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„Der Ton der sterbenden Löwin“

 Der Adventskalender mit Annette von Droste-Hülshoff, Vorabend

‚Nach dem Adventskalender ist vor dem Adventskalender‘, soll heißen, die Überlegung, was zu Beginn eines jeden neuen Kirchenjahres hier auf PuLa erscheinen soll, begleitet mich, jetzt im neunten Jahr, in unterschiedlicher Intensität durch das ganze Jahr.
Ende Oktober wurde ich daher ein bißchen unruhig. Denn Ideen gab es, Ideen gibt es immer, aber „Ideen“, das sind nicht auch schon „Pläne“, die sich im je konkreten Jahr auch ausführen lassen, in diesem Jahr besonders wenig, das von einer außergewöhnlich hohen und noch anhaltenden dienstlichen Beanspruchung, gepaart mit allerlei politisch-psychologischer Aufregung hier in Thüringen 😉 gekennzeichnet war, die sich erst jetzt gerade immerhin für das Landes-Parlament, in dem ich ja tätig bin, zu legen beginnt.
Freilich, wie wir in einer strukturell vergleichbaren Situation erlebt haben, mehr als eben ein bißchen Unruhe ist auch nicht am Platze!

Der hilfreiche Einfall, er stellte sich am Vorabend von Allerheiligen ein, „All Hallow eve“ brachte keine Spukgestalten, sondern die Lektüre eines kurzen Beitrags über den Vergleich der Leseordnungen in der sog. außerordentlichen und der allgemein üblichen Form des Römischen Ritus. Ein faszinierendes Thema, das, natürlich!, mit einem simplen „Neuer = besser“ in keinster Weise erschöpft wäre. Vielmehr ist es ja schlicht unbestreitbar so, daß heute, im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts, der Grund-Impetus der „Liturgischen Bewegung“, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts entstand, die Förderung der Liturgischen Frömmigkeit nämlich, gerade in der älteren Form , die Hl. Messe zu feiern, zu sich selbst gefunden hat. In jener Form, die die Väter dieser Bewegung selbstverständlich vorausgesetzt haben. Darüber wird an geeigneter Stelle einmal noch mehr zu schreiben sein.

In jenem Beitrag jedenfalls wurde als einer der verlustreichen Punkte der Veränderung der Leseordnung die Unmöglichkeit erwähnt, ältere Dichtung, die sich an der hergebrachten Ordnung orientierte, sog. „Perikopenlyrik“, heute noch im praktischen Nachvollzug der Feier des Kirchenjahrs zu rezipieren. Und eines der dort gebrauchten Beispiele war das ‚Geistliche Jahr In Liedern auf alle Sonn- und Festtage‘ aus der Feder von Annette von Droste-Hülshoff.
„Klick“ machte es, und ich hatte „meinen“ Adventskalender für das (bürgerliche) Jahr 2019, zumal eine kurze Recherche ergab, daß die Texte der Gedichte online verfügbar waren, sprich, nicht abgeschrieben werden mußten… Danke!, sagte ich und fing in dem verbliebenen Monat, so gut es ging, an, mich mit diesem Werk zu beschäftigen.

Als die Droste im Mai 1848 starb, war das Werk, das aus gut 70 Gedichten besteht, wie man so sagt, „unvollendet“, sprich, nicht zur sofortigen Publikation bereit. Die Dichterin hatte sich bis unmittelbar vor ihrem Tode damit beschäftigt, nachdem erst in einer zweiten Schaffensphase ab 1839 alle Gedichte entstanden waren, die ersten hingegen schon im Herbst 1820! Es erschien, von Freunden und der Familie „in Form gebracht“ (was natürlich aus editorischer Sicht nicht ohne Probleme verlaufen konnte) Ende des Jahres 1851 und hatte recht schnell und dann anhaltenden Erfolg.

