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Der Adventskalender mit Fortunatianus von Aquileia, Tag 16

Aber mit der Geburt Christi ging es also zu: Als seine Mutter Maria mit Joseph vermählet war, fand sich‘s, ehe sie zusammenkamen, daß sie empfangen hatte vom heiligen Geiste.
Joseph aber, ihr Mann, weil er gerecht war, und sie nicht in üblen Ruf bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu entlassen.
Als er aber mit diesem Gedanken umging, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Schlafe und sprach: Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, dein Weib, zu dir zu nehmen; denn was in ihr erzeugt worden, das ist vom heiligen Geiste:
und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden.
Dieß alles aber ist geschehen, auf daß erfüllet werde, was von dem Herrn gesagt worden durch den Propheten, der da spricht:
Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären; und sie werden ihm den Namen Emmanuel geben, welches gedolmetschet [sic!] heißt: Gott mit uns!
Als nun Joseph vom Schlafe aufstand, that er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm sein Weib zu sich.
(Mt 1, 18 – 24)

Als nächstes heißt es: ‚Während er darüber nachdachte, erschien Joseph der Engel des Herrn in einem Traum und sagte: Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu nehmen! Was von ihr geboren wird, kommt vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären, und du wirst ihm den Namen Jesus geben. Er wird sein Volk von ihren Sünden erretten.‘ (Mt 1, 20f.)
Denn der Name Jesus wird übersetzt als „Retter“. Weil Joseph ein Gerechter war und wußte, daß es von den Propheten geschrieben stand, daß der Erlöser kommen würde, der Sohn Gottes, der aus einer Jungfrau geboren wurde, glaubte er nicht nur an die Worte des Engels Gottes, sondern er führte auch bald die Befehle aus. Der ganz heilige Matthäus machte daher Gebrauch von dem Zitat des Propheten Jesaja, als er die jungfräuliche Geburt und Empfängnis einführte. (vgl. Mt 1, 23)
Denn Jesaja hatte gesagt, daß Gott selbst ein Zeichen geben würde, und als ob er gefragt worden wäre, was das Zeichen sei, antwortete er: Siehe, eine Jungfrau wird in ihrem Schoß schwanger werden, und sie wird einen Sohn gebären und so weiter. (Jes 7, 14)
Nachdem die zweiundsiebzig Übersetzer im Auftrag des Ptolemäus das ganze Gesetz vom Hebräischen ins Griechische übersetzt hatten, getrennt arbeitend, aber wie mit einer Stimme und einer Auffassung, ließen einige Schriftverderber („Corruptores“) und Schriftinterpolatoren unter den Juden diesen Absatz nicht „Jungfrau“, sondern „junge Frau“ lesen.
Doch welches Zeichen sollte der Herr hier wohl geben, wenn eine junge Frau ein Kind von einem Mann hätte? Das ist der Weg der Natur. Aber der Herr hat ein Zeichen versprochen, daß eine Jungfrau den Emmanuel gebären müsse, das heißt: „Gott mit uns“. Jeremia spricht auch darüber wie folgt: Das ist unser Gott, und kein anderer wird in Betracht gezogen werden. Er wurde auf dem Land gesehen und unterhielt sich mit Menschen. (Bar 3, 36; 38)
(M. lang II)

In den drei ausführlichen Einleitungskapiteln zu Matthäus schreibt Fortunatianus zum Beginn des Matthäus-Evangeliums noch weiteres, das bis heute zu bedenken ist – weil es bis heute umstritten ist! Vielleicht kommen wir noch darauf zurück.
Für jetzt bleibt festzuhalten, daß sich seit damals die Verhältnisse, soweit ich das überblicke, gründlich verkehrt haben: Während jüdische Exegetinnen und Exegeten heute ohne weiteres die sprachliche Berechtigung der Lesart „Jungfrau“ zugeben, sind es auf Seiten aller christlichen Konfessionen die liberal-skeptizistischen Vertreter der Zunft, die an der „jungen Frau“ festhalten, als ob ihre Seligkeit davon abhinge – wo doch das gerade Gegenteil der Fall ist! 😉

Klosterbibliothek Admont, Zentralkuppel ‚Offenbarung‘: Die vier Evangelisten (eigenes Bild)

Das rosa Gewand 6/n

Jaja! Es ist wieder soweit: Wir feiern den Sonntag Gaudete – Freuet Euch! – und weit und breit ist kein rosa Gewand in Sicht.

Weit und breit?

Falsch!

Zwar tragen unsere Priester weiterhin ihre rosa Stolen und erklären sie schön. Aber gar nicht weit von hier, in einer sehr sehr kleinen Kapelle in einer westlich angrenzenden Pfarrei, wurde aus Spenden in diesem Jahr ein wunderschönes Meßgewand aus rosafarbenem Brokatstoff französischer Provenienz in Auftrag gegeben und rechtzeitig durch eine fränkische Schneiderei fertiggestellt. Wir konnten es dieser Tage fotografieren und dürfen es auf PuLa abbilden. Dafür sei hiermit herzlich gedankt!

Tja – aber natürlich haben wir vor allem unser kleines Liedchen aus dem vergangenen Jahr für Sie aktualisiert, will sagen an die derzeitige Anzahl und Herkunft unserer geschätzten Priesterschaft angepaßt und ein wenig erweitert.

