Wir hatten ja darauf hingewiesen: Im Konzert mit der Weimarer Cellistin Christina Meißner gastierte Martin Sturm, Nachfolger von Michael Kapsner auf der hiesigen Professur für Improvisation und Kirchenmusik, am vergangenen Sonntag aus Anlaß des 90. Geburtstages von Sofia Gubaidulinaim Rahmen des Weimarer Orgelsommers in der evangelischen Stadtkirche St. Peter und Paul („Herderkriche“). Dabei kam neben der Uraufführung eines eigenen Werkes des Organisten (*1992) auch „Seraph“ von Lisa Streich (*1985), eine sechsminütige Improvisation der beiden Solisten und zuletzt „In Croce“ von Sofia Gubaidulina (*1931) zu Gehör.
Das heißt, das Konzert war auf die ständige Steigerung der Qualität der Stücke hin angelegt. So muß das sein! „Requiem“, das in diesem Jahr entstandene Werk von Martin Sturm, versprach im Programmheft zwar die Entsprechung zum „liturgischen Ablauf der katholischen Totenmesse, vom ‚Introitus‘ über das ‚Dies irae‘ bis hin zum abschließenden ‚In paradisum‘“, ließ uns aber vollständig ratlos zurück.
Die Komposition gehört zu den Stücken moderner Geräuschcollagen, die der melodischen Erfindungsgabe des Tonsetzers einfach überhaupt nichts abverlangen. Die Kunst, so schien mir, lag hier einmal mehr ganz bei der Interpretin, der solistisch agierenden Christina Meißner. Da wurde über die Saiten gewischt, getrommelt und mit dem Bogen geklopft, das ganze Cello angehoben und der Stachel hörbar wieder aufgesetzt, es wurde gekratzt und gerieben, Wirbel verdreht und die Quinte hernach wieder rein gestimmt, die Finger rutschten die klingenden Saiten hinauf und hinab … das volle Programm also, seit Jahrzehnten bekannt und aus-probiert.
Die eigentliche Kunst dürfte hier sein, das Erdachte oder Erfühlte in einer intersubjektiv vermittelbaren Partitur irgendwie lesbar festzuhalten. In Györgi Ligetis „Atmosphères“, einem bereits 60 Jahre alten Orchesterwerk, das u.a. ganz ähnliche Effekte vorsieht, geschieht dies zum Teil einfach sprachlich: Da wird in einer Einleitung zur Partitur schlicht angeordnet, wie die Schuhbürste, mit der die Saiten eines Konzertflügels gestrichen werden, zum Einsatz zu kommen habe und daß der Wechsel zwischen Besen und Bürste bitte lautlos vonstatten zu gehen habe.
Das alles wäre unglaublich lustig, wenn es nicht so unglaublich ernst gemeint wäre. Nicht umsonst jedenfalls bemühte Martin Sturm in seiner Begrüßung und kurzen Einführung vorsorglich John Cage: Alles ist Musik. Jajaja, schon gut, schon gut! Das gebildete Publikum hat gelernt, über solche Werke weder zu lachen noch den Kopf zu schütteln. Sie brauchen keine Angst zu haben!
Inwieweit allerdings ein solch freies Werk, das nicht nur auf die Sprache, sondern auch auf eine etwa bedeutungstragende Klangrede der tonalen Harmonik ganz und gar verzichtet, das Publikum in den 12 Minuten seiner Dauer auf eine Seelenreise mitzunehmen imstande sein könnte, wie es das Requiem etwa von Wolfgang Amadeus Mozart leistet, das frage ich mich noch immer.
„Ich konnte schon früh zeichnen wie Raphael, aber ich habe ein Leben lang dazu gebraucht, wieder zeichnen zu lernen wie ein Kind.“ Dieses gleichermaßen in dem klassischen Gott-Kind-Mythos wie im Rousseau‘schen Ideal einer zivilisatorisch unverbildeten Kinderseele gründende Zitat von Pablo Picassoist berühmt. Auch in der Neuen Musik scheint es das Ideal einer tastenden Kunst zu geben, in deren gesuchten Klangcollagen und abrupt unterbrochenen Geräuschteppichen man offenbar das Zutagetreten des Ursprünglichen und Reinen vermutet. Als schwebe Gottes Geist nur über dem Wasser, solange Chaos herrscht und die Erde wüst ist und leer.
Aber Gott mochte auch die Ordnung und sah, daß sie gut war. Und sollten nicht die Harmonien der Musik, von denen man in früheren Jahrhunderten den Himmel im Gesang der Engel erfüllt wußte, zu dieser göttlichen Ordnung gehören? Ich möchte von dieser Überzeugung nicht lassen.
Lisa Streichs „Seraph“ stand dem „Requiem“ von Martin Sturm in nichts nach.
Schön war dann die etwa sechsminütige Improvisation der beiden Konzertierenden. Die Cellistin begab sich aus dem Altarraum auf die Empore und beide Künstler reagierten mit ihren Instrumenten auf das Spiel des oder der jeweils anderen. Zwei Kunstfertigen beim – im emphatischen Sinne des Wortes – Spielen zuhören zu dürfen, das ist sehr wohltuend. Und es zeigt sich, daß sich in der echten Improvisation, die tatsächlich gänzlich ohne Notation auskommt, ein weitaus organischeres Spiel entwickelt, als die gesetzten Störungen vieler Stücke aus dem Bereich der Neuen Musik es zulassen möchten. Bemerkenswert!
Cornelie Becker-Lamers
PS: Als der wesentlich (ganz wesentlich!) weniger Musik-Kundige hatte ich mich entschlossen, das Konzert ebenfalls zu besuchen, habe ich doch als Musik-Liebhaber, dessen Vor-Lieben tendenziell in der Frühromantik enden, immer wieder die Erfahrung gemacht, daß das Live-Erlebnis die Horizonterweiterung deutlich erleichtert. Und ich habe diesen Entschluß nicht bedauert – im Gegenteil!
In der Tat, die gnädig kurze Stunde, die das Konzert dauerte, brachte mit der Improvisation und dem wirklich schönen Stück von Sofia Gubaidulina auch echten Hörgenuß!
Und darüber hinaus regte die Veranstaltung eben zum Denken an, wie wir gerade von Cornelie gelesen haben. Ja, “unglaublich lustig” darf es eben tatsächlich nicht sein, denn, genau, es ist immer, ganz “ernst gemeint”. Und ob die Tatsache, daß “[d]as gebildete Publikum gelernt [hat], über solche Werke weder zu lachen noch den Kopf zu schütteln” wirklich kein Anlaß ist “keine Angst zu haben”, das ist doch am Ende nicht so ganz raus, meine ich.
Oder vielmehr, fürchte ich, und denke an die jüngst im Rahmen von PuLa-Reloaded erneut hervorgeholten Betrachtungen über (in dem Fall bildende) ‘Moderne Kunst’ im Gotteslob von 2013/14 (hier), wo wir ja am konkreten Beispiel gesehen hatten, mit welch kaum verhohlener Arroganz und Intoleranz der Anspruch auf überlegene Geltung, ja letztlich auf einen überlegenen Bewußtseinszustand dafür sorgte, daß uns etwas aufgedrängt wurde, was grundsätzlich, kategorial “quer” liegt, zu dem, wozu man ein ‘Gebetbuch’ braucht! Und ich denke an Stimmen aus Frankreich (das wir Europäer uns ja extra für die Hervorbringung unbequemer Denker halten, nicht wahr? 😉 ), die die dunkle Seite der von Cornelie hier so mit leichter Hand skizzierten “Zurichtung” auf “bloß nicht lachen”, bloß nicht “Der Kaiser ist nackt” rufen, in den Blick nehmen und sie mit den Demütigungsritualen stalinistischer Schauprozesse paralellisieren: “Bloß nicht aufmucken!” wäre dann der gemeinsame Nenner, die repressive Absicht.
Um bloß nicht mißverstanden zu werden: Selbstverständlich unterstelle ich den agierenden Künstlerinnen und Künstlern nicht derartige Intentionen! Sie wären in solchen Zusammenhängen im Zweifelsfall eher unbewußt Mittuende. (Im Zweifelsfall, denn das 20. Jahrhundert kennt auch genug ‘Moderne Künstler’, die den totalitären Versuchungen erlegen sind!)
Aber wir, das ‘Publikum’, wir sollten uns, glaube ich, immer mal wieder fragen, welche Doppelbödigkeit unsere tiefsitzende Zurichtung zur Höflichkeit vielleicht verdeckt. Das ist eine Frage nach der Freiheit.
Es war wieder ein „echter Riethmüller“, gestern in der Abendmesse: Ein Nebensatz, mit Understatement vorgetragen; schnodderig eingeschoben und mit einer Geste der rechten Hand auch sofort schon wieder weggewischt; ein Nebensatz, der dennoch eine ganze Welt erklärt.
Ja, es steht auch im „Kleinen Stowasser“, dem seit Jahrzehnten gängigen Schulwörterbuch im Fach Latein. Man hätte es also immer schon wissen können. Ich wußte es trotzdem nicht. „Credere, credo“ schaut man halt nicht im Wörterbuch nach, sondern weiß es irgendwie einfach. Großer Fehler!
Der Stowasser (Ausgabe 1980) schreibt, „credere“ leite sich sprachgeschichtlich vom altindischen „çrad-dhā“, zu deutsch „das Vertrauen“, ab, und meine eigentlich „das Herz (cor) auf jemanden setzen“. Jemandem glauben heißt, ihm vertrauen. Klar – banal. Aber glauben heißt im Lateinischen eben wörtlich: das eigene Herz verschenken. Das klingt doch schon ganz anders. Wenn das Wortfeld rund um das Herz mitzuschwingen beginnt, versteht man doch erst so richtig, welches Ergriffensein des Glaubenden mit seinem Glauben verbunden ist. Es geht zumindest seelisch um Leben und Tod – wenn nicht gar körperlich.
