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Der BDKJotnik 1/2

Eine 72-Stunden-Aktion des
Bundes der Deutschen Katholischen Jugend…

So etwas werde es in Zukunft nicht mehr geben, hieß es unlängst genervt aus der Chefetage unserer Pfarrei. Kopfschütteln. „Wenn keiner Interesse hat…“. Gemeint war die 72-Stunden-Aktion, zu der der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) im Sommer 2018 wieder einmal aufgerufen hatte.

Nun ist diese 72-Stunden-Aktion aber mit dem Bambi 2019 ausgezeichnet worden. In der Kategorie „Unsere Zukunft“. Wir nehmen diese Auszeichnung zum Anlaß, vorliegenden Text doch noch zu posten. Er ist seit Juni fertig und wurde schon mehrfach überarbeitet, denn je mehr ich über Hintergründe des Projektes in unserer Pfarrei erfuhr, desto weniger mochte ich eine einfache, beschreibende Würdigung der geleisteten Arbeit publizieren. Es war einfach zu symptomatisch.

Freilich kann man sowohl über die Bambi-Preisverleihung insgesamt und die eine oder andere Juryentscheidung im besonderen, als auch über den gesamten BDKJ ziemlich geteilter Meinung sein. Auf Twitter beispielsweise war deshalb ja einiges los. Man kann sich fragen, warum ein Projekt, das sich an Jugendliche richtet, mit einem so unansehnlichen, vor allem aber so infantilen Maskottchen für sich werben muß. Will man da mal wieder „niemanden ausschließen“ und übersieht, daß genau diese Infantilität und ihr Firlefanz selbstverständlich gerade potentielle InteressentInnen abschreckt? (Wer einen Kopf zwischen den Ohren hat, tippt sich angesichts solcher Figuren doch an die Stirn! Auch wenn er oder sie dann trotzdem mitmacht. Oder?!)

Ich weiß es nicht, und es soll heute nicht unser Thema sein. Wichtig scheint mir, daß da ein Verband der katholischen Kirche ausnahmsweise einmal mit einer positiven Nachricht Schlagzeilen macht – und allein das sollte Grund genug sein, über die möglichen Ursachen des in der Tat in Herz Jesu Weimar zu konstatierenden jugendlichen Desinteresses an der diesjährigen Aktion ein wenig genauer nachzudenken. Vielleicht finden sich ja Gründe in Mißständen, die wir in den kommenden mindestens drei Jahren bis zum nächsten Projekt aus eigener Kraft beheben können.

Hintergrund 1: Allgemeines

72-Stunden-Aktionen sind ausgesprochen selten. 2001 in Freiburg erfunden, war das Bistum Erfurt 2009 erstmals eingebunden. Auch Weimar beteiligte sich damals an dem Projekt, bei dem die örtliche Pfarrjugend sich drei Tage lang einem ökologischen, interreligiösen, internationalen oder intergenerationellen sozialen Projekt in der Stadt zuwenden soll:

Die Projekte sollen einen direkten Bezug zur Umgebung haben oder international ausgerichtet sein: Mit der 72-Stunden-Aktion wollen wir Mißstände im direkten sozialen Umfeld beseitigen. Wir setzen also nur Projekte für andere um. Neben dem unmittelbaren lokalen Bezug ist es auch möglich, Projekte im Rahmen einer internationalen Partnerschaft durchzuführen. […] Wichtig ist allerdings zu beachten, daß die Aktionsgruppen der Aktion keine günstigen Arbeitskräfte sind! Wir wollen uns gemeinsam mit anderen für andere einsetzen und nicht alte Mauern sanieren, weil das Geld für Bauprofis fehlt.

, wie im Juni 2019 noch auf der Homepage der Aktion zu lesen war. Mittlerweile ist dort die Richtlinie auf den Hinweis „Wichtig ist der gemeinsame Einsatz für andere oder mit anderen“ abgeschwächt. Geblieben ist (vgl. ebd.) die Altersspanne von 9 bis 27 Jahren, an die sich die Aktion richtet und die Ausrichtung auf ein außergemeindliches soziales Umfeld.

Unsere 2009 unter der wöchentlichen, abwechslungsreichen und auch intellektuell anspruchsvollen Betreuung von Kaplan Samietz recht zahlreiche Pfarrjugend (eine große Ministrantengruppe traf sich damals auch noch wöchentlich) nahm sich bei diesem ersten Einsatz des Spielplatzes am Zeughaus in Weimar an und tauschte den kompletten Sand des tags und nachts auch von anderen Gruppen genutzten und daher immer wieder – welche Mutter wüßte es nicht! – mit Zigarettenkippen oder zerschlagenen Bierflaschen verunreinigten Platzes aus. 2013 folgte die nächste Aktion und stieß in Weimar bereits auf schwierige Verhältnisse. Ein Betreuerwechsel im Jahr 2010 hatte Pfarrjugend und Meßdienerstunden einschlafen lassen. Die BDKJ-Aktion, so erzählte mir unser zuständiger Gemeindereferent, bestand damals aus gemeinsamem Basteln und einem Basar. 2016 wurde vom BDKJ eine weitere 72-Stunden-Aktion für das Jahr 2019 beschlossen und vorbereitet: das nun ausgezeichnete Projekt „Uns schickt der Himmel.“

