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Sketch des Monats August: Der Grabenbau

Der Grabenbau oder: Ein „Sonntagmorgen“ voller Anspielungen

 Ein Sketch für sechs Schafe, zwei Lämmchen, einen Fotografen und
beliebig viele Schafstatisten

 (Wundersdorf, Schafweide. Eines schönen Sonntagmorgens im August. Tatze, der Hütehund der Herde, ist gerade von dem uns bekannten Pritschenwagen zu seinem Dienst als Blindenhund in der Kirche der katholischen Diasporagemeinde Maria Hilf! Wundersdorf abgeholt worden, als einige Schäfchen unter Anleitung von Krutzi vom Kanal an der Tränke aus beginnen, einen Graben über die Weide zu ziehen.
Ein Fotograf läuft durch die Szene und hält immer wieder ausgesuchte Perspektiven im Bild fest. Es dauert eine Weile, bis Kohle, Flocke und Wolle bemerken, was sich da anbahnt.)

Kohle (trottet zu Krutzi, irritiert): He, Krutzi, was soll das? Warum grabt ihr einen Wassergraben um unsere Weide?

Krutzi (großspurig): Niemand hat die Absicht, einen Graben zu ziehen. (Sie wendet sich wieder den Arbeiterschäfchen zu und treibt sie zur Eile an.)

Kohle (ärgerlich): Krutzi! Ich bin nicht blind! Ihr kreist hier die halbe Weide ein.

Krutzi (leichthin): Das hat der Herdenvorstand so beschlossen, ich kann nichts dafür.

Kohle (trottet zu Grauchen, die etwas entfernt auch gerade mit dem Grasen aufgehört hat und die Szene beobachtet): Grauchen, was muß ich hören: Der Herdenvorstand hat einen Wassergraben quer durch unsere Weide beschlossen?

Grauchen (völlig verdattert): Das ist das erste was ich höre, kein Wort davon ist wahr!

Wolle (wütend): Typisch! Der Herdenvorstand wird wieder vors Loch geschoben, wenn Krutzi einen ihrer Alleingänge bemänteln will!

Flocke (im Diskussionston): Wo hat Krutzi überhaupt die Schaufeln her?

Blütenweiß (grübelnd): Ich wette, Corinna steckt dahinter …

Flocke: Aber was kann das für einen Sinn haben?

Grauchen: Jetzt dämmert’s mir langsam: Neulich waren Corinna und Hirte Kneif im Herdenvorstand und es ging um eine Aktion, mit der hier auf der Weide ein Exempel statuiert werden sollte. Wir alle hatten keine Ahnung, um was es sich handelt – aber ihr wißt ja, wie es ist, wenn man im Herdenvorstand eine Frage stellt – man wird sofort niedergebrüllt und dumm gemacht. Also haben alle geschwiegen und genickt …

Kohle (nickt verständnisvoll): Hm! Kenn’ ich. Aber Exempel wofür – hast du eine Idee?

Grauchen: Also, wenn ich das jetzt hier so sehe … Corinna und Kneif würden am liebsten die Gemeinde einmauern, das steht fest. Sie nehmen zwar immer den Mund tüchtig voll von wegen: Wer wegbleibt, dem weinen wir keine Träne nach – aber Fakt ist, daß sie den einen oder anderen Lektoren und Organisten eben doch noch brauchen. Sie sind inzwischen schon bei den 15jährigen und den ganz alten Herrschaften angelangt …

Wolle (halb belustigt, halb entsetzt): … das erinnert ja schon beinahe an den „Volkssturm“ …

Grauchen: Irgendwie schon.

Wolle: Unfaßbar!

Flocke: Wundersdorfer Filz!

Blütenweiß: Völlig eingesponnen, die beiden …

Wolle (bedächtig): … „curvatus in se“

Flocke: Hm?

Wolle: „der auf sich selbst gekrümmte Mensch“ – Augustinus. Spielt später in der Auffassung von Sünde eine Rolle.

Flocke: Aha! Ja. Gutes Sprachbild!

(Die Schaufelschafe haben mittlerweile einen erheblichen Teil ihrer Arbeit getan, als Fixi und Huf, die beiden Lämmchen, herbeigestürmt kommen. In ihren Vorderläufen tragen sie Schilder mit der Aufschrift: Wir sind die Herde bzw. Herrschaft kippen ohne Schippen. Sie stürmen auf die Gruppe um Kohle und Grauchen zu.)

Fixi (schreit): Ihr steht hier und quatscht!

(Der Fotograf ist auf die beiden Lämmchen aufmerksam geworden und fotografiert nun auch die Gruppe der diskutierenden Schafe.)

Huf: Los! Wir müssen etwas tun, sonst ist die Herde bald geteilt! Seht doch: Schon jetzt können manche aus dem Herdenrat auf die andern nicht mehr zugehen! (Er deutet auf einige Schafe, die jenseits des Grabens achselzuckend an der Böschung stehen und sich rasch wieder abwenden.)

Fixi: Ich finde, das erinnert verdammt an was, was wir neulich in Geschichte hatten!

Kohle: Und – was schlagt ihr vor?

Huf: Wir müssen die Bauschafe überreden, die Schaufeln niederzulegen. Wir sind eine Herde! (Die beiden Lämmchen stürmen los. Schon als sie mit ihren Schildern kommen, läßt ein Schaf die Schaufel fallen und springt todesmutig über den noch nicht mit Wasser gefüllten Graben – ein Bild, dazu angetan, um die Welt zu gehen! Andere Schafe beginnen, mit der ausgehobenen Erde, die ja komplett auf der Seite von Krutzi und den Schaufelnden liegt, den Graben mit den bloßen Hufen wieder zuzubuddeln. Während Grauchen, Blütenweiß, Wolle, Flocke und die andern zum Graben stürmen, um die Bauschafe darüber aufzuklären, wozu sie hier mißbraucht werden, wendet Kohle sich dem Fotografen zu.)

Kohle: Guten Morgen, ich bin Kohle.

Der Fotograf: Guten Morgen! Ich bin der Fotograf.

Kohle: Sagen Sie bitte, wenn Sie hier so viel fotografiert haben – könnten Sie uns wohl das eine oder andere Bild überlassen? Wir publizieren immer mal Informationen über die Situation auf unserer Weide.

Der Fotograf: Das ist ja interessant! Darüber möchte ich auch mehr erfahren. Ja, klar! Bilder sind überhaupt kein Problem. Ich mach dir ein paar fertig für den Druck. (Er läßt eine Flasche „Christinen Brunnen“ in den Papierkorb am Wiesenrain plumpsen und tritt dagegen.)

Kohle (grinst): Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

 

ENDE

 

Cornelie Becker-Lamers, Weimar

Ja, so geht’s zu, auf der Wundersdorfer Weide! Bloß gut, daß irgenwann das Ende jedes ungerechten Regimes kommt…

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