Zurüruck zum Inhalt

Frische Brise aus Nordwest…

Die zweite! Denn unter diesem Titel hat PuLa schon vor beinahe einem Jahr einen Beitrag gebracht, der auf eine erfrischend deutliche Meinungsäußerung aus unserem nördlichen Nachbarbistum Magdeburg hinwies.

Aber im August 2013 ist der Urheber der erquickenden Luftbewegung nicht der treuen Lesern ja mittlerweile wohlbekannte Oscherlebener Pfarrer, Christoph Sperling (hier und hier), sondern sein Vater, Professor em. Lutz Sperling, der sich bereits seit vielen Jahren (schon zu DDR-Zeiten) als katholischer Laie zu Wort gemeldet hat, wenn ihm in der Ortskirche, bzw. ihrem Umfeld etwas ‚spanisch‘ vorkam.

Seit einiger Zeit geschieht dies ganz zeitgemäß auch im Internet, seine Seite, ‚LutzSperling.de‘, ist jedem, der an der mitteldeutschen Kirche interessiert ist, sehr zu empfehlen, hier.

Aktuell setzt sich Prof. Sperling (zum wiederholten Male) mit „unserer“ Erscheinungsform der Bischofspresse, dem ‚Tag des Herrn‘, auseinander, genauer mit einem Kommentar von Ulrich Waschki, dem Chefredakteur der Bistumspresse in der Ausgabe vom 21. Juli, in dem dieser sich unter dem Titel, „Schwierige Initiative“ mit der Europäischen Bürgerinitiative „One of us/Einer von uns“, zur Stärkung des Lebensrechts beschäftigt, die ja auch von etlichen katholischen Bloggern unterstützt wird, und die auch ich Ihrer Unterstützung sehr anempfehlen möchte, hier.

Aber es geht in dem Leserbrief, den Lutz Sperling geschrieben hat nicht eigentlich um Inhalt und Ziele dieser überkonfessionellen und überparteilichen Initiative – sie wird letztlich auch von Herrn Waschki zur Unterzeichnung empfohlen – nein, es geht um die eigentümlich gewundene Art und Weise, in der diese Unterstützung geschieht und die Beiklänge, die wirklich schwer zu verstehen sind.

Schauen Sie sich, wenn Sie ihn noch nicht kennen, den Text des Kommentars und dann den Leserbrief von Prof. Sperling auf seiner Seite an, hier.

Ich kann die von U. Waschki behaupteten Unklarheiten in Teilen der Begründung zur Initiative nicht im einzelnen nachprüfen und verstehe auch angesichts dessen, was Professor Sperling dazu in seinem Text äußert, die Dringlichkeit der Fragestellung nicht so ganz.

Aber es gibt noch ein anderes Element, das nach dem Herrn Chefredakteur „Bauchschmerzen“ bereiten kann: Die Tatsache, daß die „Initiatoren Druck machen“, der sich in „in öffentliche[m] Prangern“ äußere, „welcher Bischof die Aktion unterstützt und welcher nicht“, dieser Druck werde zu einem „Gewissens-TÜV“, was „nicht hinnehmbar“ sei. Vielmehr müsse man „die Freiheit haben, eine solche Initiative, aus welchen Gründen auch immer abzulehnen“.

Dies stellt offenkundig eine ganz bemerkenswerte, aber, wie ich fürchte, symptomatische Verkehrung der zugrundeliegenden Tatsachen dar: Warum bitte eine abstrakte Freiheit für hohe katholische Würdenträger verteidigen, eine Initiative abzulehnen, die seitens des amtierenden Papstes ebenso wie von seinem Vorgänger unterstützt wird, „aus welchen Gründen auch immer“, mit anderen Worten, im Zweifelsfall auch ganz ohne Begründung?

Bischöfe sind nun mal eminent öffentliche Personen. Sie sind außerdem, mehr noch als ohnehin schon jeder Priester, berufen, in ihrem Leben und Handeln ein Beispiel zu geben. Auch und gerade in der Treue zum Hl. Vater. Wie sich damit eine begründungslose „Freiheit“ zum Neinsagen in einer solch wichtigen Frage vertragen sollte, erschließt sich mir nicht.

Ich glaube allerdings, es geht Herrn Waschki (und anderen) hier gar nicht um die „Freiheit der Bischöfe“, sondern um etwas ganz anderes. Ich glaube, es ist der nicht recht reflektierte und uneingestandene Frust darüber, daß das ehemalige Monopol der kircheninternen Meinungsbildung und Deutungshoheit verlorengegangen ist, oder kürzer: „ Wie war es doch vordem ohne Internet und Blogger so bequem!“ 🙂

Tja, tempi passati.

Herr Waschki weiß natürlich genau, daß die Mehrheit der deutschen Medienwissenschaftler und Medienwirtschaftsexperten über einen kurz-mittelfristigen Zeitraum mit dem finalen Verschwinden der Bistumspresse herkömmlicher Prägung rechnet. Ich würde das aufrichtig bedauern, denn ich mag Printerzeugnisse und man kann sich so wunderbar daran reiben… 😉 Eine Haltung aber, wie sie hier zum Vorschein kommt, wird nicht dazu angetan sein, den Untergang aufzuhalten.

Nun, Prof. Sperling hat jedenfalls Herrn Waschki um Antwort auf seine Fragen gebeten, schaun‘ wir mal, PuLa hält Sie auf dem Laufenden.

 

Summer-Special-Sketchlet: Der Zufallstreffer

Der Zufallstreffer

Ein Sketch für zwei Personen

 

Qíjī cūn, Studentenwohnheim. Am Morgen nach der Semester-Abschluß-Fête. Die Sommersonne versendet die ersten, sofort kräftigen Strahlen und kitzelt Shi Fu und Wang Peng hinter den fadenscheinigen Vorhängen an ihren Nasen. Langsam werden die beiden wach und wälzen sich noch ein bißchen in ihren Betten.

Shi Fu (noch ein wenig schlaftrunken): Wang Peng?

Wang Peng grunzt.

Shi Fu (schon wacher): Wang Peng! Höl mal! Wenn du jetzt hiel ein PuLa aufmachst…

Wang Peng: Ja? Was ist dann?

Shi Fu: Zu PuLa, da gehölen doch auch die Sketche!

Wang Peng: Ja klal! Und? Ich hab‘ da schon eine Idee!

Shi Fu (beugt sich über die Bettkante und blickt auf Wang Peng hinunter): Vielleicht wie Lang Tsu die Lechtsabteilung bemüht hat, um dem Altenheim das Gemälde des Heiligen Siding Zhao Long wiedel abzuknöpfen, das unsel altel Pliestel ihnen übellassen hatte?

Wang Peng (stützt sich auf die Unterarme, unternehmungslustig): Zum Beispiel. Odel daß sie den Pfallgemeindelat noch nachträglich etwas absegnen läßt, was sie im Kilchenvolstand beleits dulchgedlückt hat, wäle dann das nächste.

Shi Fu: Pel Umlaufbeschluß …

Wang Peng: … wo kaum jemand weiß, was das übelhaupt ist …

Shi Fu: … und natüllich noch viel wenigel, unter welchen Bedingungen und auf welchel Glundlage so etwas übelhaupt statthaft ist…

Wang Peng (läßt sich in die Kissen fallen): Es ist ein Elend!

Shi Fu: Abel, Wang Peng, wo sollen diese Sketche denn spielen?

Wang Peng (überlegt kurz): Na, am besten im Ausland. Dann kommt die Zensul vielleicht nicht so schnell dahintel.

Shi Fu: Wil könnten ja Weimal nehmen.

Wang Peng: Hätte was. Schließlich spielen die Weimalel Sketche ja gewissermaßen in Qíjī cūn.

