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Die Roratemesse, ein Sketchlet zum zweiten Advent

Die Roratemesse

Ein Sketchlet zum Zweiten Advent für mindestens fünf Schafe, drei Lämmchen,
einen Hütehund und eine Choralschola

 

Wundersdorf, Oderbruch. Es ist pechschwarze, mondlose Nacht. Die Sterne funkeln über den rauhreifüberzogenen Feldern, sonst herrscht tiefe Dunkelheit über den hügellosen Weiten des Urstromtals.

Noch finsterer ist es unter dem dichten Geäst der märkischen Kiefern. Doch was ist das? Da irrlichtern doch irgendwelche Leuchtpunkte umher. Rascheln und trapsen hört man es auch. Moment – das ist doch – das gibt’s doch gar nicht! Aber klar. Das sind die Schafe. Kohle geht, eine Art Grubenlampe um die Hörner geschnallt, vorweg, und auch Flocke und Grauchen haben sich diverse Stirnlampen umgebunden. Im Wortsinne das Schlußlicht bildet Tatze, der Hütehund, der hinter der Herde hergeht und aufpaßt, daß alle zusammen bleiben und keines der Tiere sich im Dunkeln verläuft.

Vorsichtig traben sie den Waldweg entlang – und jetzt beginnt jemand zu singen. Das müssen Fixi und Huf sein. Klar, jetzt hört man es ganz deutlich.

 

Fixi (singt): Zwei kleine Wölfe gehen des Nachts im Dunkeln,/ man hört den einen zu dem andern munkeln …

Blütenweiß (besorgt für sich): Diese Verniedlichung von Wölfen gefällt mir ja eigentlich gar nicht…, sie sind wirklich gefährlich!

Huf überhört Blütenweiß‘ Einwurf und fällt in das Lied, das eigentlich ein Kanon ist, ein. Bald singen auch Wolle und Flocke mit. Dum – badum – badum – badumbadum – badum … Nach einer Weile verstummt der Kanon, aber die Schafe haben es immerhin schon wieder aufs freie Feld und bis zum Stobber geschafft. Gleich muß die Nikolauskapelle kommen, in der der neue Pfarrer heute früh eine adventliche Roratemesse abhalten will.

Fixi (mault): Tante Flocke, wann sind wir da-a?

Huf (jammert): Es ist so lausig kalt!

Fixi: Bei dem Wetter jagt man keinen Hund vor die Tür!

Tatze: Wem sagst du das?!

Flocke: Es dauert nicht mehr lange, Lämmchen – und ihr werdet sehen, es hat sich hundertprozentig gelohnt, das verspreche ich euch!

Kohle (mit Erziehungsgewalt): Einmal in seinem Leben muß man eine Roratemesse mitgemacht haben – und ihr seid jetzt alt genug!

Fixi (diskutiert): Aber muß es früh um 6 Uhr sein? (Sie hustet möglichst wirkungsvoll.)

Huf: Um 7 ist es im Advent doch immer noch dunkel.

Fixi: Und ohne Frühstück!

Flocke: Frühstück gibt’s nach der Messe mit allen gemeinsam.

Huf (mault weiter): Wenn wir wenigstens den Pritschenwagen noch hätten …

Fixi: Genau! Der hätte uns abholen können.

Kohle: Das ist wieder eine andere Geschichte – aber wenn ich unseren Ruhestandshirten neulich richtig verstanden habe …

Fixi (elektrisiert): Bekommen wir wieder einen?

Huf (neugierig): Klappt das mit der alten Karre von Jabba?

Fixi: Dann könnten wir ja endlich unsere Wallfahrt nach Neuzelle machen?!

Kohle: Also – mal langsam! Noch ist das Gefährt nicht auf der Weide!

Grauchen: Aber das mit Neuzelle muß jetzt sowieso über kurz oder lang einmal klappen! Und wenn wir mit dem Zug fahren …

Blütenweiß (ungewöhnlich selbstbewußt): Ja, das finde ich auch! Jetzt, wo das Stift Heiligenkreuz das Kloster wieder zum Leben erweckt!

