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Ja, Chorkleidung! (2/4)

Zugehörigkeit und Ausstrahlung

Im vorangegangenen Text haben wir über das Bemühen der Kirche gesprochen, die Unternehmensstrategie des Corporate Design und der Corporate Identity auf Ehrenamtliche und Gruppen der Pfarreien zu übertragen.

Und so ist denn auch die Idee der anlaßbezogen bedruckten T-Shirts längst im kirchlichen Leben angekommen. Keine Ministrantenwallfahrt, keine 72-Stunden-Aktion des BDKJ, kein pueri-cantores-Fest, in dem man seitens der kirchlichen Veranstalter nicht mit den weltlichen Gruppen von Benefixlauf, Stadtlauf, Grundschul-Abschieds-T-Shirt 4. Klasse (und was dergleichen Anlässe mehr sind) Kleidungsstücke, Basecaps oder Tücher um die Wette druckt. Erfahrungsgemäß – und auch damit kalkulieren die Veranstalter längst – schreckt es niemanden von der Teilnahme ab, wenn die Kosten dabei auf die einzelnen Teilnehmenden umgelegt bzw. die Preise der T-Shirts kommentarlos bekanntgegeben werden. (Im Falle der letzten 72-Stunden-Aktion immerhin 20 Euro pro Nase.)

Identität und Erinnern: bedruckte Sachen als Souvenirs vom pueri cantores-Fest 2018, der Ministrantenwallfahrt nach Rom, von der Jugend im Bistum Erfurt, vom Papstbesuch 2011 und vom Elisabethjahr 2007 als Auswahl dessen, was sich in unserem Haushalt über die Jahre angesammelt hat (die weltlichen Pendants an bedruckten T-Shirts hier nicht im Bild; eigenes Bild)

Das „Benedikts Schäfchen“ war eine ganze Weile das Sport-T-Shirt meiner Tochter. Da sie es bewußt und mit Stolz trug, dürfte es mit dafür verantwortlich sein, daß man sie in der Schulklasse mit ihrem katholischen Glauben identifiziert und bis in den Sozialkundeunterricht hinein in allen Fragen rund um Kirche um ihre Meinung bittet.
Also: „works as advertised“ – will sagen: Die Corporate Identity, die sogar noch in dem „Benedikts-Schäfchen“-T-Shirt steckt, bewirkt im konkreten Fall – wenn auch nicht allein – tatsächlich das Identifikationsangebot, das Gefühl der Zugehörigkeit, die ‚Kundenbindung‘, das persönliches Einstehen und die positive Ausstrahlung, die wir im gestrigen Text zusammenfassend postuliert haben. Im Bistum weiß man das alles. Beim Papstbesuch überließ man daher nichts, aber auch gar nichts dem Zufall: Damit nicht etwa ein Regenschauer die Helfer unsichtbar machen würde, gab es zusätzlich zu den T-Shirts auch noch Regencapes.

Warum schreibe ich das alles?

Herz Jesu Weimar hätte im musikalischen Bereich ziemlich viele Möglichkeiten, eines oder mehrere unter etlichen Alleinstellungsmerkmalen herauszustreichen und dadurch etwas für die Sichtbarkeit, d.h. das Zeugnis-Ablegen unserer Pfarrei und damit unserer Konfession in unserer Stadt zu tun. Seine Franz-Liszt-Gedächtnisorgel zum Beispiel. Oder die Komponisten der Pfarrei in Geschichte und Gegenwart: Hummel, Cornelius und Liszt, Vollmer, Albrecht und Kassel, Dietrich, Schöneberger und Kapsner und weitere, die ich nicht kenne oder bei dieser Aufzählung vergessen habe.
Oder die Cäcilini mit ihrem besonderen Repertoire, das ebenfalls aus einer ganzen Reihe von Originalkompositionen und Uraufführungen in Weimar und andernorts resultiert. Jede Menge Möglichkeiten. Leider aber nutzt man nur eine einzige, um unsere Pfarrei von allen anderen Gruppen dieser Welt zu unterscheiden – diese dafür aber umso konsequenter:

Es gibt für die Chöre der Pfarrei Herz Jesu Weimar keine Chorkleidung.

