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Die Kantorenschule

Kein Sketch, aber für möglichst viele Personen

Als Mitte Mai ein Mitarbeiter des Bistums in unserer Pfarrei war, um das erforderliche Seminar zur Mißbrauchsprävention abzuhalten, eröffnete er die Sitzung mit einem Strichmännchen am Flipchart. „Worauf hat ein Kind ein Anrecht?“ war die Frage, und wir Teilnehmenden sollten die Figur damit zu beschriften helfen. Körperliche und seelische Unversehrtheit, Nahrung, Bildung, ein Zuhause etc. – das kam alles sehr schnell. Aber Kinder und Heranwachsende haben auch ein Recht darauf zu merken, daß sie gebraucht werden. Sie haben also ein Recht darauf, angefordert zu werden und Verantwortung übertragen zu bekommen.

Voilà! Da haben wir doch was für Euch! 😎

Unsere Pfarrei braucht nämlich dringend neue Kantorinnen und Kantoren. Also Gemeindemitglieder, die während der Messe das Kyrie anstimmen, den Zwischengesang singen und vor dem Evangelium das Halleluja. Und weil kein Meister vom Himmel fällt, gibt es dafür jetzt einen Kurs.

Es ist nämlich doch gar nicht so einfach. Neue Kantorinnen und Kantoren zu finden, meine ich. Gerade unter Jugendlichen. Ich hatte mir das deutlich einfacher vorgestellt, als ich im Sommer begann, einzelne Jugendliche oder Elternteile anzusprechen. Aber offenbar sehen sich die entsprechenden Kandidatinnen und Kandidaten fünf Anforderungen ausgesetzt, die sie bereits mitbringen zu müssen glauben. Und irgendeine scheint dann immer zu fehlen: So sollten sie ja zumindest so regelmäßig in die Heilige Messe gehen, daß sie deren Abläufe im großen und ganzen kennen. Sie sollten fromm sein und wirklich was glauben, damit sich das Kyrie oder die Psalmtexte bei ihrem Vortrag mit Leben füllen. Sie sollten Töne treffen oder im Idealfall regelrecht singen können und sich auch trauen, es zu tun. Und sie sollten die Psalmtöne und Zwischengesänge soweit beherrschen, daß sie sie aus den nicht vollständig ausnotierten Noten heraus singen können.

Uff! 😬 Da les ich gar nicht erst weiter? Aber, aber! Alles halb so wild. Denn was nicht ist, kann ganz schnell werden:

Zum Kirchgang kann man sich jedes Wochenende frei entscheiden. Tun die Meßdienerinnen und Meßdiener zum Beispiel. Es gibt allein in Weimar jede Woche zwischen Samstag- und Sonntagabend fünf Heilige Messen (was glaubt ihr, wie viele Pfarreien gerade auch in den alten Bundesländern uns um diese dank unserer lieben Ruhestandspriester hier noch mögliche Frequenz beneiden!) Also steigt in die Schuhe und los geht’s! Je mehr von Euch in die Messe gehen – desto mehr sind drin und desto mehr Freundinnen und Freunde trifft man dort Woche für Woche. Eine gute Hilfe, um sich aufzuraffen, ist die Verabredung im Vorfeld.

Was das Glauben anbelangt, so muß man wissen, daß nicht nur gilt: Wer glaubt, beginnt zu beten. Sondern auch umgekehrt: Wer betet, beginnt zu glauben! Und wenn man das Gebet singt – sowieso! Glauben fällt nicht in jedem Fall vom Himmel. Geblendet vom Pferd zu fallen, wie es das sprichwörtlich gewordene Damaskuserlebnis erzählt, das den Saulus zum Paulus machte – das passiert nicht alle Tage. Glauben hängt durchaus auch mit Wissen und Einübung zusammen. Beides kann man erwerben. Also auf zu den Büchern!

Was das Tönetreffen anbelangt, bin ich sehr zuversichtlich. Der Morgenkreis in unserem Kindergarten hat da eigentlich für die nötigen Grundlagen gesorgt. Und wer sagt eigentlich, daß man als Kantorenanfänger/in sofort alleine vorne stehen muß? Man könnte ja auch erstmal zu zweit das Kyrie singen. Und schon ist das Lampenfieber nur halb so groß.

