht.

Und fürchte ich, diese Ausführungen sind auch deshalb nicht überflüssig, weil sie über unseren kleinen Kosmos im Bistum Erfurt hinaus symptomatisch sein könnten für eine bestimmte Haltung in der ganzen Kirche in Deutschland.

Und deshalb bitte ich Sie, mir zu folgen durch diese Erläuterungen zu einer völlig unstrittigen Frage; das Wörtchen „sollen“ wird dabei eine wesentliche Rolle spielen.

Alles begann am 23. März 2014, als in der Messe um 10.30 Uhr, die in der Pfarrkirche Herz-Jesu, Weimar gefeiert wurde, das Eucharistische Hochgebet durch Musikinstrumente begleitet wurde (PuLa berichtete). Dieser Vorgang wiederholte sich dann noch einmal am 14. September 2014 im Hochamt um 10.30 Uhr (PuLa berichtete ebenfalls).

Unsere entsetzte Reaktion hier auf dem Blog, in der wir begründet und mit für jedermann nachvollziehbarem Bezug auf das Kirchenrecht dargelegt haben, warum das nicht zulässig ist (und warum es auch nicht bloß eine liturgische „Kleinigkeit“ ist), hat im Frühjahr unter den Angehörigen der Pfarrei Herz-Jesu-Weimar eine durchaus lebhafte Debatte ausgelöst: Die einen sagten, das kennten sie doch aus Amerika, die anderen, das kennten sie aber aus Frankreich (dazu später mehr), und es war auch verschiedentlich der Satz zu hören: „Ich fand es aber schön.“

Darauf müssen wir kurz eingehen. „Ich fand es aber schön.“ Aha. Ich nicht! „Ich aber doch!“, „Ich nicht!“… Sehen Sie, worauf das hinausläuft? Auf ein potentiell unendliches Palaver, das naturgemäß keine verbindlichen Maßstäbe kennt. Halten wir also zu Beginn fest, individuelles ästhetisches Empfinden spielt hier keine Rolle, kann es nicht spielen. Und damit das ganz klar ist: Unser Empfinden, die wir es ganz fürchterlich fanden, als solches auch nicht! Unser Empfinden war richtig, weil und insoweit es sich mit den objektiven Normen der Kirche in Übereinstimmung befindet. Darauf kommt es in diesem Zusammenhang an, warum, das wird gleich deutlich werden.

Zum folgenden ist nämlich, so fürchte ich, eine Art begründender Vor-Satz erforderlich. Denn wenn immer ein deutscher Katholik sich daran macht, von ihm als solche wahrgenommene „liturgische Probleme“ nicht stillschweigend (bzw. im Wortsinne „leise weinend“) auf sich beruhen zu lassen, ist ja „Polen offen“, wie man hierzulande so schön sagt. Dann wird man gern als „Denunziant“ oder „Nestbeschmutzer“ oder was dergleichen Nettigkeiten mehr sind bezeichnet. Oder man wird aus dem Munde von geweihten Amtsträgern coram publico mit den Pharisäern der Zeit Jesu gleichgesetzt, und die erstaunte gottesdienstliche Versammlung muß mit anhören, wie es angeblich auch heute noch hartherzige Gesetzesgläubige gäbe, wie damals. So hier geschehen. Nun, seit wir uns daran gewöhnt haben, als „Schädlinge“ und „Diaboli“ bezeichnet zu werden (vgl. hier und hier), trifft uns das persönlich nicht mehr. Und ich will auch an dieser Stelle nicht über die mangelhafte theologische Reflexion klagen, die dieser platten Gleichsetzung von „Norm der Kirche“ und „Gesetz des Alten Bundes“ so  offensichtlich in gleich mehrfacher Weise zugrundezuliegen scheint.

Das ist problematisch genug, aber hier geht es um etwas noch Grundsätzlicheres, es geht um die richtige Auffassung dessen, was geschieht, wenn wir in Gemeinschaft die Hl. Messe feiern, überhaupt.

Diese Feier ist nämlich niemals beschränkt auf die soziologisch zufällige jeweilige gottesdienstliche Versammlung (die man genau deshalb auch nicht ständig als „Gemeinde“ hypostasieren sollte, was häufig genug in durchsichtiger Absicht geschieht, vgl. hier), sondern jede Hl. Messe wird gefeiert in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche, was eben ganz besonders im Hochgebet deutlich wird.

Das „Wir“, das dort feiert, überall, in Weimar, Rom, Erfurt, Ouagadougou, oder wo auch immer, ist immer dieses „Gesamt-Wir“. Es ist die Kirche aller Orte (synchrone Ebene).

Und es ist genauso die Kirche aller Zeiten (diachrone Ebene), ein überaus „komplexes und vielfältiges Beziehungssystem“, wie das die Liturgiewissenschaftler einmal richtig sagen.

Und dieses Beziehungssystem ist eines, in dem es eines tut. Überall. Immer. Und zwar so, wie es die eine heilige Kirche, die wir im Credo bekennen, sagt. Genau so.

Im Kern des Kerns des Vollzugs unseres Glaubens, den das Hochgebet in der Hl. Messe darstellt, kann es daher keine Abweichung, keine Variation geben, die die Kirche nicht gutheißt (und schon gar kein eigenmächtiges Experiment).

Wer dennoch eine solche Abweichung praktiziert, der verletzt diese Einheit, der verletzt damit den Leib Christi, der wir alle sind. Nichts weniger.

