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Sketch des Monats zu Nikolaus (ohne Titel…)

Das Stunt-Schaf (großspurig): Hey, warum haben wir keine Anmoderation?

Kohle (zuckt die Achseln): Vielleicht ist der Layouter für die Überschriften krank. (Er grast weiter.)

Das Stunt-Schaf (regt sich künstlich auf): Aber dann wissen wir ja nichts! Ist das hier eine Herde und untereinander befreundet oder seid ihr frisch zusammengewürfelte Schafe? Ist das hier ein Existentialisten-Blog oder schlägt man hier romantische Töne an? Wie sollen wir uns verhalten? Grasen wir? Liegen wir? Ah! Diese Amateure!

Wolle (runzelt die Stirn): Blas‘ dich hier mal nicht so auf wegen deiner kleinen Flugnummer! Halt doch einfach die Luft an und guck, was sich ergibt. Wir treten seit Jahren gemeinsam auf und es war noch jedes Mal eine runde Sache.

Kohle (grinst): Was die Frage nach der grundsätzlichen Ausrichtung des Blogs angeht, so dürfte für dich als Stunt-Schaf das Geworfensein der Existentialisten auf jeden Fall keine Hürde darstellen …

Flocke (zieht eine Augenbraue hoch): Paß‘ einfach ein bißchen auf, wenn Du irgendwo neu bist: Das hier hat weder mit Existentialismus noch mit Romantik viel zu tun!

Das Stunt-Schaf (wirft den Kopf zurück): Pf! Anfänger! Sagt ihr mir wenigstens, welche Tages- oder Jahreszeit es ist? Oder wißt ihr das auch nicht?

Blütenweiß (spitz): Du bist ja immerhin schon mal ziemlich langhaarig frisiert …

Grauchen (ebenso): Könnte dir schon mal ein Hinweis sein.

Das Stunt-Schaf (überheblich): Das sagt gar nichts: Mir ist vorhin ein Schaf mit rappelkurz geschorenem Fell begegnet … da drüben steht sie jetzt, ein bißchen abseits. (Amüsiert) Sie hat versucht, mir den Zutritt zur Weide zu verwehren. Haha!

Kohle: Ach ja, Krutzi …

Wolle: Die fällt immer schon mal ein wenig aus der Rolle.

Flocke: Aber du bist ja offenbar mit ihr fertig geworden.

Das Stunt-Schaf (herausfordernd): Na aber hallo! Also? Welche Jahreszeit?

Kohle (pädagogisch): Um welches Thema geht’s denn? Hat man dir das gesagt?

Das Stunt-Schaf: Selbstverständlich! Denkst du, ich nehme blindlings jeden Auftrag an? Es geht um Nikolaus!

Wolle (geduldig): Na also: Winter!

Das Stunt-Schaf: Ich habe auch schon auf der Südhalbkugel gespielt …

Flocke (wendet sich stöhnend ab): Womit haben wir das verdient?

Blütenweiß (sanft): Flocke! Schnauf‘ hier nicht rum! Wir sind eine Herde und haben es nicht nötig, jemanden auszugrenzen.

Flocke (ungehalten): Ich hab‘s aber auch nicht nötig, mir von so einem aufgeblasenen …

Das unfrohe Wortgeplänkel wird glücklicherweise durch das vertraute Tuckern des Pritschenwagens unterbrochen, der Fixi und Huf aus der Stadt zurückbringt. Die beiden Lämmchen kommen, ihre Rucksäcke auf dem Buckel, zur Herde gesprungen.

Flocke (kuschelt kurz mit beiden Lämmchen): Hallo, ihr beiden, schön daß ihr gesund wieder hier seid! Es war so windig!

Fixi: Das kannst du laut sagen!

Huf: Aber in der U-Bahn ging’s.

Flocke (streicht Fixi liebevoll über’s Fell): Ihr seht aber auch tüchtig gegen den Strich gebürstet aus!

Huf: Wie unsere Nikolaus-Geschichte.

Kohle: Ja! Erzählt mal!

Fixi: Wir wollten ja das mit der Namensgebung herausbekommen.

Huf: Aber es hat nicht ganz geklappt!

Fixi (setzt sich hin und packt ihre Notizzettel aus): Also, die Bestandteile sind klar:

Huf: νίκη [Nike], der Sieg und λαός [Laos], das Volk.

Fixi: Und jetzt war die Frage: Heißt es „Sieg des Volkes“ oder „Sieg über das Volk“?

Huf (schlicht): Also letztlich die Frage nach der Übersetzung als genitivus objektivus oder als genitivus subjektivus.

Die Schafe hören aufmerksam zu. Bis auf das Stuntschaf natürlich. Für das muß sich die Regie was überlegen.

