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„als Gegenstück zu katholischen Maiandachten“

Plaudereien zu einem bekannten Gute-Laune-Lied 3/3

Die Vertonungen des „Sommer-Gesangs“

Womit wir endlich wieder bei unserem eigentlichen Thema, dem Lied nach dem „Sommer-Gesang“ Paul Gerhardts, wären. Man liest von mindestens 40 Vertonungen, wobei den Anfang mal wieder die Adaption einer Melodie machte, die für einen anderen Text komponiert worden und schon eingeführt war. Sowas kennt man ja. Man konnte nicht zu jedem Text Noten stechen. Im Fall von „Geh aus, mein Herz“ hat der unvermeidliche Johann Crüger (1598-1662) 1653 darauf eine Melodie adaptiert, die vom Lied „Den Herren meine Seel erhebt“ seit 1640 geläufig war. Die erste eigentliche Vertonung des Sommer-Gesangs stammt von Johann Georg Ebeling und wurde 1666/67 erstmals publiziert. Eine schlichte, bewegungsarme Melodie. Mit dieser Melodie hätte das Lied meiner unmaßgeblichen Meinung nach niemals die Karriere gemacht, die es als Volkslied seit über hundert Jahren verzeichnen kann. Schauen Sie mal:

Abdruck zweier Stimmen des Chorsatzes der ersten auf Paul Gerhardts Text komponierten Vertonung von Gerhard Ebeling 1666/67 (Fotografie aus Christa Reich: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“, in: Geistliches Wunderhorn. Große deutsche Kirchenlieder, München: Beck 2009, S. 262-274, S. 265; eigenes Bild)

Doch auch August Harders Melodie, unter der das Lied heute so bekannt und beliebt ist, wurde nicht eigens für Gerhardts Text geschrieben, sondern als Vertonung des Gedichtes „Die Luft ist blau, das Tal ist grün“ von Ludwig Hölty durch den Gütersloher Organisten Friedrich Eickhoff (1807-80) 1836 erstmals dem Sommer-Gesang unterlegt („Wunderhorn“, S. 274 und hier.
Die Krux hierbei ist die von der Melodie geforderte Wiederholung der letzten Textzeile. Da, wie die Forschung betont, das Gedicht nicht für eine solche Wiederholung verfaßt ist, sind das nicht immer die gehaltvollsten Zeilen. Aber ich glaube, das fällt normalerweise keinem auf. Mit Harders Melodie kennt und liebt man das Lied:

Die Textteile des „Sommer-Gesangs“

Paul Gerhardt hat ja immer schon mal gerne viele Strophen geschrieben. Irgendwie erinnert mich das an meine eigenen Lieder, deren Ausführlichkeit auch schon dem einen oder anderen aufgefallen ist. Aber wenn man an einem Thema dran ist, dann muß es eben manchmal sein. Das hat man dann gar nicht allein in der Hand, als Schreibende/r. Der Text schreibt sich ja in gewisser Weise selbst, bis er fertig ist. 😇😉
Im Falle von Paul Gerhardts „Sommer-Gesang“ macht Christa Reich zu Recht darauf aufmerksam, daß jedes Einsparen gewisser Strophen die Textaussage bis zur Verfälschung verkürzt. In einer bilderreichen Sprache, die nicht unterrichtet, sondern alle Sinne weckt, werden sieben Strophen lang die Wunder der Natur besungen (das ist die lange Aufzählung, die Martin Grütter mit der Völkeraufzählung der Pfingsterzählung verglichen hatte – vgl. Beitrag 1/3 zum Thema).

