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Der Adventskalender von Konversionen, Tag 22, Dorothea Schlegel

Soll Gottes Wille geschehen auf der Erde, so müssen wir ihn tun, sonst geschieht er nicht, und Er sendet dann Diener Seiner Rache, die tun dann den Willen Seiner strafenden Gerechtigkeit, da wir den Seiner Barmherzigkeit nicht getan haben.

Dorothea Friederike (von) Schlegel, geboren am 24. Oktober 1764, in die Kirche aufgenommen am 18. April 1808, gestorben am 3. August 1839

Die Beobachtung von der schieren Überfülle der Bezüge, die etliche der Konversionen des beginnenden 19. Jahrhunderts kennzeichnet (angesichts der Vita von Luise Henselwird von derjenigen im Leben Dorothea Schlegels eindrucksvoll unterstrichen.
Tochter (gar wohl „Lieblingstochter“) des jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn, wird sie mit einem Geschäftspartner der Familie verheiratet und heißt fortan Brendel (ihr jüdischer Vorname) Veit. Sie ist eine Tante der Komponistin Fanny Mendelssohn-Hensel (und so auch mit Luise Hensel ‚verschwägert‘). Sie bekommt zwei Söhne und lernt nach neun Ehejahren den genialischen jungen Dichter und Gelehrten Friedrich Schlegel kennen, mit dem sie ein Verhältnis beginnt, das zu ihrer nach jüdischem Recht vollzogenen Scheidung im Jahr 1799 führt. Gemeinsam mit ihrem „Lebensgefährten“ ist sie ein zentraler Teil des Jenaer Frühromantikerkreises mit Fichte, Schelling, Novalis, Tieck, Schleiermacher und Friedrichs Bruder August Wilhelm Schlegel samt dessen Frau Caroline. Hier machte man sich nicht nur wegen des darin enthaltenen Frauenbilds von der “züchtig waltenden Hausfrau“ über Schillers “Gedicht von der Glocke” lustig, beide Schlegel-Brüder arbeiteten auch intensiv mit ihren Gefährtinnen zusammen, wenn auch, zeittypisch z.B. Dorotheas Roman „Florentin“ zunächst unter seinem Namen erschien. 

Dorothea Schlegel von Anton Graff (Bild: Wikicommons)

Ab dem Jahr 1802 lebte das Paar in Paris, wo beide 1804, nachdem Dorothea (wie sie sich bereits seit der Scheidung nannte) sich protestantisch hatte taufen lassen, auch heiratete.
Noch 1804 zog das Ehepaar nach Köln, Dorothea arbeitete weiterhin an Übersetzungen und Literaturkritiken und es war wohl sie, die hauptsächlich zu der gemeinsam Ostern 1808 vollzogenen Konversion drängte.

Weitere Lebensstationen waren Wien (ab 1808) und dann vor allem Rom (ab 1818), wo sie in den Erinnerungen von Louise Seidler als umstrittene, aber geniale und gewinnende Persönlichkeit auftaucht. “Unaussprechlich katholisch”, nennt sie dort Caroline von Humboldt. In Rom sorgte sich die Mutter auch um das Fortkommen ihrer Söhne, beide 1808 in Köln katholisch getauft, die beide Maler der sog. “nazarenischen Schule“ geworden waren. 

Nach dem überraschenden Tod ihres Mannes im Jahr 1829 zog sie zu ihrem Sohn Philipp nach Frankfurt a.M., und traf im Jahr darauf mit ihrer ebenfalls zum katholischen Glauben bekehrten Schwester Maria Henriette Mendelssohn zusammen. 

 

An den Gründen der Konversion von Dorothea und Friedrich hat sich die (Literatur-) Wissenschaft, und zwar im Grunde seit kurz nach ihrem Tode, gründlich abgearbeitet und tut es noch. Dabei steht ihr Lebensweg durchaus stellvertretend für die Bewertung dieser Tendenz aus dem Kreis der Frühromantik überhaupt und ist also von erheblicher Bedeutung. Grob werden dabei die Kontinuitätshypothese und die Diskontinuitätshypothese unterschieden, also die Annahme von “schon immer” vorhandenen Elementen, die zum Katholizismus drängen, und diejenige eines kompletten und auch unerklärlichen Bruchs der Lebensanschauungen und des Denkens. Naheliegend, daß erstere Denkrichtung dazu tendiert, die Konversion positiv zu bewerten, während die zweite sie kritisch sieht. 

Vor allem die Diskontinuitätshypothese samt ihrer Betonung des Unverständlichen findet heute populärwissenschaftlich immer noch Niederschlag. So findet sich folgender Satz in der Wikipedia:  

“Die Tochter des prominenten jüdischen Vertreters der Aufklärung und Toleranz war nun gemeinsam mit ihrem zweiten Mann davon überzeugt, dass es außerhalb der katholischen Kirche kein Heil gebe, und bemühte sich, unter ihren Freunden und in ihrer Familie Proselyten zu werben […]”

Und ausgerechnet die Mendelssohn-Gesellschaft macht sich m.E. eines mehr oder eher weniger subtilen Sexismus schuldig, wenn sie ‘weibliche Gefühligkeit’ zur Begründung auch der Konversion heranzieht und es im gleichen Satz fertig kriegt, das antikatholische Klischee von der Vernunftabgewandtheit zu perpetuieren: 

“So ungestüm und leidenschaftlich wie sie, hat keines der Kinder des Aufklärungsphilosophen immer wieder neu den Weg der eigenen Gefühle gesucht, die gelernte Orientierung an der Vernunft relativiert und das eigene Leben dramatisch neu erfunden.”

Gemein ist all diesen Positionen natürlich die nachgerade notorische Distanz, auch nur zu dem Gedanken an jede Form authentischen Glaubens.
Denn, so will mir scheinen, wenn man von diesem abgeschmackten Vorurteil einmal absieht, ist es gar nicht schwer, eine innere Logik in der Entwicklung der frühen Romantiker, in ihrem Heimweg zur Kirche zu finden, die keine der o.g. Hypothesen braucht. 

Denn was war das eigentliche Projekt der Frühromantik?
Die Rückverzauberung der Welt.

Hatten ihre Protagonistinnen und Protagonisten doch gerade erleben müssen, wie die fürchterlichen Konvulsionen der in der ‚Französischen Revolution’ zur Macht gewordenen ‘Vernunft’ (in ihrer beraubten und pervertierten Form) die Welt um Zauber und Ordnung zugleich gebracht hatte.
Nun galt es beides auch zugleich wieder zu finden, und dazu bedurfte es einer Kraft, die beides in sich vereinte. Und schon immer vereint hatte.
Nun ist die ernsthafte Form des ‘Zaubers’ der Mythos. Das Christentum aber ist der Wahre Mythos (weshalb, nebenbei bemerkt, jede Präfiguration seiner Inhalte in anderen, älteren Mythen, eben dies und damit das Gegenteil einer “Widerlegung” ist).
Wahrheit, um eben diese nicht beraubte Vernunft, Ordnung und ‘Zauber’ des Christentums, aber bewahrt die römische Kirche, “in der die Kirche Jesu Christi subsistiert“, gültig auf.

