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Nochmals Mosebach-Kritik: Irrwege des Denkens. Des Denkens?

Meist gründet sich der Unglaube in einer Sache auf blinden Glauben in einer anderen.

Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“

Also, eigentlich wird es ja langsam ein bißchen langweilig, aber nachdem wir hier das Thema: Kritik an Martin Mosebachs These zum Zusammenhang von Protestantismus, Säkularisierung und Glaubensverlust im Osten Deutschlands schon mehr als einmal hatten und immerhin mit einem PuLa-exklusiven gedanklich hochwertigen Kommentar!, fühle ich mich gewissermaßen verpflichtet, Sie nun darauf hinzuweisen, daß sich mittlerweile auch Margot Käßmann, „Luther-Botschafterin“ der EKD (ist „Luther“ eigentlich ein fremdes Land, daß er eine „Botschafterin“ braucht? 😉 ) zu Mosebach geäußert hat.

Das geschah im Blog von „chrismon.de, Das evangelische Online-Magazin“ einer Publikation der EKD also beinahe offiziell.

Zunächst einmal ist es ja überraschend, welche Resonanz die vielleicht gar nicht soo durchdachten Äußerungen Mosebachs erzeugen! Sollte er einen wunden Punkt getroffen haben, wie das ja Aufgabe der Dichter sein kann?

Doch ernsthaft über das Verhältnis von Säkularisierung und Glaubensverlust im allgemeinen und die Rolle des (deutschen) Protestantismus dabei im besonderen nachzudenken, dafür ist hier vielleicht nicht der Ort, bzw. das traue ich mir auch nicht so ohne weiteres zu.

Ich bin nur erstmal froh, daß chrismon gerade Frau Käßmann hat schreiben lassen.

Doch, wirklich! Man stelle sich vor, was dabei herausgekommen wäre, wenn sie den Chefredakteur gelassen hätten. Arnd Brummer, Apostat, zuletzt bekannt geworden durch antikatholische Ausfälle geschmackvoller Weise im unmittelbaren Vorfeld des Papstbesuchs. Aber gut, es ging ja auch um wichtigere Dinge als Geschmack, er wollte Werbung machen für sein neues Buch „Unter Ketzern“. Da sieht man, wie weit die vielbeschworene „Brüderlichkeit“ in der Ökumene reicht, wenn es um „wirklich wichtige“ Dinge geht…

Oder, vielleicht noch schlimmer, Wolfgang Thielmann, seit Dezember 2010 bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ im Ressort „Christ und Welt“ verantwortlich für „Kirche und Religion“. Lesen Sie mal, was er dort über die Berufung von Gerhard Ludwig Müller an die Spitze der Glaubenskongregation geschrieben hat, hier. Ich weiß nicht, was ich an diesem Text schlimmer finde, die kaum verhüllte Gehässigkeit oder die schier nicht mehr zu überbietende Fremdheit zu jedem, aber auch jedem katholischen Empfinden.

Was ich aber auf jeden Fall schlimm finde, ist, daß in diesem Land eine Wochenzeitung mit dem Anspruch der „Zeit“ (ob der eingelöst wird, steht auf einem anderen Blatt!) solche Leute über katholische Themen schreiben läßt und so das fördert, was PuLa schon vor längerem gültig formuliert hat: „Das ständige Katholiken-Bashing ist der blinde Fleck der Politischen Korrektheit in diesem Land“.

Und solange fatalerweise katholischerseits die Gewöhnung an dieses Phänomen so ausgeprägt ist, daß man es vielfach schon gar nicht mehr bemerkt, ja schlimmer noch, viele ständig in die „Sprache des Gegners fallen“, solange wird hier daran erinnert werden.

Aber nun zu Frau Käßmanns Einlassungen: Nach kurzer Einführung in Mosebachs Artikel mit Stellenangabe und der Charakterisierung als „gewagte Behauptung“ folgt dieser eigentümliche Satz:

„Und eine steile Vorlage für alle, die das Reformationsjubiläum 2017 nicht unter Beteiligung der Katholiken begehen wollen, sondern sich, wie Mosebach, lieber zurück vor das Zweite Vatikanische Konzil und seine neue ökumenische Zielbestimmung begeben wollen.“

Wenn ich das richtig lese, dann heißt das, es gibt evangelischerseits Menschen, die wollen sich „wie Mosebach“ vor das zweite Vatikanum begeben? Aha, hätte ich gar nicht gedacht! 😉

Ernstlich soll diese ulkige Formulierung wohl bedeuten, es gibt auch im protestantischen Lager Menschen, die wollen Katholiken beim Feiern der Reformation nicht dabei haben. Richtig so! Denn es gibt katholischerseits nichts zu feiern und ein bloßes „Begehen“ würde ich meinen evangelischen Freunden gar nicht wünschen! Mir scheint manchmal, die müssen schon im eigenen Lager genug darauf achten, daß alle meinen, es gebe tatsächlich „die eine Reformation“ zu feiern…

Aber natürlich werden doch wieder katholische Bischöfe höflich Einladungen annehmen und sich mit freundlichem Lächeln Dinge anhören, derentwegen sie eigentlich den Raum verlassen müßten. PuLa findet, ein bißchen mehr Ehrlichkeit bei allen Beteiligten täte echter Ökumene gut, auch wenn wir das eine oder andere Glas Sekt mal nicht miteinander trinken…

Ja, und dann fährt Frau Käßmann fort

„Einspruch, Martin Mosebach!“

Uaaah-Gäääähn! Chrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr……….

