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Aber wer hatte ihn gewebt?

Bemerkungen zum Reißen des Tempelvorhangs

[Anm. der Redaktion: Wie der folgende Text geschickterweise 😉 ganz zum Schluß berichtet, ist er im Wesentlichen noch in der Karwoche entstanden, konnte jedoch nicht mehr fertiggestellt werden. Da er aber inhaltlich an diesen Zeitabschnitt nicht gebunden ist, sondern weiter, teils sehr weit, in die Heilsgeschichte zurückgreift, ‚paßt‘ er unserer Überzeugung nach auch jetzt, auch in die österliche Zeit! Gereon Lamers]

Jeder kennt die Textstelle: Als Jesus stirbt, reißt der Vorhang des Tempels von oben bis unten (Mt 27,51; Mk 15,38; Lk 23,45). Zwar hat niemand beides zugleich beobachten können, aber eine Art allwissender Erzähler berichtet es uns.

„Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriss“, Christoph Prégardien als Evangelist in Bachs Matthäuspassion unter der Leitung von Philipp Herreweghe

Zunächst einmal: Es war keine Sonnenfinsternis

Im noch vor Ostern fertig gewordenen Heft 4 von X451 (siehe hier und hier) greift unsere Bloggerkollegin Claudia Sperlich auf einer wie gewohnt in Text und Bild bemerkenswert schön gestalteten Doppelseite das Thema auf. Sie macht auf einige interessante Details aufmerksam, über die ich bisher noch nie nachgedacht hatte, und dafür bin ich ihr sehr dankbar. Zum Beispiel darüber, daß die gemeinhin als „Sonnenfinsternis“ bezeichnete Finsternis von der dritten bis zur neunten Stunde aus zweierlei Gründen keine Sonnenfinsternis gewesen sein kann. Die dauern nämlich nicht drei Stunden, sondern drei Minuten und sind gekoppelt an welche Mondphase? Neumond, genau. Jesus aber wurde zum Paschafest gekreuzigt, und das wird ab dem 15. Nisan gefeiert, das heißt bei Vollmond. Wie Claudia Sperlich so schön schreibt, kann man als wissenschaftliche Erklärung auf die in Israel um diese Jahreszeit häufigen Staubstürme verweisen – „aber es kann auch ganz einfach ein Wunder gewesen sein.“ (X 451 Nr. 4 April 2018, hg. von Sebastian Berndt, ISSN 2568-7409, S. 8)

Das hätten wir also geklärt.

Zelt, Salomonischer und Herodianischer Tempel – und der Prophet Haggai

Aber wieso eigentlich Vorhang? Und welcher Vorhang? Zwar wissen wir aus den Anweisungen in den Kapiteln 25-27 des Buches Exodus, was für das Heiligtum herzustellen sei, nämlich ein „Vorhang aus violettem und rotem Purpur, Karmesin und gezwirntem Byssus [andere Übersetzungen haben hier das Wort Feinleinen]; wie Kunstweberarbeit soll er gemacht werden, mit Kerubim.“ Wir erfahren Genaueres über die Befestigung des kostbaren Stoffes an „vier mit Gold überzogenen Säulen aus Akazienholz, deren Haken von Gold sind und die auf vier silbernen Füßen ruhen.“ Und schließlich: „Der Vorhang trenne euch das Heiligtum vom Allerheiligsten.“ (Ex 26, 31-33)

Aber wir wissen auch, daß solcherart noch von der nomadischen Lebensart im Zelt her gedachten Kunstwerke König Salomo als Wohnung für das Allerheiligste nicht schick genug waren und daß er es bei seinem Tempelbau (wie ein Freund von uns sagen würde) ‚richtig krachen‘ ließ: Wände, Decken und Boden aus Zedernholz, Zypressenbohlen, Schnitzereien mit Früchten und Blumengewinden. Der „hintere Raum“ für das Allerheiligste ist ein Kubus mit 20 Ellen Seitenlänge, und er ist, wie der gesamte Tempel, mit Gold überzogen. (1Kön 6, 15-21) Was die „Vorhänge“ betrifft, so werden sie bei Salomo zu Flügeltüren aus Olivenholz mit fünfstufiger Schwelle. Und Kerubim-, Palmen- und Blumenschnitzereien, versteht sich. Ist schließlich die Wohnung des Herrn. (vgl. 1Kön 6, 31f)