Empfangt, was ihr seid: Leib Christi, damit ihr werdet, was ihr empfangt: Leib Christi. Sagt der Hl. Augustinus (vgl. Sermones 272, 227)

Ich habe das wahrhaft spät genug in meinem Leben begriffen, aber wenn man es einmal begriffen hat, dann empfindet man es auch. Ganz unmittelbar und emotional. Und dieses liturgische (und erst in zweiter Linie ästhetische) Empfinden ist eben gerade kein „elitäres“ Gefühl Einzelner (wie das so oft häßlicherweise unterstellt wird), sondern wie wir gerade gesehen haben, ein Empfinden in Gemeinschaft, der „etwas“ weiteren Gemeinschaft, die immer „anwesend“ ist, und um die es wirklich geht.

Und wenn Menschen, die (gewiß nicht aus eigenem Verdienst!) das so empfinden, wie es ist, diffamiert werden als verknöcherte Rechthaber um des Rechthabens willen, oder weil sie „den Pfarrer ärgern“ wollten oder wegen irgendeinem anderen Quatsch, der ihnen unterstellt wird, dann ist das ziemlich traurig und bedrückend. Freilich, vor dem Hintergrund des gerade skizzierten richtet es sich selbst und es sagt immer mehr über diejenigen aus, die so reden, als über diejenigen, auf die es zielt.

Soweit die Ausgangslage, theologisch und emotional und ich hoffe aufrichtig, die eine oder der andere wird nun ein wenig besser verstehen, warum ich das, was geschehen war, nicht auf sich beruhen lassen konnte.

Ich habe mich also daran gemacht, Briefe zu schreiben. Sehr vorsichtige Briefe, ganz anders als der erste Blog-Beitrag, der ja noch ganz aus der aufgewühlten Situation entstanden war, Briefe die lediglich das Faktum schilderten und die Frage stellten, ob das denn wohl mit den Regeln der Kirche übereinstimmen könne, was da geschehen war. Und dabei habe ich mich aus Respekt vor der hierarchischen Verfaßtheit der Kirche, aus Gründen der Fairneß und der Subsidiarität ganz systematisch von unten nach oben bewegt, was die Zuständigkeit angeht (wenn es Sie interessiert kann ich Ihnen die Briefe gerne zeigen!).

Und ich habe von jeder Ebene Antwort erhalten und zwar dankenswerterweise immer ausgesprochen zügig. Daran lag es nicht, daß sich die Sache so lange hingezogen hat. Das lag allerdings zweimal unter anderem am Inhalt der Antworten und der Notwendigkeit, sich danach, wie soll ich sagen, „neu zu justieren“; man soll ja nicht hastig sein, in solchen Dingen, nicht wahr?

Aus den Antworten, die ich erhalten habe, ausführlich zu zitieren, oder sie gar in Gänze zu veröffentlichen verbietet mir das ‚Fühlen mit der Kirche‘, aber einige Punkte müssen in allgemeiner Form schon kurz angesprochen werden.

  • Kein mündiger Gläubiger wird sich mit einem bloß behauptenden Satz ohne jede Begründung  zufriedengeben können, wenn es ihm erkennbar um etwas wirklich wichtiges geht.
  •  Auch in diesem Zusammenhang begegnete mir der Satz: „das ist eine französische Gewohnheit.“ Dazu ist zu sagen, daß  in einem einheitlichen Rechtsraum (wie es die Kirche ist) aus der Verletzung einer überall gleich geltenden Norm keinerlei Rückschluß gezogen werden kann, es könnte vielleicht doch „irgendwie gehen“, denn es gilt hier wie überall natürlich der Grundsatz: „Es gibt keine Gleichbehandlung im Unrecht“. Die Beobachtung ist daher unter dem Aspekt der Zulässigkeit irrelevant. Sollte sie empirisch zutreffen (was ich fürchte, aber nicht weiß) ist es nur umso dringender, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen.
  •  Wenn schließlich implizit die Frage aufgeworfen wurde, ob das, was ich geschildert hatte, sich auch wirklich so zugetragen hätte, und damit zugleich die Denk-Möglichkeit im Raum stand, ich hätte in Bezug auf etwas, das mit der Hl. Eucharistie zu tun hat, die Unwahrheit sagen können, dann war in diesem Augenblick leider auch auf der persönlichen Ebene die Gelegenheit dahin, die Angelegenheit in den Grenzen des Bistums Erfurt zu halten.

Und so kam schließlich der Tag, an dem ich Post aus Rom erhielt.

„Vatikanstadt, den 17. September 2014, Prot.N. 494/14“

Es war kurz nachdem am 16. September der zweite Blogeintrag erscheinen war, und wer sich u.U. damals gewundert hat, warum wir uns, im Vergleich zu der Erschütterung, der wir im Frühjahr Ausdruck verliehen hatten, quasi auf einen Nebensatz beschränkt haben, das lag eben daran, daß ich damals den Brief der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung erst noch erwartete.

Und der Inhalt des Briefs aus Rom? Keine Überraschung!

Da wurde exakt auf das Bezug genommen, was ich im März ebenfalls  zitiert hatte: Die Nummer 53 der Instruktion Redemptionis Sacramentum, die ihrerseits (in Anm. 132) verweist auf die grundlegende Norm in der Einführung in das Römische Meßbuch, bzw. der Grundordnung des Römischen Meßbuchs (die genauen Bezeichnungen folgen weiter unten)

Sie lautet:

  1. Die Worte, die der Priester als Vorsteher spricht, verlangen von ihrem Wesen her, daß sie deutlich und vernehmlich vorgetragen werden, und daß alle Gläubigen aufmerksam zuhören. Deshalb soll gleichzeitig nichts anderes gebetet oder gesungen werden; auch Orgel und andere Musikinstrumente sollen schweigen.

Und? Warum habe ich das nicht schon Ende September hier geschrieben, sondern noch 8 Wochen zugewartet?

