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Die Woche spricht zurück: Eucharistische Etymogelei

Daß aus „Etymologie“ (der Wissenschaft von der Wortherkunft) gern „Etymogelei“ wird, gehört zu den bleibendsten Einsichten, die mir mein geliebter Professor für Alte Geschichte (unvergessen sind die akademischen Wein-Wanderungen entlang der Ahr!; Gott hab‘ ihn selig!) mitgegeben hat.

Nun gaben die „Vermeldungen“ von Herz-Jesu-Weimar, also das, womit katholische Kirche in Weimar ganz wesentlich nach außen tritt (Ausgabe vom 1. – 8. Juni 2013), leider Anlaß, sich an diese Lebensweisheit zu erinnern.
Dabei war uns ja eigentlich versprochen worden, die früher „In die Woche gesprochen“ genannten „Betrachtungen“ vor dem Nachrichtenteil für unsere Pfarrei blieben uns künftig erspart

Aber nein, pünktlich zum Eucharistischen Kongreß in Köln macht man sich dort, wie (fast) immer natürlich anonym, Gedanken zur Bedeutung der Eucharistie. Und zwar unter dem Leitmotto des „Kumpanen“:

„Indem Jesus uns als sein Vermächtnis ein Mahl hinterließ, hat er deutlich gemacht: Ich bin euer Kumpan.“ Und: „[…] alle „Kumpane“ [werden] im Hochgebet genannt; Papst und Bischöfe, Priester, Diakone und Ordensleute und alle, alle, die an dieser Feier teilnehmen.“, denn: „Das Wort Kumpan kommt aus dem Mittel-Lateinischen (companio =Brotgenosse).“

Nun, es gibt diese Herleitung in der wissenschaftlichen Etymologie, nur, es ist eine Minderheitsmeinung! Das Standardwerk unter den deutschen etymologischen Wörterbüchern, der „Kluge“ (hier zitiert nach der 23. Auflage von 1995, S. 493, das teuere Werk kann man sich als Privatmann nicht „dauernd“ neu kaufen 😉 ) sieht die Herleitung vielmehr aus dem mittellateinischen ‚compania‘, Gemeinschaft aus ‚compaginare‘, sich zusammenschließen (vgl. auch den Eintrag zu ‚Kompagnon‘, S. 466). Und übrigens kann man, mit ein ganz klein wenig Geduld, zu dem gleichen Ergebnis auch gelangen, wenn man bloß online frei zugängliche Ressourcen nutzt, hier z.B. !

Aber wahrscheinlich sollte hier ja, vermutlich unbewußt, Etymologie auf sozusagen ‚alte Art‘ betrieben werden: „Als rhetorisches Argument (argumentum a nomine) dient die Etymologie in Form eines Hinweises oder einer Berufung auf die angenommene Herkunft und ursprüngliche Bedeutung eines Wortes traditionell dem Zweck, die eigene Argumentation durch einen objektiven sprachlichen Sachverhalt zu stützen und ihr so besondere Überzeugungskraft zu verleihen.“ (Zitat hier).

Dagegen ist auch gar nichts einzuwenden, nur, ein „objektiver sprachlicher Sachverhalt“ liegt, wie wir gerade gesehen haben, hier jedenfalls nicht vor.

Und wesentliche Tendenzen des so verstandenen ‚Arguments‘ sind leider wieder einmal ganz und gar ver-kehrt und gefährlich!

Wie kann man eigentlich, um damit anzufangen, die alltägliche Bedeutung des Wortes so ignorieren? ‚Kumpane‘ und ‚Kumpanei‘ sind doch nun wirklich keine Worte, die angetan sind, das tiefe und erhabene Geheimnis der Eucharistie zu erläutern! Nicht umsonst erklärt der ‚Kluge‘ den Kumpan auch als ‚Mittäter‘ und von ‚Kumpanei‘ ist eben in aller Regel die Rede, wenn es um ein Handeln im Grenzbereich der Legalität geht.

Aber es geht hier nicht nur um sprachliche Sensibilität, obwohl die bei diesem Thema schon mal schön wäre.

Ich weiß gar nicht wie oft man es eigentlich sagen muß, daß der HErr uns eben kein bloßes ‚Mahl‘ als Vermächtnis hinterlassen hat, daß sich das grundstürzende Neue, Unerhörte, den Bereich unseres täglichen Erlebens radikal übersteigende der Eucharistie niemals in solch unangemessen verharmlosenden Bildern wird beschreiben lassen. Doch der/die anonyme Autor/in der ‚Vermeldungen‘ ist überzeugt:

„Die „Brotfeier“ jedes Sonntags bedeutet: Wo zwei oder drei sich in der Gegenwart Jesu versammeln, werden sie zu Kumpanen.“

Und als nächstes wird dann die Hl. Messe zur ‚Brotzeit‘ erklärt, ja?
Die allgemeine Tendenz, die hier zum Ausdruck kommt, ist verheerend. Auf der gleichen Linie liegt, wenn leider Gottes auch Geistliche dauernd vom ‚heiligen Brot‘ sprechen, ja, wenn ganze Bistumsleitungen (wie unlängst in Magdeburg) anläßlich der Fronleichnamsprozession gar nur vom „gesegneten Brot“ sprechen, so als ob Katholiken hinter einem Stück Toast herlaufen würden!

Wer so redet, braucht sich nicht zu wundern, wenn sich die Menschen für das, was unser Glaube anzubieten hat, nicht interessieren, oder sich darüber lustig machen. Es ist einfach grundfalsch, den Kern-Vollzug der Hl. Messe herunterzuziehen auf unser bloß menschliches Niveau. So wenn auch Geistliche immer wieder davon reden, in der Hl. Kommunion komme „Jesus ganz nah zu uns“. Ja, natürlich, kommt er, aber entscheidend ist doch die ‚Richtung‘ dieses Geschehens! Es gibt im eucharistischen Geschehen, im Geschehen nach Ostern nur noch eine Richtung: Nach ‚oben‘! Der erhöhte HErr will uns zu sich hinaufziehen. So bildet sich der mystische Leib Christi. Alles Reden, das dazu angetan ist, Eucharistie auf das Geschehen zwischen Menschen zu reduzieren ist falsch und von Übel. Und sie ist es gerade des ‚zwischenmenschlichen Effekts‘ wegen, der zuverlässig verfehlt wird, wenn diese Reduktion eintritt: Ohne Ihn können wir nichts vollbringen! (cf. Joh 15, 5)
Daß sich für derartige Verkürzungen niemand etwa auf Papst Franziskus berufen kann, hat dieser ja inzwischen mehrfach hinreichend deutlich gemacht.

Wohin solches falsche Denken führt, wird in den ‚Vermeldungen‘ abschließend klar in dem gewählten Schlußzitat von Dr. Anton Rotzetter (der ansonsten Sachen sagt wie: „68er Jahre: Befreiung aus dem „Ghetto“ in die katholische Weite“ und: „Befreiung aus einem bürgerlich gedeuteten Evangelium […]“ hier): „Wenn man so von Eucharistie spricht, dann ist viel mehr gemeint als eine sonntägliche Stunde, die wir mühselig finden.[…]“

Nun bedauere ich aufrichtig jeden, der die Hl. Messe am Sonntag „mühselig findet“, mir bedeutet sie nicht Mühsal, sondern Kraftquelle für die ganze Woche, aber vor allem frage ich mich, was ein solch eklatant entmutigendes Zitat in den Vermeldungen einer katholischen Gemeinde zu suchen hat! Und demnächst wird dann wieder über mangelnde Gottesdienstteilnahme geklagt, oder?
Gibt es denn wirklich in Weimar oder meinetwegen auch in Erfurt niemanden, der diesem Unfug Einhalt gebietet?

Heute, an seinem Gedenktag, schlage ich stattdessen ein Zitat vom Hl. Ephraem dem Syrer vor, das uns Papst Benedikt in einer Katechese am 28.11.2007 nahegebracht hat. Es wahrt in der dichterischen Form des Hymnus das Geheimnis:

» In deinem Brot verbirgt sich der Geist,
der nicht gegessen werden kann;
in deinem Wein ist das Feuer, das man nicht trinken kann.
Der Geist in deinem Brot, das Feuer in deinem Wein:
Siehe, ein Wunder, das von unseren Lippen aufgenommen wird.
Der Seraph konnte seine Finger nicht der Glut nähern,
die sich nur dem Mund des Jesaja näherte;
weder Finger haben sie genommen, noch Lippen haben sie geschluckt;
uns aber hat der Herr gestattet, beides zu tun. «
(Hymnus De Fide 10,8–10)

Die letzten Dinge im „Himmelchen“, Symposium zu Joseph Ratzingers Eschatologie in Erfurt

„Wenn dem Menschen das Evangelium der Rettung verkündigt wird,
dann wird die Rettung auch dem Fleische verkündigt.“

(Justin der Märtyrer)

Coelicum (Bild: Wikipedia, Uni Erfurt)

Im Coelicum („Himmelchen“), dem spätmittelalterlichen Hörsaal der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Erfurt, fand am Samstag, dem 1. Juni 2013, das vom Institut Papst Benedikt XVI. gemeinsam mit der Katholisch-Theologischen Fakultät veranstaltete Symposium zu „Eschatologie und Theologie der Hoffnung“ statt, das anläßlich des Erscheinens von Band 10 der „Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften“ (JRGS) veranstaltet wurde (das Institut ist, wem das gerade nicht mehr gegenwärtig ist, mit der Herausgabe der Schriften des Theologen Joseph Ratzinger von diesem als Papst Benedikt XVI. [indirekt] selbst beauftragt worden).

Vor allem weiteren möchte ich mich bei den beiden Veranstaltern für die Möglichkeit der Teilnahme und die erwiesene Gastfreundschaft herzlich bedanken! Was kann man sich besseres antun an so einem kalten und stürmischen (wenn auch erstaunlicherweise kaum regnerischen) Tag, als einige Stunden seinen Kopf anzustrengen aus so erfreulichem Anlaß und zu diesem qua definitionem so entscheidendem Thema?

Mariendom zu Erfurt, Hoher Chor (Bild: Wikipedia, Matthias Kabel)

Der Tag begann mit einer Hl. Messe im Hohen Chor des Erfurter Doms, die zelebriert wurde von dem Regensburger Bischof Dr. Rudolf Voderholzer,  dem Direktor des Instituts Papst Benedikt XVI. und unserem Altbischof Dr. Joachim Wanke. Dieser geistliche Beginn des Tages wurde nur um so schöner durch die ebenso wohltuende wie lehrreiche Predigt von Bischof Voderholzer, in der er den „guten Patron“ des gemeinsamen Bemühens würdigte, den Tages-Heiligen: Justinus der Märtyrer,  der im 2. Jahrhundert das „Gespräch der Vernunft“ zwischen dem jungen Christentum und seiner Umwelt nicht mit den heidnischen Kulten, sondern mit der Philosophie seiner Zeit gesucht habe. Ein früher Aufweis der Logos-Gemäßheit der „neuen Religion“, für die Justin schließlich im Jahr 165 in Rom unter dem „Philosophenkaiser“ Marc Aurel (…) das Martyrium erlitten hat.
Außerdem sind es ja immer die „kleinen Dinge“ in einer Messe, über die sich der aufmerksame, sozusagen „tätig teilnehmende“ 😉 , einfache Gläubige freut: So z.B. wenn zu Beginn von den „Göttlichen Mysterien“ die Rede ist und wenn es vor dem Vaterunser einmal wieder heißt: „wagen wir zu sprechen“; Danke, Herr Bischof!

