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Conversi ad Dominum – oder: Wie ich lernte, die Pfarrkirche zu lieben.

[conversi ad dominum, lat.: „dem Herren gemeinsam zugewandt“]

Manchmal bedrückt es mich fast ein wenig, wenn ich feststelle, wie wenige Menschen das Glück zu schätzen wissen, das es bedeuten kann, von Kindesbeinen an, sozusagen „schon immer“, in der gleichen Umgebung zu leben. Wie vielleicht auch schon die Eltern und Großeltern vor ihnen.

Heutzutage wird das ja gerne runtergemacht und von interessierter (meist ökonomischer) Seite singt man das Hohe Lied der Mobilität und wie man sich doch überhaupt nur in der Ferne selber finden oder lieber gleich „verwirklichen“ könne und man kann es gar nicht oft genug sagen, was das in der üblichen Einseitigkeit für ein Blödsinn ist!

Ein besonders eindringliches Beispiel dafür ist natürlich das Kirchengebäude, das man von klein auf kennenlernt, mit dem man Erinnerungen an scheinbar unzählige Weihnachten verbindet, in dem man zum ersten Mal den Geruch von Weihrauch kennenlernt, in dem man zu ersten Hl. Kommunion geht und Meßdiener wird, wenn es gut läuft. Welches Kind käme auf die Idee, den Kirchenraum ästhetisch zu bewerten? Und wenn es der Jugendliche schließlich tut, dann löscht das die Bindungen an das Wichtige, was dort geschah und erlebt wurde nicht aus!

Wie anders, wenn man als Erwachsener umzugsbedingt gezwungen ist, sich mit einem unvertrauten Kirchenraum in ein Verhältnis zu setzen! Und so muß ich zugeben: Als wir Ende 2004 nach Weimar kamen, hatte ich mit der „Pfarrkirche Herz-Jesu“ so meine Schwierigkeiten!

Denn, seien wir doch mal ehrlich, das Gebäude ist ein Kind seiner Zeit: Es huldigt, obrigkeitlich verordnet, dem architektonischen Eklektizismus seiner Zeit, es ist „innen kleiner als außen“, soll heißen, Repräsentationselemente und „Nutz“-fläche stehen in keinem guten Verhältnis, kurz, es stammt eben aus Weimars „silbernem Zeitalter“ und das hatte immer einen Hauch von “ Mehr Schein als Sein“ (was übrigens meiner unmaßgeblichem Meinung nach auch für etliche Kompositionen des Förderers Franz Liszt gelten könnte, aber das nur am Rande).

Und in den „wunderbaren“ 60er Jahren, wohl 1964, wurde die steinerne Hülle zu allem Überfluß auch noch ihres bildnerischen Schmucks bis auf wenige Reste beraubt (übrigens: Wo sind die Sachen eigentlich geblieben??)

Viel wichtiger aber als all das: Die Kirche steht falsch herum! Der Chor mit dem Altar schaut nicht in Richtung Osten, sie ist, wie man sagt, nicht „geostet“, sondern schaut ziemlich genau nach Westen. Auch das ist natürlich ein Resultat der Tatsache, daß der katholische Kultus in Weimar Jahrhunderte lang verboten wurde (und nicht etwa, wie man unlängst lesen durfte, „zum Erliegen kam“…) und als er „gnädigerweise“ wieder zugelassen wurde, da wurden wir im Wortsinne an den (Stadt-)Rand gedrängt und mußten bauen, wie es eben ging.

Und die Frage der Gebetsrichtung ist eben auch im Christentum nicht gleichgültig, wenn auch natürlich nicht von der Bedeutung wie in anderen Religionen. So wurden christliche Gebetsräume ab den frühesten Zeiten geostet und damit verdeutlicht, daß das liturgische Geschehen und besonders sein Höhepunkt in der Eucharistie eine schlechthin kosmische Dimension hat. Wir wenden uns der aufgehenden Sonne zu als Symbol für den auferstandenen Christus, dessen Wiederkunft wir erwarten und werden durch dieses Zeichen zugleich an das konkrete Sich-Zeigen Gottes in der Welt erinnert.

