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Der Putztrupp

Der Putztrupp 

Ein Sketchlet zum Zweiten Advent für zehn Personen 

 

Wundersdorf/ Oderbruch. Freitag. Spätnachmittag. Während die Schafe draußen vor den Toren der Stadt im dichten Schneetreiben über ihren Sonderurlaub diskutieren, huscht Edith durch die anbrechende Dunkelheit zur Pfarrkirche Maria hilf! 

Was in aller Welt …? Sie trägt einen Wischeimer in der Hand und hat ihren heimischen Schrubber geschultert. Jetzt steigt sie die Treppen zur Sakristei empor und sperrt auf. Das wird ja immer bunter! Heimlich in die dunkle Kirche? Sie tritt ein, bekreuzigt sich mit Weihwasser und schaltet das Licht ein. Jetzt steckt sie den Heiß-Wasser-Boiler über dem kleinen Spülbecken in die Steckdose (nein – nicht den ganzen Boiler. Nur den Stecker.) 

Ah! Jetzt sehen wir klarer. Denn das kann nur eines bedeuten: Man gibt sich ans Putzen. Na – dann sind wir ja gespannt, wer heute abend noch so alles auftauchen wird. Jetzt betritt Edith den Kirchenraum, macht eine Kniebeuge vor dem Tabernakel und begrüßt die Muttergottes an ihrem neuen Ort. (Die Muttergottes ist nämlich umgezogen. Aber das ist eine andere Geschichte!) 

In den Bänken haben Shammiram und ihr Sohn Nahamiyya schon auf Edith und die anderen gewartet. Sie begrüßen sich, und da rücken auch schon Richard (direkt vom S-Bahnhof), Helene und zugleich auch Ines mit ihren beiden Jungs, Reimer und Wenzel, ein. Wenig später werden noch Kurti und vielleicht auch seine Kinder hinzustoßen. Man bewaffnet sich mit Besen und Kehrschaufeln und alle legen erstmal trocken los. Das heißt: Fast alle. 

Reimer (vor den Putzschränken in der Sakristei): Kann ich nicht wischen? 

Edith (schaltet alle notwendigen restlichen Lichter in Kirche und Vorraum an): Wir müssen erst kehren, sonst hast Du die ganzen Flusen im Aufnehmer. Was glaubst du, wie eklig das ist! 

Wenzel: Wir könnten doch schon mal die Bänke abwischen? (Er prüft einen Schrubber auf seine Standfestigkeit.) 

Ines: Gute Idee! Macht das ruhig! 

Shammiram (hat am Waschbecken schon mal das heiße Wasser aufgedreht und vorsichtig einen Finger drunter gehalten, dann, sehr ausdrucksvoll, zu den Jungs): Ist schon warm! Könnt ihr Wasser nehmen! (Sie dreht den Regler auf eine mittlere Position.) 

Reimer und Wenzel machen sich einen Eimer zurecht und schnappen sich die besten Wischmobs, die sie finden können. Edith und Helene beginnen, im Altarraum und in der Vierung zu kehren und zu wischen. Shammiram, Ines und Richard kehren zwischen den Bänken, als Kurti und seine Tochter Sara noch eintreffen. Alle begrüßen sich und Kurti schnappt sich den Staubsauger. Aber er kommt nicht weit, denn gerade hat sich zwischen Richard und Ines eine Diskussion entwickelt. Es könnte um das Prinzip der ehrenamtlichen Putzerei gehen. Wir hören mal rein.  

Ines: Ich finde: Vier-fünfmal im Jahr eine Stunde investieren – das fällt vom Zeitkonto her so wenig ins Gewicht – das kann man machen oder nicht machen, das ist eigentlich wurscht! 

Kurti (nickt): Die Zeit vertut man übers Jahr vor der Glotze aber locker! 

Shammiram: Ich habe in Mossul immer die Kirche schön gemacht – putzen und Blumenschmuck – schööön! (Sie gestikuliert.) Das ist mein Zuhause! 

Edith (lächelt): Ja, es ist wirklich eine schöne Aufgabe. Die Identifikation mit dem Raum nimmt einfach zu. 

Richard (nickt): Manche sagen allerdings, wir nehmen jemandem seinen 400-Euro-Job weg. 

Ines: Das ist freilich eine Überlegung wert! 

Kurti: Ich habs mit dem neuen Pfarrer mal angesprochen – ich glaube, ihm geht es ums Prinzip – die Kirche wird eben von Gemeindemitgliedern geputzt – fertig. Ich denke, das kennt er so von Zuhause. 

Alle gehen in Deckung, weil Reimer, den Schrubber im Anschlag, im Laufschritt über die Kniebänke wischt. Schon ist er in den gegenüberliegenden Reihen verschwunden. 

Nahamiyya (kommt mit Sara aus der Sakristei): Sind das hier die Staubwedel? (Er zeigt seiner Mutter zwei langstielige Federbüsche.) 

Shammiram (bewegt die Federbüsche prüfend zwischen den Fingern und nickt): Ja! Könnt ihr nehmen! 

Nahamiyya und Sara hirschen zu den freistehenden Statuen und beginnen behutsam, auf den Schultern Staub zu wischen. Edith und Helene kommen aus der Vierung und gesellen sich den anderen Erwachsenen zu. 

Edith: Wart ihr schon in den Seitenschiffen? 

Shammiram (nickt): Seitenschiff rechts ist fertig. 

Richard: Links muß glaub ich noch. 