Diese im Grunde einfache Logik scheint den besten Köpfen und Herzen seit damals immer wieder auf und nicht einmal das aktuelle Bemühen tonangebender Kreis in der Kirche, sie zu einer besseren (?) NGO zu machen, wird das ändern können.

Gereon Lamers 

 

Der Adventskalender von Konversionen, Tag 21, Gertrud von Le Fort

Denn ich will eure Treue zur Verheißung machen, ich will die Becher eures Gedenkens mit Sinn füllen bis zum Rande! 

Gertrud Auguste Lina Elsbeth Mathilde Petrea Freiin von le Fort, geboren am 11. Oktober 1876, in die Kirche aufgenommen im März 1926, gestorben am 1. November 1971

Wie gut erinnere ich mich an mein Erstaunen, als ich vor Jahren von dieser “allerkatholischsten” Autorin erfuhr, daß sie konvertiert sei! Ein Erstaunen, nochmals sozusagen aktualisiert, als mir klar wurde, ihre berühmten “Hymnen an die Kirche” wurden schon zwei Jahre vor ihrem Eintritt in die Kirche veröffentlicht. 

Gertrud v. le Fort, ca. 1935 (Bild: Wikicommons)

Das war, bevor ich mich mit dem Phänomen der Konversion und den Energien, die sie freisetzen kann, näher beschäftigt hatte, aber “der Papierform nach“ war diese Tochter aus einem  hugenottischen Adelsgeschlecht, ansässig in Mecklenburg, die später u.a. Evangelische Theologie studierte, und bei E. Troeltsch Vorlesungen über allgemeine Religionsphilosophie hörte, auch wahrlich keine Kandidatin für diesen Weg!
Untergründig aber, so hat sie später bekannt, gab es schon früh Erlebnisse, die sie mit der Welt des katholischen Glaubens in Berührung brachten. Besonders anrührend und m.E. bezeichnend die Begegnung, schon als Kind, mit dem wohl katholischsten Fest überhaupt: Fronleichnam (in Koblenz).
Und, fast ist man versucht zu sagen ‘natürlich’, waren es Aufenthalte in Rom (in den Jahren 1907 und 1909) die zu dem langen Werden der Unausweichlichkeit des Schritts beitrugen.

In einer späteren Reflexion schrieb sie:

“Ich habe mich kaum mit den theologischen Streitfragen der Bekenntnisse auseinandergesetzt, entscheidend war für mich die Erhabenheit der Liturgie, die Atmosphäre, die Unwiderlegbarkeit der letzten Glaubensgründe, welche keiner dialektischen Begründungen bedarf, sondern nur [der] Einstimmung in ein heiliges ewiges Geheimnis
… Hier in der Liturgie wurzelt meine Beheimatung in der katholischen Kirche“

Muß ich noch extra darauf hinweisen, daß es eben nicht die heutige Form der Liturgie war, die die große Dichterin heimgeführt hat? 

Im Jahr 1949 wird Le Fort von Hermann Hesse für den Nobelpreis für Literatur vorgeschlagen. Er bezeichnet sie als „die wertvollste, begabteste Vertreterin der intellektuellen und religiösen Widerstandsbewegung“ im nationalsozialistischen Deutschland. Aber wahrscheinlich war, anders als noch bei Sigrid Undset, da die Zeit schon vorbei, in der explizit religiöse Dichtung auch die Ehrung der ‘Welt’ finden konnte. 

Hier zum Abschluß die mir vielleicht liebste aus dem Hymen an die Kirche (Heiligkeit der Kirche I): 

Deine Stimme spricht:

Ich habe noch Blumen aus der Wildnis im Arme,
ich habe noch Tau in meinen Haaren
aus Tälern der Menschenfrühe.
Ich habe noch Gebete, denen die Flur lauscht, ich weiss noch,
wie man Gewitter fromm macht und das Wasser segnet. 

Ich trage noch im Schoße die Geheimnisse der Wüste,
ich trage noch auf meinem Haupt
das edle Gespinst grauer Denker.
Denn ich bin Mutter aller Kinder dieser Erde:
was schmähest du mich, Welt,
daß ich groß sein darf wie mein himmlischer Vater?

Siehe, in mir knien Völker, die lange dahin sind,
und aus meiner Seele leuchten nach dem Ew’gen viele Heiden!
Ich war heimlich in den Tempeln ihrer Götter,
ich war dunkel in den Sprüchen all ihrer Weisen.
Ich war auf den Türmen ihrer Sternsucher,
ich war bei den einsamen Frauen, auf die der Geist fiel.

Ich war die Sehnsucht aller Zeiten,
ich war das Licht aller Zeiten, ich bin die Fülle der Zeiten.
Ich bin ihr großes Zusammen, ich bin ihr ewiges Einig.
Ich bin die Straße aller ihrer Straßen:
auf mir ziehen die Jahrtausende zu Gott!

 

Gereon Lamers 

Der Adventskalender von Konversionen, Tag 20, Friedrich IV. von Sachsen-Gotha-Altenburg 

Friedrich IV., Herzog von Sachsen-Gotha und Altenburg, geboren am 28. Nov. 1774, in die Kirche aufgenommen im Jahr 1814, gestorben am 11. Febr. 1825

Herzog Friedrich IV. sollte der letzte regierende Herzog dieser Linie der Ernestiner in Gotha sein. Nach seinem Tod ging das Territorium zum größten Teil in dem ungleich bekannteren Sachsen-Coburg-Gotha auf. 

Aber Friedrich, “Der unglückliche Herzog”, war auch an der Ausübung der Herrschaft niemals interessiert gewesen. Musisch veranlagt, er galt als ausgezeichneter Sänger, war er in den Wirren der Kriege, die die unselige ‘Französische Revolution’ über Europa brachten, zum Militärdienst quasi gezwungen, und prompt schwer verwundet worden, was Zeit seines Lebens seine Gesundheit stark beeinträchtigte. 

Erst nach dem Tod seines Vaters wurde möglich, was ihm Linderung brachte: Drei lange Aufenthalte in Rom! Die Jahre 1805/06, 1807-10 und vor allem 1814-20 wurden zu den schönsten seines Lebens. 