Shi Fu: Echt, wieso?

Wang Peng: Ja! Wundelsdolf heißt übelsetzt Qíjī cūn, wußtest du das nicht?

Shi Fu: Nein! Das ist ja gloßaltig! Das ist ja sozusagen unsele gebolene Paltnelgemeinde!

Wang Peng: Sozusagen. (Er steigt aus dem Bett und sucht sein Waschzeug zusammen.)

Shi Fu: Abel, Wang Peng …

Wang Peng (dreht sich zu Shi Fu um): Was denn noch?

Shi Fu: Wang Peng, wie nennen wil denn Lang Tsu dann?

Wang Peng: Oh! Dalübel habe ich noch nicht nachgedacht.

Shi Fu: Ich meine, wie heißt man denn so in Thülingen? Als Flau?

Wang Peng (runzelt die Stirn): Puh! Das ist echt ein Ploblem. Das weiß ich noch nicht.

Shi Fu: Also – mal übellegen. Wie heißt denn zum Beispiel diese Ministelpläsidentin mit Volnamen?

Wang Peng (tritt an Shi Fus Bett): Liebelknecht.

Shi Fu: Nee! Das ist del Nachname!

Wang Peng: Stimmt! Die schleiben das ja andelslum. Dann – äh – Chlistine, glaube ich.

Shi Fu (klatscht in die Hände): Dann nennen wir Lang Tsu doch einfach Chlistine, und feltig die Laube.

Wang Peng (wendet sich zum Gehen): Bingo, Shi Fu! So machen wil das! Ich geh mich nul eben waschen, dann legen wil los!

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

Ja, so geht’s zu in Qíjī cūn! Was werden wir da wohl alles zu lesen kriegen? 😉

Bloß gut, daß bei uns in Weimar ja niemals jemand auf die Idee käme, den Pfarrgemeinderat auf schwankendem Grund längst Beschlossenes nachträglich noch schnell akklamieren zu lassen…

 

Summer-Special-Sketchlet: Das Franchise-Modell

Lange haben wir nichts gehört von unseren tapferen chinesischen Freunden aus Qíjī cūn, nahe Tianshui in der zentralchinesischen Provinz Gansu. Aber chinesische Studenten sind bekanntlich sehr fleißig und arbeitsam. Doch im Sommer entspannen auch sie etwas und widmen sich Dingen, die ein wenig außerhalb ihres alltäglichen Gesichtskreises liegen…

 

Das Franchise-Modell

Ein Sketchlet für zwei Personen

 

Qíjī cūn, Studentenwohnheim. Im uns bereits bekannten Zimmer des angehenden Informatikers Shi Fu und seines Medienwissenschaften studierenden Zimmergenossen Wang Peng. Shi Fu kommt reichlich angetrunken von einer Semester-Abschluß-Fete nach Hause und findet seinen Zimmergenossen am Laptop sitzend vor.

Shi Fu (haut Wang Peng kräftig auf die Schulter): Wang Peng – hup! – altel Schwede – hup! – was – hup! – wasmachssu?

Wang Peng: Hallo Shi Fu, da bist du ja endlich! Gelade lese ich ein bißchen übel Thülingen.

Shi Fu: Thü – Thü – Thülingen? – hup! – Wo diese Ministelpläsidentin gelade hiel wal?

Wang Peng: Genau.

Shi Fu (schwärmerisch): Ihl Bild wal liiiiiiiiiiiiesengloß auf del Außenwand unseles Hölsaalgebäudes zu sehen (er beschreibt mit beiden Armen einen großen Kreis). Also ich fand sie unglaublich sympathisch!

Wang Peng: Hm. Ich fülchte, ihle Landeskindel finden sie gloßenteils nul noch unglaublich.

Shi Fu: Wie – hup! – wie kommssu dalauf? (Er liest über die Schulter von Wang Peng auf dem Bildschirm) „Das Bild des Plofessols zeigt „die Hiltin“ in dem Moment, als sie elfählt, daß del Vatel von Jesus nicht del Zimmelmann wal.“ – Hm!

Wang Peng: Ich glaube, sie hat gelade einen velmeidbalen Fehlel gemacht. – Abel das kliegt sie bestimmt wiedel hin! Eigentlich sitze ich gelade an unselem Blog …

Shi Fu: Oh nein! Ich gehe – hup! – ich geh ins Bett! (Er wendet sich ab.)

Wang Peng: Shi Fu! Walte! Schau kulz! (Er dreht seinem Freund voller Stolz den Bildschirm zu.)

Shi Fu (liest): „Die Glundvollzüge del Kilche – Leitulgia, Diakonia und Maltylia (Gottesdienst, Dienst an den Menschen und Zeugnis)“ … (er stöhnt) Das ist mil jetzt zu anstlengend.

Wang Peng: Was denn? Kanntest du die Glundvollzüge del Kilche?

Shi Fu (geht ins Bett): Natüllich! Aber vol allem kenne ich Leute, die ohne Glund volle Bezüge elhalten; hiel und andelswo… (Er zieht sein Hemd über den Kopf.)

Wang Peng: Abel guck doch mal hiel – es ging mil jetzt gal nicht um den Inhalt …

Shi Fu (tritt noch einmal an den Tisch) „Pulchla ut Luna. Katholisch in Qíjī cūn“ … (Er schaut Wang Peng verdutzt an) Was soll das denn?

Wang Peng (begeistert): Del Machel von PuLa hat sein Konzept als Flanchisemodell zul Velfügung gestellt. Übelall auf del Welt kann man jetzt Blogs wie PuLa einlichten.

Shi Fu (begreift): Nach dem PuLa-Motto: „Kosmisch glauben – lokal was tun“?

Wang Peng: „Kosmisch glauben – lokal was tun“ – genau! (Er strahlt.)

Shi Fu: Das ist natüllich eine sehl sehl gute Nachlicht! Abel schlafen muß ich jetzt tlotzdem.

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

Ja, so geht’s zu in Qíjī cūn!

Bald werden wir hier ein wesel-tlich wesentlich näherliegendes Beispiel kennenlernen (müssen), wo ein „Franchise-PuLa“ dringend vonnöten wäre, aber das soll heute nicht die gute (Urlaubs-)Stimmung verderben!

 

Betten im Verhältnis oder: Weimar für Schneller-Denker

Was immer man über Martin Mosebach denken mag, auf PuLa scheint er immer wieder zu Debatten zu führen, die nachwirken. Aber nicht nur hier! Seine Bemerkungen über Weimar anläßlich der KAS-Literaturpreisverleihung sind auch sonst nicht ohne Echo geblieben. Und so freue ich mich (ganz im Sinne der sich andeutenden guten Kooperation zwischen lokaler Zeitungsberichterstattung und der Blogosphäre 😉 ), Ihnen mit freundlicher Genehmigung des Autors einen Text präsentieren zu können, der ursprünglich als Leserbrief in der TLZ vom 22. Juli erscheinen ist:

„Der Bericht machte doch neugierig: Der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach empfing den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung, im Musikgymnasium Belvedere Weimar. Mit einer brillanten Rede bedankte sich der Geehrte, man kann sie genussvoll anhören und lesen. Da ist auch viel Sprachwitz dabei. Das Publikum geht mit und belohnt mit Beifall: Goethes und des Preisträgers Heimatstadt bekommt einiges ab. Dann das Gedankenspiel: „Warum nicht nach Weimar ziehen? Die weimaraner Schönheit in ihrer Puppenhaftigkeit ist beinah perfekt.“

