Zurüruck zum Inhalt

Ein(en) Sonntag abend voller guter Laune,

vor allem aber voller Dankbarkeit, tiefer Dankbarkeit und Freude, ja, den hätten wir jetzt gerne gepostet, aber – wir haben ja versprochen, uns auch mit dem Ausdruck unserer Freude vorerst (!!!) zurückzuhalten (hier) und daran wollen wir uns auch tapfer halten.

Aber wahrlich, daß es so schwer fallen würde, damit hatten wir nicht gerechnet!

Juravit Dominus, et non pœnitebit eum * Tu es sacerdos in æternum secundum ordinem Melchisedech.
(Ps 109, 4 Vg)

(Geschworen hat der HErr, und nicht wird’s ihn reuen: „Du bist Priester in Ewigkeit nach der Weise Melchisedeks.“)

‚Marxgate‘: Fragen an den Fragesteller

Was auf Twitter schnell „#Marxgate“ geheißen wurde, die häßlichen Bemerkungen des Vorsitzenden der DBK zu Bloggern in der Gefahr der „Verblödung“, liegt schon ein paar Tage zurück, sie fielen am 24. September anläßlich der Abschlußpressekonferenz der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe; viel ist dazu geschrieben worden und auch auf PuLa haben wir die Sache behandelt, hier.

Warum noch einmal darauf zurückkommen? Und warum jetzt erst? Die Antworten auf beide Fragen hängen eng miteinander zusammen.

Was mir an den Beiträgen, die ich zu dem Vorfall gelesen habe, etwas zu kurz kam, war die Rolle des Fragestellers, oder soll man sagen des Stichwortgebers?
Haben Sie den Text der Frage noch im Ohr? Er lautete wie folgt:

„Werden Sie auch seitens der DBK entschiedener gegen innerkirchliche Fundamentalisten vorgehen, die z.B. bei solchen Seiten wie katholisches.info (äh) oder anderen Bereichen sich austoben? Es wird ja immer so getan, als wenn es nur im Islam Fundamentalismus gibt, beide christlichen Kirchen kennen den ja nun auch in allen möglichen Formen.“

Ich finde, da kommen Vorstellungen und Haltungen zum Ausdruck, die es neben der Antwort des Kardinals auch wert sind, beleuchtet zu werden, zumal, was etliche Blogs auch schon bemerkt hatten, es sich offenbar um einen Priester zu handeln schien, der da nach „entschiedenerem Vorgehen“ gegen andere Katholiken rief.

Schnell reifte der Wunsch, dem Betreffenden einige Fragen zu stellen und es dauerte in der ebenso gut informierten wie gut vernetzten Blogoezese auch gar nicht lang,  da hatte der treffliche Peter Winnemöller von katholon den wahrscheinlichen Namen ausfindig gemacht (Danke, Peter!).

Weil man ja nun mit der öffentlichen Nennung von Namen sehr vorsichtig sein soll, habe ich mir viel Mühe gemacht, die Identität zu verifizieren, was ein Grund für die lange Dauer bis zu diesem Eintrag war (die Fragen waren letzten Montag schnell fertig!). Heute gibt es an dem, was nun folgt, keinen vernünftigen Zweifel mehr.

Es handelte sich bei dem Fragesteller um Hw. Pfr. Gereon Lemke, der (wie man dem Vornamen unschwer entnehmen kann) aus dem Erzbistum Köln stammt, jetzt aber als Klinikseelsorger des Erzbistums Hamburg in Kiel am dortigen Universitätsklinikum tätig ist (vgl. hier, hier und hier).

Pfr. Lemke ist nebenbei als Berichterstatter für die „Neue Kirchenzeitung“ tätig, in deren Auftrag er auch in der Bibliothek des Priesterseminars in Fulda an der Pressekonferenz teilgenommen hat.

Da entsprechend seiner Tätigkeit die E-Mail-Adresse von Pfr. Lemke öffentlich zugänglich ist (vgl. oben), waren die Fragen auch schnell versandt (am 28. September). Als nach zwei Tagen keine Antwort zu verzeichnen war, habe ich es noch von einer anderen E-Mail-Adresse aus versucht, man weiß ja nie, was Spam-Filter heutzutage so alles aussondern. Keine Reaktion. Dann habe ich eine dritte Seite gebeten, Pfr. Lemke von meinem Gesprächswunsch zu unterrichten, eine Stelle, die mir die Übermittlung des Wunschs auch prompt bestätigt hat, und von der ich ganz sicher sein durfte, daß sie zu ihm in ständigem Kontakt steht. Das war am vergangenen Mittwoch (30. September). Vorgestern, am 1. Oktober, habe ich Pfr. Lemke ein drittes Mal angeschrieben, ob er sich vor einer Veröffentlichung wirklich nicht selbst äußern wolle. Keine Reaktion.

Jetzt wissen Sie, warum  dieser Beitrag nicht früher erscheinen konnte. Was dieser Fall uns lehrt in Bezug auf die Frage, wer sich wirklich um Dialog und Fairneß bemüht, das überlasse ich Ihrem eigenen Urteil (vgl. dazu bereits auch hier).

Und was ich von den Fragen und der Haltung denke, die so offenkundig dahinter steht, das mögen Sie dem einseitigen Versuch der Kommunikation mit einem Seelsorger entnehmen, den Sie im folgenden selber lesen können.

 

Lamers an Lemke, 28.9.2015:

Hochwürden!

Sehr geehrter Herr Pfarrer Lemke,

wenn ich recht unterrichtet bin, waren Sie es, der im Rahmen der Pressekonferenz zum Abschluß der Herbstvollversammlung der DBK in Fulda am vergangenen 24. September dem Vorsitzenden, Reinhard Kardinal Marx, die Frage nach den „Maßnahmen gegen innerkirchliche Fundamentalisten“ gestellt hat, als „Korrespondent“ der „Neuen Kirchenzeitung“ im EB Hamburg.
Falls das zutrifft, würde ich mich sehr freuen, wenn Sie sich zu den unten folgenden Fragen äußern könnten, falls nicht bitte ich um Entschuldigung, Sie belästigt zu haben!