Gut – das sagt nichts aus über die Zeit zu Jesu Geburt, denn der Tempel Salomos wurde bekanntlich Anfang des 6. vorchristlichen Jahrhunderts durch die Babylonier zerstört  – der Beginn des jahrzehntelangen Exils. Aber der Prophet Haggai beschwert sich dann bei seinen Leuten, daß sie „in getäfelten Häusern wohnen, während dieses Haus [der Tempel des Herrn] in Trümmern liegt“ (Hag 1, 4). Wir erfahren von Haggai vor allem, daß es dringend nötig war, endlich mit dem Tempelneubau zu beginnen, um weiteren Mißernten vorzubeugen. Aber von Vorhängen oder Türen erfahren wir nichts.

Flavius Josephus, dessen unerläßliche historische Schriften uns vom jüdischen Krieg und der Geschichte des Judentums berichten, bezeugt die Vorhänge auch im herodianischen Tempel. Klingt glaubwürdig, denn der Priester und Militärkommandeur Josephus hat diesen Tempel noch selber gekannt: Er wurde kurz nach Christi Tod in Jerusalem geboren und war also zur Zeit des jüdischen Krieges und der neuerlichen Tempelzerstörung, die er durch Verhandlungen zu verhindern suchte, Mitte 30.

Allerdings bezeugt Josephus die Vorhänge dummerweise auch für den salomonischen Tempel, dessen schöne Türen wir gerade mit Hilfe des Ersten Buches der Könige beschrieben haben (Artikel „Vorhang“ im LThK, Bd 10, Sp. 891. Ich muß mich an dieser Stelle übrigens ausnahmsweise auf das Lexikon verlassen und konnte die Textstellen wegen der Feiertage nicht in einer Bibliothek am Original nachprüfen.)

Der fragliche Vorhang zur Zeit Jesu

Aber uns interessiert ja jetzt die Zeit Jesu, weil eben ein Vorhang bei seinem Tod zerriß und keine Tür zerbarst. Welcher Vorhang riß, legt uns Josef Ratzinger/ Benedikt XVI im zweiten Teil seines „Jesus von Nazareth“ aus:

Wahrscheinlich ist an den inneren der beiden Tempelvorhänge gedacht, den Vorhang, der das Allerheiligste dem Zutritt der Menschen verschließt. […] Darin ist zweierlei angesagt: Zum einen wird sichtbar, daß die Zeit des alten Tempels und seiner Opfer zu Ende ist; daß an die Stelle der Vorbilder und der Rituale, die in die Zukunft wiesen, nun die Wirklichkeit selbst tritt, der gekreuzigte Jesus, der uns alle mit dem Vater versöhnt. Zugleich aber bedeutet das Zerreißen des Tempelvorhangs, daß nun der Zugang zu Gott frei ist.

(Freiburg: Herder 2011, S. 233)

Soweit dürfte das Konsens sein und haben wir das in der einen oder anderen Predigt auch schon gehört. Aber wer hat denn nun den Vorhang gewebt? Interessiert ‚Bene‘ nicht, schreibt er nichts (wie er leider auch den Traum der Claudia Procula, Heilige der orthodoxen Kirche mit Gedenktag am 27. Oktober und Frau des Pontius Pilatus, vollständig unerwähnt läßt, obwohl er in seinem Unterkapitel „Jesus vor Pilatus“ doch so viele Bibelstellen heranzieht und vergleicht: Evangelien, Apostelgeschichte, Briefe, Schriften des Thomas von Aquin, Sekundärliteratur [vgl. ebd. S. 207-224]. Nur nicht Mt 27,19: „Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, sandte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit jenem Gerechten! Ich habe heute seinetwegen im Traum viel gelitten.“ Ist ja eigentlich eine bemerkenswerte Textstelle, bleibt bei Ratzinger aber unerwähnt. Naja – manchmal versteht man die Männer halt nicht, was sie so umtreibt, wenn sie forschen. – Oder weiß jemand, wo er das behandelt hat?)

Meine Gedanken wehen den Vorhang ständig davon. Ich wollte wissen: Wer hat ihn gewebt?