Nun gut, das ist natürlich nicht der Fall. Dichterphantasie darf da aber wohl schon einmal zuspitzen. Doch weiter, der Zuhörer fühlt, wie auch dieser Meister des Wortes einer Versuchung nicht widerstehen kann: „Ein wenig beunruhigend sind für mich nur die vielen Betten in Dichterhäusern und Schlössern, in denen niemals mehr jemand schlafen, die vielen Tische, die für Mahlzeiten bereit stehen, aber an denen niemals mehr jemand essen wird.“ „Das Schloss ohne Herzog und Hof, die Stadt ohne die Geistesriesen, die hier eigentlich um jede Ecke kommen müssten. Dafür nur die ungehemmt wachsende Menge von Papier, die nur noch mehr anschwillt, wenn etwas von ihr verbrennt.“ „Eine Geisterstadt, ein in der Geschichte der Totenkulte einzigartiger Spezialfall von Grabkammern voller Hausrat der Toten, die zur Besichtigung freigegeben sind.“

Freilich, Kernsätze für die Stadtwerbung waren nicht zu erwarten. Doch darf man annehmen, dass sich nicht allein des Klassikstiftungspräsidenten Stirn umwölkte? Im Beifall des Auditoriums ist jedoch geradezu Schadenfreude zu spüren. Die reinste Freude.

Man müsste weiter ausholen, um die Geschichte und Vielfalt der Erinnerungskultur in Weimar und im Lande – und auch wohl manche Auswüchse – zu beleuchten.
Nun sind Wahrnehmung und Realität verschiedene Dinge. Nehmen wir nur mal die vielen Betten. Man kann sechs unbenutzte Betten in sechs Häusern finden, zwei von Anna Amalia, zwei von Goethe, je eines von Schiller und Liszt. Ein museales Bett also auf zehntausend von prallem Leben erfüllte Betten. (Rechnen wir mal die Hotelbetten nicht mit, in deren allermeisten auch geschlafen wird.) [Anm. der Red.: Weimar hat ca. 65.000 Einwohner]

Das wäre doch zu verkraften, oder? Und, halten zu Gnaden, um Grabkammern handelt es sich hier nicht. Es sind Häuser! Eindeutig! Und sowohl beim Geheimrat als beim Hofrat ist der Hausrat, Kochtöpfe oder Nachtgeschirr, eher marginal vertreten. Sollte hier ein wenig abgespeckt werden, um sich in dieser Stadt mit seinem Welterbe rückwärts der Normalität zu nähern? „Geisterstadt“! – da waren die großen Spötter Heine und Kisch mit „Musenwitwensitz“ und „Naturschutzpark der Geistigkeit“ schon origineller. Aber vielleicht, Herr Mosebach, wollten Sie hier etwas testen? Oder Sie erläutern doch noch einmal, für langsamer Denkende?

Bernd Mende“

Mit der Bemerkung über das „anschwellende Papier trotz Verbrennen“ kann realistischerweise nur der Brand der Anna-Amalia-Bibliothek vom 2. September 2004 gemeint gewesen sein und falls das wirklich der Fall ist, war sie seitens eines Schriftstellers nicht nur unverständlich, sondern leider auch ziemlich geschmacklos.
Tatsächlich hat sich anhand dieser nationalen (!) Katastrophe im übrigen aber auch gezeigt, was Engagement Weimarer Bürger für das Geistesleben wirklich bedeuten kann: Eine erhebliche Anzahl von Menschen hat es in dieser Nacht durch die Inkaufnahme von Gefahr für Leib und Leben bei der Rettung von Büchern unter Beweis gestellt; der Autor des Leserbriefs gehörte zu ihnen.

Und wer das jetzt auf einem katholischen Blog ein wenig Off Topic fand, den muß ich darauf hinweisen, daß die Titelzeile eben ‚Katholisch in Weimar‘ heißt.
Außerdem: Der Brand war für uns wirklich und wahrhaftig der letzte Auslöser, von Erfurt nach Weimar zu ziehen (im November 2004). Eine Entscheidung, die wenige Jahre später mit dazu geführt hat, das katholische Leben in Weimar ein wenig über die Stadtgrenzen hinaus bekannt zu machen; wie doch alles mit allem zusammenhängt… 🙂

 

„Das wäre Ihr Preis gewesen!“

Oder vielmehr: Das wäre Ihre Uraufführung gewesen! Wenn nämlich heute abend in der Brüsseler Kathedrale St. Michael und St. Gudula die „Toccata für Orgel“ des Weimarer Komponisten Ludger Vollmer das erste Mal erklingt, dann ist das erneut ein Stück verhinderten Lebens in Herz-Jesu-Weimar, das glücklicherweise immerhin an anderem Ort stattfinden kann.

Denn die Komposition stammt bereits aus dem Jahr 2011 und war, in Absprache mit der Gemeindeleitung (ohne Anführungszeichen!), für die feierliche Weihe und Einweihung der Liszt-Orgel in unserer Pfarrkirche vorgesehen. Ja, sie ist im Grunde auf dieses besondere Instrument mit seinem Fernwerk in der Kuppel zugeschnitten und spielen sollte die Uraufführung natürlich der geistige Vater des ganzen Projekts, Prof. Michael Kapsner.

Nur daß die Absprache zum Schluß, wie so oft, nicht mehr trug, nachdem die „Gemeindeleitung“ festgestellt hatte, so etwas bräuchten wir nicht. Nein, da half es auch nichts, daß der Komponist sich erfolgreich um finanzielle Mittel aus dem zuständigen Thüringer Ministerium bemüht hatte.

Aber etwas ist anders, als es bei dem verhinderten Konzert Anfang April war (PuLa berichtete). Etwas sehr Wichtiges. Es war zwar schon längst allen klar, was hier passiert, aber in diesem Fall stand es auch in der Zeitung! Ja, am 4. Juli wurde in der TLZ unter dem Titel: „Eine verspätete Uraufführung“ detailliert über die Problematik berichtet! (Leider hat es der Artikel nicht ins Online-Angebot gebracht, vgl. aber hier)

Ich kritisiere auf PuLa ja gelegentlich die Chefredaktion der TLZ, aber dieser lokaljournalistischen Leistung ist nur höchste Anerkennung und Dank zu zollen (und wie gut, daß der Artikel schon so früh erschienen ist, da war noch niemand in den Ferien 😉 ). Daß daraufhin die Journalistin beschimpft und versucht wurde, sie zu verunsichern, konnte niemanden mehr überraschen, aber die Dame ist ein Profi und die Fakten stehen fest!

Ja, so geht es immer, wenn sich Veränderungen andeuten, zuerst die Blogger, dann die herkömmlichen Medien, schließlich die ‚Massen‘…

Mit der Heiligen Gudula ist das Laternenwunder verbunden: Ein Teufel blies ihr auf dem Weg zur Kirche mehrfach die Laterne aus, auf daß sie sich verirre, aber ein Engel zündete sie immer wieder an.

 

Hl. Gudula, bitte für uns, daß auch in Weimar allen, die den Weg der Kirche suchen, das Licht der Wahrheit nie erlischt!

 

St. Gudula (Bild: Wikipedia, User Tinodela)

PS: Ich habe ganz bestimmt nichts damit zu tun, daß die deutsche Uraufführung des Werks in der Kirche meines Namenspatrons, St. Gereon zu Köln stattfindet, ehrlich! 🙂

PPS: Wenn Sie sich die ganze Zeit fragen: „Woher kenne ich die Titelzeile, ‚Das wäre Ihr Preis gewesen‘, woher bloß?“: Es handelt sich um einen häufig gesagten Satz aus Rudi Carrells Spielshow: „Die verflixte Sieben“, die von 1984 bis 1987 lief, der in den alltäglichen Sprachgebrauch übergegangen ist.