Außerdem stand recht bald nach dem Erscheinen der ersten Version für eines unserer Kinder fest, daß es eine Neueinspielung würde geben müssen. Man weiß schließlich, was man sich schuldig ist, wenn es ums Singen geht. Ich sage nur: Denken Sie an die Kaffeemühle von Kasperls Großmutter, nachdem die Fee Amaryllis sie in den Fingern hatte …

Aber nun Film ab für die Version 2.0 von „Schön ein rosa Meßgewand“. Viel Spaß! 🙂

 

Der Adventskalender mit Fortunatianus von Aquileia, Tag 15

Es war ein Mensch von Gott gesandt, der hieß Joannes.
Dieser kam zum Zeugnisse, damit er Zeugniß von dem Lichte gebe, auf daß alle durch ihn glauben möchten.
Er war nicht das Licht, sondern er sollte Zeugniß von dem Lichte geben.
Und dies ist das Zeugniß des Joannes, als die Juden von Jerusalem, Priester und Leviten an ihn sandten, daß sie ihn fragen sollten: Wer bist du?
Und er bekannte und leugnete es nicht und er bekannte: Ich bin nicht Christus!
Und sie fragten ihn: Was denn? Bist du der Elias? Und er sprach: Ich bin es nicht. Bist du der Prophet? Und er antwortete: Nein!
Da sprachen sie zu ihm: Wer bist du denn? damit wir denen, die uns gesandt haben Antwort geben.Was sagst du von dir selbst?
Er sprach: Ich bin die Stimme eines Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, wie der Prophet Isaias gesagt.
Die Abgesandten aber waren Pharisäer.
Und sie fragen ihn und sprachen zu ihm:Warum taufest du aber, wenn du nicht Christus, noch Elias, noch der Prophet bist?
Joannes antwortete ihnen und sprach: Ich taufe mit Wasser, aber in eurer Mitte stehet der, den ihr nicht kennet.
Dieser ist es, der nach mir kommen wird, der vor mir gewesen ist, und dessen Schuhriemen aufzulösen ich nicht würdig bin.
Dies ist zu Bethania geschehen, jenseits des Jordan, wo Joannes taufte.
(Joh 1 6- 8, 19 – 28)

‚Sie befragten ihn erneut und sagten:“Bist du Elija? Er sagte:“Ich bin es nicht und so weiter. Er sagte zu ihnen: „Ich bin die Stimme eines Schreienden in der Wüste. Bereite den Weg des Herrn vor, wie der Prophet Jesaja sagte und so weiter.‘
Denn die Juden wissen, daß Christus und Elija kommen sollen, aber sie irren sich, weil sie nicht glauben, daß Christus bereits in Demut gekommen ist. Sie entsandten Vertreter zu Johannes und erkundigten sich, wer er sei.
Als er gesagt hatte, daß er nicht der Christus sei, sagten sie: „Bist du Elija? Als er verleugnet hatte, daß er Elija sei, sagten sie zu ihm: „Bist du ein Prophet? Und er sagte, daß er kein Prophet sei, denn er war vom Herrn als größer als alle Propheten verkündet worden sei. (Lk 7, 28) Er hat zu Recht die Rolle des Propheten abgelehnt, denn ein Prophet ist einer, der voraussagt, was kommen wird; Propheten heißen danach, daß sie prophezeien, weil sie Verkünder des Kommenden sind.
Denn alle Propheten sagten, daß Christus kommen würde, aber Johannes zeigte mit seiner eigenen Stimme allen, daß er [bereits] anwesend war, und sagte: Siehe, das Lamm Gottes, siehe, derjenige, der die Sünde der Erde wegnimmt. (Joh 1,29) So übertraf er die Aufgabe eines Propheten, als er den Sohn Gottes in seiner Gegenwart offenbarte. Denn die anderen hatten gesagt, daß er kommen würde; Johannes zeigte, daß er gekommen war. […]
J. XI.

‚Und diejenigen, die von den Pharisäern und Leviten gesandt worden waren, um ihn zu befragen, sagten zu ihm: Warum taufst du dann, wenn du weder Christus noch Elija noch ein Prophet bist? Darauf antwortete Johannes:“Ich taufe tatsächlich im Wasser der Buße. Aber in der Mitte von euch steht einer, den ihr nicht kennt und so weiter.‘
So taufte die Stimme des Johannes das Volk zur Buße. Denn die Reue folgt nur aus einem Vergehen; doch wo es kein Vergehen und keine Sünde gibt, da ist auch keine Buße. Da es also sehr viele Sünden und Verbrechen unter den Menschen gab, entstand ein Ort für die Buße. Johannes, als Vorläufer des Herrn, wurde mit der Aufgabe betraut, das Volk durch die Taufe der Buße auf den Herrn vorzubereiten: das ist der Sinn, den Weg des Herrn vorzubereiten, […]. Er fügte hinzu:“Aber in der Mitte von euch steht einer, den ihr nicht kennt, nämlich Jesus, der Sohn Gottes, der in sein Eigen gekommen ist und sein Eigen hat ihn nicht aufgenommen. (Joh 1, 11) ‚weil nach mir ein Mensch kommt‘, weil sechs Monate nach Johannes, ein Mensch, dem Fleische nach durch Maria, geboren wurde und offenkundig vollkommen gemacht wurde, um Vollmacht zu haben.
‚Die Schlaufe, von der ich nicht würdig bin, sie zu lösen‘ […] Er bestreitet, daß er würdig sei, den Riemen der Sandale dieses Mannes zu öffnen. Im Gesetz steht geschrieben, daß jedem, der sich nicht [der verwitweten Frau seines Bruders] nähern möchte, seine Sandalen entfernt bekommen sollte. (vgl. Deut 25, 8 – 10) Dies also ist der wahre Bräutigam, ein Mann, der vollkommen ist: Gott, der Sohn Gottes, Jesus. Niemand ist würdig, auch nur dessen Schuhriemen zu lösen, denn er ist der wahre Bräutigam, in dem sich alle zuvor verkündeten Vorausbilder als erfüllt erweisen. Denn Mose und sein Nachfolger, der Prophet Josua, Sohn Nuns, werden angewiesen, den Riemen ihrer Sandalen zu lösen, wenn sie ein Gespräch mit Gott erleben durften. (vgl. Ex 3,5) Das liegt daran, daß sie nicht der Bräutigam waren, sondern Freunde des Bräutigams, (Joh 3,29) wie eben Johannes sagt. Den Gurt lösen: Das bedeutet, selbst die kleinsten Gebote zu übersehen. Denn etwas wird gelöst, wenn es vernachlässigt oder übergangen wird; […] Johannes versichert, daß er nicht würdig wäre, dies zu tun.
J XII.

