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PuLa unterwegs: Das doppelte Lottchen

Doppelkirchen kennen Sie alle (eine schöne und interessante Ausprägung des Phänomens konnten wir im Frühjahr im Rahmen unseres Spreewaldurlaubs bewundern, in Vetschau, hier).

Aber wann haben Sie das letzte Mal eine doppelte Kirche gesehen?

Nein, nein, die Frage ist ganz ernst gemeint (und hat natürlich überhaupt nichts mit irgendwelchen Trinkgewohnheiten zu tun! 😉 ).

Vielleicht erinnern sie sich ja, daß wir Ende Juli angekündigt hatten, etwas über unseren Besuch in Löbau schreiben zu wollen (hier). Das hat nun ein bißchen länger gedauert, weil wir zwischendurch aus bekannten Gründen (vgl. hier) ein wenig was anderes zu tun hatten. Hat aber, wie das ja häufig so ist, der Sache eher gut getan!

Jedenfalls wollten wir an jenem Sommer-Sonntag im Juli natürlich die Hl. Messe mitfeiern und haben zu diesem Zweck die Löbauer katholische Kirche „Mariä Namen“ aufgesucht.

Was wir vorfanden war eine (zunächst äußerlich) sehr gelungene, durchaus elegante Kirche mittlerer Größe im neogotischen Stil, schön gelegen, mit Platz drumherum für Pfarrhaus etc. in einer für die Entstehungszeit zu Ende des 19. Jahrhunderts ganz typischen Lage, als sich die Städte planvoll über ihre alten Kerne hinaus entwickelten.

Und als schon seit Jahrzehnten die Anzahl der Katholiken deutlich zugenommen hatte in diesen gerne so genannten „Kernländern der Reformation“!

Es ist ja ein ebenso gravierender wie weitverbreiteter Irrtum, die Kirche hier in Mittel-, bzw. Ostmitteldeutschland sei erst durch die Vertriebenen nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder erstanden. Das ist schlicht falsch und Kirchen wie diese, auf die Sie ganz häufig stoßen, legen davon Zeugnis ab (ein andermal mehr dazu!).

 

Mariä Namen, Löbau (eigenes Bild)

Mariä Namen, Löbau (eigenes Bild)

Hübsch, nicht wahr? Aber innen erst! Ein Kleinod!

Mariä Namen, Löbau, Blick in den Chor (eigenes Bild)

Mariä Namen, Löbau, Blick in den Chor (eigenes Bild)

 

Löbau Chorraum

Mariä Namen, Löbau, Chorraum (eigenes Bild)

Mariä Namen, Löbau, Orgelempore (eigenes Bild)

Mariä Namen, Löbau, Orgelempore (eigenes Bild)

 

Ja, hier haben, Gott sei Dank!, weder der Krieg noch die „Umgestaltungen im Zuge der nachkonziliaren Veränderungen“ größeren Schaden angerichtet, vielmehr waren die klugen Löbauer so geschickt, selbst in den schrecklichen 60er-Jahren wesentliche Teile der „alten“ Innenausstattung sinnreich neu zu nutzen und damit zu erhalten, ebenso wie den Gesamtcharakter des Raumes!

Wie das zuging, erfuhren wir aus der kleinen Festschrift, die 1992 anläßlich der 100. Wiederkehr der Weihe der Kirche erschienen war. Wenn Sie nämlich nach dem Gottesdienst in einer „unserer“ Diasporakirchen noch ein wenig verweilen, werden Sie ganz gewiß schnell in ein Gespräch verwickelt, und wer Interesse zeigt, dem wird eben auch gern mal etwas mitgegeben, was ihm weiterhilft (auch an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank dafür!).

Und in diesem Heftchen lasen wir nun, was im Gespräch auch schon erwähnt worden war, es gebe nämlich diese Kirche „noch einmal“ und zwar in „Selzthal, Tirol“.

Nun, es stellte sich dann schnell heraus, die Gemeinde Selzthal liegt nicht in Tirol, sondern in der Steiermark, ja wir kannten diesen Ort bereits, weil durch ihn der Schleichweg führt, den wir meistens nutzen, wenn wir vom Besuch des Stifts Admont an unseren Urlaubsort im Ausseer Land zurückfahren!

Da uns der Sommerurlaub heuer wieder dorthin geführt hat, fand uns ein Sonntag natürlich in Selzthal!

Und tatsächlich, da stand es, das doppelte Lottchen Kirchlein:

 

Herz-Jesu, Selzthal (eigenes Bild)

Herz-Jesu, Selzthal (eigenes Bild)

 

Herz-Jesu, Selzthal (eigenes Bild)

Herz-Jesu, Selzthal (eigenes Bild)

 

Ein eigentümliches, aber schönes Gefühl, gute 500 Kilometer von Löbau entfernt! Auch dort wurden wir herzlich aufgenommen und erhielten bestätigt, was wir in Sachsen schon gehört hatten, daß nämlich der Kontakt der beiden Gemeinden in Relation zur Entfernung durchaus rege ist, ja eine Fahrt nach Löbau gerade wieder bevorstehe.

Was die Innenwirkung des Gotteshauses angeht, so gebührt für unseren Geschmack allerdings der „Schwester“ in Löbau durchaus der Vorzug, was uns die Selzthaler hoffentlich nicht verübeln werden…

 

Herz-Jesu, Selzthal, Blick auf die Orgelempore (eigenes Bild)

Herz-Jesu, Selzthal, Blick auf die Orgelempore (eigenes Bild)

Mit der Versicherung, beide Kirchen, deo volente, bestimmt nicht das letzte Mal besucht zu haben hätte man ein schönes und fröhliches „PuLa unterwegs“ abschließen können, wäre da nicht der Wunsch gewesen, mehr über den Entwurf der Gebäude in Erfahrung zu bringen, was sich als gar nicht so einfach herausstellte, aber irgendwie wollte mir die Frage nicht so schnell Ruhe geben. Leider ist die Geschichte, die sich dann herausschälte, eine traurige…

Architekt der beiden Kirchen sei, so übereinstimmend die Wikipedia und die Berichte auf den Websites aus Österreich, Gislenus Bethune, OSB gewesen, der aus Belgien stamme und in Beuron, aber auch in anderen Niederlassungen des Ordens u.a. auch im nahegelegenen Admont tätig gewesen sei.

