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Bröckelt die “Mafia”?

Über eine Konversion im Mai 2020

Am gestrigen 24. Mai machte eine 61-jährige promovierte Juristin über ihren Instagram-Account bekannt, daß sie in der Christkönig Kirche in München-Nymphenburg das Sakrament der Firmung empfangen habe und damit in den Schoß der Kirche aufgenommen worden sei:

Angekommen! Angenommen. Segen und Kraft und Freude in einer Welt, die oft so seltsam ist, und einer Zeit, die viel verlangt. Ja, es stimmt, Gottes Geist weht, wo er will.

So weit, so gut, so sympathisch und selbstverständlich überaus erfreulich, aber warum berichtet darüber bereits am gleichen Abend die Katholische Nachrichtenagentur und in ihrer Folge “katholisch“.de? Und heute, mit 18-stündiger Verspätung auch evangelisch.de? Verdient eine einzelne Konversion aus dem Bereich des Protestantismus diese Aufmerksamkeit?

Und ob!

Denn es handelt sich bei dieser Dame nicht “bloß” um ein langjähriges Präsidiumsmitglied des Deutschen Evangelischen Kirchentags sowie des 3. Ökumenischen Kirchentags 2021 (sie gehörte auch schon dem Präsidium des 2. Ökumenischen Kirchentags 2010 an), nicht nur um eine durchaus profilierte (bisher) protestantische Autorin und regelmäßige Kolumnistin auf “evangelisch.de”, ihr bisher? letzter Beitrag erschien heutenein, es handelt sich um Beatrice von Weizsäcker, Tochter des ehem. Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.

Beatrice von Weizsäcker, 2009 (Foto: Wikicommons, DEKT/Jens Schulze)

Zu den von Weizsäckers aber sagte im Jahr 1987 in einem Spiegel-Interview kein geringerer als Ralf Dahrendorf

[Ich denke dabei an] das, was ich die protestantische Mafia nenne, also Leute wie Ludwig Raiser, die Weizsäckers oder Marion Gräfin Dönhoff, die in manchem ähnliche Positionen hatten wie der SPIEGEL. Diese Positionen waren in der Geschichte der Bundesrepublik nie beherrschend und trotzdem einflußreich. […] . Die protestantische Mafia stand durch all die Jahre vor allem für einen bestimmten moralischen Anspruch im öffentlichen Leben. (Hervorhebungen von mir)

Nur daß anders als Baron Dahrendorf meinte, die Positionen dieser Gruppe von Familien, deren “Clan-Mütter” in deren Kindesalter überlegten, welcher ihrer Abkömmlinge denn nun Staatsoberhaupt werden sollte, sehr wohl mit-bestimmend für die Bundesrepublik waren, und es besonders für deren geistiges Klima vermutlich auch nach wie vor sind, und zwar durchgängig verbunden mit einem prägnanten antikatholischen Affekt, der umso perfider ist, als er sich selbst nicht zu sehen in der Lage scheint.
PuLa hat diesem Komplex schon im Jahr 2015 einen längeren Beitrag gewidmet, den ich Ihnen nach wie vor empfehlen kann, hier.

Vor dem Hintergrund der  Wucht ihres schier übermächtigen kulturprotestantischen Herkommens zu dieser Entscheidung zu gelangen, nötigt mir fürwahr ein gerüttelt Maß an persönlichem Respekt vor Frau v. Weizsäcker ab!

Nach den Gründen für diesen Schritt gefragt sagt sie auf Instagram nur, es seien “viele” (na, klar sind sie das! 😎 ) und gegenüber evangelisch.de, sie seien “persönlich”.

Traf die Entscheidung ihre bisheriges Umfeld also völlig unvorbereitet? Hat sie nirgendwo erkennen lassen, welche Richtung ihr religiöses Denken und Empfinden nahm?

Ich glaube, wer es “sehen wollte”, will heißen, wer in der Lage war, eine solche Entscheidung für denkmöglich zu halten, der konnte sehr wohl etwas erkennen. Was aber, wie ich vermute, im organisierten Protestantismus in Bezug auf eine, die aber so etwas von “eine von uns” zu sein schien, eben nicht der Fall war. Und mit dieser Erkennbarkeit meine ich nicht ihre sich seit einigen Wochen häufenden Beiträge auf Instagram, die sich um die Christkönig-Kirche in Nymphenburg drehten. 

Ich meine einen Beitrag auf evangelisch.de von immerhin Mitte September 2019 und es ist, natürlich, kein Zufall, daß es da um die letzten Dinge ging, Tod und ewiges Leben. Sie finden ihre Worte hier unter der Überschrift: 

Wenn ich tot bin … will ich nichts von Goethe hören. Es soll heiter-himmlisch zugehen, es soll Ostern sein! Ich will Weihwasser und Rituale. Ich will katholisch beerdigt werden. (Hervorhebung von mir)

Lesen Sie diesen entzückenden kleinen Text! Unbedingt! Beatrice v. Weizsäcker vergleicht darin zwei Beerdigungen, die sie im Sommer 2019 erlebt hat, eine protestantische, nach der ihr, wie sie sagt “gruselte” und eine katholische, die sie zu dem Schluß kommen ließ: 

Wenn ich tot bin, will ich katholisch beerdigt werden. Das weiß ich jetzt. Es genügt mir nicht, dass nach reformatorischem Verständnis der Mensch sowieso bei Gott ist und es darum nicht notwendig ist, für die Toten zu beten. […] Es soll Weihwasser geben. Und Rituale. Ich will gut in Gottes Ewigkeit ankommen.
Es soll Ostern sein!
Egal zu welcher Jahreszeit.

Wer so empfindet, ist nicht nur dem Kulturprotestantismus, sondern der ganzen Denkrichtung abhanden gekommen, Signale, die man hätte sehen können (die es vielleicht auch hier nochmal gab).

Und wer den oben verlinkten PuLa-Beitrag gelesen hat, wird verstehen, warum ich außer der Freude über ein neues Glied am mystischen Leib Christi (das ist natürlich das wichtigste) auch gesellschaftlich über diese Nachricht große Freude empfinde, und warum das nichts mit Schadenfreude zu tun hat:

Es wäre für ganz Deutschland besser, wenn diese “Mafia” und ihr geistiger Einfluß final “zerbröckelten”!

In der Tat, der Geist weht, wo er will.

Gereon Lamers

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