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Das Wallfahrtslied

Der Meßbesuch 2/4
Ein Sketchlet zum zweiten Advent für fünf Schafe, zwei Lämmchen und jede Menge Schafstatisten

 

Wundersdorf, Schafweide. Während die Schafe am Gatter vergeblich auf den Nikolaus warteten, kamen aber immerhin Kohle, Wolle, Flocke, Blütenweiß, Grauchen, Fixi und Huf auf dem Pritschenwagen angefahren und konnte mit ihren Erzählungen ungewöhnlich gnadenreicher Erlebnisse den Rest der Herde ein wenig ablenken. Dabei kam man auf das Thema Liedgut zu sprechen – die gregorianischen Gesänge, was die Gemeinde alles mitsingt – und auf die deutschen Marienlieder, die natürlich auch im vetus ordo niemals fehlen. So kam das Gespräch auf „Maria durch ein Dornwald ging“, und unsere wißbegierigen Lämmchen warfen Kohles Tablet an …

 

Blütenweiß (schwärmerisch): „Maria durch ein Dornwald ging“ … Ich liebe dieses Lied! (Sie beginnt zu summen.)

Flocke: Es muß unglaublich alt sein, so wie es klingt.

Wolle: Und der Text!

Kohle (mit Kennertonfall): Fehlende Reime, identische Reime … typisch Volkston!

Grauchen: Hä?

Kohle: „Als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen.“ Erkennbar ein identischer Reim. Und in der ersten Strophe reimt gar nichts.

Grauchen: Ach so! Stimmt.

Flocke: Was dem Lied interessanterweise keinen Abbruch tut!

Huf (googelt herum, murmelnd): Es dürfte sich um eine der uralten Leisen  handeln …

Fixi (kramt ihr Wissen aus dem Kantorenkurs hervor): „Leisen“ sind mittelalterliche Kirchenlieder, deren Strophen auf „Kyrieleis“ enden … (sie singt) „Kyrieleeeeeisoooon“ – stimmt, Huf! Du hast Recht!

Huf (selbstbewußt): Die ältesten nicht-lateinischen liturgischen Gesänge. (Er googelt) Wir werden sehen … (er stutzt) Von wegen!!!

Grauchen: Was?

Huf (aufgeregt): Pustekuchen! Mitte 19. Jahrhundert!

Fixi: Ein Adventslied der katholischen Romantik?

Huf: Wallfahrtslied! Ein Wallfahrtslied aus dem Eichsfeld!

Flocke: Aus dem was?

Wolle: Wo ist das denn?

Kohle: Irgendwo in Mitteldeutschland …

Blütenweiß: Verstehe. „Wer hat’s erfunden“?

(Die Schafe lachen.)

Huf: Es verbreitete sich im wesentlichen erst im 20. Jahrhundert, durch die Wandervogelbewegung. Zupfgeigenhansl 1912.

Kohle (verblüfft): Aber es muß doch einfach älter sein!

Huf: Hier schreiben sie, möglicherweise wurden die ersten drei Strophen mit dem unregelmäßigen Versmaß den restlichen Strophen vorangestellt.

Fixi (schaut Huf über die Schulter und liest selbst): Welchen restlichen Strophen?

Flocke: Na, Strophe 4-7, die kennt man doch auch – sind nur nicht so schön. Eine Kurz-Katechese über Jesu Geburt, Namen, Taufe und Erlösungstat.

Wolle: Die Brücke zwischen Weihnachten und Ostern?

Flocke: Yep.

Kohle: Aber es kann unmöglich das erste Mal 1912 publiziert worden sein. Das glaub ich einfach nicht! Wenn es nicht richtig alt ist, ist es mindestens romantisch.

Huf: Du hast Recht, Kohle. Gut geschätzt. Das Lied wanderte aus dem Eichsfeld ins Paderbornische und wurde zuerst von August von Haxthausen in einer Liedersammlung aufgenommen, hier: „Geistliche Volkslieder mit ihren ursprünglichen Weisen gesammelt aus mündlicher Tradition und seltenen alten Gesangbüchern, herausgegeben von August von Haxthausen und Dietrich Bocholtz-Asseburg,  Paderborn 1850. Melodie anonym.

Blütenweiß: Und wer war das nun schon wieder? August von Haxthausen?

Huf: Ein Autorenkollektiv. Er unterhielt einen Kreis, dem auch die Brüder Grimm anghörten. Marianne von Willemer und Joseph von Görres.

Fixi (liest): Sie haben alle gesammelt und einer hat’s publiziert.

Huf: Ah! Da haben wir ja noch eine prominente Helferin: August von Haxthausen war der Onkel von …

Fixi und Huf (gemeinsam): ANNETTE VON DROSTE-HÜLSHOFF!

 

Ende

 

Cornelie Becker-Lamers

Sehr schön, Voces8 (bitte Werbung davor ignorieren/überspringen!):

Oder weniger ernsthaft (aber aus Mittel-Deutschland! 😉 ):

 

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