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Der O-Antiphonen-Adventskalender, Tag 14: O Clavis David, Charpentier

O Clavis David
et sceptrum domus Israël
qui aperis, et nemo claudit
claudis, et nemo aperuit:
veni, et educ vinctum
de domo carceris
sedentem in tenebris
et umbra mortis

O Schlüssel Davids
Zepter des Hauses Israel
Du öffnest und niemand kann schließen
Du schließt und keine Macht vermag zu öffnen
komm und öffne den Kerker der Finsternis
und die Fessel des Todes

Videbo eum, sed non modo : intuebor illum, sed non prope. Orietur stella ex Jacob, et consurget virga de Israël

Ich sehe ihn, aber nicht jetzt, ich erblicke ihn, aber nicht in der Nähe: Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel
(Num 24,17)

Populus qui ambulabat in tenebris, vidit lucem magnam ; habitantibus in regione umbræ mortis, lux orta est eis.

Das Volk, das in der Finsternis wandelte wird ein großes Licht sehn; die im Lande des Todesschattens wohnen, ein Licht ist ihnen aufgegangen

(Jes 9,2)

Achten Sie darauf, wie schön Charpentier die zwei Zeilen, die sich mit „öffnen“ und „schließen“ befassen, gestaltet: Das „aperis“ geht auch musikalisch „auf“, in allen Stimmen, aber nur eine betont das nemo/niemand!
Auch das Sehnen nach dem Austritt aus der Finsternis, ja dem Todesschatten wird sinnfällig gemacht, wenn sich die Musik „dehnt“, bis man geradezu hört, hier gibt es kein „Weiter“, kein Ziel mehr, nur noch unerträgliche Wiederkehr des immer Gleichen.

Das Unterstanding (3/4) Ein Sketchlet zum Dritten Advent

Die Generalprobe

Ein Sketchlet für vier Personen

Wundersdorf/ Oderbruch. In der Küche der Familie Langenfeld. Emily und Teresa sind in ihren Zimmern, in der Endphase ihrer Vorbereitungen auf das Krippenspiel. Richard sitzt am Küchentisch, vor sich eine Tasse Tee. Er ist bester Wochenendlaune und möchte sie mit seiner Frau teilen. Die ist gerade damit beschäftigt, die Arbeitsplatten nach einer größeren Backaktion zu säubern.

Richard: Also, weißt du, die Frage nach dem richtigen Betriebssystem treibt mich schon um! Immerhin werden es bald Computer für vier Personen sein, auf die ich zu achten habe – was bedeutet: mehr als vier Geräte! Und jetzt, wo Windows 7 eben doch langsam in die Jahre kommt… Man muß sich Gedanken machen…

Edith (zerstreut): Mhm. (Sie schaut in den Backofen, ruft): Teresa, ich glaube, die Mince Pies können gleich raus. (Nach einem Blick auf die Eieruhr) Noch zweieinhalb Minuten. (Sie spült den Lappen aus.)

Teresa (aus ihrem Zimmer): Wo ist meine schwarze Leggins, Mama? (Sie kommt in die Küche gelaufen, alarmiert): Ist etwa meine schwarze Leggins in der Wäsche?

Edith (überlegt kurz): Nein, Teresa, dunkle 30 Grad ist durch – die Leggins müßte in deiner Schublade sein – schau doch nochmal genau nach. (Sie schiebt Teresa aus der Tür, holt zwei leere SIGG-Flaschen aus der Speisekammer und beginnt die erste mit Leitungswasser zu füllen.)

Richard: Ja, wie gesagt, die Situation entbehrt ja nicht der Ironie: Mit Windows 10 war ja jedem Kundigen klar: „Windows as a Service“ heißt nichts anderes als Umstieg auf ein Rolling Release-Modell! Gleichzeitig nennen sie die neueste Version doch tatsächlich 1511, verstehst Du „November 2015“ du weißt, woher wir das kennen, oder?

Teresa (kommt zurück): Die Leggins ist da nicht!

