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„Ist sonst noch ein Chor aus unserem Bistum?“ Katholisch in Weimar

Rückschau auf das Chorfest der pueri cantores am 5. Mai auf dem Erfurter Domberg, Teil 1/2

Ja, es fand wieder statt, ein Chorfest des Regionalverbandes Ost der pueri cantores Deutschland. Von dessen Gründung im Frühjahr 2016 und der zugehörigen Feier in St. Moritz Halle hat PuLa damals ja berichtet. Zum diesjährigen Treffen mußten wir sogar nur bis Erfurt fahren (offizieller Bericht hier).

Es strömt – im Bild hier die Rückkehr der Gruppen aus der Mittagspause (eigenes Bild)

Wir taten dies wie vor zwei Jahren mit dem Zug und wurden am Bahnsteig trotz unserer den Veranstaltern bekannten Ortskenntnis von einem freundlichen Herrn in Empfang genommen und den Tag über betreut. Wie nun schon gewohnt, teilte er uns diverse Erkennungszeichen und Souvenirs in Form beschrifteter Polyesterschals und Armbänder, vor allem aber unser Chorschild aus. Das Liederheft war der Pfarrei schon vor Wochen zugegangen.

Das diesjährige Chorheft der pueri cantores, Regionalverband Ost (eigenes Bild)

pueri cantores Chorfest 2018 – Einlaßarmband (eigenes Bild)

Hier unser Schild. Und ja: Cäcilini ist schon der Plural (eigenes Bild)

Und so sah es im Dominneren bald aus:

Ein Rummel wie zur RKW-Wallfahrt: der Erfurter Dom am 5. Mai 2018 voller Kinder- und Jugendchöre (eigene Bilder)

Nachdem uns – gewissermaßen als ‚Vorgruppe‘ – Domprobst, Weihbischof Dr. Hauke begrüßt und auf das Pontifikalamt am Nachmittag eingestimmt hatte, begann um Viertel nach zehn die erste Probenphase. Als hätte er nur eine Gruppe von 20 Kindern vor sich, achtete der Leipziger Propsteikantor Stephan Rommelspacher beim Leiten der Probe auf die korrekte sängerische Haltung: „Stitzen“ – also sitzen und stützen – kam mir dabei als Begriff erstmals unter (sieht man vom Namen des Stehsitzes „Stitz“ der Firma Wilkhahn einmal ab …). Halleluja und Kyrie wurden im Stehen geprobt – also, es ging fürs erste ausnehmend ordentlich zu. Manch größere Kantorei wie etwa der Jugendkathedralchor St. Hedwig Berlin, aber auch die Gastgeber aus dem Kinder- und Jugendchor am Erfurter Domberg, die vielstimmige Stücke absprachegemäß eigens geprobt hatten, um sie vorsingen zu können, zeichneten sich durch schöne Stimmen und eine wirklich saubere Höhe aus. (Vgl. etwa hier – bitte beachten Sie auch die wunderschönen liturgischen Gewänder der Jugendlichen, die zum Chorfest in Erfurt mit karminroten, am Rücken bedruckten Sweatshirts angereist waren).

Für Erheiterung Eingeweihter, die sich bekanntlich nicht nur in den Reihen der Weimarer, sondern auch der Jenaer Gruppe finden, sorgte die Begrüßung der Chorleiter. Sie haben oben auf unserem Schild bereits gesehen – in Weimar, einer großen Pfarrei ohne Kantor, dafür aber mit jeder Menge Intrigen, die bis in die Gegenwart fortwirken, ist in puncto Musik alles im Wortsinne nicht so einfach. Als Ansprechpartner, der getreulich sämtliche Mails immer weiterverteilt und für Anmeldung und Abrechnung gesorgt hatte, fungierte daher unser Pfarrsekretär und wurde folgerichtig von dem ahnungslosen Stephan Rommelspacher als Chorleiter begrüßt. Als wir uns am 8. Mai im Weimarer Pfarrbüro wieder begegneten, begrüßte mich Herr Grubert mit den Worten: „Ich kann nichts dafür!“ 🙂

Für die Mittagspause waren etliche Führungen und Aktivitäten geplant und verdoodelt worden – ein wirklich aufwendiges und tolles Programm! Wir Weimarer gingen, selbstverständlich nicht ohne die gewissenhafte Anleitung unseres Ehrenamtlers, in die Edith-Stein-Schule zur Tanzimprovisation – mit dem Erfolg, daß den jungen Damen die Aktion geschlossen zu peinlich war und wir zwei Erwachsenen mit zwei zehnjährigen Jungs das Freie Tanzen mitmachten. Dem Rest nahmen wir das Versprechen ab, sich nicht vom Schulhof zu entfernen. Hat auch geklappt. Unser Betreuer war ja auch noch da, und wer nicht will, der hat schon. Beim Hühnerfrikassee in den Klassenräumen trafen wir dann alle wieder.

