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Von Mützen und Menschen

Zweimal schon, nämlich in den Jahren 2017 und dann auch 2019 haben wir das traditionelle “Bild des Bloggers, bzw. der Bloggerin mit ungewöhnlicher Kopfbedeckung” erst am letzten Tag der Weihnachtszeit, dem jeweiligen 2. Februar also, veröffentlicht, obwohl es ja eigentlich den augenzwinkernden Abschluß des je aktuellen Adventskalenders bildet!
Und wenn auch unverändert gilt, was ich 2017 schrieb: “Ja, doch, wir gehen schon davon aus, daß Sie auch ohne dem weiterleben können” so gilt noch viel mehr, wie dieser Satz weiterging:  “auf diesem Blog wird es keinen Abbruch von Traditionen geben, solange wir es verhindern können!” 

Und deswegen, “weil wir es können” 😉 , folgt nun heute endlich das “Bildnis des Bloggers mit ungewöhnlicher Kopfbedeckung” für den letzten Adventskalender – immerhin noch im gleichen Kirchenjahr (2019/20)! Die besonderen Umstände dieses Jahres, warum sollten wir sie nicht auch für uns in Anspruch nehmen können? Ist ‘Corona’ nicht gerade der Universalschlüssel für alles mögliche geworden? Na also! 😀

Wie Sie sich sicher, lebhaft, oder?, erinnern, bestand ja der zurückliegende Adventskalender aus Gedichten Annette v. Droste-Hülshoffs zum Kirchenjahr und wir hatten anhand dessen allerlei interessante Feststellungen gemacht, z.B. zum Fortleben von diözesanen Eigenliturgien nach dem Konzil von Trient bis weit ins 19. Jahrhundert hinein und konnten uns allgemein von der Qualität der Gedichte, vor allem aber der manchmal geradezu schmerzhaften Glaubensintensität der Dichterin überzeugen. Und ein (seherisches!) Gedicht zum Synodalen Weg gabs auch…

Nun, die Lebens- und Schaffenszeit der Droste fiel wesentlich zusammen mit jenem Abschnitt der deutschen Geschichte, den man das ‘Biedermeier’ nennt, und zum festen ikonographischen Inventar des Blicks auf diese Zeit gehört vor allem eine Kopfbedeckung: Die Zipfelmütze des ‘Deutschen Michel’, voilà:

Der Blogger im Biedermeier (eigenes Bild)

Zum Hintergrund dieser Mütze gibt es so viel mehr zu sagen, als in diesen kleinen Begleit-Text paßt! Cornelie wird das in den nächsten Tagen nachholen und es wird spannend! 

Heute mag es genügen, festzustellen, das Biedermeier war allenfalls äußerlich eine “ruhige Zeit” und die Menschen, die in ihm lebten, ebensowenig pauschal ‘Langweiler’, wie sie es in irgendeiner Epoche je waren (wer hier an die nicht totzukriegende Verunglimpfung des ‘Mittelalters’ denkt, liegt genau richtig!).
Schließlich endete das Biedermeier im Vormärz und als Annette im Mai 1848 starb, tagte in Frankfurt die Deutsche Nationalversammlung.
Freilich, wie sich das weiterentwickelte, läßt sich auch anhand der “Mützenikonologie” zeigen:

Michel und seine Kappe im Revolutionsjahr 1848, aus: Eulenspiegel, Nr. 13, 1849, anonym (Bild: Wikimedia Commons, James Steakley)

Ob irgendeines und wenn ja, welches, dieser Bilder zur gegenwärtigen kirchlichen Lage in Deutschland paßt? Ob wir wieder an den sog. “Synodalen Weg” denken sollten? 😆 

Aber lassen wir das. Ich möchte Ihnen jedenfalls heute abend noch ein Gedicht der Droste präsentieren, um zu zeigen, wie avanciert sie schreiben konnte:

 

Im Grase

Süße Ruh‘, süßer Taumel im Gras,
Von des Krautes Arome umhaucht,
Tiefe Flut, tief tief trunkne Flut,
Wenn die Wolk‘ am Azure verraucht,
Wenn aufs müde, schwimmende Haupt
Süßes Lachen gaukelt herab,
Liebe Stimme säuselt und träuft
Wie die Lindenblüt‘ auf ein Grab.

Wenn im Busen die Toten dann,
Jede Leiche sich streckt und regt,
Leise, leise den Odem zieht,
Die geschloßne Wimper bewegt,
Tote Lieb‘, tote Lust, tote Zeit,
All die Schätze, im Schutt verwühlt,
Sich berühren mit schüchternem Klang
Gleich den Glöckchen, vom Winde umspielt.

Stunden, flüchtger ihr als der Kuß
Eines Strahls auf den trauernden See,
Als des ziehenden Vogels Lied,
Das mir niederperlt aus der Höh,
Als des schillernden Käfers Blitz,
Wenn den Sonnenpfad er durcheilt,
Als der heiße Druck einer Hand,
Die zum letzten Male verweilt.

Dennoch, Himmel, immer mir nur
Dieses Eine mir: für das Lied
Jedes freien Vogels im Blau
Eine Seele, die mit ihm zieht,
Nur für jeden kärglichen Strahl
Meinen farbig schillernden Saum,
Jeder warmen Hand meinen Druck,
Und für jedes Glück meinen Traum.

 

Was bleibet aber, stiften die Dichter!

Gereon Lamers

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