(Edith dreht den Wasserhahn zu, stellt die Trinkflasche ab und geht mit Teresa in ihr Zimmer. Von draußen): Hier! Das ist sie doch. (Sie kommt in die Küche zurück und macht mit den Trinkflaschen weiter.)

Richard: Naja, oder du weißt es auch nicht, jedenfalls klingt das völlig wie das Schema von Ubuntu, das aber, als Debian-Abkömmling, mit seinem gemächlichen Zyklus eben genau keine Rolling-Release-Distro ist. Das ist doch wirklich ulkig, denn natürlich stellt sich „die Linux-Frage“ gerade wenn man bedenkt: Es werden immer mehr Geräte. (Er schaut kurz aus dem Fenster.) Ok, im Moment gibt es bis nächsten Sommer (mit einem Trick vielleicht auch noch länger!) die Möglichkeit des kostenlosen Umstiegs auf Windows 10, aber im Prinzip kostet es ganz schön und irgendwann will Microsoft natürlich Geld verdienen, is ja klar, und da haben wir von Office im Abo noch gar nicht gesprochen, verstehst du?

(Bevor Edith antworten kann, klingelt die Eieruhr.)

Edith: Teresa! Deine Mince Pies!

Teresa: Kannst du mal gerade? Ich muß mich noch fertig anziehen.

Edith: Ok! (Sie stellt die fertigen Flaschen zurecht und beginnt, die Küchlein aus dem Ofen auf einen Kuchenrost zu bugsieren.)

Richard: Was ich sagen wollte: Es gibt natürlich noch eine ganze Reihe weiterer Aspekte: Immer noch kostet für Windows ja der Virenscanner extra, jedes Jahr. (Er seufzt und trinkt einen Schluck Tee) Jedes Jahr neu, für x Geräte! Da ist eben die Welt bei Linux noch weitergehend in Ordnung! Aber wenn man dort nach einer Rolling Release Distro sucht, landet man halt automatisch bei Arch und seinen Derivaten…

Emily (kommt in die Küche gestürmt): Mama, der Tacker ist leer.

Edith (mit den Küchlein zugange): Linke Schreibtischschublade, hinten rechts.

Richard: … ich meine, Arch ist cool, end-cool! Aber wie stabil ist es wirklich in einer Produktionsumgebung? Du reißt mir doch den Kopf ab, wenn du auf einmal nichts mehr schreiben kannst, weil das Update auf neue Pakete das System lahmlegt, vom Umstieg auf eine neue Kernel-Variante ganz zu schweigen… Ob ich das dann immer schnell genug gepatcht kriege?

Emily (mit zwei verschiedenen Schachteln in der Hand): Welche Größe?

Edith (blickt von ihren Mince Pies auf): Wozu brauchst du’s denn?

Emily (hibbelig): Ich muß die Königskrone noch fertigmachen.

Edith: Ach so! Für den großen Tacker? Die rechte Schachtel.

(Emily hält fragend die richtige Schachtel in die Höhe und stürmt wieder hinaus.)

Edith (für sich): Mit der Krone hätte sie ja auch mal einen Tag eher anfangen können!

Richard: Und dann, nicht zu vergessen, die Frage der Cloud-Integration! Ich meine, ohne geht ja nun mal gar nicht mehr, vor allem für die jungen Leute. Funktioniert onedrive-d auf, sagen wir, Manjaro? Oder Antergos? (Er macht eine Kunstpause.) Klar, es gibt auch andere Cloud-Angebote mit nativen Linux-Clients, aber was Microsoft da auf die Beine gestellt hat ist eben schon verdammt ausgefeilt; allein die Suchfunktion, das geht ja sowas von besser im Browser als mit dem doofen ollen Explorer! Und dann die Web-Apps … Andererseits, wann braucht man die wirklich? Letztlich formuliert man ja doch im lokalen Textverarbeitungsprogramm, so voll ohne Latenz, wenn die Gedanken „etwas schneller“ fließen, hihi …!

Teresa (kommt mit einem Hirtenkostüm in die Küche und stellt sich rückwärts vor ihrer Mutter auf): Kannst du mir mal grade den Reißverschluß zu machen?

