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Das Nikolaus-Rätsel 2/2

Das Rentierdilemma

Ein Sketch für einen Weihnachtsmann, fünf Schafe, zwei Lämmchen, einen Hütehund und jede Menge Schafstatisten

 

Wundersdorf, Schafweide. Die Schafe haben sich längst damit abgefunden, daß der Nikolaus in diesem Jahr offenbar ausbleibt und widmen sich ihrem Alltagsgeschäft: In der milden Witterung, die sich Mitte Dezember häufig einzustellen pflegt, grasen einige, einige spielen Fangen auf der Weide. Tatze, der Hütehund, übt einige Verteidigungsabläufe, die er in seiner inzwischen doch absolvierten Fortbildung zum Herdenschutzhund wegen der wachsenden Wolfsgefahr gelernt hat. Da plötzlich …

 

Huf (ruft am Gatter): Da ist er!!! (Er dreht sich um und treibt einige Schafe zum Zaun.) Er kommt doch noch!

Die Schafe (durcheinander): Wer? – Heeee! – Was machst du? – (weinerlich) Ich hatte gerade ein paar verstreute Gänseblümchen gefunden! Jetzt ißt sie jemand anders! – Man hat kein Privatleben auf der Weide! (Doch plötzlich, als sie vom Gatter aus den Weg entlangblicken): Da kommt ja der Nikolaus! – Oder der Weihnachtsmann! – Warum hast du uns das nicht gleich gesagt?! – Kommt alle her! – Hey, er kommt doch noch! – Wußt ich’s doch!

Huf: Na? Hatte ich Recht?!

Fixi (kommt angetrabt): Wer ist da?

Grauchen: Der Weihnachtsmann!

(Der Weihnachtsmann ist mittlerweile am Gatter angekommen und steigt über den Zaun.)

Kohle: Guten Morgen, Weihnachtsmann! Wir hatten fast schon nicht mehr mit dir gerechnet!

Der Weihnachtsmann: Ach! Hört bloß auf! Ich erzähle gleich. Laßt mich nur erstmal ankommen! (Er läßt sich auf einen abgehauenen Baumstumpf plumpsen.)

Fixi: Warum bist du nicht der Nikolaus?

Der Weihnachtsmann: Irgendwie bin ich das schon mal gefragt worden …

Flocke (besorgt): Den Kressesalat, den wir für dich vorbereitet hatten, haben wir mittlerweile selber gegessen … (sie errötet ein wenig.)

Der Weihnachtsmann: Laß gut sein, Flocke, es ist alles in Ordnung! Ich brauche nichts.

Wolle: Aber sag, warum kommst du erst heute?

Der Weihnachtsmann: Rudolph liegt wieder mal auf der Plauze … wie jedes Jahr vor Weihnachten!

Blütenweiß: Rudolph, the red-nosed reindeer?

Der Weihnachtsmann: Genau der!

Grauchen: Ja … aber … und … hä?

Flocke: Führt er nicht wegen seiner Nase den Schlitten in der Nacht? (Sie macht große Augen.)

Der Weihnachtsmann: Ach, liebe Flocke! Da hat sich unsere Marketing-Abteilung irgendwann eine rührselige Geschichte ausgedacht, um zu vertuschen, daß Rudolph ständig zu Weihnachten krank ist … eine unglaublich dumme Geschichte! (Er schnaubt.)

Fixi: Warum dumm?

Der Weihnachtsmann: Weil niemals jemand integriert würde, den alle vorher gehänselt haben … nicht mal beim Weihnachtsmann! So was klappt einfach nicht. Dann bräuchten alle anderen ja die Einsicht, daß sie ungerecht gehandelt haben.

Huf (mit einem Kloß im Hals): Und so etwas gibt es nicht?

Der Weihnachtsmann: Nein, lieber Huf! (Er seufzt.) So etwas gibt es nicht. Das erzählt man heutzutage Kindern, damit sie nicht den Mut verlieren. Aber jemand, der besonders ist oder was Besonderes kann, wird niemals in einer Gruppe integriert …

Kohle: … es sei denn, alle in dieser Gruppe können etwas Besonderes – wie bei uns in Wundersdorf!

Der Weihnachtsmann: Da hast du Recht, Kohle! Das ist die einzige Möglichkeit. Aber wie gesagt: Die ganze Geschichte ist von vorne bis hinten erfunden – bis auf Rudolphs rote Erkältungsnase.

Fixi: Armer Rudolph – immer ausgerechnet zu Weihnachten krank!

Der Weihnachtsmann: Ich denke, er kommt zurecht. Er ist es gewöhnt und hat gute Pflege.

Flocke: Aber sag einmal – du bist doch sonst pünktlich gekommen – trotz aller Schwierigkeiten. Was war dieses Jahr los?

Der Weihnachtsmann (seufzt): Diese Greta Thunberg hat alle restlichen Rentiere abgezogen und läßt sich CO2-neutral in der Gegend herumfahren! Dasher und Dancer, Prancer und Vixen, Comet und Cupid, Donner und Blitzen – alle vier Paare!