Huh? Was? Oh, Verzeihung, ich bin angesichts der originellen rhetorischen Formel doch glatt in einen Sekundenschlaf gefallen, das ist mir aber peinlich; wo waren wir?

Ach ja, bei den Gründen von Frau Käßmann gegen Mosebach These. Tja. Lesen Sie selbst, ich finde lediglich die Aussage, die deutschen Kommunisten seien eben bei dem Kampf gegen die Religion gründlicher gewesen als andernorts. Daß dies erstens belegt werden müßte und zweitens das Problem lediglich verschiebt (warum waren denn die deutschen Kommunisten so, was hatte sie geprägt?), dürfte ziemlich offenkundig sein, nicht?

Aber dann kommt erst der eigentlich interessante Teil, nämlich etwas, was ich, leider!, für einen charakteristischen „Umschlag“ halte, der in einer bestimmten Form des öffentlich wirksamen Protestantismus in Deutschland immer wieder zu beobachten ist, achten Sie künftig mal drauf:

„Es ist eine zentrale Errungenschaft der Reformation, daß Glaube und Vernunft beieinanderbleiben. Aufklärung und Säkularisierung waren doch keine Irrwege!“

Und ab sofort ist dann, hier wie anderswo, vom Glauben nur mehr wenig die Rede, aber umso mehr von den Segnungen der Trennung von Religion und Kirche und davon, die Freiheit keiner Religionsgemeinschaft anzugehören, verwirkliche Luthers „Freiheit eines Christenmenschen“. Letzteres erscheint mir nun schon sprachlogisch schwierig, setzt doch Luther in dem Wort gerade den „Christen“ voraus, aber es tut ihm m.E. auch ansonsten unrecht. Denn Martin Luther war, was auch immer sonst, ein leidenschaftlich Glaubender! Kennen Sie die Geschichte, wo er noch als alter Mann heruntergefallene Tropfen des Weins beim Abendmahl auf Knien mit der Zunge aufgeleckt haben soll? That’s the spirit, Frau Käßmann!

Aber etliche heutige Protestanten verteidigen lieber „Aufklärung und Säkularisierung“ als „richtige Wege“.

Hm! Mir scheint, egal wie ich beide Dinge im Einzelnen definiere (und eine genauere Definition täte gewiß not!), soviel steht fest, die historisch-konkreten Ausprägungen beider Phänomene haben ganz sicherlich zu einem Verlust an Glauben in großem Umfang geführt. Und sie haben in ihren aggressivsten Ausprägungen, von der Vendée bis in den Gulag immer gerade die Priester und die Geistlichen christlicher Gemeinschaften brutal verfolgt.

Waren das bloß „Kollateralschäden“ auf dem „richtigen Weg“? Aber solches Denken würde doch zu der friedensbewegten Frau Käßmann gar nicht passen…

Weiterhin möchte ich gerne mal fragen, ob die „Botschafterin“ schon mal was von einer mittlerweile bereits etliche Jahrzehnte andauernden Debatte über die „Aufklärung“ (meinetwegen auch die „Dialektik der Aufklärung“) gehört hat. Oder darüber, daß inzwischen aber nun auch jeder mit der „großen Erzählung“ von der quasi naturgesetzlich fortschreitenden Säkularisierung abgeschlossen hat. Das war bloß ein eurozentrischer Schmarrn!

Ich finde es nachgerade atemberaubend, wie man sich im Jahr 2012 mit christlichem, also „glaubendem“ Anspruch scheinbar völlig unbeleckt von diesen geistigen Entwicklungen äußern kann. Es ist beinahe nur durch eine Art „Glauben“ an die Aufklärung zu erklären…

Werte EKD, ihr habt vermutlich die telegenste (obwohl?) Kandidatin zur Botschafterin gemacht, seid ihr sicher, es war auch die schlaueste?

Also, Frau Käßmann, es ist ja sicher nett gemeint, daß sie sich zum Schluß Ihres Blogeintrags nochmal ein gemeinsames Feiern wünschen, und vom Feiern verstehen Sie ja auch was, aber es bleibt dabei, ich möchte lieber nicht.

Vielmehr gilt: „Lieber ein Meßkännchen als ein Käßmännchen“, sorry! 🙂

Meßkännchen, Augsburg, ca. 1735

PS: Auch „Schwester Robusta“ hat sich bereits zu dem Thema geäußert: Hier entlang!

 

 

Ein Kommentar

  1. Gabriele schrieb:

    PPS: Und der Morgenländer auch:
    http://morgenlaenders-notizbuch.blogspot.de/2012/07/wieder-mal-kase.html

    :))

    Samstag, 21. Juli 2012 um 14:21 | Permalink

3 Trackbacks/Pingbacks

  1. Pulchra ut Luna › Eine wunderbare Freundschaft? on Samstag, 24. November 2012 um 08:33

    […] einmal, ein Schlaglicht auf ein Problem, das wir auf PuLa schon einmal beleuchtet haben, den „Glauben an die Aufklärung“, wie ich es gerne […]

  2. […] immer man über Martin Mosebach denken mag, auf PuLa scheint er immer wieder zu Debatten zu führen, die nachwirken. Aber nicht nur hier! Seine Bemerkungen über Weimar […]

  3. […] sagen können… 🙂 Frau Bahr (die auf PuLa nicht zum ersten Mal vorkommt, wenn auch sehr versteckt) wiederum zeichnet ihre gelassene, rein faktenorientierte Antwort aus, findet PuLa, […]

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