 

Der Zettel, Sketch des Monats Juli

Der Mond taucht die Dächer von Wundersdorf in sein weißliches Licht und in der lauen Sommernacht umspielen sanft schmeichelnde Lüftchen die Wipfel der märkischen Kiefern. Zwei tagsüber getigerte, jetzt natürlich graue Katzen patrouillieren auf Samtpfoten durch die Straßen der kleinen Stadt.

Es ist vollkommen still.

Die Frage, ob es unter den Dächern auch so friedlich ist, haben wir ja bereits gestellt (hier). Stellen wir sie noch einmal.

 

Der Zettel

Ein Sketch für vier Personen und viele, viele Statisten

 

Wundersdorf im Oderbruch. Im Pfarrhaus der katholischen Gemeinde Maria Hilf!

Der Pfarrgemeinderat hat sich zu einer Sommersitzung zusammengefunden. Alle sind da. Nur der Stuhl neben dem Herrn Vorsitzenden ist leer: Corinna, ihres Zeichens Vertreterin des Kirchenvorstands im Pfarrgemeinderat und doch (un)heimliche Leiterin auch jeder PGR-Sitzung, ist schon in Urlaub gefahren. Der PGR ist quasi herrenlos!

Da sich die Aussicht auf ein corinnafreies Treffen wie ein Lauffeuer in der Gemeinde herumgesprochen hatte, sind diesmal viele, viele Gemeindemitglieder als Gäste zur Sitzung erschienen und harren nun interessiert und voller Tatendrang der Dinge, die da kommen sollen.

Die Sitzung plätschert mit dem Bericht über die Einnahmen des Gemeindefestes, der Frage nach einem ansprechender gestalteten Schaukasten und einem neuen Fahrradständer, der irgendwann auch mal geschickter zu plazieren wäre, so vor sich hin, als der Herr Vorsitzende ein loses DIN A4 Blatt aus seinen Unterlagen zieht.

Der Herr Vorsitzende: Dann habe ich in meinem Fach noch einen Zettel gefunden, ich lese mal vor: (schnodderig und nuschelnd) Die „Gemeindeleitung“ hat beschlossen, daß der Schlüssel zur Orgelempore vom Orgelprofessor und seinen Studierenden ab jetzt unbürokratisch im Pfarrbüro abgeholt werden kann. Genehmigungen zur Orgelnutzung, Orgelwartung und Orgelführung durch Professor Ehrlich werden kurzfristig erteilt. Wenn die Orgel frei ist, kann sie genutzt werden.

Es ist mucksmäuschenstill. Die Anwesenden glauben ihren Ohren nicht zu trauen. Dann schwillt ein Raunen an und die ersten Finger gehen in die Höhe.

Silke (wie immer die schnellste): Und ab wann soll das gelten? Ab sofort?

Der Herr Vorsitzende (dreht ein wenig unschlüssig das Blatt hin und her): Das gilt, also so wie ich das hier sehe, ist das – das tritt – nach meiner Kenntnis ist das sofort – (liest und nickt) „unverzüglich“.

Tumultuöses Treiben, Stühle fallen um, die Gäste stürmen aus der Sitzung, um die gute Nachricht so schnell wie möglich zu verbreiten. Im Vorbeilaufen drückt eine Frau dem völlig verdatterten Vorsitzenden einen Kuß auf die Wange.

***

Schweißnaß erwacht Corinna und setzt sich ruckartig im Bett auf. Nach einer Schrecksekunde blickt sie zur Uhr, springt aus dem Bett und läuft zum Telefon. Sie wählt die Nummer der Pfarrsekretärin. Nach langem Klingeln wird der Hörer abgenommen.

Frau Schramm (verschlafen): Hallo?

Corinna: Frau Schramm – ich bin‘s. Sagen Sie die PGR-Sitzung in den Ferien ab! Das hat überhaupt keinen Sinn.

Frau Schramm (immer noch verschlafen): Wie bitte?

Corinna: Sie sollen in die Vermeldungen schreiben, daß die PGR-Sitzung zu Ferienbeginn entfällt! Jetzt!

Frau Schramm: Ich – was? Moment … es ist halb drei.

Corinna: Ich weiß, daß es halb drei ist. Es duldet aber keinen Aufschub!

Frau Schramm: Die Vermeldungen sind fertig. Das geht nicht mehr.

Corinna (tobt): Dann machen Sie eben ein paar handschriftliche Aushänge!

Frau Schramm: Man könnte auch auf der Homepage …

Corinna (unterbricht sie): Ich fahre morgen in Urlaub. Da kann ich doch jetzt nichts mehr auf die Homepage stellen!

Frau Schramm: Und warum fällt es aus?

Corinna: Ohne mich ist die Runde gar nicht beschlußfähig.

Frau Schramm (erstaunt): Ach! Ist das so?

Corinna: Steht doch in der Satzung. Sie können wohl nicht lesen?

Frau Schramm (eingeschüchtert): Äh – Satzung? Habe ich nicht.

Corinna: Das ist auch schon besser so! Außerdem geht es einfach nicht – Schluß! Wenn ich nicht da bin! Da kann ja sonstwas passieren!

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf! Und warum denke ich mitten im Sommer immer an den November? Warum nur? 😉

 

Und wenn wir auch nicht wissen, wie es im Erzbistum Berlin ist, im Bistum Erfurt sind Sitzungen des PGR ohne Vertreter(in) des Kirchenvorstands selbstverständlich sehr wohl beschlußfähig, denn diese(r) hat ohnehin bloß beratende Stimme (§ 4, Satz 2 und § 15, Abs. 1 PGR-Ordnung Bistum Erfurt) Merke: Wer sich von interessierter Seite erzählen läßt, was angeblich gilt, wird es nie zuverlässig wissen. Selber lesen macht klug.

Bloß gut, daß in Weimar natürlich alle Verantwortlichen die Gremiensatzungen besitzen, gelesen haben und befolgen…

Was das „richtige Zeitungslesen“ über unseren Kindergarten verrät

Vor einer Woche endete der Beitrag über die Abgabe der Trägerschaft für den Katholischen Kindergarten St. Elisabeth mit dem etwas geheimnisvollen Hinweis auf eine auch mögliche andere Lesart der Geschehnisse, für die aber noch weitere Recherche erforderlich sei und ich hoffe doch mal, Sie alle sind seitdem ganz gespannt, oder? 😉

Aber bevor wir dazu kommen: Es ist etwas Bemerkenswertes passiert: „Else Franke“ ist wieder aufgetaucht! Schauen Sie hier, im Kommentarbereich. Potz Blitz, was mag sie nach so langem Schweigen nur dazu bewogen haben? Leider äußert sie sich nach wie vor nicht zur Sache, sondern beschimpft in altgewohnter Manier die Leute: „Na super, Herr Lamers! Sie können ja nicht einmal richtig Zeitung lesen. Weiter so! Man lacht…“

Na, dann wollen wir doch mal sehen, wie es sich damit verhält, denn es ist genau eine Frage, die sich aus der genauen Lektüre des Artikels aus der TLZ vom 26. Juni ergeben hat, die zu diesem ‚PuLa-Cliffhanger‘ geführt hat! 🙂

Der fragliche Satz lautete: „Die von der Caritas und dem Bistum Erfurt gegründete gGmbH [ergänze: Sankt Martin] übernimmt die Trägerschaft aller Kindertageseinrichtungen im Bistum Erfurt. Finanz- und Personalangelegenheiten wie auch die Zusammenarbeit mit den Jugendämtern sind damit nicht mehr Sache der Gemeinde […]“ (Hervorhebung von mir)

Nicht wahr, wenn man das ohne Arg liest kann man doch auf den Gedanken kommen, die Trägergesellschaft übernimmt gerade „alle“ Trägerschaften „aller“ Kindertageseinrichtungen im Bistum, was in der Bewertung der Weimarer Verhältnisse natürlich nichts anderes hieße , daß von den hier Verantwortlichen ‚ja keiner was dafür kann‘. Und ich hatte ja versprochen, auch einen solchen entlastenden Faktor hier deutlich zu erwähnen, falls er sich bestätigen würde.