Ende des 19. Jahrhunderts setzte auch die literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Werk ein, die bis in die jüngste Zeit unverändert anhält und dabei alle Wendungen und Moden der Forschung mitgemacht hat und weiterhin mitmacht: Früh trennten sich „westfälische“ (biographische) und „katholische“ Rezeption, letztere besonders (und nicht unbedingt zum besseren) gewendet in der Zeit des Kulturkampfs, selbst einer deutschnationalen Wertung entkommt das Werk der Droste nicht, weitgehend aber wohl jedem Versuch einer Vereinnahmung in der Zeit des Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr gerade auch das „Geistliche Jahr“ sog. „restaurative“, wie dann auch feministische Betrachtungen und Wertungen und, wie könnte es anders sein, arbeitet sich die Forschung an der Frage der „Modernität“ der Droste im allgemeinen und des Geistlichen Jahres im besonderen ab.

Nun, ich will ganz ehrlich sein, ich hatte nicht die Zeit, aber auch nicht die Neigung, diesen wechselnden Konjunkturen besonders intensiv nachzugehen, das ist ja auch nicht die Aufgabe eines Katholischen Blogs, oder? Es ging mir mit der ansatzweisen Lektüre von Büchern aus den Jahren 1971, 1997 und 2014 ein wenig so, wie es mir immer mit der Lektüre sog. „Historisch-kritischer“ Exegese geht: Vieles (wenn auch bei weitem nicht alles!) sehr interessant, aber die Frage: „Was soll (mir) das?“ bleibt auch gerne unbeantwortet und es ist sehr wichtig, immer im Auge zu behalten, wie zeitgebunden, wie „modisch“ viele dieser Hervorbringungen sind.

Immerhin, die fortdauernde Beschäftigung der Wissenschaft mit der Droste und mit eben diesem Werk sind doch ein deutliches Indiz für die bleibende, die dauerhafte Qualität dieser Dichtung, die einen „packt“ und hinsichtlich derer sich ein gläubiger Mensch mit einem Faible für die Sprache (besonders deren Rhythmus, lesen Sie sich die Verse unbedingt [halb-] laut vor!) angesprochen fühlen wird, da bin ich mir ganz sicher.
Die Gedichte sind, das sei vorweg gesagt, alles andere als leichte Kost und „erbaulich“ nur in einem höheren Sinne, der das Ringen in dem und um den eigenen Glauben mit umschließt! Aber wir wissen ja, der Advent ist keine Zeit der Süßlichkeit und des gemütvollen Tändelns, sondern eine Zeit der, freilich erwartungsvollen, Einkehr und des Fastens, kurz, eine im wesentlichen ernste Zeit der Vor-Freude!

Eine liturgiegeschichtliche Überraschung erwartete mich, als ich mich an die Auswahl der notwendigen 24 Gedichte machte: Selbstverständlich ging ich davon aus, die zu dem jeweiligen Gedicht gehörigen Evangelientexte könnte ich einfach in meinem Volksmissale, das die Ordnung von 1962, letztlich also die von 1570, wiedergibt nachschlagen. Aber von wegen! Gerade das Bistum Münster machte als letzte deutsche Diözese im Jahre 1835 (und damit genau in der Lebenszeit der Droste) Gebrauch vom „privilegium pianum“ nach dem Konzil von Trient und ließ ein diözesanes Eigenmissale drucken, das in seiner Perikopenordnung ausgerechnet auch in Bezug auf die Lesungen der Adventssonntage vom römischen Missale abwich! (Vgl. hier, S. 332 -335, 346) Denken Sie also bitte nicht, ich, oder gar die Dichterin, hätten sich in der Auswahl der biblischen Texte geirrt! 😉

Schließlich bin ich Ihnen noch die Erklärung der Überschrift schuldig: Woher stammt die „sterbende Löwin“? Nun, sie geht letztlich auf die Droste selbst zurück, die den Ausdruck in ihrem Prosabruchstück, „Bei uns zu Lande auf dem Lande“ verwendet. Eine andere Poetin von Rang, Ricarda Huch hat ihn in einem Nachwort zu einer Auswahl Drostescher Texte, die wohl ca. 1930 bei Reclam in Leipzig erschienen ist, verwendet. Auf einen Aspekt diese Nachworts will ich später noch zurückkommen, aber hier soll Ricarda Huch, die von der Droste meint, sie werde „einstweilen die größte Dichterin Deutschlands bleiben“ das letzte Wort (vor dem obligaten „Vorgeschmack“ natürlich) gehören:

Der Aufgabe, das Zauberwort auszusprechen, das [Annette von Droste-Hülshoff] besaß, ordnete sie bewußt und unbewußt ihr Leben unter. Das war ihr Schicksal, ihr Fluch und ihre Seligkeit. Wie sie es sich wünschte, werden, lange nachdem sie die Erde verlassen mußte, alle, die den Ton der sterbenden Löwin vernehmen, ihr Daseinsgefühl und ihre Ewigkeitssehnsucht daran steigern und dankbar und bewundernd ihrer gedenken.