Die sprachgeschichtliche Entwicklung ist einfach zu erklären: die Laute „l“ und „r“ können um den Stammvokal eines Wortes herumwandern, ohne daß die Wortbedeutung sich ändert. Das entwickelt sich gemäß dem jeweiligen Dialekt, in dem den Menschen einer bestimmten Gegend ‚der Schnabel wächst‘. Das ist ganz bekannt und jedem geläufig – ein Paradebeispiel sind im Deutschen die Wörter Born und Brunnen. Das Phänomen nennt sich Liquidmetathese, weil „l“ und „r“ als Liquide – flüssige, weil prinzipiell immer weiterrollende Halbvokale – bezeichnet werden. Unbetonte Vokale werden alle zum e hin abgeschliffen, so daß aus dem „cor dare“ – das Herz verschenken – „credere“ werden konnte bzw. im „credere“ das „cor dare“ noch hindurchscheint.
Wie armselig nimmt sich da die Sprachgeschichte des deutschen Wortes „glauben“ aus! Seit dem 8. Jahrhundert belegt, bedeutet es zwar auch „vertraut, Vertrauen erweckend“, wird aber tatsächlich mit dem Wort „Laub“ in Verbindung gebracht: „Vermutlich gehört dieses Wort zu Laub in der Bedeutung ‚Laubbüschel als Futter und Lockmittel für das Vieh‘ und bedeutet dann ursprünglich ‚zutraulich, folgsam, handzahm‘ (wie das Vieh, dem ein Laubbüschel hingehalten wird)“, schreibt der „Kluge“, das etymologische Wörterbuch in seiner 23. Auflage aus dem Jahr 1995. Oh je! Da war aber jemand skeptisch gegenüber den Missionaren! Aufs Folgsame sollte sich Glauben nun wirklich nicht reduzieren!
Wie gut, daß es Fremdsprachen gibt, in denen sich Wortbedeutungen manchmal tiefer erschließen als im Deutschen.
Jedenfalls: Danke, lieber Herr Pfarrer Riethmüller, mal wieder für einen Ihrer berühmten ‚Nebensätze‘! 🙂
In diesem zweiten Teil der Betrachtungen zum ‘Neuen Gotteslob’, ursprünglich veröffentlicht am 29. März 2014, werden wir sowohl grundsätzlicher (Kunsttheorie), als auch praktischer. Und der praktische Teil, das kann man heute in Ruhe feststellen, der hat sich bewährt! 🙂
Daher viel Spaß mit:
‚Fetter Diss, Allor!‘ oder: ‚Christliches Leben nicht illustrativ versimpeln‘: Zur Gestaltung des neuen Gotteslobs, Teil 2
Nun ist es also soweit: Wenn morgen, am Sonntag Laetare, das neue Gotteslob auch in den fünf mittel- und ostdeutschen (Erz-) Bistümern Berlin, Magdeburg, Görlitz, Dresden-Meißen und Erfurt (den häßlichen Begriff der „Region Ost“ überlasse ich anderen!) erstmals im Gottesdienst benutzt wird, geht ein Prozeß zu Ende, der insbesondere seit dem vergangenen September einen (kirchentypisch?) chaotischen Verlauf nahm, seit nämlich klar war, daß auch wir hier in der Diaspora von der „Dünndruck-Krise“ betroffen waren. PuLa hat darüber immer wieder berichtet (z.B. hier, mit weiteren Verweisen) und auch wenn es natürlich gut ist, daß es zu einer gütlichen Einigung zwischen dem Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) und der Druckerei C.H. Beck kam, wie diese aussah wurde nicht einmal in Ansätzen kommuniziert. Ebensowenig übrigens, wie irgend jemand nach der ersten Aufregung noch über die Kredite und die damit verbundenen Risiken für die Rettung des insolventen WELTBILD-Desasters redet. Soviel zum Thema Bemühen um Transparenz in Finanzdingen. Ehrlich gesagt, ich zweifle mittlerweile an der psychologischen Fähigkeit (über den Willen möchte ich nicht spekulieren) weiter Kreise der Kirche in Deutschland wirklich die Lehren aus den Vorgängen in Limburg zu ziehen, die uns seit kurzem in Form des Prüfberichts vorliegen. Aber das ist ein anderes Thema.
Es müssen vier sein (eigenes Bild)
Schon Ende September 2013 haben wir uns hier mit der graphischen Gestaltung des neuen Gotteslobs befaßt (vgl. aber auch hier). Ich möchte mich darauf auch weiterhin konzentrieren, denn zu der musikalisch-inhaltlichen Seite der Angelegenheit sollten sich bitte Berufenere äußern – und das tun sie ja zum Glück auch!
Jetzt, wo man das Buch in der Hand gehabt hat, bestätigt sich die Annahme, daß die praktischen Elemente der neuen Gestaltung überwiegend positiv zu bewerten sind, auch wenn das neue, größere Format gewöhnungsbedürftig ist. Aber Lesbarkeit und Aufbau machen einen guten Eindruck. Zu dieser im besten Sinne handwerklichen Seite der Angelegenheit finden Sie einen sehr interessanten Beitrag auf dem Blog „Design-Tagebuch“, hier.
Aber, das ist ja nicht alles, was über die Gestaltung des neuen Gebetbuches zu sagen ist, denn als echtes Novum gibt es da eben die graphischen Elemente, bzw. die Illustrationen, die das alte Gotteslob nicht kannte.
Schon Ende September hatten wir ja festgestellt, daß die Zeichnungen aus den Händen der Kölner Künstlerin Monika Bartholomé, die neben wenigen farbigen Wiedergaben älterer Kunstwerke den Löwenanteil der graphischen Elemente im Neuen Gotteslob ausmachen, nach einem Entscheidungsprozeß von geradezu atemberaubender Transparenz und Öffentlichkeit in unser aller künftiges Gebetbuch gelangt sind, einem weiteren wahren Musterbeispiel für die geradezu offensive Berücksichtigung der Wünsche des mündigen Gottesvolks deutscher Zunge (Satiremodus aus).
Ein Beispiel für die Zeichnungen (eigenes Bild)
Wesentlichen Anteil an diesem Prozeß scheint der Würzburger Bischof Dr. Fr. Hofmann gehabt zu haben, als Vorsitzender der zuständigen Unterkommission der Liturgiekommission der DBK.
Ganz wesentlichen.
Und offenbar ist man im Bistum Würzburg auf diese Rolle auch ziemlich stolz, denn man verloste dort im Herbst Exemplare des Neuen Gotteslobs mit Autogramm von Bischof Dr. Hofmann (hier, bitte runterscrollen bis zum 9. Oktober).
PuLa findet das ein bißchen schwach, wenn schon sollten es doch bitte limitierte Drucke der Zeichnungen sein, vielleicht signiert von der Künstlerin UND dem Geistlichen Herrn? So richtig schön vorgestellt im Rahmen einer Vernissage, mit Frankenwein, natürlich!
Jedenfalls kann man sich auf den Seiten des Deutschen Liturgischen Instituts in Trier, das ja bei der Liedauswahl offenbar auch eine gewichtige Rolle gespielt hat, alle 19 Graphiken für den überdiözesanen Stammteil anschauen, ich möchte sie hier nicht alle abbilden, zumal ja inzwischen die geschätzte Leserschaft zum größten Teil ein neues Gotteslob in Händen halten dürfte.
Wenn Sie kurz hier schauen möchten, achten Sie bitte auf die begleitenden Texte, besonders deren jeweiligen Schluß!
Fest steht, alle Reaktionen des „normalen Kirchenvolks“, die ich bisher wahrgenommen habe, gehen in genau eine Richtung, nämlich die hier…
Ok, das war nicht nett, sorry…
Aber natürlich bleibt es einfach eine Tatsache, daß ‚Moderne Kunst‘, daß (weitgehend) Ungegenständliches außerhalb bestimmter, relativ kleiner Kreise nicht mit Verständnis rechnen, gar auf Zustimmung hoffen kann.
Nun will ich nicht behaupten, daß das Wissen um dieses Faktum geradezu ein Grund gewesen ist dafür die „Entscheidung“ über die Aufnahme dieser Graphiken als ‚Geheime Kommandosache‘ durchzuführen. Aber klar ist, es gibt das Bewußtsein für die Problematik in den einschlägigen kirchlich-universitär-publizistischen Kreisen. Denn da ist, allen voran bei Bischof Dr. Hofmann selbst (wie im Beitrag vom 28. September nachzulesen), immer wieder die Rede davon, diese Entscheidung sei „mutig“. So auch z.B. in einem Beitrag des bekannten Prof. Kranemann in der schon mehrfach erwähnten Beilage zum “Tag des Herrn“ vom 14. September 2013.
Und der „Tag des Herren“ hielt es schon im Herbst denn auch für erforderlich, in einem redaktionellen Beitrag (!) Werbung zu machen für die Zeichnungen (der TdH und das Neue Gotteslob für unseren Beritt erscheinen im gleichen Verlag…). Die Argumentationslinie ist etwa wie hier.
Jaja, „mutig“; das ist eines dieser Wörter, die „übersetzungsbedürftig“ sind. So wie es in diesem (und ähnlichen) Kontexten gebraucht wird gehört es ja nur scheinbar der deutschen Alltagssprache an. Der wahre Sinngehalt lautet etwa: „Euer Empfinden in diesen Dingen ist leider zurückgeblieben und interessiert uns, die wir darüber entschieden haben, nicht, denn unser fortgeschrittenes Bewußtsein sagt uns, was richtig und gut für Euch ist; jetzt gebt Euch mal schön Mühe, dann versteht Ihr es auch noch!“
So, nun wir haben uns noch einmal vor Augen geführt: Was da im Neuen Gotteslob gestalterisch auf uns zukommt, das ist das Resultat eines elitären Prozesses, im Verlauf dessen den Handelnden aller Wahrscheinlichkeit nach bestens bewußt war, daß sie auf breite Zustimmung nicht rechnen durften. Sie haben sich darum nicht geschert, sondern haben ‚mutig‘ entschieden.