Anschließend erläuterte zu Beginn der Tagung der Dekan der Fakultät, Prof. Michael Gabel,  u.a. warum gerade das Coelicum ein so geeigneter Ort für die Vorstellung eines Buchs mit Texten von Joseph Ratzinger war: Es schaut an einer Seite auf den Kreuzgang des Doms, in dem im September 2011 Papst Benedikt am Grab des ihm freundschaftlich verbundenen Bischofs Hugo Aufderbeck gebetet hat.

Kreuzgang des Erfurter Doms (eigenes Bild)

Seine gewisse Entrücktheit, hoch auf dem Domberg über Erfordia turrita, der türmereichen Stadt, wird ebenfalls nicht geschadet haben und der Versuch, mit den Mitteln der modernen Technik den Frevel des 19. Jahrhunderts zu tilgen, das die namensgebende, mit Sternen und Planeten bemalte Decke zerstörte, fand gebührende Anerkennung.

Die neuen Lichter im Coelicum (eigenes Bild)

Doch ist es, glaube ich, angemessen, noch in einem viel grundsätzlicheren und vor allem inhaltlicherem  Sinne von einem guten Tagungsort zu sprechen, der sich vor allem in der Auswahl der Referenten spiegelte.
Denn indem hier Wissenschaftler aus dem Osten und aus dem Westen Deutschlands zu Wort kamen (und solche, die beide Teile in ihrer Laufbahnen verbinden) traten zugleich verschiedene Aspekte im Zugriff auf und Erfahrungen mit einer Theologie der Hoffnung im allgemeinen und den Werken Joseph Ratzingers im besonderen zutage.

Mariendom zu Erfurt, Südansicht mit Blick auf den Hohen Chor und das Coelicum (Bild: Wikipedia)

Den Anfang machte Dr. Gerhard Nachtwei,  z.Zt. Propst in Dessau,  mit seinem Vortrag zu: „Ratzingers Eschatologie auf der Suche nach einer Antwort auf die Fragen des heutigen Menschen. Erfahrungen mit der Theologie Ratzingers im Osten Deutschlands“. Dr. Nachtwei hat mit der 1986 in Leipzig erschienen ersten Dissertation („Dialogische Unsterblichkeit“) im deutschen Sprachraum zu der 1977 zuerst als Gesamtdarstellung erschienenen „Eschatologie“ J. Ratzingers eine „Referenzstudie“ (Prof. Marschler) vorgelegt, der der Autor Ratzinger in seinem Nachwort zur 6. Auflage von 1990 hohes Lob („große Arbeit“) gespendet hat.
Dr. Nachtwei zog zu Beginn kurz (vielleicht ein wenig sehr kurz angesichts des komplexen Themas) die entscheidenden Linien seiner Untersuchung noch einmal nach und gab anschließend beeindruckende Beispiele für die „pastorale Notwendigkeit fundierter eschatologischer Antworten“  und unterstrich, wie wichtig es in der Auseinandersetzung mit dem materialistischen System der DDR gewesen sei, Begriffe wie „Geist“ und „Seele“ zur Verfügung zu haben.

An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht in einem kurzen Einschub darauf hinzuweisen, daß dies keineswegs so selbstverständlich ist, wie es auf den ersten Blick für denjenigen scheinen muß, der die Entwicklung des eschatologischen Denkens in der (westdeutschen) Theologie der letzten Jahrzehnte nicht mit- bzw. nachverfolgt hat. Diese hatte nämlich den Seelenbegriff (und damit natürlich auch den der ‚Unsterblichkeit der Seele‘) in weiten Teilen aufgegeben! Ich erinnere mich noch gut an mein eigenes ungläubiges (und entsetztes) Staunen, als ich dies bei Joseph Ratzinger erstmals las… Eines seiner wesentlichen Anliegen mit „seiner“ Eschatologie war es demnach ja auch, die allzuschnell in Verkündigung und Gemeindepraxis eingegangenen, unausgegorenen Vorstellungen („Auferstehung im Tode“) als „ein Denken zu verabschieden, das die Verkündigung sprachlos macht und sich damit als Weise des Verstehens selbst aufhebt.“ (J. Ratzinger, Eschatologie, Tod und ewiges Leben, Regensburg, 6. Auflage 1990, S. 97; sorry, Band 10 der JRGS stand mir  noch nicht zur Verfügung 😉 )
Ein Anliegen, das in den Ausführungen von Dr. Nachtwei (wie seinen späteren Diskussionsbeiträgen) eindrucksvolle Bestätigung fand.

Prof. Dr. Josef Freitag,  ursprünglich Freiburg, heute Erfurt hingegen hielt in seinem Vortrag: „Individuelle und universale Eschatologie“ die durch Joseph Ratzingers Buch ausgelöste Kontroverse (insbes. mit Gisbert Greshake), wohl mit der Mehrheit der heutigen Forschung, für  weitgehend erledigt (auf der grundsätzlichen, theoretischen Ebene) und betonte den unaufgebbar wichtigen Aspekt universaler Eschatologie in klarer biblischer Herleitung und auf Basis eines historischen Rückblicks, der die Individualisierung zunächst der Bußpraxis und später der Jenseitshoffnung in der westlichen Kirche kritisch in den Blick nahm.
Freitag erhob weiterhin Widerspruch gegen die Ratzingersche Einordnung der „Theologie der Befreiung“ als ein (vorwiegend bis ausschließlich) „politisches“ (ja weitgehend marxistisches) Phänomen und hielt dem entgegen, sie habe vielmehr ihren universaleschatologisch einzuordnenden Ausgangspunkt bei der Frage, „Was tut Gott in der Welt?“ gehabt, wobei er allerdings zugestand, der Bezug auf „Communio-Strukturen“ sei bei Joseph Ratzinger ebenfalls sehr stark, dieser sei allerdings in seiner „Eschatologie“ eben nicht „systemprägend“ geworden.

Ergab sich damit bereits in gewisser Hinsicht eine Art von Antwort auf den ersten Beitrag des Tages, sollten unterschiedliche Bewertungen im Blick auf die Theologie der Befreiung  am Ende des Tages noch viel deutlicher hervortreten.

Doch zuvor sprach nach der Mittagspause Prof. DDr. Thomas Marschler, Universität Augsburg, zu: „Seele: Joseph Ratzingers Stellungnahmen zu einem eschatologischen Zentralbegriff und ihre Relevanz für die aktuelle Diskussion“.

Er stellte zunächst fest, von verschiedenen Seiten, sowohl von ausgeprägt konservativen katholischen wie von evangelischen Positionen, zuletzt aber auch aus philosophischer Sicht habe es an Joseph Ratzingers Thesen Kritik („Inkonsistenz­vermutungen“)  gegeben, die sich, ggf. mit je verschiedenem „Vorzeichen“, an der Frage Relationalität versus Substantialität der Unsterblichkeitskonzeption festgemacht hätten, um daraufhin vier Kernaussagen der Ratzingerschen Eschatologie in ihrer reifen Phase (d.i. post-1977) herauszuarbeiten.

Ich greife hier (schließlich sollen die Beiträge ja auch noch in Buchform erscheinen… 😉 ) die zweite These heraus:

„(2) Die genuin theologische Unsterblichkeitshoffnung darf sich der philosophisch-ontologischen Dimension ihrer Aussagen nicht verschließen.

Die „Seele“ als Inbegriff der dynamischen Relation zu Gott ist in diesem Sinn für den Menschen als unverlierbar und “substantiell“ anzusehen.

In eschatologischer Hinsicht ist die “Seele“ dasjenige anthropologische Konstitutions­prinzip, das die Fortexistenz des Menschen über den Tod hinaus ermöglicht.“

Mit ihr erscheint mir exemplarisch deutlich zu werden, wie Prof. Marschler hier Joseph Ratzingers Anliegen verdichtend aufgriff und schöpfungstheologisch explizierte wie diese quasi-substantielle, ontologische Dimension der „Relationalitäts-Unsterblichkeit“ die Schärfe der Gegenüberstellung „Unsterblichkeit versus Auferweckung“ aufzuheben angetan ist.
Das von ihm festgestellte, philosophisch gesehen „überflüssig“ erscheinende, „ambivalente Verhältnis“ Joseph Ratzingers zum Dualismusbegriff ist in der Tat etwas, was sich dem aufmerksamen Leser, wenn auch natürlich nicht in dieser begrifflichen Schärfe, aufdrängt. Ich würde zu der Frage nach dem Grund für diese Ambivalenz gerne an die Stelle aus dem 2. Kapitel, § 5, Nr. 5 der  „Eschatologie“ (6. Aufl. S. 130) erinnern, in der der Autor offenbar sehr bewußt mit den Begriffen der (unverzichtbaren) „Dualität“ einerseits und des „Dualismus“ andererseits operiert. Legt nicht das offenkundige Ziel, nichts an der „Einheit des ‚ganzen Menschen‘“ wegzunehmen, nahe, die begriffliche Unschärfe könne aus sozusagen vorrangigen verkündigungspraktischen Gründen bewußt in Kauf genommen worden sein?

Wie dem auch sei, die lebhafte und hochklassige Diskussion zwischen den Referenten und einigen der ca. 50 Teilnehmer setze sich noch in der nachmittäglichen Pause fort, bevor zum Abschluß Prof. Dr. Siegfried Wiedenhofer,  zuletzt Goethe Universität Frankfurt, Main, zu „Politische(r) Utopie und christliche(r) Vollendungshoffnung“ vortrug.

Professor Wiedenhofer stellte zunächst die im Prinzip ja wohlbekannte Position Joseph Ratzingers in seiner Ablehnung der politischen, bzw. Befreiungstheologie (Stichworte: „Selbsterlösungshoffnung“, Machbarkeitskult“, „Aufgabe des ontologischen Wahrheitsbegriffs“) dar, die ihn zu einer „theologischen Hermeneutik des Verdachts“ gegen diese Entwicklungen geführt habe. Diese sei zwar im Sinne des „Ent-deckens des Vorhandenen“, der notwendigen „Aufdeckung gefährlicher Tendenzen“ tatsächlich erforderlich gewesen, habe jedoch auch zu einer im einzelnen wenig faktenorientierten Form der Auseinandersetzung geführt, die schlimmstenfalls ins bloße Vorurteil abzugleiten drohe. Vor allem aber stelle sich mit der völligen Trennung von Religion und Politik und der Zuweisung der letzteren auf das Gebiet der Moral das Problem der „Beschränkung der sakramentalen Gesamtexistenz des einzelnen Gläubigen“. Von daher sei, so Wiedenhofer, eine „Ehrenrettung“ der politischen Theologie und der Theologie der Befreiung „möglich und erforderlich“; er verwies in diesem Zusammenhang auf das wesentlich entspanntere Verhältnis, das der (amtierende) Präfekt der Glaubenskongregation, Erzbischof G.L. Müller zu diesem Themenfeld und den auf ihm handelnden Personen unterhalte.