Die andere Lesart der Passage ist hingegen: „Die […] gGmbH übernimmt die Trägerschaft aller Kindertageseinrichtungen im Bistum Erfurt“, sofern diese das wünschen.

Dieses Freiwilligkeitsprinzip galt von Beginn der Arbeit der Gesellschaft im Jahr 2011 an.

Und: Es gilt nach wie vor! Es war ja auch von vornherein sehr unwahrscheinlich, daß man von so einer bistumsweiten Bewegung überhaupt nichts gehört hätte.

Also bleibt es dabei, daß sich in Weimar niemand hinter einer Entwicklung verstecken kann, die da irgendwie schicksalhaft über uns gekommen wäre, nein, diese Entscheidung ist hier getroffen worden und sie ist auch hier zu verantworten. (Und ich frage mich, wie wohl dieser eigentümlich mehrdeutige Satz in die Zeitung gelangt sein mag…)

Zugespitzt formuliert. Niemand hat uns unseren Kindergarten weggenommen, wie haben ihn weggegeben.

Nachdem das nun geklärt ist, möchte ich aber auch nochmals dazu aufrufen, nun nach vorne zu schauen. In der verfahrenen Lage, in die die Einrichtung nun einmal manövriert worden war, war dies vermutlich die einzige realistische Variante, die übrigblieb und insofern die richtige Entscheidung.
Hoffen wir, daß in unserem Kindergarten jetzt unter professionellerer Führung und Leitung die Ruhe einkehrt, die im Interesse der Kinder so dringend geboten ist.

Was aber bleibt sind zwei Fragen:

Einmal die nach der Kommunikation dieser nach 90 Jahren (!) eigener Trägerschaft ja doch einschneidenden Tatsache.
Ich hab‘ extra nochmal nachgeschaut, aber das Thema habe ich in den Vermeldungen der letzten Zeit nicht gefunden, die Nachricht haben wir aus der Zeitung lernen müssen. Ich finde allerdings, das hätte durchaus auch mal eine eigene Informations-Veranstaltung, vielleicht sogar eine Gemeindeversammlung gerechtfertigt, aber so etwas findet ja seit 2009 nicht mehr statt.
Hoffentlich sind zumindest die Gremien rechtzeitig informiert worden, wobei die dort Handelnden sich dann allerdings auch fragen lassen müßten, warum sie nicht auf größere Öffentlichkeit gedrungen haben. Die Gremienmitglieder haben ihr Mandat als Vertreter der gesamten Gemeinde (-öffentlichkeit) erhalten und nicht als Blankoscheck für einen privilegierten Informationszugang für sich selbst!

Die andere Frage ist die nach dem in der Zeitung genannten Zusammenhang von weniger Verwaltungsaufwand und neuen Chancen für die Seelsorge: „Wir müssen verhindern, dass die Seelsorge von den Verwaltungsaufgaben verdrängt wird“, heißt es dort.

In diesem Zusammenhang ist es, wie immer, interessant den Blick ein wenig jenseits der Grenzen unserer Pfarrei streifen zu lassen.
Doch, doch das ist möglich, obwohl sie „vom Ilmkreis bis an die sachsen-anhaltinische Grenze reicht“, wie es der TLZ-Artikel beschreibt, also sozusagen ein Reich, in dem die Sonne nicht untergeht‘ darstellt… 🙂

Denn auch wenn das Argument: Je weniger Verwaltungsaufwand, desto mehr Zeit bleibt für die Seelsorge‘ natürlich schlechterdings unbestreitbar ist, lohnt es sich doch, einmal Vergleiche anzustellen: Dechant Roland Genau, Pfarrer in St. Gertrud, Dingelstädt, an den wir uns Weimar, wo er als Kaplan gewirkt hat, sehr gerne erinnern, hatte nämlich vor der Übergabe in die Trägergesellschaft 4 Kindergärten und ein Kinderheim in seiner Verantwortung.

Dingelstädt 5 – Weimar 1

Das ist, nein, das war das Verhältnis.

PuLa wartet nun gespannt auf die seelsorglichen Initiativen, die die gewonnene Zeit ja jetzt möglich machen müßte.

“Kein Häretiker”? Ein ‘Vitandus’!

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit einem etwas lebensälteren (Jg. 1935) Gesprächspartner über einen kleinen Artikel, den R. Bingener, der Chef-Korrespondent der FAZ zu evangelischen Fragen, über „Petrus“, ja, den Hl. Apostel Petrus, geschrieben hatte. Der kam, wie es leider in ermüdender Regelmäßigkeit der Fall ist, wenn Protestanten über Petrus schreiben, nicht aus, ohne Petrus und Paulus gegeneinander auszuspielen (und, natürlich, den „profilierteren Theologen“ Paulus implizit für sich zu reklamieren) Das ist auch so ein Ökumene-Hindernis, über das niemand spricht, um nicht zu sagen, es ist schon ein Hindernis für einen wirklich höflichen Umgang miteinander, aber das soll heute das Thema nicht sein, zumal ich ansonsten durchaus schätze, was Bingener schreibt!

Auslöser des Gesprächs war ein Satz aus dem Artikelchen, der relativ häufig zitiert wird: „Jesus wollte das Reich Gottes – und gekommen ist die Kirche.“, der von dem „französischen Exegeten“ Alfred Loisy (1857 – 1940) stammt.

Und Alfred Loisy, so mein Gesprächspartner, „[…] sei ja nun kein Häretiker gewesen“

Dieser Satz erschüttert mich immer noch: O doch, Loisy war/ist ein Häretiker und was für einer!

Loisy war sozusagen der Erzvater des „Modernismus“ und wurde am 7. März 1908 förmlich exkommuniziert und zwar in der damals noch vorhandenen verschärften Kategorie des „vitandus“, als einer also, den Katholiken fortan zu meiden hatten. Ein Häretiker erster Klasse könnte man beinahe sagen 😉

Nun gäbe es hinsichtlich des genannten Satzes vielerlei zu sagen (vom „Modernismus“ als solchem mal ganz zu schweigen!), aber heute nur soviel: So, wie Loisy ihn offenbar meinte war er wohl durchaus (relativ) anerkennend gemeint, in dem Sinne: ‚Es kam immerhin die Kirche‘, sehr im Gegensatz zu seinem deutschen Kollegen, A. v. Harnack, der jeden geistlichen Sinn von Kirche leugnete. Es geschah wohl auch vor diesem Hintergrund, daß sogar Papst Benedikt den o.g. Satz (wenn auch natürlich nicht identifikatorisch zustimmend) in seinem ersten Jesus-Buch zitiert hat.

Allein, solche Differenzierungen sind interessant, aber Loisys weitere Entwicklung zeigt, wohin sein unbelehrbarer Weg gegen das Lehramt führte: Zu Ende seines Lebens leugnete er schließlich die Göttlichkeit Jesu und hielt die persönliche Inkarnation Gottes für einen „philosophischen Mythos“. Sehr traurig.