Gute Frage!

Die Antwort lautet: Weil es mir zu keinem Zeitpunkt darum ging, bloß zu sagen: „Ätsch, ich hab‘ recht und Rom sagt’s auch!“ 😉 , sondern weil ich wirklich verstehen wollte, was da abgelaufen war in den Köpfen der Verantwortlichen. Denn schon im Frühjahr, nach dem ersten Blogeintrag, hatte man „gehört“ (leider wie üblich nur indirekt…), das „ginge“ sehr wohl, das „wüßten nur manche Leute nicht“ und ich verstand einfach nicht, wie man auf diese Idee kommen konnte. Aber kurz nach Eintreffen des Briefes aus Rom „hörte“ man dann, (wiederum indirekt, ich muß wohl den Eindruck erzeugen, ich bisse, wenn man direkt mit mir spricht…) da stünde ja bloß „solle“ und also könne man ja auch anders.

Aha! Da lag also des Pudels Kern. Hier sollte mit der Rechtssprache argumentiert werden. Na dann!

Um das Ergebnis vorwegzunehmen:

Dieser Versuch basiert (bestenfalls) auf einem gravierenden Mißverständnis und führt im Ergebnis vollständig in die Irre.

Aber das auseinaderzuklamüsern hat eben noch ein wenig gedauert, sorry… 😉

Zunächst gilt es festzustellen, daß wir es mit einer Norm der Kirche zu tun haben. Deren im Fall einer notwendigen Interpretation, bzw. einer Auseinandersetzung über das Verständnis einer Vorschrift allein verbindliche Rechtssprache ist das Lateinische; das ist, wie ich es vor kurzem schon einmal geschrieben habe (hier), eben „unsere Sprache“, ob das allen paßt, oder nicht 🙂 . Auf Latein heißt die Vorschrift so:

  1. Natura partium „praesidentialium“ exigit ut clara et elata voce proferantur et ab omnibus cum attentione auscultentur. Proinde dum sacerdos eas profert alia orationes vel cantus non habeantur, atque Organum vel alia instrumenta musica sileant.

Was uns hier interessiert, „steckt“ in den konjunktivischen Verbformen (non) habeantur und sileant. Man könnte sie etwas altmodisch ungefähr übersetzen mit „mögen nicht zu haben sein“, bzw. „mögen schweigen“. Also ist auch die Übersetzung mit „sollen“ nicht falsch. Es wäre ja auch eigentümlich gewesen, wenn seit Jahrzehnten in einem offiziellen Dokument der Kirche eine falsche Übersetzung gestanden hätte!

Auf die Übersetzungsfrage kommen wir gleich trotzdem noch einmal zurück, aber zunächst können wir uns nun erst einmal auf die Frage beschränken, wie in einem (kirchen-) rechtlichen Sinne das deutsche Wort „sollen“ zu verstehen ist.

Da ist schon von der deutschen Rechtssprache her zunächst klar: „Sollen“, bzw. „Nicht-Sollen“ haben ihren Platz in Gebots- bzw. Verbots-Normen. Diese Worte gehören nicht zum Bereich der „Kann-Vorschriften“! Vielmehr unterscheiden sie sich von den „Muß-Vorschriften“ vor allem darin, daß die Sanktionen im Fall ihrer Nicht-Befolgung schwächer ausfallen.

Von der Verwendung des Wörtchens „sollen“ auf „können“ und damit auf „freie Bahn“ zu schließen, ist also schon mal selbst im allgemeinen Rechtsverständnis schlicht falsch.

Weil man nun aber seine eigenen Überlegungen ja tunlichst immer noch mal überprüfen sollte, habe ich zu diesem Thema einen promovierten Kirchenrechtler aus dem Süddeutschen befragt (nach meinem Eindruck kein ausgewiesener Traditionalist!), dem ich für die ausführliche Antwort auch an dieser Stelle sehr herzlich danke!

Er hat den Sachverhalt bestätigt und auf die Formel gebracht, die diesem Beitrag den Titel gegeben hat:

„Soll ist muß, wenn kann“

Und da wohl kaum eine Situation denkbar ist, in der es nicht möglich ist, während des Hochgebets keine Musik (oder anderes „Geräusch“) zu machen, ist die zwingende Schlußfolgerung klar: Musik während des Hochgebets ist nicht zulässig, sie muß unterlassen werden.

Und nun kommen wir wieder auf die Frage der Übersetzung zurück: Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, daß vor der gleichen Vorschrift in zwei Sprachen oben zwei verschiedene Ziffern stehen, die 12 und die 32. Das liegt daran, daß sich die (lateinische) Formulierung der Norm seit (spätestens) 1969 (!) nicht geändert hat, sie aber mittlerweile in einem veränderten Umfeld steht.

Und im Augenblick gibt es tatsächlich auch zwei deutsche Übersetzungen!

Und beide sind seitens des Vatikan approbiert und von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlicht. Wie das sein kann?

Gute Frage!

Das hängt damit zusammen, daß in Deutschland seit Jahren nicht umgesetzt wird, was gesamtkirchlich Stand der Dinge ist, das Römische Meßbuch in der dritten Auflage nämlich. Die (problematischen) Gründe dafür zu beschreiben würde den Rahmen dieses Artikels vollends sprengen, aber was „unsere Norm“ betrifft, so hat sie aktuell im „ Missale Romanum, Editio typica tertia, 2002“ im Bereich der „Institutio generalis“, der „Grundordnung des römischen Meßbuchs, Vorabpublikation durch die DBK 2007“ (GRM), eben die Nummer 32, während sie vorher in der Allgemeinen Einführung in das Römische Meßbuch (AEM) die Nummer 12 hatte.

