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Die Auswertung

Kurz vor Beginn der Karwoche ist vielerorts die Zeit der Bußgottesdienste. So auch in Wundersdorf. Aber die Auswertung, die geschieht ganz woanders…

 

Die Auswertung

Ein Sketch für Eine Stimme und eine Engelgestalt

 

Endloses Blau. Reines Licht. Erzengel Michael, Patron der Deutschen, erkennbar an einem runden Schild mit der lateinischen Übersetzung seines Namens: „Quis ut Deus“ (= „Wer ist wie Gott“), hat sich zum Rapport eingefunden, damit in der Auswertung deutscher Bußgottesdienste der alljährliche Ratschluß erfolgen kann, welche Priester der Heilige Geist noch einmal mit besonderer Beachtung erleuchten sollte.

Michael: Etwas Eigenartiges hat sich im Brandenburgischen zugetragen, in Wundersdorf, wo ein gewisser …

Die Stimme: Keine Namen, bitte! (Unauffällig pfeifend stiehlt sich ein Knäuel Dunkler Materie davon.) Hier haben die Wolken Ohren!

Michael: Verzeihung! …wo eine Formulierung des vergangenen Jahres aufgegriffen wurde und der Priester die Gemeinde mit dunklen Worten allein ließ: „Was dieses Jahr passieren müsse, damit Ostern werden könne“?!

(Die Stimme seufzt.)

Michael: Ich muß gestehen, daß ich ein wenig ratlos bin: Ob er meint, es müßten ein paar mehr Blümchen rausgekommen sein?

Die Stimme: Blödsinn!

Michael: Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte: Eine temporäre Verlangsamung der Erddrehung um nur 3,4 mal 10 hoch -6 m/s würde dazu führen …

Die Stimme: Einen solchen Schritt halte ich derzeit für nicht angemessen. So schlimm ist es noch nicht!

Michael: …daß die polare Kaltluft …

Die Stimme (barsch): Schluß! (brummt) Wenn die Deutschen weitermeckern, drehe ich mal den Golfstrom um, dann sehen sie, wie kalt es am 50. Breitengrad werden kann!

Michael (rasch): Neinneinnein! Nur das nicht! Mein armes Deutschland! (vorsichtig) Das hast Du jetzt nicht wirklich GEDACHT – oder?

Die Stimme: In dem Sinne nicht, nein.

Michael: Uff! GOtt sei Dank!

Die Stimme: Bitte!

Michael: Also – was könnte gemeint gewesen sein?

Die Stimme: War denn seine Aufpasserin wieder da?

Michael: Klar. Wenn sie im Altarraum nichts zu tun hat steht sie ja gern hinten an der Tür während der Messe.

Die Stimme: Dann wird er sie gemeint haben. Sie muß aufhören zu intrigieren. Es ihr direkt zu sagen traut er sich ja wahrscheinlich nicht …

Michael: Jaja … der Dialog in der deutschen katholischen Kirche …

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

Tja, so könnte es zugehen. Bloß gut, daß es nirgendwo in das Belieben von Ortsgeistlichen gestellt ist, festzulegen, unter welchen Bedingungen „Ostern werden kann“…

 

„Dialog revisited“

„Dialog“

Zur Wortgeschichte eines Homonyms

Ein Zwischenruf

Wer hat es nicht schon erlebt: Eben noch hat ein kirchlicher Würdenträger in einem Grußwort, hat eine Kirchenfunktionärin in ihren einführenden Worten zu einer Sitzung vom „Dialog“ gesprochen, der doch so wichtig sei und daher an dieser Stelle erbeten, angemahnt oder gar eingefordert werde – da schauen auch schon alle, sobald behutsam, aber beispieluntersetzt die erste kritische Frage gestellt wird, betreten unter sich, fangen an, die Fragenden zu beschimpfen oder drehen sich um und gehen weg.

Wen dies schon des öfteren irritiert, geärgert oder zur Verzweiflung gebracht hat, dem kann jetzt geholfen werden. Denn in Heft 1/2013 der deutschsprachigen Ausgabe des bekannten kirchenpolitischen Satire-Magazins „Texts Unwritten – Words Unsaid“ beschäftigt sich der Leitartikel mit der Etymologie des Wortes „Dialog“ und schließt damit endlich eine wissenschaftliche Lücke, deren Existenz uns bis dato noch gar nicht aufgefallen war.

Entgegen der landläufigen Meinung, so die auf basisgestützten Studien fußende Glosse, das Wort „Dialog“ leite sich aus dem griechischen Diálogos = Gespräch ab, ist im Umfeld kirchlicher Kreise von einer abweichenden Wortgeschichte auszugehen. Bei der im klerikalen und kirchennahen Milieu üblichen Nutzung des Begriffes „Dialog“ handelt es sich vielmehr um den Gebrauch eines terminus technicus, dessen Semantik als Fachausdruck mit der Bedeutung des uns geläufigen umgangssprachlichen Wortes keinesfalls verwechselt werden darf.

Zwar schreibt auch der im kirchendeutsch gebräuchliche terminus „Dialog“ sich vom Griechischen her, meint jedoch nicht den „diá-logos“ als sprachlichen Austausch und gegenseitige Durchdringung von Argumenten, sondern setzt sich aus dem Präfix di- (vom griechischen Zahlwort dýo = zwei) und dem Adjektiv álogos = sprachlos zusammen. „Dialog“, von einem Kirchenfunktionär gebraucht, meint daher in neun von zehn Fällen eine beiderseitige Sprachlosigkeit zweier aus irgendeinem Grund zur Suche nach Austausch verurteilter Menschen.

