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Provinz? Eher nicht! Feinde? Aber sicher!

Ach ja! War das ein schöner Tag, dieser Sonntag, der 23. Juni. So recht dazu angetan, einen für ein paar Stunden vergessen zu lassen, daß wir in unserem Weltkulturdorf Weimar eben doch in der Provinz leben.

Bloß gut, daß es stets genug Menschen gibt, die einen zügig wieder daran erinnern!
Wobei, auf den Begriff ‚Provinz‘ wird noch zurückzukommen sein.

Ausgelöst hat diese temporäre Hochstimmung die diesjährige Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die 21. schon, nebenbei bemerkt und ich war unglaublicherweise schon bei der ersten im Jahr 1993 dabei; Uff! 😉
Die fand noch im Hotel ‚Russischer Hof‘ statt, da war der Neubau des Musikgymnasiums Belvedere, wo diese Veranstaltung jetzt ihre Heimat gefunden hat, nämlich noch gar nicht errichtet. Bei der Einweihung desselben 1996, an die ich mich auch gut erinnere, da hatte die Deutsche Bank noch Chefs, mit denen man sich als bürgerlicher Mensch gerne zusammen sehen ließ…

Musikgymnasium Schloß Belvedere, Neubau (Bild: Wikipedia, Most Curious)

Aber bevor wir in Nostalgie versinken: Es war auch heuer wieder richtig schön. Das Wetter (das diese Veranstaltung eigentlich nie im Stich läßt) wurde im Verlauf immer besser, die Reden und die guten Gespräche in der hier einmal gelungenen Mischung alter und neuer Architektur, und die bewährte Gastfreundschaft der bundesweit renommierten Schule, einfach angenehm!

Und was hat das mit „Katholisch in Weimar“ zu tun, bzw., wo liegt der Obligatory Catholic Content (OCC)?

Im Preisträger! Es handelte sich nämlich um Martin Mosebach, den Frankfurter Romancier, der sich mit der „Häresie der Formlosigkeit“ (2002) und zuletzt mit „Der Ultramontane, Alle Wege führen nach Rom“ (2012) große Verdienste erworben hat um diejenigen Teile des deutschen Katholizismus, die sich nicht bloß noch in dessen ebenso harm- wie auswirkungslosen Rückzugsräumen bewegen wollen… (Unvergessen auch seine „12 Fragen an Kardinal Lehmann“ aus dem Jahr 2009, hier!).

Aus seiner Dankesrede sei hier nur ein Satz zitiert: „Auf dem Weg durch die nachrevolutionären Jahrhunderte haben die Menschen Gewicht abgeworfen, die Schuldunfähigkeit, die sie sich attestieren, hat sie federleicht gemacht.“
Schön, nicht? Woher kennen wir nur auf PuLa schon diesen Gedanken des inneren Zusammenhangs von spezifischen Unfähigkeiten mit dem Phänomen der Leichtgewichtigkeit?  Woher nur?

Jedenfalls spielte Mosebachs Katholizismus auch in allen Reden, die an diesem Tag gehalten wurden, eine Rolle, obwohl das natürlich anläßlich der Verleihung eines Literatur-Preises nicht im Vordergrund stand.

Musikgymnasium Schloß Belvedere, Westansicht mit Altbau (Bild: wikipedia, Most Curious)

Die Reden können Sie übrigens nachhören, die KAS hat die Audiofiles zur Verfügung gestellt (hier). Ich empfehle, neben der Ansprache des Preisträgers natürlich, besonders die Laudatio von Professor Heinrich Detering, Göttinger Germanist und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (die charmanten Eingangsworte, man solle seine Bemerkungen lediglich als „Nachtrag zu den Ausführungen der Ministerpräsidentin“ betrachten, die müssen Sie allerdings nicht zum Nennwert nehmen).

Diese Rede von Professor Detering war hinsichtlich dessen, was uns hier interessiert, gleich in mehrerer Hinsicht bemerkenswert, aber hier möchte ich nur auf eines eingehen, auch wenn das leider geeignet ist, die gute Stimmung in der Erinnerung an die schönen Stunden zu trüben.