Aber traurig finde ich es eben auch, wieviel an falscher und ganz und gar fehlleitender Meinung zu solchen Persönlichkeiten und ihren Irrlehren so allgemein verbreitet scheint! Im Zweifelsfall ist einer eben immer „kein Häretiker“. Und wenn sich diese Feststellung partout nicht vermeiden läßt, dann findet man das im Zweifelsfall noch eher „schick“ und/oder muß es „aus der Zeit heraus verstehen“ (und natürlich gibt es dann auch bald Leute, die sich um das verschüttete Erbe solcher Leute bemühen, hier, z.B.). 🙁

Diese Wahrheitsverstellende, ja Wahrheit letztlich als Kategorie leugnende Haltung findet man nun nach meiner Beobachtung besonders häufig in etwa der angegebenen Alterskohorte (was ein wertneutraler demographischer Fachbegriff ist!), die naturgemäß das geistige Klima der Bundesrepublik (vor allem der alten, westlichen) ganz entscheidend geprägt hat und zum gut Teil immer noch prägt.
Es sind vor allem ältere (J. Ratzinger, R. Spaemann) und dann wieder deutlich jüngere Menschen, die sich von diesem klebrigen „anything goes, ist ja alles nicht so schlimm und vor allem gaaanz ‚spannend‘“ hat lösen, bzw. befreien können, obwohl diese Haltung eigentlich schon vor über 80 Jahren von G.K. Chesterton so unnachahmlich wie gründlich lächerlich gemacht und entlarvt worden ist, daß man sich immer wieder wundert, warum es nicht schon längst jedermann verstanden hat (Heretics, 1905, Text hier)

Ob das wirklich eine gute Idee war, die Unterscheidung zwischen Häretikern der Kategorie toleratus (ein tolerierter) und vitandus (ein zu meidender) im Kirchenrecht von 1983 aufzuheben? Mal ganz zu schweigen davon, daß ich außerhalb Roms überhaupt noch niemanden aus der kirchlichen Hierarchie laut und deutlich: ‚Häretiker‘ habe sagen hören…

 

Als kleines Schmankerl zum versöhnlichen Abschluß hier ein Abschnitt aus der Einleitung zu Chestertons „Heretics“ (wie immer in eigener Übertragung); er ist der Meister!

Suppose that a great commotion arises in the street about something, let us say a lamp-post, which many influential persons desire to pull down.

A grey-clad monk, who is the spirit of the Middle Ages, is approached upon the matter, and begins to say, in the arid manner of the Schoolmen, „Let us first of all consider, my brethren, the value of Light. If Light be in itself good—“

At this point he is somewhat excusably knocked down. All the people make a rush for the lamp-post, the lamp-post is down in ten minutes, and they go about congratulating each other on their unmediaeval practicality.

But as things go on they do not work out so easily. Some people have pulled the lamp-post down because they wanted the electric light; some because they wanted old iron; some because they wanted darkness, because their deeds were evil.

Some thought it not enough of a lamp-post, some too much; some acted because they wanted to smash municipal machinery; some because they wanted to smash something.

And there is war in the night, no man knowing whom he strikes. So, gradually and inevitably, to-day, to-morrow, or the next day, there comes back the conviction that the monk was right after all, and that all depends on what is the philosophy of Light.

Only what we might have discussed under the gas-lamp, we now must discuss in the dark.

[Nehmen wir an, auf der Straße entstünde eine große Aufregung über irgend etwas, sagen wir einen Laternenpfahl, den viele einflußreiche Persönlichkeiten niederzureißen wünschen.

Man wendet sich an einen in grau gewandeten Mönch, den Geist des Mittelalters, der in der trockenen Art der Scholastiker anhebt zu sagen:

„Laßt uns, Brüder, zuerst den Wert des Lichts bedenken. Wenn Licht in sich selbst gut wäre…“

An diesem Punkt wird er, irgendwie entschuldbar, niedergeschlagen. Die vielen Menschen stürmen los auf den Laternenpfahl, und der Laternenpfahl liegt innerhalb von 10 Minuten am Boden, und die Leute gehen umher und beglückwünschen sich gegenseitig zu ihrem unmittelalterlichen Pragmatismus.

Aber so wie die Dinge sich weiter entwickeln, funktioniert alles nicht so gut. Einige Leute haben den Laternenpfahl umgestürzt, weil sie das elektrische Licht wollten, einige, weil sie altes Eisen wollten, einige, weil sie Dunkelheit wollten, denn ihre Werke waren böse.

Einige dachten, dem Laternenpfahl habe es an etwas gemangelt, andere, es sei zuviel an Laternenpfahl gewesen, einige handelten, weil sie kommunales Gerät zerschlagen wollten, andere, weil sie irgend etwas zerschlagen wollten.

Und so gibt es einen Krieg in der Nacht und kein Mensch weiß, auf wen er einschlägt. So, allmählich und unweigerlich, heute, morgen, oder am Tag darauf, kehrt die Überzeugung zurück, daß der Mönch immer schon recht hatte, und daß alles davon abhängt, was die Philosophie des Lichts ist.

Nur daß wir, was wir im Licht der Gaslampe hätten besprechen können, nun im Dunkeln diskutieren müssen.]

 

Sensation: Jetzt sind wir sie los!

Die (administrative) Verantwortung für den katholischen Kindergarten St. Elisabeth nämlich. (an wen oder was hatten Sie denn gedacht?) 😉

Aber so ist es. Vor kurzem war es in der Zeitung zu lesen (nicht etwa in den Vermeldungen). Wobei, in der Zeitung steht in letzter Zeit so allerhand Interessantes, das mit Herz-Jesu-Weimar zu tun hat und das prägt, was als Katholische Kirche in Weimar wahrgenommen wird, aber dazu kommen wir zum geeigneten Zeitpunkt!

Aber der Reihe nach: Am 26. Juni überraschte die TLZ ihre Leserschaft mit der (etwas seltsamen) Überschrift: „Elisabeth lässt sich jetzt tragen, Katholische Kirchengemeinde übergibt Trägerschaft des Kindergartens an gGmbH“ und in der Tat, seit dem 1. Juli ist der Kindergarten St. Elisabeth in der Weimarer Paul-Schneider-Straße nun in den Händen der Trägergesellschaft Sankt Martin, die zu 49% dem Bistum und zu 51% dem Caritas-Verband Erfurt gehört.

Von dieser Möglichkeit wußten langfristige PuLa-Leser ja schon lange, denn bereits am 24. November 2011 wurde hier darüber berichtet. Damals habe ich geschrieben, daß Weimar absichtsvoll von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch gemacht hat und: „Dafür mag es gute Gründe gegeben haben, aber wenn Ihnen gegenüber nächstens jemand klagt, wie schrecklich doch der ganze „Verwaltungskram mit dem Kindergarten“ sei, wissen Sie jetzt: Es gab die Chance, all das mit einem Schlag loszuwerden, z. B. um sich stärker auf die seelsorglichen Kernaufgaben zu konzentrieren.“

Nun, anderthalb Jahre später macht man sich genau diese Argumentation zu eigen: „Wir müssen verhindern, dass die Seelsorge von den Verwaltungsaufgaben verdrängt wird“ wird in dem Zeitungsartikel, nein, nicht der Rektor der Pfarrkirche, sondern ein Kirchenvorstandsmitglied zitiert, das hier auch als die „Gemeindeleitung“ (in Anführungszeichen) bekannt ist. Ja mehr noch, genau dieselben Worte, die bisher immer verwendet wurden, um die Nicht-Abgabe der Trägerschaft zu begründen: ‚Wir verscherbeln doch nicht unser Tafelsilber‘, die werden jetzt anders herum gewendet und es heißt: „ Sie selbst [sc. das Kirchenvorstandsmitglied] ist vom Gegenteil überzeugt“.

Da kratzt man sich ein wenig den Kopf und fragt sich: Was hat diesen Sinneswandel hervorgerufen?

