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Ohne Aufschrei (1/2)

Die Wallfahrtsabsage und andere Maßnahmen

Am gestrigen 29. August fand um die Berliner Siegessäule herum eine große Demonstration statt. Trotz politischen Unwillens der Berliner Regierung sprachen die Verwaltungsgerichte in zwei Instanzen den Veranstaltern die Berechtigung zu ihrer Kundgebung zu.

Da die Polizei den Zug der rechtradikal durchmischten Demonstranten, die seit Freitag Abend am Brandenburger Tor ihre Zelte aufgeschlagen hatten und am Samstag um die Mittagszeit gegen Polizeikräfte und Reichstagsgebäude zu randalieren begannen, glücklicherweise aufgelöst hat, konnte die Kundgebung an der Siegessäule bis in die Dunkelheit friedlich und mit konstruktiver Kritik über die Bühne gehen. Luftaufnahmen aus dem Livestream zeigen, daß die „doppelten Abstandsregeln“, die Michael Köhler heute morgen im DLF noch einfordern zu müssen glaubte, den ganzen Tag über eingehalten wurden: Der physische Abstand zwischen den schütterer als gewöhnlich stehenden Teilnehmern wie der geistige Abstand zu politisch rechten Gruppierungen: Auf der Bühne an der Siegessäule agierte eine international durchmischte Gruppe (inklusive dem Überraschungsredner Robert Kennedy jr.) und die Veranstalter vermuteten oder wußten um eine ebensolche Teilnehmerschar: Die Abstandsregeln wurden in mindestens acht Sprachen durchgesagt und man begann mit der Kundgebung erst, als sich die Demonstrierenden in losen Gruppierungen von vermutlich gemeinsam Angereisten auf den riesigen Flächen von „Stern“ und angrenzenden Straßen verteilt hatten.

Das muß ich aufgrund der Medienberichterstattung leider so umfangreich vorausschicken, um den folgenden Text vor einem falschen Vorverständnis seitens der Leserschaft zu schützen. Ich schreibe vor dem Hintergrund der erwähnten Kundgebung und keiner anderen.

Also nochmal: Am gestrigen 29. August fand um die Berliner Siegessäule herum eine große Demonstration mit mehreren zigtausend Teilnehmenden statt. Quasi zeitgleich sagt unser Bischof die diesjährige Bistumswallfahrt am 20. September ab (vgl. TdH 35 vom 30.8.2020, S. 11). „Schweren Herzens“, wie er schreibt. Denn die „behördlichen Infektionsschutzmaßnahmen“, die „wir“ (wer auch immer das in diesem Falle ist – ich vermute einen pluralis majestatis) „unterstützen“, diese Infektionsschutzmaßnahmen hätten einen „kaum leistbaren Aufwand“ bedeutet: Einzäunung, Anmeldung und Anmeldebestätigung für die Besucher der Messe.

Das ist eigenartig. Zu der wie gesagt den ganzen Tag über friedlichen Kundgebung der politisch unabhängigen süddeutschen Gruppe „Querdenken“ am großen Stern auf der Straße des 17. Juni in Berlin mußte man sich schließlich auch nicht einzeln anmelden. Die Absperrungen hat – wie bei jeder Fronleichnamsprozession und jedem Martinsumzug auch – die Polizei besorgt. Es galt übrigens ausdrücklich keine Maskenpflicht, nur ein Abstandsgebot (vgl. hier ab Minute 24:02). Und letzterem hätte man, nach den Erfahrungen zur Besucherentwicklung der Bistumswallfahrten der letzten Jahre zu urteilen, auf unserem immerhin dreieinhalb Hektar großen Domplatz vermutlich vollständig entsprechen können.

Und das Format einer Kundgebung, fiel mir gestern beim Hineinschauen in den Livestream auf, kann man mühelos auf einen Gottesdienst übertragen: In Berlin begann die eigentliche Bühnenshow mit einer viertelstündigen Meditation. In der Zeit hat man das Kyrie und das Gloria einer Messe locker zelebriert. Man kann ja zur Not Taizé-Gesänge nehmen, die liegen stilistisch näher bei dem Gesang, in welchen die Musiker gestern alle Teilnehmenden der Kundgebung einzustimmen aufforderten.

Die Polizei schritt übrigens nicht ein, als Zigtausende zu singen begannen.

Es folgten verschiedene Redebeiträge – bei einer Wallfahrt wären das die beiden Lesungen, der Evangeliumstext und Predigt. Nach Art der Wechselrufe oder –gesänge, die ein Animateur in Berlin einstreute, kann man bei einer Wallfahrt das Agnus Dei und das Vater Unser beten. Und daß man sich bei einer Kundgebung auch auf offener Straße hinknien kann, haben die Black Lives Matter-Demos der letzten Wochen bewiesen.

Alles kein Problem.