Wenn nun auch jeder Versuch einer abschließenden Bewertung seitens des theologischen Laien schlechterdings vermessen wäre, drängen sich dem aufmerksamen einfachen Gläubigen doch einige Beobachtungen auf:

1)    Es ist ja nachgerade ein Topos der Blogoezese, die selbstreferentielle und auswirkungslose (deutsche) Universitäts-Theologie zu schelten und zwar, Topos hin oder her, wie ich glaube, nur allzuoft völlig zu recht. Nichts davon aber war im Rahmen dieser Tagung zu spüren!  Vielmehr blieb bei aller Unterschiedlichkeit der Ansätze nicht nur der respektvolle Umgang mit dem Oeuvre des großen Theologen, das ja alle erst dort versammelt hatte, jederzeit gewahrt, sondern vor allem blieb, bei aller begrifflichen Abstraktion, für mich jedenfalls, der Blick auf den einzelnen Menschen, den einzelnen Gläubigen und „was er davon hat“, sein (Seelen-) Heil!, zu jedem Zeitpunkt glaubhaft gewahrt. Das war ein sehr schönes Erlebnis, für das ich allen Referenten danken möchte.

2)    Bei aller inneren Nachvollziehbarkeit der Argumente fand ich es doch bemerkenswert, wie der stärkere Bezug auf „das Politische“ mit dem Lebensalter und der „West-lichkeit“ der Referenten korrelierte. Wie auch die Diskussion, die sich an den letzten Vortrag anschloß zeigte, gibt es gerade auch im Bereich der Theologie nach wie vor jede Menge guter Gründe, Erfahrungen und Perspektiven auszutauschen, zwischen „West“ und „Ost“. Auch deswegen ist es eine so gute Idee, Bischöfe zwischen den ehemaligen Teilen Deutschlands „hin- und herzuschicken“, wie das ja zuletzt nach allem, was man hören kann, mit der Ernennung von Bischof Dr. Heiner Koch für Dresden-Meißen wieder so hervorragend geklappt hat! Hoffentlich trägt sich dieses Muster weiter durch.

3)    Wenn Prof. Wiedenhofer die „nachkonziliare Streitphase“ und ihre Polemiken für mittlerweile historisch erklärt und die Ratzingersche „Hermeneutik des Verdachts“ nach „außen“ (gegenüber der politischen Theologie) in Analogie zu seinen Argumentationsmustern nach „innen“, hinsichtlich kirchlicher Struktur- (bzw. „Reform“-) Fragen sieht, möchte ich, insoweit die Analogie auch Parallelität bedeuten soll, hinsichtlich der Konsequenzen widersprechen.
Mir scheint doch mit Händen zu greifen, daß die Überwindung so mancher Verirrungen der nachkonziliaren Phase alles andere als abgeschlossen ist, gerade „vor Ort“ in den Gemeinden; deswegen ist es m. E. für eine solche Historisierung der Ratzingerschen Theologie, inklusive ihrer Polemiken!,  definitiv zu früh. Es ist nämlich, wenn Sie mir das Wortspiel gestatten, ein „himmelchen-weiter“ Unterschied, ob man sich im Rahmen eines solchen Austauschs über Entstehung, Rahmenbedingungen und Absichten theologischer Forschung differenziert austauschen kann, oder ob „abgesunkene“ Vorstellungen den schrecklichen Vereinfachern in den Gemeinden („engagierte Laiinnen und Laien“… 🙁 ) in die Hände fallen.
Und ich frage mich weiterhin, ob gleiches nicht auch für den Blick „nach außen“ unverändert gilt. Hat nicht der weltanschauliche Feind, der als („orthodoxer“) Marxismus erledigt scheint, eher einen bloßen Gestaltwandel vollzogen, was ihn aber nicht ungefährlicher zu machen braucht? (Dazu (hoffentlich) bald mehr auf PuLa, anhand konkreter Vorgänge/Beispiele)

Ganz zum Schluß möchte ich mit einer Ermutigung enden: Wer u.U. die obige notwendige Verknappung von immerhin einigen Stunden dichter Vorträge und Diskussionen etwas, na, sagen wir „abstrakt“ fand, der sollte sich davon keinesfalls abhalten lassen, sich mit dem Thema zu beschäftigen! Wie ich im Gespräch mit Dr. Chr. Schaller, dem stellvertretenden Institutsdirektor, zu meiner freudigen(!) Verblüffung feststellen durfte, haben wohl etliche Menschen wie ich von Joseph Ratzinger als erstes seine „Eschatologie“ gelesen. Das ist nicht ganz einfach und man wird das Buch im Zweifel mehr als einmal lesen müssen. Aber das wird man auch wollen! Es ist mit der gesunden Lehre wie mit einem Stück Vollkornbrot: man muß sie ordentlich kauen, aber dann nährt sie eben auch besser als manches Stück aufgeplusterten Weichgebäcks! 🙂
Wie man dabei (erneut) Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. als eminent „praktischen“ Theologen und wahren Hirten erlebt, setzt dem geistlichen Gewinn ein freudiges Krönchen auf.

PuLa unterwegs: Glaubenszeugnis in Eilsleben

Wie unlängst angekündigt hier ein weiterer Beitrag in der Reihe „PuLa unterwegs“. Nach dem ja noch ganz rezenten Bloggertreffen von Mitte Mai in Bonn begeben wir uns jetzt tüchtig in Richtung Norden, genauer gesagt ins Bistum Magdeburg, noch genauer gesagt nach Eilsleben. In der dortigen Herz-Jesu Kirche hatte ich am 10. März die Ehre und das Vergnügen im Rahmen der „Glaubenszeugnisse in der Fastenzeit“ etwas über die „Bedeutung der Gottesmutter für meinen Glauben“ sagen zu dürfen.

Wenn ich heute noch darauf zurückkomme, so geschieht das zunächst, weil ich gebeten worden bin, den Text doch zugänglich zu machen, aber auch aus zwei weiteren Gründen.

Einmal kann man einfach gar nicht oft genug klarmachen, wie unsinnig und falsch die Annahme ist, Blogger seien kontaktarme Typen, die sich hinter ihrer Tastatur verschanzen; nein, das Gegenteil ist der Fall: Wie ich immer schon dankbar feststellen durfte, schafft jedenfalls das katholische Bloggen Gemeinschaft, und zwar ganz konkrete, um nicht zu sagen, ‚leibhaftige‘, wie kommt das nur…? 😉

Vor allem aber möchte ich die Gelegenheit nutzen, um mich auch noch einmal öffentlich bei dem Initiator der Aktion, Pfr. Sperling aus Oschersleben, zu bedanken!
Bedanken nicht bloß für die Idee als solche und die damit natürlich verbundene Auszeichnung, auch nicht bloß für die erwiesene herzliche Gastfreundschaft im Pfarrhaus, sondern ganz wesentlich für das einfach schöne und bewegende Erlebnis katholischen Lebens in der Diaspora! Es ist einfach unglaublich beeindruckend, zu erleben, was möglich ist, wenn der Geist stimmt, und es ist ein weiterer schlagender Beweis dafür, daß es am Priester liegt, was in einer Gemeinde geschieht – und dafür gibt es GOtt sei Dank auch solche herausragenden positiven Beispiele.
Sollte es Sie jemals in die Gegend von Magdeburg verschlagen, besuchen Sie die Pfarrei St. Marien Oschersleben! (Große, inspirierende Kirchenarchitektur gibt’s sozusagen als Dreingabe!)

Der folgende Vortragstext ist nur minimal überarbeitet, allerdings um die unmittelbar biographischen Teile gekürzt und zugleich PuLas bescheidener Beitrag zum Marienmonat Mai.

 

Pfarrkirche St. Marien Unbefleckte Empfängnis, Oschersleben, Marienaltar (eigenes Bild)

Lieber Pfarrer Sperling, liebe Anwesende, vielleicht darf ich bei einer solchen Gelegenheit sogar einfach sagen, liebe Schwestern und Brüder?!

Ich danke Ihnen, für Ihre Gastfreundschaft, für die Gelegenheit, hier, in Ihrer schönen Kirche Herz-Jesu in Eilslseben sprechen zu dürfen. Da unsere Pfarrkirche zuhause in Weimar ebenfalls das Herz-Jesu Patrozinium hat und etwa aus der gleichen Zeit stammt, fühlen wir uns hier gar nicht so unvertraut.

Und ich danke natürlich besonders Pfarrer Sperling für die Einladung im Rahmen der Glaubenszeugnisse in der Fastenzeit bei Ihnen zu reden. Mit dieser Idee hat er mich nachhaltig verblüfft! Das ist nämlich, ich sage es lieber gleich, das erste Mal, daß ich so etwas versuche und ich bitte daher schon jetzt um Milde…

Wie ist Ihr Pfarrer auf die Idee gekommen, das vorzuschlagen? Nun, uns hat der „Tag des Herrn“ zusammengeführt. Ausgerechnet, werden Sie jetzt vermutlich sagen, denn Sie wissen ja, das ist  ein Blatt, das Pfarrer Sperling gelegentlich in deutlicher Ansage kritisiert (Sehr zu recht, meines Erachtens!).

Aber im Tag des Herrn gab es vergangenes Jahr auch einen sehr schönen Artikel über die wunderbare Klosterkirche in Hamersleben (und Ihren Pfarrer im Ruhestand, Herrn Kemming), der mich sofort fasziniert hat.

 

St. Pankratius, Hamersleben, Kreuzgangszene (eigenes Bild)

Ich habe romanische Kirchen schon immer sehr geliebt und bei aller ökumenischen Disziplin, eine solche Kirche hier, die zur katholischen Gemeinde gehört? Darüber wollte ich mehr erfahren. Die Internetrecherche brachte mich natürlich zügig auf die Seiten von „Kathleben“, der Internetpräsenz Ihrer großen Pfarrei und nachdem ich zwei, drei Beiträge aus der Feder von Pfarrer Sperling gelesen hatte, war mir bald klar, darüber würde ich unbedingt etwas schreiben müssen, über Hamersleben, aber noch viel mehr über den guten Geist, die frische Brise, die mir da aus dem Norden, sozusagen über den Harz nach Thüringen, herüberzuwehen schien!