Ansonsten wird noch jede Menge ‚weiße Salbe‘ verteilt, es werde sich ja praktisch nichts ändern, die enge Verbindung zur Kirchengemeinde bliebe bestehen, ja könne noch intensiviert werden, was eben in solchen Fällen so gesagt zu werden pflegt, wenn Menschen angesichts einer solchen Nachricht verunsichert sind.
Wir werden sehen, wie sich das entwickelt!

Nun könnten Sie einwenden: Was will er denn, wenn jetzt gemacht wird, was er schon vor anderthalb Jahren geschrieben hat, ist doch gut! Stimmt schon, aber ich bin mir inzwischen eben nicht mehr so sicher, ob das, was ich damals als Möglichkeit, (Möglichkeit, wohlgemerkt!) erwähnt habe, wirklich der einzig richtige Kurs ist! Denn mittlerweile ist man ja schlauer geworden, hat sich mit dem ein oder anderen (bzw. der einen oder anderen) unterhalten und wenn Sie ggf. noch einmal lesen möchten, was ich am 14. Dezember 2012 über den Skandal hinsichtlich der Entlassung des Kindergartenleiters geschrieben habe (hier), da kommt wohlweislich die Trägergesellschaft Sankt Martin nicht mehr vor! Denn inzwischen hatte ich mich davon überzeugen lassen, daß eine gemeindeinterne Lösung eben auch eine tragfähige Alternative sein könnte. Könnte!!

Aber das ist nun Vergangenheit.

Daher stelle ich nochmals die Frage: Was ist hier vorgefallen, daß nun eine Lösung verteidigt wird, von der man es ‚vor Tische ganz anders las‘?!

Ich sehe im Augenblick zwei Varianten:

Am 14. Dezember habe ich u.a. geschrieben: „Und schade natürlich, daß wir jetzt für unseren Kindergarten vermutlich so schnell auch nicht wieder einen neuen profilierten Leiter bekommen werden. Oder meint jemand ernsthaft, eine potentielle Kandidatin oder ein potentieller Kandidat würden sich nicht vorher erkundigen, was hier los ist?“

Nun, jetzt ist Sommer und diese Prophezeiung hat sich ja leider ganz offensichtlich bewahrheitet: Es gab keine neue Leitung des Kindergartens…

Da ist nun denkbar, daß es irgendwann ein Eingreifen aus Erfurt gab, um dieser Situation das notwendige Ende zu bereiten und nachdem so deutlich demonstriert worden war, daß die hiesigen Fähigkeiten in Sachen Personalmanagement, na, sagen wir mal ‚erschöpft‘ waren, konnte man sich dagegen auch nicht mehr zur Wehr setzen.
In diesem Fall hätten die aktuell Verantwortlichen in Herz-Jesu-Weimar sich die jetzt eingetretene Lage, den Verlust über die eigenständige Kontrolle des Kindergartens (nach immerhin 90 Jahren…), schlicht ganz allein zuzuschreiben und sollten sich Krokodilstränen verkneifen.

Es gibt aber, das sei ausdrücklich gesagt!, auf der Basis des TLZ-Artikels auch eine andere, für die Verantwortlichen insoweit deutlich entlastendere Lesart, die ich hier noch nicht weiter ausführen möchte, weil ich noch in der Recherche stecke. Falls sich diese Variante bestätigen sollte, werde ich das selbstverständlich ebenso deutlich schreiben.

Bleiben Sie dran!

Im übrigen wollen wir alle hoffen, daß der notwendige ‚Professionalisierungsschub‘, von dessen Notwendigkeit ich im Winter schrieb, jetzt einsetzt und der neuen Leitung von Herzen alles Gute im Interesse unserer Kinder und Enkel wünschen.

Hoffen wir, daß sich dieser Neuanfang einmal ohne spezifische Störungen entfalten kann…

Hl. Elisabeth, Patronin Thüringens und unseres Kindergartens, bitte für uns!

Kindergarten St. Elisabeth, Weimar (eigenes Bild)

 

Provinz? Eher nicht! Feinde? Aber sicher!

Ach ja! War das ein schöner Tag, dieser Sonntag, der 23. Juni. So recht dazu angetan, einen für ein paar Stunden vergessen zu lassen, daß wir in unserem Weltkulturdorf Weimar eben doch in der Provinz leben.

Bloß gut, daß es stets genug Menschen gibt, die einen zügig wieder daran erinnern!
Wobei, auf den Begriff ‚Provinz‘ wird noch zurückzukommen sein.

Ausgelöst hat diese temporäre Hochstimmung die diesjährige Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die 21. schon, nebenbei bemerkt und ich war unglaublicherweise schon bei der ersten im Jahr 1993 dabei; Uff! 😉
Die fand noch im Hotel ‚Russischer Hof‘ statt, da war der Neubau des Musikgymnasiums Belvedere, wo diese Veranstaltung jetzt ihre Heimat gefunden hat, nämlich noch gar nicht errichtet. Bei der Einweihung desselben 1996, an die ich mich auch gut erinnere, da hatte die Deutsche Bank noch Chefs, mit denen man sich als bürgerlicher Mensch gerne zusammen sehen ließ…

Musikgymnasium Schloß Belvedere, Neubau (Bild: Wikipedia, Most Curious)

Aber bevor wir in Nostalgie versinken: Es war auch heuer wieder richtig schön. Das Wetter (das diese Veranstaltung eigentlich nie im Stich läßt) wurde im Verlauf immer besser, die Reden und die guten Gespräche in der hier einmal gelungenen Mischung alter und neuer Architektur, und die bewährte Gastfreundschaft der bundesweit renommierten Schule, einfach angenehm!

Und was hat das mit „Katholisch in Weimar“ zu tun, bzw., wo liegt der Obligatory Catholic Content (OCC)?

Im Preisträger! Es handelte sich nämlich um Martin Mosebach, den Frankfurter Romancier, der sich mit der „Häresie der Formlosigkeit“ (2002) und zuletzt mit „Der Ultramontane, Alle Wege führen nach Rom“ (2012) große Verdienste erworben hat um diejenigen Teile des deutschen Katholizismus, die sich nicht bloß noch in dessen ebenso harm- wie auswirkungslosen Rückzugsräumen bewegen wollen… (Unvergessen auch seine „12 Fragen an Kardinal Lehmann“ aus dem Jahr 2009, hier!).

Aus seiner Dankesrede sei hier nur ein Satz zitiert: „Auf dem Weg durch die nachrevolutionären Jahrhunderte haben die Menschen Gewicht abgeworfen, die Schuldunfähigkeit, die sie sich attestieren, hat sie federleicht gemacht.“
Schön, nicht? Woher kennen wir nur auf PuLa schon diesen Gedanken des inneren Zusammenhangs von spezifischen Unfähigkeiten mit dem Phänomen der Leichtgewichtigkeit?  Woher nur?

Jedenfalls spielte Mosebachs Katholizismus auch in allen Reden, die an diesem Tag gehalten wurden, eine Rolle, obwohl das natürlich anläßlich der Verleihung eines Literatur-Preises nicht im Vordergrund stand.

Musikgymnasium Schloß Belvedere, Westansicht mit Altbau (Bild: wikipedia, Most Curious)

Die Reden können Sie übrigens nachhören, die KAS hat die Audiofiles zur Verfügung gestellt (hier). Ich empfehle, neben der Ansprache des Preisträgers natürlich, besonders die Laudatio von Professor Heinrich Detering, Göttinger Germanist und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (die charmanten Eingangsworte, man solle seine Bemerkungen lediglich als „Nachtrag zu den Ausführungen der Ministerpräsidentin“ betrachten, die müssen Sie allerdings nicht zum Nennwert nehmen).

