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Willkommenskultur und Beheimatung (1/2)

Über Familienkreise

Am 9. April 2019 stellten Diana Hellwig und Nele Heyse im Obergeschoß der Weimarer Eckermannbuchhandlung ihre soeben in der Edition Muschelkalk erschienen Gedicht- und Erzählungsbände vor. Nachdem beide Frauen einige Textpassagen vorgetragen hatten, begann die Gesprächsrunde, in der die Autorinnen von ihrer Motivation und den Hintergründen des Geschriebenen berichteten. Die in Weimar aufgewachsene Nele (eigentlich Cornelia) Heyse, deren Geschichten von biographischen Bezügen leben, erzählte dabei von ihrer Schulzeit in Weimar und ihrem erfolgreich umgesetzten Berufswunsch Schauspielerin. Dieser Berufswunsch gibt vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Entwicklung auch tatsächlich eine gute Story ab, denn als Kind hatte Cornelia Heyse einen Sprachfehler. Sie stotterte.

Sie stottert – und dann: Schauspielerin! Beiläufig erwähnt sie die Sprachheiloberschule, die sie besucht hat, um dann weiter auszuholen: Wie stellt Nele Heyse es an, mit ihrem Sprachfehler doch irgendwie Kontakt zum Schauspiel zu bekommen?

„Die katholische Gemeinde hatte eine Theatergruppe“, sagt sie, „mit denen habe ich Kontakt aufgenommen. Ich sitze senkrecht auf meinem Stuhl. Wie war das? Die katholische Gemeinde Weimar, meine Gemeinde, die seit Jahren zu wöchentlichen Treffen keine fünf Kinder oder Jugendlichen mobilisiert, hatte eine Theatergruppe? Und eine Theatergruppe mit einer solchen Ausstrahlung, daß Schülerinnen, die gar nicht zur Gemeinde gehörten, nicht nur von ihr wußten, sondern auch von ihr angelockt wurden?

Uff!

Ich lehnte mich wieder an, allerdings ohne mich auch innerlich zurückzulehnen. Vielmehr überlegte ich. Was war geschehen … Die Wende. Klar. Kirche als Schutzraum überflüssig. ‚Zeitgeist‘. Die Jugend angeblich nicht mehr interessiert. Geschenkt! (Trifft doch in der Kirche wie in kaum einem anderen Lebensbereich der schöne Spruch zu, den unser Weimarer Mitbürger Johann Wolfgang Goethe die Dramenfigur Heinrich Faust zu seinem Famulus Wagner sagen läßt: Was man den Geist der Zeiten heißt, ist meist der Herren eig’ner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln, vgl. Faust I, V. 577-79). Denn mit der Wende zogen (und ziehen weiterhin) viele junge Familien zu – aus Sachsen und Sachsen-Anhalt, aber auch aus dem Rheinland, Westfalen und Bayern und damit aus Gegenden, in denen das Katholischsein der Normalfall nomaale Jlaube, wie der Rheinländer sagt – ist. Arbeitsplatzbedingt außerdem Leute mit überdurchschnittlich viel sogenanntem kulturellen Kapital, das sie gerne in ihre ehrenamtlichen Dienste einspeisen. Und die mit Elan ehrenamtlich bis an die Grenzen ihrer Kräfte gehen, weil sie – eigentlich ganz richtig – in der Pfarrgemeinde den Fixpunkt in einer doch bitte noch während der Schulzeit ihrer Kinder neu zu erringenden Heimat vermuten: Denn wo gibt es sonst eine Gemeinschaft, in der nicht (wie im Sport) nach Männlein und Weiblein oder (wie in Laienorchestern und -chören) nach groß, klein und noch kleiner auseinandersortiert wird? Auch aus dem Kreis der beruflichen Kollegen scheidet man mit Mitte 60 aus, so daß die Kirchgemeinde tatsächlich der Ort ist, in der die gesamte Familie, jede und jeder Einzelne, „von der Wiege bis zur Bahre“ aufgehoben und zu Hause ist. Die Kirchgemeinde ist in Städten daher so etwas wie das sprichwörtliche ganze Dorf, von dem es heißt, man brauche es, um ein Kind großzuziehen. Daher engagieren sich in den Familie, die in der Kirche den Ausgangspunkt zur Beheimatung in einer neuen Umgebung suchen, auch die Kinder selbstverständlich mit in der Pfarrei. ‚Zeitgeist‘ hin oder her.