Klosterbibliothek Admont, Zentralkuppel ‚Offenbarung‘: Die Propheten Jesaja, Jeremias, Ezechiel und Daniel (eigenes Bild)

Der Adventskalender mit Fortunatianus von Aquileia, Tag 14

Und da sie von dem Berge herabstiegen […]
[…] fragten die Jünger ihn und sprachen: Warum sagen denn die Schriftgelehrten, Elias müsse zuvor kommen?
Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Elias wird zwar kommen und alles wieder herstellen;
ich sage euch aber, daß Elias schon gekommen ist und sie haben ihn nicht erkannt, sondern mit ihm gemacht, was sie wollten. Ebenso wird auch des Menschen Sohn von ihnen zu leiden haben.
Da verstanden die Jünger, daß er von Joannes dem Täufer zu ihnen geredet habe.
(Mt 17 9a, 10 – 13)

Bekümmert fragen sie auch um die Zeiten des Elias. Er aber antwortet ihnen, Elias werde kommen, und Alles wieder herstellen, das heißt, er werde das, was er aus Israel noch übrig finden wird, zur Erkenntnis Gottes zurückrufen. Und er gibt ihnen zu verstehen, daß mit der Kraft und dem Geiste des Elias Johannes gekommen sey, an welchem sie jede Grausamkeit und Härte verübt hätten; so daß er, die Ankunft des Herrn verkündigend, durch seine Erduldung des Unrechtes und der Qual auch ein Vorläufer in dem Leiden war.
(Hilarius v. Poitiers Kommentar zum Evangelium des Matthäus, 17. Hauptstück, 4)

Da zur heutigen Perikope erneut bei unserem Hauptautor nichts zu finden war, gibt es heute sozusagen ein Flashback zum Adventskalender des vergangenen Jahres mit dem Hl. Hilarius v. Poitiers; immer schön, das „Wiederlesen mit alten Bekannten“, oder? 😉

Kloster Admont Torfeststeller (eigenes Bild)

Der Adventskalender mit Fortunatianus von Aquileia, Tag 13

Womit soll ich aber dieses Geschlecht vergleichen? Es ist den Kindern gleich, die auf dem Markte sitzen und ihren Gespielen zurufen,
und sagen: Wir haben euch gepfiffen und ihr habt nicht getanzt; wir haben euch Klagelieder gesungen und ihr habet nicht geweint.
Denn Joannes ist gekommen, er aß und trank nicht und sie sagen: Er hat den Teufel!
Des Menschen Sohn ist gekommen, er isset und trinket und sie sagen: Siehe, dieser Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder! Aber die Weisheit wird von ihren Kindern gerechtfertiget.
(Mt 11, 16 – 19)

‚Aber mit was soll ich diese Generation vergleichen? Sie ist wie Jungen, die an einem öffentlichen Ort sitzen und schreien.‘
Wir finden in der Heiligen Schrift zwei Arten von Jungen, einige in ihrem Denken und einige in ihrem üblen Tun, wie der Apostel sagt: Laßt euch nicht zu Knaben [EÜ: „Unmündige“] in eurem Denken machen, sondern seid [wie] Kinder gegenüber dem üblen Tun, damit ihr vollkommen im Denken seid. (1 Kor 14, 20)
Der öffentliche Ort bedeutet Jerusalem, wo die Einhaltung des Gesetzes und die Gerechtigkeit verhandelt wurden. Es zeigt, daß Jungen [im guten Sinne: ‚Kinder‘] an diesem öffentlichen Ort saßen, die Propheten in der Vergangenheit und die Apostel nach der Passion des Herrn. Alle jene, die ohne Übeltat waren, werden angemessen als Kinder verstanden. Tatsächlich sagt der Herr durch den Propheten: Siehe, ich und die Kinder, die Gott mir geschenkt hat. (Jes 8, 18) Und anderswo sagt er: Kinder, habt ihr etwas zu essen? (Joh 21, 5) Abraham, als er schon im hohen Alter war, wurde der Knabe des Herrn genannt. (vgl. Gen 26, 24) […]
‚Wir haben für euch gesungen, und ihr habt nicht getanzt‘, das heißt, wir haben das Kommen und die Herrlichkeit des Herrn gepredigt, und ihr habt euch geweigert zu glauben. Denn tanzen heißt sich zu freuen und mit der Stimme des Sängers in Einklang zu kommen. Das weigerte sich das Volk zu tun, denn sie trauten den Propheten nicht, die predigten, daß der Sohn Gottes kommen würde, und später wollten sie auch nicht den Aposteln glauben, die Zeugnis ablegten, daß er gekommen war.
‚Wir haben für dich geklagt und du hast nicht geweint.‘ Denn alle Heiligen weinten über die Vernichtung Jerusalems und die Zerstreuung seiner Bewohner […]
M. LXII.

