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Der Weihnachtsmann

Ein Sketchlet zum Sankt Nikolaustag

Wundersdorf, Oderbruch. Edith und ihre Tochter Teresa kommen gerade, die eigenen Schrubber geschultert, durch das Hauptportal in der Kirche an, um zu ihrem heute wieder einmal dienstfertigen Putztrupp hinzuzustoßen, als ein ohrenbetäubendes Rumpeln und ein einmaliger Plumps sie in der Bewegung erstarren läßt. Helene, Ines und ihr Sohn Reimer, offenbar schon mit den Vorbereitungen beschäftigt, stecken jetzt auch verwundert die Köpfe aus der Sakristeitür. Gemeinsam gehen sie dem Geräusch nach. Ines sperrt die nurmehr als Lager genutzte ehemalige Taufkapelle auf und – vor einem alten ausgedienten Kamin sitzt ein beleibter älterer Herr in rotem Mantel mit weißem Pelzbesatz. Das heißt – der Besatz war wohl einmal weiß. Durch die Aktion im Kamin ist er ein bißchen … naja, sagen wir: Er sieht jetzt eher aus wie Hermelin.

Der ältere Herr rappelt sich hoch und macht vor den Frauen einen höflichen Diener. Aha! Ein Mann alter Schule. Wie schön, daß man sowas auch nochmal sieht. Ines lächelt.

Der Herr: Guten Tag, die Damen (zu dem kleinen Reimer) Guten Tag, der Herr. Ich bin der Weihnachtsmann. (In die Stille des Erstaunens hinein) Bis Montag dachte ich ja noch, ich müßte in Erfurt als Mohrings Plan B den Kandidaten für den nächsten Landtagspräsidenten abgeben – aber das hat sich ja nun geklärt. (Er klopft sich ein wenig Ruß aus dem Mantel.)

Reimer (zu seiner Mutter gewandt): Was für ein Mohr?

Helene: Und warum sind Sie nicht der Nikolaus?

Der Weihnachtsmann: Weil der Herr Bischof sich zu fein für solche Kaminaktionen ist. Dabei war das mit dem heimlichen Schenken einmal seine Idee. Aber damals war er halt auch noch um einiges jünger! Wie dem auch sei – ich gehe ihm doch gern zur Hand!

Teresa (patzig): Wir sind hier aber Weihnachtsmannfreie Zone. Sie können hier nicht bleiben!

Der Weihnachtsmann (lächelt wissend): Ah! Also doch! Ich hab schon gehört, daß es mit der Ausschließeritis hier immer noch nicht so ganz vorbei ist. Ein Jammer! Ein Jammer um die schöne Gemeinde! (Er schüttelt den Kopf.)

Helene: Lenken Sie nicht ab!

Edith (will vermitteln): Womit können wir dienen?

Der Weihnachtsmann (nun doch belustigt): Sie mir dienen? Ich bin gekommen, um Sie zu beschenken!

Teresa: Wirklich???!

Der Weihnachtsmann: Aber selbstverständlich, Frollein Jungefrau! Seit der Nikolaus auch in den evangelischen Gemeinden wieder einen besseren Stand hat, teilen wir uns die Arbeit wieder etwas gerechter auf. (Er zieht einen vollen Sack aus dem Kamin und knüpft den Verschluß auf.)

Ines: Na – jetzt bin ich gespannt!

Umständlich, aber durchaus mit Gespür für Spannungssteigerung kramt der Weihnachtsmann sein Geschenk aus dem Sack. Und mit einigem Aplomb präsentiert er es der erwartungsvollen Gruppe: Es sind die drei goldenen Kugeln des Nikolaus!

Alle (durcheinander): Wahnsinn! – Ich glaub’s nicht! – Das kann doch nicht wahr sein! –Gold?

Der Weihnachtsmann: Das bitte ich Sie gerecht aufzuteilen unter allen, die hier die Kirche putzen! (Er hält ihnen die Kugeln hin.)

Die Frauen blicken sich verblüfft an.

Edith (nach einer Schrecksekunde): Oh! Das wird schwierig!

Der Weihnachtsmann: Was soll daran schwierig sein? Sie teilen einfach!

Helene: Jaja – selbstverständlich!

Ines (verlegen): Wir – äh – wir wissen nur nicht, mit wem …

Der Weihnachtsmann (poltert los): Na, nun muß ich aber doch mal schimpfen! Sie werden doch wissen, wer hier außen Ihnen sauber macht?

Die drei Frauen: Nein.

Edith: Nein, das wissen wir leider nicht.

Ines: Um nicht zu sagen: Das wüßten wir auch gern!

Helene: Aber so oft wir darum bitten, daß es mal ein Treffen gibt, bei dem man sich auch über die Arbeit …

Ines: … und das Werkzeug!!! …

Helene: … und das Werkzeug hier abstimmen könnte, wird das Thema heruntergespielt und wir werden abgewimmelt.

Ines: Manche andern Ehrenamtler machen sich sogar lustig, daß man sich überhaupt darüber Gedanken macht.