Prinz Friedrich von Sachsen-Gotha-Altenburg (Bild. Wikicommons, Zeno.org)

Beendet wurden diese durch Druck aus der Heimat und im August 1822 mußte er schließlich nach dem Tode seines extravaganten und verschwenderischen Bruders, Emil Augustder trotz zweier Ehen ebenfalls kinderlos geblieben war, dennoch die Regentschaft übernehmen. 

Bemerkenswert ist, was die Fachwelt wohl weißdaß er es war, der mit seinem Testament die Grundlage für die “auf alle Zeiten unzertrennten” Bestände der Kunst- und Kulturschätze in Gotha legte! 

Die heutige Zeit widmete freilich ganz aktuell lieber dem “flamboyanten” Bruder eine umfangreiche Ausstellung

In Rom war Friedrich ein, schon angesichts seines gesellschaftlichen Ranges, wichtiger Teil der dortigen deutschen Künstlerkolonie, die sich dort zusammengefunden hatte. Zauberhaft multimedial aufbereitet hat das diese Seite aus dem Jahr 2019. 

Konversion und Katholizismus aber waren in diesem Mikrokosmos ein permanentes Thema, auch, wenn man bis heute den Eindruck nicht los wird, es sei etlichen Menschen, darunter gerade denen, die „wissenschaftlich “ darüber schreiben, eher unangenehm.

Ein lebendiges Zeugnis der damaligen Atmosphäre erhält man, wenn man die Lebenserinnerungen der Louise Seidler, einer Weimarer Mitbürgerin, bitte schön!, studiert. 

Autobiographie L. Seidler (eigenes Bild)

[In Parenthese: Der Titel ist schon absolut ärgerlich, weil sexistisch und falsch zugleich! Wenn es eine “römische” Malerin gäbe, auf die diese Bezeichnung, richtig verstanden, zuträfe, so wäre das nämlich die eine halbe Generation ältere Angelica Kauffmann]

Obwohl die Seidlerin selber nicht katholisch wurde, ja, vielleicht sogar ihres Protestantismus eher bewußter, so schildert sie doch Konvertitinnen und Konvertiten und überhaupt die ganzen “römisch-katholischen Umstände” mit einem überdurchschnittlichen Maß an Fairness und Nüchternheit. Freilich, so ganz konnte es auch Frau Seidler nicht lassen, Stereotypen des Antikatholizismus zu bedienen:

„Der Prinz, welcher schon lange in Rom lebte, wurde vom Papst und der Geistlichkeit sehr ausgezeichnet, da er zur katholischen Kirche übergetreten war. Er war ein Fürst von seltener Herzensgüte, stillen, in sich gekehrten Wesens, ohne Geist und Leben. Seine Gestalt war groß und schön, sein dickes, rothes, bartloses Gesicht, welches semmelblonde, krause Locken umgaben, ward von freundlichen Augen belebt; seine sehr schönen Hände schmückten zahlreiche Ringe. Sein Gefolge bestand nur aus einem deutschen Kammerdiener und meinem Vetter Ettinger, der sein Secretär, Geschäftsführer und Hofmarschall zugleich war.”
“Während des Sommers bewohnte der Prinz eine schöne Villa in Albano; im Winter zog es ihn wieder nach Rom, wo er gern die Theater besuchte; in den besseren derselben hatte er eine Loge. Er liebte die Musik und hielt sich einen eigenen Musikmeister, Namens de Cesaris, der ihn unterrichtete und ihm vorspielte. Dieser Mann war ein schlauer, versteckter Jesuit, von gewandten, einschmeichelnden Formen. Er war hauptsächlich der Urheber des Uebertritts des Prinzen zur katholischen Confession gewesen; die vornehmste Geistlichkeit brachte die von diesem angebahnte Glaubensänderung zum Abschluß. Nun genoß der Prinz in clericalen Kreisen eines besonderen Ansehens und auf alle Weise begünstigte man seine Lieblingsneigungen, die sich hauptsächlich auf Malerei und Musik richteten. Oft speisten musikalische Künstler bei ihm; eine vorzügliche Kapelle führte häufig Tafelmusik aus.”

Friedrich IV. v. Sachsen-Gotha-Altenburg (Bild. Wikicommons, Milwaukee Art Museum)

Nun, deutlich wird zwischen den Zeilen, hier und an etlichen weiteren Stellen der Erinnerungen, das, vermutlich allerdings nicht eingestandene, Bewußtsein davon, daß hier das konfessionelle Spielfeld, anders als in der mitteldeutschen Heimat, selbst im kleinen Rahmen der deutschen Künstlergemeinschaft ausgeglichen war. 🙃 😇 Wir kommen wahrscheinlich in dieser Woche noch auf ein weiteres, schillerndes, Mitglied zurück! 

Gereon Lamers 

Der Adventskalender von Konversionen, Tag 19, Theodor Haecker

Ich mußte große Umwege machen, ehe ich zu mir selber kam – und daß meine Seele sich schwinge aus dem Meere der Schwermut, darein sie zu versinken drohte, zu den ewigen Sternen der Hoffnung, denn immer leuchtete ein Licht, das nicht von dieser Welt ist. Das Ganze weiß doch nur Gott, und wenn es um das Ganze geht, dann habe ich alle Schriftstellerei vergessen, dann bin ich auf den Knien und rede nicht mehr und schreibe noch weniger. Denn ich bin auf dem Wege gewesen, langsam, aber hartnäckig, und mit Hilfe von oben – in alle Nacht leuchtete ein Licht, das nicht von dieser Welt ist.

Theodor Haecker, geboren am 4. Juni 1879, in die Kirche aufgenommen im April 1921, gestorben am 9. April 1945

“Die Literatur vergeht, sie gebiert keine Worte, die nicht vergehen. Auch die Berühmtesten haben ihre Grenze, wo ihre Wirkung einmal zerfällt.”

So schrieb Theodor Haecker 1943 in seinen “Tag- und Nachtbüchern” und auch in diesem Zitat scheint, wie in dem obigen von Ende 1921 zu seiner Konversion, das klare Bewußtsein von der Priorität des Glaubens vor allen Dingen der Welt auf, auch vor seiner eigenen Profession als Schriftsteller. 

Dessenungeachtet ist es eine Schande, wie sehr vergessen dieser scharfzüngige und klarsichtige Satiriker, Philosoph und Übersetzer, Kriegsgegner schon 1914-18, frühzeitiger Diagnostiker der diabolischen Natur des Nationalsozialismus und Mentor der “Weißen Rose” heute ist!
Es ist, als hätte sich die Nachwelt schließlich lieber dem abwertenden Urteil K. Tucholskys angeschlossen, als den lobenden Worten eines T.S. Eliot oder J. Maritains.
Was kein Wunder wäre, zeugen doch die Auslassungen Tucholskys neben dem Ressentiment gegen  den “Satiriker-Kollegen”, der es geschafft hatte, sich von der Satire als Lebenshaltung freizumachen, vor allem von einem: Dem abgrundtiefen Unverständnis vor jeder Form und Äußerung authentischen Glaubens. Traurig.