Um 14.30 Uhr war ein offenes Singen auf den Domstufen angesetzt, zu dem Bischof Ulrich bereits anwesend sein sollte und auch war. Vom Rückweg zum Dom gibt es aber noch eine lustige Anekdote zu erzählen, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Wir nahmen den Weg durch die Schlösserstraße und wollten eben am Fischmarkt auf einige Schaufensterbummler warten, als ein Polizist auf das Mädchen zuschritt, das unser Chorschild trug. Die Polizeipräsenz war mir gar nicht aufgefallen, der Fischmarkt ist ja immer voll wegen der Straßenbahnhaltestellen und an diesem heißen Tag waren es auch noch alle Tische der dortigen Eiscafés. Wie sich bei näherem Hinsehen aber tatsächlich herausstellte, standen sich rechts und links der Bahngleise zwei kleine Gruppen offenbar demonstrierender Menschen gegenüber. Ich glaube, es ging um den Marbacher Moscheebau. Vielleicht zwei Dutzend Leute vor der Kunsthalle waren dagegen und die zwei Dutzend vor dem Rathaus waren dagegen, daß die vor der Kunsthalle dagegen waren. So ungefähr. Jedenfalls hielten beide Gruppen je eine Tafel in die Höhe und der Polizist glaubte nun, wir seien auch mit von der Partie. Wir konnten seine Bedenken rasch zerstreuen, luden alle auf die Domstufen ein und gingen durch die Rumpelgasse unseres Weges.

Und kamen wieder am Dom an. Von diesem Ereignis ist natürlich niemandem von uns (wir haben ja mitgesungen), sondern der bestellten Fotografin das beste Foto gelungen, und wenn ich die Hinweise richtig verstanden habe, dürfen wir es unter Angabe der Bildrechte publizieren. Hier ist es also. PuLa proudly presents:

Offenes Singen auf den Erfurter Domstufen zum Chrofest der pueri cantores Ost am 5. Mai 2018 (Foto: Maria Schmidt, ©Pueri Cantores)

Es geht los. Der Bischof spricht natürlich einige freundliche Worte zur Einstimmung, begrüßt die weit Angereisten und die Chöre seines Bistums. Zuerst die Gastgeber: den Kinder- und Jugendchor am Erfurter Domberg (die entsprechende Gruppe jubelt). Aber er hat auch eine Gruppe aus Nordhausen gesehen (jubeljubeljubel). Und eine aus Heiligenstadt (grööööööl). Und aus Jena (hääääääääääääääääiii!). Oh! Sagt der Bischof, ein großer Chor – naja, ist ja auch eine große Pfarrei.

(Das stimmt, lieber Herr Bischof, Jena ist eine große Pfarrei. Daher kommt aber nicht der große Chor. Weimar ist auch eine große Pfarrei. Sie wissen doch: Beinahe 6.000. Das können Sie nicht vergessen haben – das hat doch jemand benutzt, um seinen Rückzug ein wenig bunter zu gestalten. Mit der Größe der Pfarrei hat die Größe des Chors also nichts zu tun. Wohl aber mit der Personalpolitik des Bistums, die die Kantorenstellen nach Kriterien zuweist, deren Logik sich mir nach wie vor verschließt [den ersten diesbezüglichen Brief habe ich im Jahr 2010 an den Weihbischof verfaßt, wie alle weiteren leider ohne Erfolg]. Und mit der Existenz von Ehrenamtsbetreuung und Ehrenamtskoordination in der Pfarrei selber. Damit hat es auch zu tun. Wenn die nahe Null ist, sieht es eben schlecht aus. In Weimar scheint zudem ein ungeschriebenes Gesetz zu herrschen: Daß nämlich, wer denn schon unbedingt Kinderchorarbeit in der Gemeinde ermöglichen möchte, die Chormitglieder doch bitte schön auch selber zur Welt zu bringen habe. Die können ja dann noch ein paar Gleichaltrige anheuern. Werbung um Nachwuchs gibt’s nicht! Wir sind doch keine Musikschule! Bei solchen Voraussetzungen sind zweistellige Mitgliederzahlen ein echtes Kunststück, das mir nur für die eine oder andere Aufführung projektweise geglückt ist.)

Klammer zu.

Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja: beim großen Jenaer Chor (übrigens allesamt in einheitlich roten, gelbschriftbedruckten T-Shirts), der da gerade seine Chorhefte in der Luft schwenkt. Und aus Heyerode habe er eine Gruppe gesehen, fährt der Bischof fort (es jubelt aus der entsprechenden Ecke. Aus Heyerode waren auch wenige. Vermutlich war dem Bischof aber die pinkfarbene Chorkleidung der Musikwerkstatt ins Auge gefallen).

Tja – und jetzt? Jetzt fällt der für die gesamte Weimarer Pfarrei entscheidende Satz: „Ist sonst noch ein Chor aus unserem Bistum?“ ruft der Bischof ins Mikrofon. Wir grölen pflichtschuldigst los und fuchteln mit unseren Chorheften in der Luft herum. Der Bischof wirkt irritiert. Es will ihm nicht einfallen, wen er vergessen haben könnte. Dabei war er gedanklich gerade schon in Jena, jener großen Pfarrei im Dekanat? – eben: im Dekanat Weimar! Der Bischof neigt sich einem seiner Berater zu – und da wird er endlich erlöst: „Ach! Weimar!“

„Daß die Erfurter immer Weimar vergessen“, empört es sich neben mir. Tja: „O Weimar! dir fiel ein besonder Los …“ [vgl. auch hier] (Zu unserem Trost hat Goethe wenigstens für jede Gelegenheit den richtigen Kommentar formuliert.) Vielleicht hätte der Bischof ja doch 2016 zu unserem 125jährigen Kirchweihjubiläum kommen sollen, statt nur Pontifikalvespern zum Patronatsfest der Jenaer Studentengemeinde abzuhalten? Ob das seinen Blinden Fleck hätte verhindern oder zumindest vermindern können? Wer weiß?

Fortsetzung folgt morgen.

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

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