Edith: Moment! (Sie läßt das letzte Küchlein auf den Rost gleiten und wendet sich dann Teresa zu.)

Richard: O, Mensch, Teresa, du bist ein toller Hirte, viel Erfolg, das wird gut!

Emily (kommt mit ihrer Königskrone auf dem Kopf in die Küche): Geht das so?

Edith (rückt die Krone ein bißchen zurecht): Ja! Sieht gut aus.

Emily (ruft): Teresa, beeil dich, wir müssen los.

Teresa (von draußen): Soll ich die Stiefel anziehen, Mama?

Edith: Ja, klar – die Kirche ist kalt.

Teresa (kommt auf einem Stiefel in die Küche gehüpft. Während sie den andern anzieht): Kann du das machen mit dem Puderzucker?

Edith: Über die Mince Pies? (Sie lächelt) Ja, kann ich.

Teresa: Danke! (Sie gibt ihrer Mutter einen Kuß.)

Emily (Gibt der Mutter auch einen Kuß; dann, zu Teresa): Los! (Mit einem Blick auf die Uhr) Es ist schon fünfundzwanzig! (Sie stürmen hinaus.)

Teresa (sich entfernend): Ich hasse es, zu spät zu kommen.

Edith: Halt! Eure Trinkflaschen! (Die Kinder kommen zurück, um die Flaschen zu holen.) Fahrt trotzdem vorsichtig! (Sie blickt ihre Kinder eindringlich an.)

Emily und Teresa: Machen wir! Tschüß Papa!

Richard (ruft den beiden hinterher): Tschü-üß! Viel Erfolg!

Emily und Teresa (von weitem): Danke! (Man hört die Haustür ins Schloß fallen.)

(Edith fällt auf einen Küchenstuhl und schaut Richard lächelnd an.)

Richard (kommt zum Thema zurück): Ja, oder man macht den ganz großen Sprung und schafft sich einen eigenen Server an, auf dem OwnCloud läuft, reicht ja ein raspi. Aber dann, dann heißt es Server einrichten, via SSH und Ports öffnen oder schließen, ich meine, mit dem Verfrachten eines raspbian-Images auf die Micro-SD ist es ja nicht getan…

Edith (schlägt sich an die Stirn): Apropos verfrachten! Das Paket an Deine Eltern muß ja auch noch los.

Richard (irritiert): Sag mal – hörst du mir überhaupt zu?

Fortsetzung folgt

 

Cornelie Becker-Lamers/ Gereon Lamers

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf! Bloß gut, daß es hier in Weimar gar nicht solche Computer-Freaks gibt… 😉

Der O-Antiphonen-Adventskalender, Tag 13: O Clavis David, gregorianisch

O Clavis David
et sceptrum domus Israël
qui aperis, et nemo claudit
claudis, et nemo aperuit:
veni, et educ vinctum
de domo carceris
sedentem in tenebris
et umbra mortis

O Schlüssel Davids
und Zepter des Hauses Israel,
der Du öffnest und niemand schließt,
der Du schließt und niemand öffnet.
Komm, und führ heraus den Gefesselten
aus dem Haus des Kerkers,
der sitzt in Finsternis
und im Schatten des Todes.

Et dabo clavem domus David super humerum ejus ; et aperiet, et non erit qui claudat ; et claudet, et non erit qui aperiat.

Und ich werde den Schlüssel des Hauses David ihm auf die Schulter geben. Er wird öffnen, und und es wird keinen geben, der schließt, er wird schließen, und es wird keinen geben, der öffnet.

(Jes 22,22)

Hæc dicit Dominus : In tempore placito exaudivi te, et in die salutis auxiliatus sum tui
et servavi te, et dedi te in fœdus populi, ut suscitares terram, et possideres hæreditates dissipatas ;
ut diceres his qui vincti sunt : Exite ; et his qui in tenebris : Revelamini.