Für uns verbindet sich Haecker jedoch sehr schön mit zwei weiteren Konvertiten, die wir schon behandelt haben. Richard Seewald hat ihn porträtiert!

Theodor Haecker, Porträt von R. Seewald (Bild: Wikicommons, Minhnghiem08)

Und Auslöser seiner jedoch offenbar schon lange, gerade im Ringen mit den Werken Kierkegaards, vorbereiteten Konversion war seine Übersetzung von Werken John Henry Newmans! (Z.B. von ‘A Grammar of Assent’ als ‘Philosophie des Glaubens’)

Ich habe mich, als ich heuer erneut auf Hacker stieß, erinnert, daß ich schon vor Jahren etwas über ihn hatte machen wollen, vor allem über sein vielleicht größtes und wohl auch heiterstes Buch: „Vergil, Vater des Abendlands“ von 1931; mal schauen! 

Gereon Lamers

Der Adventskalender von Konversionen, Tag 18, John Henry Newman

There are but two alternatives, the way to Rome, and the way to Atheism.

Der Hl. John Henry Kardinal Newman, CO, geboren am  21. Februar 1801, in die Kirche aufgenommen, am 9. Oktober 1845, gestorben am 11. August 1890 

Der Hl. John Henry Newman, dessen Lebensspanne fast das gesamte 19. Jahrhundert umfaßte, ist, nach Augustinus, die zweite Persönlichkeit im Rahmen unserer Konvertiten, die, selbst in diesem Rahmen, auch nur halbwegs adäquat zu behandeln, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist.  Zu umfangreich sein Werk, zu fortdauernd bedeutsam und aktuell seine denkerischen Beiträge zur katholischen Theologie! 

J.H. Newman, ca. 1844 (Bild: Wikicommons, Julian Felsenburgh)

Jedoch, die „Rettung” naht aus einer für PuLa sehr naheliegenden Richtung: Ich zitiere Papst Benedikt! 😉
Lesen Sie, was er im Rahmen der Gebetsvigil am Vorabend der Seligsprechung am 19. September 2010 während seiner Englandreise gesagt hat: 

“Ich möchte mit dem Gedanken beginnen, daß Newman, wie er selbst berichtet, die Entwicklung seines ganzen Lebens auf eine einschneidende Erfahrung der Umkehr als junger Mann zurückführte. Es war eine direkte Erfahrung der Wahrheit des Wortes Gottes, der objektiven Realität der christlichen Offenbarung, wie sie in der Kirche überliefert ist. Diese zugleich religiöse wie auch verstandesmäßige Erkenntnis hat seine Berufung als Diener des Evangeliums, seine Einsicht über den Ursprung der Lehrautorität der Kirche Gottes und seinen Eifer für die Erneuerung des kirchlichen Lebens in Treue zur apostolischen Tradition beeinflußt.
Am Ende seines Lebens beschreibt Newman sein Lebenswerk als einen Kampf gegen die wachsende Tendenz, die Religion als bloß private und subjektive Angelegenheit, als Frage von persönlicher Meinung zu betrachten. Das ist die erste Lehre, die wir von seinem Leben lernen können: Wenn heutzutage ein intellektueller und moralischer Relativismus die wahren Fundamente unserer Gesellschaft zu untergraben droht, erinnert uns Newman daran, daß wir Menschen, die wir Abbild Gottes und ihm ähnlich sind, erschaffen wurden, um die Wahrheit zu erkennen und in dieser Wahrheit unsere höchste Freiheit und die Erfüllung unserer tiefsten menschlichen Sehnsucht zu finden.”

Die “Umkehr als junger Mann“ geschah zu einem durchaus noch sehr reformiert geprägten Evangelikalismus, aber tatsächlich hat Newman dieses Jugenderlebnis immer als seine ursprüngliche “Rettung” aufgefaßt.
Die Entwicklung seines Denkens jedoch zog ihn immer mehr zunächst in eine hochkirchliche (anglo-katholische) Richtung, schließlich aber führten seine historischen Betrachtungen, die Beschäftigung mit den Kirchenvätern, die wachsende Überzeugung von der Notwendigkeit und historisch aufzeigbaren Unausweichlichkeit des Dogmas, ganz weg vom Protestantismus: 

“Und dieses eine ist zumindest sicher; Was auch immer die Geschichte lehrt, was sie ausläßt, was sie übertreibt oder abmildert, was sie sagt und was sie widerruft, auf jeden Fall ist der Protestantismus nicht das Christentum der Geschichte. Wenn es jemals eine sichere Wahrheit gab, dann diese. […]
Tief in der Geschichte zu sein bedeutet, aufzuhören, Protestant zu sein.”

Naheliegend, daß er im viktorianischen England, für das der Antikatholizismus nachgerade einen konstitutiven Faktor darstellte, für die Konversion viele und andauernde Anfeindungen erfuhr:

„Wenn sie einen nicht sofort verleugnen, dann lassen sie einen allmählich fallen … man bekommt keine Einladungen mehr, man ist nicht mehr ein willkommener Gast … ungeheuerliche, boshafte Geschichten werden über einen erzählt. Und was für ein Verbrechen hat man begangen? Man ist ein Katholik unter Protestanten.“

Papst Benedikt, der es auch war, der mit dem 9. Oktober den Tag der Konversion als Festtage des neuen Seligen (und seit 2019 Heiligen) festgelegt hat. Er fuhr bei der eben erwähnten Gelegenheit fort: 

“In einer der bevorzugten Meditationen des Kardinals heißt es: ‘Gott hat mich erschaffen, damit ich ihm einen besonderen Dienst erweise. Er hat mir eine Aufgabe übertragen, die er keinem anderen übergeben hat’. Das ist Newmans wahrer christlicher Realismus, die unumgängliche Schnittstelle von Glauben und Leben. Durch das Wirken des Heiligen Geistes im Leben und im Tun der Gläubigen soll der Glaube für die Umwandlung der Welt fruchtbar werden. Keiner, der unsere Welt von heute realistisch betrachtet, sollte meinen, daß Christen so weiterleben könnten wie bisher, indem sie die ernste Krise des Glaubens, die unsere Gesellschaft erfaßt hat, ignorieren oder einfach hoffen, daß das im Laufe der christlichen Jahrhunderte übermittelte Erbe christlicher Werte weiterhin die Zukunft unserer Gesellschaft beeinflussen und formen wird.”

