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„Der Weg nach Jerusalem führt über Pula“

Die Cäcilini gestalten einen musikalischen Kinderkreuzweg

Der Titel bezieht sich auf die seit den Illyrern um 10.000 v. Chr. besiedelte Südspitze Istriens, die durch ihre exponierte Lage im Mittelmeer ein seit römischer Zeit bis in die jüngere Vergangenheit hart umkämpfter Hafen und Zwischenstation einer der Hauptpilgerrouten ins Heilige Land war. Wir haben den Satz mal in einer Ausstellung auf einer Landkarte gelesen und uns wegen der Doppelcodierung für Insider (Pula – PuLa) natürlich gefreut.

Folgender Text führt aber nicht zu einer Reiseanmeldung, sondern macht Werbung für eine sogenannte „Pilgerfahrt im Geiste“, wie sie die Kreuzwege in Kirchen und auf Kalvarienbergen darstellen. Für Bruderschaften und Nonnenklöster, die ohne Störung des geregelten Ordenslebens und ohne Gefährdung ihrer Keuschheit den Leidensweg Christi nachvollziehen und den dazugehörigen Ablaß empfangen wollten, wurden im Mittelalter verschiedene Pilgerfahrten im Geiste verfaßt, die entweder auf der Grundlage echter Reisebeschreibungen oder als errechnete Meditations- und Andachtsübungen das Durchwandern der Landschaft durch beständig wiederholte Gebete – Paternoster und Ave Maria – ersetzten. Das wiederholende Beten ist also weit entfernt davon, ein bloßes „unaufhörliches Plappern“ zu sein, sondern es ersetzt via Sprache die meditative Stimmung, in die das lange Laufen den Pilger versetzen konnte:

Diese ‚gaistlich kirchferten‘ werden als Alternative, nicht als Konkurrenz zu tatsächlichen körperlichen Wallfahrten eingeführt, welche ebenso als Beitrag zum Heilsschatz der Bruderschaft akzeptiert werden. Vollzogen werden sie vor allem als ‚gon [gehen] mitt dem mund‘: Die gleichförmige Bewegung der Füße wird also vom Mund übernommen und ersetzt durch das gleichförmige, wiederholte Sprechen von Gebeten.

(Jacob Klingner, Reisen zum Heil. Zwei Ulmer ‚Pilgerfahrten im Geiste‘ vom Ende des 15. Jahrhunderts, in: Literarische Räume. Architekturen – Ordnungen – Medien, hg. von Martin Huber et al., Berlin: Akademie Verlag 2012, S. 59-73, S. 67.
Einen guten ersten Überblick geben auch die Lexikonartikel zum Stichwort „Kreuzweg“ bspw. in der TRE.)

Die Schritte des Leidensweges Christi nach Golgotha oder die Distanzen auf der via dolorosa in Rom wurden von Pilgern gezählt und zum Teil in der Heimat von der Schrittzahl her 1:1 nachgebaut. Daneben gab und gibt es Kalvarienberge, die vor allem in gebirgigen Gegenden die Mühsal des Passionsweges durch an steilen Hängen gelegene Kreuzwegstationen mit auf Knien zu erklimmenden Treppen nacherlebbar machen.

Gesamtansicht des Kalvarienberges im Ort St. Radegund bei Graz/ Steiermark (eigenes Bild)

Der weinende Petrus: Der Kalvarienberg in St. Radegund ist um weitere acht Stationen auf 22 erweitert (eigenes Bild)

Jesus begegnet seiner Mutter (eigenes Bild)

Die Schmerzensreiche inmitten von Lokalkolorit (eigenes Bild)

In Ergänzung des Vaterunser und des Gegrüßet seist Du, Maria werden Meditationstexte verfaßt, die die weit über den Bibeltext hinausgehenden Schilderungen von Erlebnissen und Begegnungen Jesu auf dem Weg nach Golgotha mit Leben füllen, zumindest seelisch nachvollziehbar machen und den Betenden zu Mitleid und Vergebung, vor allem aber auch zu eigener Leidensfähigkeit ertüchtigen: Passio Christi, conforta me!

 

In diese Richtung geht auch, was die Cäcilini am Karfreitag ab 9.30 Uhr in der Pfarrkirche am großen Kreuzweg für alle Kinder im Vorschul- und Grundschulalter anbieten werden. Seit Wochen haben wir uns deshalb in den Proben mit dem Thema Kreuzweg und verschiedenen Modellen, Bildern und Musik befaßt.

Eigentlich war der Plan, einen schon einige Zeit bestehenden Weimarer Kreuzweg wiederzubeleben. Es stellte sich aber heraus, daß er nicht für Kinder geschrieben, zu lang und mit seinem glorreichen orgelklangumstrahlten Ende in einer 15. Station „Auferstehung“ definitiv nichts für eine Andacht am Karfreitag war. Der Plan zur Wiederaufführung dieses Kreuzwegs wurde also in Abstimmung mit unserer neuen Gemeindereferentin, die das Projekt von der theologischen Seite her betreut, auf das kommende Jahr vertagt und mit der Deadline 30. März eigene Texte durch die Cäcilini verfaßt. Dazu haben sie neun aus den 14 Stationen ausgesucht und beschreiben für die Kinder, was in jedem Bild passiert, was Jesus wirklich niederdrückt und was das Schweißtuch der Veronika bedeutet. Dazwischen erklingt meditative Musik, um von Station zu Station zu gelangen.

Die Entscheidung für Musikrichtung und Instrumente haben wir vor dem Hintergrund des Schweigens der Orgel während des Triduum Sacrum skrupulös abgewogen. Nachdem wir verschiedene Priester in Nah und Fern nach der generellen Erlaubnis von Instrumenten zu Karfreitag befragt hatten, ist ein Zyklus thematisch verwandter, aber an die Geschehnisse der jeweiligen Station angepaßter kurzer Musikstücke für Altflöte, Tenorflöte und Cello entstanden. (Da unsere Personaldecke in puncto junger MusikerInnen derzeit in der Pfarrei sehr dünn ist, müssen die Flötenstimmen von Erwachsenen ausgeführt werden. Die Cellistin ist aber wenigstens eine Cäcilina. Übrigens: Wer Lust hat, ab und zu mit zu musizieren – bitte im Pfarrbüro melden oder einfach mal donnerstags in die Probe kommen!).

Die einzelnen Stationen werden durch Kerzen illuminiert, die Kinder können Fragen stellen und ein thematisch passender Gegenstand visualisiert das Geschehen noch einmal besonders kindgerecht – etwa durch eine von vorneherein schiefstehende Waage in der Ersten Station. Ein kurzes gemeinsam gesungenes Lied bringt jede Station zum Abschluß.

Wir würden uns über möglichst großen Zulauf sehr freuen!

Cornelie Becker-Lamers

 

PS: Einen Sündenablaß gibt es übrigens bis heute und er wird nach einer Kreuzwegandacht und dem zusätzlichen Beten eines Vaterunsers, eines Gegrüßet seist Du, Maria und eines Ehre sei dem Vater gewährt, wenn man zeitnah (am besten am selben Tage) zur Beichte geht und die Heilige Kommunion empfängt. Darüber redet man heute nicht mehr viel – es ist aber definitiv nichts, was nach Luther etwa abgeschafft worden wäre, vgl. übrigens hier.

Ein Kommentar

  1. Thomas schrieb:

    „Ehre sei dem Vater….“ darf es m.W. am Karfreitag nicht geben.

    Samstag, 7. April 2018 um 23:28 | Permalink

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