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Die Wolfsschutzmaßnahme

Die Wolfsschutzmaßnahme (Das Gingkobäumchen 2/2)

Ein Sketch für vier Personen, fünf Schafe, zwei Lämmchen und beliebig viele Schafstatisten

 

Wundersdorf, Oderbruch, am vergangenen Sonntagnachmittag. Wie besprochen, hat Richard unter der Woche bei Kolbinger in der Altlandsberger Chaussee ein junges Gingko-Bäumchen erworben und nun auf seinen Fahrradanhänger geschnallt. Gemeinsam mit seiner Frau Edith und seinen Töchtern Emily und Teresa radelt er (nicht ohne eine Thermoskanne heißen Tees im Rucksack) jetzt vor die Tore der Stadt. Die vier wollen mit den Schafen das Problem „Neuevangelisierung und überhaupt“ besprechen, welches sie neulich anläßlich einer Fernsehreklame andiskutiert haben. Während die Eltern geruhsam ihres Weges radeln, sind die Kinder schneller vorneweggefahren. Einige hundert Meter, bevor Richard und Edith den Abzweig zur Weide erreichen, kommt Teresa ihnen schon wieder entgegen.

Edith: Was ist los?

Teresa: Die Schaftrift ist gesperrt.

Sperrung Schaftrift (eigenes Bild)

Richard (bremst; ungläubig): Was?

Teresa: Die Große Schaftrift ist gesperrt, Sackgasse, ohne Wendemöglichkeit für LKW. Da muß richtig was los sein. Emily guckt schon mal.

Keine Wendemöglichkeit (eigenes Bild)

Edith: Mit den Fahrrädern kommen wir bestimmt durch, aber der Anhänger ist jetzt natürlich blöd … (Skeptisch betrachtet sie das Gingkobäumchen.)

Richard: Papperlapapp. Wir werden schon irgendwie hinkommen. Ich fahr den Baum nicht wieder nach Hause! (Er tritt in die Pedale. Doch als sie zum Abzweig Schaftrift kommen, steht da in der Tat ein Schild, an dem Emily inzwischen auf die drei Nachzügler wartet.)

Emily: Alles halb so wild. Die Schafe bauen nur schon wieder irgendwas, und da stand wohl eine Weile der neue Pritschenwagen quer. Mit dem Fahrrad kommt man aber problemlos durch.

Edith (grinst): Na, das klingt ja vielversprechend.

Auf der Schafweide herrscht in der Tat (wie so häufig) reges Treiben. Alle Schafe sind so beschäftigt, daß sie die vier zunächst gar nicht bemerken. In Ruhe können Langenfelds beobachten, daß nicht nur einige Schafe einen ziemlich überdimensionalen Zaun hochziehen, sondern daß auch eine Gruppe um Flocke, Wolle, Kohle, Blütenweiß, Grauchen, Fixi und Huf eine – was ist das? – eine Heiligenstatue oder so etwas aufzurichten scheint. Irgendwo hat jemand eine kleine Musikanlage aufgestellt, auf der Amy Macdonald läuft.

 

Eine Weile schauen die vier zu. Dann:

Edith (im Terzenruf): Haaaal-looooo! Kooooh-leeee! Woooool-leeee! Fi-xiiiiiii! Huuuu-uuuuuf!

Kohle (blickt auf, blökt grüßend von weitem und kommt dann rasch mit einigen Schafen angetrabt): Hallo Edith, Richard, Emily und Teresa! Schreit doch nicht so, wir kommen ja schon! (Teresa, Fixi und Huf begrüßen sich.)

Edith: Was treibt ihr denn da? Das sieht ja gewaltig aus!

Wolle: Es ist wegen dem Wolf.

Huf (löst sich aus Teresas Umarmung): Wegen des Wolfes.

Richard (zu Huf): Schon gut. (Zu den andern): Aber was soll das alles bedeuten?

Flocke: Ein Wolf ist in der Gegend …

Kohle: … genau genommen eine Wölfin

Flocke: … eine Wölfin

Fixi: … mit Jungen …

Blütenweiß: … oder ein Rudel!

Grauchen: Jedenfalls hört man ständig von Überfällen auf die Schafherden in der Umgebung und der NABU schützt wieder nur den Wolf …

Wolle: … statt der Nutztiere!!!

Kohle: Die Terminatoren werden wieder mal den Multiplikatoren vorgezogen.

Edith (nickt): Klar!

Blütenweiß: Und da haben wir es mit der Angst zu tun gekriegt!

Emily: Ihr Armen! Ja! Ich habe in der Zeitung davon gelesen! Schlimm!

Edith: Dezimierte Herden, wo man hinschaut …

Richard: Aber was haben eure Aktionen damit zu tun … also das da drüben mit dem Zaun versteh ich ja noch …

Zaun (eigenes Bild)

Kohle (unterbricht ihn barsch): Papperlapapp! Zaun! (Er schnaubt.) Wölfe springen über anderthalb oder zwei Meter hohe Zäune, ohne mit der Wimper zu zucken! Das bringt überhaupt nichts!

Edith (ratlos): Ja … und jetzt? Ihr bleibt ungeschützt hinter diesem kniehohen Gatter, wo Teresa schon vor fünf Jahren einfach so drübergeklettert ist? (Sie sucht Teresa mit den Augen, die mit Fixi und Huf irgendwo Richtung Herde davongestromert ist.) Hat Tatze eine Fortbildung zum Herdenschutzhund gemacht? (Sie hält nach Tatze Ausschau, der unter der Tanne liegt und schläft.)