Wie Sie gewiß verfolgt haben werden, hat die Antwort, die Kardinal Marx auf Ihre Frage gegeben hat, unter den deutschsprachigen katholischen Bloggern, in der ‚Blogoezese‘,  wie wir gerne sagen, zahlreiche Reaktionen ausgelöst. Ich bin selber Betroffener, denn auch mich hat Kardinal Marx auf Ihre Frage hin undifferenziert als potentiell „Verblödeten“ bezeichnet, als jemanden, der bloß noch selbstreferentiell und innerhalb engster Kreise andere Menschen erniedrige und ergo (potentiell) nicht mal mehr ein Christ sei. Was ich persönlich davon halte, habe ich auf unserem (meine Frau und ich bloggen gemeinsam) Blog ‚Pulchra ut Luna‘ (www.pulchra-ut-luna.de)  kurz dargelegt und viele Kolleginnen und Kollegen haben über die Angelegenheit viel Kluges geschrieben. Wenn Sie es über sich gewinnen können, eine Seite wie „kath.net“ zu besuchen, können Sie dort den hervorragenden Brief der Kollegin Claudia Sperlich lesen, der uns und sicher vielen weiteren Bloggern (weitestgehend) aus dem Herzen spricht (http://kath.net/news/52219).
Lassen Sie mich bitte bevor ich meine Fragen stelle deutlich sagen, daß auch ich Äußerungen im Netz kenne, die sich „katholisch“ und „traditionalistisch“ nennen, aber beide Bezeichnungen (ja, gerade auch die zweite!, vgl. https://einfachentfachend.wordpress.com/2015/09/25/das-falsche-gerede-vom-katholischen-fundamentalismus/ ) nicht verdient haben und zum Teil ausgesprochen abstoßend sind, im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus!

Ungeachtet dessen finde ich an dem o.g. Brief eines nicht so ganz gelungen, das ist die undifferenzierte Übernahme des Begriffs „Fundamentalismus“, was mich auch gleich zur ersten Frage an Sie bringt:

1) Was verstehen Sie unter „Christlichem Fundamentalismus“, vor allem vor dem Hintergrund der Tatsache, daß Sie in Ihrer Fragestellung explizit mit dem Fundamentalismus im Bereich des Islam parallelisieren?

2)Wo wirken sich die beiden (von Ihnen so wahrgenommenen) Phänomene Ihrer Meinung nach in einer Art und Weise aus, daß die Vergleichbarkeit gegeben ist?

3) Haben Sie dafür auf „Katholisches.info“ oder den von Ihnen so genannten „anderen Bereichen“, vor allem aber von deutschsprachigen Blogs Beispiele?

4) Haben Sie die Formulierung „innerkirchliche Fundamentalisten“, mit der Sie ja kein abstraktes Phänomen („Fundamentalismus“), sondern konkrete Personen, konkrete Menschen ansprachen, bewußt gewählt? Wenn ja, welche Menschen meinen Sie damit?

5) Was meinen Sie mit dem Wort „vorgehen“ gegen solche Menschen? Welche Maßnahmen schlagen Sie vor?

6) Da Sie den Komparativ benutzen („entschiedener“), wo sehen Sie bereits heute ein „Vorgehen“ der DBK gegen das von Ihnen wahrgenommene Phänomen? Haben Sie in dem Zusammenhang eigentlich das Gefühl, der Vorsitzende der DBK habe Ihre Frage beantwortet?

7) Ist Ihnen bekannt, daß der Pressesprecher der DBK, Herr Matthias Kopp, sich bereits im Jahr 2013 offiziell mit Vertretern der Blogoezese getroffen hat (ich durfte persönlich dabei sein)?

8) Was verstehen Sie unter der Formulierung „beide [d.h. zwei] christliche Kirchen“?

9) Besteht die Absicht, das Thema in der “Neuen Kirchenzeitung“ redaktionell zu behandeln?

10) Wie bewerten Sie als Priester, als Seelsorger, die Wirkung Ihrer Frage in den Äußerungen von Kardinal Marx? Schließen Sie sich seiner Diktion an, oder hätten Sie sich eine Differenzierung gewünscht?

Speziell im Hinblick auf die letzte Frage möchte ich darauf hinweisen, daß etliche Kolleginnen und Kollegen (wir dürfen uns da einschließen) sich seit vielen Jahren bemühen, das Verhältnis zu den offiziellen kirchlichen Stellen zu verbessern, überhaupt ein Gespräch zustande zu bringen, bzw. zu unterhalten. Von (ganz) wenigen kirchlichen Angestellten wurden wir darin unterstützt.
Ist Ihnen bewußt, daß durch die Antwort, die Ihre Frage ausgelöst hat, dieses Bemühen vermutlich um Jahre zurückgeworfen wurde, angesichts des Klimas der Angst, das in den Ordinariaten in Bezug auf Außenkontakte ja ohnehin vielfach herrscht?
Sie haben, ob Sie es beabsichtigt haben oder nicht, ob Sie es billigend in Kauf nehmen oder nicht, mitgeholfen, einer ganzen Reihe von Menschen, die auf ihre Art und Weise versucht haben, etwas für die Kirche zu tun, einen Schlag in die Magengrube zu versetzen, der noch lange wehtun wird.

Mit verbindlichem Gruß

Gereon Lamers

PS: Dies ist der Text, den ich den Fragen zugrunde gelegt habe:

[vgl. oben]

Lamers an Lemke, 30.9.2015:

Hochwürden!

Sehr geehrter Herr Pfarrer Lemke,

vorgestern (Montag, 28. September) habe ich Ihnen von der Redaktionsadresse meines Blogs eine E-Mail gesandt.

Vielleicht hat sich die Nachricht ja in einem Spam-Filter o.ä. „verfangen“, weshalb ich sie unten noch einmal anfüge.

Mit freundlichen Grüßen

G. Lamers

[folgte Text vom 28.9.2015]

Lamers an Lemke, 1.10.2015:

Hochwürden!

Sehr geehrter Herr Pfarrer Lemke,

da ich mittlerweile ja ganz sicher sein darf, daß mein Gesprächswunsch Sie erreicht hat, möchte ich doch noch einmal höflich um eine Reaktion auf meine Fragen bitten (die ich zur allergrößten Sicherheit aber auch erneut unten folgen lasse).

Wir sind ja beide nebenamtlich publizistisch tätig, und kennen  also auch diese Grundregel der Öffentlichkeitsarbeit, die lautet: „Wenn ich nicht reagiere, wird ausschließlich über mich geschrieben“. Möchten Sie wirklich jede Gelegenheit, Ihre Sicht der Dinge darzulegen ungenutzt lassen?

