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Der Adventskalender mit dem Hl. Hilarius v. Poitiers, Tag 16

Die Überschrift des 50. Psalms aber ist, der Geschichte nach, später, als die Überschrift des 51. Psalms. Aber die Bedeutsamkeit und die Vollkommenheit der Zahl Fünfzig erforderte, und des Idumäers Doëg unversöhnlicher Haß gegen David erforderte [es ebenfalls], daß man den [historisch] früheren nachsetzte und den späteren voranstellte; damit die [Thematik der] Vergebung der Sünden in die Zahl ‘Fünfzig’ gesetzt würde, die [Thematik der] Strafe für den Unglauben [hingegen], welche über die Zahl der bestimmten Verzeihung hinausging, ohne Vergebung wäre, da sie sowohl die Zeit, als auch die Zahl der Reue verloren hatte.
Denn da in dem 50. Jahre, in welchem der Sabbat der Sabbate ist, nach dem Vorbild des Jubeljahres, die Verzeihung der Sünden bestimmt ist, so ist ganz füglich dieser Psalm, in dem nach vorhergegangener Buße um Verzeihung der Sünden gebeten wird, an die Stelle dieser Zahl gesetzt worden.

(Tractatus super psalmos, Vorrede 10)

Wie (gestern) gesagt: Für die Psalmenzählung und alles, was mit ihr zusammenhängt, habe ich eine ausgesprochene Schwäche… 🙂 Nun ist ja Zahlensymbolik, wie sie uns hier im Psalmenkommentar des Hl. Hilarius zum ersten Mal begegnet, ‚heutzutage‘ eher schlecht angeschrieben. Ich meine aber, man machte es sich zu einfach, wenn man das einfach bloß als „überholt“ abtäte, ohne einmal näher hinzuschauen.
Denn was macht der heilige Kommentator hier? Sein Ausgangspunkt ist erneut eine ganz nüchterne, ‚wissenschaftliche‘ Beobachtung, daß nämlich die Anordnung der Psalmen im Psalter nicht der historischen Abfolge der aufeinander bezogenen Geschehnisse aus dem Leben Davids entspricht. Ein Faktum, das man ja wohl füglich für erklärungsbedürftig halten darf, wenn man nicht, ja, wenn man nicht, wie schwer verständlicherweise die sog. „Gattungsforschung“ für Jahrzehnte die Möglichkeit der Beziehung von Einzelpsalmen untereinander schwer vernachlässigt und den Sinn einer Betrachtung aller Psalmen als ein Buch, als eine in sich sinnvolle Gesamt-Komposition explizit geleugnet hätte! Und auch die Verbindungslinien von den Geschichtsbüchern des AT zu den Pslamen, soweit sie Historisches berichten, wurde sträflich vernachlässigt, was sich erst in jüngster Zeit bessert.
Nimmt man dazu die „Urtextfixierung“, die im vorliegenden Fall verbreitet zum Wechsel zur abweichenden Zählung aus der hebräischen (ggf. der sehr viel späteren masoretischen) Tradition geführt hat, so hat man sich von jeder Betrachtung, die (auch) mit der symbolischen Bedeutung von Zahlen operiert, „abgeschnitten“ – und damit von einem Traditionsstrang, der ja außer dem Hl. Hilarius auch etliche andere Kirchenväter und viele andere ältere Exegeten umfaßte! Und der, wie gerade an diesem Abschnitt schön zu sehen ist, natürlich im Judentum  („Jubeljahr“!) weit verbreitet war.
Hören wir lieber bescheiden zu, ob uns dieses Herangehen nicht doch etwas zu sagen haben könnte und machen uns zugleich bewußt, daß wir uns so viel näher an den Fragestellungen wirklich avancierter Forschung befinden! (vgl. J. Schnocks, Psalmen, Paderborn 2014, S. 50 ff., 68f.)

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