Es handelt sich bei den Wörtern „Dialog“ (umgangssprachlich) und „Dialog“ (kirchendeutsch) somit um klassische Homonyme, das heißt um zwei gleichklingende Wörter unterschiedlicher Herkunft und Bedeutung. Kein Grund also zu weiterer Verzweiflung: Verwirrt uns das Teekesselchen „Dialog“ doch nur deshalb mehr als beispielsweise das Wortpaar „Schimmel“ (im Stall oder auf der Marmelade) oder „Blume“ (auf dem Bier oder am Hasen), weil die beiden Elemente des Wortpaares „Dialog“ durch ihre ungewöhnlich eng benachbarte Kontextualisierung so verwechselbar sind. Ja mehr noch: Der „di-álogos“ scheint in Kirchenkreisen zum Dialog-Analogon avanciert zu sein, das den eigentlichen Dialog freilich ebensowenig ersetzen kann, wie ein Religionsanalogon die Religion…

In jedem Fall empfiehlt es sich, jeweils zunächst ganz genau zu analysieren, wer da von „Dialog“ spricht – ein normal-suchender Gläubiger oder aber ein Gremienmitglied, ein Priester oder gar Bischof –, um das Gegenüber nicht durch „Fehlverhalten“ zu erschrecken, selber in die Irre zu gehen und trügerischen Hoffnungen Raum zu geben, die nur in Enttäuschung enden können.

Cornelie Becker-Lamers

 

Danke, Papst Franziskus!

Das aktuelle Papstwort zum vorangegangenen Posting:
„Ohne die Verkündigung Jesu Christi geht gar nichts. Ohne sie wären wir nur eine barmherzige Nichtregierungsorganisation.“ – Papst Franziskus

Tja, „go figure“ wie unsere amerikanischen Freunde sagen würden! 🙂

Die Öffnung: Der neue Papst und Frauen in Führungspositionen

Offen gesagt: Ich finde diese Stunden und Tage anstrengend mit ihrem „Neuer-Papst-Overload“! Es gibt in der Blogoezese etliche gute bis sehr gute Beiträge, die die Situation beleuchten, aber es ist einfach noch verflixt früh, um irgend etwas sinnvoll sagen zu können! Und weil PuLa ja nur ein kleiner Provinz-Blog sein will, werde ich mich im Gebet um Vertrauen in die Führung des Hl. Geistes für die Kirche mühen und – abwarten, bis es Belastbares gibt!

Was Papst Franziskus gestern getan hat (die Predigt in der Messe zum Abschluß des Konklaves habe ich noch nicht angeschaut, wenn es sie denn überhaupt schon gibt) hat mir jedenfalls gefallen: Besuch bei der Muttergottes und dabei ein Verharren am Sarg des Hl. Papsts Pius V.! Ein sehr guter Ansatz! 😉

Was die Reaktionen angeht, die uns jetzt so umgeben: Die fallen natürlich auch hier, z.B. in unserem Regionalblättchen, erwartbar aus. Da werden „das Engagement und de[r] Einsatz für die Armen in der Welt“ als „ureigenste Aufgabe“ der Kirche bezeichnet, so weit so gut, um dann fortzufahren: „Das ist die Botschaft, die Jesus den Menschen vor mehr als 2000 Jahren hinterlassen hat, eine Botschaft, die bei allem Prunk und Protz, den Kirche auch in den vergangenen Jahrhunderten ausgestrahlt hat, oft in Vergessenheit geraten ist.“

Ach ja! Ich lasse mal die „Jahrhunderte von Prunk und Protz“ weg, das erzeugt ja nur noch Gähnkrämpfe, aber der erste Teil des Satzes ist eben so, in dieser Eindimensionalität einfach falsch.

Denn die Pointe (danke, R. Spaemann!) des Einsatzes für die Armen ist eben das Faktum, wer es ist, der das sagt: Der Sohn, der menschgewordene Logos selbst. Gesandt zu allen Menschen wegen ihres ewigen Heils und eben nicht bloß wegen ihres irdischen Wohlergehens. Diese nicht ganz unerhebliche Tatsache hat für die Betrachtung des Ganzen „Kirche“ und dessen, was sie ausmacht, durchaus relevante Auswirkungen im Vergleich zu einer x-beliebigen sozialen Bewegung in der Welt und aus der Welt. Und natürlich ist es auch nur dieser „Hintergrund“, der diesem Aspekt der Botschaft wirklich Schubkraft zu verleihen in der Lage ist. Wer auf diese Weise verkürzt, auswählt, „hairesis“ betreibt, handelt unverantwortlich.

Daß kein Papst an dieser grundsätzlichen Struktur jemals etwas ändern könnte (wobei natürlich auch schon undenkbar ist, daß es je einer wollen könnte) ist offenkundig. Daß es der untaugliche Versuch war, genau das dennoch zu versuchen, der die sog. „Befreiungstheologie“, sehr zum Schaden der Armen!, letztlich diskreditiert hat ist mittlerweile Kirchengeschichte. Warum wird also gerade hier in der Diaspora ein Bild von Kirche suggeriert, das es nie geben kann? Warum werden auf diese Weise Ent-Täuschungen vorprogrammiert, die vermeidbar wären? Ich verstehe es nicht.

Na, schauen wir lieber nach Wundersdorf, wo sich unsere Freunde, kreativ wie immer, mit den drängenden Fragen der Stunde beschäftigen, auf ihre ganz eigene Art:

Die Öffnung

Ein Sketch für min. 4 Personen

(Wundersdorf, in der Rotunde des allseits bekannten Restaurants „Bacchos“ nahe der katholischen Kirche Maria Hilf! Unsere Freunde sitzen (Fastenzeit!) bei Tonic Water und Pfefferminztee beisammen, als Karl noch hinzukommt.)

Karl: Hallo, guten Abend!

Die andern (ungeordnet): Hallo, Karl! – Grüß dich! – Na? Wie geht’s? – War der Zug wieder zu spät?

Karl (hängt seinen Mantel auf): Ja – wie üblich! Die vier Feinde des Sozialismus, Frühling, Sommer, Herbst und, vor allem, Winter…Aber jetzt bin ich ja hier.

Edith: Wir unterhalten uns gerade über die Erwartungen an den neuen Papst.

Karl (strahlt): Ah! Da hab ich gerade auf dem Weg vom Bahnhof was Schönes zu gehört: Warum bauen wir in Wundersdorf jetzt unsere Marienstatue als Mittelaltar aus?

(Die anderen sehen sich ratlos an.)

Hanna: Keine Ahnung.

Karl: Mehr Frauen in Vierungspositionen!

(Alle lachen)

Edith: Jaja, und die DBK hat es schon früher gewußt, wie?

Ende

Cornelie Becker-Lamers

 

Ja, so geht’s zu in Wundersdorf! Ob wir in Weimar im besonderen und im Bistum Erfurt im allgemeinen auch einmal Gelegenheit haben werden, die Frage von Frauen in Führungspositionen in der Kirche ausführlich zu betrachten? Und ob dann nicht eher die Frage nach den „Früchten“ als die Frage nach der Anzahl im Vordergrund stehen müßte?