Welches Bild dieser (sehr) kleine Kreis von Menschen von sich selbst und von den „Endabnehmern“, dem Kirchenvolk, dessen ‚Mündigkeit‘ so häufig im Munde geführt wird, hat, dazu kann man sich auf dieser Grundlage (erneut) so seine Gedanken machen.
Und nun? Ist das denn schon alles, was man zu den „Bildern“, die da auf uns zurollen, feststellen kann: Wie es dazu kam?
Sollen wir (erneut) widerstandslos über uns ergehen lassen, was uns die häufig immer noch tonangebende Generation 70+ und ihre Adepten da als den letzten Schrei und „mutigen Schritt“ aufdrückt? Bleibt uns wirklich bloß Resignation („Ich bin eh zu blöd/zu alt/zu zurückgeblieben, um das zu verstehen“) oder aber die willenlose Übernahme („interessant“) offiziöser Deutungsmuster?
Natürlich nicht! Nein, wir können uns wehren – intellektuell, emotional und ganz praktisch.
Nun ist es, was die intellektuelle Ebene angeht, hier nicht möglich, eine Kritik der modernen Kunstauffassung in ihrem Verhältnis zur Kirche zu leisten, aber das ist auch nicht erforderlich – einige Schlaglichter werden vollauf genügen.
Zunächst: Im Rahmen der modernen Kunst-Theorie sind eigentlich nur die Kriterien von Originalität und Innovativität als Maßstäbe zur Bewertung von Kunstwerken übriggeblieben, alles, wirklich alles andere ist schon seit langer Zeit im Nebel der Unverbindlichkeit, des ‚anything goes‘ verschwunden. Ich habe mich bei Leuten erkundigt, die sich in diesem Diskurs auskennen, und das Ergebnis ist eindeutig: Die Strichzeichnungen von Frau Bartholomé „leisten“ diesbezüglich gar nichts. Derartige (halb-) ungegenständlichen Strichzeichnungen sind weder originell, noch innovativ. Da die Künstlerin nach eigenem Bekunden bei der „Produktion“ auch nicht darum bemüht war, spezifisch christliche Inhalte zu schaffen, sondern sich dem freien Spiel der persönlichen Assoziationen überlassen hat, kann man auch nicht von einer auf diesen besonderen Kontext bezogenen Innovativität ausgehen.
Aber, so möchten nun vielleicht manche einwenden: Muß man sich denn nicht doch darauf einlassen, auf den assoziativen Zugang von Seiten des Betrachters? Wie es zum Schluß der Texte beim Deutschen Liturgischen Institut immer heißt: „Und was sehen Sie?“ Nein, muß man keineswegs! Vielmehr gilt es den Kontext zu bedenken, in den diese „moderne Art“ der Kunst (-betrachtung) hier zwangsweise transportiert wird: Es ist ganz wesentlich der Vollzug der Hl. Messe.
Ist es da wirklich angemessen, zu persönlichen und unverbindlichen Kunstbetrachtungen und Assoziationen angehalten, ja geradezu genötigt zu werden? Das ist es natürlich nicht. Die Hl. Messe ist vielmehr ein Raum der Eindeutigkeit, des durchaus Vorgegebenen, das nicht zu unserer Disposition steht, weder hinsichtlich der Feier der Liturgie, noch sonst. Ihr ganzer Charakter zielt darauf, uns über unsere je individuellen Idiosynkrasien, unser Eingeschlossensein in unser ach so kostbares Selbst und seine begrenzten und zufälligen Vorstellungen zu erheben, hin zu einem Größeren, einem unendlich viel Größeren, in dem wir erst wahrhaft wir selbst werden können – ohne Unverbindlichkeiten, ohne „Fragezeichen“, ganz „eigentlich“…
Und dazu paßt die „Ermunterung“, sich einem durch und durch weltlichen Diskurs der Kunstbetrachtung zu überlassen nun einmal überhaupt nicht. Mit diesen Zeichnungen, so harmlos sie auf den ersten Blick daher kommen mögen, hat Bischof Dr. Hofmann und haben diejenigen, die es mit entschieden haben, einen ganzen Diskurs in einen heiligen Bereich geholt, der dort nicht hingehört. Das ist der entscheidende Punkt, aufgrund dessen wir jenseits aller völlig müßigen Betrachtungen über die Qualität der Werke oder was sie „uns sagen wollen“ feststellen müssen: Sie wären besser draußen geblieben, denn sie haben hier nichts zu suchen!
Extrem ärgerlich ist es, wenn in diesem Zusammenhang die Ungegenständlichkeit, die ja einen wesentlichen Teil des Assoziationsspielraums erst eröffnet, von Seiten hochmögender kirchlicher Angestellter wie Dr. Stefan Kraus, dem Direktor der „Kolumba“, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, noch besonders hervorgehoben, ja als alternativlos „modern“ dargestellt, und anderes abgewertet wird: „Christliches Leben und Handeln“ werde in den Zeichnungen nicht „illustrativ versimpelt“, heißt es in dem Katalog zur Münsteraner Ausstellung der Werke von Frau Bartholomé, (vgl. hier).
Das ist deshalb so anstößig, weil der hier Schreibende selbstverständlich um die erheblich komplexere jahrhundertelange Beziehung des Christlichen Glaubens zum „Bild“ als solchem weiß! Jeder, der sich auch nur einmal ansatzweise damit beschäftigt hat, weiß es auch: Es kann versimpelnde Illustration geben, ebenso wie es versimpelnde Abstraktion gibt, aber um sich klarzumachen, daß die Gleichung: Illustration = Versimpelung nicht aufgeht, reichen schon die zwei Stichworte: „Ikonen“ und „Romanische Kunst“!
Nein, hier wird in teils sehr raffinierter Weise eine ganz bestimmte Sicht der Dinge propagiert, die alles andere als alternativlos ist, bloß, weil sie nun seit einigen Jahrzehnten (was ist das schon!) den Diskurs beherrscht!
Es darf in diesem Zusammenhang auch daran erinnert werden, daß sich der gesamte moderne Kunst-Diskurs durchaus aus einer in weiten Teilen sehr kämpferisch-aggressiv antikirchlichen Haltung vollzogen hat. Ich kann nicht umhin, diesen „Einbruch“ in unseren Raum des Heiligen als eine Art von scheinbarer „Kapitulation“ zu empfinden; eine höchst überflüssige „Kapitulation“.
Ob die bemerkenswerte intensive Beschäftigung mit dem Thema „Kunst“ im Leben von Bischof Dr. Hofmann dazu beigetragen hat?
„Während der Freisemester Erwerb des praktischen Rüstzeugs für Zeichnung und Malerei in dem der Universität [Bonn] zugehörigen Kunstatelier. (ab 1963)
Abschluß des Studiums der Kunstgeschichte und Philosophie mit der Promotion im Fachbereich Kunstgeschichte, Thema: „Zeitgenössische Darstellungen der Apokalypse – Motive im Kirchenbau seit 1945.“ (1978)
Ernennung zum Künstlerseelsorger im Erzbistum Köln. (1981)“
(Auszüge aus der offiziellen Biographie auf der Website des Bistums Würzburg, hier)
Wer weiß!
Kommen wir zur emotionalen Seite der Gegenwehr! Haben wir uns bisher mit den Zeichnungen beschäftigt, die sich im Inneren des Neuen Gotteslobs finden, so müssen wir natürlich auch das Signet in den Blick nehmen, das sich außen auf den Büchern findet, in manchen Ausgaben sogar noch auf dem Rücken! Auf unseren glücklicherweise nicht.
Ein schöner Rücken; der Goldschnitt diesmal fürs kleinere Kind (eigenes Bild)
Die Assoziation, die mir dazu am häufigsten begegnet, ist diejenige mit dem (älteren) Logo der Firma Adobe Systems:
Adobe Systems, altes Logo (Bild Wikimedia)
Was ja in der Tat naheliegend ist. Aber es geht noch viel naheliegender:
Dulcolax (Bild Boehringer-Ingelheim)
Dulcolax, ein Abführmittel – wie nett.
Diese Konnotation war es, die meine ältere Tochter zu der jugendsprachlichen Bemerkung: „Fetter Diss, Allor!“ bewegte, was man etwa mit: „Gewichtige Herabwürdigung, mein Bester“ zu übersetzen hätte…
Das kommt davon, wenn man sich an einer so exponierten Stelle „vom Kreuz verabschiedet“ zugunsten eines irgendwie zustandegekommenen beliebigen Signets! Austauschbare Werbeästhetik statt Eindeutigkeit im Bekenntnis.
Und das ist dann doch einigen Bischöfen aufgefallen, drei von 27 Bistümern haben weiterhin ein Kreuz auf dem Buchdeckel: Paderborn, Eichstätt und – Limburg… Das ist ein Neuntel, na, immerhin…
Bald werden wir wieder hören: „Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung“ (Antiphon am Karfreitag). Hätten wir uns in den zehn Jahren der Vorbereitung auf das neue Gotteslob daran nicht mehrfach erinnern können, als es um die Gestaltung ging?
Übrigens: Kennen Sie den Wahlspruch von Bischof Dr. Hofmann? Er lautet: „Ave Crux, spes unica“ – „Sei gegrüßt Kreuz, einzige Hoffnung“. (vgl. hier)
Aber es gibt Dinge, die muß man wohl nicht verstehen.
(Und was ich davon halten soll, daß Bischof Dr. Hofmann seit der Frühjahrs-Vollversammlung Vorsitzender der Liturgie-Kommission der Bischofskonferenz ist, das weiß ich auch nicht so recht…)
Kommen wir zur praktischen Seite unserer Gegenwehr: Was ist zu tun?