Sagt uns das nicht auch schon die eigene praktische Erfahrung? Wenn in St. Bonifatius, in „unserem“ Karmel, während der Messe die Sonne aufgeht, bedarf es da noch besonderer Erläuterungen? Oder spürt man nicht einfach, diese Richtung stimmt und der (frühe) Morgen ist die richtige Zeit für die Messe? (Weshalb übrigens die Abschaffung der 8.30 Uhr Messe dort ein dauerhafter Verlust bleibt) Und was man von dem gelegentlich zu hörenden Spruch zu halten hat, der Herr habe ja eigentlich ein Abend-mahl gespendet und keine Frühmesse, das spürt man hoffentlich gleich mit…

Ja, und dann brach bei uns die furchtbare Zeit der „Altarinsel“ in der Pfarrkirche an, als die Drohung im Raum stand, es könne dauerhaft so kommen und manche ja auch fast alles dafür taten, wie z.B. in Erfurt wahrheitswidrig zu behaupten, es seien ja eigentlich alle dafür. Ganz egal, daß die Praktiker sagten, nun funktioniere der Raum von den Abläufen her überhaupt nicht mehr, egal, daß ganze Teile des Kirchenraums quasi dysfunktionalisiert wurden (was sollte denn der Chorbereich nun noch sein außer Weihnachtsbaumaufstellplatz?), egal scheinbar, daß über Wochen unser kleines Ständerkreuz jeden Sonntag woanders stand! Egal vor allem scheinbar auch, daß sich das ganze Geschehen wegbewegte vom großen Kruzifix, das im Altarraum verloren hängen geblieben war. Die Assoziation „Weg vom Kreuz“ war überhaupt nicht zu vermeiden und sie war in höchstem Maße schmerzhaft!

Und warum das alles? Wegen einer theologischen Mode aus den, ahnen Sie es schon? Genau: Aus den 60er Jahren! Denn damals kam das tendenziell nichts weniger als häretische Mißverständnis in Umlauf, das die Eucharistie auf das „Mahl-Geschehen“ verkürzen wollte. Nein, der HERR hat uns/der Kirche nicht aufgetragen ein (Abend-) Mahl zu seinem Gedächtnis zu feiern, er hat die Eucharistie gestiftet mit dem Opfer seiner selbst und damit etwas völlig Neues in die Welt gebracht und dieses Neue will auch „neu“ gefeiert werden. Wenn also in der berüchtigten Gemeindeversammlung zu diesem Thema am 14. März 2009 ein Bild von (irgend-) einer Mahlgesellschaft zur Begründung hochgehalten wurde, man müsse sich zum Gedächtnis jetzt rund um einen „Tisch“ (den Altar) versammeln so war das schon im Ansatz verfehlt. Hinzu kommt, daß neuere Forschungen längst ergeben hatten: In einem Kreis fanden antike Gastmähler gar nicht statt! Vielmehr war hier der Gastgeber bzw. Vorsitzende des Essens mit den Gästen an einer Seite des Tisches versammelt, schauten also grundsätzlich in die gleiche Richtung! Unsere Veralberung damals war also eine doppelte, theologisch und historisch.

So legt also das Wesen dessen, was wir Sonntag für Sonntag feiern dürfen wie das, was wir über das Geschehen im Abendmahlssaal ahnen können, nahe, genau das zu tun, was die Kirche durch Jahrhunderte getan hat: Uns gemeinsam, Priester und Volk, dem Herren zuzuwenden! Die Erhabenheit dessen, was da geschieht übersteigt („transzendiert“) ohnehin alles denkbare menschliche Handeln und Interagieren, weshalb der Priester in diesem Moment ja auch „in persona Christi“ handelt. Ob man ihm dabei ins Gesicht sehen kann ist bestenfalls nebensächlich, schlimmstenfalls störend. Und deshalb ist die immer noch anzutreffende Polemik gegen das „altmodische“ „Zelebrieren mit dem Rücken zum Volk“ ja auch ein so ein schwer nachvollziehbares Mißverständnis, erklärbar leider nur mit dem Verlust des Empfindens dafür, worum es eigentlich geht: Um den HERREN selbst. Seine sakramentale Anwesenheit ist alles, was in diesen Augenblicken zählt, nichts sonst und alles, was davon ablenken könnte ist folglich zu vermeiden.

Aber auch wer dem Gedankengang so weit gefolgt ist könnte jetzt einwenden: Wenn wir uns dem Herren gemeinsam zuwenden sollen, und die korrekte Richtung dafür ist nach Osten, sollen wir dann in „Herz-Jesu“ künftig während der Wandlung alle mit dem Gesicht zur Orgel stehen? Oder alles nochmal ganz anders einräumen? Haben wir nicht gerade gelesen wie schrecklich es sein kann, in der Kirche zuviel umzuräumen?