Detering erinnerte nämlich an den Ausspruch der österreichischen Kritikerin Sigrid Löffler, Mosebach sei ein „Ayatollah des Katholizismus“. Und auch wenn ich diesen Ausdruck so nicht habe finden können, es kann gar kein Zweifel daran bestehen, daß Frau Löffler genauso denkt, wenn man z.B. ein Interview nachliest, das sie anläßlich der Verleihung des Büchner-Preises an Martin Mosebach im Jahr 2007 gegeben hat (hier).

In diesem Interview machte Frau Löffler den Stil von Martin Mosebach in einer Weise runter (anders kann man das nicht ausdrücken), die sogar für die bekannt ruppigen Töne der österreichischen Literaturkritik bemerkenswert ist: Hier werde in einem „verschmuckten und gespreizten Prunkstil geschrieben“, einer „gewollten Schönschreiberei gehuldigt“ und sich „aus der bürgerlichen Mottenkiste des 19. Jahrhunderts“ bedient. Ein „ Poseur“ sei da am Werk, dessen „sprachliche Hochstapelei“ „ständig ins Lächerliche abstürze“.

Nun ja, ich kann das anhand des allerdings bisher nur wenigen, was ich von Mosebachs literarischen Werken gelesen habe, nicht nachvollziehen aber das soll ja auf einem katholischen Blog auch nicht das Thema sein.

Frau Löfflers Grundthese, wie sich bald herausstellt, hat nämlich auch mit ästhetischer Kritik gar nichts zu tun. Diese These besteht in der Behauptung, Matin Mosebach habe den Büchner-Preis gar nicht für sein Schreiben, sondern für seine „konservativ-reaktionäre“ Gesinnung erhalten. Um diese Haltung zu belegen wird, offenbar unvermeidlicherweise, zu einem ganz frühen Zeitpunkt auch der „vorkonziliare Katholik und Befürworter der lateinischen Messe“ bemüht, ebenso wie der „Feuilletonkatholik“. Der Zeitgeist habe sich gewandelt: „Womit man sich vor 15 Jahren vielleicht noch unmöglich gemacht hat, das gilt heute als salonfähig.“

So geht das munter weiter, mit dem Ausdruck der rechten, also linken Gesinnung, nicht angekränkelt von irgendeinem Zweifel an der eigenen Position oder irgendeinem Bemühen, vielleicht zu verstehen, was nach Jahrzehnten der erdrückenden Vorherrschaft des linksliberalen Mainstreams denn gerade an einer Haltung wie der Mosebachs widerständig und also im Sinne des Büchner-Preises auszeichnungswürdig sein könnte. Nebenbei bemerkt: In der Literaturwissenschaft gibt es unterdessen Stimmen, die Georg Büchner von seiner einseitigen Inanspruchnahme durch eine bestimmte politische Richtung zu befreien versuchen (hier). Im Grunde ist es urkomisch, zu beobachten, wie auf der einen Seite der Vorwurf erhoben wird, ein Literaturpreis werde aufgrund der Kunst fremder Kriterien („Gesinnung“) vergeben und auf der anderen Seite ein Werk und eine Person aufgrund politischer Kriterien geradezu exekutiert wird.

Aber wer das nun bis zum Ende genau liest, macht eine interessante Feststellung: War zu Beginn noch qualifizierend, ergo einschränkend, die Rede von bestimmten Erscheinungsformen des Katholischen (“vorkonziliar“), so entfallen eben diese, nachdem sich Frau Löffler so richtig in Rage geredet hat: zum Ende wird bloß noch vom Katholizismus als solchem gesprochen: „Man sieht das sehr gut an der Wiederkehr des Katholizismus, das Feuilleton hat ja in gewissen Kreisen den Katholizismus wieder angenommen.“