So spricht der HErr: Zur Zeit des Wohlgefallens habe ich dich erhört, und am Tag des Heils bin ich dein Beistand
Und ich werde dich behüten und dich zum Bund des Volkes machen, das Land aufzurichten, und zu besitzen die verstreuten Erbteile,
um den Gebundenen zu sagen: Geht hinaus! und zu denen, die in Finsternis sind: Kommt ans Licht! (Jes 49,8-9a)

Der O-Antiphonen-Adventskalender, Tag 12: O Radix Jesse, Pärt

 

O Sproß aus Isais Wurzel
gesetzt zum Zeichen für die Völker, vor dir verstummen die Herrscher der Erde
dich flehen an die Völker
o komm und errette uns, erhebe dich
säume nicht länger

O Radix Jesse
qui stas in signum populorum
super quem continebunt reges os suum
quem gentes deprecabuntur
veni ad liberandum nos
jam noli tardare

Quia quibus non est narratum de eo viderunt, et qui non audierunt contemplati sunt.

Denn denen nichts davon verkündet ist, die werden es nun sehen, und die nichts davon gehört haben, die werden es merken.
(Jes 52,15b)

Ego sum radix, et genus David, stella splendida et matutina.

Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids, der strahlende Morgenstern.“
(Offb 22,16b)

„Diese Antiphon erzählt uns davon, daß Gott alles, was er am Geschlecht Davids und Salomons gewirkt hat, was er ihnen verheißen und geschenkt hat, am Gottes- und Menschensohn Jesus Christus in unüberbietbarer Weise vollbringen wird – zum Heil der Gläubigen, zu unserem, zu meinem Heil. Den Königen David und Salomon wurde von Gott Leben geschenkt. Das symbolisiert das junge, frische, grüne Reis aus der Wurzel. Christus, der Messias Gottes, ist das Leben Gottes selbst!“
(Pfr. Ludger M. Reichert, Biblis)

Der O-Antiphonen-Adventskalender, Tag 11: O Radix Jesse, Charpentier

O Radix Jesse
qui stas in signum populorum
super quem continebunt reges os suum
quem gentes deprecabuntur
veni ad liberandum nos
jam noli tardare

O Sproß aus Isais Wurzel
gesetzt zum Zeichen für die Völker
vor dir verstummen die Herrscher der Erde
dich flehen an die Völker.
o komm und errette uns
säume nicht länger!

Quia adhuc visus procul ; et apparebit in finem, et non mentietur : si moram fecerit, exspecta illum, quia veniens veniet, et non tardabit.

Denn noch ist das Geschaute fern, aber es wird erscheinen zum Ende und nicht trügen; wenn es sich verzögert, erwarte es; denn es kommt, es kommt und wird nicht aufgehalten werden (Hab 2,3; vgl. auch hier und hier 🙂 )

Adhuc enim modicum aliquantulum, qui venturus est, veniet, et non tardabit.

Denn nur noch eine kurze Zeit, dann wird der kommen, der kommen soll, und er bleibt nicht aus.“ (Hebr 10,37)

Wie schön Charpentier mit dem leisen Anfang dieser Antiphon den anfänglich unscheinbaren und verletzlichen Sproß aus der dem Blick entzogenen Wurzel heraufbeschwört. Und wie mit ganz einfachen Mitteln die Pracht der „Könige“ angedeutet wird, nur um unmittelbar darauf ihr Verstummen in Töne zu fassen! Und erst das Ri-tardando zum Schluß-„tardare“, wie er da nur drauf gekommen ist?! 🙂

 

Das Allerdreifeiertagslied

Man lernt nicht aus.