 

Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…

Et dixit: Amen dico vobis, nisi conversi fueritis, et efficiamini sicut parvuli, non intrabitis in regnum cælorum. Mt 18.3

Habemus Papam und eine faustdicke Überraschung dazu. Und während wir „Großen“ rätseln, was die Kirche erwarten könnte und so Freude und Dankbarkeit zu kurz zu kommen drohen und auf den Bildschirm schauen (oder die Bildschirme…), was tut unsere kleinere Tochter (9 Jahre) nebenan? Sie reißt das Fenster auf und ruft „Viva il Papa“ in die eiskalte Weimarer Winternacht (unter – 10°) heraus! Wahrscheinlich hätte ich versucht sie daran zu hindern, aber sie war zu schnell! 🙂

Immerhin: Das Kind hat ja heute auch Namenstag (Pauline von Paulinzella), so ein Geschenk bekommt man ja auch nicht alle Jahre!

Und ich fühle mich ein wenig beschämt…

Beten wir, wie er uns gebeten hat, für Papst Franziskus!

 

Edit: Ausdrücklich sei erwähnt, daß die Glocken von Herz-Jesu-Weimar geläutet haben, nach 19.00 Uhr, wie es sich gehört!

Sketch des Monats: Die unerhörte Kunde

Die unerhörte Kunde

Ein Sketch für fünf Personen

Wir schreiben das Jahr 1294. Gut 300 Jahre nach der erfolgreichen Erhebung der Liutizen und Abodriten gegen die fränkische Herrschaft haben Christianisierung und germanische Besiedlung der Gebiete zwischen Elbe und Oder wieder Fahrt aufgenommen. Überall im Land erfreut man sich einer regen und tatkräftigen Geistlichkeit, die in spiritueller Erfülltheit und mit viel körperlichem Fleiß die Urbarmachung des Landes wie der menschlichen Seelen vorantreibt.

Überall? Nein. Ein winziges Dörfchen, dessen Gründungslegendegeschichte von einem wunderbaren Fischfang aus der Stobrava erzählt, dümpelt in geistlicher Entwicklung und seelsorglicher Hinsicht ein wenig vor sich hin: Tschudowitz, heute bekannt unter seinem eingedeutschten Namen Wundersdorf im Oderbruch. Pfaffe Conradus von Mihildorpa, zur eigenen Reifung und Bewährung sowie zum Wohle der Christenheit auf Betreiben des Landgrafen Abrecht II. aus den lieblichen Thüringer Besitzungen des Bistums Mainz zum Dienst in die rauhe sächsische Ostmark entsendet, hat in Organisation und Aufbau einer christlichen Gemeinde keine glückliche Hand.

Wir treffen ihn, als er sich gerade in seiner Hütte seinen Haferschleim und einen Humpen Dünnbier servieren läßt. An seiner Seite Ortrud, die ihm einst versprochen hatte, sein Leben in die Hand zu nehmen. An der Tür der bucklige Labun, der Hochwürden Haus und Stall in Ordnung hält.

Es ist bitterkalt, die Christnacht ist nahe, als ein Bote aus der Bischofsstadt Brandenburg vor der priesterlichen Behausung von seinem dampfenden Pferd springt. Es ist Wigger der Gradlinige, als Brandenburger Mönch damals natürlich ein Prämonstratenser, den Conradus von einem kurzen Aufenthalt im Kloster her kennt.

Labun (kommt von der Tür herangehumpelt): Herr!

Conradus: Was ist?

Labun: Ein Bote, Herr! Ihr kennt ihn.

Conradus: Frohe oder böse Kunde?

Labun: Frohe, Herr!

Ortrud (unwirsch): Nun sag schon!

Labun (mit einer Verbeugung): Es ist Bruder Wigger der Gradlinige, ein Prämonstratenser aus Brandenburg.

Conradus (springt auf): Wie ich mich freue! Bruder Wigger! Herein mit ihm!

(Labun humpelt zur Tür und führt den Boten herein.)

Conradus (geht mit ausgebreiteten Armen auf Wigger zu): Wigger, mein Freund! Wie ist die Lage! (Die beiden umarmen sich.)

Wigger (verstört und abgehetzt): Bruder Conradus! Wie ich mich freue! Ich habe jedoch nicht lange Zeit. Ich bringe traurige Kunde!

Conradus (jovial): Das kann warten! (Zur Haushälterin, in abfälligem Befehlston): Hey! Bärin! Noch ein Bier für meinen Freund!

Wigger: (will sich kaum setzen): Ich muß noch weiter, Bruder Conrad, hab vielen Dank aber ich kann nicht rasten!

Conradus: Hoooo! Für ein Bier ist immer Zeit. (Er setzt sich und schiebt dem Gast einen Holzhocker hin.) Was bringst du für Neuigkeiten?

Wigger: Traurige, Conrad, traurige! Unser allerheiligster Vater und guter Hirte, Seine Heiligkeit Coelestin V., Papst der Christenheit und Bischof von Rom mit Sitz in Neapel ist vor einigen Tagen, am Fest der Heiligen Lucia, von seinem Amt ZURÜCKGETRETEN!  (Er birgt, übermannt von seiner Bewegung, sein Gesicht in den Händen. Dumpf) Schon wieder ist die Christenheit ohne Führung und ohne Oberhaupt.

Conradus (überrascht): Ohne Führung? Klingt gut! (Er schaut zu Ortrud hinüber, deren Gesicht in maliziösem Lächeln verzogen ist.)

Wigger: (heftig auffahrend): Conradus! Du Unheiliger! (sofort wieder leise) Oh! Verzeih mir, Bruder! Sicherlich nimmt nur der Schmerz dir die Herrschaft über deine Gedanken!

Conradus (beleidigt): Das will ich meinen. (Er hebt den Becher) Aber jetzt laß uns erstmal anstoßen, du bist ja völlig geschafft und brauchst Ruhe! (Er winkt der Haushälterin ungeduldig nach dem Bier, das sie Wigger nun bringt.)

