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PuLa unterwegs: „Berührt von göttlichem Erbarmen“ (Thüringentag in Pößneck)

Das Oratorium wurde wieder nicht erwähnt. Also schreibe ich hier doch noch etwas darüber, obwohl die Zeit schon fast darüber hingegangen zu sein scheint. Aber warum sollte die Nachricht über ein Oratorium an Aktualität einbüßen, wenn dieses Werk die rund 1500 Jahre alte Geschichte einer Heiligen erzählt? Was sind vor diesem Hintergrund 11 Wochen?

So lange nämlich ist es her, daß anläßlich des Thüringentages in Pößneck das Oratorium „Radegunde. Prinzessin, Königin und Dienerin der Armen“ des Hamburger Komponisten Andreas Willscher (*1955) als „Thüringen-Oratorium“ uraufgeführt wurde. Das Libretto schrieb der bis zur Pensionierung ebenfalls in Hamburg tätige katholische Religionslehrer Klaus Lutterbüse (*1940).

Der Tag des Herrn hatte frühzeitig auf die Aufführung aufmerksam gemacht. Und mein Erstaunen war groß, daß ein Bundesland mit zwei Dritteln konfessionsloser Bevölkerung (vgl. hier) seine Identität (es hieß ja „Thüringen-Oratorium“!) in diesem Jahr mithilfe der Geschichte einer Heiligen zu konstituieren gedachte. Wie kam es dazu?

Andreas Willscher verfügt über ein Häuschen in Frankreich, in welches er sich zum Komponieren zurückzieht. Dieses Haus steht in einem Ort namens Sainte Radegonde (vgl. hier). Als der Komponist sich mit der Namenspatronin, nach der in Frankreich mehr Ortschaften benannt sind als hierzulande, näher beschäftigte, faszinierte ihn die Persönlichkeit der letzten Prinzessin des Thüringerreiches, die um 520 geboren wurde und 531 in der Entscheidungsschlacht bei Burgscheidungen an der Unstrut, in der das Thüringerreich durch die Merowinger überrannt wurde, in die Hände des Eroberers Chlothar fiel. Zur Heirat mit dem Frankenkönig gezwungen, konnte sie sich später, nachdem Chlothar ihren Bruder hatte ermorden lassen, aus der Verbindung lösen und das Kloster „Heilige Maria vor den Mauern“, später „Heiligkreuz“ in Saix nahe Poitiers gründen. Der Dichter Venantius Fortunatus und die Nonne Baudovinia, die Radegunde beide gekannt hatten, verfaßten die bekannten Viten über die im 9. Jahrhundert Heiliggesprochene (vgl. hier), die auch mit Gregor von Tours in Verbindung gestanden hatte. Radegunde starb am 13. August 587 in Poitiers und wurde dort in einer nach ihr benannten Kirche beigesetzt.

Sainte Radegonde, Chor (Bild: Wikimedia Commons, Whn64)

Sainte Radegonde, Poitiers, Chor (Bild: Wikimedia Commons, Whn64)

Andreas Willscher also war fasziniert und plante ein Werk, das in irgendeiner Form diese historische Persönlichkeit auf die Bühne bringen sollte. Gewissermaßen Geburtshilfe leistete Hartmut Siebmann, Kantor der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde Pößneck, der Willscher wegen des Thüringenbezugs Radegundes zur Komposition in Form des Thüringen-Oratoriums ermunterte. Und so ging denn dieses Werk als Vorabend des Thüringentages, im Anschluß an den ökumenischen Gottesdienst in der Pößnecker Stadtkirche, am 26. Juni 2015 in Beisein des Komponisten, aber auch des Thüringer Ministerpräsidenten sowie Bischof Ulrichs über die Bühne(vgl. hier).

In zum Teil etwas sperrigen Texten („Allmählich reicher fließen die Quellen,/ aus denen Historiker schöpfen“) wirft das Oratorium Schlaglichter auf das zum Teil ins Allgemeinmenschliche überhöhte oder heruntergebrochene Leben Radegundes. Unerläßlich bei jeder Aufführung des Stückes dürfte das mit Abbildungen aus Buchmalereien zu einer um 1100 entstandenen Radegunde-Vita aus der Stadtbibliothek Poitiers schön gestaltete Programmheft sein, das nach einer Zeittafel zum Leben der Heiligen die Szenen schildert, die die Lieder sehr verdichtet eher andeuten als verständlich darstellen. Neben dem Klagelied der Radegunde des Venantius Fortunatus (vgl. hier) verwendet das Libretto auch Psalmverse in der Übersetzung Alliolis (! – an dieser Stelle fiel mir auf, daß der Dichter katholisch sein müßte, was die Kurzbiographie offen läßt, vgl. hier) sowie die berühmten Hymnen Venantius‘, das „Pange Lingua“ und das „Vexilla Regis“. Die Kantorei der Stadtkirche Pößneck, die das Werk in Begleitung der Vogtlandphilharmonie Greiz/Reichenbach unter der Leitung von Hartmut Siebmann mit ehrbarer Leistung zu Gehör brachte, wuchs interessanter Weise gerade bei diesen beiden lateinischen Hymnen auch klanglich über sich hinaus. Man hörte deutlich, daß diese Passagen mit großem Gewinn offenbar der intensivsten Probenarbeit unterzogen worden waren. Eine stimmlich bezaubernde Akiho Tsujii (Sopran) und der klangstarke Baß Haiko Mauchel sangen die erzählerischen solistischen Passagen und schlüpften in die Rollen der Radegunde und des Frankenkönigs Chlothar.