Darüber hinaus kann ich Ihnen nicht verhehlen, daß es mich mehr als nur ein wenig enttäuschen würde, müßte ich tatsächlich zu dem Ergebnis kommen: Es ist eine Sache, in einem Schutzraum mit lauter Gleichgesinnten über Abwesende vom Leder zu ziehen, aber eine ganz andere, sich mit einem Betroffenen darüber zu unterhalten.

Im Augenblick kann man diesen Eindruck leider bekommen.

Mit freundlichen Grüßen

G. Lamers

[folgte Text vom 28.9.2015]

PuLa unterwegs: Das doppelte Lottchen

Doppelkirchen kennen Sie alle (eine schöne und interessante Ausprägung des Phänomens konnten wir im Frühjahr im Rahmen unseres Spreewaldurlaubs bewundern, in Vetschau, hier).

Aber wann haben Sie das letzte Mal eine doppelte Kirche gesehen?

Nein, nein, die Frage ist ganz ernst gemeint (und hat natürlich überhaupt nichts mit irgendwelchen Trinkgewohnheiten zu tun! 😉 ).

Vielleicht erinnern sie sich ja, daß wir Ende Juli angekündigt hatten, etwas über unseren Besuch in Löbau schreiben zu wollen (hier). Das hat nun ein bißchen länger gedauert, weil wir zwischendurch aus bekannten Gründen (vgl. hier) ein wenig was anderes zu tun hatten. Hat aber, wie das ja häufig so ist, der Sache eher gut getan!

Jedenfalls wollten wir an jenem Sommer-Sonntag im Juli natürlich die Hl. Messe mitfeiern und haben zu diesem Zweck die Löbauer katholische Kirche „Mariä Namen“ aufgesucht.

Was wir vorfanden war eine (zunächst äußerlich) sehr gelungene, durchaus elegante Kirche mittlerer Größe im neogotischen Stil, schön gelegen, mit Platz drumherum für Pfarrhaus etc. in einer für die Entstehungszeit zu Ende des 19. Jahrhunderts ganz typischen Lage, als sich die Städte planvoll über ihre alten Kerne hinaus entwickelten.

Und als schon seit Jahrzehnten die Anzahl der Katholiken deutlich zugenommen hatte in diesen gerne so genannten „Kernländern der Reformation“!

Es ist ja ein ebenso gravierender wie weitverbreiteter Irrtum, die Kirche hier in Mittel-, bzw. Ostmitteldeutschland sei erst durch die Vertriebenen nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder erstanden. Das ist schlicht falsch und Kirchen wie diese, auf die Sie ganz häufig stoßen, legen davon Zeugnis ab (ein andermal mehr dazu!).

 

Mariä Namen, Löbau (eigenes Bild)

Mariä Namen, Löbau (eigenes Bild)

Hübsch, nicht wahr? Aber innen erst! Ein Kleinod!

Mariä Namen, Löbau, Blick in den Chor (eigenes Bild)

Mariä Namen, Löbau, Blick in den Chor (eigenes Bild)

 

Löbau Chorraum

Mariä Namen, Löbau, Chorraum (eigenes Bild)

Mariä Namen, Löbau, Orgelempore (eigenes Bild)

Mariä Namen, Löbau, Orgelempore (eigenes Bild)

 

Ja, hier haben, Gott sei Dank!, weder der Krieg noch die „Umgestaltungen im Zuge der nachkonziliaren Veränderungen“ größeren Schaden angerichtet, vielmehr waren die klugen Löbauer so geschickt, selbst in den schrecklichen 60er-Jahren wesentliche Teile der „alten“ Innenausstattung sinnreich neu zu nutzen und damit zu erhalten, ebenso wie den Gesamtcharakter des Raumes!

Wie das zuging, erfuhren wir aus der kleinen Festschrift, die 1992 anläßlich der 100. Wiederkehr der Weihe der Kirche erschienen war. Wenn Sie nämlich nach dem Gottesdienst in einer „unserer“ Diasporakirchen noch ein wenig verweilen, werden Sie ganz gewiß schnell in ein Gespräch verwickelt, und wer Interesse zeigt, dem wird eben auch gern mal etwas mitgegeben, was ihm weiterhilft (auch an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank dafür!).

Und in diesem Heftchen lasen wir nun, was im Gespräch auch schon erwähnt worden war, es gebe nämlich diese Kirche „noch einmal“ und zwar in „Selzthal, Tirol“.

Nun, es stellte sich dann schnell heraus, die Gemeinde Selzthal liegt nicht in Tirol, sondern in der Steiermark, ja wir kannten diesen Ort bereits, weil durch ihn der Schleichweg führt, den wir meistens nutzen, wenn wir vom Besuch des Stifts Admont an unseren Urlaubsort im Ausseer Land zurückfahren!

Da uns der Sommerurlaub heuer wieder dorthin geführt hat, fand uns ein Sonntag natürlich in Selzthal!

Und tatsächlich, da stand es, das doppelte Lottchen Kirchlein:

 

Herz-Jesu, Selzthal (eigenes Bild)

Herz-Jesu, Selzthal (eigenes Bild)

 

Herz-Jesu, Selzthal (eigenes Bild)

Herz-Jesu, Selzthal (eigenes Bild)

 

Ein eigentümliches, aber schönes Gefühl, gute 500 Kilometer von Löbau entfernt! Auch dort wurden wir herzlich aufgenommen und erhielten bestätigt, was wir in Sachsen schon gehört hatten, daß nämlich der Kontakt der beiden Gemeinden in Relation zur Entfernung durchaus rege ist, ja eine Fahrt nach Löbau gerade wieder bevorstehe.

Was die Innenwirkung des Gotteshauses angeht, so gebührt für unseren Geschmack allerdings der „Schwester“ in Löbau durchaus der Vorzug, was uns die Selzthaler hoffentlich nicht verübeln werden…

 

Herz-Jesu, Selzthal, Blick auf die Orgelempore (eigenes Bild)

Herz-Jesu, Selzthal, Blick auf die Orgelempore (eigenes Bild)

Mit der Versicherung, beide Kirchen, deo volente, bestimmt nicht das letzte Mal besucht zu haben hätte man ein schönes und fröhliches „PuLa unterwegs“ abschließen können, wäre da nicht der Wunsch gewesen, mehr über den Entwurf der Gebäude in Erfahrung zu bringen, was sich als gar nicht so einfach herausstellte, aber irgendwie wollte mir die Frage nicht so schnell Ruhe geben. Leider ist die Geschichte, die sich dann herausschälte, eine traurige…

Architekt der beiden Kirchen sei, so übereinstimmend die Wikipedia und die Berichte auf den Websites aus Österreich, Gislenus Bethune, OSB gewesen, der aus Belgien stamme und in Beuron, aber auch in anderen Niederlassungen des Ordens u.a. auch im nahegelegenen Admont tätig gewesen sei.