Wiederum müssen wir unterscheiden zwischen innen und außen:
Innen sind die Zeichnungen leider erheblich störender, als ich das ursprünglich befürchtet hatte, nicht zuletzt, weil sie deutlich durchscheinen, das scheint bei der Bewältigung der Dünndruckkrise niemandem aufgefallen zu sein…
Illustration im nGL (eigenes Bild)
Illustration scheint auf Rückseite durch (eigenes Bild)
Aber es gibt schon Abhilfe und sie liegt im Zweifelsfall in Ihrem alten Gotteslob schon bereit:
Vorher (eigenes Bild)
Nachher (eigenes Bild)
Jaja, wer hätte gedacht, daß die guten alten Andachtsbildchen einmal auch auf diese Art hilfreich werden würden! Sie werden uns künftig „aktiv“ vor der oben beschriebenen Zumutung beschützen, was für ein hübsches Sinnbild!
Außen müssen wir leider mehr Aufwand treiben. Antikapitalistische Verschwörungstheoretiker (und davon gibt’s hier eine ganze Menge…) könnten ja auf die Idee kommen, die ganze äußere Gestaltung diene dem Absatz von Schutzhüllen – die Nachfrage ist jedenfalls hoch…
Kirchenladen am Erfurter Domplatz kurz vor der Einführung: Run auf die Hüllen (eigenes Bild)
Freilich: Es gibt Heldinnen des Alltags, die kaufen nicht, die machen selbst:
Selbstgemachte Hülle (Bild: Cl. Sperlich)
Bravo, liebe Kollegin, ab imo pectore, bravo! (vgl. hier)
Aber mit gekauften Hüllen geht es durchaus auch:
Vorher: „Logo“ (eigenes Bild)
Nachher: „christianisiert“ (eigenes Bild)
Manchmal muß es eben Filz sein… (eigenes Bild)
Sie sehen, wir sind ihm nicht etwa hilflos ausgeliefert dem neuen HB-Männchen (dem Hofmann-Bartholomé-Männchen) und es gibt noch weitere lustige Hüllen (ganz zu schweigen von dem weiten Feld des Selbermachens!), da werden wir noch viel Spaß mit haben, glaube ich – warten Sie ab, denn der Trend geht zur Zweithülle…
„Brüderchen komm tanz mit mir“ (eigenes Bild)
Und hier ein Beispiel, wohin das führen kann, wenn sich “Moderne Kunst” in unserem Lebensumfeld breitmacht, mit dem „alten“ HB-Männchen 😉
Über sieben Jahre begleitet uns (jedenfalls hier in Mitteldeutschland) jetzt das neue “Gotteslob” und inzwischen sind die nicht unerheblichen Irrungen und Wirrungen, die seine Einführung begleiteten (nur ein Stichwort: Die “Dündruckkrise”), wohl bloß noch von historischem Interesse (wer es nachlesen möchte: Auf der PuLa-Startseite nach “Gotteslob” suchen – und Zeit mitbringen 😉 ).
Mittlerweile ist, nolens volens, Gewöhnung eingetreten, was soll man auch machen, es gibt ja keine Alternative! (außer einem ‘Volksmissale’, natürlich, aber das ist eine Geschichte für ein andermal…).
Aber genau bei solchen Themen erweist das vorliegende Format, ‘PuLa-reloaded’, seinen Nutzen: Denn es gab und gibt zum “Neuen Gotteslob” wahrlich genug zu sagen, was an Bedeutung nicht verloren hat, und woran man sich erinnern sollte, weil es sehr deutlich aufzeigt, wie in der Kirche in Deutschland mit uns, den einfachn Gläubigen, umgegangen wird!
Daher bringen wir heute und morgen je einen Teil “Zur Gestaltung des neuen Gotteslobs”, der erste erschien am 28. September 2013.
„Die Arbeitsgruppe der Unterkommission“:
Zur Gestaltung des neuen Gotteslobs, Teil 1
Nicht wahr, in seinem Gebetbuch, das nun seit etlichen Jahrzehnten im deutschen Sprachraum ‚Gotteslob‘ heißt, da „wohnt“ man drin! Da sammeln sich Photokopien von Liedern, die zu besonderen Anlässen verteilt wurden, es finden sich Gebetszettelchen und -bildchen an, man weiß nicht immer so genau woher (es ist nicht einmal immer sicher, daß einem jedes einzelne auch besonders gefällt) es ist ein sehr persönlicher „Raum der Erinnerung“ an schöne, wenige schöne oder auch ärgerliche Gottesdienste und wie meine alte Standardausgabe „eigentlich“ aussieht, bzw. mal aussah, das nehme ich manchmal gar nicht mehr so recht wahr!
Altes Gotteslob „live“
Aber auch wenn man irgendwo zu Gast ist, in einer anderen Gemeinde, einem anderen Bistum, ist es immer spannend, wie dort die Gäste-Gotteslobe aussehen, blitzeblank und kahl bis auf den Stempel der Pfarrei oder alt und abgegriffen, wobei die letzteren natürlich die interessanteren sind, weil sie einen in Verbindung bringen, mit dem (nach weltlichen Maßstäben!) vergangenen Glaubensleben der Nutzer.
Altes Gotteslob, „Battle worn“
Weil das nun bestimmt nicht nur mir so geht, weil das Gotteslob jedenfalls für die Mitfeier der Hl. Messe unverzichtbar, man könnte auch sagen, unausweichlich, ist, deswegen ist jeder Veränderung dieses so zentralen Elements im praktischen Glaubensleben jedes deutschsprachigen Katholiken natürlich besondere Aufmerksamkeit gewiß.
Und deswegen kann ich nur wiederholen, so wichtig die Entwicklungen um die Herstellung der Neuen Gotteslobe auch sind, der zentrale Punkt dessen, was man zu unserem neuen Gebetbuch sagen kann, ist das nicht.
PuLa wird der „Dünn-Druck-Krise“ auch künftig die Aufmerksamkeit widmen, die sie verdient, aber bis dahin werden wir auch weiterhin Gottesdienst feiern und irgendwann werden wir die neuen Bücher in Händen halten.
Und wenn wir sie in Händen halten, werden wir feststellen, daß sich in deren Gestaltung etliches verändert hat. Ich meine jetzt nicht das etwas größere Format, ich meine auch nicht die ergänzende Verwendung roter Druckfarbe und ich meine auch nicht, daß versucht wurde, innerhalb eines Liedes nicht mehr umblättern zu müssen, was vermutlich alles sinnvolle Dinge sind, wir werden sehen.
Nein, mir geht es um die graphischen Elemente des Neuen Gotteslobs. Neben dem, ja, wie soll man das eigentlich nennen?, Logo?, Signet?, sagen wir ganz neutral, dem graphischen Zeichen auf Umschlag und (!) Rücken finden sich auch im Inneren des Buches insgesamt 19 weitere Zeichnungen der Kölner Künstlerin Monika Bartholomé, ggf. in den Diözesanteilen noch weitere. Sie sollen rein praktisch u.a. dazu dienen, Leerstellen, die durch die eben erwähnte Vermeidung von Umblättern entstanden, zu füllen, aber natürlich nicht nur.
Illustrationen im Gebetbuch als dessen fester Bestandteil, das ist, jedenfalls seit nun ca. vierzig Jahren, ein echtes Novum, das die Neugierde weckt.
Wenn man berücksichtigt, daß, wie erwähnt, das Gotteslob sozusagen unausweichlich ist, und daß uns diese Bücher vermutlich nun auch wieder einige Jahrzehnte begleiten werden, viele von uns vielleicht bis zum Ende ihres irdischen Lebens, dann scheint es doch sehr angebracht, genau hinzusehen, was uns denn da präsentiert wird, wie das entstanden ist und was es eigentlich bedeutet.
Neues Gotteslob, Signet auf Umschlag und Rücken
Wie sich herausstellte, ist das aber gar kein so einfaches Unterfangen. Ich dachte natürlich, ein so gewichtiges Element in einem so zentralen Projekt der Deutschen Bischofskonferenz, das wird nicht ohne deren mediale Begleitung geblieben sein. Ich fand aber nichts. Also habe ich den Pressesprecher der DBK, Herrn Kopp gefragt, ob es denn eine ‚Interpretation mit Autorität‘ gebe, eine Stellungnahme der DBK und wie sich das denn mit dem Auswahlprozeß verhalten habe. Zu meiner ehrlichen Verblüffung mußte aber M. Kopp aber nicht nur bloß ‚ins Regal greifen‘, sondern die zugesagte Reaktion brauchte einige Zeit. Nun liegt sie vor, vielen Dank!, und sie wird in diesen und die folgenden (vermutlich zwei) Beiträge einfließen.
Auf Abhilfe sinnend, besann ich mich aber schon vorher auf den alten Grundsatz: ‚Ad fontes‘, zu den Quellen, und habe die Künstlerin selbst gefragt. Und Frau Bartholomé hatte einen ganz ausgezeichneten Tip; Vielen Dank! Sie wies mich auf den Katalog einer Ausstellung mit denjenigen ihrer Werke hin, die im neuen Gotteslob abgedruckt sein werden, er trägt den Titel: „Die Fülle des Lebens – Zeichnungen im neuen Gotteslob“ und ist erschienen anläßlich der Schau: „Alles auf Papier – Monika Bartholomé“, die vom 15. Mai bis 30. Juni 2013 in der „katholisch-sozialen Akademie des Bistums Münster“, dem Franz Hitze Haus ebendort zu sehen war.