Einfach nein.

Und wenn Sie sich auf den Kopf stellen – keine Chance!

Fragen Sie mich nicht warum – um einer Antwort auf diese Frage näher zu kommen, schreibe ich diesen ganzen langen Text hier. Vielleicht stößt er ja endlich die dringend notwendige Debatte an.
Ich muß es mir jedenfalls endlich einmal von der Seele schreiben, weil das Thema mich nicht losläßt. Ich weiß nicht, wie viele Male ich und andere es schon angesprochen haben. Im Chor selber natürlich, anfangs jedes Mal vor größeren Anlässen. Und unser Chorleiter weiß selbstverständlich ebenfalls, wie ein Chor – noch dazu ein Chor mit liturgischen Diensten – auszusehen hat; macht es in glatt schwarz auch immer richtig vor, formuliert es nur nicht. Und ohne, daß man es konkret ansagt, genügt das Vorbild allein nicht. Da sind überkommene Gewohnheit und Gruppendynamik stärker. Nicht einmal ein für alle eindrückliches Erlebnis beim Besuch des Speyerer Domchores vor einigen Jahren konnte in dieser Hinsicht etwas ausrichten.

Also sprach ich das Thema auch schriftlich an, in Emails an den Pfarrer und an den Chorleiter, traf als Reaktion aber nur auf dieselben zuckenden Schultern, auf die man in Herz Jesu Weimar immer trifft, wenn man mangels Möglichkeit zum sachbezogenen Gespräch im größeren Kreis Einzelne, etwa auch aus den Gremien, anspricht. Ist das Fehlen von Chorkleidung etwa Absicht und Stil des Hauses? Aber warum nur? Sooft man die Zeitung aufschlägt, sieht man, daß jeder, aber auch wirklich jeder Dorfchor uns hinsichtlich optischer Geschlossenheit der Gruppe etwas vormacht. Das geht ja auch wirklich, ohne daß man einen Pfennig zusätzlich in die Hand nimmt, indem man schwarze Kleidung und irgendein bestimmtes Accessoire vereinbart. Keine Hexerei. Man darf es halt nur nicht dem Zufall überlassen.

Als anläßlich des 125. Kirchweihjubiläums (zu dem der Chor übrigens ein wirklich grandioses Programm inklusive dem berühmten „Halleluja“ aus Händels Messias sauber abgeliefert hat) ein Foto für den Internetauftritt der Pfarrei gemacht werden sollte, bekniete ich unseren Dirigenten: Sag wenigstens diesmal was zur Kleidung. Wir sehen jedes Mal aus wie die Teilnehmer der Bürgerreise nach Blois. Sollte heißen: Jede und jeder ordentlich gekleidet – aber wie eine temporär zusammengewürfelte Truppe.
Mit dieser Äußerung war ich freilich im Unrecht; den Teilnehmenden an den Weimarer Bürgerreisen gegenüber nämlich. Denn sogar die Bürgerreisen sind auf ihre Corporate Identity und das damit einhergehende Identifikationsangebot, auf ein Zusammenwachsen als Gruppe, d.h. Kundenbindung und auf das Kleidungsstück als Souvenir bedacht. Selbstverständlich haben sie pro Reise ein T-Shirt, und zwar seit langem schon: Bemerkte ich doch neulich, daß unser Nachbar bei der Gartenarbeit sein quittegelbes T-Shirt der Weimarer Bürgerreise nach Blois aus dem Jahr 2001 auftrug.

Natürlich wünsche ich mir für den Kirchenchor der Erwachsenen in Herz Jesu Weimar keine bedruckten T-Shirts. Aber für unabdingbar halte ich Chorkleidung – am besten nicht nur schwarz plus Tuch, sondern wirklich Gewänder –, wie sie in allen zivilisierten Gegenden dieser Welt üblich sind:

Cornelie Becker-Lamers

Fortsetzung folgt

PS: Um falschen Schlußfolgerungen vorzubeugen: Die fehlende Chorkleidung ist natürlich kein Grund, nicht im Kirchenchor mitzusingen!

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