Das klang ja erstmal nach einer völlig plausiblen Angelegenheit, daß ein Geistlicher als Architekt den beiden nicht gar so reichen Gemeinden die Baupläne, wie es für beide Fälle übereinstimmend heißt, kostenlos überlassen hätte. Und vom Kloster Beuron gingen ja zu dieser Zeit so allerlei Impulse aus, auch im gestalterischen Sinne, vgl. hier.

Auch auf die bedeutende westflandrische Familie (de) Bethune (nicht zu verwechseln mit den französischen, resp. schottischen Adelsgeschlechtern gleichen Namens!) stößt man schnell. Besonders  Jean-Baptiste Bethune (1821 – 1894) sticht hier hervor. Ein führender Vertreter der damals avantgardistischen Neogotik im europäischen Rahmen, das ist die Welt der drei Generationen der Pugins in England, von August Reichensperger im Rheinland und Pierre Cuypers in den Niederlanden.

Aber Gislenus Bethune? Wie er hier hinein gehörte, dazu war lange nichts zu finden. Schließlich habe ich die „Stichting de Bethune“ in Marke (Ortsteil von Kortrijk) angeschrieben, die dort das Familienerbe (wissenschaftlich) bewahrt und verwaltet. Es antwortete mir sehr freundlich Herr Filip Santy, dem an dieser Stelle sehr herzlich gedankt sei!

Und tatsächlich, hier gehört „unser“ Bethune hin:

Felix Marie Antoine (?) Ghislain de Bethune (20. 8.1855 – 6.8.1922) war das vierte von 9 Kindern von Jean-Baptiste Bethune und seiner Frau Emilie van Outryve d’Ydewalle.

Um 1873 trat er in die soeben gegründete Benediktinerabtei Maredsous ein, die sein Vater entworfen hatte, mit dem er dabei zusammenarbeitete, und wurde zum Priester geweiht (Weihedatum leider nicht bekannt).

Dann, irgendwann um 1885, geschah das Unheil. Felix Ghislain taucht nicht mehr in den Todesanzeigen seiner Familie auf. Er läßt sich laisieren, tritt aus der Kirche aus, wird Protestant und heiratet 1893 in San Remo (…) eine Engländerin, mit der in Paris, später in Brüssel lebt. In Frankreich arbeitet er publizistisch in der kleinen Bewegung des „Christianisme social“ mit, die, ungeachtet ihres bewußt so gewählten (!) usurpatorischen Namens, lediglich der protestantische Teil der (nicht nur) in Frankreich ja zu dieser Zeit durchaus weit verbreiteten Bemühung war, Christentum und Industriearbeiterschaft einander näherzubringen. Der sehr viel bedeutendere Teil war natürlich der („korrekt benannte“) „Catholicisme social“ mit so bekannten Persönlichkeiten wie Albert de Mun und Fr.-R. de La Tour du Pin.
Wie das bei solchen Gruppierungen ja gern geschieht, fand sich Felix Ghislaine de Bethune schließlich bei einer Art Splittergruppe wieder, der „Union christlicher Sozialisten“ – und schließlich bei den Freimaurern.

Was für eine erschütternde Geschichte!

Ein junger, begabter Mann findet seine Berufung, wie es scheint im geistlichen, wie im künstlerisch-beruflichen Sinne, löst sich mit dem Ordenseintritt von der Familie, der er zugleich aber mit der Wahl genau dieses Lebenswegs verbunden bleibt, und dann das.
Ein Leben, das sich in der Weite der Weltkirche und zugleich in klösterlicher Geborgenheit hätte entfalten und entwickeln können, verengt sich immer mehr. Statt als Priester das kosmische Geheimnis der Erlösung zu feiern, führt Felix Ghislaine de Bethune den Zank zwischen Splittergruppen von Splittergruppen. Es ist von fürchterlicher Folgerichtigkeit, daß er schließlich bei den Freimaurern landet, die es ja in Obskurantismus und wühlerischer Abgeschlossenheit als Lebensform zu unerreichter „Meisterschaft“ gebracht haben!
Er, der nach einem erfüllten Ordens- wie Architektenleben im Kreise seiner Mitbrüder, versehen mit den Tröstungen, den Gnadenmitteln der Heiligen Kirche und betrauert von einer großen und bedeutenden Familie, seinen irdischen Weg hätte beenden sollen, dieser Mensch stirbt weitgehend isoliert in der Nähe von Brüssel.

Ob Felix Marie Ghislain de Bethune am Ende seines Lebens etwas davon gespürt hat? Wir wissen es nicht. Wir wissen auch nichts von den seelischen Umwälzungen, die den Bruch in seinem Lebensweg bewirkt haben, den man betrauern muß, und wollen es daher einfach dabei belassen!

Wir werden, wenn wir das nächste Mal in einer der Kirchen sein dürfen, die bis heute  stolz und schön Zeugnis ablegen vom besten Teil seines Lebens, in guter katholischer Tradition ein Licht für Felix Ghislain Bethune anzünden und für sein Seelenheil beten.

Vielleicht wollen Sie sich ja schon heute mit einem Stoßgebet zu seinem Namenpatron anschließen:

Heiliger Gislenus, bitte für ihn!

„Verbloggung und Verblödung“, oder: Kardinal Marx betreibt Seelsorge

Wenn der wahrhaft bemerkenswerte Auftritt von Reinhard Kardinal Marx auf der Abschlußpressekonferenz der Herbstvollversammlung der „Deutschen Bischofskonferenz“ (hier und unten), im Rahmen dessen er die Begriffe „Verblödung“ und Verbloggung“ miteinander in Zusammenhang brachte, eines zeigt, dann ist es vor allem andern, wie weit man auf dem Weg zum einen voranschreiten kann, wenn man von dem anderen so offenkundig überhaupt nichts versteht.
Armer Matthias Kopp! Er weiß es ja besser (vgl. hier), aber was soll man als Pressesprecher schon machen, wenn der oberste Chef direkt neben einem so einen Unsinn erzählt? Gequält lächeln halt; ach, das ist wahrlich kein einfacher Job!