Klosterbibliothek Admont, Kuppel ‚Naturwissenschaften‘ (Südflügel): Putten mit Blumen (eigenes Bild)

Der Adventskalender mit Fortunatianus von Aquileia, Tag 12

Es ging aber viel Volk mit ihm und er wandte sich zu ihnen und sprach:
Wenn jemand zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater und Mutter und Weib und Kinder und Brüder und Schwestern, ja auch sogar seine eigene Seele, der kann mein Jünger nicht seyn.
Und wer sein Kreuz nicht trägt und mir nachfolget, der kann mein Jünger nicht seyn.
Denn wer von euch, der einen Turm bauen will, wird sich nicht zuvor niedersetzen und die nöthigen Kosten überschlagen, ob er auch habe, um auszulangen
damit nicht etwa, wenn er den Grund gelegt hat, und den Bau nicht vollenden kann, alle, die es sehen, ihn zu verspotten anfangen,
und sagen: Dieser Mensch fing an zu bauen und konnte nicht vollenden?
Oder welcher König wird gegen einen andern König ausziehen und Krieg führen, ohne sich zuvor niederzusetzen und zu überlegen, ob er mit zehntausend Mann bei dem etwas ausrichten könne, der mit Zwanzigtausend Mann zu ihm kommt?
Kann er das nicht, so wird er Gesandte schicken, da jener noch ferne ist, und um Frieden bitten.
Also kann auch keiner von euch, der nicht allem entsagt, was er besitzt, mein Jünger seyn.
(Lk 14,25-33)

Damit aber dieser Haß gegen die Nächsten nicht aus Leidenschaft erwächst, sondern aus Liebe, fügte er hinzu: „und dazu noch seine eigene Seele“. Es ist also sicher, daß der durch Lieben seinen Nächsten hassen muß, ihn so haßt wie sich selbst; denn wir hassen unser Leben dann richtig, wenn wir seinen fleischlichen Gelüsten nicht nachgeben, sein Verlangen brechen und gegen seine Begierden ankämpfen. Dieses verachtenswerte Leben wird also zum Besseren geführt, es wird gleichsam durch den Haß geliebt.
Denn sein Kreuz tragen und Gott nachfolgen bedeutet entweder die fleischliche Enthaltsamkeit oder das Mitleiden mit den Nächsten zu üben im Verlangen nach dem ewigen Leben.
Weil hier hohe Anforderungen gestellt sind, wird sofort der Vergleich mit dem Bau eines Turmes angefügt. […] Denn alles, was wir tun, müssen wir zuvor durch eifriges Überlegen abwägen. Wenn wir also den Turm der Demut bauen wollen, dann müssen wir uns vorher auf die Widrigkeiten dieser Welt vorbereiten. (Gregor der Große)

Die Einheitsübersetzung übersetzt „hassen“ durch „gering achten“, Allioli übersetzt das „odit“ der Vulgata korrekt mit „haßt“ und nur so versteht man auch die Ausführungen des Hl. Gregor d. Gr. richtig, auf den wir erneut zurückgreifen mußten, da sich für heute bei Fortunatian aber auch partout nichts fand. Und wo schon alles anders ist, gibt es heute auch ein Photo, das zwar aus Stift Admont, aber erkennbar nicht aus der Bibliothek stammt! 😉

Stiftskirche Admont (eigenes Bild)

Der Adventskalender mit Fortunatianus von Aquileia, Tag 11 (St. Luzia)

Dann wird das Himmelreich zehn Jungfrauen gleich seyn, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam und der Braut entgegen gingen.
Fünf von ihnen waren thöricht und fünf klug.
Die fünf thörichten nahmen zwar ihre Lampen aber nahmen kein Oel mit sich.
Die klugen dagegen nahmen mit den Lampen auch Oel in ihren Gefäßen mit.
Als nun der Bräutigam verzog wurden alle schläfrig und entschliefen.
Um Mitternacht aber erhob sich ein Geschrei: Siehe, der Bräutigam kommt; gehet heraus, ihm entgegen!
Da standen alle diese Jungfrauen auf und richteten ihre Lampen zu.
Die thörichten aber sprachen zu den klugen: Gebet uns von eurem Oele, denn unsere Lampen verlöschen.
Da antworteten die klugen und sprachen: Es möchte nicht zureichen für uns und euch; gehet vielmehr hin zu denen, die es verkaufen, und kaufet euch eines.
Während sie nun hingingen, um zu kaufen, kam der Bräutigam und die bereit waren gingen mit ihm zur Hochzeit ein und die Thüre ward verschlossen.
Endlich kamen aber auch die anderen Jungfrauen und sagten: Herr, Herr, thu uns auf!
Er aber antwortete und sprach: Wahrlich, sage ich euch, ich kenne euch nicht.
Wachet also, denn ihr wisset weder den Tag noch die Stunde.
(Mt 25, 1 – 13)

