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Sketch des Monats: Der Kantorennachwuchs

Ein Sketch für vier Personen

Wundersdorf, Oderbruch. Im Wohnzimmer der Familie Langenfeld. Edith und Richard sitzen auf dem Sofa, im Sessel Lilly, eine Freundin aus dem sonnigen Südwesten. Sie hat vor Jahren eine Weile in Wundersdorf gelebt und ist auf einer zweiwöchigen Besuchstour im Osten unterwegs. Die drei trinken Tee zusammen, unterhalten sich und begucken nebenbei Lillys Fotos von ihrem Aufenthalt in Dresden zwei Tage zuvor.

Lilly (scrollt auf ihrem Smartphone): Und hier – in der Hofkirche (Sie zeigt das Foto herum).

Edith: Ah ja, die Kanzel. Schön!

Richard: Jaaaa! Dieser Löwe! Ich liebe diesen Löwen! (Er erbittet sich das Smartphone und zoomt sich den Löwen ran.)

Dresden, Hofkirche; Kanzel (Ausschnitt; eigenes Bild)

Edith: Dort warst du wohl in der Messe?

Lilly (nimmt das Smartphone wieder an sich und scrollt weiter): Ja, Sonntag um zehn. Und da war ein Kantor … du schmeißt dich weg … soooo süß … einer von den Kapellknaben, wißt ihr? Schön im liturgischen Gewand, weiß und rot, das haben die ja da alle … (die drei blicken sich vielsagend an und Edith und Richard nicken. Sie wissen, worauf Lilly anspielt …) Ich sage euch, der konnte kaum auf den Ambo gucken, so klein war der, aber hat so schön gesungen – ah! Das ist auch ein lustiges Bild (Sie zeigt das Foto herum)

Edith: Nur die Kuppel der Frauenkirche hinter einem Wall? Wo hast du denn den Blick erwischt?

Dresden, hinter den Brühlschen Terrassen, die Kuppel der Frauenkirche (eigenes Bild)

Lilly: Ich weiß nicht mehr … irgendwie da die Brühlschen Terrassen lang – und … ach, ich bin so in Gedanken gelaufen. (Sie scrollt.) Aber sagt mal … wir hatten hier doch auch mal so gute junge Kantoren … gibt’s die noch?

Edith: Du meinst die Jungs? Ach! Da singen doch längst …

Teresa (von draußen): Mamaaaaaaaa! (Sie kommt ins Wohnzimmer gestürmt.) Ah! Hallo Lilly! Wie geht’s? (Sie gibt Lilly die Hand und wendet sich, bevor Lilly antworten kann, gleich wieder Edith zu) Mama! Ich brauche heute die 60 Euro für die Abschlußballkarten!

Edith: Teresa! Du kommst hier einfach reingestürmt … wir unterhalten uns gerade!

Teresa: Mama! Bitte! Jetzt! Matthias wartet schon unten. (Sie wedelt mit den Händen.) Kannst du mir das Geld bitte jetzt geben?

Edith (verläßt seufzend mit Teresa den Raum, zu den andern): Bin gleich wieder da.

Lilly (grinst): So war ich früher auch! Immer alles auf den letzten Pfiff! (Sie legt ihr Smartphone beiseite.)

Richard (trinkt einen Schluck Tee): Klar (Er grinst.) Wenn man immer die Erfahrung macht, daß irgend jemand es schon rausreißen wird … Aber sonst ist sie ein gutes Kind! Das wird schon.

Lilly: Na klaaaar! Und groß geworden! Donnerwetter! Die hätte ich ja auf der Straße kaum erkannt … eine richtige junge Dame!

Richard (nickt; mit Vaterstolz): Mhm! Aus Kindern werden Leute.

Edith (kommt wieder ins Zimmer, während man draußen die Wohnungstür ins Schloß fallen hört): So. Dann wäre das auch erledigt. – Wo waren wir stehengeblieben?

Lilly: Beim Wundersdorfer Kantorennachwuchs. Ich hatte gesagt, da gab es doch ein paar junge Leute, die so herrlich gesungen haben, damals, mit dem tüchtigen Kaplan, als wir hier den Jugendchor noch hatten. Und du wolltest glaube ich gerade sagen, da singen doch längst deren Kinder? Mein Gott – ich war so lange nicht hier! (Sie schüttelt den Kopf.)

Edith: Ach so! (Sie lacht.) Neenee – ich wollte sagen, da singen doch längst wieder die Eltern. (Sie gräbt lachend ihr Gesicht in beide Hände.)

Lilly (entgeistert): Wie? Die Eltern?

Richard: Na ja – die Eltern eben.