Kurti: Wo ist eigentlich Ines? 

Helene: Dort hinten – aber was tut sie? 

Ines (gesellt sich von den hinteren Bänken wieder zum Rest der Truppe hinzu. Unterwegs weicht sie Wenzel aus, der ebenfalls im Laufschritt seinen Schrubber auf den Kniebänken durch die Bankreihen schiebt. Er ist unglaublich effektiv und scheint sich köstlich zu amüsieren.) 

Ines: Ich finde, dieses mit den Besen zwischen den Bänken Herumkehren ist schon eine ziemlich doofe Arbeit. Ich hab jetzt mal da hinten eine Bank verschoben – geht eigentlich. Wenn man das zu zweit machen würde, und einer putzt, das wäre viel besser. 

Richard (begeistert): Genau das hab ich auch schon immer gedacht! Man bräuchte einen Wagenheber wie in den Formel-Eins-Boxen, wenn sie die Reifen wechseln (er gestikuliert). Man bockt die Bank auf – wischt – fertig. 

Edith: Dann käme man auch endlich mal nah genug an die Füße ran! (Sie zeigt auf die dicken Wollflusen, die sich um die Füße der Bänke gewickelt haben.) Da ist sonst nichts zu wollen. 

Helene (nickt): Kannst du nur drumrum putzen. 

Ines (zu Richard): Also los! Ich geh rüber – du hier – und einer von euch wischt. 

Edith: Ich hol nur eben frisches Wasser. (Sie spurt in die Sakristei.) 

Helene: Ich geh ins linke Seitenschiff. 

Kurti: Ich saug dann mal. (Er schmeißt den Staubsauger an und beginnt, die große Matte am Seiteneingang zu bearbeiten.) 

Edith (kommt mit frischem Wasser zurück und wringt den Wischlappen aus): Kann losgehen. 

Richard und Ines verschieben die Bänke, Edith wischt die freie Fläche, zwischendurch kommt Reimer mit seinem Schrubber des Weges – es ist ein munteres Treiben. 

Richard: Mit diesen Bänken müßte sowieso mal was passieren. Die schieben sich immer weiter nach vorne zusammen. In den ersten Bankreihen kommst du kaum noch mit dem Fuß ‘zwischen! (Er hebt mit Ines die nächste Bank einen halben Meter nach vorne.) 

Ines: Is wirklich so – wenn du dann noch auf einen Stock angewiesen bist … ich schau mal, ob mir was einfällt – ich hab da schon eine Idee … 

Edith (blickt von ihrem Schrubber auf): Das klingt ja vielversprechend (Sie grinst.) 

Richard: Erinner mich bloß nicht an die Aktion von vor sechs Jahren! Ich hab Blut und Wasser geschwitzt! (Er hebt mit Ines die Bank wieder an Ort und Stelle.) 

Ines (grinst): Naja – ein bißchen was muß man schon investieren, wenn man etwas grundsätzlich verbessern will – laßt euch überraschen! 

Helene (kommt aus dem Seitenschiff): Die Bänke vorne sind viel zu dicht zusammen! Wenn ihr sowieso … 

Ines: Wir sind schon dabei, wir gleichen das aus, hier beim Schieben (sie hebt eine Bank zurück.) 

Helene (stemmt die Fäuste in die Hüften): Das ist ja eigentlich Männerarbeit! 

Ines (jovial): Och! Warum? Ich find das chillig! (Sie hebt mit Richard die nächste Bank.) 

Kurti (zieht den Staubsauger hinter sich her): So. Ich bin jetzt mit den Matten fertig. Was fehlt noch? 

Shammiram (kommt aus dem Seitenschiff): Linkes Seitenschiff ist auch fertig. Wie weit seid ihr? 

Richard: Eigentlich fast durch. Nur noch die drei Bankreihen hier. 

Die anderen gehen in Richtung Sakristei, um das Werkzeug zu reinigen und aufzuräumen. Sara sitzt in der ersten Bank und surft auf ihrem Smartphone. Reimer und Wenzel sitzen in der letzten Bank und giggeln herum. 

Edith: So! Das hätten wir! Ordentlich sieht’s aus. Aber ist immer Maßarbeit, um die Säulen rum! 

Richard, Edith und Ines betrachten abschließend ihr Werk und machen sich zufrieden auf den Weg in die Sakristei. Als alles aufgeräumt und ausgespült ist: 

Richard: So! Jetzt haben wir uns unseren Absacker im Bacchos aber auch redlich verdient! 

Edith (zu Ines): Kommt Abi dazu? 

Ines: Er guckt, wie er’s schafft. 

Shammiram (schaut in den Kirchenraum): Nahamiyya? Kommst du? 

Nahamiyya (staubt mit Hingabe mittlerweile die Fenster ab): Ja! Ich komm gleich! Ich will nur noch hier (er renkt sich aus). 

Shammiram: Ist gut, Nahamiyya! Hast du gut gemacht! (Sie lächelt.) 

Auch die andern stecken jetzt den Kopf noch einmal aus der Sakristei. 

Kurti: Scheint nicht zu bremsen, der Gute! 

Helene: Wenn man die richtige Truppe beisammen hat, ist es ein Kinderspiel! 

 

ENDE 

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar 

 

Tja, so geht’s zu in Wundersdorf. Was Ines da wohl wieder ausheckt, um die Bankreihen akkurat auf Abstand zu bringen? Wir kennen sie ja als sehr erfindungsreich … 

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