In Deutschland ist nun aber nach wie vor das „Meßbuch für die Bistümer des deutschen Sprachgebietes, Zweite Auflage, gemäß Editio typica altera des Missale Romanum, 1975 [und weiteren Ergänzungen] zuletzt 1996“ in Kraft, weil die dritte Auflage nicht (weiter) übersetzt wird.

Wer nun mir, bzw. meinen Überlegungen nicht trauen will und auch nicht einem ausgewiesenen Kirchenrechtler, wenn er schreibt: „die korrekte Bedeutung eines Sollens im rechtlichen Sinne [ist] nicht so verbreitet, wie es nötig wäre. Diese Bedeutung kann man kurz so fassen: „soll ist muss, wenn kann“. Sofern also kein Hinderungsgrund vorliegt, ist ein Sollen nicht bloß ein Können, sondern ein Müssen.“, der lese bitte die höchstoffizielle Übersetzung der Vorschrift aus dem Jahre 2007:

  1. Die Texte, die der Priester als Vorsteher spricht, verlangen von ihrem Wesen her, daß sie mit deutlicher und lauter Stimme vorgetragen und von allen aufmerksam angehört werden. Deshalb ist gleichzeitig nichts anderes zu beten oder zu singen; auch Orgel und andere Musikinstrumente haben zu schweigen.

Sehen Sie? „Ist“ und „haben zu“, also glasklare Muß-Formulierungen, haben das „sollen“ abgelöst, offenbar in der Absicht, das immer schon gemeinte nun auch aber wirklich für jedermann unzweideutig darzulegen.

Nochmal: An der Vorschrift selbst, ihrer lateinischen (d.h. letztgültigen) Formulierung, ihrer Verbindlichkeit und der zwingenden Interpretation hat sich seit über 40 Jahren nichts geändert! Die neue Übersetzung ist lediglich eine, wenn auch vielsagende, Verdeutlichung.

Niemand kann sich auf das „sollen“ beziehen, der etwas anders machen möchte, denn „sollen“ ist insoweit „müssen“ und niemand kann sich auf die Noch-Gültigkeit des Meßbuchs von 1975 beziehen, denn da stand immer schon das gleiche drin.

Musik (oder anderes Geräusch) während des Eucharistischen Hochgebets ist verboten. Das ist keine erlaubte Variation in der Feier der Hl. Messe.

Sie finden die Quellen unter den folgenden Links: Die „Institutio Generalis Missalis Romani“ in der ursprünglichen Fassung von 1969 hier (lateinisch), die AEM in der Fassung von 1975 [1996] hier (deutsch) und die GRM in der Vorabpublikation von 2007 hier (deutsch, beachten Sie bitte auch das Vorwort von Kard. Meisner). Und hier noch einmal der Link auf die Instruktion Redemptionis Sacramentum.

Bleiben noch zwei Fragen:

Zunächst: Wie sieht es denn im kirchlichen Zusammenhang aus mit der Frage der Rechtsfolgen? Ich hatte ja oben im allgemeinrechtlichen Zusammenhang geschrieben, bei „Soll-Vorschriften“ falle deren Sanktionierung nicht so stark aus. Gilt das hier auch? Nein, denn dieses „Sollen“ ist eben wirklich ein „Müssen“! Schon im März habe ich auf die einschlägige Passage in Redemptionis Sacramentum hingewiesen: „174. Darüber hinaus sind jene Handlungen, […] die an anderen Stellen dieser Instruktion […] behandelt werden, nicht als geringfügig einzustufen, sondern zu den anderen Mißbräuchen zu rechnen, die gewissenhaft vermieden und korrigiert werden müssen.“ (Hervorhebung von mir)

Dementsprechend heißt es in dem Schreiben der Gottesdienstkongregation an mich: „Dieses Dikasterium möchte Ihnen versichern, dass diese Kongregation das von Ihnen eingesandte Material genauestens studiert hat und sich mit der zuständigen kirchlichen Autorität in Verbindung setzen wird […]“. Und das „In Verbindung-Setzen“ geschieht keineswegs immer, manchmal erhält man als Antwort auch bloß die freundliche Aufforderung, doch mit der örtlichen Autorität in Kontakt zu bleiben, wie ich in meiner zwischenzeitlichen Beschäftigung mit derartigen Schreiben aus Rom gelernt habe (was man so alles lernt, wenn man einer solchen Frage nachgeht… 🙂 ).

Die noch wichtigere Frage ist aber, was ist eigentlich die geistige und seelische Grundlage dafür, daß man überhaupt ein derartiges Phänomen antrifft? Was führt dazu, daß es offenbar Menschen gibt, die solange es irgendwie geht versuchen, eine von vorneherein unhaltbare Position zu verteidigen?

Dabei steht eines fest: Auf das Zweite Vatikanum kann man sich dabei gerade nicht berufen! Die Vorschrift stammt unmittelbar und unverändert aus der Zeit der nachkonziliaren Liturgiereform und sie entspricht ja auch hundertprozentig den damaligen Anliegen: Es ging ja eben u.a. genau darum, daß die „Vorsteher-Gebete“ nun von jedem gehört werden können sollten! Sollte es unter denjenigen, die in jedem zweiten Satz „das Konzil“ heraufbeschwören, am Ende solche geben, denen es weniger um das (21. ökumenische 😉 ) Konzil und seine Inhalte, als vielmehr um ihre (liturgische) Selbstermächtigung geht?  Um das „Sich-nichts-sagen-lassen-wollen“ von „Rom“? Dazu darf ich an die Nummer 27 aus Redemptionis Sacramentum erinnern:

„Der Apostolische Stuhl hat seit dem Jahr 1970 das Aufhören aller Experimente bezüglich der Feier der heiligen Messe angemahnt und dies im Jahr 1988 von neuem bekräftigt. […]“

Seit 1970!