Und die Psalmtöne? Was ist das überhaupt? Diese römischen Ziffern da, in den Notenzeilen mit den dicken Noten drin, ohne Hals, dafür mit Sternchen? „Kann ich nicht!“?

Ihr habt Recht! Das kann man wirklich nicht einfach so! Das können nicht mal Musikwissenschaftler, ohne sich im Studium darauf spezialisiert zu haben. Es ist ein echtes Spezialwissen von Kirchenmusikern. Und unglaublich spannend! Laßt es euch nicht entgehen!

Was sagt ihr? Warum singen nicht die Organisten? Ihr habt recht – das dachte ich auch erst: Jetzt, wo wieder Studierende der Kirchenmusik orgeln – sollen sie doch gleich noch singen, sie lernen’s doch eh. Aber der Pfarrer sagt, sie haben genug zu tun mit dem Orgeln, und von der Gemeinde weg in die Orgel hinein zu singen, ist außerdem dem Textverständnis nicht wirklich förderlich.

Ach – und die Priester selber? Sollen die doch? Ja, das machen sie schon, in den Alltagsmessen, wenn sie im Altarraum alleine oder fast alleine stehen. Aber sie haben genug zu tun, vor dem Evangelium, mit Weihrauch und überhaupt. Sie möchten nicht auch noch kantorieren müssen. Sagt der Pfarrer.

Also werdet ihr wirklich gebraucht! Und weil ihr alles selber lernen könnt (regelmäßig die Messe besuchen, glauben, Tönetreffen – hier hilft übrigens auch ein regelmäßiger Besuch der Cäcilini-Proben) 😉außer den Psalmtönen, gibt es sie demnächst: Die Kantorenschule. Und wirklich wie erhofft bereits jetzt, direkt nach den zweiwöchigen Herbstferien. Nach einigen Gesprächen hat Pfarrer Gothe Herrn Ekkehard Fellner mit fünf Unterrichtsstunden beauftragt, die der im Bistum bestens bekannte und beleumundete (das heißt: alle finden ihn gut!) Theologe, Kirchenmusiker und Chorleiter wöchentlich jeweils mittwochs abends ab 18.30 Uhr im Elisabethsaal abhalten wird. Es beginnt mit dem 23. Oktober. Der für die Teilnehmenden kostenlose Kurs wird mit den Schlagworten „Antiphonen, Psalmtöne, Hallelujaverse“ im Pfarrblatt beworben und richtet sich keineswegs nur an Anfänger.

Die Ankündigung im aktuellen Pfarrblatt (Screenshot, 6.10.2019)

Wer immer schon mal nach ausnotierten Melodien, nach Gefühl oder nach Schnellbesohlung in der Heimatpfarrei kantoriert hat und tiefer in die Geheimnisse der Psalmtöne, ihrer Regeln und ihrer Zusammenhänge mit den verschiedenen Hallelujaversen eintauchen will, ist ebenso herzlich eingeladen wie blutige Anfänger, die Zwischengesänge bisher nur passiv wiedererkennen.

Daß das Recht, angefordert zu werden und Verantwortung übertragen zu bekommen, mit dem Recht einhergeht, ein Feedback zu bekommen und für die eigenen Aktionen mit Werbung und Zuspruch unterstützt zu werden – das hat eine Firmbewerberin mit unserem Pfarrer im August in der Mittagessenschlange in Taizé schon geklärt. Jetzt ist also nur zu hoffen, daß die Termine auch in den mündlichen Vermeldungen erwähnt werden und tatsächlich ein bißchen Werbung gemacht wird. Nicht jeder liest das Pfarrblatt.
Und eine Bitte geht an alle Leiterinnen und Leiter von Gruppen mit Jugendlichen, ebenfalls Werbung für die Kantorenschule zu machen. Damit der Kurs voll wird, Herr Fellner sein Wissen an möglichst viele Interessierte weitergeben kann und die Gemeinde mutige junge Kantoren und Kantorinnen gewinnt.

Cornelie Becker-Lamers

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