‚Dann wird das Königreich der Himmel betrachtet als zehn Jungfrauen.‘
Zehn Jungfrauen: Es ist sicher, daß die Jungfrauen die Zehn Gebote darstellen, die an Moses übergeben und von ihm an das Volk weitergegeben wurden. Denn wenn du versuchst, die Zahl der Jungfrauen anders zu erklären, wirst du nichts finden. Aber weil er sagte, daß sie wie das Königreich der Himmel betrachtet werden, denke ich, daß dies als die Zehn Gebote verstanden werden sollte, die überliefert wurden, und in denen alles enthalten ist.
‚Fünf waren weise und fünf töricht, die kein Öl nahmen.‘ Das zeigt den Teil des jüdischen Volkes, der das Kommen des Sohnes Gottes nicht akzeptieren wollte, weil er in Demut gekommen ist. Sie waren aber töricht, weil sie die Aussagen der Propheten nicht verstanden haben, durch die das Kommen des Sohnes Gottes in Niedrigkeit verkündet wurde: ‚Siehe, eine Jungfrau wird in ihrem Schoß empfangen, und sie wird einen Sohn gebären, und sie sollen seinen Namen rufen Emmanuel, was übersetzt „Gott mit uns“ bedeutet‘ (Mt 1, 23; Jes 7, 14) und all die anderen Dinge, die über sein Kommen gesagt wurden. Der Teil des Volkes, der nicht versteht, wird in den fünf törichten Jungfrauen dargestellt.
Was die Tatsache angeht, daß sie in ihren Gefäßen kein Öl nahmen,so werden die Gefäße selbst als Menschen verstanden; Öl hingegen ist Barmherzigkeit, ein Bild für den Heiligen Geist, den die Törichten nicht haben können. […]
In gleicher Weise wird, wer immer die Gebote Gottes nicht hält, angemessen für dumm und töricht gehalten. Die Fackeln aber werden erwähnt wegen der Größe der Heiligkeit und der Selbstbeherrschung, so wie die Diener Gottes ja auch als Lampen verstanden werden: ‚Ich habe eine Lampe für meinen Gesalbten [Christos] bereitet‘ ( Ps 131, 17) Daher nahmen auch die vernünftigen Jungfrauen ihre Fackeln und Öl in ihren Gefäßen mit, das heißt, sie warten auf das Kommen des Sohnes Gottes, umgürtet mit aller geistlichen Heiligkeit. Denn jeder, der keusch und einfach und fromm und religiös lebt, der barmherzig ist, wartet auf das Kommen des Sohnes Gottes. Selbst wenn sie vom Körper abscheiden, sind sie dennoch bei ihm und werden für ihre Verdienste belohnt werden.
‚Aber als der Bräutigam zu spät kam, wurden sie alle schläfrig und schliefen‘ Es gibt zwei Möglichkeiten, den ‚Schlaf‘ zu verstehen. Manche schlafen, weil sie die Anweisungen Gottes nicht befolgen; andere schlafen, die sich aller weltlichen Dinge entschlagen.
Daher schlafen einige der Welt und andere schlafen Gott.
Wie der Apostel sagt, bindet sich niemand im Dienste Gottes an weltliche Bedürfnisse: (2 Tim 2, 4) die Art von Menschen, die weltliche Übel aus ihrem Herzen herausgeschnitten haben, schlafen der Welt und enthalten sich weltlicher Bosheit. Aber die Person, die nachlässig ist, in den Werken Gottes, sie schläft Gott, indem sie seinen Willen nicht tut. […] So können wir leicht sagen, daß die fünf vernünftigen, die Öl und Fackeln nahmen, die Apostel sind […]. Sie nehmen das Kommen des Sohnes Gottes an, geben durch sorgfältige Beachtung seine Gebote an die Kirche weiter und unterweisen sie, sie zu bewahren.
Dadurch wird die Kirche als weise angesehen, weil sie Erbarmen hat, das ‚Öl‘, aber auch den Heiligen Geist.
‚Aber mitten in der Nacht‘: Das zeigt tiefe Dunkelheit.
‚Ein Schrei wird erhoben, als der Bräutigam kommt‘: welcher Schrei als der, der die Stimme eines Rufers in der Wüste ist, wie Johannes sagt: ‚Derjenige, der die Braut hat, ist der Bräutigam‘ (Mt 3, 3; Joh 3, 29)
Die fünf Bücher Moses können als Bild der fünf vernünftigen Jungfrauen genommen werden: Indem sie diese Schriften liest wird die Kirche als vernünftig bezeichnet, da sie den Sohn Gottes erkennt: Offenkundig hat sie selbtbeherrschte Jungfrauen, die den Bräutigam mit Fackeln und einem großen Maß an Selbstbeherrschung erwarten. [Sic!]
‚Sie gehen zur Hochzeit hinein und so sind die Türen geschlossen‘
Das, was wir lesen, fand in Sodom statt: Diejenigen, die mit Blindheit geschlagen waren, konnten nicht eintreten, weil es ihnen nicht erlaubt war, und es war geschlossen worden. (Gen 19, 4 – 11)
Wie auch Johannes sagt: Er schließt und niemand öffnet, er öffnet und niemand schließt‘ (Offb 3, 7) Der Eingang zur Kirche ist offen, niemand vermochte ihn zu schließen. Denn sie hat schon häufig Verfolgungen von Herrschern erlitten, aber es war nie möglich, daß der Zugang zu ihr geschlossen wurde. […]
Und so, damit wir vom Bräutigam erkannt werden, weist er uns an, mit aller Macht zu wachen, da wir den Tag und die Stunde seines Kommens nicht kennen. Oder auch, weil wir den Tag nicht kennen, an dem wir aus diesem Leibe ausgehen, ermahnt er uns sowohl wach zu bleiben, als auch Gott zu dienen.
M. CXVI.

Klosterbibliothek Admont, Zentralkuppel, ‚Offenbarung‘: Die lateinischen Kirchenväter Ambrosius, Gregor der Große, Augustinus und Hieronymus (eigenes Bild)

Der Adventskalender mit Fortunatianus von Aquileia, Tag 10

Was dünket euch? Wenn einer hundert Schafe hat, und eines von ihnen sich verlieret: läßt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen und gehet hin, das verirrte Schaf zu suchen?
Und wenn es sich zuträgt, daß er es findet, wahrlich, sag‘ ich euch, er freuet sich mehr über daßelbe, als über die neunundneunzig, welche nicht irre gegangen sind.
Also ist es nicht der Wille euers Vaters, der im Himmel ist, daß eines von diesen Kleinen verloren gehe.
(Mt 18, 12 – 14)