Ich möchte den hier vor Ort Handelnden eine solche Haltung nicht unterstellen, sondern nur ein allerdings erhebliches Ausmaß fehlender Rechtskenntnis konstatieren, das aber, wie ich fürchte, auch nur in dem nun schon jahrzehntealten Klima wachsen konnte, einem Klima, das „Recht“ bloß als Einschränkung, als Behinderung zu empfinden in der Lage war. Traurig.

Nun, ich bin jetzt ein wenig erleichtert, daß es vorbei ist, aber ich habe mir diese Arbeit jedenfalls wirklich gerne gemacht und ich bin sehr dankbar für die, wenn ich so sagen darf, „spirituelle Rechtssicherheit“, die damit hergestellt ist, denn künftig ist, durch das Schreiben aus Rom nach Erfurt (und ein bißchen vielleicht auch durch diesen Beitrag), ein weiteres Fortleben dieses schlimmen Mißverständnisses für unser Bistum ja nun zum Glück völlig ausgeschlossen.

Hoffen wir, daß es nicht noch weitere Fälle geben wird, in denen das so lange dauert. 😉

Gereon Lamers

 

Heut mal bei uns

Das Weimarer Konzert im Rahmen des Thüringer Orgelsommers

Zum dreißigsten Mal findet in diesem Jahr der Thüringer Orgelsommer statt. Die Konzertreihe wurde Anfang 1992 von KMD Gottfried Preller gegründet und soll den Reichtum gerade der Thüringer Orgellandschaft erlebbar machen und zu erhalten helfen. Schließlich zählen Orgelbau und Orgelmusik mittlerweile zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO, und Thüringen spielt mit seinen rund 2.000, zum Teil historisch hoch bedeutsamen Orgeln (denken Sie nur an das Renaissance-Instrument auf der Wilhelmsburg Schmalkalden!) eine tragende Rolle in dieser in Deutschland so herausragenden Tradition.

Natürlich hätte der dreißigste Geburtstag groß gefeiert werden sollen. Und – man ist beinahe versucht, auch an dieser Stelle fälschlicherweise „natürlich“ zu sagen – auch diesem Fest machen die Coronaschutzmaßnahmen einen Strich durch die Rechnung. Aber die 48 Konzerte finden doch statt, in Dorfkirchen zwischen Limlingerode und Oberweid, Ifta und Oppurg, in Städten wie Erfurt, Arnstadt und Meinigen.

Und in Weimar.

Zumindest ein einziges.

Und das auch noch an der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel (FLGO) in unserer Pfarrkirche Herz Jesu!

Wie kommt’s? Nun – der Stadtkirchenkantor hat sich mit einem Weimarer Orgelsommer schon vor Jahren selbständig gemacht und veranstaltet zwischen Ende Juni und Ende September im Wochenrhythmus eine gesonderte Konzertreihe. Und in dieser Reihe engagiert sich seit dem ersten Jahr seiner hiesigen Tätigkeit, nämlich schon seit dem Sommer 2020, auch Martin Sturm, als Professor für Orgelimprovisation und Leiter des Studiengangs Kirchenmusik der Nachfolger des Initiators der FLGO Michael Kapsner. Zweimal konzertiert Sturm mit den Weimarer Studierenden der Kirchenmusik in St. Peter und Paul sowie ein weiteres Mal gemeinsam mit der Cellistin Christina Meißner.

Die Orgelklasse von Prof. Sturm bespielt übrigens auch die Franz-Liszt-Orgel Denstedt im Rahmen der Weimarer Liszt-Tage . Nur mit seinem eigentlichen Erbe, dem hochschuleigenen Instrument in der Herz-Jesu-Kirche, scheint sich Martin Sturm irgendwie schwer zu tun. Vielleicht muß an dieser Stelle unsere Gemeinde von sich aus ein wenig aktiver werden, um den Traum von der „konzertanten Nutzung des neuen Instruments“ und damit dem In-den-Blick-Rücken immer wieder auch der katholischen Kirche in Weimar wahr werden zu lassen. Denn wird es nicht Zeit, daß Abstriche nur noch die Bögen auf Violinsaiten machen und nicht immer weiter unsere ganze katholische Pfarrei?

Aber was auch immer die Zukunft für uns bereithält: Freuen wir uns über das Konzert am heutigen Abend in Herz Jesu Weimar im Rahmen des Thüringer Orgelsommers. Hierzu wird der in Erfurt gebürtige und an der Weimarer Musikhochschule ausgebildete Martin Kondziella aus Berlin anreisen und unter dem Motto „Transkriptionen“ u.a. Werke von Franz Liszt und Felix Mendelssohn Bartholdy spielen.

Das Konzert beginnt um 20 Uhr und kostet 10 Euro Eintritt. Es empfiehlt sich u.U. eine Kartenreservierung unter der Emailadresse kontakt@orgelsommer.de.

Hier eine Kostprobe vom YouTube-Kanal des Organisten. Enjoy 🙂

 

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Der Vollständigkeit halber sei auf ein im Sommer-Pfarrbrief angekündigtes Festkonzert zum 130. Jahrestag der Kirchweih von Herz Jesu Weimar hingewiesen. Am 22. Oktober 2021 werden um 19.30 der Hochschulkammerchor unserer Musikhochschule unter der Leitung von Jürgen Puschbeck sowie Martin Sturm an der FLGO konzertieren.