M. Bartholomé, Katalog: „Fülle des Lebens“
(Der Katalog hat es übrigens noch nicht in das Onlineangebot der Ausstellungspublikationen geschafft, aber man kann ihn unter der folgenden Telefonnummer bei der sehr freundlichen Frau Lau bestellen: 0251 / 9818-490 à 10,- € incl. Versand und auch beim Deutschen Liturgischen Institut (DLI) in Tier, hier)
Wen diese ‚naheliegende‘ Möglichkeit, sich mit den Illustrationen im Neuen Gotteslob vertraut zu machen, nun ein wenig an die Planungsunterlagen für die ‚Hyper-Raum-Expreß-Route‘ erinnert, die 50 Jahre lang auf Alpha Centauri auslagen, den kann ich daran nicht hindern…
Edit: Hier fand sich zur Zeit der Veröffentlichung ein Video, in dem aus Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“ gelesen wurde und zwar just jene Stelle,an der die Vogonen kurz vor Sprengung der Erde zum Zweck des Baus der Hyper-Raum-Umgehungsstraße der entsetzten Erdbevölkerung eben dies erläutern: Man hätte ja gucken können, wenn man denn nur davon gewußt hätte…
Das Video wurde unterdessen von YouTube entfernt, sorry, das Netz ist nichts Statisches.
Ok, ok, ganz so weit wie unser Nachbar-Sternsystem (4,34 Lichtjahre) ist Münster nicht weg, zugegeben, nein, wirklich nicht, nur beinahe (Satiremodus aus).
Jedenfalls bietet der Katalog gleich eine ganze Reihe interpretationsfähiger Texte! Neben dem Vorwort seitens des Institutsdirektors, Prof. Thomas Sternberg, der auch ein ‚Gespräch‘ mit M. Bartholomé geführt hat, das dort abgedruckt ist, findet sich ein kurzer Text von Bischof Dr. Friedhelm Hofmann, Würzburg, dem verantwortlichen Bischof für das Neue Gotteslob und ein einführender kunstwissenschaftlicher Text vom Leiter des Kölner Diözesanmuseums ‚Kolumba‘, Dr. Stefan Kraus sowie schließlich ein, naja, literarischer Text von M. Bartholomé, über dessen Gattung ich mir nicht ganz im klaren bin (ist das ein Gedicht?).
Beginnen wir heute mit dem, was Bischof Dr. Hofmann in seinem Text über den Entscheidungs- und Auswahlprozeß verrät.
In der nun schon mehrmals erwähnten Sonderausgabe des TdH vom 14. September spricht ja der Riesaer Pfarrer Ludger M. Kauder, der für das Bistum Dresden-Meißen Mitglied der Gotteslob-Kommission war, einfach davon: „Dass hier und da moderne Grafiken eingestreut sind, ist der Kunstliebe des leitenden Bischofs der Gotteslob-Kommission, Friedhelm Hofmann zu verdanken […].“ (S. 6).
Und was schreibt Bischof Hofmann selbst? Nun, zunächst ist nur relativ häufig (sechsmal auf 26 Zeilen) von einem anonymen „sollen“, bzw. „sollten“ die Rede: „Das neue Gebet- und Gesangbuch sollte neben dem Text- und Liedteil auch Bildmotive enthalten […], „Statt weiterer Farbbilder sollte eine künstlerische Gestaltung durch Zeichnungen eingebracht werden. Da die drei Ausdrucksformen Wort, Musik und Bild ihre eigenen Wahrnehmungsqualitäten haben, sollten sie sich ergänzen.“ „Vielmehr sollten sie [sc. die Zeichnungen] eigenständig als kleine lineare Kunstwerke mit den Schrift- und Notenzeichen korrespondieren.“ (Katalog, S. 7).
Dieses ‚Sollen‘ entstand „In Gesprächen mit Künstlern und der Katholischen Bibelanstalt in Stuttgart […]“. Dann heißt es: „Angeregt wurde ich vor Jahren durch den Austausch mit kulturellen Vertretern der Kirche in Frankreich.“ […] „Diesen mutigen Schritt vor Augen, suchte die Arbeitsgruppe der Unterkommission nach einem Künstler, der qualitätsvoll graphische Zeichen als Lebensspuren in unser Gebet- und Gesangbuch einbringen könnte. Nach einem Vorschlag der Stuttgarter Bibelanstalt entschieden wir uns nach längerem Suchen für die Künstlerin Monika Bartholomé, die durch ihre Zeichnungen auf sich aufmerksam gemacht hat.“ (ebd., alle Hervorhebungen von mir).
Das klingt nun allerdings wirklich nach einem (sehr) kleinen Kreis von Beteiligten und nach einer wesentlichen Rolle, die der „Chef“, Bischof Hofmann ganz persönlich gespielt hat – neben anonym bleibenden „Künstlern“ und „der Stuttgarter Bibelanstalt“.
Und wenn Sie meinen textlichen Interpretationen nicht trauen wollen (obwohl Sie das ruhig tun ‚sollten‘, denn ich habe selbst schon genug Texte schreiben ‚dürfen‘, deren Zweck es war, genaue Abläufe zu verbergen…), dann sehen Sie selbst:
Unter-Kommission Gotteslob, Mitglieder der Arbeitsgruppen
Leiter der „Arbeitsgruppe VII, Bilder/Bildtexte (Spirituelle Impulse)“ und – einziges Mitglied: Bischof Dr. Hofmann…
Hm! Jetzt verstehe ich schon mal ein bißchen besser, warum M. Kopp auf die Frage nach einer Ausschreibung, einem Wettbewerb o.ä. nicht eingehen konnte: Es gab keinen. Dementsprechend gab es auch nicht die damit verbundene Teilhabe der interessierten Öffentlichkeit (Präsentation der Einsendungen, Findung und Benennung der Jury, Prämierung etc.). Nein, „wir entschieden uns“.
Gut, daß wir das schon mal geklärt haben. Auf das Adjektiv „mutig“ (dies ist nicht sein einziges Vorkommen in diesem Kontext) wird noch zurückzukommen sein.
Ein Sketch für drei Personen, fünf Schafe, zwei Lämmchen und eine Menge Heiliger
Wundersdorf, Oderbruch. Auf dem Weg von der Schafweide zur Stadt. Wir erinnern uns: In Kohles neuer App fängt man Heilige, indem man passende Gebete spricht oder Lieder zur Erinnerung an ihre Geschichte singt. Das hatten wir jetzt verstanden. Aber warum eigentlich heißt das Spiel „Dove Sveta“?
Richard: Und das ganze heißt „Dove Sveta“?
Kohle: Yep! (Er poliert geschäftig sein Display.)
Richard: Und was soll das heißen?
Kohle: Na, „Wo sind die Heiligen“ natürlich.
Richard (zieht die Augenbrauen hoch): Das ist eine Sprachmixtur sonder Gleichen! Und wo ist das Verb?
Kohle (kühl): Na, da bin ich ja froh, daß der Name „Pokémon GO!“ als Aufforderung an die Spieler grammatikalisch so lupenreines Englisch ist und etymologisch auf einen so klaren Stammbaum verweisen kann. (Er rückt mit seiner Nase dicht an Richard heran.) Allein Pokémon ist ein Kunstwort, eine japanische Verballhornung von „Pocket Monster“. Noch Fragen? (Wieder mit etwas Abstand.) Markennamen sind immer künstlich.
Richard: Jajaja, ist ja schon gut. Entschuldigung. Also ihr meint wirklich das italienische „Dove“ für „Wo“ und das Kroatische „Sveta“ für „Heilige“?
Kohle: Ja.
Fixi: In Pula ist alles zweisprachig italienisch-kroatisch. Wußtest du das nicht?
Straßenschilder in Pula (Bild CBL)
Huf (grinst): So ist das in Pula. Also sind wir mit unserem Spiel hier genau richtig.
Ein Sketch für drei Personen, fünf Schafe, zwei Lämmchen und eine Menge Heiliger
Wundersdorf, Oderbruch. Auf dem Weg von der Schafweide zur Stadt. Wir erinnern uns: Langenfelds hatten die Schafe getroffen und deren neue App „Dove Sveta“ kennengelernt: Mit eigenen Augen hatten sie verfolgen können, wie Kohle durch das laute Sprechen eines Gebetes die Figur des Patrons der Wundersdorfer Nicolaikapelle am Fluß mit einem virtuellen Rosenkranz in seine Sammlung „gefangen“ hatte.
Richard (blickt auf das Display, völlig aus dem Häuschen): Großartig! Mit Spracherkennung und allem Drum und Dran!
Kohle: Tjahahaaaa! Gewußt wie! So lernen die Spieler die Heiligen an deren Attributen zu identifizieren, sie lernen durch die Orte, an denen sie plaziert sind, deren Patronate kennen – und sie können sie nur fangen, wenn sie zumindest die Standardgebete parat haben.
Flocke: … und sie auch BETEN!
Kohle: In der Tat! Und sie auch beten.
Fixi (zu Teresa): Darauf kommt es entscheidend an. Bei Nikolaus zum Beispiel, wenn man da „Morgen kommt der Weihnachtsmann singt“, verschwindet er.
Teresa (unschuldig): „Morgen kommt der Weihnachtsmann …“
(Die Figur auf Fixis Display verblaßt und verschwindet rasch gänzlich. In rot blinkt die Punktezahl „0“ und die Information „Level 0“ auf.)
Fixi: Heee! Nicht! Du ruinierst mir meinen ganzen Punktestand!
Teresa (erschrocken): Entschuldigung
Fixi: Du Schafskopf! Das gibt 100 Punkte Abzug!
Teresa (kleinlaut): Wußt‘ ich ja nicht!
Fixi (jammert): Jetzt hab ich Johann Baptist ganz umsonst gefangen!
Flocke: Aber, aber! Nicht umsonst! Du hast doch ein Ave Maria gebetet.
Fixi (schnieft): Stimmt ja!
Flocke (sanft): Im Gegensatz zu diesem Pokémonquatsch trägt unser Spiel doch wirklich einen Sinn in sich!
Kohle: Laßt uns einfach weitergehen! (Er stupst Fixi tröstend mit der Schnauze an.) Komm schon! Fixi! Gleich müßten wir doch bei der Gänsewiese sein.
(Sie traben weiter und passieren linkerhand eine Wiese.)
Teresa: Stimmt! Hier leben im Sommer Gänse.
Fixi (wieder im Spiel): Genau! Und da steht normalerweise wer?
Teresa: Der Heilige Martin?
Fixi: Klar!