Die „ernste Krise des Glaubens” aber kommt zum Teil aus den Reihen der Kirche selbst und unseligerweise ist die Lage in Deutschland  besonders schlimm.
Dabei reden die Chef-„Theologinnen” und „-theologen” des “Synodalen Wegs” einer vermeintlichen Wandelbarkeit der Lehre das Wort, die weiter nicht entfernt sein könnte, von den Überzeugungen Newmans, den die historische Betrachtung zu der Erkenntnis geführt hat, wie der unwandelbare Kern des Christentums sich in organischer Fortentwicklung und Entfaltung, niemals aber im Bruch und Untreue zum Ursprung, gerade in der Römischen Kirche erhalten hat! Er ist insoweit einfach der Heilige der Stunde.

Heiliger John Henry Newman, bitte für uns!

J. H. Newman, 1881, von John Everett Millais (Bild: Wikicommons, National Portait Gallery)

Gereon Lamers 

Der Adventskalender von Konversionen, Tag 17, John Wayne

Tomorrow is the most important thing in life. Comes into us at midnight very clean. It’s perfect when it arrives and it puts itself in our hands. It hopes we’ve learned something from yesterday.
(Grabinschrift, Zitat aus einem Interview)

Marion Mitchell [Robert] Morrison, Künstlername John Wayne, geboren am 26. Mai 1907, in die Kirche aufgenommen am 9. Juni 1979, gestorben am 11. Juni 1979

John Wayne vorzustellen, dürfte sich wohl sogar für ein jüngeres Publikum erübrigen: “Hollywood-Legende” trifft den Sachverhalt ja tatsächlich recht gut. Seine Karriere dauerte ziemlich genau 50 Jahre, in dieser Zeit entstanden 175 Filme und einen Oscar gab es auch (1969 für “True Grit”). Wayne galt und gilt nach wie vor als die Verkörperung eines amerikanischen Patrioten und der Gründungslegende der Vereinigten Staaten von der “Frontier”.

John Wayne in “Rio Bravo”, 1959 (Bild: Wikicommons, Soerfm)

Er vertritt im Rahmen unseres Adventskalenders den Typus der ‘Konversion auf dem Totenbett’.
Dabei war er tatsächlich sein ganzes erwachsenes Leben von Katholikinnen und Katholiken geradezu “umzingelt”. Seine drei Ehefrauen [“Hollywood”… 🙁 ] waren katholisch, alle seine sieben Kinder wurden katholisch erzogen (ein Enkel von ihm ist heute Priester!) und: der Regisseur, mit dem er die größten Erfolge feierte, und wahre Klassiker vor allem des Genres “Western” drehte, John Ford war ebenfalls irischstämmiger Katholik.

Über die Gründe für sein langes Zögern, er selbst soll sein “busy life” dafür verantwortlich gemacht haben, war nichts sicheres herauszufinden, ebensowenig, was dann den Ausschlag gab, es im letzten Augenblick doch zu tun. Der ihm in diesem Zusammenhang zugeschriebene  Satz: “A man’s gotta do what a man’s gotta do” erscheint mir allzu anekdotisch.
Ebenso kursieren im Netz deutlich verschiedene Versionen über die genauen Umstände der Konversion, ungeachtet der Tatsache, daß sie sich alle auf Familienangehörige berufen!, weshalb ich hier darüber nichts schreiben möchte.

Betrachten wir lieber sein in Deutschland jedenfalls wirklich wenig bekanntes Beispiel und beten ein wenig mehr für die Sterbenden, daß sie, und sei es im letzten Moment, das Licht nicht verfehlen möchten!

Gereon Lamers 

Der Adventskalender von Konversionen, Tag 16, Ida Gräfin Hahn-Hahn

Der Ausgang meiner Höhle war auf der Spitze eines Berges, und auf dunklen labyrinthischen Wegen gelangte ich dahin. Nun stand ich oben, in freier Luft, in kräftiger Atmosphäre, unter einem unermeßlichen, strahlenden Sternenhimmel, der sich in einem ebenso unermeßlichen Meere rings um mich her abspiegelte. Da sprach neben mir eine Stimme: „Dies ist die Kirche Christi.“ Und ich fiel nieder und betete an. Und die Stimme deutete mir die strahlenden Sternbilder; — da hörte ich Lehren, Mysterien, Worte, wie mein Ohr sie zuvor nie vernommen, wie ich gar keine Ahnung hatte, daß etwas so himmlisch und heilig Liebevolles, so Erhabenes, so die Seele Verklärendes für mich, für uns, für Alle — gelehrt und gegeben werden könne.

Ida Marie Louise Sophie Friederike Gustave Gräfin von Hahn, geboren am 22. Juni 1805, in die Kirche aufgenommen am 26. März 1850, gestorben am 12. Januar 1880 

Das Leben der Schriftstellerin, Lyrikerin und Klostergründerin Ida v. Hahn – es wäre auch heute noch ein “gefundenes Fressen” für die Regenbogenpresse! Aus einem uradeligen mecklenburgischen Adelsgeschlecht gebürtig hatte Ihr Vater das riesige Vermögen mit windigen Theaterprojekten durchgebracht und seine Tochter einem entfernten Vetter gleichen Namens zur Frau gegeben, daher der von ihr präferierte Doppelname „Gräfin Hahn-Hahn“. Die Ehe hielt nur wenige Jahre und Ida, seit ihrer Scheidung finanziell unabhängig, entwickelte sich zu einer völlig unabhängigen, „mondänen” Person, die, unverheiratet, mit ihrem Lebens- und Reisegefährten Adolf Freiherr von Bystram weite Reisen durch Europa und den Orient unternahm und sich parallel zu einer der meistgelesenen deutschen und europäischen Schriftstellerinnen entwickelte; ihre Werke wurden in nicht weniger als acht Sprachen übersetzt. Vorbild war ihr übrigens u.a. die etwas ältere Luise Hensel, die wir ja vor wenigen Tagen  erst hier kennenlernen durften.

Ida Hahn-Hahn (Bild: Wikicommons, Pedantin9)

Als “deutsche George Sand”, “Freie Aristokratin” und “Königin ihrer Zeit” bezeichnet, hinderte aber nicht etwa dieser Lebenswandel, der auch noch weitere Affären kannte (und Möchtegern-Affären, den Fürsten Pückler hat sie abblitzen lassen), den Empfang an etlichen Höfen Europas. Wohl aber zerstörte die Konversion bis dato bestehende Freundschaften und sorgte für regelrechten Aufruhr: Aus dem engeren Umfeld Bismarcks selbst wurden ganze Bücher voll der Polemik gegen sie verfaßt!