Keine Sorge! Es gibt eine Lösung für Kirchengebäude, die nun einmal nicht geostet sind und niemand geringerer als Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. hat sie aufgezeigt in seinem Buch: Der Geist der Liturgie, Freiburg, 2. Aufl. 2006, hier bes. S. 64 – 72, auf dem im übrigen alle theologischen Einlassungen dieses Eintrags beruhen, und das ich nur wärmstens, allerwärmstens!, zur Lektüre empfehlen kann (KÖB!).

Wir haben es gerade während seines Besuchs selber in jeder Messe sehen können; die Lösung ist: Ein Kreuz auf dem Altar! Hören wir ihn in seinen eigenen Worten:

„Die Richtung nach Osten wurde […] mit dem »Zeichen des Menschensohns« in Verbindung gebracht, mit dem Kreuz, das die Wiederkunft des Herrn ankündigt. So wurde der Osten sehr früh mit dem Kreuzeszeichen verbunden. Wo die direkte gemeinsame Zuwendung zum Osten nicht möglich ist, kann das Kreuz als der innere Osten des Glaubens dienen. Es sollte in der Mitte des Altares stehen und der gemeinsame Blickpunkt für den Priester und für die betende Gemeinde sein. So folgen wir dem alten Gebetsruf, der an der Schwelle der Eucharistie stand: »Conversi ad Dominum« – Wendet euch zum Herrn hin.“ (Hervorhebung von mir)

Und? Rechne ich damit, daß wir in Weimar dem Beispiel des Hl. Vaters folgend bald ein solches Kreuz auf dem Altar sehen werden? Leider nein, obwohl die Fernsehbilder der Papstmessen ja unzweifelhaft deutlich werden ließen, daß trotzdem die „Akteure vor der Kamera“ (vgl. Vermeldungen vom 19. Sonntag im Jahreskreis, S. 2, interessantes Selbstbild, das da zum Vorschein kommt, oder?) in den ach so wichtigen ZDF-Gottesdiensten noch zu sehen sein würden (auch wenn das während der Eucharistie i.e.S. eben völlig unerheblich ist!).

Nein, jetzt komme ich mit dem zweiten Teil der Überschrift dieses Eintrags zur Pointe dieser skizzenhaften Einlassungen.

Es ist schon soweit! Seit der Altar wieder da steht, wo er hingehört, hängt das Kreuz ja  genau in der Mitte darüber!

Wir haben es also schon, das objektive liturgisch-architektonische Element ratzingerscher Prägung, den gemeinsamen Blickpunkt, unseren Weimarer „inneren Osten“.

Und alle, die es sehen wollen, dürfen sich jetzt im Hochgebet, genauer bei den Intercessiones, die ja aussprechen, daß die Eucharistie in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche begangen wird, noch intensiver mit genau diesem Hl. Vater verbunden fühlen. Den Kopf um ein weniges heben genügt.

Tja, so kam es, daß ich „lernte die Pfarrkirche zu lieben“ und mittlerweile kann ich es sogar genießen, wenn in einer Abendmesse die Sonne durch die Fenster scheint… 😉

 

Ein Kommentar

  1. Cornelie schrieb:

    Tja – und die Leerrohre für eine künftige Altarinsel („für spätere Generationen“), mit deren Verlegung sich die Akteure am Beamer als Zeichen ihrer Weitsichtigkeit beim Ehrenamtstreffen im Januar 2010 brüsteten und deren Verwendung Herr Raab eilfertig für das Jahr 2015 prophezeite, bleiben hoffentlich das, was sie sind: sinnlose Geldverschwendung, und ziehen nicht Schlimmeres nach sich.

    Samstag, 15. Oktober 2011 um 13:45 | Permalink

10 Trackbacks/Pingbacks

  1. Pulchra ut Luna › Taubenschlag? on Donnerstag, 3. November 2011 um 17:30

    […] ja, und das Kolumbarium ist übrigens sogar geostet… Geschrieben von Gereon-Gunter Lamers. Veröffentlicht am Donnerstag, 3. November 2011 um […]

  2. […] we kneel down and pray the Confiteor/ Now he’s facing the right way, towards the Lord/ Ad Deum quit laetificat juvemtutem meum/ He turns around and the people say give us some […]

  3. Pulchra ut Luna › Was vom Jahre fehlte… on Freitag, 13. Januar 2012 um 08:36

    […] Wortschöpfungen aus dem Jahr 2011 wieder vor: „Die Akteure vor der Kamera“! PuLa kann sich nur wiederholen: Interessantes Selbstbild, das da zum Vorschein […]