Wolle: Das ist großartig!

Über das Sprechen ist die Zeit schnell vergangen. So ist es den Schafen gar nicht aufgefallen, daß sie die Kapelle schon erreicht haben.

Flocke: Da ist ja schon die Kapelle!

Die Herde trabt auf die Eingangsstufen zu, aus der bereits wunderschöner gregorianischer Gesang zu hören ist.

Fixi: Sind die Mönche aus Heiligenkreuz schon da?

Wolle: Keine Ahnung! Klingt beinahe so.

Flocke: Ich glaube, die Choralschola von Wundersdorf kann sowas auch.

Grauchen: Wir gucken mal!

Sie betreten die Kapelle, die nur von einigen Kerzen im Altarraum erleuchtet ist. Der Kirchenraum, die Dunkelheit, das weiche Licht der Kerzen, der a-capella-Gesang … all das ist einfach umwerfend.

Fixi (bleibt andächtig stehen): Ooooh! Das ist ja wunderschön!!!

Huf: Dabei proben sie erst noch.

Die Herde sammelt sich im Altarraum. Der Gesang war wirklich nur das Einsingen. Bald geht die Messe los, die Schafe hören eine Geschichte aus dem Evangelium, sie singen und beten zusammen und hören die Gesänge der Tagesliturgie. Nach der Messe besuchen sie noch die Marienfigur und beten ein Salve Regina davor. Dann bummelt die Herde nach draußen, wo auf dem Grundstück um die Kapelle herum eine kleine Weide abgesteckt ist. Ein kleiner Unterstand ist für das Frühstück zurechtgemacht. Fixi und Huf grasen an der Seite eines Lämmchens, das sie noch nie gesehen haben.

Fixi: Guten Morgen! Ich heiße Fixi.

Das fremde Lämmchen: Guten Morgen! Ich bin Xenia.

Huf: Hallo, Xenia. Ich bin Huf. Woher kommst du?

Xenia: Ich komme aus Griechenland.

Fixi: Bist du alleine hier?

Xenia: Nein, meine Tante ist dabei. Sie ist dort drüben. (Sie zeigt mit der Schnauze Richtung Sonnenaufgang.)

Huf (um etwas zu sagen): Und? Freust du dich auch schon auf übermorgen?

Xenia: Übermorgen? Nein, wieso?

Fixi: Na, da ist doch Nikolaustag.

Xenia: Ah!

Huf: Und da bekommt man doch Geschenke …

Xenia: Geschenke? Ich bekomme keine Geschenke zu Nikolaus.

 

Fortsetzung folgt (übermorgen)

Cornelie Becker-Lamers

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf! Das Gute an Wundersdorf ist nämlich, daß es so bedeutend ist, daß sich dort Geschöpfe aus aller Herren Länder tummeln, aber zugleich so klein, daß sich viele davon in der katholischen Gemeinde wiederfinden, auch wenn sie eigentlich einer z.B. orthodoxen Glaubensrichtung angehören. So lernen auch Fixi und Huf immer wieder fremde Bräuche kennen. So auch jetzt die Besonderheit des griechischen Geschenkfestes, das nicht auf dem Nikolaustag liegt. Aber wann Xenia es feiert und welche Aufregung unter den Schafen ihre Antwort zunächst einmal auslöst, davon lesen Sie übermorgen.

2 Trackbacks/Pingbacks

  1. […] samt Tante Euterpe. Die nüchterne Auskunft der äußerst gefaßten Xenia, sie bekomme zu Nikolaus keine Geschenke, hatte Fixi und Huf bis ins Mark erschüttert. Hatten sie doch bisher immer nur davon gehört, es […]

  2. Pulchra ut Luna › Das Lichterfest on Donnerstag, 13. Dezember 2018 um 17:10

    […] auf den Kopf gesetzt haben. (Lucia wäre demnach so ganz nebenbei auch noch die Erfinderin der Grubenlampe, bzw. Stirnlampe. 😉 […]

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