Schreiben müssen auf dem Blog, den ich seit nun ziemlich genau zwei Jahren aus Weimar betreibe. Das habe ich dann im August 2012 auch getan und habe Pfarrer Sperling einen Hinweis darauf geschickt, denn ich schätze gerade auch im Internet die Offenheit. Der sich daraus ergebende gelegentliche Austausch von Emails führte dann zu der mutigen Idee, mich in Person herzuholen…

[…]

Eilsleben, 10.3.2013 (Bild: Pauline Lamers)

 

Vielleicht haben Sie ja von der Blogger-Szene, die sich selbst die „Blogoezese“ nennt schon mal gehört? Wenn ja ist es leider gut möglich, daß es nichts Gutes war, was Sie gehört haben, denn an uns Bloggern wird häufig Anstoß genommen. Für unseren Blog, denn meine Frau wirkt daran ganz wesentlich mit, werden wir in Weimar gerne und mit Ausdauer als „Schädlinge“ bezeichnet. Es sind auch schon schlimmere Begriffe gefallen, die ich aber an einem geweihten Ort nicht gern wiederholen möchte. […] Es ist, wie der bekannte Philosoph und Katholik Robert Spaemann einmal gesagt hat: Traditionsverbundene Katholiken werden in Deutschland gemobbt.

Denn bemerkenswerterweise ist die überwiegende Mehrheit dieser Blogs traditionell orientiert, ist papsttreu und steht fest zur Lehre der Kirche. Unser Weimarer Blog hat noch die nicht so häufige Besonderheit, daß er es sich zur Aufgabe gemacht hat, ganz konkret auf Mißstände vor Ort einzugehen, was offenbar besonders erbitterte Reaktionen hervorruft.

Ich bin deswegen sehr dankbar, daß Sie gerade dabei sind, sich ein eigenes Bild davon zu machen, wie so ein traditionstreuer katholischer Blogger aussieht und was er sagt und ich hoffe, das wird auch in anderen Fällen, wo von dieser Szene die Rede ist, Ihr Bild davon prägen und Sie dazu bewegen, erst einmal selber zu lesen und sich einen Eindruck davon zu verschaffen, was denn da wirklich gesagt, bzw. geschrieben wird!

Unser Blog heißt „Pulchra ut Luna“, Untertitel: „Katholisch in Weimar“. Pulchra ut Luna ist, offenkundig, lateinisch und heißt: „Schön wie der Mond“. Es handelt sich um einen der traditionellen Ehrentitel Mariens, von denen es ja eine ganze Fülle gibt, dieser stammt aus der Bibel, er findet sich im Hohen Lied, Kapitel 6, Vers 10.

Wenn man das, womit man an die Öffentlichkeit tritt, in dieser Form der Muttergottes, ja, weiht und anvertraut wird deutlich, daß man zu ihr ein besonders inniges Verhältnis hat, nicht wahr? Und damit sind wir beim eigentlichen Thema dieses Glaubenszeugnisses: „Was Maria für meinen Glauben bedeutet“.

Ich werde Ihnen nun keinen mariologischen Fachvortrag halten, dazu wäre ich auch gar nicht qualifiziert, sondern ich will, versuchen, Ihnen eine einfache, schlichte Geschichte zu erzählen, die noch besser hieße: „Wie Maria mich zum Glauben geführt hat“ und will zum Ende versuchen, aus meiner persönlichen Erfahrung und meinem bescheidenen Nachdenken ein paar Schlüsse zu ziehen Thesen anzubieten, die hoffentlich auch über meinen persönlichen Fall hinaus von Interesse sind.

„Geführt hat“ habe ich gerade gesagt, und diese zwei Wörtchen sind wichtig. Ich möchte nämlich ganz zu Beginn mit einem weitverbreiteten Mißverständnis aufräumen: Nach meiner Erfahrung  rastet bei den meisten Menschen, die merken, man hat ein besonderes Verhältnis zu Maria automatisch der Gedanke ein: „Ok, der/die war schon immer so, kommt bestimmt aus einer entsprechend traditionsverbundenen katholischen Familie und dem passenden Umfeld, kein Wunder, daß er/sie so denkt, empfindet, redet.“ Umsomehr scheint mir das der Fall zu sein, wenn, wie in unserem Fall, die Betreffenden ursprünglich aus einem Teil Deutschlands stammen, wo der Katholizismus sich nicht in einer Diaspora-Situation befindet (ich komme z.B. aus dem Rheinland, bin in Bonn geboren).

Aber diese fast selbstverständliche Annahme ist falsch. Bezeichnenderweise ist es vielmehr so, daß gerade unter meinen Bloggerkolleginnen und –kollegen bemerkenswert viele sind, die eine Konversion hinter sich haben, oder völlig neu zum Glauben gefunden haben

[…]

Eilsleben, 10.3.2013, Der wichtigere "Gast": Die "Münchner Monstranz" (Bild: Pauline Lamers)

 

Ich möchte nun aber nicht bei der Wiedergabe meiner persönlichen Geschichte stehenbleiben, sondern aus ihr heraus ein paar Thesen anbieten über den Rosenkranz, bzw. das geprägte Beten überhaupt. Denn ganz so glatt ging das bei aller Hilfe ja nicht, sich an diese Gebetsform zu gewöhnen. Natürlich nicht, weil es schwierig wäre, die wenigen Grundgebete auswendig zu lernen, die im Lauf des Kirchenjahres wechselnden „Geheimnisse“ des Rosenkranzes, das Angelus, oder das Salve Regina, natürlich nicht.

Nein, wenn man damit erst anfängt, Sie erinnern sich, ich mußte es erst lernen, sind es ganz andere Hindernisse, die drohen sich einem in den Weg zu stellen.
Einige will ich kurz mit Ihnen betrachten und daran entlang auch versuchen, auf den Begriff zu bringen, was „Maria für meinen Glauben bedeutet“. Um es vorwegzunehmen: Ich kann mittlerweile keines der sogenannten Argumente, die gegen den Rosenkranz, bzw. gegen jede Form des gebundenen, vermeintlich „fertigen“ Gebets landläufig erhoben werden, mehr ernstnehmen.

So heißt es, z.B. das Beten des Rosenkranzes sei umständlich und aufwendig, vor allem zeitaufwendig. Ich habe das nicht feststellen können. Wenn wir ein bißchen aufmerksam sind, finden sich in unserem Tagesablauf nämlich immer Zeiten, die wenig gefüllt sind. Der Weg zur Arbeit ist ein gutes Beispiel. Ich fahre jeden Tag mit der Bahn von Weimar nach Erfurt und zurück und da betet es sich ganz ausgezeichnet. Persönlich finde ich, es geht auch im Auto sehr gut. Und ich verspreche Ihnen, ein Gesätzchen paßt in Zeitabschnitte, von denen man das nie für möglich gehalten hätte, bevor man es versucht hat. Auf diese Weise verwandeln sich banale, ja vielleicht sogar als lästig empfundene Zeiten zu Zeit, die Ihnen gehört, gerade weil Sie sie jemand anderem widmen: Maria wird zur Weggefährtin im wahrsten Sinne des Wortes.

Dann heißt es, gerade von frommen Menschen, bzw. solchen, die ernstnehmen wollen, was sie tun: Ob ich auch immer aufmerksam sein kann, bzw. andächtig genug, werden nicht die Gedanken abschweifen, wenn ich immer das gleiche beten soll, ist dann noch was wert? Das ist ein Einwand, hinter dem jahrhundertealte auch innerkatholische Fehlentwicklungen spuken (Stichwort: Jansenismus). In diese Kategorie gehören auch wohlmeinende Sprüche zum Rosenkranz wie: „Wenn nur ein Ave Maria andächtig gesprochen wird, wiegt es 49 auf, die es nicht waren“ oder so ähnlich. Das ist m. E. ein ganz gefährlicher Gedankengang, denn er verwechselt Beten mit einer Leistung, die der Mensch zu erbringen in der Lage sei. Nein, wir können sowieso immer nur anbieten. Das sollen, das müssen wir ja auch, aber denken Sie bitte an das Wort des Herren im Matthäus Evangelium, Kapitel 6, Vers 8: „denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.“ Ja, die Gedanken schweifen manchmal ab und häufig sind es Sorgen und Kümmernisse, die dann auftauchen. Ja, und? Wir rufen im Rosenkranz zu einer Mutter! Wem sollten wir sie denn sonst anvertrauen, die Sorgen? Deshalb: Was sozusagen hochkommt, beim gebundenen, repetitiven Beten, das gehört dazu, wer es vor Maria bringt, dem wird die Weggefährtin zur Trösterin.

Damit sind wir schon bei einem weiteren oft gehörten Einwand, geprägtes Beten sei nicht individuell genug. Das kann eigentlich nur sagen, wer es nie probiert hat. Es gilt der alte Satz. Es gibt soviel Rosenkränze, wie es Beter gibt! Fast unbemerkt ist mir die zweite Hälfte meiner morgendlichen Bahnfahrt wenn Sie so wollen zum persönlichen Teil geworden, nach den je aktuellen Geheimnissen des Kirchenjahres. Ich bete dann für meine Eltern, meine Familie, für Papst und Kirche und für die Einheit in unserer Gemeinde. Mir ist Maria damit zur Freundin geworden, die Anteil nimmt, an dem, was mich täglich und ganz persönlich bewegt.

Hierher gehört der Einwand, geprägtes Beten sei unflexibel, man könne damit nicht reagieren auf wechselnde Bedürfnisse.  Was für ein Blödsinn! Das ganze Gegenteil ist der Fall. Sie haben das Bedürfnis für Verstorbene und Hinterbliebene zu beten, wissen aber nicht, wie Sie das anstellen sollen? Widmen Sie ihnen regelmäßig ein Gesätz und bitten Sie Maria um ihre Fürsprache für beide Gruppen und Sie haben das richtige getan, ohne erst Bücher wälzen zu müssen. Im übrigen gibt es im reichen Schatz der Geheimnisse, die Generationen von Betern vor uns entwickelt haben für fast jede Situation etwas! Gerade jetzt, in der Zeit der Sedisvakanz, eignet sich z.B. der petrinische Rosenkranz, der Jesu Verhältnis zu Petrus meditiert, ganz wunderbar. Der Rosenkranz, weit entfernt von jeder Inflexibilität, ist in Wahrheit so etwas wie das Schweizer Taschenmesser unter den Gebeten! Maria ist die Helferin des Beters.

Weiter heißt es gerne, geprägtes, repetitives Beten sei inhaltsarm und langweilig. Ich muß sagen, es fällt mir schwer, diesen Einwand auch nur so weit nachzuvollziehen, wie es notwendig ist, um sich mit ihm auseinanderzusetzen. Diese Behauptung ignoriert nicht nur das gegenteilige Zeugnis großer christlicher Beter und Gelehrter aller Jahrhunderte, es negierte auch, wenn man es ernst nimmt, die Erfahrungen aller anderen Religionen und Denksysteme mit der Meditation, die dort, etwa im Buddhismus, ja eine viel größere Rolle spielt. Und auch meine eigene Erfahrung ist eine ganz andere. Bedenken Sie, was es für Ereignisse sind, welche die Geheimnisse, die das Kirchenjahr spiegeln, uns vor Augen stellen: Die zentralen Teile der Heilsgeschichte! Langweilig? Inhaltsarm? Nein, unerschöpflich und immer wieder neu mit jeder Betrachtung. Außerdem sollten wir unseren eigenen Kopf nicht unterschätzen. Ich „finde“ bei diesem Beten  immer wieder plötzlich Antworten auf Fragen, von denen ich zum Teil vorher gar nicht wußte, daß ich sie mir gestellt hatte. Was ich sagen will ist, „es denkt“ in Ihnen, wenn Sie anfangen christlich zu meditieren, Sie werden es nicht verhindern können! Maria wird zur Lehrerin.