‚Was denkt ihr, wenn jemand hundert Schafe besaß und eines von ihnen in die Irre ging?‘ Das Schaf, das in die Irre ging, das Hundertste, ist ein Bild für alle Völker, die durch die Berge wandern, was bedeutet, daß sie in verschiedenen Formen des Götzendienstes irren. Deshalb sucht der Hirte nach diesem, nachdem er die neunundneunzig zurückgelassen hat, welche die Juden bedeuten. Denn Abraham als ein Zeichen dafür und ein Symbol der Juden, wird beschnitten, als er neunundneunzig Jahre alt ist. Der Hirte kommt und sucht nach dem Schaf. Wenn er es gefunden hat, ruft er es zurück und freut sich darüber. Die volle Summe beginnt in seiner rechten Hand zu sein, die hundert, die die Kirche sind, und die neunundneunzig in der linken Hand; der linke Teil ist offenkundig die Synagoge. (Diese Bemerkungen beziehen sich auf das römische System des Zählens mit den Fingern, in dem 100 mit der rechten, 99 aber mit der linken Hand gezeigt wurde) Als Abraham also hundert Jahre alt war, zeugte er einen Sohn, Isaak. Das zeigt, daß wenn jemand zum Glauben kommt, ob von den Juden oder von den Heiden, er auf der rechten Seite gehalten [zur rechten Seite „gerechnet“] wird und [damit] Kirche ist [zur Kirche gehört], die zum Rang der rechten Seite zugeteilt wurde. Jesus sagt, daß er sich mehr über diesen freut als über diejenigen, die nicht Buße getan haben. […]
M. LXXXVII.

Klosterbibliothek Admont, Kuppel ‚Rechtswissenschaften‘ (Nordflügel): Die Belohung der guten Taten: Almosengeben, Fasten, Gebet (eigenes Bild)

Der Adventskalender mit Fortunatianus von Aquileia, Tag 9

Und er stieg in das Schifflein, fuhr über und kam in seine Stadt.
Und sieh, sie brachten zu ihm einen Gichtbrüchigen, der auf einem Bette lag. Da nun Jesus ihren Glauben sah sprach er zu dem Gichtbrüchigen: Sey getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!
Und siehe, einige von den Schriftgelehrten sprachen bei sich selbst: Dieser lästert Gott!
Und da Jesus ihre Gedanken sah, sprach er: Warum denket ihr Böses in euren Herzen?
Was ist leichter zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben, oder zu sagen: Steh auf und wandle herum?
Damit ihr aber wisset, daß des Menschen Sohn Macht habe, die Sünden zu vergeben auf Erde; – da sprach er zu dem Gichtbrüchigen: Steh auf, nimm dein Bett und geh in dein Haus!
Und er stand auf und ging in sein Haus.
Da aber das Volk dieses sah, fürchtete es sich und pries Gott, der solche Macht den Menschen gegeben hat.
(Mt 9, 1 – 8)

[Die Leseordnung sieht heute die Parallelstelle Lk 5, 17 – 26 vor]

‚Siehe, sie brachten einen gelähmten Mann auf einem Bett‘. […]
Und wie oben gesagt: ‚In seine eigene Stadt‘, doch es gab niemanden, der heilen konnte, weil das Gesetz nur ein Vorausbild ist und keine Wirkung hat. Deshalb kam der, den das Gesetz vorhergesagt hatte, und vollendete alles, was von den Propheten vorhergesagt wurde, daß er ihre Schwächen heilte und selbst ihre Leiden trug. (Jes 53, 4; Math 8,17) ​​Außerdem sah er den Glauben derer, die beteten. Wo also ein einmütiges Gebet gesprochen wird, kann <alles> erlangt werden, auch wenn derjenige, für den es erbeten wird, es nicht verdient. Nachdem er ihren Glauben gesehen hatte, sagte er zu dem Gelähmten: Deine Sünden sind vergeben. Wir wissen, daß Lähmung Sünden ohne Ende bedeutet, die einen Menschen verkrüppeln und in schwach allen seinen Gliedmaßen. Aber Jesus tat dies, damit sie dadurch wussten, daß er der Sohn Gottes ist, denn niemand anders vergibt Sünden außer Gott. Als sie ihn als einen Menschen sahen, lehnten sie die Göttlichkeit in ihm ab. Als er ihre Pläne sah – denn sie begannen zu sich zu sagen: Er lästert – sagte er zu ihnen: Was für eine Bosheit planst ihr in euren Herzen? Und er fügte noch mehr hinzu, weil sie nicht glaubten: Was ist leichter, zu sagen: ‚Deine Sünden sind vergeben‘ oder zu sagen: ‚Steh auf und geh‘? So zeigte er offensichtlich, wer er war. Er sagte: Aber damit ihr wisst, daß der Menschensohn die Vollmacht hat, auf der Erde Sünden zu vergeben. Dann sagt er zu dem Gelähmten: Steh auf, nimm deine Bahre und geh zu deinem Haus. So zeigt er die Stärke seiner Göttlichkeit auf verschiedene Weise: erstens durch den Glauben derer, die darum bitten, daß ihre Sünden vergeben werden; dann, gegenüber denen, die darüber erstaunt sind, fügt er hinzu: ‚Steh auf und geh‘; drittens sagt er: Steh auf, nimm deine Bahre und geh zu deinem Haus. […]
Das Bett wird als Schwäche oder als Gelegenheit zur Ruhe aufgefaßt. Aber weil hier von einem gelähmten Mann erzählt wird, zeigt es die Schwäche […] Diese Schwäche besteht aus Sünden, die dem vergeben werden, der glaubt. Nach der Vergebung der Sünden ist auch der Heilige Geist gegeben: das ist die Bedeutung von „Steh auf und geh!‘. Drittens heißt es: Nimm deine Bahre und geh nach Hause. Nun, derjenige, der im Namen Christi getauft wurde, hat die Kirche als seine Heimstatt und derjenige, der auf der Bahre lag, d.h. in der Schwäche, wurde durch die Kraft des Heiligen Geistes so stark gemacht, daß kraftvoll und aktiv, eben dieses Bett herumtrug: das bedeutet, daß er Auskunft über die Schwächen anderer gab und auf welche Weise sie geheilt werden sollen.
(M. XLI. )

