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Wie gesagt: „Es ist entscheidend, was man singt“ …

Maßvoller Kommentar zu einem aktuellen Aufreger

Es ist entscheidend, was man singt. Bzw. was man Kindern zu singen gibt. Derdiedas „Oma-Gateum ein umgedichtetes -geschriebenes Kinderlied hat es vor Augen geführt und gefährdet die Chefposten höchstrangiger Medienvertreter. Für Tom Buhrow war, als der Videoclip erstmal im Netz stand, die Stellungnahme eine Wahl zwischen Pest und Cholera: Entschuldigt er sich – shitstorm von links und der jüngeren Generation. Verteidigt er das mißlungene Lied – shitstorm von rechts und der älteren Generation.

Dabei hätte alles so einfach sein können. Wenn noch irgend jemand hierzulande bei künstlerischen Hervorbringungen irgendwelche objektivierbaren Qualitätskriterien anlegen würde. Und wenn‘s nur der Intendant selber ist.

Im vorliegenden Falle hätte das einfachste Kriterium genügt: Die Klärung der Frage nämlich wie gut das Lied den formalen Maßstäben entspricht, die es selber vorgibt. Wie gut, heißt das, besteht es den Selbstreferenztest. Erstmal nur formal – gar nichts kompliziertes.

Das Lied möchte – wie das bei Kinderliedern sehr häufig der Fall ist – gereimt sein. Das erkennt man, wenn man sich den Text ansieht. Die Strophenenden sind fast gereimt. Die Betonung liegt auf fast. Da muß „Arzt vor“ auf „Rollator“, „Kotelett“ auf „kostet“ und „geläutert“ auf „Kreuzfahrt“ passen. Das haben wir schon mal besser gehört.

Wie sieht es rhythmisch aus? „Mich dünkt, sollt‘ passen Ton und Wort“, weist Hans Sachs den Beckmesser in den „Meistersingern“ zurecht. Zu Recht: Wer von einem so stimmigen Kinderlied ausgeht, wie es die originale Oma im Hühnerstall ist, darf bei einer eigenen Bearbeitung nicht hinter der Vorlage zurückbleiben. Auch die Übereinstimmung von Text und Melodie aber wird verfehlt: In zwei von fünf Strophen – nämlich der dritten und der fünften – paßt der neue Text nicht in den vorgegebenen Rhythmus.

Da ich selber seit Jahren sowohl Lieder als auch Satire produziere, weiß ich, wie beides entsteht – und zu welchem Zeitpunkt der Kollege hier die Arbeit für beendet hielt: Zu früh. Ich vermute, nach der ersten Skizze. Die uns vorgesetzten ersten Ideen hätten ganz offensichtlich formal noch deutlich überarbeitet sowie inhaltlich durchdacht und abgewogen werden müssen. Mit einem Text muß man schon so lange ringen, bis „Wort und Weise“ passen – bis der Text reimt und nicht mehr zu viele Silben hat. Das ist nicht immer einfach. Manchmal muß man ein Projekt sogar eine Weile liegen lassen.

Und das Satirische? Ist Strophe fünf eine weitere Ironie in der Parodie? Oder entspringt sie einer echten Unkenntnis des Autors in Sachen Umweltbelastung durch Kreuzfahrtschiffe? Kaum vorstellbar – aber die Frage ist keineswegs abwegig. Der Text ist hier nicht so eindeutig, wie manche Kommentare ihn paraphrasieren. Egal? Oder zu wenig für eine Satire? Ein Lied – eine Aussage. Warum überfährt Oma, deren Umweltverhalten kritisiert werden soll, auch noch zwei Altersgenossen?

Es ist alles unerfreulich! Aber jetzt kommen wir zum vielleicht schwerwiegendsten Punkt. Man ließ das Lied von Kindern singen. Ob sie dadurch instrumentalisiert wurden, wie Wolfgang Kubicki es den Machern vorwarf, oder nicht – man ließ es von Kindern singen, denen sich musikgebundene Sprache erfahrungsgemäß unauslöschlich ins Gedächtnis einschreibt. Wenn diese Kinder selber Großmütter sind, wird eine der letzten Dinge, die sie zuverlässig reproduzieren können, die Liedzeile sein: „Meine Oma ist ne alte …“

Gratuliere, Herr Kollege. Gute Arbeit!

Und jetzt kommen wir zu dem Punkt, der diesen Kommentar auf einem katholischen Blog rechtfertigt: Das Zitat unseres Bischofs: „Es ist entscheidend, was man singt“ und die Gedanken, die ich schon beim Bericht über das Treffen der pueri cantores in Erfurt im Frühsommer 2018 daran geknüpft habe: In jedem weltlichen Chor sind Kinder nicht gefeit vor solchen Zumutungen. Weil selbst Rundfunkchöre zwar für Intonation und Dynamik, Textverständnis und Absprache verläßliche Qualitätskriterien haben und anwenden. Aber ganz offensichtlich nicht unbedingt für den Inhalt der Lieder. Im Juni 2018 schrieb ich auf PuLa (Satzanschlüsse angepaßt):

Daher sollten alle Priester in ihren Gemeinden unbedingt für Kinderchöre sorgen. Nicht obwohl, sondern weil sie keine Musikschule sind und es in kirchlichen Kantoreien um so unendlich viel mehr geht als um die Ausbildung der Stimme. Nur in den Chören ihrer Pfarrei haben die Priester Einfluß auf die geistlichen Inhalte der Lieder und das Erscheinungsbild der Kinder. Und gerade Priester, die einen emotionalen Zugang zum Glauben vermitteln möchten, sollten, da die Musik Emotionen weckt, die Musik in ihrer Pfarrei mit allen Mitteln fördern. 

Ach ja – ganz ohne Weimar läßt sich natürlich auch diese Geschichte nicht erzählen: Raten Sie, an welcher Musikhochschule Zeljo Davutovic, Leiter der Chorakademie Dortmund und verantwortlicher Dirigent in diesem Video, studiert hat … 😉

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

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