Außerdem, so heißt es immer wieder, drohe die Gefahr, die Anrufung Mariens könne in Konkurrenz treten zum Gebet zu ihrem Sohn, zum dreieinen Gott überhaupt und meistens wird dann geraunt, wie schlimm das doch „früher“ gewesen sei. Mal ganz abgesehen davon, daß ich mich immer frage, woher denn die, die so reden das eigentlich so genau wissen wollen, mag es schon sein, daß es Übertreibungen in der Marienverehrung geben hat. Aber ich kann nicht erkennen, daß die Kirche zu irgendeinem Zeitpunkt in der Gefahr gewesen wäre, nicht mehr die Eucharistie, den Opfertod des Sohnes am Kreuz, in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen zu stellen, oder? Vermutlich, ja wahrscheinlich kann es sehr hilfreich sein, an den Rosenkranz heranzutreten nicht mit der Erinnerung an irgendeine Form der Praxis, sondern gewissermaßen „frisch“ und selber zu sehen, was denn in den Texten steht und was  passiert, wenn man sie betet. Und die einfache Feststellung ist, egal, wo Sie hinschauen, die Mitte ist Jesus, ist der Herr, seine Geschichte für uns, mit und durch die Menschen, die er dafür in seine Nachfolge berufen hat, allen voran seine Mutter, die er uns, vom Kreuz herab!, allen zur Mutter gegeben hat. Jedes Geheimnis des Rosenkranzes atmet Jesus, alles, was wir im Engel des Herrn sagen betrachtet seine Menschwerdung. Die Wahrheit ist: Maria führt zum Herrn, zum konkreten, inkarnierten lebendigen Gott, der sich als Mensch unter Menschen geoffenbart hat. Genau deswegen führt sie übrigens auch weg von irrigen Vorstellungen eines pneumatisch alleinwirksam verstandenen Christus, wie sie leider weite Teile der evangelischen Theologie beherrschen. Maria ist der Fels der Lehre!

So, nun haben wir gemeinsam ein halbes Dutzend angeblicher Gründe betrachtet, die alle nicht dazu führen können, daß wir uns vom geprägten, meditativen Beten in der Tradition der Kirche verbschieden sollten, und zum Abschluß möchte ich Ihnen noch eine siebte Überlegung anbieten, die, wenn Sie mir folgen, eigentlich alle anderen überflüssig macht.

Wenn wir uns ehrlich fragen, was ist denn wirklich das „Hindernis“, das uns gern von dieser Form des Betens und von der Zuneigung zur Muttergottes abhalten will? Die sechs Behauptungen, die wir gerade gestreift haben? Ach was! Die sind sekundär. Primär ist das überwältigende Vorurteil unserer Kultur, das wir auf jeder Ebene finden, hochintellektuell und unglaublich vulgarisiert, das Gefühl der Ablehnung, bloß weil etwas „altmodisch“ sei oder „unmodern“, das Gefühl, „das könne man doch heute nicht mehr machen“.

Man kann, glaube ich, in jedem Zusammenhang leicht zeigen, das ist kein Argument, sondern bestenfalls eine Position, die erst noch der Begründung bedürftig ist, meistens ist es aber nur ein Vorurteil.

In unserem Zusammenhang aber möchte ich behaupten gilt noch etwas ganz anderes: Es gilt nichts weniger als die Umkehrung dieser Vermutung! In der Kirche gilt: Weil etwas zur Tradition gehört kann es gar nicht „altmodisch“ werden. Wenn es wirklich zur Tradition gehört kann man es in jedem Fall machen. („Modernität“ ist in diesem Kontext erst gar kein Kriterium, das von Interesse wäre.)
Warum? Weil Kirche Tradition ist! Seit wann? Schon immer. Bedenken Sie, die Tradition, die nicht verschriftlichte Weitergabe des „guten Botschaft“ ging „den Evangelien“ voraus. Und seit den Kirchenvätern und ihren vielfältigen Auseinandersetzungen mit allen möglichen (und unmöglichen) Häresien kann kein Zweifel daran bestehen: Kirche lebt nicht bloß „aus“ Tradition, sie „lebt“ Tradition, Tradition ist ihr lebendiger Selbstvollzug. Deswegen ist diese ja auch per definitionem nie „tot“, nie abgeschlossen, kann nie abgeschlossen sein bis zum Ende der Zeiten.

Wenn man nun so argumentiert kommt ganz gewiß, mit geradezu penetranter Sicherheit, ein Spruch, der als Einwand gemeint ist: Tradition, so heißt es da in mehreren Varianten, sei nicht die Bewahrung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.

Ich wußte noch nie, was ich von diesem Bild halten soll. In solchen Fällen hilft der Rat von Georg Büchner: „Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden.“ Tun wir das im vorliegenden Fall, dann lautet die Frage: Ist die Kirche ein Ofen? Und was würde denn da zu Asche „verheizt“?

Ich möchte Ihnen ein anderes Bild vorschlagen, das glaube ich die Sache viel besser trifft: Das Bild des Baumes. Ein Baum verheizt nämlich nicht nur nichts, er wächst. Weil er ein lebendiger Organismus ist,  hängt alles an ihm mit allem zusammen: Das frischeste Zweiglein mit der feinsten Wurzel, verbunden über den mächtigen Stamm. Man kann auch nichts wegnehmen, ohne daß es dem ganzen Organismus schadet. Auch nicht von den holzigen, scheinbar ganz starren, alten Teilen. Dann wird der Baum nämlich hohl und seine Standfestigkeit ist gefährdet. Stellen Sie sich bitte einen alten Solitär vor, wie er mitten in der Feldflur steht, wuchtig, knorrig vielleicht, aber im Frühling doch voller Anmut und immer erneuter Jugendlichkeit im frischen Blätterkleid. Ist dieser lebendige Selbstvollzug nicht ein geeigneteres Bild der Kirche?

Und wen finden wir im Anfang dieses Wachstums? Wer umschloß den göttlichen Samen aus dem unser Baum sproß? Wer gehört daher zu seinem innersten Kern?

Maria.

Maria ist, und ich bin fest überzeugt nicht bloß für mich, Weggefährtin und Trösterin, Freundin und Helferin, Lehrerin und Führerin zum Herrn. Maria ist der Fels der Lehre, der Kern der Tradition, das, und hier zitiere ich Pfarrer Sperling, „gesunde Herz“ und die Mutter der Kirche; wenn wir uns ihr anvertrauen, können wir nicht irre gehen.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Und wir danken noch heute für einen guten und sicheren Heimweg, wer sich noch an das Wetter am 10. März erinnert:

Auf dem Weg zurück nach Thüringen, 10.3.2013 (Bild: Cornelie Becker-Lamers)

 

SCHAF-los in Seattle featuring Karl May

Bevor der Europäische Gerichtshof am Ende auch noch das Einbetten von Videos einschränkt, wollen wir hier zeigen, was man damit alles machen kann:  Z.B.  die Verbindung von Seattle, Sachsen und Weimar. Glauben Sie nicht? Lassen Sie sich überraschen…

Wundersdorf, auf der Schafweide. Aus der uns sattsam bekannten Herde hat sich eine kleine Gruppe von Tieren herauskristallisiert, die zusammenstehen und diskutieren. Sie scheinen irgend etwas einzustudieren.

Da: Jetzt singen sie auch noch!

SCHAF-los in Seattle. Kleine Hommage an einen mittelgroßen Film.

Als Sketch für fünf Schafe, zwei Lämmchen und beliebig viele Schafstatisten

 

Wolle, Flocke und Kohle (dreistimmig): Ave Mari – hi – ja! Ave Mari – hi – ja! Mariiiii – ja! Mariiii – ja! Mariiiiiiiii – hiiiiiiiiiiiii – ja!

(Angelockt von den ungewohnten Klängen kommen Fixi und Huf angesprungen.)

Fixi: Was singt ihr denn da um Gottes Willen?

Huf: Das klingt ja schauderhaft!

Wolle: Ist aber von Karl May! Fixi: Na und?

Flocke (ganz stolz): Wir möchten es aufführen.

Grauchen: Zum Gemeindefest.

Blütenweiß: Wir dachten nämlich, wir führen mal die Sterbeszene von Winnetou auf, mit seiner Bekehrung.

Kohle: Und da hat Karl May ja eigentlich ein Ave Maria dazu geschrieben und das kommt im Film gar nicht vor.

Fixi: Wo habt ihr es denn her?

Flocke (grinst verschmizt): Tja …

Wolle: Gute Beziehungen …

Grauchen: Zur Bibliothekarin der Weimarer Musikhochschule …

Fixi: Wieso Weimar?

Grauchen: Weil eine Professorin von da jetzt über dieses Ave Maria was geschrieben hat.

Wolle: Und da hatten die das dort in ihrem Archiv.

Fixi (schnaubt verächtlich): Na, wenn die beiden gewußt hätten …

Huf: Die wollten bestimmt nicht, daß ihr das aufführt!

Fixi: Das kann ja keiner mit gutem Gewissen verantworten!

Kohle: Jetzt ist es zu spät!

Flocke: Jetzt haben wir die Noten.

Wolle: Ave Mari – hi – ja!

Fixi (hält sich die Ohren zu): Ist ja schon gut!

Huf: Was ihr nur immer mit diesen alten Indianergeschichten habt!

Wolle (eindringlich): Aber das ist doch sehr ergreifend!

Flocke (mitteilsam): Wo Winnetou sagt: Ich glaube an den Heiland. (Mit zitternder Stimme) Winnetou ist ein Christ! (Sie bekommt nasse Augen.)

Grauchen (ganz ergriffen): Mit den letzten Kräften kann er das nur noch sagen!

Blütenweiß (schnieft auch schon verdächtig): Ganz nah am Ohr von Old Shatterhand.

Kohle (zitiert schwülstig): „Es ging ein Zucken und Zittern durch seinen Körper, ein Blutstrom quoll aus seinem Mund. Der Häuptling der Apachen drückte nochmals meine Hände.“ (Er kann vor Rührung nicht weiter sprechen.)

Wolle (fährt fort): „Dann lösten sich seine Finger langsam von den meinen.“

Alle: „Er war tot!“ (Die Schafe fallen sich schluchzend in die Arme. Fassungslos starren Fixi und Huf von einem zum andern.)

Kohle (schnäuzt sich geräuschvoll. Nicht ohne Vorwurf in der Stimme): Euch heute sagt das ja alles nichts mehr!