Joachim Jeremias, der ein Buch mit dem Titel „Jerusalem zur Zeit Jesu“ verfaßt hat, erwähnt eine rabbinische Tradition, nach der 82 Jungfrauen jedes Jahr zwei Vorhänge gefertigt haben sollen. Das ist vor der Hand recht plausibel, sorgen doch kluge Frauen bis heute in dieser Weise vor (vgl. nur hier, z.B.). Jeremias hingegen vermutet einen Import des fertigen Stoffes aus Babylonien (vgl. hier) Ich muß mich wieder auf die Zitate verlassen, ich sagte ja schon – Feiertage. Unsere Bibliothek besitzt das Buch aber und ich werde nachsehen. Wenn was nicht stimmt, machen wir ein Edit und korrigieren das hier.)
[Anm. der Redaktion: “Import aus Babylonien”!! Also, ich halte es ja für entschieden wahrscheinlicher, daß sich J. Ratzinger/Benedikt XVI. an irgendeiner Stelle seines so umfangreichen Werks zur Frau des Pilatus geäußert hat, als diese Konstruktion, für die Herr Jeremias (Exegeten des 20. Jahrhunderts…) hoffentlich irgendeinen Beleg hatte, oder die er zumindest ansatzweise plausibel hat machen können. Denn vorderhand erscheint sie doch extrem unplausibel: Warum in ein Gebäude, das u.a. auch genau den Triumph der wiedergewonnenen Identität des Volkes Israel nach der ‚Babylonischen Gefangenschaft‘ symbolisierte, an zentralster Stelle ein Produkt des ehemaligen Zwingherren und Feindes plazieren??! Nun, wir werden sehen! Gereon Lamers]

Die Kindheitserzählungen Mariens

Wer hat den Vorhang gewebt? Es gibt ganz konkrete Erzählungen, die die Geschichte um diesen Vorhang abrunden. Natürlich muß man dafür mal wieder ein bißchen über die Bibel hinaus schmökern, aber die Frage scheint schon mehr Menschen als mich umgetrieben zu haben, und zwar seit knapp 2.000 Jahren. Ich stieß auf das Thema nicht von der Beschäftigung mit Jesu Tod, sondern mit seiner Menschwerdung, das heißt von der Beschäftigung mit Maria aus. Als ich für die Cäcilini die Lieder „Mariä Verkündigung“

und das „Stabat mater“ für den Zyklus der „Weltreise durchs Kirchenjahr“ geschrieben habe (ein Lied zu Mariä eigener Empfängnis und Geburt steht noch aus, gehörte aber auch hierher), brauchte ich ja ein bißchen Stoff um die biblischen Zeugnisse herum, um die Geschichten mit Seele und mit Leben zu füllen. Und so las ich, was ich in die Finger kriegte, in der Forschungsliteratur, in der Legenda aurea und vor allem in den Kindheitserzählungen Mariens – den Erzählungen, in denen einzig die berühmte und so vielfach in Gemälden und auf Kirchenfenstern dargestellte Geschichte über Joachim und Anna und ihr Treffen unter der Goldenen Pforte überliefert ist.

Giotto di Bondone, Treffen am Goldenen Tor, ca. 1305, Fresko in der Cappella degli Scrovegni, Padua (Bild: WikiCommons)

Das steht ja auch nicht in der Bibel.

Im nicht kanonischen Protevangelium des Jakobus, das in der Ostkirche Eingang in die Liturgie gefunden hat, wird die Geschichte der Eltern der Maria geschildert. Sie gehören wie Sara und Abraham oder Elisabet und Zacharias zu jenen Eltern, die unglaublich lange auf ein Kind warten und schon ganz verzweifelt sind. Das dritte Kapitel dieses Textes schildert das sehr eindrücklich in Annas Klage, die sich durch ihre Kinderlosigkeit von der ganzen Schöpfung ausgeschlossen fühlt. Und Joachim, der als reicher und frommer Mann im Tempel immer doppelt opfert (so viel zur Liedtextstelle über Maria als „Frau aus dem Volke“, GL 521), muß erleben, daß sein Opfer wegen seiner Kinderlosigkeit eines Tages abgelehnt wird (Kap. 1).