Als aber die Menge dies sah, fürchtete sie sich, angesichts dessen, was geschehen war. Und sie gaben Gott die Ehre (was heißt, sie glaubten), der den Menschen solche Vollmacht gegeben hatte. Vollmacht bedeutet, daß man etwas tun kann, wenn man nur ganz und gar glaubt. Wie es gesagt wurde: Wenn du Glauben wie ein Senfkorn hast, wirst du zu diesem Berg sagen: Geh weg, und er wird weggehen. (Mt 17, 19)
( M. XLII. )

Klosterbibliothek Admont, Kuppel ‚Rechtswissenschaften‘ (Nordflügel): Die Strafen der Fesselung (eigenes Bild)

Der Putztrupp

Der Putztrupp 

Ein Sketchlet zum Zweiten Advent für zehn Personen 

 

Wundersdorf/ Oderbruch. Freitag. Spätnachmittag. Während die Schafe draußen vor den Toren der Stadt im dichten Schneetreiben über ihren Sonderurlaub diskutieren, huscht Edith durch die anbrechende Dunkelheit zur Pfarrkirche Maria hilf! 

Was in aller Welt …? Sie trägt einen Wischeimer in der Hand und hat ihren heimischen Schrubber geschultert. Jetzt steigt sie die Treppen zur Sakristei empor und sperrt auf. Das wird ja immer bunter! Heimlich in die dunkle Kirche? Sie tritt ein, bekreuzigt sich mit Weihwasser und schaltet das Licht ein. Jetzt steckt sie den Heiß-Wasser-Boiler über dem kleinen Spülbecken in die Steckdose (nein – nicht den ganzen Boiler. Nur den Stecker.) 

Ah! Jetzt sehen wir klarer. Denn das kann nur eines bedeuten: Man gibt sich ans Putzen. Na – dann sind wir ja gespannt, wer heute abend noch so alles auftauchen wird. Jetzt betritt Edith den Kirchenraum, macht eine Kniebeuge vor dem Tabernakel und begrüßt die Muttergottes an ihrem neuen Ort. (Die Muttergottes ist nämlich umgezogen. Aber das ist eine andere Geschichte!) 

In den Bänken haben Shammiram und ihr Sohn Nahamiyya schon auf Edith und die anderen gewartet. Sie begrüßen sich, und da rücken auch schon Richard (direkt vom S-Bahnhof), Helene und zugleich auch Ines mit ihren beiden Jungs, Reimer und Wenzel, ein. Wenig später werden noch Kurti und vielleicht auch seine Kinder hinzustoßen. Man bewaffnet sich mit Besen und Kehrschaufeln und alle legen erstmal trocken los. Das heißt: Fast alle. 

Reimer (vor den Putzschränken in der Sakristei): Kann ich nicht wischen? 

Edith (schaltet alle notwendigen restlichen Lichter in Kirche und Vorraum an): Wir müssen erst kehren, sonst hast Du die ganzen Flusen im Aufnehmer. Was glaubst du, wie eklig das ist! 

Wenzel: Wir könnten doch schon mal die Bänke abwischen? (Er prüft einen Schrubber auf seine Standfestigkeit.) 

Ines: Gute Idee! Macht das ruhig! 

Shammiram (hat am Waschbecken schon mal das heiße Wasser aufgedreht und vorsichtig einen Finger drunter gehalten, dann, sehr ausdrucksvoll, zu den Jungs): Ist schon warm! Könnt ihr Wasser nehmen! (Sie dreht den Regler auf eine mittlere Position.) 

Reimer und Wenzel machen sich einen Eimer zurecht und schnappen sich die besten Wischmobs, die sie finden können. Edith und Helene beginnen, im Altarraum und in der Vierung zu kehren und zu wischen. Shammiram, Ines und Richard kehren zwischen den Bänken, als Kurti und seine Tochter Sara noch eintreffen. Alle begrüßen sich und Kurti schnappt sich den Staubsauger. Aber er kommt nicht weit, denn gerade hat sich zwischen Richard und Ines eine Diskussion entwickelt. Es könnte um das Prinzip der ehrenamtlichen Putzerei gehen. Wir hören mal rein.  

Ines: Ich finde: Vier-fünfmal im Jahr eine Stunde investieren – das fällt vom Zeitkonto her so wenig ins Gewicht – das kann man machen oder nicht machen, das ist eigentlich wurscht! 

Kurti (nickt): Die Zeit vertut man übers Jahr vor der Glotze aber locker! 

Shammiram: Ich habe in Mossul immer die Kirche schön gemacht – putzen und Blumenschmuck – schööön! (Sie gestikuliert.) Das ist mein Zuhause! 

Edith (lächelt): Ja, es ist wirklich eine schöne Aufgabe. Die Identifikation mit dem Raum nimmt einfach zu. 

Richard (nickt): Manche sagen allerdings, wir nehmen jemandem seinen 400-Euro-Job weg. 

Ines: Das ist freilich eine Überlegung wert! 

Kurti: Ich habs mit dem neuen Pfarrer mal angesprochen – ich glaube, ihm geht es ums Prinzip – die Kirche wird eben von Gemeindemitgliedern geputzt – fertig. Ich denke, das kennt er so von Zuhause. 

Alle gehen in Deckung, weil Reimer, den Schrubber im Anschlag, im Laufschritt über die Kniebänke wischt. Schon ist er in den gegenüberliegenden Reihen verschwunden. 

Nahamiyya (kommt mit Sara aus der Sakristei): Sind das hier die Staubwedel? (Er zeigt seiner Mutter zwei langstielige Federbüsche.) 

Shammiram (bewegt die Federbüsche prüfend zwischen den Fingern und nickt): Ja! Könnt ihr nehmen! 