Die Bekehrung, ausgelöst durch den Tod ihres langjährigen Gefährten im Mai 1849, war Resultat einer tiefgehenden Lebenskrise und gründlichen Selbstreflexion: 

“Stolz war der Grundzug meines Charakters, die Basis, auf welcher ich mein Leben gründete. Durch ihn sind die Engel aus dem Himmel gefallen und Lucifer in den Abgrund; — ich weiß es! mich hat die Hand meines Gottes gehalten, als es noch Zeit war. Dieser Stolz gab mir ein grenzenloses Bedürfnis innerer Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen von Menschen und Dingen. Ich wollte kein Sklave sein fremder Urteile, fremder Meinungen oder Ansichten; ich mochte weder heucheln noch schmeicheln, um Lob zu hören, Tadel zu meiden. Auch von Gewohnheiten, Verweichlichungen, Bedürfnissen mogte ich nicht abhängen. Es war mir eine Lust, zuweilen etwas zu entbehren und auszuhalten — aber dies war stets etwas Selbstgewähltes. Immer auf eigenen Füßen zu stehen, war mir eine Wonne. Kam irgend ein Sturm, so beugte ich mich und ließ ihn vorüber rauschen. Aber ich blieb auf meinen Füßen — und Gott ließ mich wirklich stehen, so daß ich wer weiß wie oft zu mir selbst sprach: Gott ist für mich, ich kann Alles aushalten. Es begegnete mir eben nichts, was die natürliche Kraft nicht hätte ertragen können; — darin bestand gerade die innere Führung meiner Seele. Denn als der erste, große Schmerz, der einzig wahre Schmerz meines Lebens über mich kam — ja, wo war da die Kraft? Bis dahin hatte ich die Schmerzen überwunden, weil ich mich gegen all ihre Angriffe immer hinter Helm und Schild meines Stolzes und Selbstvertrauens flüchten konnte; — jetzt war das vorbei! ich war im Herzen getroffen und überwunden bis in’s Mark der Seele; denn, so groß der Stolz sein mochte — die Liebe war größer gewesen. Noch behielt ich meine Waffen in Händen, obwohl ich sie nicht mehr brauchen konnte, nutzlos mich beschwerend mit ihrer Last, die mein Leid nur vermehrte und einen unerträglichen Druck mir aufbürdete. Endlich gab ich sie und mich in Deine Hand, mein Herr und mein Gott!”

Freilich, auch die nüchtern geplante Durchführung dieses Vorhabens geschah ganz ‘à la Ida Hahn’: “Glut im Herzen, Eis im Kopf”. Aber so sehr sie diesbezüglich auch “den Taktstock in der Hand” behielt, und so sehr sich auch ihr literarischer Erfolg, nur jetzt eben im katholischen Teil Deutschlands, fortsetzen sollte, ihr weiterer Lebensweg spricht deutlich von der Ernsthaftigkeit der Umkehr! 

Sie folgte nach dessen Berufung zum Bischof von Mainz Wilhelm Emmanuel von Ketteler, der sie in Berlin in die Kirche aufgenommen hatte, dorthin, wo sie im Dezember 1853 das Kloster ‘Vom guten Hirten’ zur Pflege “gefallener Mädchen” gründete und dort bis zu ihrem Tode wohnte, ohne allerdings dem Orden selbst anzugehören. 

Wer möchte kann hier den vollständigen Konversionsbericht unter dem Titel: “Von Babylon nach Jerusalem” nachlesen.

Ich aber kann nur staunen, wo Glanz, Zauber und Schick katholischer Persönlichkeiten geblieben sind. Versuchen Sie mal, an bekanntere (von “berühmt” wollen wir vorsichtshalber gar nicht reden!) katholische Frauen im Deutschland von heute zu denken, ich nenne lieber keine Namen, und kontrastieren Sie sie im Geiste mit Ida Hahn… 🙄

 

Gereon Lamers 

Der Adventskalender von Konversionen, Tag 15, Carl von Schönburg

Carl Heinrich Wolf Wilhelm Franz von Schönburg, Graf von Schönburg-Glauchau, geboren am 13.Mai.1832, in die Kirche aufgenommen am 19. März 1869, gestorben am  27.11.1898

Michael Wetzel, Carl von Schönburg, (Bild in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ [14.12.2022])

Carls Konversion, gemeinsam mit seiner aus Franken stammenden Gattin Adelheid (geb. Gräfin von Rechteren-Limpurg-Speckfeld), fand in Rom in der Redemptoristen-Basilika des Erlösers und des Heiligen Alfons statt. Sie löste nicht bloß in den Schönburgischen Landen in Südwestsachsen, sondern im ganzen Königreich Sachsen, ja bald im ganzen Deutschen Reich, als dies in den politisch motivierten verschärften Kulturkampf gezwungen wurde, einen großen Skandal aus. Vor allem die protestantische Geistlichkeit witterte eine Bedrohung ihrer scheinbar so festgefügten (kulturellen) Hegemonie.
Tatsächlich ließ es der Graf auch in den folgenden Jahren nicht dabei bewenden, “im stillen Kämmerlein“ seinen Glauben zu pflegen, sondern unterstützte nach Kräften die katholische Publizistik in Sachsen, versuchte Kirchengebäude dem katholischen Kultus zurückzuführen und, wohl der größte Anstoß, er führte in seiner Residenz Wechselburg eine öffentliche Fronleichnamsprozession ein!
Und man muß sich immer wieder vor Augen führen (was wir hier bereits geschrieben haben, was aber nach wie vor wenig bekannt zu sein scheint): Die Katholikenzahl in den sog. “Kernländern der Reformation” stieg keineswegs erst mit den Vertreibungen nach Ende des Zweiten Weltkriegs nennenswert an, nein, dieser Prozess setzte bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein, hauptsächlich als Arbeitsmigration und zwar auch damals schon international (Polen, Italien)! Ich kenne da eine vormalige Thüringer Landtagspräsidentin, die führt ihr (erhebliches) Temperament auf eine sizilianische Urgroßmutter zurück… 🙂 ).

Es gäbe über die Schönburger noch viel mehr zu berichten, was wir auch schon einmal angedeutet haben, hier aber das paßt erstens nicht in das Format des Adventskalenders und erfordert zweitens eine weitere Recherche-Reise nach Sachsen! 

Daher hier nur so als kleiner Appetizer: Wissen Sie, welche bekannte zeitgenössische Persönlichkeit eine geborene Gräfin von Schönburg-Glauchau ist, und eben aufgrund dieser Konversion ihres Ahnen katholisch?