Edith: Und jetzt? Wo ist Sankt Martin jetzt?
Grauchen: Na, im Winter, wenn die Gänse im Stall sind, zieht er um in die Änderungsschneiderei vorne an der Peterhagener Chaussee.
Edith: Ah!
Blütenweiß (begeistert): Er reitet dort in der Woche nach dem 11. November hin. Wenn wir Glück haben … da! Seht ihr? (Sie tippt auf Fixis Display. Auf dem Weg vor ihnen, schon ein gutes Stück weit Richtung Stadt, wird ein Reiter auf braunem Roß sichtbar, der sich in gemächlichem Schritt fortbewegt. Über seiner rechten Schulter hängt die Hälfte eines weißen Militärmantels. Das Haupt bedeckt ein antiker Helm der kaiserlich-römischen Leibgarde.)
Fixi (singt in ihr Smartphone): „Seht mal, Schwestern, an der Tür! War der gestern auch schon hier? (Huf fällt in den Kinderkanon ein.) Er birgt sich, er ist auf der Hut, er wirkt nicht als ging‘ es ihm gut. (Teresa singt den Kanon als dritten Einsatz mit.) Kommen Leute ihn zu jagen, geht’s uns heute an den Kragen! Weh! Oh weh! Weh! Oh weh!“
Edith: Warum hast du denn jetzt den Schnatterkanon gesungen?
Flocke: Das Martinslied tut’s auch, aber Eigenkompositionen geben 50 Punkte plus.
Edith: Ah! Ja – klar, ist ja nur recht und billig.
(Während sie reden, ist ein Rosenkranz auf den Heiligen zu geschwebt und hat sich ihm um das Handgelenk gewickelt. Der Heilige zügelt sein Roß und dreht sich suchend zu der Gruppe um. Als er ihrer gewahr wird, lächelt er und der nun schon bekannte warme Windhauch entströmt seiner Gestalt. Die Gräser entlang des Weges richten sich ein wenig auf.)
Ein Sketch für drei Personen, fünf Schafe, zwei Lämmchen und eine Menge Heiliger
Wundersdorf, Oderbruch. Im Umfeld der allseits bekannten Schafweide. Wir erinnern uns: Familie Langenfeld hatte einige Schafe mit Phablets bewaffnet die Feldwege entlangstromern sehen und zweierlei erfahren. Erstens: Auf der Schafweide war ein PokéStop, der aufgrund der beherzten Intervention des Hirten vom Spielebetreiber annulliert wurde und zweitens: Kohle hat eine App erfunden, die sich „Dove Sveta“ nennt und irgendwie mit diesem Pokémonzeugs da zusammenhängen muß. Gerade ist Kohle dabei, die Langenfelds auf den nötigen Wissensstand zu bringen.
Kohle (stolz): Meine Erfindung! Hört zu: Was geschieht bei „Pokémon Go!“ ?
Edith (guckt Richard an): Keine Ahnung!
Richard: Äh – ich glaube, der Spieler – tja – wie war das nochmal?
Teresa: Man sieht auf dem Smartphone die Landkarte von wo man ist und hat auch einen Avatar und wenn man ein Pokémon findet, muß man es mit einem Ring fangen und bekommt dann dafür Punkte. Da gibt’s verschiedene Kategorien und manche Pokémons gibt es auch nur in Asien zum Beispiel und manche fliegen dann da extra hin.
Edith: Wahnsinns Geschäftsidee …
Richard: Merchandising inklusive … Das bringt Millionen im Monat!
Edith: Aber – wie hat man sich das vorzustellen, ein Pokémon finden oder fangen?
Flocke: Na, die Vorstellung ist, die Pokémons sind in echt da …
Wolle (unterbricht sie): … zum Beispiel an unserer Tanne …
Flocke: … genau, aber sie sind unsichtbar.
Fixi: Man sieht sie nur auf dem Bildschirm.
Edith: Ah!
Richard: Und jetzt? Euer Spiel?
Kohle: Na – die Spielidee von „Pokémon GO!“ ist doch ganz offenbar geklaut!
Richard: Ah ja?
Teresa (platzt heraus): … bei der Vorstellung von Heiligen!
Kohle: Ganz recht! Wer ist denn seit Jahrhunderten unsichtbar da?
(Die Gruppe hat sich mittlerweile wieder auf den Weg gemacht und schlendert langsam weiter den Feldrain entlang Richtung Stadt.)
Teresa (beginnt zu singen): „Kein Ohr hat ihren Spruch vernommen,/ unsichtbar jedes Menschen Blick,/ sind sie gegangen, wie gekommen,/ doch Gottes Segen blieb zurück!“
Edith (freudig): Die Engel und Heiligen!
Kohle: Eben.
Flocke: Und mehr noch: Wo werden denn Altäre und Kirchen gebaut?
Richard: Über Heiligengräbern?!
Wolle (nickt): Über Heiligengräbern.
Blütenweiß: Und wenn kein Heiliger da ist, dann bringt man Reliquien hin.
Grauchen: In barocken Kirchen ist die Decke blau bemalt, weil da der Himmel offen ist.
Kohle (resümiert): Die Verbindung von Orten und wirksamen, aber unsichtbaren Personen ist mithin Jahrtausende alt. (Er blickt in die Runde, um die Wirkung seiner bedeutsamen Worte auszukosten.)
Edith: Ja, aber dann ist euer Spiel ja nicht besonders spannend – ich meine, man geht zu einer Kirche und fertig.
Kohle (schaut Edith indigniert an): Na, sooo einfach haben wir es uns nun auch nicht gemacht. Klar – wenn man gefrustet ist, weil man ewig keinen Heiligen gefangen hat, kann man zu einer Kirche gehen und dort einen finden. Aber die geben dann entsprechend auch nur sehr wenig Punkte.
Richard: Ah! Und wo sind die Heiligen dann so?
Huf: Na, an unserer Tanne ist jetzt natürlich ein Johann Baptist.
Fixi: Johannes der Täufer, Schutzheiliger der Schafe und Lämmchen.
Wolle: Und die Heilige Elisabeth oder jetzt Mutter Teresa sind bei einem Krankenhaus.
Flocke: Vorn beim Imker ist ein Bernhard von Clairvaux.
Grauchen: Und beim Bauern wacht Antonius der Große …
Wolle (lacht): Das auch, ja. Aber für Nikolaus ist wichtig, daß die Stobrava schiffbar war. Und deshalb gibt es selbstverständlich eine Nicolai-Kirche. Die Kaufleute haben mit so schöner Regelmäßigkeit Nicolaikirchen erbaut, daß man sogar Handelswege anhand der Kirchen rekonstruieren kann.
Teresa: So! Und wie fängt man ihn jetzt?
Fixi (hält Teresa ihr Display hin): Schau! Da sitzt er – vor der Kirche. Siehst du ihn?
Teresa (begeistert): Da! Mit den drei goldenen Kugeln! Klar! Ganz klar Nikolaus.
Kohle: Also Nikolaus ist ja ein sehr häufiger Heiliger. Den fängt man einfach mit einem „Ehre sei dem Vater …“ Paß auf.
(Kohle rückt mit der Schnauze dicht an sein Display heran und beginnt mit vernehmlicher Stimme zu sprechen.)
Kohle: „Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Wie es war im Anfang so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit. Amen.“
(Alle starren gespannt auf die beiden Displays. Ein Freudengeschrei bricht los, als nach Ende der Eingabe ein kleiner Rosenkranz losschwebt und sich dem Heiligen um die Handgelenke wickelt. In einer kleinen Leuchtschrift am linken unteren Bildschirmrand erscheint die Punktezahl „150“ und die Information „Level 1“.)
Kohle (stolz): Da! Ich hab ihn!
(Der Heilige lächelt und ein warmer Windhauch entströmt seiner Gestalt. Allen wird ganz wohlig zumute.)
Richard (lächelt entrückt): Das ist ja phantastisch! Das ist ja besser als alle Punkte, die man je sammeln kann!
Kohle (grinst): Tja! Praktiziert euren katholischen Glauben, sage ich immer. Das ist interaktiv!
Am 13. November 2016 zuerst erschienenund erster in einer vierteiligen Reihe, die wir jetzt im Zusammenhang bringen, hat uns ‘Dove Sveta’ seither kontinuierlich Freude gemacht – und nicht nur uns!
Daher fällt es heute glücklicherweise einmal wieder besonders leicht zu schreiben:
Enjoy! 🙂
Dove Sveta (1/4)
Ein Sketch für drei Personen, fünf Schafe, zwei Lämmchen und eine Menge Heiliger
Wundersdorf, Oderbruch. Ein wenig abseits der uns wohlbekannten Schafweide stromern Fixi und Huf, Kohle, Flocke, Wolle, Grauchen und Blütenweiß den planierten Feldweg entlang. Kohle und Fixi tragen Phablets vor sich her, die ihnen als Navigation zu dienen scheinen.
Die Schafe mit Navigation um die eigene Weide herum? Was soll das nun schon wieder? Das fragen sich wohl auch die drei Mitglieder der Familie Langenfeld, die da gerade vorn an der Weggabelung sichtbar werden.
Teresa (stürmt auf die Lämmchen zu): Fixiiiii! Huuuuuf! (Sie umarmt die beiden, die ihr blökend entgegengesprungen sind.)
Kohle (freudig): Hallo Richard, hallo Edith! (weltmännisch) Das ist ja eine Überraschung!
Richard (streichelt den Schafen nacheinander übers Fell): Hallo Schafe! Das wollten wir auch gerade sagen.
Edith (krault Blütenweiß hinter den Ohren): Was rennt ihr denn hier mit euren Riesensmartphones herum?
Huf: Das sind sogenannte Phablets.
Flocke: Wir testen gerade eine neue App.
Blütenweiß: Wo ist Emily?
Edith (seufzt): Zu viel zu tun für die Schule.
Richard: Was für eine App?
Grauchen: „Dove Sveta“.
Teresa: Doofes was?