Weizenfeld auf dem Weg nach Niedergrunstedt (eigenes Bild)

Dann kommt das lyrische Ich auf sich selber zu sprechen. In fünf weiteren Strophen erkennt es sich – wie Grütter schreibt – als „Teil der Aufzählung“ und reiht sich ein ins Lob Gottes. Zugleich beginnt in diesen Strophen bereits die Zuversicht auf das Himmelreich als noch viel tausendmal schönerem Garten – eine Zuversicht, die in das Gebet der letzten drei Strophen mündet, einst dieses Himmelreiches würdig zu sein. Diese Durchdringung von wahrgenommenem irdischen und erhofftem himmlischen Garten veranlaßt Christa Reich zur Warnung vor der üblichen Kürzung des Liedes. Die Beschreibung stelle sich

[…] als spannungsvolle Einheit dar, als Hier und Da, als Jetzt und Dann, als Außen und Innen. Zyklisch wird das entfaltet und nicht etwa nur linear in aufeinanderfolgenden Strophen. Die beiden Ebenen durchdringen einander, verweisen ständig aufeinander. Die einzelnen Strophen und ihre Details sind in ein Geflecht von Beziehungen eingebunden. Wenn hier, wie es weithin üblich ist, Strophen nur in Auswahl aneinandergereiht werden oder wenn nur die erste Hälfte des Liedes Beachtung findet, dann verliert das Ganze seinen Sinn.
(„Wunderhorn“, S. 265)

In der Tat habe ich bei meiner Suche auf YouTube nicht eine einzige Einspielung mit allen Strophen entdeckt. 😮

Die überragende Rolle der Musik im „Sommer-Gesang“

Wichtig ist für die folgende Interpretation dann die herausragende Bedeutung der Musik. Die Strophen heißen schon als Gedicht „Sommer-Gesang“, und im Verlauf des Textes wird klar, daß nicht nur das Treiben der Natur ein einziger Lobgesang auf den Herrn und Seine Schöpfung darstellt („Ich singe mit, wenn alles singt“ Str. 8), sondern daß sich in „Christi Garten“ (Str. 10) alles Leben in Gesang erfüllt: „Wie muß es da wohl klingen,/ da so viel tausend Seraphim/ mit eingestimmtem Mund und Stimm/ ihr Alleluja singen.“ Wie auch Joseph Ratzinger, der Musiker-Papst Benedikt XVI., immer wieder betonte, ist die Musik, die alle Herzen öffnet, kein Zuckerguß über dem Wort, sondern zentraler Bestandteil der Verkündigung. Die Förderung der Kirchenmusik und besonders des geistlichen Gesangs der Kinder und Jugendlichen – sprich der Kinder- und Jugendchöre in der Pfarrei – hat daher normalerweise in einer Gemeinde die oberste Priorität. Aber daß das so sein muß, war uns ja auch schon vorher klar.

Musik und Garten: Stefan Lochners „Madonna im Rosenhag“, um 1450 (Bild: Wikimedia Commons, The Yorck Project)

Zur Rezeptionsgeschichte des „Sommer-Gesangs“

Zur Rezeptionsgeschichte in den evangelischen Gesangbüchern, aber auch als Volkslied, führt Christa Reich, angefangen bei der „Praxis Pietatis Melica“ von 1653 (in der es mit Crügers Tonsatz erschien) viele Ausgaben an, hält aber fest: „Eine katholische Rezeption gibt es nicht.“ („Wunderhorn“, S. 271) Nun stammt das Buch aus dem Jahr 2001, auch wenn ich hier eine Wiederauflage von 2009 zitiere. Eine überarbeitete Neuauflage existiert, soweit ich sehe, nicht. Dennoch war auch 2001 bereits im Erfurter Bistumsanhang des Gotteslobes von 1975 das Lied „Geh aus, mein Herz“ mit Harders Melodie unter Nr. 933 zu finden. Wie sieht es in den anderen Bistümern aus?
Was das alte GL betrifft, dürfte eine Recherche zur Verbreitung des Liedes aufwendig sein. Ich habe sie nicht unternommen, sondern mich lediglich bemüht, die Aufnahme von „Geh aus“ in den Regionalteilen des 2013 erschienenen Gotteslobes nachzuhalten. Die DBK ist da wenig hilfreich. Hier findet man im Netz zum einen die Pressemitteilung zur Einführung des neuen GL sowie zum andern (über ein Portal der Fernseharbeit der DBK) sehr ordentliche Videos zu den Liedern des Stammteils. Auch die Seite mein-gotteslob.de hilft explizit nicht weiter – und ist übrigens ein Service des Benno Verlages Leipzig.
Und so ist es denn ebenfalls ein Verlags-Service, und zwar der des Carus Verlages Echterdingen, der in puncto Regionalverzeichnisse Aufschluß gibt. Demnach finden wir Paul Gerhardts Lied in den 24 Eigenteilen der 38 am neuen Gotteslob beteiligten Diözesen nicht nur im Regionalteil der (Erz-)Bistümer Berlin, Magdeburg, Erfurt, Dresden-Meißen und Görlitz unter der schon erwähnten Nr. 826, sondern auch in den südlich bzw. westlich angrenzenden Diözesen, also der norddeutschen Kirchenprovinz (das sind die Bistümer Hamburg, Osnabrück und Hildesheim) unter Nr. 865, in Fulda unter Nr. 833 und in Bamberg unter Nr. 863.
Soviel zur katholischen Rezeption dieses wunderschönen geistlichen Liedes. Wir können das 20 Jahre Urteil von Christa Reich also getrost revidieren. Die schon 1938 erfolgte Aufnahme in eine Liedersammlung blieb keineswegs „singulär und ohne weiteren Einfluß“ („Wunderhorn“, S. 271).