Diese Rede von Professor Detering war hinsichtlich dessen, was uns hier interessiert, gleich in mehrerer Hinsicht bemerkenswert, aber hier möchte ich nur auf eines eingehen, auch wenn das leider geeignet ist, die gute Stimmung in der Erinnerung an die schönen Stunden zu trüben.

Detering erinnerte nämlich an den Ausspruch der österreichischen Kritikerin Sigrid Löffler, Mosebach sei ein „Ayatollah des Katholizismus“. Und auch wenn ich diesen Ausdruck so nicht habe finden können, es kann gar kein Zweifel daran bestehen, daß Frau Löffler genauso denkt, wenn man z.B. ein Interview nachliest, das sie anläßlich der Verleihung des Büchner-Preises an Martin Mosebach im Jahr 2007 gegeben hat (hier).

In diesem Interview machte Frau Löffler den Stil von Martin Mosebach in einer Weise runter (anders kann man das nicht ausdrücken), die sogar für die bekannt ruppigen Töne der österreichischen Literaturkritik bemerkenswert ist: Hier werde in einem „verschmuckten und gespreizten Prunkstil geschrieben“, einer „gewollten Schönschreiberei gehuldigt“ und sich „aus der bürgerlichen Mottenkiste des 19. Jahrhunderts“ bedient. Ein „ Poseur“ sei da am Werk, dessen „sprachliche Hochstapelei“ „ständig ins Lächerliche abstürze“.

Nun ja, ich kann das anhand des allerdings bisher nur wenigen, was ich von Mosebachs literarischen Werken gelesen habe, nicht nachvollziehen aber das soll ja auf einem katholischen Blog auch nicht das Thema sein.

Frau Löfflers Grundthese, wie sich bald herausstellt, hat nämlich auch mit ästhetischer Kritik gar nichts zu tun. Diese These besteht in der Behauptung, Matin Mosebach habe den Büchner-Preis gar nicht für sein Schreiben, sondern für seine „konservativ-reaktionäre“ Gesinnung erhalten. Um diese Haltung zu belegen wird, offenbar unvermeidlicherweise, zu einem ganz frühen Zeitpunkt auch der „vorkonziliare Katholik und Befürworter der lateinischen Messe“ bemüht, ebenso wie der „Feuilletonkatholik“. Der Zeitgeist habe sich gewandelt: „Womit man sich vor 15 Jahren vielleicht noch unmöglich gemacht hat, das gilt heute als salonfähig.“

So geht das munter weiter, mit dem Ausdruck der rechten, also linken Gesinnung, nicht angekränkelt von irgendeinem Zweifel an der eigenen Position oder irgendeinem Bemühen, vielleicht zu verstehen, was nach Jahrzehnten der erdrückenden Vorherrschaft des linksliberalen Mainstreams denn gerade an einer Haltung wie der Mosebachs widerständig und also im Sinne des Büchner-Preises auszeichnungswürdig sein könnte. Nebenbei bemerkt: In der Literaturwissenschaft gibt es unterdessen Stimmen, die Georg Büchner von seiner einseitigen Inanspruchnahme durch eine bestimmte politische Richtung zu befreien versuchen (hier). Im Grunde ist es urkomisch, zu beobachten, wie auf der einen Seite der Vorwurf erhoben wird, ein Literaturpreis werde aufgrund der Kunst fremder Kriterien („Gesinnung“) vergeben und auf der anderen Seite ein Werk und eine Person aufgrund politischer Kriterien geradezu exekutiert wird.

Aber wer das nun bis zum Ende genau liest, macht eine interessante Feststellung: War zu Beginn noch qualifizierend, ergo einschränkend, die Rede von bestimmten Erscheinungsformen des Katholischen (“vorkonziliar“), so entfallen eben diese, nachdem sich Frau Löffler so richtig in Rage geredet hat: zum Ende wird bloß noch vom Katholizismus als solchem gesprochen: „Man sieht das sehr gut an der Wiederkehr des Katholizismus, das Feuilleton hat ja in gewissen Kreisen den Katholizismus wieder angenommen.“

Das, geschätzte Leserschaft, ist die Wirklichkeit, in der wir leben, wenn man genau hinschaut und das Aufheulen, als Erzbischof Gerhard Ludwig Müller von der „Pogromstimmung gegen Katholiken“ sprach, ist nur ein weiterer Beleg dafür. Womit wir es zu tun haben, ist nichts weniger als weltanschauliche Feindschaft, die sich ins Gewand des bloß Vernünftigen und „Zeitgemäßen“ kleidet und deswegen um so gefährlicher ist.
Und die erste Voraussetzung etwas dagegen zu tun, unsere Freiheit (und die anderer) zu verteidigen, ist, nicht gleich bis ins Mark zu erschrecken, wenn einer den Begriff „Feind“ auch nur in den Mund nimmt! Das spielt eben demselben nämlich in die Hände…

Aber damit will ich, angesichts des schönen Anlasses, nicht schließen. Wir wollten ja noch auf die Frage nach der „Provinz“ zurückkommen.

Der Preisträger, der sich, wie könnte es an der Wirkungsstätte des gebürtigen Frankfurters Goethe anders sein, Gedanken über den Weg von Frankfurt nach Weimar machte und darüber, wie er beide Städte empfindet, hat uns Weltkulturdörfler tüchtig provoziert, als er doch tatsächlich Weimar eine „puppenstubenhafte Geisterstadt“ nannte, in der es zu viele „Betten, in denen niemand mehr schläft und Tische, an denen sich niemand mehr zum Essen setzt“, gäbe! Da umwölkte sich die Stirn des ihm freundschaftlich verbundenen Präsidenten der Stiftung Weimarer Klassik für einen Moment und sehr zu recht!

Allein, wir sollten großzügig sein, denn wir mußten dem Schriftsteller nur weiter gut zuhören, wie er von der „Stadt ohne die Geistesriesen, die hier eigentlich um jede Ecke kommen müßten“ sprach.
Ja, verehrter Preisträger, aber was erzeugt denn dieses berechtigte Gefühl? Doch wohl nur die Tatsache, daß sie uns in dieser „Stadt von fast perfekter Schönheit“ (Mosebach) eben nicht eigentlich gestorben sind, die „Riesen“, daß sie in Weimar geistig überaus präsent sind (manchmal fast unheimlich präsent!) Jedenfalls können wir ihnen da doch ruhig ein bißchen Platz freihalten ‚in den Betten und an den Tischen‘, oder? 🙂

Hinsichtlich dieses Phänomens ist Weimar wahrscheinlich wirklich das Exempel und die Verkörperung der deutschen Stadt überhaupt, die, unabhängig von ihrer jeweiligen Größe (ich kenne noch viel kleinere) genau so funktioniert! Deutschland hat es eben nie von einer Zentrale her gegeben, viele kleine Höfe (nirgends mehr als in Thüringen) bzw. andere politische Einheiten haben ihre „Riesen“ oder zumindest „Größen“ hervorgebracht, bzw. zur Entfaltung kommen lassen und dort ist dann die Erinnerung an diese Persönlichkeiten gepflegt, ja, wie es so schön und richtig heißt, ‚lebendig erhalten‘ worden.
Und in diesem Sinne gibt es in Deutschland eben gar keine ‚Provinz‘, keine echte ‚Geistesferne‘!

Niemand hat etwas von Deutschland begriffen, der das nicht verstanden hat und es gehört zu den Elementen des Trostes, wenn einem wieder einmal bewußt gemacht wird: In vieler anderen Hinsicht können wir ihr nicht ausweichen, der ‚Provinz‘, bzw. der Provinzialität.

 

Weimar, Stadtschloß in der Abendsonne (eigenes Bild)