Fixi: Ich habe Winnetou angefangen. Aber es ist lame!

Wolle: Und Old Surehand?

Grauchen: Wo er am Schluß vom ersten Band hinter Apanatschka und Old Surehand reitet und denkt, es könnten Brüder sein …

Blütenweiß: … und da weiß der Leser noch nicht, daß sie es wirklich SIND! (Sie wischt sich über die Augen.)

Fixi (zu Huf): Die Alten sind soo failig!

Huf: Wir sind einfach cooler!

Fixi: Gucken ja auch die cooleren Filme.

Huf: Twilight!

Fixi (mit vibrierender Stimme): Wo Bella am Schluß die Augen aufschlägt …

Huf (bekommt eine Gänsehaut): … und sie sind ROT!

Fixi (mit Ergriffenheit): Und da weiß man, daß sie ein Vampir ist …

Huf: … und trotzdem die Mutter von Renesmee! (Er schluckt mit Mühe seine Tränen der Rührung hinunter.)

(Wolle, Flocke, Kohle, Grauchen und Blütenweiß blicken mitleidig auf die beiden aufgewühlten Lämmchen.)

Wolle (grübelt): Bella wird Mutter, obwohl es sich eigentlich widerspricht mit daß sie Vampir ist …

Flocke (nachdenklich): Das erinnert mich strukturell an irgend etwas …

Grauchen: Kommt, wir singen noch mal!

Der Chor: Ave Mari – hi – ja! Ave Mari – hi – ja! Mariiiii – ja! Mariiii – ja! Mariiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii – ja!

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

Für alle, die mehr wissen möchten, hier der Artikel aus Weimar (gibt’s leider nur „analog“): Christiane Wiesenfeldt: Ein Ave Maria für Winnetou. Karl May komponiert für den Wilden Westen, in: Die Musikforschung 66/1 (2013).

 

 

PuLa unterwegs: Gaudium verum res severa/Bloggertreffen, Bonn 2013

Res severa verum gaudium

(Wahre Freude ist eine ernste Sache. Seneca, Epistulae morales, 23, 4)

Ok, ok, es ist mittlerweile alles andere als originell, darauf hinzuweisen, daß die Infrastruktur „im Westen“ reichlich in  die Jahre gekommen ist, im Vergleich mit den „Neuen Ländern“, aber das Bloggertreffen 2013 im Bonner Haus Venusberg, vom 10.- 12- Mai bot wieder jede Menge Anschauungsmaterial für diese Feststellung. Nun tun Fragen wie laut röhrende (auch nachts) Entfeuchtungsgeräte auf dem Gang, nicht funktionierende  Wasserspülungen auf den WCs, das Licht in der Dusche (auf dem Gang), das bereits nach dem Haarewaschen wieder ausging, wenig zur Sache, die (für Erwachsene) eigentümlichen Schließregelungen des Hauses (ab 22.00 Uhr) schon ein wenig mehr, noch mehr die Tatsache, daß es im Kühlschrank (am Rhein!) keinen Wein gab (was aber bald geändert war), aber die mindestens hakelige Netzanbindung, die war für ein Bloggertreffen einfach gar nicht mehr so recht witzig (und führte, ganz anders als letztes Jahr, zum Fehlen von Zwischenberichten auf PuLa).
Als communis opinio bildete sich daher zügig heraus: Hier gehen wir eher nicht wieder hin, auch wenn die Umgebung auf dem Bonner Venusberg, das muß ich zur Ehrenrettung meiner Heimatstadt doch noch sagen, gerade jetzt im Frühjahr wunderschön ist.

 

Kreuz (klein) auf Sichtbeton im Speisesaal (eigenes Bild)

Speisesaal, außen (eigenes Bild)

Architektur der 70er Jahre, you gotta love it... (eigenes Bild)

Davon haben wir allerdings nicht viel gesehen, denn es wurde gearbeitet! Norbert Kebekus‘ Konzept, leibhaftige Blogger 😉 mit hauptamtlichen Vertretern der katholischen Publizistik zu konfrontieren, äh, ins Gespräch zu bringen ist, entgegen mancher Skepsis, aufgegangen! Es ist in der Tat normalerweise vorzuziehen, wenn man miteinander redet, statt übereinander zu schreiben, bzw. bevor man übereinander schreibt. Allerdings setzt das natürlich die Bereitschaft dazu auf beiden Seiten voraus, die leider nicht immer gegeben ist (woher kenne ich das nur?). Hier war sie es, wenn auch gefühlt in unterschiedlichem Ausmaß, und ich glaube alle hatten zum Schluß das Gefühl, daß es auch für beide Seiten nutzbringend war, sich zuzuhören und sich face to face gegenüber zu sitzen. Herausragend gut war die Runde mit Matthias Kopp, dem Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz und die mit Andreas Püttmann, dem bekannten Publizisten auch und gerade weil aufgrund ihres Charakters als Hintergrundgespräch („unter drei“) hier über die Inhalte im einzelnen zu schweigen ist.  Und je konkreter die Diskussion mit denen wurde, die bei „katholisch.de“ die tägliche Arbeit machen, desto besser wurde auch dieser Kontakt. Ob Kooperationsideen der einen oder anderen Art, und es sind bisher eben auch wirklich nur „Ideen“, schließlich reifen, wird sich finden, ich persönlich habe mit fortschreitender Erfahrung eher immer weniger Sorge vor „Vereinnahmung“, sondern meine, eine recht verstandene Komplementarität könnte sich über die Zeit herausbilden. Man wird sehen.

Vor allem werden wir uns aber höchst erfreulicherweise im kommenden Jahr wieder-sehen, deo volente, diesen Wunsch verspürte auch das halbe Dutzend Teilnehmer, die letztes Jahr noch nicht dabei sein konnten (und gewiß auch diejenigen, die in Freiburg dabei waren, es aber dieses Jahr leider nicht geschafft haben, und vermißt wurden!). Wie sich eine  solche, „soziologisch“ doch sehr heterogene Gruppe von Menschen unter einem gemeinsamen Thema und, vor allem!, im gemeinsamen /(Stunden-) Gebet, zur Gemeinschaft findet, war dieses Jahr nicht mehr so überraschend aber deswegen nicht weniger beglückend; herzlichen Dank, Norbert, herzlichen Dank an Euch alle, die ihr dabei wart! Dieses Zusammensein gibt Kraft fürs ganze Jahr!

Daß wir die auch brauchen, stellte sich nach Abschluß des offiziellen Teils wieder einmal heraus, gerieten doch einige von uns in der wunderschönen und außerordentlich sehenswerten romanischen Doppelkirche in Schwarzrheindorf (Bonn- Beuel, bzw. op de Schääl Sick, für die Kenner) unversehens in eine „Familienmesse“. Ich will Ihnen und mir Einzelheiten, insbesondere zur Liedauswahl (keines aus dem „Gotteslob“) hier ersparen, aber grundsätzlich muß gesagt sein, daß die fortgeschrittene Selbst-Infantilisierung, die hier zum Ausdruck kam, allein durch den Anlaß weder erklärt, noch gerechtfertigt werden kann! Es ist ja ein verheerendes Mißverständnis, anzunehmen, Kinder wollten „so was“ automatisch und in jedem Fall. Vielmehr haben sie ein feines Empfinden dafür, wenn Erwachsene sich nicht ernsthaft benehmen und „nicht ernst nehmen“ ist dann leider auch das, was Kinder mit dem tun, was ihnen da begegnet. Nur dumm, wenn es sich dabei um einen Lebensbereich handelt, der wie kein zweiter die Verbindung von Freude und  Ernst, von Fest und Anstrengung fordert und sie ja auch überreich belohnt! Das war heute die einzige „normale“ Messe dieser Gemeinde und nicht zum ersten Mal habe ich mich gefragt, was für ein Bild von sich und seiner Berufung ein Priester haben muß, der statt Predigt minutenweise hinter einer Wand verschwindet, auf der zwei Laiinnen mit 5 – 7 Kindern Puzzleteile zusammenfügen, um dann als Quintessenz zum Evangelium des Tages (Joh 17, 20-26 ) festzustellen, das sei ja nun, was in der Bibel gemeint sei, wenn es dort heißt: „Alle sollen eins sein“, die Puzzleteile! 🙁 Da lobe ich mir im Vergleich aber ganz ausdrücklich die Einrichtung der „Kinderkirche“ in Herz-Jesu-Weimar im Otto-Neururer-Haus, aus der die „lieben Kleinen“ erst gegen Ende des Gottesdienstes wieder zu „den Großen“ kommen und sage aus dieser Kontrasterfahrung der sich stets erneuernden Gruppe von Eltern Dank, die das durchzuführen übernommen haben (auch wenn unsere eigenen Kinder ganz von sich aus! immer in der „richtigen Kirche“ bleiben wollten).

Ja, es bleibt viel zu tun und das wird viel Kraft fordern. Könnte es nicht halbjährliche Bloggertreffen geben, so zum Auftanken? 🙂

 

St. Maria und Clemens, Schwarzrheindorf (eigenes Bild)

Schwarzrheindorf, Blick in die Oberkirche (eigenes Bild)

Schwarzrheindorf, Oberkirche, Blick nach Osten (eigenes Bild)

PS: Die Überschrift deutet es an, dies ist zugleich der Beginn einer neuen Reihe auf PuLa: „PuLa unterwegs“. Da hat sich, so seit Anfang Februar (ähem!) einiges angesammelt, für das bisher die Kraft nicht reichte, und das jetzt, sozusagen kontra-chronologisch abgearbeitet werden soll (wahrscheinlich kommt dann der Februar im Juli dran, da werden wir uns nach der Kälte und dem Schnee noch sehnen 😉 )

 

Der Auftakt – Ein Werk zu zwei Jahren Orgelweihe in Herz-Jesu-Weimar

Ja, der 8. Mai ist ein in vielerlei Hinsicht historisches Datum! Weil vor zwei Jahren, im Liszt-Jahr 2011, die „Franz-Liszt-Gedächtnisorgel“ der Weimarer Musikhochschule in unserer Pfarrkirche schon am 8. Mai geweiht werden konnte, und damit deutlich vor des Namensgebers Geburtstag am 22. Oktober (1811), nimmt sich PuLa heute die Freiheit, erst einen Tag später an das Ereignis zu erinnern. 😉

Und das war ein Ereignis! Weihe durch Bischof Wanke, eine eigens aus diesem Anlaß herausgegebene Publikation, „SOLI DEO GLORIA“, die zugleich das Programmheft darstellte, mit Beiträgen etlicher namhafter Leute aus dem künstlerischen, wissenschaftlichen und politischen Umfeld des neuen Instruments und ein „Orgelmarathon“ zum Einstieg.