Zu einem Anstieg der Infektionen ist es übrigens bei keiner der Großdemonstrationen der letzten Wochen gekommen – ob das Black Lives Matter in mehreren deutschen Großstädten war oder ob das die Demos der Querdenker waren (vgl. hier, bes. Minute 7:07-11:10). Dennoch mußte das Anwaltsteam, dessen Mitarbeit sich die Querdenkergruppe erfreut, sich argumentativ ins Zeug legen, um die Kundgebung am 29. August 2020 am Großen Stern zu ermöglichen. Der Innensenator hatte die Veranstaltung am Mittwoch untersagt. Ein Aufschrei ging durch die Community, die Querdenker haben geschuftet. Und sie haben ihre Veranstaltung realisiert. Sie wollen, so sagen sie, halt noch in den Spiegel schauen können.

Was tut die katholische Kirche in Deuschland? Hat man seit Mitte März einen einzigen Aufschrei gegen all die Zumutungen gehört? In Gestalt bspw. unseres Bischofs sagt sie noch jetzt, im September ihre jährliche Bistumswallfahrt „schweren Herzens“ von selber ab, noch bevor sie verboten werden könnte. ‚Helden wie wir‘.

Tatsächlich vermisse ich in der Kirche den Funken Einfallsreichtum, der mir den Glauben erleichtern würde, die Absagen aller Messen und Veranstaltungen sei in den letzten Monaten „schweren Herzens“ geschehen. Man läßt wohl auch „schweren Herzens“ die Weihwasserbecken leer, obwohl jedes Schulkind als Hausmittel gegen Atemwegserkrankungen das Gurgeln mit Salzwasser kennt? Salz können Viren nicht ausstehen. Cum grano salis ist Weihwasser in keiner viralen Infektionswelle ein Problem. 😉

Nun wird aber auch diese Wallfahrt vom Domplatz in den Innenraum verlegt, personenbegrenzt und in Internet und Rundfunk übertragen (u.a. domradio Köln am Sonntag, dem 20. September ab 10 Uhr.) Kein Ersatz für das Erleben im Raum, unter anderen Menschen, das hatten wir schon geschrieben.

Außerdem sollen wir, so sagt der Bischof, nicht aufhören zu beten, daß recht bald ein wirksamer Impfstoff gefunden werde gegen die Corona-Pandemie, die uns alle in Atem halte.

Nein, Herr Bischof. Nein. Ich werde nicht um den Impfstoff beten. Denn nicht ein viraler Infekt hält uns in Atem, sondern die unverhältnismäßigen Maßnahmen in einer – dafür sprechen wohl die Fakten – längst herdenimmunisierten Gesellschaft (an dieser Stelle seien die Videos des HNO-Arztes Dr. Bodo Schiffmann dringend empfohlen, z.B. hier, konkret Minute 19:00-25:00). Ich bete schon in diesem Zusammnahang. Aber ich bete darum, daß eine promovierte Naturwissenschaftlerin, die unsere Bundeskanzlerin ist, aufhört so zu tun, als ließe sie sich von vollständig dekontextualisierten Zahlen ins Boxhorn jagen. Ich bete, daß das RKI endlich seine eigenen Statistiken zu interpretieren beginnt. Denn das ist ja ganz wichtig zu erwähnen: Ärzte wie Dr. Schiffmann erfinden ja keine alternativen Zahlen, sondern sie präsentieren uns schlicht immer wieder die vom RKI und dem Statistischen Bundesamt publizierten Kurven. Das reicht, um uns alle Ängste zu nehmen. Ich bete also auch, daß die Medien endlich beginnen, terminologisch trennschärfer zu berichten. Daß die Journalisten endlich aufhören, „Infizierte“ zu sagen, wenn sie nur von positiven PCR-Tests sprechen können (vor deren Fehlerquote unser Gesundheitsminister Jens Spahn bereits öffentlich, aber leider erfolglos, gewarnt hat). Daß, wenn man von den möglicherweise Infizierten spricht, nicht „Kranke“ suggeriert, indem man bei den „inzwischen Genesenen“ stillschweigend auch jene mitzählt, die nie Symptome entwickelt haben. Daß nicht mit dramatischen Szenen das Schreckbild des „Beatmungspatienten“ aufgebaut wird, wenn man von möglicherweise Infizierten spricht – denn in den seltensten Fällen führte der Verlauf der Krankheit auf die Intensivstation. Und daß endlich nicht mehr eine einstellige Todeszahl „an oder im Zusammenhang mit Covid 19“ die Topnachricht im Deutschlandfunk darstellt.

„Seit Beginn der Coronakrise starben in unseren Pflegeheimen und Krankenhäusern etwa 200.000 Menschen“, leitet die Pfarrerin und ehemalige Ministerpräsidentin Lieberknecht ihre Kritik an der Rolle der Kirche ein, „daß die Mehrheit trotz allen kirchlichen Einsatzes vor Ort einsam aus dem Leben schied. Mußte das sein? Nein.“

 

Fortsetzung folgt morgen

 

Cornelie Becker-Lamers

 

Entweder oder – oder Sowohl als auch? Desinfektionsmittelspender und Weihwasserspender in Herz Jesu Selzthal (Steiermark) Anfang August 2020 (eigenes Bild)

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