Da hatte man einmal gut abgespeichert, daß „O du fröhliche“ aus der Weimarer Waisenfürsorge stammt – und hört auch schon aus kundigstem Munde, daß die Frage „Ist O du fröhliche eigentlich von Johannes Daniel Falk?“ nur mit „Im Prinzip ja“ beantwortet werden kann. Denn das von Falk (1768-1826), dem die evangelischen Christen mit seinem Todestag am 14. Februar sogar einen offiziellen Gedenktag gewidmet haben, auf die von Palestrina überlieferte Melodie des sizilianischen Marienliedes „O sanctissima“ gedichteten „O du fröhliche“ war zunächst kein Weihnachtslied, sondern ein Allerdreifeiertagslied, das in der ersten Strophe vom Mysterium der Geburt Christi, in der zweiten aber von dem der Auferstehung und in der dritten vom Pfingstwunder handelt:

„O du fröliche, o du selige,/ gnadenbringende Weihnachtszeit!/ Welt ging verloren, Christ ist geboren:/ Freue, freue dich, Christenheit!

O du fröliche, o du selige,/ gnadenbringende Osterzeit!/ Welt liegt in Banden, Christ ist erstanden:/ Freue, freue dich, Christenheit!

O du fröliche, o du selige,/ gnadenbringende Pfingstenzeit!/ Christ, unser Meister, heiligt die Geister:/ Freue, freue dich, Christenheit!“

Ich weiß nicht, ob in Falks Waisenhaus auch täglich Frühstück, Mittagessen und Abendbrot in einem Rutsch verabreicht wurden, aber zur religiösen Grundversorgung seiner Schützlinge schien Falk mit der Verpflichtung jedes Kindes, zumindest diese drei Strophen unbedingt zu memorieren und singen zu können, auf Nummer sicher gehen zu wollen.

Und so kam es, daß erst der aus dem oberfränkischen Wunsiedel stammende, in seiner publizistischen Tätigkeit nicht unumstrittene Sozialarbeiter Heinrich Holzschuher (1798-1847), der 1823 für kurze Zeit in Falks Weimarer Einrichtung hospitiert hatte, die zweite und dritte weihnachtliche Strophe von „O du fröhliche“ hinzudichtete und sie nach Falks Tod im Rahmen eines Krippenspiels in den Ausgaben des Bayerischen Landboten vom 23. und vom 26. Dezember 1826 [vgl. hier (23.12.26) und hier (26.12.26)] publizierte.

Unsere Verweise auf Wikipedia-Einträge zeigen, daß das alles keine Geheimwissenschaft ist. Aber man muß eben erstmal drauf kommen, danach zu fragen. Diesen Anstoß gab am gestrigen Abend ein Vortrag mit angeschlossenem Liederabend im Rahmen des „Forums am Abend“ im Otto-Neururer-Saal unseres Gemeindehauses. Zum Thema „O du fröhliche und andere Weihnachtslieder aus Weimar“ hatte Dr. Christoph Meixner (seines Zeichens Musikwissenschaftler und Leiter des in der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar untergebrachten Thüringischen Landesmusikarchivs, aber auch ehemaliger Regensburger Domspatz und daher ebenso tüchtiger wie ambitionierter ehrenamtlicher Leiter unseres Kirchenchores) einen Vortrag zusammengestellt, der mit einer kurzen Hörprobe zu verballhornten Weihnachtsliedern eröffnete, dann aber mit seiner gespannten Zuhörerschar via Digitalisierung in die historischen Tiefen seines Musikarchivs hinabstieg und so keinesfalls bei Wikipedia-Wissen stehenblieb. Wir sahen Bilder mensuralnotierter Musikalienhandschriften etwa aus dem unlängst gehobenen Kirchenschatz aus Neustadt a.d.O., die die im Spätmittelalter nicht unübliche Praxis dokumentierten, volkssprachliche Weihnachtslieder wie bspw. „Joseph, lieber Joseph mein“ (mit seiner Melodie aus dem 11. Jahrhundert) in die lateinischen Zeilen etwa eines Magnificat einzubetten.