Ich möchte mit einer Aufnahme schließen, die sogar von einem wechselseitigen ökumenischen Einfluß im Zusammenhang mit Paul Gerhardts Liedtext Zeugnis gibt. Es ist eine Vertonung des Dresdner Komponisten und Kreuzkantors Rudolf Mauersberger (1889-1971). Bereits 1925 hatte Mauersberger, damals als Kantor und Gründer mehrerer Chöre an Bachs Taufkirche St. Georg in Eisenach tätig, die Vertonung des „Sommer-Gesangs“ von Paul Gerhardt geschaffen – übrigens unter Einbeziehung wiederum nur der Strophen 1-8, die nach Str. 1 und 4 durch melodisch und textlich divergierende Einschübe unterbrochen werden. (Das Lustige dabei ist, daß Mauersberger ausgerechnet die vom Text – wie oben ausgeführt – ja gar nicht geforderte, vielleicht sogar gar nicht kluge oder angemessene, durch die bekannte Melodie August Harders aber offenbar so in Fleisch und Blut übergegangene Wiederholung des letzten Verses einer jeden Strophe in seiner Vertonung beibehält als gehöre sie zu Gerhardts Text. Wie stark doch das Musikalische jede Textrezeption beeinflußt!) Nach Paul Gerhardts Strophe 8 wird das Werk textlich eigenständig zu Ende geführt. 1948 dann schuf Mauersberger, mit dem Zentrum des titelgebenden „Geh aus, mein Herz“, eine „Liturgische Sommermusik“ (später: „Geistliche Sommermusik“) als abendfüllendes Werk nach Texten der Bibel und eben nach Kirchenliedern. Und hierzu liest man: „Mauersberger hat das siebenteilige Werk als Musik für die evangelische Kirche als Gegenstück zu katholischen Maiandachten geschaffen.“ (Das Solo für Knaben-Alt in Str. 4 dürfte damals von dem später als Tenor weltberühmten Kruzianer Peter Schreier – *1935 – vorgetragen worden sein, den Mauersberger quasi entdeckte und dem er etliche Soli auf den Leib schrieb.)
Ein Gegenstück zu unseren Maiandachten! Ob die vielen schlesischen Vertriebenen in Dresden mit ihren katholischen Andachtsformen an dieser Stelle auf die evangelische Seite zurückgewirkt haben?
Wie auch immer – freuen Sie sich jetzt auf Paul Gerhardts „Sommer-Gesang“ in einer Vertonung von Rudolf Mauersberger und einer Interpretation des Thüringischen Akademischen Singkreises unter der Leitung von Wolfgang Unger. Wie heißt es auf PuLa?

Enjoy! 🙂

Cornelie Becker-Lamers

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