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Sketch zum Nikolaustag: Der schwarze Peter

 

Der schwarze Peter

Sketchlet für fünf Schafe, zwei Lämmchen und beliebig viele Schafstatisten

 

Wundersdorf, Schafweide. Friedlich rupft die Herde das Gras zwischen den ersten Schneeflecken aus. Die ganze Herde? Nein: Eine Gruppe um Kohle, Flocke, Wolle, Grauchen und Blütenweiß frißt nicht, sondern wartet ungeduldig auf die beiden Lämmchen, von denen sie eine ja nun schon zur Tradition gewordene (hier und hier) spannende Geschichte zum Thema Nikolaus erwartet. Haben sie es auch in diesem Jahr geschafft?

Wolle: Wo haben sie eigentlich diesmal recherchiert?

Blütenweiß (mitfühlend): Eben: Zur Bibliothek können sie ja jetzt erstmal nicht.

Grauchen: Ich glaube, sie waren regelmäßig im „Bacchos“.

Wolle: Nun, das ist ja aller Ehren wert – wenn ich sie dazu auch noch ein wenig zu jung finde … Aber das „Bacchos“ ist ein Wirtshaus und keine Bücherei!

Grauchen (lacht): Da hast du recht. Aber dort liegen immer die Tageszeitungen aus. Die haben die beiden durchgesehen und sich die wichtigsten Seiten erbeten.

Flocke (strahlt): Brave Lämmchen!

Kohle (grunzt): Naja, und mein Tablet im Unterstand haben sie, fürchte, auch heimlich konsultiert … ich war mit dem Paßwort zu unvorsichtig …

Blütenweiß (deutet zum Hügel): Seht mal!

Fixi und Huf kommen über den Hügel auf die Gruppe zu gesprungen und setzen ihre Rucksäcke ab.

Huf (schnauft): Da wären wir!

Flocke: Um nicht zu sagen: Da seid ihr! Wie schön!

Huf: Ich habe hier den Konjunktiv II verwendet, um unsere Ankunft als Resultat einiger Mühen deutlich werden zu lassen.

Kohle: Ihr wart im „Bacchos“?

Fixi: Ja! Von dort haben wir immer die Zeitungen bekommen …

Huf: … und haben gelesen, daß die Figur des Zwarten Piet in den Niederlanden auch in diesem Herbst wieder hohe Wellen geschlagen hat!

Blütenweiß: Wellen geschlagen?

Fixi: Ja, als der Nikolaus und der Zwarte Piet auf dem Schiff in Gouda ankamen.

Kohle (ärgerlich): Ach, das ist doch Käse! Was soll der Blödsinn? Eine so vielschichtige und verwobene Tradition aus so verengtem Blickwinkel zu betrachten …

Grauchen: Wieso kommen sie mit dem Schiff?

Huf: Weil Nikolaus der Patron der Seefahrer ist – die ältesten Legenden fußen auf Schiffswundern.

Wolle: Und da kommt der niederländische Nikolaus sozusagen immer  direkt aus Myra?

Fixi: Nein! Interessanterweise wird gespielt, er käme aus Spanien!

Grauchen: Aaaah! Das klingt ja sehr habsburgisch … aus dem katholischen Spanien kommt der Heilige in die abgefallene Provinz?

Flocke: Klar! Und bringt von dort den „Mohren“ mit, den „Mauren“! Völlig logisch!

Kohle: Stimmt! Die Mauren saßen ja in Spanien von 711 bis 1492 …

Grauchen: … und haben bis heute jede Menge Spuren hinterlassen.

Flocke: Und was ist daran nun rassistisch?

Huf: Also, das Problem ist, daß die Legende vom Bischofsbegleiter …

Wolle: … den gibt es doch andernorts auch: die Krampusse in Österreich …

Blütenweiß: … eben, und Knecht Ruprecht …

Fixi (geht auf die Unterbrechung ein): Jajaja! Die Krampusse sind sogar in ganz ehemals Österreich-Ungarn verbreitet: Norditalien, Slowenien, Kroatien …

Kohle: … schon wieder Habsburg?

Huf: Ja, aber bei allem Respekt: viel viel älter!

Fixi: Denn die Verkleidung als Teufel wurde zur Zeit der Inquisition bereits verboten.

Grauchen: Puh! „Zur Zeit der Inquisition“ … das sind ja auch locker fünf- sechshundert Jahre …

Fixi: Naja, ich nehme an, das meint die frühe Neuzeit, 16. Jahrhundert, das ist zumindest die Zeit mit dem schlimmsten Hexenwahn.

Flocke: Genau!

Wolle: Bekanntlich jedenfalls nicht das Mittelalter!

Huf: Aber eben auch garantiert nichts, was irgendwie zu einer kolonialistischen Zeit passen würde.

Fixi: Und der Tuifl-Krampus ist dann zum Teil in den Knecht Ruprecht umgewandelt worden, der allerdings auch ältere Bräuche aufsaugen muß, denn sein Name kommt von der Rauhpercht – Rauh-Percht wird zu Ru-Precht …

Huf (dozierend): … also eine klassische Liquidmetathese

Fixi (guckt Huf ärgerlich an): … und die Rauhpercht ist eine germanische Fruchtbarkeits- und Regengöttin, die in vorchristlicher Zeit auch umging.

Flocke: Das hattet ihr glaube ich schon mal erzählt.

Fixi: Kann sein! Jedenfalls ist diese Figur aber völlig hinter dem Knecht Ruprecht verschwunden, sonst hätte Luther den Ruprecht nicht über den Nikolaus gelegt.

Grauchen: Hä?