Kohle: „Dove – Sveta“.
Teresa: Ah! Ich hatte „Doofes Wetter“ verstanden.
Fixi: Ja … äh … das schwingt auch mit.
Huf: Es ist ein Wortspiel.
Flocke: Wenn doofes Wetter ist, spielt man „Dove Sveta“.
Richard (lüpft eine Augenbraue): Aha. Und was soll das ganze sein?
Wolle (wichtig): Es handelt sich um nichts Geringeres als die spirituelle Urform von „Pokémon GO!“
Edith, Richard und Teresa (wie aus einem Munde): „Pokémon GO!“ ???
Kohle (scheinbar ganz schlicht): Ja, „Pokémon GO!“
Richard: Was habt ihr denn mit „Pokémon GO!“ zu schaffen?
Edith: Und wieso kennt ihr das überhaupt?
Blütenweiß (mit aufflammender Empörung): Man kriegt ja damit zu tun – ob man will oder nicht!
Flocke: Wußtet ihr das gar nicht?
Edith: Was?
Grauchen: Auf unserer Weide war doch ein PokéStop .
Richard (kann es kaum fassen): Auf eurer Weide … war … ein PokéStop? (Er beginnt zu lachen.)
Blütenweiß: Das ist überhaupt nicht witzig!
Kohle: Weißt du, wie nervig das ist, wenn alle naselang irgendwelche Pickelgesichter über den Weidezaun klettern, unser Futter zertrampeln und alles mit leeren Energy-Drink-Dosen zumüllen?
Richard (hat sich wieder gefangen): Entschuldigung! Das ist natürlich schrecklich!
Edith: Aber davon hatten wir ja keine Ahnung!
Wolle: Da seht ihr mal, wie lange ihr nicht hier draußen wart!
Edith: Das ist aber auch wahr! Wir haben unglaublich lange nichts voneinander gehört.
Teresa: Aber warum sind alle über den Weidezaun geklettert?
Flocke: Wir denken, das Biest saß an der Tanne.
Richard: Frechheit!
Edith: Und? Wie seid ihr es los geworden?
Grauchen: Kohle war beim Hirten.
Richard: Du hast dich beim Hirten beschwert?
Kohle (einfach): Ja, klar! Er ist doch für uns zuständig.
Edith: Und was hat er gemacht?
Kohle: Ich glaube, er hat an Niantic gemailt, daß sie den Quatsch lassen sollen.
Flocke: Und offenbar haben sie den PokéStop rausgenommen, denn nach einigen Tagen hörte der Spuk auf.
Richard: Apropos Spuk – wie ist das mit dieser neuen App zu verstehen? Stichwort „spirituelle Urform von Pokémon GO!“?
Martin Mosebach erhielt am 23. Juni 2013 den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung, der traditionell in Weimar verliehen wird (weil Weimar Weimar ist und Bernhard Vogel das so eingestielt hat) und ungeachtet der Tatsache, daß wir keine Fans des Romanciers Mosebach sind, als Essayist ist er eine wichtige Figur des deutschen traditionellen Katholizismus, hat er ganz unbezweifelbare Verdienste erworben! Deshalb hat PuLa über dieses Ereignis natürlich berichtet und dabei auch Anlaß gefunden, über den stes sprungbereiten Antikatholischen Affekt in der sich “besser” dünkenden Gesellschaft (hier repräsentiert durch das deutschsprachige Feuilleton) zu sprechen.
Acht jahre später ist Mosebach, der gerade in einem von ihm unterstützten Institut der Tradition seinen 70. Geburtstag gefeiert hat, erneut sehr präsent, auch international, mit seinen Einlassungen in Bezug auf ‘Traditionis Custodes’ und den sog. ‘Synodalen Weg’ und gerade in den letzten Tagen mußten wir erleben, wie eine ehemals (…) große deutsche Volkspartei sich im Wahlkampf nicht entblödete, in Muster des Antikatholizismus und der Vulgäraufklärung zu verfallen, die man zumindest so prominent dann doch nicht erwartet hatte.
Daher paßt vor allem der zweite Teil des Titels, den wir damals gewählt haben, nach wie vor nur allzugut; lesen Sie:
Provinz? Eher nicht! Feinde? Aber sicher!
Ach ja! War das ein schöner Tag, dieser Sonntag, der 23. Juni. So recht dazu angetan, einen für ein paar Stunden vergessen zu lassen, daß wir in unserem Weltkulturdorf Weimar eben doch in der Provinz leben.
Bloß gut, daß es stets genug Menschen gibt, die einen zügig wieder daran erinnern!
Wobei, auf den Begriff ‚Provinz‘ wird noch zurückzukommen sein.
Ausgelöst hat diese temporäre Hochstimmung die diesjährige Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die 21. schon, nebenbei bemerkt und ich war unglaublicherweise schon bei der ersten im Jahr 1993 dabei; Uff! 😉
Die fand noch im Hotel ‚Russischer Hof‘ statt, da war der Neubau des Musikgymnasiums Belvedere, wo diese Veranstaltung jetzt ihre Heimat gefunden hat, nämlich noch gar nicht errichtet. Bei der Einweihung desselben 1996, an die ich mich auch gut erinnere, da hatte die Deutsche Bank noch Chefs, mit denen man sich als bürgerlicher Mensch gerne zusammen sehen ließ…
Musikgymnasium Schloß Belvedere, Neubau (Bild: Wikipedia, Most Curious)
Aber bevor wir in Nostalgie versinken: Es war auch heuer wieder richtig schön. Das Wetter (das diese Veranstaltung eigentlich nie im Stich läßt) wurde im Verlauf immer besser, die Reden und die guten Gespräche in der hier einmal gelungenen Mischung alter und neuer Architektur, und die bewährte Gastfreundschaft der bundesweit renommierten Schule, einfach angenehm!
Und was hat das mit „Katholisch in Weimar“ zu tun, bzw., wo liegt der Obligatory Catholic Content (OCC)?
Im Preisträger! Es handelte sich nämlich um Martin Mosebach, den Frankfurter Romancier, der sich mit der „Häresie der Formlosigkeit“ (2002) und zuletzt mit „Der Ultramontane, Alle Wege führen nach Rom“ (2012) große Verdienste erworben hat um diejenigen Teile des deutschen Katholizismus, die sich nicht bloß noch in dessen ebenso harm- wie auswirkungslosen Rückzugsräumen bewegen wollen… (Unvergessen auch seine „12 Fragen an Kardinal Lehmann“ aus dem Jahr 2009, hier!).
Aus seiner Dankesrede sei hier nur ein Satz zitiert: „Auf dem Weg durch die nachrevolutionären Jahrhunderte haben die Menschen Gewicht abgeworfen, die Schuldunfähigkeit, die sie sich attestieren, hat sie federleicht gemacht.“
Schön, nicht? Woher kennen wir nur auf PuLa schon diesen Gedanken des inneren Zusammenhangs von spezifischen Unfähigkeiten mit dem Phänomen der Leichtgewichtigkeit? Woher nur?
Jedenfalls spielte Mosebachs Katholizismus auch in allen Reden, die an diesem Tag gehalten wurden, eine Rolle, obwohl das natürlich anläßlich der Verleihung eines Literatur-Preises nicht im Vordergrund stand.
Musikgymnasium Schloß Belvedere, Westansicht mit Altbau (Bild: wikipedia, Most Curious)
Die Reden können Sie übrigens nachhören, die KAS hat die Audiofiles zur Verfügung gestellt (hier). Ich empfehle, neben der Ansprache des Preisträgers natürlich, besonders die Laudatio von Professor Heinrich Detering, Göttinger Germanist und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (die charmanten Eingangsworte, man solle seine Bemerkungen lediglich als „Nachtrag zu den Ausführungen der Ministerpräsidentin“ betrachten, die müssen Sie allerdings nicht zum Nennwert nehmen).
Diese Rede von Professor Detering war hinsichtlich dessen, was uns hier interessiert, gleich in mehrerer Hinsicht bemerkenswert, aber hier möchte ich nur auf eines eingehen, auch wenn das leider geeignet ist, die gute Stimmung in der Erinnerung an die schönen Stunden zu trüben.
Detering erinnerte nämlich an den Ausspruch der österreichischen Kritikerin Sigrid Löffler, Mosebach sei ein „Ayatollah des Katholizismus“. Und auch wenn ich diesen Ausdruck so nicht habe finden können, es kann gar kein Zweifel daran bestehen, daß Frau Löffler genauso denkt, wenn man z.B. ein Interview nachliest, das sie anläßlich der Verleihung des Büchner-Preises an Martin Mosebach im Jahr 2007 gegeben hat (hier).
In diesem Interview machte Frau Löffler den Stil von Martin Mosebach in einer Weise runter (anders kann man das nicht ausdrücken), die sogar für die bekannt ruppigen Töne der österreichischen Literaturkritik bemerkenswert ist: Hier werde in einem „verschmuckten und gespreizten Prunkstil geschrieben“, einer „gewollten Schönschreiberei gehuldigt“ und sich „aus der bürgerlichen Mottenkiste des 19. Jahrhunderts“ bedient. Ein „ Poseur“ sei da am Werk, dessen „sprachliche Hochstapelei“ „ständig ins Lächerliche abstürze“.
Nun ja, ich kann das anhand des allerdings bisher nur wenigen, was ich von Mosebachs literarischen Werken gelesen habe, nicht nachvollziehen aber das soll ja auf einem katholischen Blog auch nicht das Thema sein.