Na, dazu gab es ja auch jeden Anlaß, gerade für die Weimarer Gemeinde, diese Gelegenheit dankbar zu begehen! Denn so oft passiert es gewiß nicht, daß eine überschaubare Diasporagemeinde eine solches „Schlachtschiff“ von Orgel im Wert von fast 1 Million Euro in ihre Pfarrkirche eingebaut erhält, oder? Die, wie es damals hieß: „erste für die Herz-Jesu-Kirche wirklich maßgeschneiderte und entsprechend geplante Orgel“ (Chr. Meixner im Programmheft), die freilich im Eigentum der Hochschule verblieben ist, um künftig „einen weiteren wichtigen Baustein für die Musikausbildung einer Musikhochschule, die ihre Identität aus dem Wirken Liszts heraus ableiten kann“ (ibid.) darzustellen. Zugleich wurde natürlich der am 8. Mai 2011 von 20.00 Uhr bis Mitternacht erklingende „Orgelmarathon“ im Programmheft als „Auftakt der konzertanten Nutzung des neuen Instrumentes“ apostrophiert. Und wir, alle ganz normalen Gemeindemitglieder, wir freuten uns auf die schönere und würdigere Verherrlichung des HErren in jedem Gottesdienst, die nunmehr möglich werden sollte.

Zwei Jahre später muß man feststellen, damals wurde fürwahr „Erstaunliches erreicht“, doch noch erstaunlicher ist, was daraus, nein, nicht „geworden“ ist, sondern, was draus gemacht wurde: Die Orgel ist in der internationalen Fachwelt beinahe unbekannt geblieben (suchen Sie mal auf YOUTUBE!), Konzerte finden fast gar nicht statt, der Lehrbetrieb ist in geradezu lächerlicher Weise reduziert und die Art und Weise, wie die Orgel im Gottesdienst erklingt ist, insbesondere in Folge des Umgangs mit dem geistigen Vater des ganzen Projekts, na, sagen wir mal, noch erheblich steigerungsfähig.

Für diesen unsäglichen Zustand gibt es klare Verantwortlichkeiten:

Warum sich Hochschul- wie Bistumsleitung diese Situation (bisher) so unerträglich lange haben gefallen lassen ist mehr als schwer verständlich, allenfalls die schiere Verblüffung, daß so etwas überhaupt möglich ist darf man immerhin der Hochschulleitung (aber auch nur der) zugute halten.

Aktuell hört man von konkreten Bemühungen, die Lage zu verbessern, die Zustände vom Kopf auf die Füße zu stellen. PuLa hat sich, stets um Schonung bemüht, auf Besserung immer wieder hoffend und aus Rücksichtnahme bisher mit der Berichterstattung und Kommentierung sehr zurückgehalten (vgl. hier, hier, hier und hier und suchen Sie nach Beiträgen, die mit „Musik und Orgel“ getaggt sind). Dabei wissen längst nicht nur Gemeindemitglieder Bescheid…

Unsere Geduld ist aber endlich, denn es schreit zum Himmel, was hier geschehen ist.

Die Denkmalschützer

Heute, am 6. Mai wird der Welttag der Orgel begangen (hier und hier). Und übermorgen, am 8. Mai jährt sich die Einweihung der „Franz-Liszt-Gedächtnisorgel“ in Herz-Jesu-Weimar zum zweiten Mal. Dieses schöne Zusammentreffen nimmt PuLa zum Anlaß, in einer kleinen Reihe von Beiträgen zu schauen, wie das denn anderswo so funktioniert, der Umgang mit einem bedeutenden Instrument im gemeindlichen Kirchenraum…

 

Die Denkmalschützer

Ein Sketch für drei Personen

 

(Wir befinden uns in dem beschaulichen Städtchen Wundersdorf im Oderbruch. Die katholische Pfarrkirche Maria Hilf!. Wie gewohnt will sich Corinna die Kirche aufsperren, um nach dem Rechten zu sehen und die Kollekte für die vielfältigen Aufgaben in der Großpfarrei nachzuzählen, als sie wie angewurzelt stehenbleibt: Die Kirche ist offen! Ohne ihre Erlaubnis! Wutschnaubend stürmt sie das Gebäude, um wiederum vor Schreck zu erstarren: Im Blick hat sie die Deckenlampen der Pfarrkirche: die zwölf Hängeleuchter mit je zehn blitzblanken Bommelbirnen. Auf einer hohen Leiter steht ein Arbeiter, offensichtlich im Begriff, diese Deckenbeleuchtung nach und nach abzuschrauben. Ein weiterer Arbeiter steht am Fuße der Leiter und assistiert seinem Kollegen.)

Corinna (im Befehlston): Was machen Sie hier?!

Der zweite Arbeiter: Det sehn Se doch. Wir schrauben de Lampen vonna Decke.

Corinna: Sofort hören Sie damit auf und verlassen das Gebäude! (Sie zeigt mit ausgestrecktem Arm den Mittelgang entlang in Richtung Hauptportal.)

Der erste Arbeiter (hebt vorsichtig die gerade entfernte Lampe aus ihrer Halterung und dreht sich gelassen nach dem Störenfried um): Mit wen ham wa denn die Ehre?

Corinna (barsch): Corinna Bischof. Ich bin hier der Herr im Haus!

(Die beiden Arbeiter prusten vor Lachen los. Der erste steigt vorsichtig von der meterhohen Leiter, reicht zwischendurch dem Unterstehenden die Lampe an und verrückt die Leiter unter die nächste Deckenleuchte. Während der zweite Arbeiter die Lampe in einer vorbereiteten, gepolsterten Kiste verstaut, steigt der erste Arbeiter wieder die Sprossen hinauf.)

Corinna (wütend): Runter da, hab ich gesagt! (Sie stürmt auf die Leiter zu, um daran zu rütteln. Gerade noch rechtzeitig kann der zweite Arbeiter ihr in den Arm fallen.)

Der zweite Arbeiter: Jetz hörn Se mir ma jut zu, Frollein Jungefrau! Wir ham hia im Ufftrach vonne obastn Denkmalbehörde de Lampen vonna Decke und de Taschenhaken vonne Bänke zu entfern’n. Und det wern wa ooch mach’n! Is schließlich nich Ihr Jebäude, hia!

Corinna: Aber selbstverständlich ist das mein Gebäude! Ich bin doch die Gemeinde!

Der erste Arbeiter (guckt schief von der Leiter): Wenn Sie imma so’n Ufftret’n haam, wundert mich det jar nich, det sons‘ keena mehr komm‘ will!

Corinna: So habe ich das nicht gemeint! Bei der Wahl zum Kirchenvorstand konnte ich 327 Stimmen sammeln – äh, auf mich vereinen. Von 5613 Leuten. Und jetzt raus! (Sie versucht wieder an der Leiter zu wackeln.)

Der zweite Arbeiter (fällt ihr in den Arm): Sagen Se ma: Wenn Sie hier de selbsternannte Nummer Eins sind, denn ham Sie doch selba de Denkmalbehörde uff den Zustand von dieset Jebäude hia uffmerksam jemacht!

Corinna: Selbstverständlich! Ohne mich geht hier gar nichts. Aber ich habe doch nicht angeordnet, die Lampen zu entfernen!

Der zweite Arbeiter: Nee, det nich. Aba Se ham sich bei de Denkmalbehörde über det Klangsejel von de Orjel beschwert, wat die Fachleute zum Stimm’n und Rejistrian brauchen.

Corinna: Das Klangsegel ist ja auch eine Zumutung! Gut, daß das sofort wieder weg kam!

Der zweite Arbeiter: Wenn hia wat ne Zumutung is, denn sind det die Taschenhaken, die irjendeena, der nischt von de Sache vasteht, nach de Renovierung hat anbring’n lass’n. Det war wohl Ihr Kirchenvorstand?

Corinna (verächtlich): Pff! Für solche Entscheidungen brauche ich doch nicht die Gremien! Das habe ich selbstverständlich allein entschieden. Die Haken sind funktional und bleiben dran! Und jetzt raus!

Der zweite Arbeiter (nimmt die nächste Lampe von seinem Kollegen entgegen): Die Haken komm’n ab und wern durch ne stiljerechte Serje asetzt. Da kriejen Se in den neesten Tag’n Bescheid von unsan Fachpersonal. (Er hilft seinem Kollegen, die Leiter zu verrücken.) Und mit de Lampen detselbe.

Corinna: Die Lampen sind funktional – das sieht doch schon gar keiner mehr!

Der zweite Arbeiter: Wenn hia wat funktional is von den neu einjebauten Sachen, denn is det det Klangsejel. Und det sieht schon jar keena, det hängt ja hinta de Leute über de Orjelempore.

Corinna: Eben! Und dort sehen es der Pfarrer und ich vom Altarraum aus, wenn wir unsern Dienst tun. Völlig unmöglich! Das Klangsegel verdeckt wertvolle bauliche Details, die unsere Kirche verschönern.

Der erste Arbeiter (grinst): Ick denke, Se möjen’s funktional … (Die beiden lachen.)

Corinna (eiskalt): [Es folgt eine längere Textpassage vulgärer Flüche und Beschimpfungen, die wir unseren Lesern nicht zumuten möchten.] So! Und jetzt verschwinden Sie, ich sag’s zum letzten Mal!

Der zweite Arbeiter (grinst): Na, denn ham wa ja jetz endlich unsre Ruhe! (Er nimmt die dritte Lampe entgegen und verstaut sie vorsichtig in der Kiste.)

Corinna: Wenn Sie hier die Lampen alle abschrauben, dann ist die Kirche ja dunkel!

Der erste Arbeiter: Denn stell’n Se ma hia nich immer so ville Lichter unta ‘n Scheffel, denn strahlt ihre Jemeinde ooch ohne Lampen.

Corinna (dreht sich um und schreit): Weihbischooooof! (Sie rauscht raus.)

Der zweite Arbeiter (blickt ihr schmunzelnd nach): Wie meene Kleene: Null Frustrationstoleranz!

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf! Ob man sich eine so durchsetzungsfähige Denkmalspflege wohl auch in anderen Teilen Deutschlands vorstellen könnte? 😉

Die Presseschau

Endlich Frühling! Nach Herzenslust grasen die Wundersdorfer Schäfchen im frischen Grün und lassen sich die jungen Löwenzahnblätter schmecken. Aber bekanntlich kann das sehr eiweißhaltige erste Grünfutter, im Übermaß genossen, bei Schafen zu Verdauungsproblemen führen. Deshalb sind die ersten Weidetage kurz und durch lange Abende mit Trockenfutter im Stall unterbrochen. Denn welches Schaf ist schon so vernünftig, bei den ersten dicken Gänseblümchen nicht richtig zuzulangen? Da ist es gut, daß die Mahlzeit durch aufregende Neuigkeiten unterbrochen wird …

Die Presseschau

Ein Sketch für drei Schafe, zwei Lämmchen und beliebig viele Schafstatisten

Wir treffen Flocke, Wolle, Kohle und Fixi beim Fressen auf dem Hügel neben der Tränke.

Flocke (zu Fixi): Stopf nicht so und kaue gut! Dir wird sonst schlecht! (Grast weiter.)