Grauchen (rollt die Augen): Tatze!

Wolle: Also nichts gegen Tatze, aber auf den können wir uns nicht verlassen.

Kohle (mit Betonung): Den schützen eher wir.

Blütenweiß (geheimnisvoll): Neinein! Tatze und unser Gatter sind ja nicht alles … Schaut! … (Sie lockt Emily, Edith und Richard mit einem Blick in Richtung Statue und läuft voraus).

Emily (klettert über das Gatter): Esel sollen ja auch helfen …

Flocke (steigt sofort auf das Thema ein): Ja! Genau! Das habe ich auch gesagt! Die schreien und vertreiben so den Wolf – fertig!

Kohle: Flocke! Das hatten wir doch nun zur Genüge!

Flocke (seufzt): Ich weiß, ich weiß … wir haben wieder nicht mal genug Sänger für eine „Bremer-Stadtmusikanten“-Formation zusammengekriegt … (Sie schnaubt) Eine Affenschande ist das! (mitteilungsbedürftig): Dabei hätte ich eine 1A Katze abgegeben! (Sie singt) „Der Hölle Rrrrrraaaaaache kocht in meinem Her! – zen!“

Grauchen: Ok, Flocke!

Flocke (ist nicht zu bremsen): „Toooooooooooooood und Verzweif! – lung!“

Kohle (hält sich die Ohren zu, indem er den Kopf zwischen die Vorderläufe steckt): Ja doch!!!

Richard hat sein Fahrrad mitsamt Anhänger sicher abgestellt und ist mit Edith und Emily hinter Blütenweiß her bei der Statue angekommen.

Emily: Ein Standbild ….

Richard: Eine Heiligenfigur!

Edith: Franz von Assisi? (Sie schaut Blütenweiß an.)

Blütenweiß (weltmännisch): Genau so ist es! Der Heilige Franz von Assisi. Natürlich!

Emily (beginnt zu verstehen): Attribut Wolf … ?

Flocke: Wir holen uns den Heiligen ran. Zum Schutz.

Richard: Ja aber … Gibt es da nicht …

Blütenweiß: Edmund von Ostanglien. Wissen wir.

Grauchen: Oder den Heiligen Arnulf. Auch Attribut Wolf.

Wolle: Klar! Da gibt’s mehrere.

Flocke: Aber deren Erlebnisse mit Wölfen sind so unspezifisch.

Blütenweiß: Franz von Assisi hat genau das richtige!

Richard: Jaja … ihr habt sicher Recht … aber das war es gar nicht, was ich meinte …

Edith: … so eine Statue als Schutz ….?

Wolle (stutzt): Ihr wollt doch nicht sagen, ihr versteht das ganze Prinzip nicht?

Richard: Äh … ja.

Edith: Genau das.

Emily: Aber Mama! Das hab ja sogar ich kapiert.

Wolle (vorsichtig): Stichwort „Dove sveta“!

Kohle (pädagogisch): Wo die Statue ist …? Hm? Weilt der Heilige!

Flocke (zufrieden): Und entfaltet seine schützenden Kräfte.

Edith (mit einem Rest Skepsis): Und das hilft gegen den Wolf in der Nacht …?

Blütenweiß: Selbstverständlich!

Kohle: Seht mal! Es ist doch alles symbolisch zu sehen.

Grauchen: Es geschieht doch nichts einfach so!

Flocke: Die Frage ist doch: Was tun wir, um die Herde zu bewahren …

Grauchen: … vor dem Wirken des Feindes.

Blütenweiß: Die eine Strategie ist: Man macht dicht und versucht, den alten Schutzraum zu halten.

Wolle: Nach dem Motto: Hauptsache, wir paar bleiben zusammen und gehen um Himmels Willen auf niemanden anderen zu.

Flocke: Das sind die, die die Zäune bauen.

Kohle (pathetisch): Aber diese Strategie ist dem Tode geweiht.

Blütenweiß (nimmt den Faden wieder auf): Die andere Strategie ist: Man besinnt sich auf alte Werte, alte Gebetsformen und Rituale und vor allem natürlich die Heiligen und vertraut denen die Herde an …

Wolle (treuherzig): Das halten wir für weitaus vielversprechender!

St. Franziskus und der Wolf von Gubbio (Bild Wikimedia Commons, Nutzer Zorro2212)

Edith (beginnt den linden Hauch zu spüren, der von der Figur ausgeht): Ich glaube, ihr habt wie immer Recht! (Sie lächelt.)

Kohle (stolz): Nicht wahr?!

Huf (kommt vom Gatter her angetrabt): Richard! Warum fährst du eigentlich einen Baum spazieren?

Richard (seinerseits geheimnisvoll): Tjaha!

Edith: Das ist ein Gingkobäumchen!

Emily: Das möchten wir euch schenken.

Richard: Wie wir gerade gesehen haben, braucht ihr es zwar eigentlich gar nicht, denn ihr tut schon alles für das Gedächtnis.

Edith: Aber pflanzen können wir es ja trotzdem!

Richard: Ich brauch jetzt aber erstmal einen Schluck Tee!

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

 

Ja, so geht’s zu rund um Wundersdorf! Oder wie ein bekannter Weimarer Mitbürger wohl formuliert haben würde: „Alles Schafische ist nur ein Gleichnis.“ 🙂

GL

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