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Der Adventskalender mit Briefen Ida Fr. Görres’, Tag 17

Denn wirklich: wir müssen der Kirche, unsrer Kirche, vieles echt und redlich verzeihen lernen, was sie uns in ihrer Zeitbedingtheit angetan hat. Wie man ja auch lernen muss, seinen Eltern zu verzeihen, indem man ihre Entwicklung, so gut es geht, nachtastend begreift. Vielleicht klingt das horrend eingebildet und überheblich, aber ich meine es nicht so. Ich finde ja, wie ich Ihnen am Samstag auch sagte, mit das Schlimmste unsrer gegenwärtigen Entwicklung ist die unendliche Erbitterung, mit der ganze Generationen heute der Kirche gegenüber stehen – mit dem Gefühl, betrogen, düpiert, an der Nase herumgeführt worden zu sein unter den höchsten und heiligsten Vorwänden – und sich nun fortwährend dafür rächen zu müssen.
Dem entgegen versuche ich, die Linie einer Entwicklung nachzutasten, die ich trotz aller Irrungen und Wirrungen als eine notwendige, in ihrem Grundzug unvermeidliche empfinde – die man innen und aussen überwinden muss, statt sie zu verachten und zu verspotten. Aber das geht doch nur OHNE Ressentiment*??

(14.3.1967)

*Offenbar hatte der mönchische Briefpartner einem unlängst übersandten Manuskript gegenüber den Vorwurf erhoben, es sei ‘ressentimentgeladen’, was I.F. Görres energisch und begründet bestreitet. Mich beschlich bei der (allerdings eben nur einseitigen) Lektüre der Briefe ohnehin immer mehr das Gefühl, P. Paulus Gordan könne die Görres nicht wirklich verstanden haben. Ihre offenbar erhebliche und andauernde Zuneigung ihm gegenüber erstaunt mich daher doch. 

Gereon Lamers 

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