Die „Kostprobe“, wie an jedem „Vorabend“:

Am Allerheiligentage

„Selig sind die Armen im Geiste, denn ihnen ist das Himmelreich. Selig sind die Sanftmüthigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. – Selig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. – Selig sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden ersättigt werden. – Selig sind die Barmherzigen , denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. – Selig sind die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott anschauen. – Selig sind de Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen. – Selig sind die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihnen ist das Himmelreich.! [Mt 5, 1-10]

»Selig sind die Armen im Geiste«
Selig sind im Geist die Armen,
Die zu ihres Nächsten Füßen
Gern an seinem Licht erwarmen
Und mit Dienerwort ihn grüßen,
Fremden Fehles sich erbarmen,
Fremden Glückes überfließen:
Ja, zu ihres Nächsten Füßen
Selig, selig sind die Armen.

Selig sind der Sanftmut Kinder,
Denen Zürnen wird zum Lächeln
Und der Milde Saat nicht minder
Sprießt aus Dorn und scharfen Hecheln,
Deren letztes Wort ein linder
Liebeshauch durch Todesröcheln,
Wenn das Zucken wird zum Lächeln:
Selig sind der Sanftmut Kinder.

Selig sind, die Trauer tragen
Und ihr Brot mit Tränen tränken,
Über eigne Sünde klagen
Und der fremden nicht gedenken,
An den eignen Busen schlagen,
Fremder Schuld die Blicke senken:
Die ihr Brot mit Tränen tränken,
Selig sind, die Trauer tragen.

Selig, wen der Durst ergriffen
Nach dem Rechten, nach dem Guten
Mutig, ob auf morschen Schiffen,
Mutig steuernd nach den Fluten,
Sollte unter Strand und Riffen
Auch das Leben sich verbluten:
Nach dem Rechten, nach dem Guten,
Selig, wen der Durst ergriffen.

Die Barmherzigen sind selig,
So nur auf die Wunde sehen,
Nicht erpressend kalt und wählig
Wie der Schaden mocht‘ entstehen,
Leise schonend und allmählich
Lassen drin den Balsam gehen:
So nur nach der Wunde sehen,
Die Barmherzigen sind selig.

Überselig reine Herzen,
Unbefleckter Jungfraun Sinnen,
Denen Kindeslust das Scherzen,
Denen Himmelshauch das Minnen,
Die wie an Altares Kerzen
Zündeten ihr klar Beginnen:
Unbefleckter Jungfraun Sinnen,
Überselig reine Herzen.

Und des Friedens fromme Wächter
Selig, an den Schranken waltend
Und der Einigkeit Verfechter
Hoch die weiße Fahne haltend,
Mild und fest gen den Verächter,
Wie der Daun die Klinge spaltend:
Selig, an den Schranken waltend,
Selig sind des Friedens Wächter.

Die um dich Verfolgung leiden,
Höchster Feldherr, deine Scharen,
Selig, wenn sie Alles meiden,
Um dein Banner sich zu wahren!
Mag es nie von ihnen scheiden,
Nicht in Lust noch in Gefahren!
Selig, selig deine Scharen,
Selig, die Verfolgung leiden!

Und so muß ich selig nennen
Alle, denen fremd mein Treiben,
Muß, indess die Wunden brennen,
Fremden Glückes Herold bleiben.
Wird denn nichts von dir mich trennen,
Wildes, saftlos, morsches Treiben?
Muß ich selber mich zerreiben,
Wird mich Keiner selig nennen?

Morgen geht‘s los!

Gereon Lamers

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