Das klang ja erstmal nach einer völlig plausiblen Angelegenheit, daß ein Geistlicher als Architekt den beiden nicht gar so reichen Gemeinden die Baupläne, wie es für beide Fälle übereinstimmend heißt, kostenlos überlassen hätte. Und vom Kloster Beuron gingen ja zu dieser Zeit so allerlei Impulse aus, auch im gestalterischen Sinne, vgl. hier.

Auch auf die bedeutende westflandrische Familie (de) Bethune (nicht zu verwechseln mit den französischen, resp. schottischen Adelsgeschlechtern gleichen Namens!) stößt man schnell. Besonders  Jean-Baptiste Bethune (1821 – 1894) sticht hier hervor. Ein führender Vertreter der damals avantgardistischen Neogotik im europäischen Rahmen, das ist die Welt der drei Generationen der Pugins in England, von August Reichensperger im Rheinland und Pierre Cuypers in den Niederlanden.

Aber Gislenus Bethune? Wie er hier hinein gehörte, dazu war lange nichts zu finden. Schließlich habe ich die „Stichting de Bethune“ in Marke (Ortsteil von Kortrijk) angeschrieben, die dort das Familienerbe (wissenschaftlich) bewahrt und verwaltet. Es antwortete mir sehr freundlich Herr Filip Santy, dem an dieser Stelle sehr herzlich gedankt sei!

Und tatsächlich, hier gehört „unser“ Bethune hin:

Felix Marie Antoine (?) Ghislain de Bethune (20. 8.1855 – 6.8.1922) war das vierte von 9 Kindern von Jean-Baptiste Bethune und seiner Frau Emilie van Outryve d’Ydewalle.

Um 1873 trat er in die soeben gegründete Benediktinerabtei Maredsous ein, die sein Vater entworfen hatte, mit dem er dabei zusammenarbeitete, und wurde zum Priester geweiht (Weihedatum leider nicht bekannt).

Dann, irgendwann um 1885, geschah das Unheil. Felix Ghislain taucht nicht mehr in den Todesanzeigen seiner Familie auf. Er läßt sich laisieren, tritt aus der Kirche aus, wird Protestant und heiratet 1893 in San Remo (…) eine Engländerin, mit der in Paris, später in Brüssel lebt. In Frankreich arbeitet er publizistisch in der kleinen Bewegung des „Christianisme social“ mit, die, ungeachtet ihres bewußt so gewählten (!) usurpatorischen Namens, lediglich der protestantische Teil der (nicht nur) in Frankreich ja zu dieser Zeit durchaus weit verbreiteten Bemühung war, Christentum und Industriearbeiterschaft einander näherzubringen. Der sehr viel bedeutendere Teil war natürlich der („korrekt benannte“) „Catholicisme social“ mit so bekannten Persönlichkeiten wie Albert de Mun und Fr.-R. de La Tour du Pin.
Wie das bei solchen Gruppierungen ja gern geschieht, fand sich Felix Ghislaine de Bethune schließlich bei einer Art Splittergruppe wieder, der „Union christlicher Sozialisten“ – und schließlich bei den Freimaurern.

Was für eine erschütternde Geschichte!

Ein junger, begabter Mann findet seine Berufung, wie es scheint im geistlichen, wie im künstlerisch-beruflichen Sinne, löst sich mit dem Ordenseintritt von der Familie, der er zugleich aber mit der Wahl genau dieses Lebenswegs verbunden bleibt, und dann das.
Ein Leben, das sich in der Weite der Weltkirche und zugleich in klösterlicher Geborgenheit hätte entfalten und entwickeln können, verengt sich immer mehr. Statt als Priester das kosmische Geheimnis der Erlösung zu feiern, führt Felix Ghislaine de Bethune den Zank zwischen Splittergruppen von Splittergruppen. Es ist von fürchterlicher Folgerichtigkeit, daß er schließlich bei den Freimaurern landet, die es ja in Obskurantismus und wühlerischer Abgeschlossenheit als Lebensform zu unerreichter „Meisterschaft“ gebracht haben!
Er, der nach einem erfüllten Ordens- wie Architektenleben im Kreise seiner Mitbrüder, versehen mit den Tröstungen, den Gnadenmitteln der Heiligen Kirche und betrauert von einer großen und bedeutenden Familie, seinen irdischen Weg hätte beenden sollen, dieser Mensch stirbt weitgehend isoliert in der Nähe von Brüssel.

Ob Felix Marie Ghislain de Bethune am Ende seines Lebens etwas davon gespürt hat? Wir wissen es nicht. Wir wissen auch nichts von den seelischen Umwälzungen, die den Bruch in seinem Lebensweg bewirkt haben, den man betrauern muß, und wollen es daher einfach dabei belassen!

Wir werden, wenn wir das nächste Mal in einer der Kirchen sein dürfen, die bis heute  stolz und schön Zeugnis ablegen vom besten Teil seines Lebens, in guter katholischer Tradition ein Licht für Felix Ghislain Bethune anzünden und für sein Seelenheil beten.

Vielleicht wollen Sie sich ja schon heute mit einem Stoßgebet zu seinem Namenpatron anschließen:

Heiliger Gislenus, bitte für ihn!

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