Die Kollegen auf „Katholon“ (berührend!) und „Einfach entfachend“ (brillant!) haben hier und hier schon viel Kluges dazu geschrieben und wenn wir für das Bloggertreffen im November noch eines weiteren Themas bedurft hätten (was natürlich nicht der Fall war! 🙂 ), jetzt hätten wir eins (hier gibt es auch noch eine kleine Übersicht über die Reaktionen).

Ich habe gerade weder Zeit noch Lust, das näher zu beleuchten – am Ende ist die DBK ja geistlich gesehen  ohnehin eine ziemlich irrelevante Angelegenheit…
Nur auf eines würde ich, auch zur Ermutigung aller lieben Kolleginnen und Kollegen, gerne aufmerksam machen, aus unserer ganz spezifischen Erfahrung hier in den vergangenen viereinhalb Jahren.
Sie kennen sicher das schöne Wort: „ Erst ignorieren sie euch, dann bekämpfen sie euch und dann fangt ihr an zu gewinnen!“, das, vermutlich fälschlicherweise, Mahatma Gandhi zugeschrieben wird.

Als wir R. Marx genau zuhörten, stellten wir fest, daß er genau so redet, wie wir es hier auf der lokalen und regionalen Ebene auch erlebt haben, bzw. noch erleben: „Ich nehme das ja gar nicht zur Kenntnis/lese das gar nicht/lasse das nicht an mich heran.“
Derartige Äußerungen zeigen natürlich nur, daß die Selbstsicherheit für ein wirkliches Ignorieren schon längst gänzlich abhanden gekommen ist. Wer wirklich sicher wäre, daß das ja alles falsch und (vor allem) auswirkungslos sei, der würde, der müßte ja so nicht reden!
Nein, nein, tatsächlich haben wir es hier in den Kategorien des gerade zitierten Spruchs geredet mit einer interessanten Unter-Kategorie auf der Stufe 2, dem “Bekämpfen“ zu tun, was nichts anderes heißt, als daß wir uns auf dem Weg zu Stufe 3, dem „Gewinnen“ bereits zu „Beginn der Mitte“ befinden! 😎
Wie gesagt, genau so war das hier vor Ort auch; wie oft wir das haben hören müssen, öffentlich und nicht-öffentlich: „Nehme ich gar nicht zur Kenntnis, lese ich nicht, lasse ich nicht an mich heran“ etc. – das kann man getrost Null-setzen, nein, man kann, man sollte es als das lesen, was es wirklich ist: Ein Zeichen der Ermutigung!

Wenn Sie richtig zuhören, werden Sie das „Angepiekt-Sein“ auch in den Äußerungen von Kardinal Marx herausspüren und wenn PuLa dazu einen kleinen Beitrag geleistet haben sollte, wäre ich gar nicht unzufrieden, vgl. hier. 😉

 

Veranstaltungsankündigung: Konzert des Kinder- und Jugendchors am Erfurter Dom am 23. September

EDIT, 25.9.2015:

 Das Programm erklingt auch noch einmal  im Rahmen des 6. Orgelfests an St. Johannes, unserer „Muttergemeinde“ (vgl. hier und hier) in Jena und zwar am
Sonntag, 27.9.2015, 16.00 Uhr.

 Zum Orgelfest insgesamt vgl. hier!

 

Wie jeder treue Leser  weiß, fühlt sich PuLa ja der Pflege der katholischen Musik von und für Kinder-und Jugendliche besonders verbunden!
Das gilt nicht nur für die eigenen Bemühungen und Beiträge, die ja inzwischen den Kreis  um Weimar auch schon längst verlassen haben (vgl. z. B. hier und hier), sondern natürlich auch für das, was am Bistumssitz passiert, zumal, wenn wir der Verantwortlichen schon so lange freundschaftlich-kollegial verbunden sind, wie in diesem Fall!

Daher ist es uns heute ein besonderes Vergnügen, den kommenden Auftritt des Kinder- und Jugendchors am Erfurter Dom (vgl. hier) im Rahmen der Erfurter Kirchenmusiktage 2015 anzukündigen:

 

Mittwoch, 23. Sept. um 19.30 Uhr
Predigerkirche (Predigerstraße 5, 99084 Erfurt)
Psalmvertonungen aus 5 Jahrhunderten

 

Es sollen u.a. zwei Motetten von F. Mendelssohn-Batholdy, der Eingangssatz aus Bachs Pergolesi-Bearbeitung „Psalm 51“  und als Uraufführung die Motette „Omnes“ von Christoph Garbe erklingen, gerahmt von der Lesung „alttestamentlicher Geschichten“, die Klaus-Peter Hertzsch (Jena) in Verse gesetzt hat.

Wir danken der Chorleiterin, Frau Elisabeth Lehmann-Dronke, die der Redaktion die Ankündigung freundlich überlassen hat, und wünschen von Herzen viel Erfolg!

Tooor!

Am gestrigen Samstag fand in Apolda das Dekanants-Fußballtunier statt, vgl. hier.

PuLa vermeldet mit Vergnügen, daß die Pfarrei Herz-Jesu Weimar mit zwei (!) Mannschaften vertreten war und – eine davon hat auf Anhieb den zweiten Platz geholt!
Dabei gingen dem nur zwei Wochen des gemeinsamen Trainings voraus.
Punktgleich übrigens mit den seit Jahren auf den Sieg abonnierten Apoldaern, die heuer nur aufgrund des besseren Torverhältnisses den Sieg davongetragen haben.

Zu dem guten Abschneiden hat gewiß auch die Begleitung durch engagierte Schlachtenbummler beigetragen (oder soll man von einem liebreizenden Cheer-Leader-Team sprechen? 😉 ).

Wir gratulieren herzlich und sagen: Nächstes Jahr holt ihr euch den Pott!

 

 

Morgenandachten mit Pfr. Gothe zum Nachhören

Klicken Sie hier, um in den kommenden Tagen die Morgenandachten von Hw. Pfr. T. Gothe (nach-) zu hören, die diese Woche im DLF gesendet werden; was wir empfehlen möchten!

