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Sketch des Monats: Die Marketingbewerbung

Ein Sketch zum ‘Osterlachen’ für vier Personen

Irgendwo in den Vororten einer süddeutschen Metropole. An einem Besprechungstisch sitzen zwei Personen, eine sehr gepflegte Dame undefinierbaren Alters und ein junger Herr. Sie sind in ein intensives Gespräch vertieft. Vor den beiden liegen stapelweise Unterlagen und Bewerbungsmappen. Außerdem steht ein betriebsbereites Notebook auf dem Tisch. Gesprächsfetzen kann man entnehmen, daß es um die Beurteilung dieser eingereichten Unterlagen geht – und daß man sich offenbar in der Marketingabteilung eines renommierten Autoherstellers befindet.

Die Dame: Was sagen Sie denn zu dem hier? (Sie blättert eine der Mappen auf.)

Der Herr: Eine Frechheit! (Er schnaubt und wirft den Kugelschreiber auf den Tisch.) Womit wir hier unsere kostbare Zeit vertun!

Die Dame: Das dachte ich im ersten Moment auch … aber es ist so irre, daß ich ein zweites Mal draufgeschaut habe. Irgendwas ist damit los. Ich werde nicht ganz schlau daraus. Aber graphisch ist es jedenfalls nicht uninteressant.

Der Herr: Das will ich Ihnen gerne zugestehn. Aber mit Verlaub – wir haben eine Stelle in der Werbung für unser Unternehmen ausgeschrieben. Und was liefert dieser … dieser …

Die Dame: Herr Anderlechner.

Der Herr: Dieser Herr Anderlechner? Haben Sie sich das Video angesehen, das er mitgeschickt hat? (er entnimmt der Bewerbungsmappe einen Stick und schiebt ihn – zunächst falschrum – in den USB-Stecker des Notebooks.)

Die Dame: Selbstverständlich. Köstlich! Geradezu Anti-Werbung. Die reine Satire! Ich frage mich, was dahinter steckt. Schlecht gemacht ist es nicht – der Mann hat zweifellos Talent!

Der Herr (während er im Dateimanager nach dem Film auf dem Stick sucht): In seinen Texten schlägt er vor, die Kunden sollten sich unbedingt den Produkten unserer schärfsten Konkurrenz zuwenden. Ist der Mann noch bei Trost?

Die Dame (blättert): Ja – köstlich, nicht wahr? Hier: Es sei doch vollständig gleichgültig, welches Auto man fahre, Hauptsache, man komme ans Ziel. (Sie lacht.) In großen Lettern (sie zeigt ihrem Kollegen das Blatt.)

Der Herr (hat sich nun doch auf eine Revue dieser Unterlagen eingelassen): Es kommt ja noch besser: Er sei gegen die Bezeichnung „Autobranche“. Das schließe ja die Fußgänger und Radfahrer aus. Man solle gefälligst ganz genderneutral nur noch von „Verkehrsteilhabe“ sprechen.

Die Dame (lacht): Und außerdem – immer diese Autos. Er könne gar nicht verstehen, warum so viele Menschen sich dafür begeistern. Man solle in der Werbung den Chef lieber bei der Gartenarbeit, als mit einem schicken Auto zeigen.

Der Herr (bringt nun den Film ans Laufen): Hier! Der Chef fährt auf den Hof der Konkurrenz und klebt kurz vor dem Werkstor den Stern auf der Kühlerhaube ab! (Man sieht die entsprechende Sequenz auf dem Display.)

Die Dame: Wo hat der Mann eigentlich vorher gearbeitet?

Der Herr (zieht den Lebenslauf aus der Mappe und prustet kurz los): Ha! Beim Erzbischof von München und Freising!

Die Dame: Bei Kardinal Marx?

Der Herr: Genau dem!

Die Dame (wirft die Mappe flach auf den Tisch und lehnt sich zurück): Ich finde, wir sollten ihn unbedingt mit einladen. Der Mann hat Potential, das spüre ich.

(Es klopft heftig an die Tür des Besprechungsraumes.)

Die Dame (laut) Herein!

Ein Angestellter (steckt den Kopf zur Tür herein): Entschuldigung – aber einer der Bewerber läßt sich nicht abwimmeln – er sagt, er muß Sie unbedingt sprechen, es gehe um die Abgabe der Bewerbung.

Die Dame: Die Fristen sind abgelaufen. Er kann derzeit nur eine Initiativbewerbung einreichen.

Der Angestellte: Wenn ich es richtig verstanden habe, liegt Ihnen die Bewerbung bereits vor.

Die Dame: Was will er dann? Lesen können wir schon selber. Er bekommt Ende Juni Bescheid wie alle andern auch.

(Ein junger Mann drängt sich hinter dem Angestellten in den Türrahmen)

Der junge Mann: Entschuldigung! Anderlechner mein Name. Ich habe aus Versehen die falschen Unterlagen eingereicht – es ist ein unverzeihliches Mißgeschick …

Die Dame: Herr Anderlechner! Sie kommen ja wie gerufen. Wenn es auch unüblich ist, hier so reinzuplatzen. Wie sind Sie überhaupt ins Haus gekommen? Sie haben keinen Termin!

Herr Anderlechner: Wenn ich Ihnen nur ganz kurz meine eigentliche Bewerbungsmappe einreichen … Herzlichen Dank! (Er eilt zum Besprechungstisch, legt eine dunkelblaue Mappe auf den Tisch und wendet sich zum Gehen.)

Die Dame: Aber Herr Anderlechner! Nicht so hastig! Ich sagte doch – wir wollten uns ohnehin mit Ihnen unterhalten.

Herr Anderlechner: Mit mir? Aufgrund der irrtümlich eingereichten Skizzen?