PuLa-Reloaded: Elsleins Förderstunde

Heute haben wir für das PuLa-Reloaded einen Text aus dem November 2013, der mitten aus der sozusagen “entwickelten Hochphase” der Auseinandersetzung stammt, damals, als die andere Seite meinte, hinter dem dünnen (sehr dünnen) Schleier vermeintlicher Anonymität ihre Position durch den Mund der Kunstfigur “Else Franke” dartun zu sollen.
Naja, hat nicht lange funktioniert. 😀

So ist das folgende zwar einerseits zeitgebunden, andererseits hat der Text sich aber, meinen wir, ganz gut gehalten, weil er sich anhand der konkreten Situation Gedanken macht, die unverändert von Interesse sind.

Gereon Lamers 

 

Daher viel Spaß mit: 

 

Elsleins Förderstunde, oder: Eine leicht faßliche Anleitung
zum Verständnis literarischer Texte (plus Sketchlet!)

Wie die Zeit vergeht: Jetzt ist es tatsächlich schon gut einen Monat her, daß auf PuLa eine Anleitung zum Verständnis literarischer Texte angekündigt wurde (hier); zu den Punkten 6) und 7) und so will ich dieses Versprechen doch auch endlich einlösen.

Anlaß waren, es sei der verstrichenen Tage wegen daran erinnert, neuerliche Zeilen von unserem „Elslein“ (Enttarnung bereits vor anderthalb Jahren (hier).

Also, „Elslein“. Schauen Sie: Sie erfinden doch auch ständig Sachen. Das mit der „zweijährigen Bußzeit“ zum Beispiel. Das war ja ein richtiger Knüller. Sind außer uns alle drauf reingefallen und haben gar nicht mehr weiter nachgefragt.

Es war aber einfach nicht wahr, vielleicht gar eine Lüge. Keine Literatur und überhaupt nicht lustig.

Oder die Wanderlegende von den gegen den Pfarrer gesammelten Unterschriften. Die war doch bestimmt auch von Ihnen (auch wenn sie selbst ein geweihtes Haupt schriftlich weiterverbreitet hat, leider. Ich habe da dankenswerterweise einen Brief aus dem Kreis 55+, aus dem das hervorgeht). Jedenfalls war diese Legende ja sogar durchaus ausgeschmückt: Vor der Herderkirche würde die jeweilige Sammlerin stehen (denn die Wanderlegende wurde ja nicht nur über mich erzählt, sonst wär‘s ja auch keine Wanderlegende, sondern immer über die, die eben gerade schlecht gemacht werden sollte. Wir sollten schließlich auf gar keinen Fall in den PGR gewählt werden – auch von denjenigen älteren Herrschaften nicht, die sich beim Ausfüllen ihrer Wahlzettel nicht vom „Elslein“ helfen lassen würden.)

Wir haben jede Menge gelacht bei der Vorstellung, wie da jemand angeblich vor der Stadtkirche steht. Denn die Stadtkirche St. Peter und Paul (vulgo „Herderkirche“) war ja damals wegen Restaurierung geschlossen und ihr Vorplatz lange Zeit Baustelle, weil man dort im Zuge der Arbeiten die Grabstätten eines vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit hinein genutzten Friedhofs freigelegt hat (hier). Da sollte also eine von uns mitten zwischen den uralten Skeletten stehen und, den Baulärm überbrüllend, von irgendwelchen versprengten evangelischen Touristen aus Göttingen (Insiderwitz 🙂 ), die trotz allem an der Kirchentür klinken, Unterschriften gegen einen ihnen unbekannten katholischen Priester erbetteln?

Herrlich! Einfach wunderbar!

Das war also immerhin schon mal lustig. Aber trotzdem eine Lüge (denn das war sicher intentional) und keine Literatur.

So. Und jetzt die Wundersdorfer Sketche. Die sind lustig. Und so unglaublich viel wahrer als jede gut belegte Erzählung über die Vorgänge in unserer armen, heruntergewirtschafteten Pfarrei. Warum? Weil sie Literatur sind: „Der Dichtung Schleier“, um mit unserem Weimarer Mitbürger Goethe zu sprechen, „Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit.“

Das ist Literatur. Sie sagt die Wahrheit oder läßt die Wahrheit erkennen, obwohl sie u.U. an einem fiktiven Ort spielt mit Figuren, die nie gelebt haben, oder deren Gattung sogar außerhalb der literarischen Konstruktion nicht einmal existiert (denn so ist das ja leider mit sprechenden Schafen, so sehr uns Wolle, Flocke, Kohle, Fixi und Huf auch schon ans Herz gewachsen sein mögen). [Anmerkung der Redaktion: Wie jetzt? Klar kenne ich die Schafe! 😉 ]

Wie funktioniert Literatur? Warum kann sie bei so viel Erfindung die Wahrheit sagen – und eine tiefere Wahrheit als jeder überzeugende Bericht? Eben weil sie gerade nicht von den Zuständen spricht, über die sie etwas sagen möchte. In den Wundersdorfer Sketchen steht nie irgendetwas über irgendjemanden aus unserer Gemeinde, nicht über den Pfarrer, nicht über den Herrn Dechanten – nichts.

Es werden Situationen in einer Parallelwelt geschildert, die Anlaß geben, über die Situation in unserer eigenen Gemeinde nachzudenken. Und indem man dies tut, fällt einem auf: Au Backe – GENAU SO! Genau so läuft das bei uns (Vgl. hierzu ebenfalls bereits hier.