„das als das lieblichste kleine Ganze betrachtet werden kann, das uns episch und idyllisch überliefert worden ist“

 

Am 1. und am 14. September denkt man an Ruth, die Ahnfrau Davids.

 Nachdem zum heutigen Fest Kreuzerhöhung in der Morgenandacht des Deutschlandfunks alles Wesentliche in Erinnerung gerufen wurde und PuLa das Fest außerdem erst unlängst zum Namenstag der Heiligen Helena erwähnt hat, können wir uns heute der alttestamentlichen Gestalt Ruth (Schreibung in der neueren Forschung: Rut ohne h, vgl. hier) zuwenden. Abgesehen von den literarischen Qualitäten, die Johann Wolfgang Goethe in seinen „Noten und Abhandlungen zum West-Östlichen Divan“ so überraschend eindeutig herausgestellt hat (wir zitierten ihn in der Überschrift: Johann Wolfgang Goethe, Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des West-Östlichen Divans, Goethes Werke Band II, München: Beck 1981 [= Hamburger Ausgabe] S. 128.), ist das Buch Rut wohl wie kein zweites Buch der Bibel geeignet, Stellung in der Frage zu beziehen, die derzeit mit dem Schlagwort „Flüchtlingsproblematik“ umschrieben wird.

Seit dem Schiffsunglück, das Anfang Oktober 2013 Hunderte von Flüchtlingen vor der italienischen Insel Lampedusa das Leben kostete, reißt die Diskussion um eine veränderte Asylpolitik der Europäischen Union nicht ab. Abgeordnete aller Parteien treibt die Frage um nach dem gerechten Umgang mit Asylbewerbern und Migranten, mit politisch Verfolgten, Kriegs- und sog. Wirtschaftsflüchtlingen. Zu letzteren wären übrigens Ruts Schwiegereltern Noomi und Elimelech zu zählen, die mit ihren Söhnen Machlon und Kiljon Betlehem wegen einer Hungersnot in Richtung des „Grünlands Moab“ verlassen.

Die Frage des Umgangs einer Gesellschaft, aber auch des Umgangs des Einzelnen mit Fremden und mit wahrgenommener Fremdenfeindlichkeit ist nicht neu. Nachdem das Buch Deuteronomium (5. Buch Mose) zunächst die Abgrenzung des Volkes Israel von seinen Nachbarvölkern vorschreibt (weil sie sie beispielsweise beim Exodus nicht durch ihr Land ziehen ließen), nimmt das Buch Rut das Heiratsverbot gegenüber Moabiterinnen zurück. Ja, es führt dieses Verbot regelrecht ad absurdum: Dürfte, wie im alten Gesetz festgelegt, „nicht einmal die zehnte Generation von ihnen [sc. Ammonitern und Moabitern] in die Gemeinde des Herrn eintreten“ (Dt. 23,4), stünde es schlecht um den großen König des geeinten Israel: Obed, Ruts Sohn, ist der Großvater König Davids. Das sind nur drei Generationen. Das Buch Rut also nimmt dieses Verbot zurück und zeigt, daß die Zugehörigkeit zum Volk Gottes einzig und allein auf der Entscheidung jeder und jedes Einzelnen für Gott beruht.
Rut
ist (allzu) häufig als ein rein literarischer Text bezeichnet und wohl auch gerne verharmlost worden worden. Dazu besteht allerdings, auch wenn aktuell kein konkretes historisches Ereignis bekannt ist, das der Erzählung zugrundeliegen könnte, kein Anlaß (vgl. auch hier).

Die Entstehung des Buches, dessen Handlung um 1000 v. Chr. anzusiedeln ist, wird von der Forschung in die nachexilische Zeit gelegt. Eine nennenswerte zeitliche Differenz zwischen erzählter Zeit und Niederschrift ist allein schon dem Umstand abzulesen, daß feste Bräuche im Löserecht bei der Leser- oder Zuhörerschaft der Erzählung offenbar nicht mehr als bekannt vorausgesetzt werden können: „In einem Fall von Lösung oder Tausch gab es früher in Israel diesen Brauch, um jede Angelegenheit gültig zu machen: Der eine zog seinen Schuh aus und gab ihn dem anderen. Dies war in Israel die Bestätigung vor Zeugen.“ (Rut 4, 7)

Kommen wir zum Ausgangspunkt zurück: Das Buch Rut, 2.500 Jahre alt, behandelt im Kern das Thema der Integration von Zugezogenen. Die komplexe Anlage der Erzählung läßt die Titelfigur zu wildfremden Verwandten „heimkehren“: Machlon, Ruts früh verstorbener Mann, war als Kind mit seinen Eltern Noomi und Elimelech aufgrund einer Hungersnot von Betlehem ins Land Moab ausgewandert. Nach dem Tod von Mann und Söhnen beschließt Noomi 10 Jahre später, nach Betlehem zurückzukehren. Ihren beiden Schwiegertöchtern Orpa und Rut stellt Noomi frei, sie zu begleiten. Während Orpa sich für ihre Herkunftsfamilie entscheidet, will Rut ihre Schwiegermutter nicht allein lassen und legt ihre eigene Zukunft, den Heiratsregeln des Volkes Israel gemäß, in die Hände von Noomis Verwandtschaft. Während die berühmten Worte, mit denen Rut Noomi ihrer Treue versichert, mittlerweile zum beliebten Hochzeitsspruch avanciert sind („Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, will auch ich bleiben; dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.“ Rut 1, 16), hat der dramatische Moment, in dem Orpa sich von der Gruppe trennt und für die Rückkehr in ihre Heimat entscheidet, Künstler zu wunderschönen Gemälden inspiriert; schauen Sie z.B. hier!

Rut und Noomi ziehen also alleine weiter, um das Tote Meer herum nach Nordwesten. Bei der Ankunft beider Frauen in Betlehem „geriet die ganze Stadt in Bewegung“ (Buch Rut 1, 19). Das unerwartete Erscheinen der einstigen Nachbarin löst unter den Frauen freudigen Trubel aus. Doch als Rut eine unbestimmte Zeit später aufs Feld geht, um, dem jüdischen Witwenrecht entsprechend, bei der Ernte liegengebliebene Ähren aufzulesen, sind zwischen den Zeilen zunächst andere Erlebnisse herauszulesen. Denn Boas, der Besitzer des Feldes, fühlt sich genötigt, den Arbeitern zu verbieten, Rut zu bedrängen und anzuschreien (Rut 2, 9.16). Er lädt Rut zum Essen mit der ganzen Gruppe ein und schenkt ihr Korn.