Die Damen (blättert in den ursprünglichen Unterlagen): Skizzen? Ich finde die Ideen schon recht ausgereift – nur klingen sie eher wie eine Satire, eine Kritik, als wie direkte Werbung. Aber vielleicht ist das die Zukunft?

Herr Anderlechner: Nein, nein, das ist nicht die Zukunft, ich bitte um Verzeihung. Es handelt sich um Skizzen, die ich meinem derzeitigen Chef vorlegen wollte.

Die Dame: Dem Herrn Kardinal?

Herr Anderlechner: Ja.

Die Dame (muß lachen): Und was, bitte schön, sollte Kardinal Marx mit dieser Zeichnung hier anfangen? Was soll das überhaupt darstellen? Ich kann fast nichts erkennen!

Das Sammellogo des Herrn Anderlechner (eigenes Bild)

Herr Anderlechner: Das? Sieht man das gar nicht mehr? Das sind die Logos oder Signets der großen Autohersteller – alle übereinander gemalt. Eine Art Sammellogo für das Auto schlechthin.

Die Dame: Ah! Ja! Renault kann ich entziffern. Und das Blau von BMW kann ich erkennen. Unser Stern geht leider vollständig im Gemuschel unter! (Sie runzelt die Stirn.)

Herr Anderlechner: Ja, es sind die Signets von Audi, VW, BMW, Mercedes, Opel, wie Sie schon sagten Renault, Škoda, Fiat …

Die Dame (unterbricht ihn): Ah! Daher hier auch noch das Rot! Und als Hintergrund haben Sie dann noch das Thüringer Wappen gelegt?

Herr Anderlechner: Das…? Nein. Das ist der Löwe von Peugeot.

Die Dame (lacht): Köstlich! Alles wird ein Einheitsbrei! Und noch nicht mal ein Japaner dabei.

Herr Anderlechner: Nein, überhaupt kein Asiate dabei. Das hier reicht schon.

Die Dame: Und diese scheußliche Farbe …

Herr Anderlechner (lacht auf): Ja – Sie wissen ja, wenn man nicht die einzelnen Farben als reines Licht zum Strahlen bringt, sondern subtraktiv mischt wie hier, ergibt sich aus den Regenbogenfarben nicht reines Weiß, sondern eine ganz trübe Brühe.

Die Dame: Und was um alles in der Welt sollte ihr bisheriger Arbeitgeber damit anfangen?

Herr Anderlechner: Ich … es war … viele Gläubige … sogar der eine oder andere seiner Kollegen hat ja bereits … (ausbrechend) ich konnte einfach nicht mehr tatenlos zusehen, wie …

Die Dame (zieht eine Augenbraue hoch): Geht es auch in ganzen Sätzen?

Herr Anderlechner: Verzeihung, selbstverständlich! Seit einiger Zeit schon kritisieren nicht nur einfache Gläubige – aber diese auch – die ewige Politisierung der Verkündigung, nicht nur beim Herrn Kardinal. Nun ist aber seine explizite Wendung gegen den Begriff des christlichen Abendlandes hinzugekommen. Auch mit dem Abnehmen des Kreuzes auf dem Tempelberg …

Der Herr (unterbricht ihn): Ah! Das ist das Abkleben des Mercedessterns vor dem Werkstor von BMW … (er lacht und sucht die Stelle im Video, um sie erneut abzuspielen).

Herr Anderlechner: Exakt! Sie haben es verstanden!

Die Dame: Und mit dem Sammellogo wollten Sie zeigen, daß man schlicht gar nichts mehr erkennt, wenn man nur lange genug vergleicht, übereinanderlegt und alle Unterschiede abzieht.

Herr Anderlechner (erleichtert): So ist es!

Die Dame: So ganz verstehe ich dennoch nicht, was Ihr Chef daraus hätte lernen sollen …

Herr Anderlechner: Mein Chef ist Kardinal. Ein Oberhaupt der katholischen Kirche. Durch die – zugegebenermaßen gewagte – Parallelisierung von Kirche und Ihrem Unternehmen wollte ich verdeutlichen, daß er für die Sache werben muß, der er selber vorsteht. Mercedes macht ja auch nicht Werbung für BMW. Das macht ja auch BMW schon selber.

Der Herr: Die Gläubigen müssen von ihren Priestern und Bischöfen das Rüstzeug erhalten, um in der Welt von ihrem Glauben zu erzählen? Genauso, wie unsere Kunden aus unserer Beratung erfahren müssen, warum sie sich für eines unserer Produkte entscheiden sollen?

Herr Anderlechner: So ist es.

Die Dame: Aber – jetzt mal ehrlich: (Sie zögert) Glauben Sie wirklich, Ihr Chef hätte Ihre Anspielungen verstanden? Und noch dazu produktiv umgesetzt?

Herr Anderlechner (unsicher): Ich kann es Ihnen nicht sagen. (zerknirscht) Nein, vermutlich nicht … Meine Freundin hatte auch Zweifel …

Die Dame: Eine kluge Frau, Ihr Freundin! Wissen Sie was? Vergessen Sie Ihren jetzigen Arbeitgeber und kommen Sie zu uns! Ich finde, Sie haben das Zeug dazu. Und bei uns werden gute Leute nicht verheizt! Wir wissen, daß gute Mitarbeiter unsere wichtigste Ressource sind.

ENDE

Cornelie Becker-Lamers

Der Sketch entstand Mitte/ Ende Januar 2019, nachdem ich mich nach einer Messe sehr nett mit einem Gemeindemitglied über die Politisierung in der Kirche unterhalten hatte. Ihm sei dieser Text gewidmet. CBL

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