Nach weiteren theoretischen Beispielen für die glückliche Beständigkeit gerade weihnachtlicher (Volks-)Liedtraditionen selbst über die große Umbruchzeit der Revolutionen und Säkularisierungen zu Beginn des „langen“ 19. Jahrhundert hinweg begann der praktische Teil des Abends – will sagen: Nach dem Schauen-Können kam jetzt das Hören-Dürfen. Die Sopranistin Angela La Rosée, eine der ehrenamtlichen Kantorinnen und Leiterin des Anfang September 2015 neugegründeten Jugendchores unserer Pfarrei, brachte in Begleitung von Prof. Michael Kapsner, Professor für Orgelimprovisation an der Weimarer Musikhochschule und Vater der Franz-Liszt-Gedächtnisorgel in unserer Herz-Jesu Kirche Weihnachtslieder der Weimarer Komponisten (und zum Teil katholischen Gemeindemitglieder) Franz Liszt, Carl Müllerhartung, Peter Cornelius und Carl Goepfart zu Gehör – Lieder, die Dr. Meixner ebenfalls aus dem Bestand des Hochschularchivs herausgesucht und als Notenmaterial zur Verfügung gestellt hatte.

Wunderschöne, aber auch durchaus skurrile Sachen.
Sehr schön fand ich „In stiller Nacht“ von Carl Goepfart (1859-1942), das aus dem Passionslied nicht ohne musikalische Anspielungen auf die Adaption durch Johannes Brahms ein Weihnachtslied macht, in dem die Stimme nicht zu „klagen“ sondern zu „sagen“ beginnt und „Leid“ in „Freud“ gekehrt ist.

Skurril aber natürlich Liszt … In zwei Versionen, eine fürs Konzert und eine zum Singen unterm Weihnachtsbaum en famille – Varianten, die sich im Schwierigkeitsgrad aber beide nicht viel nahmen – vertonte der Maestro ein Gedicht von Theodor Landmesser. Der Text erzählt von Äolsharfen und Zephirwinden, wie sie ’säuselnd Sündern künden‘ von der Ankunft unseres Herrn.

Zephirwinde.

Mitten in Weimar.

Ok, hier weht ja derzeit jede Menge nützlicher frischer Wind – wer weiß, vielleicht ist Zephir ja sogar dabei.

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

Der O-Antiphonen-Adventskalender, Tag 10: O Radix Jesse, gregorianisch

O Radix Jesse
qui stas in signum populorum
super quem continebunt reges os suum
quem gentes deprecabuntur
veni ad liberandum nos
jam noli tardare

O Wurzel Jesse,
gesetzt zum Zeichen für die Völker.
Vor dir verstummen die Münder der Könige,
zu dir rufen die Völker:
Komm, uns zu erlösen,
zögere nicht länger.

 

Et egredietur virga de radice Jesse, et flos de radice ejus ascendet.
In die illa radix Jesse, qui stat in signum populorum, ipsum gentes deprecabuntur, et erit sepulchrum ejus gloriosum.
Et levabit signum in nationes, et congregabit profugos Israël, et dispersos Juda colliget a quatuor plagis terræ.

Und hervorgehen wird ein Zweig aus der Wurzel Jesse und eine Blume wird aus seiner Wurzel emporsteigen
An jenem Tag steht die Wurzel Jesse da, als Zeichen für die Völker; nach ihr werden die Völker flehentlich fragen, und ihre Ruhestätte wird herrlich sein
Und sie wird das Zeichen aufrichten unter den Nationen und vereinigen die Geflüchteten Israels und die Zerstreuten Judas sammeln von den vier Enden der Erde
(Jes 11,1.10.12)

Dicite pusillanimis : Confortamini, et nolite timere : ecce Deus vester ultionem adducet retributionis ; Deus ipse veniet, et salvabit vos.

Sagt zu den Kleinmütigen: Werdet ermutigt und fürchtet euch nicht: Siehe euer Gott, Strafe bringt er und Vergeltung
Gott selbst kommt und wird euch retten
(Jes 35,4)

Der O-Antiphonen-Adventskalender, Tag 9: O Adonai, Pärt

O Adonai
der Herr und Führer des Hauses Israel
im flammenden Dornbusch bist du dem Moses erschienen
und hast ihm auf dem Berg das Gesetz gegeben.
O komm und befreie uns mit deinem starken Arm.

O Adonai,
et dux domus Israël,
qui Moyse in igne flammae rubi apparuisti,
et ei in Sina legem dedisti:
veni ad redimendum nos in brachio extento.