Rut. Ein Kindermusical über Vertrauen und Verantwortung, fremd sein und Heimat finden.
Nach dem gleichnamigen Buch des Alten Testaments

Das Kindermusical „Rut“, das 2011 in Weimar uraufgeführt wurde und das die Cäcilini Weimar wie auch zwei Schulklassen der Edith-Stein-Schule Erfurt derzeit gerade wieder einstudieren, setzt mit dem Aufbruch der drei Frauen aus Moab ein und arbeitet die Szenen der bejubelten Ankunft in Betlehem wie der Belästigung und Ausgrenzung bei der Feldarbeit scharf heraus. So reflektiert es aktuelle politische Themen wie den Umgang mit Fremden und die Idee von Vertrauen und gegenseitiger Verantwortung zwischen den Generationen. Der Stoff macht die Kinder und Jugendlichen mit einer fremden Gesellschaftsform – feste Großfamilienstrukturen, spezielle Heiratsregeln und Vorstellungen, heute ungewohnte Rechtsbräuche – bekannt und gibt damit indirekt Denkanstöße, das eigene kulturelle Umfeld und unsere Formen des Zusammenlebens bewußter wahrzunehmen.

Im zeitlichen Umfeld der Uraufführung thematisierte die katholische Religionslehrerin für die Weimarer Grundschulen das Buch Rut und ließ die Kinder dazu malen:

„Rut und Noomi freuen sich über viel Getreide“ (Pauline, 7 Jahre; eigenes Bild)

„Rut und Noomi freuen sich über viel Getreide“ (Pauline, 7 Jahre; eigenes Bild)

 

„Rut“ wurde am 26. Juni 2011 in Weimar uraufgeführt (vgl. hier) und erlebte seither weitere Aufführungen in Erfurt, Weimar und der Landgemeinde Apfelstädt. So integrierte bspw. die Erfurter Edith-Stein-Schule 2012 eine Rut-Aufführung durch zwei 6. Klassen als Abendveranstaltung in ihre Festwoche zum 20jährigen Schuljubiläum. Die nächste Weimarer Aufführung mit Kindern und Jugendlichen der katholischen Herz-Jesu-Gemeinde ist für den 1. November 2015 geplant.

 

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

Ohren auf! Pfarrer Gothe im Deutschlandfunk

Weil es bedauerlicherweise nicht überall vermeldet wurde (jedenfalls nicht mündlich…) auf diesem Wege noch schnell der Hinweis, daß Hw. Pfarrer Timo Gothe ab morgen, 14. September 2015, für eine Woche die „Morgenandachten“ im Deutschlandfunk bestreiten wird (vgl. hier).

Los geht’s jeweils um 6.35 Uhr, die UKW-Frequenz für Weimar lautet 89,7 MHz (evtl. auch 103.1 MHz), wer auf anderen technischen Wegen (DAB+, DVB) Radio hört, wird wissen, wie er sucht.

Wer den DLF kennt, weiß, die redaktionellen Beiträge, die mit Katholizismus zu tun haben, die will man regelmäßig nicht unbedingt hören, aber er ist nach wie vor DER Sender der deutschen Informationselite. Und er war es übrigens auch schon vor der deutschen Einheit in einem gesamtdeutschen Sinne. Diesen Anspruch des Senders hat er nach meiner mitteldeutschen Erfahrung wirklich erfüllt, um  nicht zu sagen, manchmal habe ich den Eindruck, er ist „hier“ mehr und intensiver gehört worden, als im „alten Westen“…

Wie dem auch sei, jetzt freue ich mich auf die Beiträge unseres neuen Hirten vor Ort, auch wenn ich sie persönlich nicht zur Ausstrahlungszeit werde hören können, denn da bin ich gerade unterwegs. Deswegen gibt es morgen (und ggf. an den Folgetagen) den Link auf die Stelle zum Nachhören, schöne neue Medienzeit – hier mal wirklich! 🙂

PuLa unterwegs: „Berührt von göttlichem Erbarmen“ (Thüringentag in Pößneck)

Das Oratorium wurde wieder nicht erwähnt. Also schreibe ich hier doch noch etwas darüber, obwohl die Zeit schon fast darüber hingegangen zu sein scheint. Aber warum sollte die Nachricht über ein Oratorium an Aktualität einbüßen, wenn dieses Werk die rund 1500 Jahre alte Geschichte einer Heiligen erzählt? Was sind vor diesem Hintergrund 11 Wochen?

So lange nämlich ist es her, daß anläßlich des Thüringentages in Pößneck das Oratorium „Radegunde. Prinzessin, Königin und Dienerin der Armen“ des Hamburger Komponisten Andreas Willscher (*1955) als „Thüringen-Oratorium“ uraufgeführt wurde. Das Libretto schrieb der bis zur Pensionierung ebenfalls in Hamburg tätige katholische Religionslehrer Klaus Lutterbüse (*1940).

Der Tag des Herrn hatte frühzeitig auf die Aufführung aufmerksam gemacht. Und mein Erstaunen war groß, daß ein Bundesland mit zwei Dritteln konfessionsloser Bevölkerung (vgl. hier) seine Identität (es hieß ja „Thüringen-Oratorium“!) in diesem Jahr mithilfe der Geschichte einer Heiligen zu konstituieren gedachte. Wie kam es dazu?

Andreas Willscher verfügt über ein Häuschen in Frankreich, in welches er sich zum Komponieren zurückzieht. Dieses Haus steht in einem Ort namens Sainte Radegonde (vgl. hier). Als der Komponist sich mit der Namenspatronin, nach der in Frankreich mehr Ortschaften benannt sind als hierzulande, näher beschäftigte, faszinierte ihn die Persönlichkeit der letzten Prinzessin des Thüringerreiches, die um 520 geboren wurde und 531 in der Entscheidungsschlacht bei Burgscheidungen an der Unstrut, in der das Thüringerreich durch die Merowinger überrannt wurde, in die Hände des Eroberers Chlothar fiel. Zur Heirat mit dem Frankenkönig gezwungen, konnte sie sich später, nachdem Chlothar ihren Bruder hatte ermorden lassen, aus der Verbindung lösen und das Kloster „Heilige Maria vor den Mauern“, später „Heiligkreuz“ in Saix nahe Poitiers gründen. Der Dichter Venantius Fortunatus und die Nonne Baudovinia, die Radegunde beide gekannt hatten, verfaßten die bekannten Viten über die im 9. Jahrhundert Heiliggesprochene (vgl. hier), die auch mit Gregor von Tours in Verbindung gestanden hatte. Radegunde starb am 13. August 587 in Poitiers und wurde dort in einer nach ihr benannten Kirche beigesetzt.

