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Der Adventskalender von Konversionen, Tag 24, Anna Diouf

Anna Bineta Diouf, geboren am 28. April 19(Sängerin), in die Kirche aufgenommen am 8. April 2012

Für unsere besonders liebe Freundin Anna Diouf hat sich in diesem Jahr ein Kreis geschlossen (vorläufig, zumindest), denn sie ist im Zuge ihrer beruflichen Umorientierung in ihre Geburtsstadt Köln gezogen.
Aufgewachsen ist sie aber in Düsseldorf und dort wird auch die Geschichte spielen, die sie uns für diesen Adventskalender aufgeschrieben hat. Ich habe Ihnen am 30. November eine wahrhaftige Weihnachtsgeschichte versprochen – und das ist sie auch! 

Anna Diouf (Bild: © Thomas Esser)

Von Düsseldorf aus führte Annas Weg sie zum höchst erfolgreichen Gesangsstudium (Mezzosopran war ihr Fach) nach Hannover und dann sehr früh schon in erste Engagements. Zuletzt war sie Ensemblemitglied am Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg. Dort wurde sie zum Fan des Erzgebirges und wir haben von dort mit ihr zusammen spannende ‚Katholische Exkursionen‘ gestartet

Parallel dazu verstärkte sich jedoch das publizistische Engagement aus ihrem Glauben heraus immer mehr. Wir haben auch Anna ursprünglich über Twitter kennengelernt und wer dort ist, sollte unbedingt @Anne_de_Cologne folgen!
Schon seit 2018 Gastautorin der Tagespost wechselte sie schließlich in diesem Jahr von der Bühne ins Studio und in die Schreibstube, als Redakteurin und Moderatorin beim katholischen Fernsehsender EWTN. (Freilich, wer Sängerinnen kennt, als Konzertsängerin und Gesangspädagogin ist sie auch weiterhin tätig!). 

Aber jetzt genießen sie den:

Konversionsbericht Anna Diouf

Es war Weihnachten, und wie jedes Jahr ein Drahtseilakt. Eine Familie, die Kirche haßt, und eine Tochter, die Kirche liebt, das läßt sich nicht leicht unter einen Hut bringen. Das Fest der Geburt des Herrn und das Tannenbaum-und-bitte-bloß-nicht- streiten-Fest, sie fanden nur zufällig am gleichen Datum statt, ansonsten hatten sie nichts miteinander zu tun. 

Dieses Jahr aber hatte ich es dicht getaktet: 16.00 Uhr Christvesper in der evangelischen Hauptkirche. Danach Abendessen mit der Familie. Und dann die Christnacht in meiner katholischen Lieblingskirche. Alle sollten zufrieden sein, an diesem Heiligabend: Meine Familie, mein Herz und meine Seele. Warum eigentlich eine katholische Christnacht? Ich war doch als Jugendliche stramm evangelisch! Keine Gelegenheit hatte ich ausgelassen, meine Herablassung und Überlegenheit gegenüber Katholiken und ihrem papistischen Aberglauben zum Ausdruck zu bringen. Dass Katholiken einem atavistischen, dümmlichen, unbiblischen Glauben anhingen, war glasklar. 

Doch langsam bröckelte die Selbstsicherheit: Zuerst über „hochkirchliche“ Bestrebungen, die verloren gegangene Liturgie wiederzubeleben: In evangelischen Gruppen hatte ich gelernt, das Stundengebet zu singen, in deutscher Gregorianik, versteht sich. Ich hatte Weihrauch und Alben schätzen gelernt. Mein tiefes Verständnis für Form, die den Inhalt sichtbar macht und für die Legitimität und Schönheit des Rituals hatte ich weitgehend mit meinem evangelischen Bekenntnis in Einklang gebracht: Den Fehler hatten doch die Calvinisten gemacht, die Unierten, die Pietisten! Sie hatten die Katholizität des Glaubens aufgegeben. Das war niemals Luthers Plan gewesen. Die Sehnsucht nach Ganzheitlichkeit, die mich womöglich schnell und schmerzlos in die Arme der katholischen Kirche getrieben hätte, war zumindest vorerst gestillt: Ich hatte Weihrauch, ich hatte Gewänder, Gesänge, Kreuzzeichen und Bilder. Was will man mehr! Ein geschickter Schachzug des Unterteufels, der dazu beauftragt war, meine Seele einzufangen. Von der Kirche ferngehalten mit den Mitteln der Kirche! Was für ein Coup!

In meiner Seele nagte irgendwo die Gewissheit, daß das nicht alles sein konnte. Zu viel Show. Zu viel Beliebigkeit. Man konnte sich mit „Liturgiebausteinen“ eine wunderschöne „lutherische Messe“ bauen, aber es blieben eben „Bausteine“, die wir nach unserem Gusto zusammenfügen konnten. Das war keine Liturgie, sondern ein menschliches Puzzlespiel. Das war es, was mich in die katholische Messe zog: Die Liturgie war zwingend! Sie war nicht zusammengebaut, sondern gewoben. Man konnte nicht ein Teilchen durch ein anderes ersetzen. Man mußte der Liturgie gehorchen, nicht andersherum. 