Wie wir wissen, wird ihnen die von der Erbsünde freie Maria geboren und Anna verspricht gleich nach der Verkündigung durch den Engel das Kind dem Tempeldienst (Kap. 4, 1). Maria wächst also im Tempel auf. Als sie 12 Jahre alt ist, überlegen die Priester, wie es weiter gehen soll. Durch ein Zeichen des Herrn wird der Witwer Josef zum Ehemann Marias bestimmt (Hohepriester ist damals übrigens bereits Zacharias, der spätere Vater Johannes des Täufers) und sie verläßt den Tempel. Als aufgrund eines Ratsbeschlusses der Priester jedoch aus Gold, Amianth, Leinen, Seide, Hyazinth, Scharlach und Purpur ein Vorhang für den Tempel gewebt werden soll – eine Beratung, die nahelegt, daß nicht ohnehin jedes Jahr die 82 Jungfrauen am Werk sind –, wird Maria wieder gerufen und für das Spinnen der kostbarsten Garne – Scharlach und Purpur – unter sieben Kolleginnen ausgelost. Als Lebensalter Marias wird zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre angegeben. Während sie spinnt und einmal mit dem Krug zum Brunnen geht, erscheint Gabriel (vgl. Katharina Ceming – Jürgen Werlitz, Die verbotenen Evangelien, Wiesbaden: Marix 2004, S. 67-92.)

Das hätten wir uns ja denken können: Maria!

Die Herausgeber des Protevangelium des Jakobus verweisen selbst bei der Textstelle, in welcher das Vorhangweben beschlossen wird, in einer Glosse auf Mt 27,51: Auf das Reißen des (oder: dieses) Vorhangs bei Jesu Tod. Voraussetzung wie gesagt: Er hing nach 30 Jahren noch an Ort und Stelle und die 82 Jungfrauen haben keinen Unfug damit gemacht.

Für mich jedenfalls stellt das Reißen des Vorhangs immer einen weiteren Bezug zwischen Mariä Verkündigung und Christi Sterben, zwischen Jesu Herabkunft auf die Erde und der Erfüllung seines Lebens im Opfertod dar – eine Verbindung, auf die wir anläßlich des Zusammenfallens von Mariä Verkündigung und Karfreitag 2016 bereits einmal ausführlich eingegangen sind.

Für meine Kinder, beides gelernte Cäcilini, ist der Fall sowieso erledigt. Da ich wegen der Osternacht das Schreiben an vorliegendem Text unterbrechen mußte, druckte ich den Anfang aus und die Kinder sahen die Blätter liegen: „Aber wer hatte ihn gewebt? Bemerkungen zum Reißen des Tempelvorhangs“ lasen sie und hatten sofort die Antwort parat: „Hä? Maria!“ – „Ist doch klar: Weil ihr Herz zerreißt, als Jesus stirbt!“

Das hätten wir also geklärt.

Cornelie Becker-Lamers

2 Kommentare

  1. Zum Vorhang im salomonischen Tempel:
    2 Chr 3,14

    Donnerstag, 19. April 2018 um 08:32 | Permalink
  2. Cornelie schrieb:

    Danke!

    Sonntag, 22. April 2018 um 20:30 | Permalink

Ein Trackback/Pingback

  1. Pulchra ut Luna › Wer singt, betet doppelt on Sonntag, 10. Juni 2018 um 21:04

    […] Erneut hat Herausgeber und Verfasser Sebastian Berndt die Bloggerkollegin Claudia Sperlich um einen Beitrag gebeten, und sie trägt unter der Überschrift „Gebet als Laienapostolat“ auf S. 6f. viele biblische Textstellen zusammen, die von der Relevanz des Betens im Leben Zeugnis geben. Luther, so Sperlich, setze falsche Prioritäten, wenn er sage, man könne „Gott nicht allein mit Arbeit dienen, sondern auch mit Feiern und Ruhen.“ (S. 6) Denn Liturgie und Gebet seien ja Feiern und Ruhen und in der Messe werde klar, was beten soll: „Es soll die Menschen zur Einheit mit dem Herrn führen, der uns in der Eucharistie nährt und heilt. Es soll das bewirken, wozu wir leben.“ (S. 7) […]

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