Das, geschätzte Leserschaft, ist die Wirklichkeit, in der wir leben, wenn man genau hinschaut und das Aufheulen, als Erzbischof Gerhard Ludwig Müller von der „Pogromstimmung gegen Katholiken“ sprach, ist nur ein weiterer Beleg dafür. Womit wir es zu tun haben, ist nichts weniger als weltanschauliche Feindschaft, die sich ins Gewand des bloß Vernünftigen und „Zeitgemäßen“ kleidet und deswegen um so gefährlicher ist.
Und die erste Voraussetzung etwas dagegen zu tun, unsere Freiheit (und die anderer) zu verteidigen, ist, nicht gleich bis ins Mark zu erschrecken, wenn einer den Begriff „Feind“ auch nur in den Mund nimmt! Das spielt eben demselben nämlich in die Hände…

Aber damit will ich, angesichts des schönen Anlasses, nicht schließen. Wir wollten ja noch auf die Frage nach der „Provinz“ zurückkommen.

Der Preisträger, der sich, wie könnte es an der Wirkungsstätte des gebürtigen Frankfurters Goethe anders sein, Gedanken über den Weg von Frankfurt nach Weimar machte und darüber, wie er beide Städte empfindet, hat uns Weltkulturdörfler tüchtig provoziert, als er doch tatsächlich Weimar eine „puppenstubenhafte Geisterstadt“ nannte, in der es zu viele „Betten, in denen niemand mehr schläft und Tische, an denen sich niemand mehr zum Essen setzt“, gäbe! Da umwölkte sich die Stirn des ihm freundschaftlich verbundenen Präsidenten der Stiftung Weimarer Klassik für einen Moment und sehr zu recht!

Allein, wir sollten großzügig sein, denn wir mußten dem Schriftsteller nur weiter gut zuhören, wie er von der „Stadt ohne die Geistesriesen, die hier eigentlich um jede Ecke kommen müßten“ sprach.
Ja, verehrter Preisträger, aber was erzeugt denn dieses berechtigte Gefühl? Doch wohl nur die Tatsache, daß sie uns in dieser „Stadt von fast perfekter Schönheit“ (Mosebach) eben nicht eigentlich gestorben sind, die „Riesen“, daß sie in Weimar geistig überaus präsent sind (manchmal fast unheimlich präsent!) Jedenfalls können wir ihnen da doch ruhig ein bißchen Platz freihalten ‚in den Betten und an den Tischen‘, oder? 🙂

Hinsichtlich dieses Phänomens ist Weimar wahrscheinlich wirklich das Exempel und die Verkörperung der deutschen Stadt überhaupt, die, unabhängig von ihrer jeweiligen Größe (ich kenne noch viel kleinere) genau so funktioniert! Deutschland hat es eben nie von einer Zentrale her gegeben, viele kleine Höfe (nirgends mehr als in Thüringen) bzw. andere politische Einheiten haben ihre „Riesen“ oder zumindest „Größen“ hervorgebracht, bzw. zur Entfaltung kommen lassen und dort ist dann die Erinnerung an diese Persönlichkeiten gepflegt, ja, wie es so schön und richtig heißt, ‚lebendig erhalten‘ worden.
Und in diesem Sinne gibt es in Deutschland eben gar keine ‚Provinz‘, keine echte ‚Geistesferne‘!

Niemand hat etwas von Deutschland begriffen, der das nicht verstanden hat und es gehört zu den Elementen des Trostes, wenn einem wieder einmal bewußt gemacht wird: In vieler anderen Hinsicht können wir ihr nicht ausweichen, der ‚Provinz‘, bzw. der Provinzialität.

 

Weimar, Stadtschloß in der Abendsonne (eigenes Bild)

Ein Trackback/Pingback

  1. […] auf PuLa scheint er immer wieder zu Debatten zu führen, die nachwirken. Aber nicht nur hier! Seine Bemerkungen über Weimar anläßlich der KAS-Literaturpreisverleihung sind auch sonst nicht ohne Echo geblieben. Und so […]

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