Wigger: Ich kann jetzt nichts zu mir nehmen, Conrad, hab vielen Dank für deine Gastfreundschaft! Ich muß weiter – so vielen ist die Kunde noch zu überbringen. Ich will dir nur das bischöfliche Schreiben mit den Anordnungen für die kommenden Wochen verlesen und dann gleich nach Petershagen weiterreiten.

Conradus (runzelt die Stirn): Anordnungen?

Wigger (zieht eine Schriftrolle aus seiner Kutte, entrollt sie und beginnt zu lesen): Wir, Bischof Dietrich von Brandenburg, gottesfürchtigster Diener und …

Conradus (ungeduldig): Jajaja – nun sag schon, was will er?

Wigger (irritiert): Du sollst eine Messe lesen, eigens wegen des Rücktritts seiner Heiligkeit Papst …

Conradus: Jajaja, ist ja schon gut. Wie – Messe? Das machen wir doch schon jede Woche ein paarmal!

Wigger (zieht die Augenbrauen hoch): Du solltest täglich eine Messe zelebrieren, Bruder, das weißt du. Und diese hier für den Papst noch einmal gesondert.

Conradus (auffahrend): Zusätzlich? Und das im Advent? Weißt du, wo mir der Kopf steht? Wieviel zu tun ist in einer Gemeinde, die ein so großes Gebiet umfaßt? Ihr in euren Klöstern habt ja keine Ahnung! Wenn ihr wüßtet, was hier täglich los ist!

Wigger (kühl): Also – seit ich hier bin, finde ich es ziemlich ruhig. Keine Kranken vor der Tür, keine Bettler und keine weinenden jungen Mütter. Und du hast Hilfe und Bedienung (er sieht sich um und nickt Labun und der „Bärin“ zu. Auf Ortrud bleiben seine Augen voll Mißtrauen haften.) Ich denke, du kannst das leisten!

Conradus: Du hast recht, die Leute habe ich mir in mühsamer Kleinarbeit vom Hals geschafft. Und du hast abermals Recht: Ortrud hilft mir kräftig dabei (er grinst die ihn holdselig anblickende Ortrud an. Die beiden Hausangestellten scheint er überhaupt nicht zu bemerken.) Aber dennoch: Eine Messe zusätzlich? Wann soll das gehen? Die Leute arbeiten über Tag!

Wigger (mit Nachdruck): Eine Messe ist auch gültig, wenn du sie alleine zelebrierst, wie oft soll ich dir das noch sagen?! Außerdem werden die Menschen schon kommen, wenn sie den Anlaß erfahren, die besondere Meinung – und wenn du früh genug liest. Um 5 oder 6 Uhr.

Conradus (mit erstarrtem Gesicht): Um um um 5 Uhr? Früh? Äh … äh … natürlich, Bruder Wigger, ich will sicherlich für alles sorgen. Nun spute dich, daß du nach Petershagen kommst, es wird rasch dunkel jetzt.

Wigger (erhebt sich und legt ein kleines Pergament auf den Tisch): Hier sind die Gebete und der liturgische Ablauf für diese besondere Messe. (zugewandt und eindringlich zu Conradus) Du mußt es schaffen, Conrad! Ermanne dich! Wir haben ein wichtiges Amt! Es geht sogar noch um mehr als nur um die Menschen um dich herum! (Er verabschiedet sich durch ein Kopfnicken von allen im Raum und wendet sich zum Gehen. An der Tür): Gott zum Gruß, Conradus. Und laß die Kinder, wenn sie mit diesen ausgestopften Schweinsblasen herumkicken, nicht immer „Thor, Thor, Thor“ rufen, das ist unchristlich! (Er geht und hinterläßt betretenes Schweigen).

Ortrud (greift sich das Pergament): Dann wollen wir mal sehen! (Sie liest und kichert.)

Conradus (brütet schlecht gelaunt vor sich hin): NOCH eine Messe! Ich denke überhaupt nicht daran! Wegen einem Papst! Pff! In Rom oder Neapel oder wo dieser jetzt gerade wohnte. (In Aufruhr) Der tut doch auch nichts für mich!

Ortrud (legt ihm besänftigend die Hand auf den Arm): Du hast vollkommen Recht, mein Lieber, das machen wir natürlich NICHT mit! – Was hat dir der Bischof eigentlich zu sagen? Du bist hier der Pfarrer! Und Dietrich ist nicht einmal bestätigt. (Listig) Er wird nicht wagen, dich zu ermahnen (sie lächelt höhnisch.)

Conradus (schiebt sein Essen weg): Der Appetit ist mir jedenfalls gehörig vergangen! (Er steht auf) Laß uns ein Stück gehen! Das wird uns gut tun! (Laut) Bärin! Meinen Pelz!

(Die Haushälterin bringt dem Pfarrer seinen Mantel von einem Haken an der Wand und hilft ihm hinein. Ortrud nimmt ein dickes Wolltuch um und gemeinsam mit Conradus verläßt sie das Haus. Labun und die Bärin blicken sich an.)

Die Bärin (ernst): Das ist nicht gut!

Labun (nickt ernst): Ja, Bärin, das ist es nicht! Gott vergebe uns!

Die Bärin (packt einen Korb mit Lebensmitteln und Kräutern): Achte jetzt auf das Feuer, Labun. Ich will die alte Notburga pflegen gehen. Sie wird sterben, und ob der Pfarrer sie besuchen wird? (Sie geht hinaus. Labun bekreuzigt sich und bleibt sinnend am Feuer zurück.)

 

ENDE

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

Der Fang, eine Fischergeschichte

Haben Sie sich schon jemals gefragt, warum Wundersdorf eigentlich Wunders-Dorf heißt? Vielleicht, weil es da wunderlich zugeht? Nein, weit gefehlt! Heute wird auf PuLa das Geheimnis gelüftet: Meine Damen und Herren, die Gründungslegendegeschichte von Wundersdorf:

Der Fang

Ein Sketch für zwölf Fischer und einen Mönch

Nach dem aufregenden Gleichnis, das Merten der Mönch den Fischern am seichten Ufer der Stobrava erzählt hat, haben sich die Männer wieder beruhigt und sind, nach dem Beispiel der Jünger in der Bibel, wieder fischen gegangen. Die Netze wurden voll, und als sie die Fische an Land gezogen und gezählt haben, sind es einhundertzweiundfünfzig.