Mariae Gloria Prinzessin von Thurn und Taxis! 🙃

Prinzessin Gloria v. Thurn und Taxis, 1981 (Bild: Wikicommons, 8mobili)

Gereon Lamers

 

Der Adventskalender von Konversionen, Tag 14, Shia LaBeouf

Ich fange an, es körperlich zu spüren, eine tiefe Gnadenfülle, es beginnt, sich regenerierend anzufühlen. Ich fange an, es so sehr zu genießen, daß ich es nie mehr missen möchte. [sc: Die Hl. Eucharistie]

Shia Saide LaBeouf, geboren am 11. Juni 1986, in die Kirche aufgenommen im Jahr 2021 oder 2022

Der US-amerikanische Schauspieler, Kurzfilmregisseur und Performancekünstler Shia LaBeouf (gesprochen etwa: “Scheia LaBöf”) (von dem ich bis vor kurzem noch nie etwas gehört hatte, obwohl er seit 1998 Filme macht) ist mit seiner Konversion gleich in mehrfacher Hinsicht geradezu exemplarisch, für deren lebensverändernde Kraft und die Wucht, mit der sich der Glaube Bahn brechen kann.

LaBeouf befand sich nämlich, nach einer durchaus schwierigen Kindheit, dem dann aber einsetzenden großen Erfolg und, typisch für “Hollywood”, etlichen problematischen “Beziehungen” (die sogar zu Gewaltvorwürfen gegen ihn führten) schließlich in einer persönlich ausweglos erscheinenden Situation:

„Ich hatte eine Waffe auf dem Tisch liegen. Ich war raus aus allem.“, „Ich wollte nicht mehr am Leben sein, als das alles passierte. Scham, wie ich sie noch nie erlebt hatte – die Art von Scham, daß du vergißt, wie man atmet. Du weißt nicht, wohin du gehen sollst. Du kannst nicht mal nach draußen gehen und dir einen Taco holen.“

Shia LaBeouf, 2022 (Bild: Wikicommons, HartemLijn)

Das war der seelische Ausgangspunkt, als LaBeouf das Angebot erhielt, den Hl. Padre Pio in einem Film darzustellen. Zur Darstellung des Heiligen gehörte selbstverständlich auch diejenige der Feier der Hl. Messe, was LaBeouf aber ebenso glücklicher- und professionellerweise nicht nur in einer äußerlichen Weise auffaßte, sondern sich in einem Kapuzinerkloster der gesamten “Atmosphäre” aussetzte, die diese Lebensweise mit sich bringt.

Die Wirkung blieb nicht aus und ich denke, wir dürfen gewiß sein, Padre Pio hat sich für ihn eingesetzt:

„Und als ich ankam, wurde ein Schalter umgelegt. Es war wie Kümmelblättchen. Es war, als hätte mich jemand mit einem Trick dazu gebracht, so fühlte es sich an“, „Nicht auf eine schlechte Art und Weise. Auf eine Weise, daß ich es nicht gemerkt habe. Ich war so nah dran, daß ich es nicht merken konnte. Heute, nach einiger Zeit, sehe ich es anders.“

Und von “seinem Heiligen”, und davon, wie Katholizität funktioniert, bekam der Schauspieler offenbar mehr als nur eine Ahnung, mehr jedenfalls, als der gesamte sog. „Synodale Weg“:

„Als Pio ins Exil geschickt wurde, ging er nicht auf Twitter. Er wurde einfach leise … er wurde nicht laut. Er hat nicht einen auf Martin Luther gemacht. Er imitierte den Heiligen Franziskus, wodurch er in der Stille christus-ähnlicher wurde. Das kultivierte er, im Gegensatz zu der Rebellionsnummer. Er hat es akzeptiert. Er hätte seine eigene Kirche gründen können, seinen eigenen Orden – so viele Anhänger hatte er. In diesem Moment hätte er in die Wälder gehen und einen ganz neuen Sektenzweig des Christentums gründen können“

 Aber noch eines sticht an dieser Konversion heraus und macht sie m.E. in der augenblicklichen Situation der Kirche besonders wichtig: Welche Form der Messe hat Labeouf denn naturgemäß für den Film darstellen müssen? natürlich die “Alte Messe”!

“LaBeouf: Die Lateinische Messe berührt mich tief. Ganz tief.

Bischof Barron: Wieso?

LaBeouf: Weil es sich nicht so anfühlt, als würden sie mir ein Auto verkaufen wollen. Wenn ich mit den Gitarren und dem Zeug zu irgendeiner Messe gehe … fühlt sich vieles so an, als wollten sie mir eine Idee verkaufen … [Die Kirche] ‘Christ the King’ in Oakland hält jeden Tag der Woche eine lateinische Messe und es fühlt sich an, als würde es nicht getan, um mir irgendetwas zu verkaufen, und es fühlt sich fast so an, als würde mir Zutritt zu etwas ganz Besonderem verschafft. Es aktiviert etwas in mir, wo es sich anfühlt, als hätte ich etwas gefunden.”

Das ist die Form der Hl. Messe, die manche ewig Gestrigen in der Kirche gerade verbieten wollen, als ob der letzte Versuch, der unter für sie ungleich! günstigeren Umständen stattfand, nicht schon gründlich genug gescheitert wäre! Nun, es wird diesmal, wenn das überhaupt möglich ist, noch viel krachender schiefgehen und Leute wie Shia Labeouf sind ein starkes Indiz dafür. 

Hier das Video mit dem Interview, aus dem das letzte Zitat entnommen ist. 

Gereon Lamers

Der Adventskalender von Konversionen, Tag 13, Angela Jacobi

Wäre jede Fügung eine Perle, ich könnte mir diese Kette inzwischen dreimal um den Hals legen.

Angela Jacobi, geboren am 24. März 1954, getraut am 6. August 1977, in die Kirche aufgenommen am 6. August 2005

Am „Vorabend” des Adventskalenders hatte ich Ihnen ja versprochen, daß er auch bemerkenswerte Menschen umfassen sollte, die man vielleicht (noch) nicht kennt, aber immerhin prinzipiell kennenlernen könnte.
Und sollte. 🙂

Heute haben wir das erste Beispiel dafür und ich danke Frau Jacobi sehr herzlich für die gleich folgende erfrischende und authentische Geschichte, zu der ich gar nichts weiter sagen möchte und kann!, außer einem: Wie wir uns kennengelernt haben nämlich. 

Das geschah über die viel gescholtenen “sozialen Medien”, näherhin auf Twitter, das es ja gerade in bestimmten Kreisen besonders schwer hat…
Und ich kann nur wiederholen: Ja, man kann allerlei auch berechtigt negatives sagen, über diese Form der Kommunikation, aber – entscheidend ist eben nicht das Medium, sondern die Menschen, die dahinter stehen, und ich und wir haben im Lauf der Jahre eine ganze Reihe inzwischen natürlich längst auch persönlicher wertvoller Kontakte und sogar Freundschaften finden dürfen! Es ist auch (vielleicht sogar ‘gerade auch’) richtig, “Catholic Twitter” kann sehr „besonders“ sein, aber es liegt an uns, es zu einem besseren Platz zu machen! Und ganz schlecht ist es auch schon jetzt nicht. 