Wolle (nach einer Weile zu Fixi): Und iß nicht so viel frisches Grün! Es gibt heute abend noch Heu. (Grast weiter.)

Fixi (mit vollem Mund): Hmmmmm. If aber fo lecker!

Huf (kommt mit einem Rucksack auf dem Rücken auf die Weide gestürmt): Guckt mal! (Er kippt seinen Rucksack aus und holt eine Zeitung hervor.) Da! Das hab ich in der Bibliothek mitgehen lassen!

Kohle (entsetzt): Das kannst du doch so nicht formulieren! PuLa lesen doch auch Jugendliche! Komm noch mal rein!

Huf (packt die Zeitung wieder ein und setzt den Rucksack auf): Ok, hast recht! (Er verschwindet hinter dem Hügel.)

Huf (kommt mit einem Rucksack auf dem Rücken auf die Weide gestürmt): Guckt mal! (Er kippt seinen Rucksack aus und holt eine Zeitung hervor.) Da! Das hab ich in der Bibliothek kopiert! Seht doch mal! Da geht es um Neuzelle!

(Wolle, Flocke, Kohle und Fixi blicken auf und kreisen nach alter Sitte Huf neugierig ein.)

Fixi (schaut in die Zeitung): Ein Bild!

Kohle (liest die Schlagzeile): „Ein Ostergrab wird entgiftet“

Flocke (liest die Bildunterschrift): „Restauratoren mit einer Tafel des ‚Heiligen Grabes‘ in Neuzelle.“

Wolle (beginnt den Text zu überfliegen): Was ist das?

Huf (nicht ohne Stolz): Das Ostergrab in Neuzelle …

Fixi (unterbricht ihn begeistert): Da wollen wir doch hin!

Huf (sachlich): … von Joseph Felix Seyfried um 1750 geschaffen. (zu Fixi) Was glaubst du wohl, warum ich euch den Artikel mitgebracht habe, hm?

Wolle (liest): „… eine von 229 verbliebenen Tafeln.“

Fixi (zu Huf): Deine Güte und Weitsicht sind unübertroffen!

Flocke (zu Wolle): Wie viele waren es denn ursprünglich?

Wolle: 240.

Kohle (lacht): Vielleicht wird der Rest noch als Frühstücksbrettchen gebraucht – wie das Stück vom Genter Altar, als er nach dem Krieg aus dem Salzbergwerk in Altaussee rauskam?

Flocke: Frühstücksbrettchen? So wie’s aussieht, kannst du auf jeder dieser Tafeln ein ganzes Spanferkel servieren.

Huf: Von Spanferkeln steht hier nichts. Aber hier, das ist wichtig: Bevor sie die Bildtafeln wieder aufbauen können, müssen die Werke dekontaminiert werden.

Fixi: Ah! (Schaut auf das Bild) Und warum lassen sie das einen Imker machen?

Wolle: Das ist kein Imker, die Frau hat einen Ganzkörperschutzanzug an. Ist offenbar wirklich ernst!

Flocke (schüttelt sich, daß die Wollflocken des Winterfells fliegen): Brrrr!

Kohle: Da steht es: „Viele der Kunstwerke wurden in der Vergangenheit zur Konservierung mit der giftigen Chemikalie Hylotox versetzt. Die Restauratoren müssen beim Entgiften Schutzanzüge und Atemmasken tragen.“

Huf: Ich hab in der Bibliothek noch im Netz geguckt: Früher waren diese riesigen Wände in der Passionszeit im Altarraum aufgebaut. In etlichen Städten war so etwas üblich.

Wolle (träumerisch): Im Verlauf des Kirchenjahres ganze architektonische Einbauten! (wie aus dem Traum gerissen) Und heute? Sind zwei Altarflügel an die Wand genagelt!

Kohle (seufzt): Ach ja! Unsere angenagelten Flügel … Könnte es ein besseres Bild für das Leben in unserer armen Wundersdorfer Gemeinde geben?

Fixi (voller Tatendrang): Und wollen wir uns die Einbauten ansehen? Und ein Passionsspiel aufführen?

Kohle (trocken): Da weiß ich ja schon wieder, wer das Opferlamm spielt …

Huf: Die Bildtafeln waren keine Theaterkulisse, sondern wegen der Verinnerlichung und der Betrachtung und zum davor Beten.

Wolle (leise): Dann kommt Krutzi vielleicht gar nicht mit? Hihi!

Flocke: Wann soll die Restaurierung denn abgeschlossen sein?

Huf: 2014 glaube ich. Es gibt dann ein Museum.

Kohle: Na, bis dahin werden wir’s ja irgendwie geschafft kriegen, unsere Wallfahrt zu organisieren.

Fixi (leidend): Mir ist schleeeeeecht!

Flocke (heftig): Hab ich dir’s nicht gesagt? Das kommt von den vielen Gänseblümchen!

Fixi (weinerlich): Gaaar nich! Das ist vom Gedanken an die vergifteten Bilder!

Kohle: Kommt! Wir gehen in den Stall, du frißt noch was Heu und wir legen uns heute alle mal früh schlafen.

(Kohle, Flocke, Wolle und Fixi trotten Richtung Gatter.)

Huf (grummelt): … mit den Hühnern ins Bett …

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

Ja, so geht’s zu, rund um Wundersdorf! Ob es wohl auch andernorts aus ihrem Kontext gerissene Altarflügel gibt, nach dem Bildersturm der „wunderbaren“ 60er-Jahre?

Der Nabel der Welt?

Das Leben schreibt Geschichten, die hält man nicht für möglich. Gestern, 29. April 2013, ca. 19.00.Uhr und 45 Sekunden hörten wir aus den „Heute“ Nachrichten des ZDF sinngemäß: „Radio Lotte, Weimar ist dabei, die FAZ nicht.“ Radio Lotte, Weimar wird in den nationalen Nachrichten erwähnt! In der ersten Meldung!!

Aber damit nicht genug: Schaut man heute auf die einschlägigen Listen, auf welche Medien bei der Verlosung der Journalistenplätze für den sog. „NSU-Prozeß“ in München das Losglück gefallen ist, so kann man nur sagen: „Thüringen, Mitte, Deutschlands, Weimar, Nabel der Welt“, denn neben unserem wahrhaft bedeutsamen Lokalradio hat auch die TLZ, Lesern dieses Blogs ja wohlbekannt, einen Platz erhalten. Zwei von 50 Medienplätzen weltweit nach Weimar! Ohne „Klassikerkontingent“! Und ein weiterer nach (Süd-) Thüringen („Freies Wort“) Irgendwie unheimlich. Wo PuLa gelegentlich als Presseerzeugnis angesehen wird, ob wir uns auch hätten bewerben sollen?

Dennoch, Wundersdorf toppt wieder mal alles…

 

Die Verlosung

Ein Sketch für zwei Personen

 

Wundersdorf, 30. April 2013, 6.56 Uhr, am Frühstückstisch der Familie Langenfeld. Richard steht, seinen Toast in der Hand, über den Tisch gebeugt, auf dem der heutige Petershagener Bote ausgebreitet liegt. Edith befüllt die Trinkflaschen für die Schulkinder. Im Radio läuft leise eine Informationssendung.

Richard: Nein! (Er bricht in schallendes Gelächter aus.)

Edith: Was? (Kommt, vom Lachen angesteckt, zu ihm hin.)

Richard: Die „Vermeldungen“ von Maria Hilf! Wundersdorf haben einen Platz im NSU-Prozeß zugelost erhalten! (lacht weiter)

Edith: Gut, nach der Erfahrung wird Corinna vielleicht demnächst doch mal nachdenken , bevor sie im Ordinariat wieder von „Kirchenfaschisten“ daherschwadroniert.

Richard: Wieso Corinna?

Edith: Na, du glaubst doch nicht, daß sonst jemand aus dem „Redaktionsteam“ nach München reisen darf?

(Im Radio piepst es zu den 7-Uhr-Nachrichten)

Edith (in Richtung Kinderzimmer): Steht ihr jetzt mal auf? Haaalloooo!!! Aufwachen!

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf. Dort hat man ja Erfahrungen mit Verlosungen.  Und in Weimar wissen wir jetzt, daß es klug war, neben der FAZ auch die TLZ zu halten. Es kann nur eine TLZ geben, eine von 50 auf der weiten, weiten Welt… 😉

Ein Unwesen?

„Das Meß-Intentionswesen ist ein Un-Wesen!“ dieser vermeintlich flotte Spruch kann einem begegnen im Gespräch mit, ja, vorwiegend mit irgendwie „mittelalten“ Priestern (also weniger mit älteren und, erfreulicherweise, auch weniger mit jüngeren).

Als ich ihn das erste Mal gehört habe, war mir noch gar nicht so richtig klar, wie schlimm so eine Aussage eigentlich ist. Man ist ja auch erstmal verblüfft, wenn man so was aus geistlichem Munde hört.

Einmal ist eine solche Aussage geeignet, latent vorhandene anti-katholische Vorurteile über das „Erkaufen des Heils“ indirekt zu bestärken, dann nämlich, wenn damit der Aspekt des Meß-Stipendiums in den Blick genommen wird. Dabei ist ja ganz klar, daß eine Meß-Intention auf keinen Fall abgelehnt werden darf, bloß weil u.U. die üblicherweise damit verbundene Spende nicht erbracht werden kann (die übrigens ja auch in unseren Breiten jedenfalls der unmittelbaren Verfügung des annehmenden Priesters ohnehin entzogen ist). In Gegenden wie der unseren mit ihrer tendenziell protestantischen Prägung ist diese Seite der Angelegenheit gerade wichtig genug.

Noch viel problematischer wird die Sache aber dann, wenn man bedenkt, daß bei einer solchen Aussage die Gefahr besteht, daß ein ganz wesentliches Element der kirchlichen Überzeugung droht, ins praktische Abseits gestellt zu werden: Die Tatsache, daß wir in der Kirche der Gläubigen aller Zeiten mit eben diesen verbunden sind und bleiben! Daher formuliert der CIC in Can. 901 lakonisch: „Der Priester kann die Messe für jedermann, für Lebende wie für Verstorbene, applizieren.“

Warum ich das gerade heute schreibe? Nun, wir fühlen uns dem Hl. Papst Pius V., seinen großen politischen und innerkirchlichen Leistungen, besonders verbunden und heute ist sein Gedenktag.

Mehrfache Versuche, am 30. April zu seinen Ehren eine Messe zu bestellen, waren nicht recht erfolgreich, weder hier, noch in der Bischofsstadt.

Heute aber wird der Name dieses bedeutenden Heiligen auf unsere Bitte hin am Altar erklingen, wie es sich gehört, leider nicht durch einen Priester des Bistums Erfurt und auch die 15,71 € 😉 des Meßstipendiums sind nun eben „nach Norden“ geflossen, treue PuLa-Leser wissen schon wohin.

 

Hl. Pius V., bitte für die Kirche: Gegen ihre äußere Bedrängnis und für ihre innere Zucht!

Pius V., El Greco (Bild: Wkipedia)