Faske: Hohoooo! Einhundertzweiundfünfzig Fische!

Selmer (hat noch einen Fisch in der Hand): Hier, Faske, einer ist euch aus den Netzen gesprungen. Der gehört auch noch dazu.

Faske (sauer): Wenn du nicht immer alles besser machen kannst! Hundertzweiundfünfzig habe ich gesagt und dabei bleibt es.

(Es donnert und blitzt) Eine Stimme: Hundertdreiundfünfzig ist richtig.

Die Fischer blicken sich erschrocken um und suchen den, der da gesprochen hat. Nur Merten und Selmer schauen zum Himmel, das Gesicht voll Ruhe und Zuversicht.

Selmer: 153, weil es 9 x 17 ist?

Die Stimme: Nein, weil es 1³ + 5³ + 3³ ist. Es ist ein Bild für die Dreifaltigkeit!

Selmer (überschlägt rasch die Summe, erfüllt): Stimmt! Das ist großartig! Ich danke dir, HErr.

(Er kniet sich etwas abseits auf die Erde, das Gesicht nach Osten gewandt, und beginnt zu singen.)

Selmer: Und in Gewittern von den Bergesspitzen/ Der Herr die Weltgeschichte schreibt mit Blitzen,/ Denn seine sind nicht euere Gedanken.

Die Fischer (derweil in heller Aufregung, durcheinander): Ein Wunder! – Ein Wunder ist geschehen! – Wir haben so unglaublich viel gefangen und, und Seine Stimme hat zu uns gesprochen! – Hier ist ein Wunderort! – Ein Wunderort! – Laßt uns hier einen Altar bauen und eine Kapelle! – Wundersdorf!

Faske (ist die ganze Zeit über muffig und ungerührt geblieben. Mit Blick auf Selmer zu Merten): Oh, Mann! Geht der Typ mir auf die Nerven! DEN dürfen wir doch aber wenigstens rausschmeißen, oder?!

Merten: Nein, Faske, keinen!

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

Tja, der Rest ist Geschichte!

Und übrigens ist damit auch endlich die lange Spekulation über die Bedeutung der Zahl von gerade 153 Fischen in Joh 21, 11 beendet;

Ex oriente lux! 😉

Das Gleichnis, eine Fischergeschichte

Den gestrigen sehr emotionalen Tag habe ich versucht zu verbringen, wie es sich für einen katholischen Blogger ziemt: Erst den Abflug von Papst Benedikt aus dem Vatikan per Twitter verfolgt (und wer immer meint, ein solch technisches Medium eigne sich nicht, Emotionen hervorzurufen, hat es nur noch nicht mit dem richtigen Anlaß versucht: Der letzte Benedikt-Tweet von 17.00 Uhr war herzerreißend…), dann in die Messe im Erfurter Dom ab 18.00 Uhr. Ein ordentliches Pontifikalamt mit allen „verfügbaren“ Geistlichen, die Predigt hat unser Altbischof Dr. Wanke gehalten.

Erfreulicherweise war ich lange nicht das einzige Weimarer Gemeindemitglied, das offenbar das Bedürfnis verspürte, an diesem Abend nicht allein zu sein, sondern im Kreis anderer Glaubender an den scheidenden Papst zu denken und ihm zu danken.

Freilich, es blieb einem Weimarer Katholiken mit diesem Wunsch auch nicht viel anderes übrig, denn einen besonderen Gottesdienst in unserer Pfarrkirche gab es nicht. Warum auch, ist ja nur der Papst, wenn man schon nicht hingeht, wenn er kommt, warum was machen, wenn er geht? Nur so nebenbei: In anderen (kleineren) Thüringer Gemeinden gab es solche besonderen Messen sehr wohl! Ach, Sie meinen, auf der Homepage stehe auch nichts? Ja, das stimmt, da ist man hier konsequent. Anderswo in der mitteldeutschen Diaspora sei das aber anders? Ja, das stimmt wohl auch! 🙁

Naja, bevor wir in Melancholie versinken, dem emeritierten Papst geht es gut, er liest, wie man hört, Urs v. Balthasar und das letzte, was er sich von uns wünschen wird, wäre Passivität, nicht wahr?

Daher beginnen wir heute auf PuLa ein neuartiges Format: Literarische Texte, die in einer Reihe aufeinander aufbauen. Freuen Sie sich auf einen ganz besonderen Besuch in Wundersdorf…

GL

 

Das Gleichnis

Ein Sketch für zwölf Fischer und einen Mönch

Wundersdorf im Oderbruch. – Halt! Falsch! Die Stelle, an der einmal das Haus Markt 6 in Wundersdorf/ Oderbruch stehen wird. Direkt neben der Durchreiche zur Küche. An einer seichten Stelle der Stobrava (heute der Stobber geheißen) sitzen im Kreis Faske, genannt der Starke, außerdem Balyschk und Jander, der kleine Jelatz, Halatze und Gulicke, die beiden Milchgesichter, Kalatz und Tzizik, Kosse, Loske und der eitle Krull. Sie alle fristen ihr Leben durch Fischerei und gehören zum Stamm der Liutizen, und Faske der Starke war selbst dabei, als man im großen Wendenaufstand die verhaßte ottonische Herrschaft abschüttelte, die Bischöfe von Havelberg und Brandenburg vertrieb (die fürderhin als sogenannte Titularbischöfe ihr Leben außerhalb Ihrer Besitzungen zubringen mußten) und dem „germanischen Spuk“ ein für allemal ein Ende gemacht zu haben glaubte…

Mit anderen Worten: Man schreibt das 22. Jahr der glorreichen Regierungszeit Drahomírs des Befreiers.

Wie bitte? Ach so: Für uns Christen gesagt, das dritte Jahr der Regierungszeit Heinrichs II.

Na gut, na gut: Das Jahr des Herrn 1005.

Es sitzen also elf sehnige Fischer um ein Lagerfeuer und lauschen den klugen Worten eines hageren Mönchs. Der Merten hat nämlich bleiben dürfen, damals, als man die Christen eigentlich alle rausgeschmissen hat. Der Merten hat bleiben dürfen, weil er so schöne Geschichten kennt, immer Streit schlichtet und außerdem total gut mit Pferden kann. Etwas abseits übrigens, aber nicht minder beteiligt Selmer, ebenfalls Fischer, aber ein bißchen anders als die andern.