Sainte Radegonde, Chor (Bild: Wikimedia Commons, Whn64)

Sainte Radegonde, Poitiers, Chor (Bild: Wikimedia Commons, Whn64)

Andreas Willscher also war fasziniert und plante ein Werk, das in irgendeiner Form diese historische Persönlichkeit auf die Bühne bringen sollte. Gewissermaßen Geburtshilfe leistete Hartmut Siebmann, Kantor der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde Pößneck, der Willscher wegen des Thüringenbezugs Radegundes zur Komposition in Form des Thüringen-Oratoriums ermunterte. Und so ging denn dieses Werk als Vorabend des Thüringentages, im Anschluß an den ökumenischen Gottesdienst in der Pößnecker Stadtkirche, am 26. Juni 2015 in Beisein des Komponisten, aber auch des Thüringer Ministerpräsidenten sowie Bischof Ulrichs über die Bühne(vgl. hier).

In zum Teil etwas sperrigen Texten („Allmählich reicher fließen die Quellen,/ aus denen Historiker schöpfen“) wirft das Oratorium Schlaglichter auf das zum Teil ins Allgemeinmenschliche überhöhte oder heruntergebrochene Leben Radegundes. Unerläßlich bei jeder Aufführung des Stückes dürfte das mit Abbildungen aus Buchmalereien zu einer um 1100 entstandenen Radegunde-Vita aus der Stadtbibliothek Poitiers schön gestaltete Programmheft sein, das nach einer Zeittafel zum Leben der Heiligen die Szenen schildert, die die Lieder sehr verdichtet eher andeuten als verständlich darstellen. Neben dem Klagelied der Radegunde des Venantius Fortunatus (vgl. hier) verwendet das Libretto auch Psalmverse in der Übersetzung Alliolis (! – an dieser Stelle fiel mir auf, daß der Dichter katholisch sein müßte, was die Kurzbiographie offen läßt, vgl. hier) sowie die berühmten Hymnen Venantius‘, das „Pange Lingua“ und das „Vexilla Regis“. Die Kantorei der Stadtkirche Pößneck, die das Werk in Begleitung der Vogtlandphilharmonie Greiz/Reichenbach unter der Leitung von Hartmut Siebmann mit ehrbarer Leistung zu Gehör brachte, wuchs interessanter Weise gerade bei diesen beiden lateinischen Hymnen auch klanglich über sich hinaus. Man hörte deutlich, daß diese Passagen mit großem Gewinn offenbar der intensivsten Probenarbeit unterzogen worden waren. Eine stimmlich bezaubernde Akiho Tsujii (Sopran) und der klangstarke Baß Haiko Mauchel sangen die erzählerischen solistischen Passagen und schlüpften in die Rollen der Radegunde und des Frankenkönigs Chlothar.

Sainte Radegonde, Poitiers, Krypta mit Grab der Hl. Radegunde (Bild: Wikimedia Commons, Iijjccoo)

Sainte Radegonde, Poitiers, Krypta mit Grab der Hl. Radegunde (Bild: Wikimedia Commons, Iijjccoo)

Soweit, so gut. Aber die Erwähnung blieb spärlich. Nach der Bekanntmachung im Tag des Herrn im Mai 2015 fehlt gewissermaßen jede Spur. Die drei Grußworte des Programmheftes zum Thüringentag, in denen Pößnecks Bürgermeister Modde, der Landrat des Saale-Orla-Kreises Fügmann sowie der Thüringer Ministerpräsident Ramelow das Festprogramm in all seiner Vielfalt bewerben, lassen alle drei das Thüringen-Oratorium unter den Tisch fallen. Schließlich kamen am Samstag Chris de Burgh und Jan Josef Liefers mit seiner Band Radio Doria zum Open-Air-Konzert nach Pößneck… Und auf Sportveranstaltungen, Angebote für Kinder und die heimischen Nahrungsmittelproduzenten mit ihren Marktständen war auch gebührend hinzuweisen. So erwähnten auch die Lokalzeitungen das Oratorium über die Thüringer Heilige nicht – einschließlich des heute erschienenen Berichtes der TLZ über den Finanzabschluß des Festwochenendes mit den 123.000 Besuchern, die – obwohl das Oratorium doch vor ausverkauften Reihen des Pößnecker Schützenhauses gegeben wurde – wieder alle nur wegen Chris de Burgh und Radio Doria angereist zu sein scheinen.

Und so kommt es, daß PuLa mal wieder unverzichtbar ist 😉 Das Oratorium ist auf dem Markt, aber es läßt, da es kein szenisches Werk ist, natürlich gestalterisch jede Menge Luft nach oben für weitere Werke zum 1500. Geburtstag der letzten Prinzessin des Thüringerreiches.

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

PS: Als Literaturtip können wir noch auf Simone Knodels historischen Roman „Radegunde von Thüringen“ hinweisen, der die Figurenpsychologie um Radegunde, ihren geliebten Cousin Amalafrid und ihren jüngeren, später von Chlothar ermordeten Bruder sehr schlüssig entwickelt und den Lebensweg der Heiligen dadurch in all seinen Stationen gut nachvollziehbar macht. Atmosphärisch vorteilhaft sind im Text auch die altsächsischen Namen wie Skindingi (Burgscheidungen an der Unstrut), Thachabechiu (Dachwig bei Erfurt) oder Tullenstat (Döllstädt), die die Autorin für die französischen Ortsnamen leider nicht durchhalten kann. (So wurde die Stadt Noyon beispielsweise als Noviomagus Veromanduorum gegründet und der Name im Mittelalter nicht gleich zu Noyon, sondern zunächst zu Noviomum abgeschliffen. https://en.wikipedia.org/wiki/Noyon) Aber das sind Kleinigkeiten.

PPS: Der Titel dieses Artikels ist dem Schlußchoral des Radegunde-Oratoriums von Klaus Lutterbüse entnommen.