Und da war noch etwas. Die Hütte Gottes unter den Menschen: Der Tabernakel. Ja, wir echten Lutheraner, wir waren von der Realpräsenz überzeugt. Luther hatte den Begriff der Transsubstantiation abgelehnt, weil er die Hybris des Menschen ablehnte, dieses Mysterium begreifen zu können – so oder so ähnlich hatte ich es gelernt und verinnerlicht. Aber ich dachte auch: Wenn er lediglich die Unsicherheit der menschlichen Erkenntnis hatte festhalten wollen, war es dann nicht hochgefährlich, was ein Küster tat, den ich einmal im Vorbeigehen dabei beobachtete, wie er potentielles Blut Christi im Ausguß wegspülte, um den Kelch zu reinigen? Für Katholiken undenkbar. Der Leib Christi wohnte unter ihnen, und in seiner Präsenz musste ich Menschwerdung dieses Leibes feiern. 

Dabei mochte ich die barocke Form der Kirche, die ich ausgewählt hatte, überhaupt nicht. Ich mochte nicht die schwarz-weißen Schachbrettkacheln auf dem Boden, und ganz sicher war das allerhäßlichste Gnadenbild der Welt (eine anämische Jungfrau Maria mit latent habsburgischen Gesichtszügen und einer aufsehenerregenden Schleife auf dem Kleid) nicht nach meinem Geschmack. Aber ich fühlte mich eben wohl hier! 

Um 16.03 Uhr kam ich atemlos in der evangelischen Kirche an. Eine große Kirche, die mangels Gläubiger zur Hälfte in ein Café umgebaut worden war. Große Glastüren trennten den Gottesdienstraum davon ab. Mit mir standen noch einige Leute vor diesen Glastüren, auch ein paar Familien mit Kindern. Der Küster verwehrte uns den Eintritt: Die Kirche sei voll, Brandschutz. Ein Blick hinein zeigte, dass lediglich alle Sitzplätze besetzt waren. Es war noch massig Platz für Menschen, die gewillt waren, zu stehen. Als sich der Küster kurz abwandte, ging eine hagere, resolute Frau einfach hinein. Er hastete hinterher, packte sie am Arm und führte sie heraus. Wutschnaubend verließ sie die Kirche. Auf meine Bitte, uns hineinzulassen, sagte er mit Hinweis auf die zwei weiteren Christvespern an diesem Abend: „Sie können doch später wiederkommen“. Nein, dachte ich, plötzlich wütend. Das kann ich eben nicht. Ich muss meiner Familie gerecht werden, ich habe mühsam austariert, wie ich ihre, meine und Gottes Bedürfnisse in Einklang bringen kann. Ich kann nicht frei über meine Zeit verfügen, und ich kann nicht in einer oder zwei Stunden wiederkommen! Durch die Glastüren hörten wir gedämpft die erste Kantate des Weihnachtsoratoriums. Die Türen aufmachen, und dadurch das Kirchencafé für Gottesdienst zurückgewinnen? Undenkbar! Enttäuscht ging ich hinaus. An der Ecke stand eine rauchende Frau. Es war dieselbe, die aus dem Kirchenraum hinausgeworfen worden war. Sie erkannte mich und begann zu fluchen. Pfarrerswitwe sei sie. Ihr Mann habe so-und-so lang für diese Kirche gearbeitet, und nun das. Sie warf den Glimmstengel auf den Boden und zündete sich den nächsten an. Ich murmelte einige verständnisvolle Worte und ging meines Weges. 

In der Nacht ging ich in die katholische Kirche. Sie war nicht nur voll, sie war überfüllt. Ich fand kaum ein paar Zentimeter Platz zum Stehen. Die Gesangbücher waren schon lang verteilt, ein Mann neben mir hatte eins ergattert, und mit einer weiteren Frau schauten wir also nun zu dritt in ein Buch. Der Pater stellte sich vor die Krippe. Die Predigt war eine Ansprache, direkt an das Jesuskind gerichtet. Er hieß ihn willkommen, in der Welt, und in unseren Herzen. Die Kirche war erleuchtet von Kerzenlicht und vom Licht Christi, erwärmt nicht von der Masse der Menschen, sondern von Seiner Liebe. Trotz der Geschäftigkeit und des Geräuschpegels herrschte eine tiefe, friedvolle Andacht. Nichts von der professionellen Sterilität des verbürgerlichten „Gottesdienstes“ am Nachmittag. Heilige Nacht! 

Nach der Messe ging ich hinaus und machte mich auf den Heimweg. Plötzlich blieb ich stehen, mit voller Wucht von einem Gedanken getroffen. „Unsere Türen stehen allen offen“, hatte die evangelische Kirche in meiner Wahrnehmung immer von sich gesagt. „Zu uns kann jeder kommen.“. Solange Sitzplätze da sind. Dann werden die Glastüren zugemacht, und die Witwen und Waisen müssen draußen bleiben.
„Mir reicht’s jetzt“, sagte ich laut. „Ich werde katholisch.“ Nach Genehmigung von oben heischend, blickte ich auf – und stand vor der Mariensäule.  

Mariensäule zu Düsseldorf, Maxplatz (Bild: Wikicommons, Ies )

PuLa wünscht allen seinen Leserinnen und Lesern ein gnadenreiches und fröhliches Weihnachtsfest!

Gereon Lamers 

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