Merten: Da lagen also zwei Boote am Ufer, und weil so viele Menschen hören wollten, was er sagt, stieg Jesus in eins der Boote und unterrichtete sie vom Wasser aus.

Kosse: Und er trieb nicht ab?

Merten: Nein. Er trieb nicht weiter ab, sondern kam wieder an Land und sagte dann zu Simon, er soll nochmal rausfahren ins tiefe Wasser und die Netze auswerfen.

Jelatz: Aber sie haben doch die Netze gerade schon saubergemacht.

Merten: Du hast gut aufgepaßt, Jelatz. Genau das sagte Simon auch: Wir haben die ganze Nacht gefischt und nichts gefangen.

Balyschk: Und dann?

Merten: Dann sind sie natürlich doch rausgefahren, weil ja Jesus es gesagt hatte, und siehe da: Sie haben so viele Fische gefangen, daß sie dachten, die Netze halten nicht.

Gulicke: Ou! Das ist ganz gefährlich! Das ist meinem Großvater mal …

Die andern Fischer: Pscht!!!

Tzizik: Das hast du uns schon tausendmal erzählt!

Merten: Sie haben die Freunde im andern Boot zu Hilfe gerufen und haben dann die Netze in beide Boote ausgelehrt und da waren beide Boote so voll bis zum Rand, daß sie fast sanken.

Gulicke (brummelt leise vor sich hin): Wie bei meinem Großvater …

Loske: Ach! Das wünsch ich mir auch mal! So viele Fische, daß man sie kaum heimschleppen kann!

Halatze: Einmal richtig satt zu essen!

Merten: Wer weiß? Vielleicht hat es auch sein Gutes, daß man nicht von allem zu viel hat?

Faske (poltert los): Was soll das denn heißen?

Merten: Vielleicht kommt eine Zeit, in der die Menschen so viele Fische fangen, daß sie wieder welche ins Meer zurückwerfen?

(Die Fischer schütten sich aus vor Lachen.)

Balyschk: Hör mal, du Mönch, übertreib’s nicht, sonst schicken wir dich doch noch fort, dann kannst du andern deine Schauermärchen aus der Zukunft erzählen.

Selmer (von abseits): Vielleicht hat er Recht?

Faske: Was weißt du denn schon, du Träumer?

Merten: Ruhig! Nicht streiten! Ich freue mich, daß ihr euch so etwas gar nicht vorstellen könnt. Der Fischfang ist nämlich ein Bild für die Gemeinde.

Loske: Hä?

Gulicke: Wie: „Bild“?

Merten: Na, man erzählt von einer Sache und meint damit eine andere, mit der es sich ähnlich verhält.

Jelatz: Versteh ich nicht!

Halatze: Warum erzählt man nicht gleich die andere?

Merten: Weil die vielleicht nicht ganz so leicht zu akzeptieren ist. Hört zu: Als die Jünger so viel gefangen haben, sind sie ganz erschrocken, weil sie erkennen, wie mächtig Jesus ist. Und Simon wirft sich zu seinen Füßen und sagt: Herr geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch.

Balyschk: Ja!

Merten: Aber Jesus geht nicht weg. Im Gegenteil. Er nimmt sie mit sich mit und sagt: Von nun an werdet ihr Menschen fischen.

Jander: Ui!

Merten: Ja, und deshalb ist es mit den Menschen wie mit den Fischen. Habe ich es richtig verstanden: Ihr würdet niemals Fische aus dem Netz zurück ins Meer werfen?

Die Fischer (tumultuös): Niemals! – Wie blöd kann man sein? – Der Loske vielleicht … – Jeder Fisch ist besser als nichts, wenn man Hunger hat! – Was die Götter, äh Gott geschenkt hat muß man achten!

Merten: Gut! Dann werdet ihr auch keinen Menschen aus eurer Gemeinschaft ausschließen oder jemanden wieder fortschicken, der zu eurer Gemeinschaft dazustoßen will!

(Die Fischer schauen Merten entgeistert an. Es ist totenstill.)

Faske (nach einer Weile): Aber welche von den Hevellern doch!

Gulicke: Genau, die Heveller aus dem Westen!

Tzizik: Aus Poztupimi! (schnaubt verächtlich)

Merten: Auch die Heveller nicht.

Balyschk: Aber die Sachsen und die Franken oder die … die Bajuwaren.

Jander: Na, von so weit wird schon keiner kommen!

Merten: Niemanden, der in friedlicher Absicht und vielleicht gar mit seiner Familie kommt. Ihr sollt keinen ausschließen! Jeder Mensch hat seinen ganz besonderen Wert.

(Die Fischer schauen vor sich hin, überlegen, kratzen mit einem Stock im Sand etc.)

Selmer (abseits): Oh Täler weit, oh Höhen, oh schöner grüner Wald!

Merten: Was singst du da, Selmer? Das ist hübsch!

Faske: Laß den! Der spinnt!

 

FORTSETZUNG FOLGT

(morgen, Anm. d. Red)

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

 

 

Das „Gedicht zum Blitz“

Die schönen Bilder zum Blitzeinschlag in St. Peter im unmittelbaren zeitlichen Umfeld mit der Ankündigung des Rückzugs von Papst Benedikt sorgen seitdem für allerlei Rumoren, teils lustig, teils skurril, teils ärgerlich.

Die vermeintliche „Prophezeiung“ des Rücktritts in einem Cartoon-Kalender fällt in die Kategorie „albern“…

Und was ist das schließlich gegen die welt-exklusive Enthüllung auf PuLa: Es gibt schon seit weit über 150 Jahren das Gedicht zum Rücktritt: 😉

Mahnung

Genug gemeistert nun die Weltgeschichte!

Die Sterne, die durch alle Zeiten tagen,

Ihr wolltet sie mit frecher Hand zerschlagen

Und jeder leuchten mit dem eignen Lichte.

 

Doch unaufhaltsam rucken die Gewichte,

Von selbst die Glocken von den Türmen schlagen,

Der alte Zeiger, ohne euch zu fragen,

Weist flammend auf die Stunde der Gerichte.

 

O stiller Schauer, wunderbares Schweigen,

Wenn heimlich flüsternd sich die Wälder neigen,

Die Täler alle geisterbleich versanken.