Die Schafe (in heller Aufregung): Waaaaas? – Das gibt’s doch gar nicht! – Und so etwas läßt du zu? – Das bringt ja den Weltenlauf durcheinander! – Und wer denkt an die vielen Kinder?

Kohle: Du hattest dieses Jahr keine Rentiere zur Verfügung?

Der Weihnachtsmann: Nein. Keine.

Flocke: Dann bist du vom Nordkap … gelaufen?

Wolle: Dafür warst du schnell! Wir haben erst den 10ten.

Der Weihnachtsmann: Neinnein, ich hatte schon ein Gefährt … es steht an der Nikolauskapelle

Grauchen (mit Betonung): Aaaaber …?

Der Weihnachtsmann: Donner und Blitzen, die bei uns für den Fuhrpark zuständig sind, stehen natürlich auf Windenergie und solche Dinge …

Blütenweiß: Ja. Und?

Der Weihnachtsmann: Und sie haben mir einen E-Schlitten besorgt! (Er birgt sein Gesicht in der rechten Hand, deren Ellbogen auf seinem rechten Knie aufruht, und gluckst.)

Kohle (der sich nicht sicher ist, ob der Weihnachtsmann lacht oder weint): Undundund … Und der E-Schlitten … (vorsichtig) hat immer so lange getankt …?

Der Weihnachtsmann (fährt abrupt hoch): LANGE IST ÜBERHAUPT KEIN AUSDRUCK!!! (Er beruhigt sich ein wenig.) Ich bin schon früher losgefahren. Ich sollte ja die Subventionen für die Batteriefabriken rechtzeitig in Deutschland abgeben. Aber in der ersten Etappe habe ich es nicht einmal bis Narvik geschafft. (Er schüttelt sich.) Ich mußte heimlich über Nacht bei einer alten Frau auf einem einsamen Hof in der Steckdose tanken. (Laut) Weißt du, wie lange man da braucht? Vierzehn Stunden! (Er vergräbt sein Gesicht in der Hand.)

Fixi: Wie bist du denn an die Steckdose rangekommen?

Huf: Lenk nicht ab!

Der Weihnachtsmann: Ist schon ok, Huf! Ich habe das Kabel mit durch den Kamin genommen, natürlich. Wenn ich durch den Kamin rausche, denkt sich ja niemand etwas Böses … Der alten Dame müssen wir im nächsten Jahre unbedingt eine Entschädigung zukommen lassen … mal sehen, was uns da einfällt.

Blütenweiß: Und dann?

Der Weihnachtsmann: Naja, in Trondheim ging es dann … fünf Stunden an einer Zapfsäule (Er verdreht die Augen.) Aber irgendeine erstzunehmende Tour zu planen mit dieser Karre – das kannst du vergessen!

Kohle: Würde man’s nur zugeben, daß man auf den Wasserstoff warten muß … die Menschen in den Lithiumminen-Gebieten würden es uns danken …

Grauchen: Und was macht unser Freund bis zur Marktreife von Wasserstoffschlitten? Das ist doch keine kurzfristige Lösung!

Blütenweiß: Ich weiß! Du brauchst da oben bei dir eine Rentierzucht!

Kohle: Das stimmt! Wer weiß, wie viele Rentiere sich die Klimaaktivisten (m/w/d) im nächsten Winter von euch beschaffen – jetzt, wo diese geniale Idee einmal in der Welt ist …

Flocke: Eine Rentierzucht! Das ist es!!! (Man sieht es ihr an der Schnauzenspitze an, daß sie schon nachzudenken beginnt.)

Wolle: Wenn ich denke, daß früher hier die Rentiere durchgezogen sind … Ortsnamen zeugen davon …

Fixi: Welche Ortsnamen?

Wolle: „Elxleben“ zum Beispiel.

Die Schafe (durcheinander): Eine neues Elxleben! – „Nova Vita-Alcium“ – eine Wundersdorfer Kolonie im hohen Norden! – In Norwegen, wo die Lebensqualität am höchsten ist – Na, ich weiß ja nicht … in der Polarnacht??? Ich kann verzichten! – Rentierzucht! – Das wäre was – TATZE!!! Wir brechen auf! – Wo ist der Pritschenwagen? Wer hat den Pritschenwagen schon wieder weggeschickt? – Immer langsam!

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Tja, so geht’s zu in Wundersdorf. Diese Schafe! Immer hilfsbereit – und immer voller Ideen! Bloß gut, daß in den Weimarer Kindergärten der echte Nikolaus pünktlich am 6. Dezember zur Stelle war!

PS: Oweia! Ob das wirklich so schlimm ist, mit dem armen Rudolph? Oder ob es der Weihnachtsmann (der eben nicht der Hl. Nikolaus ist, der es bestimmt gutmachen könnte) in seiner aktuellen Erschöpfung und seinem frischen Ärger zu drastisch darstellt? Wer weiß!
Vielleicht kann es ihn ja trösten, daß schon seit hunderten von Jahren das Rudolf-Lied gesungen wird. Glauben Sie nicht? Ist aber so! 😉

Enjoy! 🙂

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