Sainte Radegonde, Poitiers, Krypta mit Grab der Hl. Radegunde (Bild: Wikimedia Commons, Iijjccoo)

Sainte Radegonde, Poitiers, Krypta mit Grab der Hl. Radegunde (Bild: Wikimedia Commons, Iijjccoo)

Soweit, so gut. Aber die Erwähnung blieb spärlich. Nach der Bekanntmachung im Tag des Herrn im Mai 2015 fehlt gewissermaßen jede Spur. Die drei Grußworte des Programmheftes zum Thüringentag, in denen Pößnecks Bürgermeister Modde, der Landrat des Saale-Orla-Kreises Fügmann sowie der Thüringer Ministerpräsident Ramelow das Festprogramm in all seiner Vielfalt bewerben, lassen alle drei das Thüringen-Oratorium unter den Tisch fallen. Schließlich kamen am Samstag Chris de Burgh und Jan Josef Liefers mit seiner Band Radio Doria zum Open-Air-Konzert nach Pößneck… Und auf Sportveranstaltungen, Angebote für Kinder und die heimischen Nahrungsmittelproduzenten mit ihren Marktständen war auch gebührend hinzuweisen. So erwähnten auch die Lokalzeitungen das Oratorium über die Thüringer Heilige nicht – einschließlich des heute erschienenen Berichtes der TLZ über den Finanzabschluß des Festwochenendes mit den 123.000 Besuchern, die – obwohl das Oratorium doch vor ausverkauften Reihen des Pößnecker Schützenhauses gegeben wurde – wieder alle nur wegen Chris de Burgh und Radio Doria angereist zu sein scheinen.

Und so kommt es, daß PuLa mal wieder unverzichtbar ist 😉 Das Oratorium ist auf dem Markt, aber es läßt, da es kein szenisches Werk ist, natürlich gestalterisch jede Menge Luft nach oben für weitere Werke zum 1500. Geburtstag der letzten Prinzessin des Thüringerreiches.

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

PS: Als Literaturtip können wir noch auf Simone Knodels historischen Roman „Radegunde von Thüringen“ hinweisen, der die Figurenpsychologie um Radegunde, ihren geliebten Cousin Amalafrid und ihren jüngeren, später von Chlothar ermordeten Bruder sehr schlüssig entwickelt und den Lebensweg der Heiligen dadurch in all seinen Stationen gut nachvollziehbar macht. Atmosphärisch vorteilhaft sind im Text auch die altsächsischen Namen wie Skindingi (Burgscheidungen an der Unstrut), Thachabechiu (Dachwig bei Erfurt) oder Tullenstat (Döllstädt), die die Autorin für die französischen Ortsnamen leider nicht durchhalten kann. (So wurde die Stadt Noyon beispielsweise als Noviomagus Veromanduorum gegründet und der Name im Mittelalter nicht gleich zu Noyon, sondern zunächst zu Noviomum abgeschliffen. https://en.wikipedia.org/wiki/Noyon) Aber das sind Kleinigkeiten.

PPS: Der Titel dieses Artikels ist dem Schlußchoral des Radegunde-Oratoriums von Klaus Lutterbüse entnommen.

2 Kommentare

  1. Klaus Lutterbüse schrieb:

    Das Presse-Echo auf das Oratorium war tatsächlich nur sehr schwach. Umso verdienstlicher Ihre nachträgliche Reaktion, auf die ich erst jetzt gestoßen bin!
    Vielen Dank!
    Sie haben recht: Der Librettist ist katholisch…

    Freitag, 13. Mai 2016 um 12:51 | Permalink
  2. Cornelie schrieb:

    Lieber Herr Lutterbüse, bitte, sehr gern geschehen. Es freut mich, daß die Besprechung Ihre Zustimmung findet. Sie zu schreiben hat mich motiviert, noch mehr und weiter zu lesen. Viele Grüße! Cornelie Becker-Lamers

    Dienstag, 17. Mai 2016 um 21:56 | Permalink

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  1. […] – und unglaublichen Zulauf unter den jungen Frauen hatte. Daran konnte auch die Aufführung des Thürigen-Oratoriums „Radegunde“ zum Auftakt des Thüringentages in Pößneck am 26. Juni 2015 offenbar nicht wirklich viel […]

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