Lilly: Ja aber …

Edith (öffnet die Hände): Na, die jungen Leute sind weggezogen … Studium, Beruf, keine Ahnung. Tilman, den du jetzt wahrscheinlich meintest …

Lilly: Genau! Tilman hieß der eine von ihnen.

Edith: … der ist inzwischen unten bei euch da … Freiburg die Ecke.

Lilly: Und dann kantorieren wieder die Eltern? Naja – die können es immerhin sicher. Und irgendeine Altersgrenze gibt es wohl nicht? Wie damals auf der Orgelbank …

Edith: Altersgrenze? Hm. (Sie schaut Richard an) 50, würde ich sagen (Sie lacht.)

Lilly: Ach! … Wie? … Ich dachte …

Richard (grinst bitter): … Mindestalter!

Lilly (lacht auf): Du guter Gott!

Richard: Es wird natürlich Nachwuchs bei den Kantoren gesucht. Stand im Pfarrbrief. Aber wer den liest, der hatte es auch schon selber gemerkt.

Lilly (nickt verständnisvoll): Und – der Pfarrer klappert die Kinder- und Jugendchöre seiner Pfarrei ab und versucht in den Proben die Jungs und Mädchen zu begeistern?

Edith: Ääääh … (sie blickt Richard hilfesuchend an) … ich bin mir nicht sicher … ob er mal selbst in die Proben geht …

Richard (sarkastisch): Ich glaube, er wartet eher darauf, daß sich irgendwann jemand nach der ersten Lesung in Ninja-Manier aus der Kuppel abseilt und den Ambo entert.

(Die beiden Frauen malen sich die Situation aus und lachen.)

Edith: Ja … Kantorieren … das ist ja gar nicht so einfach!

Richard: Neenee, das muß man schon ein bißchen vorbereiten … wenn man da Nachwuchs haben will …

Edith: … mal ‘ne Schulung anbieten oder so …

Richard: … ein bißchen langfristig.

Lilly: Ah ja! Wie war das gerade? Immer alles auf den letzten Pfiff? Scheint nicht nur ein Problem von Jugendlichen zu sein …

ENDE

Cornelie Becker-Lamers

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf! Bloß gut, daß Weimar bisher noch wirklich tonsichere Erwachsene der mittleren bis älteren Generation zum Kantorieren hat. Aber ein paar Jugendliche wären schon gut – wegen der Vorbildwirkung für andere Jugendliche! Denn wenn man – auch als Lektoren – immer nur Gemeindemitglieder am Werk sieht, die 40 Jahre und mehr älter sind als man selber – kommt man dann auf die Idee, dieser Dienst könnte auch was für einen selber sein? Wir (ein paar Leute, mit denen ich mich unterhalten habe und ich selber) denken: nein.

Vielleicht halte ich dazu irgendwann nochmal ein paar Stichpunkte fest, hier auf PuLa. Das heute war – pünktlich zum Ehrenamtsdank, der an diesem Samstag wieder stattfindet – erstmal ein kleiner satirischer Einstieg, von dem ich hoffe, daß niemand ihn übelnimmt.

Manchmal werden unsere Satiren ja von der Realität eingeholt und bleiben dahinter zurück. Diesmal haben wir die Sache ein bißchen zugespitzt, um das Problem deutlich zu machen. Denn zum Glück hat Weimar ja außer den guten altgedienten Kantoren seine berühmten WWF (Winzigen Weimarer Freundeskreise). Und da findet sich denn auch unter den Kantoren über kurz oder lang jemand, der jemanden kennt, der jemanden kennt. Und so wird es denn mit Gottes (und Gothes) Hilfe vielleicht schon nach den Herbstferien etwas werden, mit der Schulung. Und dann vielleicht auch mit den jugendlichen Nachwuchssängerinnen und -sängern. Eine einzelne tapfere Newcomerin haben wir bis dahin schon mal dingfest gemacht. Aber sie sollte im Kantorendienst nicht allein in ihrer Generation bleiben!

Ach ja: Den kleinen Kapellknaben, der kaum auf den Ambo gucken konnte und der trotzdem schön kantoriert hat, den gibt es wirklich. Den haben wir am 12. Mai 2019 (Muttertag)

Eine Pietà aus Meißner Porzellan

selbst in der Hofkirche erlebt.

Cornelie Becker-Lamers

Ein Trackback/Pingback

  1. Pulchra ut Luna › Die Kantorenschule on Sonntag, 6. Oktober 2019 um 20:30

    […] doch gar nicht so einfach. Neue Kantorinnen und Kantoren zu finden, meine ich. Gerade unter Jugendlichen. Ich hatte mir das deutlich einfacher vorgestellt, als ich im Sommer begann, einzelne Jugendliche […]

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