Fixi: Wie gesagt liest man überall „Sieg des Volkes“ …

Huf: … außer im Krünitz (Verweis hier)

Fixi: Nun haben wir nochmal ein bißchen nach den genauen Wortbedeutungen …

Huf: … eigentlich den Konnotationen …

Fixi: … und damaligen Bedeutungen des Wortes λαός geschaut …

Huf: … denn έθνος [Ethnos] heißt ja schließlich auch „Volk“!

Fixi: Und da haben wir gelesen, daß λαός tatsächlich im Gegensatz zu έθνος gebraucht wurde und das auserwählte Volk Israel meint.

Die Schafe (durcheinander): Ach so! – Na klar! – Okääääääi!? – Da brat mir einer ‘n Storch! – Da hätten wir auch schon mal früher drauf kommen können.

Kohle (platzt heraus): Aber wenn λαός im Gegensatz zu έθνος das auserwählte Volk Israels meint …

Fixi (engagiert): … dann kann bei einem „Sieg“ dieses „Volkes“ eigentlich kein spezifisch christlicher Heiliger herauskommen!

Huf (etwas verzweifelt): Bei einem „Sieg über“ dieses „Volk“ doch aber eigentlich auch nicht, denn die griechischen Städte, um die es in den Nikolausgeschichten geht …

Fixi: … zum Beispiel Ephesos …

Huf: … sind ja nicht jüdische Städte, sondern praktizieren heidnische Kulte …

Fixi: … ihr wißt schon, Diana Ephesia und so …

Huf: … wie in der Apostelgeschichte steht.

Fixi: Wenn man dann hinzunimmt, daß es Darstellungen gibt, in denen Nikolaus „gegen Kultbilder und Dämonen“ vorgeht…

Huf (unterbricht sie): Fixi! Die sind doch viel später! Diese Ikonen waren 19. Jahrhundert!

Fixi: Ach so! Ok! Hast recht!

Huf: Nein, aber er wurde sogar manchmal als „Gott des Volkes“ bezeichnet, weil er so populär war!

Fixi: Das ist nun aber auch später!

Huf: Stimmt!

Fixi: Für die Zeit der Namensgebung haben wir eigentlich nichts gefunden, was uns irgendwie weitergebracht hätte.

Flocke: Was sagt denn Hans Jürgen?

Wolle: Wart ihr bei ihm in der Humboldt-Uni?

Fixi: Ja! Er hat ein tolles Dienstzimmer Unter den Linden.

Huf: Aber er weiß es auch nicht. Es ist vom Wort her nicht entscheidbar, wie es zu übersetzen ist. Man muß es aus dem Kontext erschließen.

Blütenweiß: Verstehe! Und den haben wir nicht wirklich!

Grauchen (ketzerisch): Weil man ja auch gar nicht weiß, ob Nikolaus überhaupt gelebt hat …

Fixi (überhört die Spitze): Ich weiß! Das habe wir ja letztes Jahr schon herausgefunden. Aber das ist doch auch völlig gleichgültig, solange er als Figur funktioniert hat und funktioniert!

Huf (tadelnd): Eben nicht gleichgültig! Mit der Namensgebung wollte man doch etwas aussagen, als man die Geschichten weitererzählt hat.

Grauchen: Schon gut, schon gut!

Fixi: Fassen wir zusammen: Bei „Sieg des λαός“ käme kein christlicher Heiliger heraus – es sei denn natürlich, man hätte den Begriff vom jüdischen auf das christliche Volk übertragen …

Huf: … und bei „Sieg über das Volk“ müßte er „Nikethnos“ heißen.

Kohle: Oder vielleicht „Nikodemus“? δημος [Demos] heißt doch auch Volk?!

Die Schafe gucken sich verblüfft an und fangen, bis auf das Stunt-Schaf, fürchterlich an zu lachen.

Huf (nach einer Weile): Ok, Fixi, ich weiß schon, was wir nächstes Jahr zu Nikolaus machen …

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers

 

3 Trackbacks/Pingbacks

  1. Pulchra ut Luna › Sketch des Monats: Das Drehbuch on Sonntag, 19. Januar 2014 um 13:32

    […] Schafweide. Es herrscht reges Treiben. Zunächst fällt das trainierende Stuntschaf ins Auge, das, mit einem riesigen schwarzen Mantel bekleidet, in verschiedenen Sprungübungen quer […]

  2. […] auf die beiden Lämmchen, von denen sie eine ja nun schon zur Tradition gewordene (hier und hier) spannende Geschichte zum Thema Nikolaus erwartet. Haben sie es auch in diesem Jahr […]

  3. Pulchra ut Luna › Sketch des Monats: Das Drehbuch on Sonntag, 28. Juli 2019 um 22:30

    […] Schafweide. Es herrscht reges Treiben. Zunächst fällt das trainierende Stuntschaf ins Auge, das, mit einem riesigen schwarzen Mantel bekleidet, in verschiedenen Sprungübungen quer […]

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