  4. Pulchra ut Luna › Vorurteile (…und „Kämpfe“?) on Dienstag, 17. Januar 2012 um 17:31

    […] Und so freue ich mich darüber, heute einmal positiv über einen Gottesdienst zu schreiben, in dem nicht „alles vorkam“! Es handelte sich um die Messe zur Einholung der Sternsinger am vergangenen Sonntag um 10.30 Uhr und die fand ich schön! Dabei fehlte z.B. die zweite Lesung, die (das kann man ja in manchen Kreisen gar nicht oft genug sagen) gerade das Zweite Vatikanum so energisch gefordert hat. Das hielt ich hier für ausnahmsweise gerechtfertigt, weil es ja z.B. Zeit brauchte für den so herrlich wuseligen Einzug der Sternsinger. Sogar über die sozusagen „innerkirchliche“ (auf das Gebäude bezogen) Aussendung der Kinder zum Friedensgruß will ich in so einem besonderen Fall mit mir reden lassen, auch wenn es natürlich dabei bleibt: Der „Friedensgruß“ vor dem Agnus Dei ist und bleibt ein Problem der Störung der Konzentration auf das Wesentliche. […]

  5. Pulchra ut Luna › Kranemann, geh Du voran? on Donnerstag, 1. März 2012 um 22:43

    […] aus Erfurt zur Unterstützung anstehender Entscheidungen? Ja, genau! Von der berüchtigten Gemeindeversammlung am 14. März 2009 her, als ein überaus sympathischer älterer Herr uns die Sache mit dem „Mahl-Geschehen“ […]

  6. Pulchra ut Luna › Nicht wiederzuerkennen? on Donnerstag, 5. Juni 2014 um 18:28

    […] sowieso) sind gemeinsam ausgerichtet auf den hin, auf den es ankommt – gemeinsam zum HErrn hin, ad orientem! (Was in Sonneberg auch mehr oder weniger „stimmt“, die Ostung ist nur etwas nach Süden […]

  7. […] Der heutige Abschnitt aus dem Vortrag von Hw. Dr. Kreier, mit dem wir unser ‚Sommerkino‘ fortsetzen, beginnt mit den Äußerungen von R. Meßner zu der mittlerweile ja schon nachgerade „klassischen“ Frage in jeder Debatte um Liturgie, der nach der Ausrichtung des Priesters, vor allem während des Eucharistischen Hochgebets. Pfr.  Dr. Kreier tut hier das, was PuLa seinerseits mit ihm tut: Er ruft Meßner zum ‚unverdächtigen Zeugen‘ auf, weil eben Meßner (wir erinnern uns an das erste Video) als universitärer Liturgiewissenschaftler, der schon „Einlassungen der Glaubenskongregation“ erhalten hat (die er allerdings, wenn ich das richtig verstanden habe, dann eben auch akzeptiert hat!) nicht in dem Verdacht eines „liturgischen Reaktionärs“ stehen kann! Weil er sozusagen dennoch zu dem Ergebnis gekommen ist, diese „unbedacht vorgenommene Wendung“ habe das Problem der „Publikumssituation“ stark verschärft und damit einem falschen Verständnis des Gottesdienstes Vorschub geleistet (vgl. auf PuLa schon 2011 hier). […]

  8. Pulchra ut Luna › Wall of Shame Special: Dumm gelaufen… on Freitag, 14. November 2014 um 17:41

    […] Golden schien die Novembersonne am vergangenen Sonntag auf die Pfarrkirche und golden leuchteten die Blätter der Gingko-Bäume auf der anderen Seite des Platzes (der besser „Kirchplatz“ oder noch besser „Carl-Lampert-Platz“ o.ä. hieße, als so, wie er heute heißt, aber das ist eine andre Geschichte…). Ein sehr weimarisches Bild also, der ikonische Goethe-Baum und die leicht eklektizistische Kirche aus Weimars Silbernem Zeitalter (vgl. hier). […]

  9. […] ich schon im Oktober 2011 geschrieben, in einem Beitrag, in dem es um unsere leider nicht geostete Pfarrkirche ging (und der damals sehr übelgenommen […]

  10. Pulchra ut Luna › Keine Sorge! on Sonntag, 24. Dezember 2017 um 13:08

    […] o pia!) auf ihren angestammten, wenn auch derzeit noch etwas luftigen Platz im linken (bei uns: südlichen) Seitenschiff zurückgekehrt ist, ist von dort wieder […]

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