Nahamiyya und Sara hirschen zu den freistehenden Statuen und beginnen behutsam, auf den Schultern Staub zu wischen. Edith und Helene kommen aus der Vierung und gesellen sich den anderen Erwachsenen zu. 

Edith: Wart ihr schon in den Seitenschiffen? 

Shammiram (nickt): Seitenschiff rechts ist fertig. 

Richard: Links muß glaub ich noch. 

Kurti: Wo ist eigentlich Ines? 

Helene: Dort hinten – aber was tut sie? 

Ines (gesellt sich von den hinteren Bänken wieder zum Rest der Truppe hinzu. Unterwegs weicht sie Wenzel aus, der ebenfalls im Laufschritt seinen Schrubber auf den Kniebänken durch die Bankreihen schiebt. Er ist unglaublich effektiv und scheint sich köstlich zu amüsieren.) 

Ines: Ich finde, dieses mit den Besen zwischen den Bänken Herumkehren ist schon eine ziemlich doofe Arbeit. Ich hab jetzt mal da hinten eine Bank verschoben – geht eigentlich. Wenn man das zu zweit machen würde, und einer putzt, das wäre viel besser. 

Richard (begeistert): Genau das hab ich auch schon immer gedacht! Man bräuchte einen Wagenheber wie in den Formel-Eins-Boxen, wenn sie die Reifen wechseln (er gestikuliert). Man bockt die Bank auf – wischt – fertig. 

Edith: Dann käme man auch endlich mal nah genug an die Füße ran! (Sie zeigt auf die dicken Wollflusen, die sich um die Füße der Bänke gewickelt haben.) Da ist sonst nichts zu wollen. 

Helene (nickt): Kannst du nur drumrum putzen. 

Ines (zu Richard): Also los! Ich geh rüber – du hier – und einer von euch wischt. 

Edith: Ich hol nur eben frisches Wasser. (Sie spurt in die Sakristei.) 

Helene: Ich geh ins linke Seitenschiff. 

Kurti: Ich saug dann mal. (Er schmeißt den Staubsauger an und beginnt, die große Matte am Seiteneingang zu bearbeiten.) 

Edith (kommt mit frischem Wasser zurück und wringt den Wischlappen aus): Kann losgehen. 

Richard und Ines verschieben die Bänke, Edith wischt die freie Fläche, zwischendurch kommt Reimer mit seinem Schrubber des Weges – es ist ein munteres Treiben. 

Richard: Mit diesen Bänken müßte sowieso mal was passieren. Die schieben sich immer weiter nach vorne zusammen. In den ersten Bankreihen kommst du kaum noch mit dem Fuß ‘zwischen! (Er hebt mit Ines die nächste Bank einen halben Meter nach vorne.) 

Ines: Is wirklich so – wenn du dann noch auf einen Stock angewiesen bist … ich schau mal, ob mir was einfällt – ich hab da schon eine Idee … 

Edith (blickt von ihrem Schrubber auf): Das klingt ja vielversprechend (Sie grinst.) 

Richard: Erinner mich bloß nicht an die Aktion von vor sechs Jahren! Ich hab Blut und Wasser geschwitzt! (Er hebt mit Ines die Bank wieder an Ort und Stelle.) 

Ines (grinst): Naja – ein bißchen was muß man schon investieren, wenn man etwas grundsätzlich verbessern will – laßt euch überraschen! 

Helene (kommt aus dem Seitenschiff): Die Bänke vorne sind viel zu dicht zusammen! Wenn ihr sowieso … 

Ines: Wir sind schon dabei, wir gleichen das aus, hier beim Schieben (sie hebt eine Bank zurück.) 

Helene (stemmt die Fäuste in die Hüften): Das ist ja eigentlich Männerarbeit! 

Ines (jovial): Och! Warum? Ich find das chillig! (Sie hebt mit Richard die nächste Bank.) 

Kurti (zieht den Staubsauger hinter sich her): So. Ich bin jetzt mit den Matten fertig. Was fehlt noch? 

Shammiram (kommt aus dem Seitenschiff): Linkes Seitenschiff ist auch fertig. Wie weit seid ihr? 

Richard: Eigentlich fast durch. Nur noch die drei Bankreihen hier. 

Die anderen gehen in Richtung Sakristei, um das Werkzeug zu reinigen und aufzuräumen. Sara sitzt in der ersten Bank und surft auf ihrem Smartphone. Reimer und Wenzel sitzen in der letzten Bank und giggeln herum. 

Edith: So! Das hätten wir! Ordentlich sieht’s aus. Aber ist immer Maßarbeit, um die Säulen rum! 

Richard, Edith und Ines betrachten abschließend ihr Werk und machen sich zufrieden auf den Weg in die Sakristei. Als alles aufgeräumt und ausgespült ist: 

Richard: So! Jetzt haben wir uns unseren Absacker im Bacchos aber auch redlich verdient! 

Edith (zu Ines): Kommt Abi dazu? 

Ines: Er guckt, wie er’s schafft. 

Shammiram (schaut in den Kirchenraum): Nahamiyya? Kommst du? 

Nahamiyya (staubt mit Hingabe mittlerweile die Fenster ab): Ja! Ich komm gleich! Ich will nur noch hier (er renkt sich aus). 

Shammiram: Ist gut, Nahamiyya! Hast du gut gemacht! (Sie lächelt.) 

Auch die andern stecken jetzt den Kopf noch einmal aus der Sakristei. 

Kurti: Scheint nicht zu bremsen, der Gute! 

Helene: Wenn man die richtige Truppe beisammen hat, ist es ein Kinderspiel! 

 

ENDE 

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar 

 

Tja, so geht’s zu in Wundersdorf. Was Ines da wohl wieder ausheckt, um die Bankreihen akkurat auf Abstand zu bringen? Wir kennen sie ja als sehr erfindungsreich …