Zur Begründung des neuen Bundes steigt Christus ebenfalls immer wieder auf einen Berg, sei es, um zu lehren, zu nähren oder zu beten.
Der Sohn Gottes ist das Licht der Welt.

Et post dies sex assumit Jesus Petrum, et Jacobum, et Joannem fratrem ejus, et ducit illos in montem excelsum seorsum :
et transfiguratus est ante eos. Et resplenduit facies ejus sicut sol : vestimenta autem ejus facta sunt alba sicut lux.

Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg.
Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.
(Mt 17, 1f.)

Et qui videt me, videt eum qui misit me.
Ego lux in mundum veni, ut omnis qui credit in me, in tenebris non maneat.

Und wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat.
Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe.
(Joh 12, 45f.)

Das Lied zum Tagesevangelium

Die Kirche liest heute, zum Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Gottesmutter Maria, die Verkündigungsszene aus dem Lukasevangelium.
Und dazu haben die Cäcilini von Herz-Jesu Weimar ein besonders schönes Lied; Enjoy!

Et ingressus angelus ad eam dixit : Ave gratia plena : Dominus tecum : benedicta tu in mulieribus.

 

Und der Engel kam zu ihr herein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadigte! Der Herr ist mit dir, du Gesegnete unter den Frauen!
(Lk 1, 28)

PS: Die Bezüge zwischen den beiden Geschehnissen, Mariä Empfängnis und der Verkündigung und damit den Festen liegen für das katholische Denken klar zutage und das Dogma von 1854 hat insofern bloß bekräftigt, was seit Jahrhunderten gläubig begangen wurde.
Ich konnte heute früh leider nicht die Hl. Messe in unserer Pfarrkirche besuchen, aber da, wo ich war, hätte ich mir erneut eine kurze Homilie gewünscht, die das in einer so protestantisch geprägten Gegend wie der unseren, in der man leider immer damit rechnen muß, daß einer anfängt zu maulen, das ‚stünde ja nicht in der Bibel‘, nochmal darlegt (gehört nicht zum Hochfest auch die Homilie, wie zum Sonntag? 😉 ).

 

Der O-Antiphonen-Adventskalender, Tag 8: O Adonai, Charpentier

O Adonai,
et dux domus Israël,
qui Moyse in igne flammae rubi apparuisti,
et ei in Sina legem dedisti:
veni ad redimendum nos in brachio extento.

O HErr
und Fürst des Hauses Israel,
der Moses im flammenden Dornbusch erschienen ist,
und ihm am Sinai das Gesetz gegeben hast.
Komm, uns zu erlösen mit machtvollem Arm.

Dominus autem præcedebat eos ad ostendendam viam per diem in columna nubis, et per noctem in columna ignis : ut dux esset itineris utroque tempore.
Numquam defuit columna nubis per diem, nec columna ignis per noctem, coram populo.

 

Der HERR aber zog vor ihnen her, um den Weg zu zeigen, bei Tag in einer Wolkensäule und bei Nacht in einer Feuersäule, damit Er ihnen Führung sei auf dem Weg zu jeder Zeit.
Weder fehlte die Wolkensäule bei Tag noch die Feuersäule bei Nacht beim Volk.
(Ex 13, 21f.)

Totus autem mons Sinai fumabat, eo quod descendisset Dominus super eum in igne

Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil der HErr auf ihn herabkam im Feuer.
(Ex 19, 18a)

Die zweite der O-Antiphonen ist voller Verweise auf das machtvolle Handeln Gottes am Volk Israel aus dem Buch Exodus. Er führt es heraus aus dem ‚Sklavenhaus Ägypten‘, gibt das Gesetz und ist im Feuer, im Licht stets gegenwärtig, immer bei Seinem Volk, auf der Wanderung in das Gelobte Land.

Und natürlich gibt es heute, am Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria, auf dem Blog, der freudig und demütig einen der marianischen Ehrentitel führt, ein Marien-Special, voilà, ein Magnificat von Charpentier; Enjoy!