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„Katholiken waren immer wenige“

Interessiert blättert der zierliche alte Herr in den Publikationen und Aufführungslisten, die ich zum Gemeindefest auf dem Infotisch der Cäcilini ausgelegt habe. Ich erzähle, daß ich u.a. deswegen begonnen habe, für diese Gruppe zu komponieren, weil die Musicals und Singspiele, die die Verlage anbieten, in aller Regel wesentlich mehr Mitwirkende voraussetzen. „Es kommt doch niemand auf die Idee, daß man sich mit unter zehn Kindern traut, ein Singspiel in Angriff zu nehmen.“ – „Ja“, antwortet er und nimmt das Plakat mit den Aufführungsfotos in Augenschein, „Katholiken waren immer wenige.“

Das stimmt. Wo, wie in Weimar, der katholische Ritus über Jahrhunderte verboten war – das „cuius regio, eius religio“ ignorierten die protestantischen Fürsten bekanntlich zwar dem Kaiser gegenüber, von den Fürsten ‚abwärts‘ aber wurde es spätestens nach dem Augsburger Religionsfrieden 1555 mit Härte und Vertreibungen durchgesetzt –, wo die Pfarreien nach ihrer Wiedergründung nur durch Zuzug langsam wieder wachsen konnten, stellen die Katholiken bis heute eine Minderheit.

Ok. Wir sind also wenige. Aber wie wenige? Als eine Studie des Mitteldeutschen Rundfunks Mitte Juni 2016 fälschlicherweise von einem Konfessionslosenanteil in Weimar in Höhe von 94 Prozent der Bevölkerung sprach (eine Schlagzeile von der „gottlosesten Stadt Deutschlands“ machte genüßlich die Runde), lieferten die Gegendarstellungen aus katholischer Pfarrei und evangelischem Kirchenkreis aktuelle Zahlen:

Pfarrer Timo Gothe von der katholischen Herz-Jesu-Gemeinde bestätigte am Freitag auf Anfrage: ‚In Weimar leben 4.273 Katholiken und 11.054 evangelisch-lutherische Christen, das sind 6,51 Prozent plus 16,87 Prozent der Bevölkerung.‘ Hinzu kämen noch die freikirchlichen Protestanten und die orthodoxen Christen. Damit ist in der rund 64.000 Einwohner zählenden Stadt rund jeder vierte Bürger ein Christ“,

hieß es im entsprechenden Artikel unserer Lokalzeitung. Damit leben in Weimar zweieinhalb mal so viele evangelische Christen wie katholische.

Diese Zahlen standen mit wieder vor Augen, als diesen Sommer die evangelischen Singschule der Stadtkirche unter deren hauptberuflichem Kantor Kleinjung das Kindermusical „Das Goldene Kalb“ von Gerd Peter Münden aufführte. Im kurzen Bildbericht der Lokalzeitung war von einem Chor aus 60 mitwirkenden Kindern die Rede und davon, daß dies nur „die älteren Jahrgänge der evangelischen Singschule“ seien.

Wenn wir uns vor Augen halten, was die katholische Pfarrei derzeit an singenden Kindern und Jugendlichen mobilisieren kann, so sind dies keinesfalls die prozentual erwartbaren 24 Heranwachsenden plus Nachwuchs-Kinder- oder -Krabbelchor, sondern die sechs Cäcilini. Sie sind die sprichwörtlichen letzten Mohikaner, die noch als Gruppe gemeinsam – und dann jeweils zur großen Freude aller Zuhörenden – Singspiele, Meßgestaltungen, Adventssingen oder musikalische Umrahmungen wie die des Festaktes zum 100jährigen Eintreffen der Elisabethschwestern in Weimar am 3. Oktober 2019 vorbereiten und ausführen.

Katholiken sind wenige. Aber nicht so wenige. Wenn die Anzahl der singenden Heranwachsenden – aus deren Reihen auch die drei Jugendlichen kamen, die an der ersten Sitzung des seit vorvergangenen Mittwoch laufenden Kantorenkurses teilnahmen – sich auf höchstens ein Zehntel dessen beläuft, was die Stadtkirche auf die Beine stellt, können wir uns nicht hinter der historischen Unterdrückung unseres Glaubens verstecken. Dann müssen wir uns, alle miteinander, vor allem aber Hauptamtliche und Gremienmitglieder, an die eigene Nase fassen, Ideen entwickeln, reden, werben und trommeln was das Zeug hält, damit die Zustände in unserer Pfarrei, für unsere Kinder und Jugendlichen, für unseren Glauben und unsere Messen und Veranstaltungen, sich erheblich verbessern.

Austausch, Austausch, Austausch! Werbung, Werbung, Werbung!

Für ihre Kirchensteuern können die Eltern zwar nicht verlangen, daß in der Kinder- und Jugendseelsorge alles funktioniert. Aber sie können erwarten, daß man es nach Kräften versucht. 

Cornelie Becker-Lamers

PS: Ob das „Gehet hin in Frieden“, das heutzutage die Messe beschließt, allzu beruhigend wirkt? Rufen wir! Rufen wir uns in Erinnerung, wie es über Jahrhunderte hieß: „Ite! Missa est!“ – „Geht! Ihr seid gesendet!“

„Ja, so woarn’s, die oalten Rittersleit“: Sangesfreudiger Pfarrer – k(l)eine Chöre: Wie paßt das zusammen? Auftritt des „KOR-Chor“ zum Gemeindefest am 23. Juni 2019 (eigenes Bild)

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