Es ist diese unmittelbare Evidenz der Wahrheit, die die Leistung von Literatur ausmacht. Und da die Lesenden die Erkenntnis im Nachvollzug der geschilderten Situation selber gewonnen und erschlossen haben, sitzt diese Gewißheit der Erkenntnis tiefer, als es nach einer „Hast du schon gehört, was sie sich jetzt wieder geleistet hat/haben“-Erzählung der Fall sein kann. Daß dies bei den Wundersdorfer Sketchen insgesamt ganz gut gelingt, zeigt die oft große Freude derer, die wagen dürfen, über die kleinen Geschichten zu lachen – und leider auch die Intensität des Hasses derjenigen, die sich angegriffen fühlen.

Literatur regt zum Nachdenken an.

Die Lüge muß das Nachdenken unterbinden.

Das ist einer der großen Unterschiede zwischen den Erzählungen unserer „Gemeindeleitung“ und den Wundersdorfer Sketchen. Und da, wie gesagt, jeder Leser selber seine Erkenntnisse gewinnt, hilft nur das PuLa-Leseverbot, das folgerichtig zumindest in den beiden Marionettentheatern unserer Pfarrei auch längst ausgegeben wurde. Insgesamt erinnert die Reaktion von Gemeindeleitung und „Gemeindeleitung“ von Herz-Jesu Weimar auf die PuLa-Sketche an einen DDR-Witz:

***

Ein DDR-Bürger geht spät in der Nacht durch Ostberlin und ruft lauthals immer wieder: „Scheißstaat, Scheißregierung!“ Bald taucht ein Stasi-Offizier auf und verhaftet ihn. Der Mann will den Grund dafür wissen, der Mann von der Stasi erinnert ihn an seine lautstarken Äußerungen. Der Mann verteidigt sich und sagt: „Aber ich habe doch gar nicht gesagt, welchen Scheißstaat und welche Scheißregierung ich meine.“ Darauf der Stasioffizier prompt: „Es gibt nur einen Scheißstaat und eine Scheißregierung…“

***

Nun kann man Literatur natürlich auch falsch verstehen. Entgegen einem weitverbreiteten Vorurteil ist die literarische und künstlerische Interpretation nämlich keineswegs beliebig, sondern in der Regel gut begründbar – und deswegen kann sie eben auch mit Pauken und Trompeten daneben gehen.

Wie es jüngst dem „Elslein“ wieder passiert ist. Dann stellt sich die Frage, ob man nicht verstehen will, nicht verstehen kann oder nicht verstehen darf.

Letzteres betrifft leider geschlossen die Gruppe derer, die in unserer Gemeinde die (eigentlich für die offene Jugend- und Seniorenarbeit bewilligten und städtisch mitfinanzierten) Räume nutzen, Gruppen anbieten, in den Gremien sitzen (ja: „sitzen“, denn mitbestimmen fällt sowieso aus), Baldachine tragen, lektorieren oder Kommunion austeilen wollen. (Deshalb ist diese Gruppe auch mittlerweile recht klein – denn entweder ist den „Aufmüpfigen“ schriftlich die Erlaubnis zur ehrenamtlichen Arbeit entzogen worden, oder sie haben aufgrund des Klimas in unserer Pfarrei selber darauf verzichtet.)

Außer dem „Elslein“ natürlich. Denn das „Elslein“ ist ja eben genau die, die alles darf und jeweils bestimmt, was wer anders darf und was nicht.

Trotzdem hat das „Elslein“ jüngst einen Sketch falsch verstanden, also nicht verstehen wollen oder können, und uns das auch hingedrückt. Das war wieder ein besonders spannender Moment. Denn wenn etwas mit keinem Wort dasteht und jemand es trotzdem liest, spricht das natürlich Bände über die ureigensten Gedanken des Interpretierenden.

Schauen wir uns das genauer an: „Elses“ Zorn entzündete sich an dem Schafsketch „Unfrisiert“. Unfrisiert ist dabei Fixi, wie wir wissen selber ein Lämmchen und dem erwachsenen Schaf Flocke im Nichte-Tante-Verhältnis verwandtschaftlich verbunden.

Flocke schimpft Fixi aus, weil es ihr peinlich ist, daß Fixi so zerrupft in der Messe aufgelaufen ist, und nebenbei bekommt sein Fett weg, wen Flocke glaubt, sonst noch für den Vorfall mitverantwortlich machen zu können: das Lämmchen Huf. In ihrer Not suchen die beiden nach einer Ausrede bzw. verteidigen sich so geschickt, daß Flocke auf andere Gedanken und der Sketch auf ein weiteres Thema kommt. Ideengeber der Ausrede ist eine Stelle der gerade gehörten Predigt, ausgebaut wird sie mithilfe des von Kohle eingeworfenen Wörtlichnehmens einer feststehenden Redewendung: Daß nämlich jemand „nicht mehr in den Spiegel schauen kann“, weil er sich schändliches Handeln hat zuschulden kommen lassen oder solches aktiv und bewußt deckt.

Also: Fixi, das Lamm, ist unfrisiert. Nun schauen Sie, was das „Elslein“ daraus gemacht hat ( hier Nr. 6) eine „einmal mangelhaft frisierte stellvertretende Vorsitzende des Pfarrgemeinderates“. Faszinierend, nicht wahr? Jedenfalls haben wir jetzt eine Idee, wen der Herr Pfarrer gemeint haben könnte, als er die Predigt zur Oberweimarer Kirchweih zu der Behauptung nutzte, in unserer Gemeinde gäbe es Menschen, die würden andere verachten. PuLa kann er jedenfalls nicht gemeint haben, denn wir versuchen nach dem guten, alten katholischen Grundsatz zu verfahren, die Sünde zu hassen, den Sünder aber zu lieben; Verachtung paßt da gar nicht.