Huf: Nikolaus war das winterliche Geschenkfest. Das paßte Luther nicht, er wollte den Heiligengedenktag abwerten und hat das Christkind erfunden, das die Geschenke bringt.

Wolle: Und aus dem Nikolaus wurde der Weihnachtsmann mit den vielen Geschenken.

Grauchen: … und den Coca-Cola-Farben.

Fixi: Da ist in puncto Weihnachtsmann was dran!

Huf: Santa Claus wurde nämlich von holländischen Auswanderern in den USA eingeführt.

Fixi: Womit wir endlich wieder beim Thema wären!

Kohle (blinzelt Huf zu): Konjunktiv II?!

Blütenweiß: Die vielen Geschenke sind aber nicht in Zusammenhang mit dem Weihnachtsmann erfunden worden?

Huf: Neee! Das ist ganz alt! Denk an die Urlegende von den drei goldenen Kugeln! Neinein! Auch dieses Abfragen, ob die Kinder brav waren, ist sehr alt. Früher war die verbindliche Tagesperikope das Gleichnis von den anvertrauten Talenten (Mt 25, 14-30).

Kohle: Ah! Man fragte die Kinder also, ob sie auch tapfer ihre Talente weiterentwickelt haben?! Sehr schön!

Wolle: Eigentlich sollte man mal einen Nikolaus zu unserer Gemeindeleitung schicken und der ein bißchen auf den Zahn fühlen …

Flocke: … wie sie mit den Talenten in ihrer Gemeinde so umgeht?

Grauchen (sarkastisch): Oh! Da wird dem armen Knecht Ruprecht vom Verhauen ja der Arm lahm!

Blütenweiß (ketzerisch): Ob Hochwürden deshalb über Nikolaus in Urlaub gegangen sind?

Fixi (genervt): Könnten wir jetzt mal weitermachen?

Die Schafe sind mucksmäuschenstill und warten bereitwillig Fixis Kunstpause ab.

Fixi (mit einem Na bitte-geht doch!-Gesicht): Der Zwarte Piet ist der typische Begleiter des Nikolaus, den es überall dort gibt, wo Nikolaus gefeiert wird. Immer irgendwie als gebändigter Dämon, manchmal wirklich als Monster in Ketten. AAABER! Aber in den Niederlanden hat sich Mitte des 19. Jahrhunderts …

Wolle: … also sozusagen vorgestern …

Fixi: … aber immerhin auch schon wieder vor 150 Jahren die Figur äußerlich so gewandelt, daß sie als ‚Sarotti-Mohr‘ und schwarzer Diener des Heiligen daherkommt.

Huf: Und es hat sich eine Handvoll schwarzer Holländer gefunden, die sagen, sie würden im Januar aufgezogen mit: „Na, du hast wohl das Schiff zurück nach Spanien verpaßt?!“

Wolle: Ach so!

Flocke: Das ist alles?

Blütenweiß: Naja, aber wenn es die Niederländer wirklich von sich aus so empfinden …

Fixi: Quatsch! Auf so was kommt man doch nicht! Das hat ein Berufsopferfinder vom UNHCR erfunden …

Huf: … eine jamaikanische Professorin, die gefordert hat, man solle den Brauch wegen Rassismus abschaffen.

Kohle: Einen Brauch, den es länger gibt als Schwarze auf Jamaika?

Grauchen: Schon irgendwie lustig …

Fixi: Naja, der Spaß hört aber schon auf, wenn durch solche Aktionen rechte Demagogen die Lacher auf ihrer Seite haben, wenn sie tönen, besser schaffte man die Vereinten Nationen ab als Sinterklaas und Zwarte Piet!

Huf: Jedenfalls ist es so hochgekocht, daß bei den Anti-Piet-Demos ein paar Berufsdemonstranten aufgelaufen sind und richtig Randale gemacht haben, so daß es zu 90 Festnahmen kam.

Fixi: Und die Arbeitsgruppe beim UNHCR fordert jetzt, daß man die Figur „anpaßt“, und die Piets malen sich blau und grün an und sagen, das Schiff sei durch einen Regenbogen gefahren!

Die Schafe (stöhnen durcheinander): Oooooh no! – Das ist ja wohl völlig … Sooo vorhersehbar … Nicht schon wieder …Der arme Regenbogen ..

Kohle: Eigentlich müßte die Figur ja nicht weiter angepaßt, sondern die Anpassung des 19. Jahrhunderts rückgängig gemacht werden. Der Teufel ist bekanntlich überall einheimisch …

Wolle: Also, ich glaube, da kann man ganz schwer was ’zu sagen …

Grauchen: Der Brauch ist einfach so alt, daß er sich regional so unterschiedlich ausgeprägt hat …

Kohle: Und überall hat er seine eigene Tradition.

Flocke: Jedenfalls vielen Dank, ihr beiden, daß ihr uns das so schön dargestellt habt!

Blütenweiß: Brave Lämmchen!

Fixi (guckt Huf lachend an): Ich würde sagen:

Beide zusammen: „Das hätten wir!“

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

3 Trackbacks/Pingbacks

  1. […] Fest der Geschenke in Erinnerung an die guten Taten des Hl. Bischofs von Myra (vgl. hier und hier), da gibt es natürlich auf PuLa etwas extra. Wir haben sie zum „Vorabend“ schon erwähnt, die […]

  2. Pulchra ut Luna › Dove Sveta (Folge 2) on Montag, 14. November 2016 um 18:28

    […] Fixi (blickt Huf streitlustig an) Das mit dem Konjunktiv hatten wir doch schon mal. […]

  3. Pulchra ut Luna › Der Herrschekloes on Freitag, 8. Dezember 2017 um 15:01

    […] Wie sieht der Zwarte Piet dieses Jahr […]

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