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„Eine katholische Rezeption gibt es nicht“

Plaudereien zu einem bekannten Gute-Laune-Lied 2/3

Natürlich war mir klar, daß ich zu Gerhardts „Sommer-Gesang“ etwas im „Geistlichen Wunderhorn“ finden würde – einem sehr empfehlenswerten Buch, das wir schon zur Besprechung von Bonhoeffers „guten Mächten“ herangezogen haben.

„ö“ – „(ö)“ – — öööööö…? 🤔

Zunächst aber stolperte ich über das „ö“. Genauer: über das fehlende „ö“ neben der Nummer 826 unseres Gotteslobes. ‚Leute!‘ dachte ich. ‚Wenn jetzt nicht mal mehr die Texte von Paul Gerhardt ökumenisch sind – was schwebt euch denn dann vor?‘ Ich schlug im Evangelischen Gesangbuch für die Evangelisch-Lutherischen Kirchen in Bayern und Thüringen (EG) nach und fand das Lied mit allen 15 Strophen unter der Nummer 503 abgedruckt. Das „ö“ am Rand steht in Klammern. „Mit ‚ö‘ gekennzeichnete Lieder stimmen in Text- und Melodiegestalt mit der von der Arbeitsgemeinschaft Ökumenisches Liedgut erarbeiteten Fassung überein. Ein eingeklammertes (ö) kennzeichnet geringfügig abweichende Fassungen“, erläutert das EG (EG S. 6) – ‚Na gut‘, dachte ich, ‚wir haben vom ‚Geh aus‘ ein paar Strophen nicht mit abgedruckt und die verbleibenden von 1 bis 8 durchnumeriert. Das stiftet natürlich Verwirrung, wenn man aus verschiedenen Büchern dasselbe Lied singen will. Aber was ist eigentlich diese Arbeitsgemeinschaft Ökumenisches Liedgut?‘

Die „Arbeitsgemeinschaft Ökumenisches Liedgut“ traf sich tatsächlich vor genau 50 Jahren, 1969, erstmals, um als Gemeinschaftsprojekt von römisch-katholischer Kirche, aber auch Altkatholiken, allen oder doch etlichen Ausprägungen protestantischer Glaubensgemeinschaften und den Bistümern im deutschsprachigen Ausland inklusive Luxemburg und Südtirol einen „Grundstock gemeinsamer Lieder“ zu definieren. Dies erschien in Vorbereitung des Gotteslobs von 1975 vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit der Herausgabe des Evangelischen Kirchengesangbuchs (EKG) irgend jemandem als „Notwendigkeit“. Das EKG selber war 100 Jahre nach den ersten Bemühungen um ein einheitliches Liedgut in den protestantischen Glaubensgemeinschaften zwischen 1950 und 1969 in den vielen verschiedenen Verwaltungseinheiten (mit zum Teil richtig lyrischen Namen: „Nordelbien“ zum Beispiel 😄) eingeführt worden.

Bei näherer Betrachtung habe ich den Eindruck gewonnen, man muß Mitglied dieser Kommission sein, um das Ordnungs- und Auswahlprinzip der ö-Lieder zu verstehen. So sind weder alle Lieder im eigens ausgewiesenen Teil „Ökumene“ des EG mit einem ö gekennzeichnet (Nrn. 262-268), ja nicht einmal das in der Einleitung des EG auf S. 23 eigens unter „Ökumene“ hervorgehobene Lied EG Nr. 658: „In Christus gilt nicht Ost noch West“ (nie gehört – hat übrigens nichts mit der deutschen Teilung zu tun, sondern ist über 100 Jahre alt und stammt aus dem englischsprachigen Raum). Dafür jede Menge anderer Lieder. So vom groben Drübergucken im Inhaltsverzeichnis würde ich sagen, die ö-Lieder machen im EG locker ein Viertel bis ein Drittel des Liedgutes aus. (Im GL sind es vielleicht etwas weniger) Darunter – in EG und GL mit uneingeschränktem ö markiert – sind dann aber auch solche Lieder wie „Ich will dich lieben, meine Stärke“ (EG 400, GL 358) mit dem Text von Johann Scheffler (Künstlername Angelus Silesius) von 1657, wobei aber das GL die Vertonung von Georg Joseph aus dem Entstehungsjahr des Textes, das EG eine völlig andere, spätere von Johann Balthasar König aus dem Jahr 1738 gibt. Also wenn man schon „geringfügig abweichende Fassungen“ von Liedern durch das Einklammern des ö kennzeichnet, müßte man für solche Varianten eigentlich ein durchgestrichenes ö einführen. Dafür fehlen bei den Ös dann Lieder wie das gehabte „Geh aus, mein Herz“ und andere.

Also das ist alles sehr seltsam und kann tatsächlich offenbar nur eine ganz grobe Richtlinie sein, wenn man einen gemeinschaftlichen Gottesdienst vorbereiten muß. Ich glaube, im Ernstfall spricht man sich lieber kurz ab. Aber eine Kommission ist eine Kommission ist eine Kommission – das braucht es scheint‘s ab und zu. So um ein Zeichen zu setzen oder so.
Tja, und während man im Falle von „Ich will dich lieben“ wie erwähnt im EG gerade nicht die Originalfassung verwendet, fiel beim „Geh aus“ die volkstümliche, heute abgedruckte Melodie von August Harder zunächst der Suche nach den ursprünglichsten Vertonungen zum Opfer: „Bei den Liedern bemühte man sich, möglichst die Originalfassung von Text und Melodie zu verwenden. Dies führte dazu, dass auch bekanntere Melodien einiger Lieder, etwa die volkstümliche Weise des Liedes Geh aus, mein Herz, und suche Freud von August Harder, zunächst nicht in das Gesangbuch aufgenommen wurden. Erst bei späteren Neuauflagen einzelner Landeskirchen wurde die alte Weise durch die bekanntere Weise Harders ersetzt.“ (Zitatnachweis hier).

Cornelie Becker-Lamers

PS: Der Zitatnachweis der Überschrift wird im morgigen Text im Zusammenhang geführt.

Fortsetzung folgt morgen

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