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Die Quatembertage, Sketchlet zum Advent No. 3

Die Quatembertage
Ein (leicht verspätetes) Sketchlet zur Dritten Adventswoche für einen Hirten, mehrere Personen, sechs Schafe, zwei Lämmchen und beliebig viele Schafstatisten

Wundersdorf, Oderbruch, die allseits bekannte Schafweide. Am Tag nach dem Fest der Heiligen Luzia. Nachdem die Lämmchen gemeinsam mit ihrer neuen Freundin Xenia die Idee mit dem Weihnachten-im-Schuhkarton-Paket gehabt hatten, ging die Planung los, wie man als Schaf am besten an die Informationen, die Waren und die Abgabestelle käme. Die Informationen waren mithilfe von Kohles Tablet rasch beschafft. Die Geschenke hatten Fixi, Huf und Xenia dann mit Edith und Hanna bei einem gemeinsamen Stadtbummel in Wundersdorf beschaffen können, und Hanna war es auch, die das fertige Paket von der Weide abgeholt und zur nächsten Abgabestelle gefahren hatte. Die Temperaturen ließen glücklicherweise eine kleine Radtour zu, so daß die Aktion bis dahin CO2-neutral über die Bühne gegangen war.

Nun sind Fixi und Huf wieder allein – beziehungsweise: zu zweit. Xenia hatte ihnen erklärt, daß in die Woche nach dem 3. Adventssonntag doch die Quatemberfasten fielen und sie in diesen Tagen auch von den Aktivitäten her ein wenig kürzer treten wolle. Also: Mittwoch, Freitag und Samstag keine Besuche auf der Weide. So ein frommes Lämmchen!

Quatemberfasten. Hm. Davon hatten Fixi und Huf noch nie etwas gehört. Aber das hält ja bei den beiden bekanntlich nicht lange an. Wir finden sie im Unterstand, Kohles Tablet vor den Schnauzen und einen Stapel Bücher und Notizen neben sich, die Edith ihnen aus der Bibliothek beschafft hat (wirklich Zeit für den neuen Pritschenwagen, der ja aber mittlerweile auch ganz fest versprochen ist).

Fixi (zitiert): „Nach Asche, Pfingsten, Kreuz, Luzei gedenke, daß Quatember sei.“ Guter Merkspruch.

Huf (vor dem Tablet): In der Woche nach dem ersten Fastensonntag …

Fixi: … also nach Aschermittwoch …

Huf: … genau! Dann in der Pfingstwoche, in der Woche nach Kreuzerhöhung und nach dem dritten Adventssonntag. (Er schaut Fixi an): Das ist jetzt: Luzei – also Luzia war gestern.

Fixi (hellhörig geworden): Aber … sag mal: Liegt denn der dritte Adventssonntag immer vor Luzia? Das kommt mir komisch vor … manchmal ist der erste Advent so spät …

Huf (grübelt): Laß mal überlegen … nächstes Jahr ist Luzia ein Mittwoch …

Fixi: Da könnte man nicht Mittwoch schon mit dem Fasten beginnen, das ist ja dann erst noch das Fest …

Huf: … von dem wir wissen, daß es bis zur Kalenderreform die Wintersonnenwende war …

Fixi: … und bis zu Luther das Pendant zu Nikolaus und das Geschenkfest für Mädchen …

Huf: … jedenfalls definitiv untauglich für einen Fasttag!

Fixi: Dann liegt aber zugleich Heiligabend auf einem Sonntag und ist also der 4. Advent!

Huf (triumphierend): Was bedeutet, daß der 3. Advent der 17. Dezember ist und die Quatemberfasten ganz richtig nach Luzia und zugleich nach dem 3. Adventssonntag abzuhalten sind.

Fixi: Sehr gut! (Sie steckt die Nase wieder ins Buch.)

Huf (nach einem kleinen Weilchen): Warte mal … und wenn es ein Sonntag ist? (Die Lämmchen grübeln. Dann ruft Huf im Netz ein paar Kalender auf. Endlich): Hier! Wenn Luzia auf einen Sonntag fällt, ist der 13. zugleich der 3. Advent und die Regel stimmt auch wieder!