 

Und in Gewittern von den Bergesspitzen

Der Herr die Weltgeschichte schreibt mit Blitzen?

Denn seine sind nicht euere Gedanken.

 

Joseph von Eichendorff

http://youtu.be/HWM23a5Ur0Y

 

„Ein Schwarzer? Lieber doch nicht!“

Nur selten gibt es Gelegenheit, von einem Tag zum andern die Denkprozesse sog. „fortschrittlicher Katholiken“ so schön zu beobachten, wie es die außergewöhnliche Nachricht vom 11. Februar ermöglicht hat!

Und damit willkommen zum zweiten Teil der Weimarer Presseschau zu den Kommentaren zum angekündigten Papstrücktritt.

„Bleiben oder geh’n?“ überschrieb der stellvertretende Chefredakteur unseres Regionalblatts seinen Kommentar am 12. Februar (hier) und fuhr fort: „Gott sei Dank besteht die katholische Kirche nicht nur aus Kardinal Meißner und Co. Gott sei Dank gibt es auch überzeugende, weltzugewandte und die Menschen mitnehmende Pfarrer vor Ort wie den in meiner Heimatgemeinde in Weimar […]“

Also, ich weiß nicht. Wir schätzen den in Bad Berka (dort wohnt Hartmut Kaczmarek) ansässigen Pfarrvikar unserer gemeinsamen Gemeinde Herz-Jesu-Weimar, Pfr. Riethmüller,  ja auch sehr, aber ihn gleich gegen Kardinäle ausspielen? Das scheint doch ein wenig unverhältnismäßig, nicht wahr? Oder war jemand anders gemeint? Aber auf wen sollte die Beschreibung denn passen?

Na, egal, der Beitrag geht dann weiter mit den Dauerbrennern der Pseudo-Konzilsrhetorik „offene Fenster zur Welt“, „Sprung in die Gegenwart oder vor sich hin dämmernde rückwärtsgewandte, weltfremde Amtskirche“, „die Menschen dort abholen, wo sie sind“ (wozu die Schafe schon alles gesagt haben, hier!)…

Sie kennen das. Schön, wenn auch nicht originell dann wieder der Satz: „Ich will die Menschen unterstützen, die in der Kirche für eine grundlegende Erneuerung streiten und heftig diskutieren, die sich dafür auch von erzkonservativen Katholiken, die die Kirche gerne ins Mittelalter zurückkatapultieren wollen, beschimpfen lassen müssen.“ Nun, ich wußte noch gar nicht, daß es Aufgabe einer Tageszeitung, in einem weitgehend entchristlichten Gebiet zumal, ist, für eine bestimmte Richtung in der Kirche zu streiten, aber sei’s drum, das muß die TLZ mit ihren Abonnenten ausmachen.

Was die netten Worte zu den „Erzkonservativen“ angeht: Auf PuLa wird jedenfalls niemand „beschimpft“. Falls wir jemanden beschimpfen wollten, würde man das der Natur des Textes unmittelbar und zweifelsfrei anmerken, mit Verlaub. Vielmehr werden wir beschimpft, wie traditionsverbundene Katholiken allerorten beschimpft werden, und das wissen Sie sehr genau, Herr Kaczmarek. Im übrigen: Sobald ich Argumente statt Klischees lese, fange ich an, darüber nachzudenken, aber ich fürchte, schon beim Mittelalter-Begriff müßte die Debatte anfangen. So unreflektiert, wie er hier (und beinahe überall) gebraucht wird ist er nun schon seit etwas über 500 Jahren falsch, sorry…

Traurig macht der Schlußsatz: „Ich kann verstehen, wenn einer solchen Kirche immer mehr den Rücken kehren.“ Soll so die Unterstützung für die Menschen aussehen? Erst schlechtreden und dann auch noch Verständnis äußern für die, die gehen? Leider paßt das zum empirisch belegbaren Stil in dieser Pfarrei (vgl. hier), aber das macht es nicht besser. Warum sagen Sie nicht, daß niemand, der die Natur der Kirche wirklich verstanden hat, jemals ans „Gehen“ auch nur ernsthaft denken kann? Nicht obwohl, sondern gerade weil er an ihren konkreten Erscheinungsformen leidet. So geht Kirche, das wäre Ermutigung!

Aber das können wir an dieser Stelle nicht vertiefen, denn ich hatte ja die Beobachtung einer aktuellen Entwicklung versprochen, nicht wahr?

Am 12. Februar hieß es: „Ja, mein Idealbild wäre endlich ein Papst aus der dritten Welt, aus Lateinamerika oder Afrika, der den Blick der Kirche weitet.“

Am 13. Februar war von dieser Begeisterung wenig geblieben. Unter der Überschrift: „Ist die Zeit reif?“ heißt es: „[…] ein Papst aus Afrika wäre ein „schönes Zeichen.“ Und es wäre auch ein wichtiges Zeichen für die Weltkirche […]

Soweit, so einverstanden! Aber dann fährt Kaczmarek fort: „Allerdings sollte man sich als jemand, der für Reformen in der Kirche eintritt, nichts vormachen: Ein Afrikaner als Kirchenoberhaupt muss niemand sein, der die Erneuerung vorantreibt. […] ‚Wenn es wirklich einen afrikanischen Papst gibt, dann kann man jeden Gedanken an eine Reform vergessen. [wird ein südafrikanisches Nachrichtenportal zitiert]. Stoff zum Nachdenken. Mir wäre dann ein echter Reformer auf dem Stuhl Petri lieber.“

Oweia! Ich glaube, ich verstehe, warum ich den Beitrag nicht im Netz gefunden habe… Denn mal abgesehen von der Tatsache, daß man das schon seit langem wissen konnte, nein mußte, daß weite Teile der Weltkirche nicht nach der Pfeife angestaubter westlicher „Reform“-Vorstellungen tanzen (auch Herr Drewermann, ja, den gibt’s immer noch! 😉 , hatte es schon gemerkt, hier), jetzt kommt es ungeschminkt raus, was von Liberalität und Weltoffenheit der „Reformer“ übrigbleibt, wenn es auf einmal ernst werden könnte: „Wenn die nicht so sind wie wir sie haben wollen, die Schwarzen, dann doch lieber einen Weißen. Wartet doch lieber noch ein paar Jahrzehnte, ihr werdet euch schon noch entwickeln.“

Hätte ein sog. „Konservativer“ so einen Text geschrieben, das Geschrei wäre groß und die Vorwürfe von Eurozentrismus und Paternalismus würden nicht zu unrecht erhoben werden.