Hintergrund 2: Spezielles

Obwohl der BDKJ das Projekt bereits 2016 beschlossen und soweit vorbereitet hatte, daß man schon Mitte Dezember die unverzichtbaren T-Shirts bestellen , war die Aktion nicht Thema der letzten Ehrenamtlichenrunde im November 2018. Auch im Weihnachtspfarrbrief 2018 fand sie keine Erwähnung, denn, wie dann dem Sommerpfarrbrief 2019 (S. 6) zu entnehmen war, das Pfarrteam (oder wer auch immer – „wir“ steht da) entschied sich im Januar 2019 zu einer Beteiligung am bundesweiten Projekt. Man wollte die Aktion zum Anlaß nehmen, den eigenen Pfarrgarten zu verschönern: auf dem Bolzplatz Kies gegen Sand auszutauschen, den Sandkasten auf dem Pfarrgelände zu reinigen und ein bißchen Farbe auf den Zaun zu bringen.

Malerarbeiten während der diesjährigen 72-Stunden-Aktion. Der Zaun des Pfarrgeländes von der Mozartstraße aus gesehen (eigenes Bild)

Von innen ist der Zaun seither mit Häusern bemalt – der filmische Rückblick gewährt bei Minute 1:17 bis 1:20 einen kurzen Blick darauf.

Aber wer hat denn nun die Arbeit getan? Der Gemeindereferent, dem die Jugendarbeit obliegt und der folgerichtig im Pfarrbrief von der Aktion berichtet, spricht von „Dämpfern“, die der Entscheidung folgten und überlegt, ob vielleicht der Zeitgeist verantwortlich dafür sei, daß „sich fast niemand“ festlegen und seine Mitarbeit zusagen wollte.

Zum Zeitgeist haben wir uns unlängst geäußert und es stellt sich die Frage, wen der Verantwortliche eigentlich angesprochen hat, da die von ihm geleitete Pfarrjugend im Mai 2019 im wesentlichen aus drei Abiturientinnen bestand. Die Leiter anderer Jugendlichen-Gruppen (soweit ich sehe, sind das neben den ebenfalls von ihm betreuten Pfadfindern derzeit nur die Cäcilini) jedenfalls nicht. Ich habe erst wenige Tage vor Startschuß von der Aktion erfahren. Wie ebenfalls unlängst an dieser Stelle skizziert, überläßt man unser Gemeindeleben seit Jahren dem Prinzip: Einer telefoniert die Kinder der Freunde und die Freunde der Kinder zusammen. Durch die Altersstruktur der Familienkreise, auf die unser Gemeindereferent rekurrieren kann, trägt diese Taktik in unserer Pfarrei derzeit nicht viele Früchte, sondern eben die beklagten „Dämpfer“ ein. Allerdings gehört er zweifellos selber zu denjenigen, die an dieser Situation etwas ändern und Menschen über die üblichen WWF (die „Winzigen Weimarer Freundeskreise“) hinaus für aktuellen und zukünftigen Bedarf vernetzen könnten. Es geschieht aber nicht, weder generell noch themenbezogen noch altersgruppenbezogen noch veranstaltungsbezogen. Einfach nein. Man läßt es laufen. Und so rinnen einem auf die Dauer die Ehrenamtlichen eben durch die Finger wie der Spielkistensand, den sie hätten austauschen sollen.

Aber: Wenn es praktisch keine Pfarrjugend und sonst nur „Dämpfer“ gibt – hätten wir für ein 72-Stunden-Projekt 2019 nicht trotzdem noch etwas in der gewünschten Altersklasse der 9-27jährigen vorrätig gehabt? Doch – na klar! Die Firmbewerber und Firmbewerberinnen. Durch den späten Firmtermin Ende Oktober kamen die Firmlinge 2019 erst seit Februar wöchentlich zu festen Zeiten zusammen. Dennoch sucht man einen Hinweis auf die 72-Stunden-Aktion auch im Firmkursplan vergeblich. In den Sitzungen hat ebenfalls niemand Werbung gemacht. Und das war ungeschickt, denn so eine Gruppe erzeugt nicht nur überhaupt die Lust, dabei zu sein, sondern auch soziale Verbindlichkeiten (den berühmten „Gruppendruck“ im positiven Sinne), die ohne den Bestand einer Gruppe, mit einzelnen Mails und Telefonaten (wie sie zehn Tage vor Startschuß seitens noch eilends ins Boot geholter Mitverantwortlicher erfolgten) schlechterdings nicht herzustellen sind. Denn niemand läßt sich gerne eilends, wenn es erkennbar schon fünf vor zwölf ist, als Lückenbüßer vors Loch schieben. Das Einfordern kostenloser Arbeit – ja, schon deren Annahme – bei gleichzeitiger Mißachtung derer, die sie leisten (und das ist der Ist-Zustand hier in der Pfarrei) hat nichts mit Ehrenamt zu tun. Das ist Ausbeutung. Und solche Strukturen spüren Jugendliche schneller als irgendjemand sonst.

Deshalb scheinen sie desinteressiert. Nur deshalb.

Teil 2 folgt morgen

Cornelie Becker-Lamers

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