Aber während Heimat einem zuwächst, muß Beheimatung zugestanden werden. Zugestanden und – wir hören das seit Jahren aus dem weltlichen gesellschaftlichen Umfeld – in einer Willkommenskultur organisiert.

Wie geht das: Beheimatung?

Zu DDR-Zeiten und teilweise noch in den 90er Jahren geschah die Beheimatung junger Familien in den örtlichen Pfarrgemeinden hierzulande über die Gründung von sogenannten Familienkreisen. Ich kannte das aus Rheinland-Pfalz nicht und habe dieses Modell vor knapp 20 Jahren in der Erfurter Domgemeinde (zu der ich mich durch meine Mitgliedschaft im Dombergchor, welche wiederum auf der Empfehlung eines Freundes beruhte, zugehörig fühlte) erstmals kennen gelernt. Der damalige sehr rührige Dompfarrer ging auf junge Ehepaare mit Kinderwägen zu, die er als regelmäßige Meßbesucher ausgemacht hatte, und lud sie in Familienkreise ein. Man traf sich (um das für diejenigen unter unseren Lesern, die dieses System gemeindlicher ‚Kundenbindung‘ ebenfalls nicht kennen, kurz zu skizzieren) monatlich reihum in den privaten Wohnungen, was neben den eigentlichen Treffen meist zu einer telefonischen Kontaktaufnahme im Vorfeld des betreffenden Abends führte. Im Idealfall bereitete die zuständige Familie ein Thema vor. Ich weiß noch, daß ich einmal über die Geschichte der deutschen Bibelübersetzungen, insbesondere der Vater-Unser-Übersetzungen inklusive dem gotischen „Atta unsarerzählt habe. Der Dompfarrer war bei jedem der Abende dabei (eine beachtliche Leistung, denn er leitete nicht nur diesen einen Familienkreis, unterrichtete damals m.W. das Fach Religion an der Edith-Stein-Schule und hatte als Pfarrer ja sowieso zu tun). Wenn eine Familie den Abend nicht hatte thematisch vorbereiten können, sprang er selber ein, hielt einen Diavortrag über das Grabtuch von Turin oder schleppte junge Pater an, die beispielsweise über Inkulturation in Geschichte und Gegenwart berichteten. Hatte ich mich anfangs gefragt, was ich in diesem Kreis von West-Juristen eigentlich sollte (ich hatte in Erfurt von Beginn an ‚Ost‘Kollegen und -Freunde und fühlte mich als Kind von DDR-Flüchtlingen ja ohnehin nicht als Voll-Wessi), so stellte ich rasch fest, daß diese Form eines organisierten Kontakts sich als unerwartet tragfähig erwies. Es entstand eine Art positiven sozialen Drucks, der die Teilnahme an gemeinsamen Unternehmungen selbstverständlich machte. Sogar als eine der Mütter für den 27. September 2015, als wir längst nach Weimar gezogen und aus diesem Kreis ausgeschieden waren und der Kreis selber sich inzwischen aufgelöst hatte, ein Wiedersehenstreffen in der Hohen Lilie am Domplatz organisierte, waren etliche auch Ehemalige erschienen. Das Gefühl, hier einfach Kontakte zu haben, dazuzugehören und nicht aussortiert werden zu können, zeigte mir, daß durch die äußere Form „Familienkreis“ eine Art innerer Zugehörigkeit erreicht werden kann.

Teil 2 folgt morgen

Cornelie Becker-Lamers

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