Für PuLa gebe ich jedenfalls zu Protokoll, daß mir, daß uns die Hautfarbe und die Herkunft des nächsten, übernächsten oder überhaupt jedes Papstes wirklich völlig egal sind, denn der Hl. Geist schaut auch nicht darauf. Keine andere Haltung sollte auch nur denkmöglich sein.

Naja, mal sehen, wie Herr Kaczmarek aus der Kiste wieder rauskommt, der Beitrag ist immerhin in über 40.000 Exemplaren gedruckt worden.

 

Ja, aber was soll ich Ihnen sagen? Wie es der Zufall so will haben wir doch gerade neue Nachrichten aus Wundersdorf reinbekommen. Ob Sie’s glauben oder nicht, da muß was ganz ähnliches passiert sein. Aber lesen Sie selbst:

 

Der Chronist

Ein Sketch für neun Personen und beliebig viele Statisten

 

Wundersdorf, im allseits beliebten griechischen Restaurant Bacchos nahe der katholischen Kirche Maria Hilf! Es ist Faschingsdienstag – mardi gras. Während oben im Rondell unsere Freunde sitzen und beim letzten Bier vor Ostern über Liturgie und Kirchenmusik fachsimpeln, haben vor dem Tresen zwei Journalisten Platz genommen.

Der Erste: Endlich! Endlich!!!

Der Zweite (wiegt den Kopf): Ein böses Zwischenspiel – aber zum Glück nicht ein Vierteljahrhundert lang wie bei seinem Vorgänger.

Der Erste: Nee! Macht ganz plötzlich den Weg frei – hoffentlich für einen Reformer!

Der Zweite: Hat ja schon genug verbockt mit den Bischofsbesetzungen der letzten Jahre! Oweia!

Der Erste (trinkt): Du! Aber Deine Interviewpartnerin hier hat sich ja gut aus der Affaire gezogen!

Der Zweite (lacht): Ja! Und zuhause reden sie vom „alten Knacker“!

Der Erste (erstaunt): Was? (Er lacht los.)

Der Zweite: Na! (anerkennend) Die hat doch das Herz am rechten Fleck!

Der Erste: … und weiß, was sie will!

Der Zweite: Genau! Und da kann ihr ein traditionellerer Bischof nur hinderlich sein.

Der Erste: Hinderlich bis (er macht eine rasche Bewegung mit der flachen Hand dicht über dem Tisch.)

Der Zweite (nickt): Finito!

Der Erste: Aber, sag mal: Wer wird’s denn?

Der Zweite: Also, ich schreib morgen, ein Afrikaner wäre ein feine Sache!

Der Erste: Ein Schwarzer?

Der Zweite: Klar! (im Stammtischton) Es muß sich doch jetzt wirklich mal was tun! (Er gorgst sein Glas in großen Schlucken leer und bestellt mit einer großen Geste das nächste.)

Der Erste: Und du meinst, bei einem Afrikaner …

Der Zweite: Klaaar! Oder einem Südamerikaner! Haha! (Er nimmt die Hände nach oben und wackelt mit den Hüften) Da käm doch endlich mal Leben in die Bude! (Er lacht. Der Wirt stellt das nächste Bier hin.)

Der Erste: Ich weiß nicht, ob du da mal nicht …

Der Zweite (fachmännisch): Völlig richtig! Die Frage ist natürlich, ob die Zeit schon reif ist für so einen Schritt … (Er trinkt und wischt sich mit dem Handrücken den Bierschaum von den zusammengepreßten Lippen. In diesem Moment geht Edith an den beiden vorbei und bleibt in der Nähe stehen, um bei der Kellnerin zu bezahlen.)

Der Erste (lacht): Jetzt klingst du wie der hessische FDP-Chef!

Der Zweite (nach einer Schrecksekunde): Wegen Philip Rösler? Naaaaain! Ich meine nicht, daß man keinen Schwarzen sehen will! Um Himmels Willen!

Der Erste: Sondern?

Der Zweite: Den Eurozentrismus natürlich! Die Tatsache, daß die Zahl der Katholiken nur in diesen Ländern – Afrika – Südamerika – wächst, macht doch dem Eurozentrismus der Kirche noch lange nicht den Garaus!

(Sie trinken.)

Der Erste (setzt neu an): Ich meinte aber vorhin eigentlich etwas anderes.

Der Zweite: Wann vorhin?

Der Erste: Hier – wegen der afrikanischen Kardinäle: Ich meinte, ob du dich da mal nicht vertust mit deiner Einschätzung über afrikanische Kirchenmänner!

Der Zweite: Wie jetzt?

Der Erste: Die sind keine Reformer!

Der Zweite: Waaas?

Der Erste: Neenee, ich glaub nicht. Also mit Frauenordination und Homosexualität und Verhütungsmitteln und so – das kannst du vergessen!

Der Zweite (entsetzt): Waaaas? Da sind die aus Afrika und machen denselben Scheiß wie die hier vor 1000 Jahren?

Der Erste: Pscht! Schrei doch nicht so! Ja! Ich glaube, wenn du einen Reformpapst willst, darfst du dir keinen Afrikaner wünschen!

Der Zweite: Ja! Klar! Hab ich doch gesagt! Die Zeit ist noch gar nicht reif dafür! Also ein richtiger Reformer muß es schon sein! Und es gibt ja so viel Rassismus auf der Welt! Das wird schon kein Neger werden! Also – ich meine – schwarz ist ja ok – aber ein schwarzer Traditionalist! Ts! Das hätte uns grade noch gefehlt! (Er trinkt. Edith geht an den beiden vorbei zurück an ihren Tisch.)

Edith (indem sie ihren Mantel anzieht zu Richard, Silke, Hanna und Karl): Sagt mal, wie nennt man eigentlich jemanden, der andere wegen ihres Traditionsbewußtseins benachteiligt? „Chronist“?

 

ENDE

Cornelie Becker-Lamers, Weimar