Fixi (erwachsen): Also, ich fasse nochmal zusammen: Entweder Luzia liegt am Wochenanfang, dann liegt auch der 3. Adventssonntag auf oder vor diesem Fest und man beginnt am Mittwoch derselben Woche mit dem Fasten. Oder sie liegt auf Wochenmitte bis Wochenende, dann rückt es in die Woche drauf, auf jeden Fall aber nach dem dritten Adventssonntag.

Huf (befriedigt): Die waren schlau, damals.

Ein Schaf (steckt den Kopf zur Tür herein): Na, ihr zwei? Wieder fleißig am Studieren? Worum geht es denn diesmal?

Fixi und Huf: Quatemberfasten.

Das Schaf: Was für’n Ding?

Fixi: Besondere Fasttage zu Beginn der vier Jahreszeiten.

Huf: Der Name „Quatember“ kommt von ieiunia quattour temporum und bedeutet: „Die Fasten zu den vier Jahreszeiten.“

Das Schaf: Also davon hab ich noch nie was gehört. Kommt lieber mal mit raus, der Hirte ist mit ein paar Männern aus der Gemeinde gekommen und sie pflanzen einen Baum. (Es zieht den Kopf zurück und marschiert los.)

Fixi und Huf: Auf unserer Weide? (Die beiden legen die Bücher beiseite traben hinaus.)

Das Schaf (über die Schulter zurück): Natürlich auf unsrer Weide! Sonst hätten sie sich ja auf dem Pfarrhof getroffen!

In einiger Entfernung sieht man den Hirten in Begleitung von Kohle über die Weide stapfen. Am Zaun stehen Richard, Karl, Rudi und einige andere. Auf einem Anhänger liegt, winterlich kahl, ein vielleicht drei Meter hoher schlanker Baum.

Flocke (kommt auf die Lämmchen zu): Ja! Sie pflanzen einen Baum!

Wolle (ebenso): Mit solchen Aktionen ist unser neue Hirte ja wirklich gut!

Blütenweiß: Ja. Sowas kann er.

Grauchen (stromert ebenfalls in dieser Ecke der Weide herum): Ist das diese Initiative von der Universität?

Wolle: Gute Sache – so eine Universität in der Nähe.

Flocke: Gibt immer wieder Anregungen …

Ein plötzliches Rennen und Rufen unterbricht ihren Satz. Irgend etwas ist hinten bei Kohle und dem Hirten passiert. Die Schafe umringen ihn und auch die Männer, die bisher am Zaun gewartet haben, sind nun auf der Weide. Wolle, Flocke, Grauchen und Blütenweiß und die Lämmchen machen sich sofort auf den Weg um zu sehen, was vorgefallen ist. Da kommt Kohle ihnen entgegen.

Kohle: Ich wollte euch schon holen.

Grauchen: Was ist passiert?

Kohle: Der Hirte ist in den Graben gerutscht, es ist ihm aber nichts passiert.

Flocke (besorgt): Nichts gebrochen?

Kohle: Nein. Höchstens ein bißchen angeknackst.

Grauchen: Habt ihr ihn wieder da rausgeholt?

Kohle: Klar. Es sind sofort ein paar von uns hinterhergesprungen und haben eine Räuberleiter gebaut. Er ist dann auf unseren Rücken wieder raus.

Wolle: Tjaja. (Sie seufzt.) Er wollte es ja so haben!

Blütenweiß: Stimmt. Er wollte ausdrücklich, daß da Gras drüber wächst.

Flocke: Über den Graben, der durch unsere Weide geht.

Huf: Von den Rändern her ist ja auch Gras drüber gewachsen.

Flocke (nickt): Aber, Huf, Gras trägt eben nicht.

Fixi: Fast sicherer, wir würden es wieder abfressen. Dann wüßte man immer genau, wo man steht. Außerdem wachsen da leckere Gänseblümchen!

Wolle (schüttelt den Kopf): An das Thema muß er selber ran.

Blütenweiß: Genau schauen, was los ist und dann sauber ausbessern.

Kohle: Alles andere bringt auf Dauer nichts.

Wolle: Sonst gewöhnt man sich an den Graben, aber man überbrückt ihn nicht.

Grauchen (muntert die andern wieder auf): Kommt schon! Laßt uns nicht Trübsal blasen, sondern schauen, wo sie den Baum pflanzen.

Die Schafe traben eines nach dem andern hinter Grauchen her, zuletzt Kohle, der seinen Blick noch ein Weilchen sinnend über die Weide schweifen läßt.

ENDE

Cornelie Becker-Lamers

 

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