Frau Löfflers Grundthese, wie sich bald herausstellt, hat nämlich auch mit ästhetischer Kritik gar nichts zu tun. Diese These besteht in der Behauptung, Matin Mosebach habe den Büchner-Preis gar nicht für sein Schreiben, sondern für seine „konservativ-reaktionäre“ Gesinnung erhalten. Um diese Haltung zu belegen wird, offenbar unvermeidlicherweise, zu einem ganz frühen Zeitpunkt auch der „vorkonziliare Katholik und Befürworter der lateinischen Messe“ bemüht, ebenso wie der „Feuilletonkatholik“. Der Zeitgeist habe sich gewandelt: „Womit man sich vor 15 Jahren vielleicht noch unmöglich gemacht hat, das gilt heute als salonfähig.“
So geht das munter weiter, mit dem Ausdruck der rechten, also linken Gesinnung, nicht angekränkelt von irgendeinem Zweifel an der eigenen Position oder irgendeinem Bemühen, vielleicht zu verstehen, was nach Jahrzehnten der erdrückenden Vorherrschaft des linksliberalen Mainstreams denn gerade an einer Haltung wie der Mosebachs widerständig und also im Sinne des Büchner-Preises auszeichnungswürdig sein könnte. Nebenbei bemerkt: In der Literaturwissenschaft gibt es unterdessen Stimmen, die Georg Büchner von seiner einseitigen Inanspruchnahme durch eine bestimmte politische Richtung zu befreien versuchen (hier). Im Grunde ist es urkomisch, zu beobachten, wie auf der einen Seite der Vorwurf erhoben wird, ein Literaturpreis werde aufgrund der Kunst fremder Kriterien („Gesinnung“) vergeben und auf der anderen Seite ein Werk und eine Person aufgrund politischer Kriterien geradezu exekutiert wird.
Aber wer das nun bis zum Ende genau liest, macht eine interessante Feststellung: War zu Beginn noch qualifizierend, ergo einschränkend, die Rede von bestimmten Erscheinungsformen des Katholischen (“vorkonziliar“), so entfallen eben diese, nachdem sich Frau Löffler so richtig in Rage geredet hat: zum Ende wird bloß noch vom Katholizismus als solchem gesprochen: „Man sieht das sehr gut an der Wiederkehr des Katholizismus, das Feuilleton hat ja in gewissen Kreisen den Katholizismus wieder angenommen.“
Das, geschätzte Leserschaft, ist die Wirklichkeit, in der wir leben, wenn man genau hinschaut und das Aufheulen, als Erzbischof Gerhard Ludwig Müller von der „Pogromstimmung gegen Katholiken“ sprach, ist nur ein weiterer Beleg dafür. Womit wir es zu tun haben, ist nichts weniger als weltanschauliche Feindschaft, die sich ins Gewand des bloß Vernünftigen und „Zeitgemäßen“ kleidet und deswegen umso gefährlicher ist.
Und die erste Voraussetzung etwas dagegen zu tun, unsere Freiheit (und die anderer) zu verteidigen, ist, nicht gleich bis ins Mark zu erschrecken, wenn einer den Begriff „Feind“ auch nur in den Mund nimmt! Das spielt eben demselben nämlich in die Hände…
Aber damit will ich, angesichts des schönen Anlasses, nicht schließen. Wir wollten ja noch auf die Frage nach der „Provinz“ zurückkommen.
Der Preisträger, der sich, wie könnte es an der Wirkungsstätte des gebürtigen Frankfurters Goethe anders sein, Gedanken über den Weg von Frankfurt nach Weimar machte und darüber, wie er beide Städte empfindet, hat uns Weltkulturdörfler tüchtig provoziert, als er doch tatsächlich Weimar eine „puppenstubenhafte Geisterstadt“ nannte, in der es zu viele „Betten, in denen niemand mehr schläft und Tische, an denen sich niemand mehr zum Essen setzt“, gäbe! Da umwölkte sich die Stirn des ihm freundschaftlich verbundenen Präsidenten der Stiftung Weimarer Klassik für einen Moment und sehr zu recht!
Allein, wir sollten großzügig sein, denn wir mußten dem Schriftsteller nur weiter gut zuhören, wie er von der „Stadt ohne die Geistesriesen, die hier eigentlich um jede Ecke kommen müßten“ sprach.
Ja, verehrter Preisträger, aber was erzeugt denn dieses berechtigte Gefühl? Doch wohl nur die Tatsache, daß sie uns in dieser „Stadt von fast perfekter Schönheit“ (Mosebach) eben nicht eigentlich gestorben sind, die „Riesen“, daß sie in Weimar geistig überaus präsent sind (manchmal fast unheimlich präsent!) Jedenfalls können wir ihnen da doch ruhig ein bißchen Platz freihalten ‚in den Betten und an den Tischen‘, oder? 🙂
Hinsichtlich dieses Phänomens ist Weimar wahrscheinlich wirklich das Exempel und die Verkörperung der deutschen Stadt überhaupt, die, unabhängig von ihrer jeweiligen Größe (ich kenne noch viel kleinere) genau so funktioniert! Deutschland hat es eben nie von einer Zentrale her gegeben, viele kleine Höfe (nirgends mehr als in Thüringen) bzw. andere politische Einheiten haben ihre „Riesen“ oder zumindest „Größen“ hervorgebracht, bzw. zur Entfaltung kommen lassen und dort ist dann die Erinnerung an diese Persönlichkeiten gepflegt, ja, wie es so schön und richtig heißt, ‚lebendig erhalten‘ worden.
Und in diesem Sinne gibt es in Deutschland eben gar keine ‚Provinz‘, keine echte ‚Geistesferne‘!
Niemand hat etwas von Deutschland begriffen, der das nicht verstanden hat und es gehört zu den Elementen des Trostes, wenn einem wieder einmal bewußt gemacht wird: In vieler anderen Hinsicht können wir ihr nicht ausweichen, der ‚Provinz‘, bzw. der Provinzialität.
Weimar, Stadtschloß in der Abendsonne (eigenes Bild)
Heute also der letzte der Texte, die sich mit unseren Freunden aus Qíjī cūn beschäftigen – der vorerst letzte… 😉
Freuen Sie sich auf:
Der Zufallstreffer
Ein Sketch für zwei Personen
Qíjī cūn, Studentenwohnheim. Am Morgen nach der Semester-Abschluß-Fête. Die Sommersonne versendet die ersten, sofort kräftigen Strahlen und kitzelt Shi Fu und Wang Peng hinter den fadenscheinigen Vorhängen an ihren Nasen. Langsam werden die beiden wach und wälzen sich noch ein bißchen in ihren Betten.
Shi Fu (noch ein wenig schlaftrunken): Wang Peng?
Wang Peng grunzt.
Shi Fu (schon wacher): Wang Peng! Höl mal! Wenn du jetzt hiel ein PuLa aufmachst…
Wang Peng: Ja? Was ist dann?
Shi Fu: Zu PuLa, da gehölen doch auch die Sketche!
Wang Peng: Ja klal! Und? Ich hab‘ da schon eine Idee!
Shi Fu (beugt sich über die Bettkante und blickt auf Wang Peng hinunter): Vielleicht wie Lang Tsu die Lechtsabteilung bemüht hat, um dem Altenheim das Gemälde des Heiligen Siding Zhao Long wiedel abzuknöpfen, das unsel altel Pliestel ihnen übellassen hatte?
Wang Peng (stützt sich auf die Unterarme, unternehmungslustig): Zum Beispiel. Odel daß sie den Pfallgemeindelat noch nachträglich etwas absegnen läßt, was sie im Kilchenvolstand beleits dulchgedlückt hat, wäle dann das nächste.
Shi Fu: Pel Umlaufbeschluß …
Wang Peng: … wo kaum jemand weiß, was das übelhaupt ist …
Shi Fu: … und natüllich noch viel wenigel, unter welchen Bedingungen und auf welchel Glundlage so etwas übelhaupt statthaft ist…
Wang Peng (läßt sich in die Kissen fallen): Es ist ein Elend!
Shi Fu: Abel, Wang Peng, wo sollen diese Sketche denn spielen?
Wang Peng (überlegt kurz): Na, am besten im Ausland. Dann kommt die Zensul vielleicht nicht so schnell dahintel.
Shi Fu: Wil könnten ja Weimal nehmen.
Wang Peng: Hätte was. Schließlich spielen die Weimalel Sketche ja gewissermaßen in Qíjī cūn.
Shi Fu: Echt, wieso?
Wang Peng: Ja! Wundelsdolf heißt übelsetzt Qíjī cūn, wußtest du das nicht?
Shi Fu: Nein! Das ist ja gloßaltig! Das ist ja sozusagen unsele gebolene Paltnelgemeinde!
Wang Peng: Sozusagen. (Er steigt aus dem Bett und sucht sein Waschzeug zusammen.)
Shi Fu: Abel, Wang Peng …
Wang Peng (dreht sich zu Shi Fu um): Was denn noch?
Shi Fu: Wang Peng, wie nennen wil denn Lang Tsu dann?
Wang Peng: Oh! Dalübel habe ich noch nicht nachgedacht.
Shi Fu: Ich meine, wie heißt man denn so in Thülingen? Als Flau?
Wang Peng (runzelt die Stirn): Puh! Das ist echt ein Ploblem. Das weiß ich noch nicht.
Shi Fu: Also – mal übellegen. Wie heißt denn zum Beispiel diese Ministelpläsidentin mit Volnamen?
Wang Peng (tritt an Shi Fus Bett): Liebelknecht.
Shi Fu: Nee! Das ist del Nachname!
Wang Peng: Stimmt! Die schleiben das ja andelslum. Dann – äh – Chlistine, glaube ich.
Shi Fu (klatscht in die Hände): Dann nennen wir Lang Tsu doch einfach Chlistine, und feltig die Laube.
Wang Peng (wendet sich zum Gehen): Bingo, Shi Fu! So machen wil das! Ich geh mich nul eben waschen, dann legen wil los!
ENDE
Cornelie Becker-Lamers, Weimar
Ja, so geht’s zu in Qíjī cūn! Was werden wir da wohl alles zu lesen kriegen? 😉
Bloß gut, daß bei uns in Weimar ja niemals jemand auf die Idee käme, den Pfarrgemeinderat auf schwankendem Grund längst Beschlossenes nachträglich noch schnell akklamieren zu lassen…