Nun aber zur Erstveröffentlichung des Konversionsberichts (das ist übrigens eine eigene literaturwissenschaftliche Kategorie!) von Angela Jacobi.

Enjoy! 🙂 

 

„Dein Wille geschehe!“

Aus einer preußischen Protestantin wird eine fröhliche Katholikin

Ich hatte eine gute Portion katholischen Blutes in mir, ohne es zu wissen, und als ich es erst kürzlich in alten Familienunterlagen entdeckte, hat es mich nicht überrascht.

Mein Großvater mütterlicherseits, Felix, war der Sohn einer polnischen Adeligen aus Westpreußen (Kaschuben), die als einzige Tochter gewagt hatte, einen „deutschen Bären“ zu heiraten, einen Kirchenmaler und Vergolder und Ratsherren  und der war katholisch. Meine Mutter war evangelisch und heiratete 1949 einen evangelischen Mann aus Berlin, der sich in jungen Jahren der „Bekennenden Kirche“ angeschlossen hatte.
Das rettete ihm schwer verletzt in Frankreich das Leben; aber das ist eine andere Geschichte. 

Dass er aus tiefer Bewusstlosigkeit erwacht als erste Maßnahme seine Pistole in Einzelteile zerlegte und sie weit von sich warf, hat mich zutiefst beeindruckt. Er war tief geprägt von den so genannten preußischen Tugenden, die auch und vor allem für Toleranz und Religionsfreiheit stehen. Die Wertvorstellungen des Pietismus sind ihm fremd gewesen, die preußischen Tugenden aber wertvoll.
Doch genau dieser Pietismus holte mich in meiner Zeit als Konfirmandin in Süddeutschland durch einen evangelischen Pfarrer ein und stellte später die größte Hürde auf meinem Weg in die katholische Kirche dar, eine Prägung, die mir auch noch heute ab und zu versucht, das Leben schwer zu machen. (Schuld und Sühne und das ewig schlechte Gewissen!)

Der rheinische Karneval vermochte, was die alemannische  Fastnacht nie geschafft hätte, denn die war uns Konfirmanden von Herrn Pfarrer als unmoralisch verteufelt worden;  als Achtzehnjährige  lernte ich beim Karneval der Kolpingfamilie meinen Mann kennen. Und der kam, wie konnte es auch anders sein, aus einer streng katholischen Familie und hatte die Warnung, sich zu unterstehen eine evangelische Freundin nach Hause zu bringen, frisch verliebt in den Wind geschossen.
Meine Schulfreundin, Tochter seines ehemaligen Lateinlehrers warnte mich: “ Mein Vater meint, du sollst die Finger von Michael  lassen, der hat mehrere Päpste in der Familie…“ Es war „nur“ ein Bischof und der hätte als Nachfolger von Kardinal Galen sicher nichts dagegen gehabt und meine Schwiegermutter, Brandenburgerin und Konvertitin regelte, glättete klug und gütig die Wogen und wir heirateten „ökumenisch“ und ich blieb evangelisch. Aber vom allerersten gemeinsamen Kirchgang an schmerzte mich die Tatsache, dass wir nie zusammen die Heilige Kommunion empfangen konnten. Ich begann, mich mit der Wandlung zu befassen, ein harter und steiniger Weg, weg vom reinen Symbolcharakter hin zur Glaubenswahrheit der Transsubstantiation. Viele meiner Fragen beantworteten die Bücher „Salz der Erde“ und „Gott und die Welt“, die Gespräche Kardinal Ratzingers mit Peter Seewald, doch die Suche nach der Glaubenswahrheit, um die ich betete, blieb noch unbeantwortet.

Schon seit Schülerzeiten sang mein Mann im Kirchenchor und so blieb es nicht aus, dass ich mit Freuden sonntags lieber in eine barocke Basilika ging, statt in die nüchterne evangelische Kirche, in der ich mich so gar nicht mehr „daheim“ fühlte. Mein katholisches Blut war in Wallung gekommen, es fehlte nur noch ein Schritt, der wichtigste allerdings, und diese Stufe schien lange unüberwindlich zu sein.

„Der lewe Jott tut den janzen Tach fügen!“ meinte einmal ein Kölner Pfarrer und so führte eine Begegnung mit einer MC-Schwester in Würzburg mich 1997 direkt in die Arme von Mutter Teresa in Kalkutta. In der Osternacht durfte ich rechts von ihr sitzen und die Predigt eines katholischen Priesters aus England (!) über die Transfiguration Christi schenkte mir die so lang ersehnte Glaubenswahrheit; es ist eine weitere Fügung, dass meine Aufnahme in die katholische Kirche in einer Kapelle der Schwestern von Mutter Teresa durch einen bischöflichen Schulfreund meines Mannes nicht nur an unserem Hochzeitstag, sondern vor allem am Tag „Verklärung des Herrn“ stattfand, in Anwesenheit zweier Salesianer Don Boscos und zweier ehemaliger katholischer Straßenkinder aus Kalkutta, denn es war gerade WJT in Köln.

Angela Jacobi mit der Hl. Mutter Teresa (Bild: Privat)

Es hatte sich alles einmal mehr „jefügt“ und wir gründeten im Jahr 2005 auch die Dr. Michael und Angela Jacobi-Stiftung ( www.jacobi-stiftung.de) und weitere Fügungen nahmen Fahrt auf und sandten mich u.a. auf bischöflichen Wunsch hin in mein Traumland Burma (Myanmar).

Viele viele Kinder und Jugendliche , Schulkinder,  Straßenkinder, Waisenkinder, Auszubildende  und vor allem junge Mütter in Not, die nicht wissen wohin und wo sie ihr Baby bekommen sollen in ganz Myanmar und in Kalkutta darf ich nun als leider Kinderlose bemuttern und behüten .

Wäre jede Fügung eine Perle, ich könnte mir diese Kette inzwischen dreimal um den Hals legen.

 

PS: Noch eine weitere Fügung hat mich Frau Jacobi wissen lassen (die ich aber nicht eigenmächtig in den Text einfügen wollte), daß nämlich ihre Eltern sich nach dem Krieg beide “zufällig” am gleichen Ort einfanden und -”fanden”: “Vater strandete mit PW auf der Jacke aus Camp in Florida in Bad Segeberg, konnte dort  bei Hallstein Vorlesungen hören und wurde aktiv in der Politik, Mutter war aus Danzig geflohen und schwer verletzt worden auf der Flucht und auch in Bad Segeberg gelandet…”)

Gereon Lamers