Außerdem könnten, wenn es unsereseits Haß gäbe, überhaupt keine Texte wie die Wundersdorfer Sketche dabei herauskommen!

Und damit komme ich zum zweiten Punkt, den ich auf die Vorwürfe des Eseleins, äh „Elsleins“ 😉 antworten möchte (vgl. hier, Nr. 7). „Seine Ehefrau läßt er in hasserfüllter Weise“ etc. Hm. Sollte das „läßt“ bedeuten, daß „Elslein“ denkt, solche Texte entstünden auf Bestellung? Dann ließe das nur die traurige Schlußfolgerung zu, daß das „Elslein“ noch niemals im Leben etwas Künstlerisches hervorgebracht hat. Kreativität läßt sich nämlich nicht bestellen. Texte wie diese Sketche sind entweder mit einem Schlag im Kopf da, weil sie einem „einfallen“ (der Ausdruck zeigt schon, daß unserer Sprachgemeinschaft eine Art Passivität als Ausgangspunkt des Schöpferischen immer bewußt war) – oder sie entstehen nicht!

[Anmerkung der Redaktion: Nur am Rande sei ergänzend erwähnt, daß in dieser Familie die Zustände auch nicht so sind, daß ich meine Frau irgend etwas „machen lassen“ könnte, was in diesem Kontext ja nichts anderes hieße als, ihr zu „befehlen“, irgendetwas zu tun. Mal abgesehen davon, daß ein solcher Versuch schwerlich von Erfolg gekrönt sein würde: Es ist eben vor allem gar nicht nötig…, vgl. Gen 2,24! 🙂 ; Weiter im Text:]

Auf Bestellung gibt freilich die Ansammlungen unzutreffender und plakativer Vorwürfe, wie sie uns 2012 in zwei unterschriebenen und zwei anonymen Briefen aus dem Kreis der Gemeindesenioren ins Haus flatterten (daß übrigens jetzt nach den Senioren auch Teenager vors Loch geschoben werden, wie der arme „Frosch aus Minsk“ (vgl. hier und hier), verschlägt vielen von uns allerdings den Atem!) – und nur Haß kann die fäkalsprachengesättigten Kommentare produzieren, die sich zuweilen im Emailpostfach meines Mannes finden (natürlich anonym und mit Einmaladresse gesendet). Die sind haßerfüllt. Die Sketche nicht. Daß an den Sketchen also die Kommunikation scheitern könnte, ist sicherlich die dreisteste Lüge des diesmaligen „Else“-Kommentars. Bekanntermaßen ist lange vor PuLa die Kommunikation von Seiten der Gemeindeleitung abgebrochen worden – mit mir gesprächsweise, mit meinem Mann schriftlich, aber am selben Tag.

Das werden sich all die lebhaft vorstellen können, denen es erging wie uns – selbst wenn sie sich zuvor bis zur Selbstverleugnung duldsam und kooperationsbereit gezeigt haben.

***

Um mit was Lustigem aufzuhören: Zu dem in Punkt 8 ) von „Elses“ Kommentar gemachten Vorwurf zum Thema Weltkirche, der uns in Freddy Froschs „schauen sie doch mal über ihren tellerrand“ induziertermaßen wieder begegnet, ist mir eine wunderbare Geschichte eingefallen. Ich will sie zum Abschluß erzählen.

Sie geht so:

 

Die Seefahrt

Ein Sketch für eine Person

 

(Beim Auf und Ab der Waage ist die Waagschale mit unserem Kirchenvorstandsmitglied eines Tages völlig aus der Welt hinausgeschleudert worden. Nun treibt die darin befindliche „Else Franke“ ohne Verbindung zu ihrer gewohnten Welt umher. Else klammert sich an den Rand ihrer Waagschale und blickt von Zeit zu Zeit zum Himmel, von Zeit zu Zeit aber auch ängstlich in die kobaltblaue Fläche, auf der sie scheinbar ins Ungewisse treibt. Da zeigt sich ein goldener Streifen am Horizont.)

Else: Hilfe!

Eine Stimme: Was ist, Else? Hab keine Angst!

Else: Da, dort vorn! Da ist die Welt zu Ende!

Die Stimme (lacht gutmütig): Aber Else! Das ist nicht das Ende der Welt – das ist bloß Lamers‘ Tellerrand.

Else: Was?

Die Stimme: Ja! Lamers‘ Tellerrand. So weit bist du noch nie gekommen, aber deshalb stürzt du jenseits des Tellerrandes nicht ins Bodenlose. Also: Fürchte dich nicht!

Else: Aber … aber … der Tellerrand vom Lamers – da hat er selber doch noch nie drüber ‘raus geguckt …

Die Stimme (lacht wieder): Else, Else (die Stimme scheint den Kopf zu schütteln) Aber selbstverständlich hat er das – soweit dies menschenmöglich ist. Denn wisse, du bist hier auf ein großes Geheimnis der kosmischen Logik gestoßen: Sobald man über seinen Tellerrand schaut, verschiebt dieser Tellerrand sich in die Ferne. Es verhält sich mit dem Tellerrand also etwa so wie mit dem Horizont auf den Weltmeeren. Man kommt nie hin – und du kannst deshalb beim Nachdenken auch nie ins Bodenlose fallen.

Else: Aber – wenn das mit dem Tellerrand so ist wie mit dem Weltenhorizont, dann – dann – dann kommt man ja, wenn man weit genug über den eigenen Tellerrand geschaut hat, wieder bei sich selber an?!

Die Stimme (lacht ein herzliches und gutmütiges Lachen): Das ist richtig, liebe Else! Du bist ein kluges Kind! Genauso ist es! Und so muß es sein. Was sollte man denn auch außer sich?

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar