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Der römische Brunnen

Ein Sonntagmorgen voller guter Laune

Sie kennen das Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer, Der römische Brunnen. Ja … ja klar, im Prinzip ja … Moment … Wie ging das nochmal? Lieber doch nochmal hinschreiben? Bitteschön! Das Gedicht geht so:

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Fontana dei Cavalli Marini in der Villa Borghese (Bild: Wikimedia Commons, User ‘Denisbelli’)

Ok – das Gedicht hat jetzt nicht direkt was mit der 10.00 Uhr-Messe am vorvorletzten Sonntag (Himmel – so lange ist das schon wieder her – damals habe ich diesen Text hier konzipiert) zu tun. Aber indirekt gleich in mehrerlei Hinsicht: Erstens waren die Weimarer Ministrantinnen und Ministranten – naja, also ein paar jedenfalls, darunter eins unserer Kinder – mitsamt Pfarrer am Vorabend zur Romwallfahrt

Rom 2018

aufgebrochen und wir wußten sie im gut gekühlten Reisebus mit zwei (wie unsere Tochter inzwischen berichtete) total netten Busfahrern noch immer auf dem Weg. Zweitens drängte sich im Verlauf der Homilie die Assoziation zu diesem Gedicht unweigerlich auf.

Aber der Reihe nach.

Es geht um das Hochamt am 29. Juli 2018. Pfarrvikar Riethmüller war der Zelebrant und durfte den Chor der Schloßkirche Blieskastel (sprich: Blieskáschdl 😉 ) unter der Leitung von Sebastian Brand und den zugehörigen Organisten im Einsatz für unsere Gemeinde begrüßen.

Die Leseordnung springt an jenem Sonntag aus dem Lesejahr B (Markusevangelium) für ein knappes Halbdutzend Sonntage ins Johannesevangelium und wir hörten die Geschichte von der Speisung der 5000. Ein kleiner Junge hat fünf Brote und zwei Fische, bringt sie Jesus und der spricht ein Dankgebet und gibt die Körbe in die Runde. Als alle satt sind, sendet Jesus die Jünger aus, die Reste einzusammeln und es bleiben zwölf Körbe voll Brot übrig. „Und von dem Brot essen wir heute noch“, sagte Pfarrer Riethmüller. Das fand ich unglaublich schön. So einen Bogen zu schlagen. Dann kam die Predigt auf den kleinen Jungen, der die Ausgangsbrote gespendet hatte – und damit auf das Geben. Gemeinde würde vom Geben leben und davon, daß jeder gibt, was er hat. Gut – das hatten wir ja gerade auf PuLa in etwas anderem Zusammenhang. Aber diesmal fiel mir eben der „Römische Brunnen“ ein. Denn genauso wichtig wie das Geben ist – das sehen wir in unserer Gemeinde – das Annehmen dessen, was angeboten wird. „Geben ist seliger denn nehmen“ ist ja ein schöner Spruch, der es da mal wieder aus der Bibel (Apg 20,35) in den Fundus der allgemeinen Redensarten geschafft hat. Stimmt natürlich auch. Man kann aber halt nur geben, wenn auch genommen wird. Man kann nur dann jemandem etwas anreichen, wenn der andere auch irgendwann zugreift. Sonst fällt die Gabe irgendwann an die Erde. Für einen Brunnen hieße das, das Wasser versickert unmittelbar.

Das Annehmen-Können ganz unterschiedlicher Angebote betrifft dabei zum einen die Verantwortlichen. Unsere Gemeinde trägt noch schwer an der Hypothek, die höchstoffiziell niedergeschriebene Sätze wie „nicht immer ist das Angebotene auch das Erwünschte“ ihr aufgebürdet haben und mit denen die Ausgrenzung so vieler tüchtiger Gemeindemitglieder gerechtfertigt werden sollte. (Zuletzt, im Sommer 2015, waren für meine Begriffe mehr Leute ausgegrenzt als noch ehrenamtlich tätig … es sei denn im ‚Untergrund‘ wie die Cäcilini oder PuLa. Und nur wenige davon sind schon wieder zurück.) Die Mahnung aus dem Römerbrief 12,4ff, daß jedes Glied am Leib Christi andere Gaben und damit auch andere Aufgaben hat, die aber alle gleich wichtig sind, ist nach wie vor noch nicht wieder ganz durchgesickert und kann in Herz Jesu Weimar bis heute nicht oft genug betont werden. Ja – 1 Korinther 12 sollte im Grunde zu Beginn jeder Messe vorgelesen werden, bis sich die Menschen wieder an den Gedanken gewöhnt haben, daß „das Auge nicht zu Hand sagen kann: Ich brauche dich nicht! Ebensowenig der Kopf zu den Füßen: Ich brauche euch nicht“. Zurück zur gegenseitigen Abhängigkeit von Geben und Nehmen: Eine Hand kann sich so lange und so weit ausstrecken, wie sie will – wenn der Fuß sich querstellt, geht es trotzdem keinen Schritt weiter.

Und da fiel mir eben der „Römische Brunnen“ ein. Denn zum andern betrifft das Annehmen auch alle Gemeindemitglieder. Wenn niemand mitmacht, nützt das schönste Angebot nichts. Und indem man annimmt – also zum Beispiel zum Chor hinzukommt, alle unsere Chöre brauchen weitere Mitglieder! –, gibt man natürlich zugleich. (Schließlich ist Singen, wie unser Chorleiter immer sagt, Hochleistungssport 🙂 ). Und man gibt eben genau wie in einem Römischen Brunnen: Indem man nimmt und in dem Maße, in dem man nimmt.

Es wäre eigentlich wirklich gar keine so schlechte Idee, die ich da vor ziemlich genau zwei Jahren hatte, als der August-Frölich-Platz vor unserer Kirche für Autos gesperrt wurde: daß da jetzt eigentlich ein Römischer Brunnen hin müßte. Ja. Das würde gut zu Weimar passen und man hätte das Bild allezeit vor Augen.
[Anmerkung der Redaktion: Guter Plan! Aber natürlich mit einer Marienstatue obendrauf! #Frauendreißiger 🙂 ]

Einen für mich wichtigen Hinweis gab es in der Predigt am 29. Juli weiterhin: Daß das Selber-Einlegen der Hostien vor Beginn der Messe genau dieses Geben jedes Einzelnen symbolisiert und daß man also nicht „zwei oder drei Hostien – für die Kinder mit“ einlegen soll. Das war mir so nicht bewußt. Ich fand das Einlegen immer merkwürdig – jetzt nicht mehr.

Nun kommen wir aber noch einmal auf den Chor der Schloßkirche Blieskastel zurück, dessen Organist uns sehr sachkundig begleitet hat und der – regelmäßig mit Orgelbegleitung – bereits das Kyrie und einen afrikanischen Gesang (so klang es jedenfalls) zum Antwortpsalm vorgetragen hatte. Zum Dank sang die Gruppe dann das „Anima Christi sanctifica me“ in der Vertonung von Marco Frisina (nie gehört? Aber „Jesus Christ, you are my life“ kennen Sie – das ist von ihm).

[Anmerkung der Redaktion: So klingt’s auch, meiner bescheidenen Meinung nach; aber was weiß ich denn schon… 😉 ]

Den Orchesterpart übernahm wiederum der Organist und ich erfreute mich an dem Text (auf deutsch in GL 6,4), den die Cäcilini in eigener Vertonung auch schon gesungen haben. Hier kommt jetzt aber eine Version des Liedes von Marco Frisina.

Enjoy! 🙂

Nachtrag:

Übrigens kam in den Erzählungen der Kinder wie auch im öffentlichen Bericht des Pfarrers über die Ministrantenwallfahrt zum Ausdruck, daß der Höhepunkt der Reise ein Abendgebet in kleiner Runde in einem Park, die Füße im kühlenden Wasser eines Brunnens in Rom – gewissermaßen eines römischen Brunnens – gewesen sein muß. (Wie gut, daß sein Wasser aufgefangen worden und nicht versickert war). Womit wir bei der dritten Assoziation zu diesem Gedicht wären. Aller guten Dinge sind eben drei. 🙂 Und „Die Füße im Wasser“ führt auch gleich wieder zur nächsten sehr weisen Ballade von Conrad Ferdinand Meyer. Aber das ist eine andere Geschichte.

Cornelie Becker-Lamers

PS: Übrigens habe ich mir klarzumachen versucht, was diese 200 Denare bedeuten, von denen Philippus vor der Speisung der 5000 in Vers 7 spricht. Ich bin aber nicht weit gekommen. Vielleicht habe ich es falsch angepackt? Wenn man jedenfalls die Angaben aus dem Anhang meiner Bibelausgabe zu Rate zieht, ergeben sich folgende Werte: Ein Denar ist ein Viertelsilberschekel, wobei ein Schekel 11,5 gr wiegt. Ein Gramm Silber kostet derzeit 43 Cent (Der Preis aktualisiert sich ständig. Aber so etwa.)

200 Denare wären dann also 11,5 dividiert durch 4 mal 0,43 mal 200 bzw. „#rechnegeschickt“ 😉 11,5 mal 0,43 mal 50, macht 247,50 Euro. Das wäre jetzt aber der Silberpreis, der mit dem Münzwert ja nicht notwendigerweise übereinstimmt. Außerdem eben der heutige Silberpreis. Wenn man aber dem Gedankengang folgt, den Joachim Jeremias in seinem Buch „Jerusalem zur Zeit Jesu“ (1923/ 1958) in seiner Münzwerttabelle zugrunde legt, so ergibt sich ein völlig anderes Bild. Ein Denar ist dann, abgeleitet aus der Geschichte der Arbeiter im Weinberg (Mt 20,1-16), der Lohn eines Tagelöhners und die Summe, von der eine Familie einen Tag lang leben kann (weshalb auch jene einen Denar erhalten, die nicht früh um sechs, sondern erst in der elften Stunde – um 17 Uhr – begonnen haben zu arbeiten). Bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro und nicht zwölf, sondern nur acht Stunden Arbeit kommt man pro Tag auf eine Summe von rund 70 Euro, die einem Denar entsprächen.

200 Denare wären dann 14.000 Euro.

Hm.

Also ich denke mal, wenn Philippus wirklich so viel Bargeld bei sich hatte, hätte man von Brot für 14.000 Euro schon einige Stullen geschmiert bekommen. Das Problem wäre dann wohl eher gewesen, am See Genezareth eine Bäckerei zu finden, die abends noch für eine solche Summe Brot liefern kann.

Deshalb habe ich das Thema in meinem Beitrag nicht weiterverfolgt.

[Anmerkung der Redaktion: Kaufkraftvergleiche fallen in den Bereich der Historischen Hilfswissenschaften; davon verstehe ich, anders als von Musik, vgl. oben 😉 immerhin soviel, um sagen zu können: Das sind alles andere als banale Fragestellungen, zumal, wenn es sich um die Antike handelt. Die Idee, anhand des Lohnniveaus vorzugehen, stellt einen “klassischen” Zugang dar und könnte der Sache nahekommen. Und: Auf J. Jeremias kommen wir vielleicht nochmal zurück!]

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