Edith: Dabei ist es ein Handwerk wie andere auch.

Der Weihnachtsmann: Drücken Sie solche blöden Bemerkungen in den Skat. Machos gibt’s überall!

Edith (für sich): Wenn im Skat nicht schon so viele Karten lägen, daß es bald zum Spielen nicht mehr reicht …

Ines: Das Problem scheint tatsächlich zu sein, daß man die Arbeit hier … ein wenig … also man hält sie vielleicht auf der Entscheidungsebene für zu selbstverständlich …

Helene: … oder denkt, das läuft schon …

Edith: … so etwa, wie daß Kinder ja auch nebenbei groß werden …

Ines: Jedenfalls ist bei den jährlichen Treffen der Gruppenleiter nie eine verantwortliche Person fürs Putzen dabei.

Helene: Und so sieht der Vorrat an Werkzeug dann halt auch aus.

Edith: Oder der Staubsaugerbeutel …

Teresa: … wenn es einen gibt.

Der Weihnachtsmann: Ou, ou, ou … das hört sich ja gar nicht gut an! (Er strafft sich; vernehmlich) Meine Damen! Hiermit beauftrage ich Sie kraft meines Amtes, sich um ein Treffen aller Putzgruppen zu kümmern und die goldenen Kugeln zur Beschaffung sinnvollen und ergonomischen Werkzeugs einzusetzen. Denken Sie daran: Hauswirtschaft ist Herrschaftswissen – das können Sie allen um die Ohren hauen, die sich nochmal übers Putzen lustig machen. Die Wohnung des Herrn kann nicht schön genug glänzen! Bis es Roboter gibt, die die Kirche sauber halten, wird noch einiges Wasser die Elbe herunterfließen. Ihre Arbeit ist unersetzlich! (Er blickt die Frauen ernsthaft an und scheint um einiges größer geworden zu sein.)

Ines (blickt ehrfürchtig zum Weihnachtsmann auf): Das haben Sie aber schön gesagt!

Helene (ebenso): Wir werden alles genau so machen, wie Sie es aufgetragen haben!

Der Weihnachtsmann (wieder kleiner geworden, freundlich): Das freut mich! (Er wendet sich zum Gehen – das heißt, zum Davonfliegen …)

Reimer (leise und spöttisch): „Hauswirtschaft ist Herrschaftswissen!“ Schwachsinn!

Der Weihnachtsmann (wendet sich noch einmal um): Und der junge Herr kümmert sich mal um die Etymologie des Wortes „Lady“. Bis nächstes Jahr! Und bestimmt! Ich frage nach! (Er verschwindet mit einem schnurpsenden Saugen durch den Kamin.)

Ines (muß sich gegen den Sog stemmen): Was war das denn jetzt? (Sie streicht dem erschrockenen Reimer über den Kopf.)

Edith: Also mir ist ja hier in Wundersdorf schon einiges untergekommen – aber sowas …

Helene (faßt sich an die Stirn): Ich glaube, ich träume!

Teresa: Die Kugeln liegen da aber (Sie versucht, eine anzuheben) Uff! Ist die schwer!

Ines: Hm! Gold wiegt!

Helene: Scheint echt zu sein.

Edith (unschlüssig): Und? Was machen wir jetzt?

Ines: Was wir jetzt machen? Jetzt machen wir uns auf die Suche nach allen Teilnehmern und Teilnehmerinnen der Putzgruppen unserer Pfarrei – ganz einfach! Bei diesem resoluten Herrn da bin ich nicht sicher, ob er nicht sonst nächstes Jahr mit einer Rute durch den Kamin gerauscht kommt! (Sie lüpft die Augenbrauen – und wie auf Bestellung dröhnt als letzter Gruß – oder als Warnung – ein sonores „hohohoooo!“ durch den Kaminschacht.)

Edith: Und? Was sagen wir, wer uns autorisiert hat?

Ines: Keine Ahnung! – Der Weihnachtsmann?

Edith: Sehr witzig! – Du weißt, wie schwierig das mit Ehrenamtlern untereinander ist …

Helene: Könnten wir das nicht beim Kaffee besprechen? Ich brauch jetzt erstmal einen Kaffee! Wer kommt mit zu Avi?

Ines (sucht den Taufkapellenschlüssel an ihrem Schlüsselbund und steckt ihn ins Schloß): Wir alle! Raus mit euch! Das haben wir uns jetzt wirklich verdient! „Gearbeitet ist dann schnell“, wie Lutz zu sagen pflegte (sie lacht).

Teresa: Eben! Und leisten können wir es uns jetzt auch (sie schaut nach den drei goldenen Kugeln.)

Edith: Die tasten wir erstmal nicht an! Die sind zunächst einmal für ordentliches Werkzeug, das wir in Absprache mit allen Beteiligten anschaffen werden.

Helene: Eigentlich abenteuerlich, daß man für so eine Aktion auf den Weihnachtsmann warten muß!

ENDE

Cornelie Becker-Lamers

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